Das Mädchen mit der Nadel (2024)

DAS KINDLEIN WOHL IM ARM

7/10


© 2024 MUBI


LAND / JAHR: DÄNEMARK, POLEN, SCHWEDEN 2024

REGIE: MAGNUS VON HORN

DREHBUCH: LINE LANGEBEK KNUDSEN, MAGNUS VON HORN

CAST: VIC CARMEN SONNE, TRINE DYRHOLM, BESIR ZECIRI, TESSA HODER, AVA KNOX MARTIN, JOACHIM FJELSTRUP, ARI ALEXANDER U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Es ist die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Europa liegt in einem schwer traumatisierten Dämmerzustand, Millionen junger Männer sind aus ihren Leben gerissen worden. Frauen und Kinder stehen vater- und partnerlos vor dem Nichts, unklar, ob mit einer Heimkehr vom Schlachtfeld noch gerechnet werden kann. In diesem existenzialistischen, kränkelnden Dunst des Notleidens quält sich Karoline, deren Mann wie Schrödingers Katze sowohl als tot wie auch als lebendig gilt, tagtäglich in die Kleidermanufaktur des reichen Unternehmers Jørgen, in dessen Gunst sie steht und der ihr eindeutige Avancen macht. Nicht nur das: Bald schon trägt Karoline sein Kind aus, doch Jørgens herzlose alte Mutter will von dieser Liaison nichts wissen. Die junge Frau wird entlassen, wohin nun mit dem Fötus, der in ihrem Körper heranwächst? Karoline will den quälenden Umstand selbst aus dem Weg räumen, im Zuge dessen kommt die im Titel erwähnte Nadel ins Spiel, doch eine mütterliche Trine Dyrholm als Dagmar, die personifizierte Lösung für alles, bewahrt das verzweifelte Mädchen vor Schlimmerem. Sie weiß, wohin mit dem Kind, wenn es denn einmal da ist, schließlich gäbe es genug wohlhabende Leute, die als Zieheltern ihr großes Los ziehen würden. Was Karoline nicht weiß: Dagmar ist ein Monster.

Diese Figur einer kindsmordenden Psychopathin hat keinen fiktiven Ursprung – eine wie Dagmar Overby gab es wirklich. Magnus van Horn bedient sich dabei einiger biografischer Elemente und erweckt einen nach außen hin sozial integren, dahinter aber erbärmlich kranken Geist zum Leben, der genug heile Welt verspricht, um Karoline an sich zu binden. Ähnlich wie in Patty Jenkins Kriminaldrama Monster, in welchem Christina Ricci nicht von der männermordenden Charlize Theron lassen kann und beide eine Einheit bilden, so sucht die von Vic Carmen Sonne (u. a. Azrael) mit der notwendigen Zerbrechlichkeit, mit Opportunismus und Wut verkörperte Karoline mütterlichen Halt bei einer wie Dagmar, die Böses im Schilde führt. Komplexer wird Magnus van Horns Film durch das Auftauchen des vom Krieg gezeichneten Ehemannes Peter (Besir Zeciri), der, mit entstelltem Gesicht und Maske eine von der Gesellschaft geächtete Rolle einnehmen muss, die maximal für Freakshows reicht. Womit der Film eine gewisse Brücke zu David Lynchs Elefantenmensch schlägt, um Würde, Humanismus und Hoffnung auf soziale Integrität zu erörtern. Dabei wählt Das Mädchen mit der Nadel eine fulminante expressionistische Bildsprache, die ebenfalls an Lynchs frühe Werke erinnert und auf albtraumhafte Kontraste setzt, in düstere Räume dringt und phantasmagorische Collagen aus bodenlosem Abgrund hervorholt. Mit solchen Bildern fängt von Horn seine Schauergeschichte auch an – bizarrer Symbolismus wechselt mit akkurater, klarer Ausstattung. Soziale Härte trifft auf Macht und Abhängigkeit – Michael Hanekes Klassiker Das weiße Band ist da nicht weit entfernt.

Heuer für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert, mag sich van Horns bildgewaltiges Psychodrama genretechnisch gar nicht so gerne festlegen. Es entzieht und windet sich aus der Gunst des Publikums heraus und will kein Mitleid. Auf den ersten Blick wirkt Das Mädchen mit der Nadel daher spröde und viel zu abgründig, um sich in diesem entbehrungsreichen Kosmos gescheiterter Existenzen vorallem emotional zurechtzufinden. Magnus van Horn gelingen aber zwischen diesen real gewordenen bizarren Wachträumen, die mit dem Suspense-Kino ebenso herumexperimentieren, Szenen von Wärme, Liebe und voll von Sehnsucht nach Geborgenheit, dabei strahlt die Figur des Kriegsheimkehrers Peter trotz all seiner ihm widerfahrenen Entmenschlichung das größte Potenzial zwischenmenschlicher Verbundenheit und Nähe aus, und zwar so sehr, dass es einem hierbei fast das Herz bricht.

Das Mädchen mit der Nadel (2024)

Juror #2 (2024)

DIE SKRUPEL DER GESCHWORENEN

5,5/10


© 2024 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: CLINT EASTWOOD

DREHBUCH: JONATHAN ABRAMS

CAST: NICHOLAS HOULT, TONI COLLETTE, ZOEY DEUTCH, KIEFER SUTHERLAND, CHRIS MESSINA, J. K. SIMMONS, GABRIEL BASSO, LESLIE BIBB, AMY AQUINO, ADRIENNE C. MOORE, FRANCESCA EASTWOOD U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Mit dem 2021 erschienen Cry Macho wollte Clint Eastwood nochmal beweisen, dass er mit stolzen 91 Jahren nicht nur noch hinter, sondern auch vor der Kamera stehen kann. Das Ergebnis war von schaumgebremster Zähigkeit, irgendwie wollte der Film nicht in die Gänge kommen, vielleicht lag das auch an der deutlichen Sichtbarkeit des hohen Alters und den damit einhergehenden motorischen Defiziten. Für seinen kolportierten letzten Film, bevor er nun endgültig in den wohlverdienten Ruhestand gehen wird, hat es sich Clint Eastwood wohlweislich verkniffen, nochmal selbst als einer von zwölf Geschworenen über Schuld und Unschuld wild gestikulierend zu verhandeln. Eastwoods Arbeit ist in Juror #2 gänzlich hinter der Kamera passiert, stattdessen erfüllt J. K. Simmons den Part des pensionierten Polizisten, der auf eigen Faust versucht, dem Mordfall, um den es hier geht, mehr Transparenz und Plausibilität zu verleihen, um eben nicht aus lauter Bequemlichkeit jemanden schuldig sprechen zu müssen, der im Grunde nichts dafür kann. Schließlich geht die Schuldfrage in Juror#2 mit der Erkenntnis einher, dass es fast unmöglich scheint, aufgrund eines gesunden, redlichen Gewissens eine eigene begangene Straftat zu vertuschen.

Der mittlerweile recht omnipräsente Nicholas Hoult, gerad mit Nosferatu – Der Untote im Kino und heuer als Lex Luthor im neuen Superman durchstartend, hat gegenwärtig einen sagenhaft guten Karrierelauf. Auch Clint Eastwood wollte ihn für die Rolle des von Skrupeln übermannten Geschworenen, der die Nummer Zwei trägt und welchen während der Verhandlungen zu einem Mordfall, der bereits ein Jahr zurückliegt, langsam aber doch und siedend heiß die Ahnung überfällt, er selbst könnte daran beteiligt gewesen sein. Schließlich war Justin genau an jenem verregneten Abend ebenfalls unterwegs, und bislang schien es noch, er hätte ein Rotwild gerammt. Wahrscheinlich aber ist: Auch Justin könnte das ganze Desaster verursacht haben. Was also tun? Das eigene Familienglück opfern und sich stellen? So tun als wäre nichts? Oder zumindest alles daransetzen, den Angeklagten nicht schuldig zu sprechen? Dafür braucht es aber die Überredungskunst für fast den ganzen Rest des Dutzends Geschworener, die überzeugt davon sind, der Rowdy mit den Tattoos hat die Tat vorsätzlich begangen.

Eastwood muss wohl Zeit seines Lebens Fan von Reginald Roses Fernsehspiel Die 12 Geschworenen gewesen sein, der von Sidney Lumet mit Henry Fonda in der Hauptrolle verfilmt wurde. Juror #2 fühlt sich ganz ähnlich an, nur ergänzt der Film das saubere Gerichtsdrama um die sozialphilosophische Ebene des schlechten Gewissens und dem Willen, gerecht zu handeln. Dieser Humanismus beschert dem Drama zwar keine Alleinstellungsmerkmale, macht den Plot aber insofern interessanter, da man neugierig genug bleibt, um dem Lösen des moralischen Knotens unbedingt beizuwohnen. Hoult macht seine Sache gut, man sieht ihm an, wie sehr er damit ringt, das Geheimnis für sich zu behalten oder sich selbst von dieser möglichen Schuld zu befreien. Doch auch er stößt an die Grenzen eines behäbigen Drehbuchs, das keine Eile dabei hat, und auch nicht die Ambition, aus dem Gerichtssaaldrama einen hakenschlagenden Thriller zu kreieren. Juror #2 bleibt ein solide abgefilmtes Drama voller klassischer Figurenstereotype – Toni Colette zum Beispiel oder J. K. Simmons bleiben undankbar schablonenhaft. Auch lässt sich nicht erklären, wie die mangelnde Beweislast den Angeklagten so sehr in die Bredouille bringt, ist doch alles nur ein Indizienprozess. Eastwood und Drehbuchautor Jonathan Abrams kümmern sich kaum um die Details dieses Falls, auch fragt man sich während des Lokalaugenscheins am Tatort, wie sich statt eines vorsätzlichen Mordes ein Autounfall vereinbaren lassen könnte. Man tut sich schwer, den Tathergang vor Augen zu führen. Die wahre Auflösung der Szene lässt man außen vor, viel wichtiger ist die Möglichkeit einer Schuld, der psychologische Aspekt, der dann aber doch in diesem Film zu kurz kommt.

Von atemberaubender Gerichtssaalspannung, wie es das Genre in den 80ern und Neunzigern immer wieder mal zusammenbrachte, kann in Juror#2 kaum die Rede sein, dennoch verliert man nicht das Interesse. Das Warten auf den Twist wird allerdings nicht belohnt – Eastwood lässt sein Dilemma ins Leere laufen.

Juror #2 (2024)

The Shrouds (2024)

ÜBER LEICHEN GEHEN

5,5/10


theshrouds© 2024 Viennale

LAND / JAHR: KANADA, FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: DAVID CRONENBERG

CAST: VINCENT CASSEL, DIANE KRUGER, GUY PEARCE, SANDRINE HOLT, ELIZABETH SAUNDERS, JENNIFER DALE, ERIC WEINTHAL, JEFF YUNG U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Sind die Horror-Eskapaden auf Leinwand und Bildschirm nach den Halloween-Feierlichkeiten längst Geschichte, rücken Filme in den Fokus, die zur wohltuend vernebelten, melancholisch verstimmten Zeit des Novembers passen. Bevor uns das Genre des Weihnachtsfilms alle Jahre wieder die Zuckerstange um die Ohren haut, haben die Friedhofsfeiertage noch einiges an Content in petto, der noch aufgearbeitet werden will, denn schließlich sollte man auch nicht von einem Tag auf den anderen all die lieben Verstorbenen keines Gedankens mehr würdigen. Die Endlichkeit ins Bewusstsein zu rufen ist auch angesichts funkelnder Straßenbeleuchtung kein Fehler. Das lässt sich mit Werken wie Almodóvars The Room Next Door zelebrieren, oder eben, falls man die Gelegenheit am Schopf gepackt hat, zu den Filmfestspielen der Viennale den neuen Cronenberg auf die Liste zu setzen, mit The Shrouds.

Im Business-Englisch taucht diese Vokabel wohl eher selten auf, es sei denn, man mischt im internationalen Bestattungs-Business mit. Shroud heisst übersetzt so viel wie Leichentuch, und natürlich kommt mir jenes mysteriöse Artefakt in den Sinn, das eine Zeit lang im Dom vor Turin Gläubige in seinen Bann gezogen hat: Das Leinen mit dem Antlitz Jesu Christi. Doch um dieses mittlerweile als Fälschung enttarnte Webstück geht es hier nicht, obwohl es zumindest einmal erwähnt wird. David Cronenberg inszeniert sich in diesem merkwürdigen Mysterydrama mehr oder weniger selbst, dafür castet er den unverwechselbaren Vincent Cassel mit weißem Bürstenhaarschnitt, der um seine verstorbene bessere Hälfte trauert. Diese wiederum darf als Diane Kruger unter der Erde vor sich hin verwesen, während – und jetzt haltet euch fest – andere dabei zusehen können. Schließlich ist der Zerfall eines leblosen menschlichen Körpers nichts, was man nicht auch noch mit der lieben Familie teilen könnte. Als eher unästhetischer, aber der Natur unterworfener Prozess ist Verwesung laut Cronenberg fast schon so etwas wie eine nicht festgeschriebene, stets neu improvisierte, visuelle Symphonie. Für all jene, die es gerne morbid mögen.

Cronenberg tut das. Er mag auch Narben, Nähte und Amputationen. In seinem vorletzten, nicht minder mysteriösen Crimes of the Future sind Operationen und Transplantationen aller Art der letzte Schrei – im wahrsten Sinne des Wortes. In The Shrouds schreit niemand mehr, da schreit nicht mal das Publikum, denn Zombies, die keine sind, sondern brav unter der Erde liegen, wie es sich gehört, lassen niemanden hinter dem Grabstein hervorkommen. Dieser ist schließlich ebenfalls State of the Art in einer nicht näher definierten Zukunft, ist die Steinmetzarbeit doch ausgestattet mit allerhand High-Tech, über die man den lieben Verstorbenen noch ein letztes Mal in die Augenhöhlen blicken kann. Diesen elitären Garten der Toten verwaltet Cronenberg oder eben Vincent Cassel als Unternehmer Karsh schon allein deswegen, weil die eigene Gattin Kundin sein darf. Mag sein, dass diese bizarre Idee, den Toten nahe zu sein, in manchen Kreisen auf Widerstand stößt. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Vandalismus in diesem Friedhof um sich greift. Karsh ist entsetzt und investigiert. Dabei bezieht er seine Schwägerin mit ein, ebenfalls gespielt von Kruger, mit der ihn bald mehr verbinden wird als ihm lieb ist. Und den Computerspezialisten Maury (Guy Pearce), der Karsh dabei helfen soll, die wahren Täter ausfindig zu machen.

Wir haben hier das Szenario eines Near-Sci-Fi-Krimis, deutlich mit Tendenz zum autobiografischen Lamento eines Alter Egos des Künstlers, der auch tatsächlich mit diesem Streifen den Verlust seiner Ehefrau verarbeitet sieht. Das Herkömmliche steht Cronenberg jedoch ganz und gar nicht, wobei das Monströse und Pietätlose geduldig im Hintergrund verharrt. Viel lieber darf The Shrouds deutlich augenzwinkernder erscheinen, weniger knochentrocken (was für ein passendes Adjektiv), dafür mit Hang zur unfreiwilligen Parodie eines ganzen Subgenres, das Cronenberg im Alleingang mit denkwürdigen Werken gepflastert hat. The Shrouds gehört nicht ganz dazu, nicht unbedingt wird man sich gerade an dieses obskure Spiel mit der Vergänglichkeit erinnern, da haben andere Arbeiten Vorrang. Das Drama gibt nur vor, einer komplexen Krimihandlung zu folgen, tatsächlich treiben so Dinge wie Verlust und Loslassen einen Typen wie Cassel durch einen unwegsamen, luxuriösen Trauerprozess, bei welchem die Toten für Bodyhorror kaum eine Verwendung finden. Außer es sind Zombies. Doch mit so etwas Trivialem gibt sich der intellektuelle Querdenker nicht ab.

The Shrouds (2024)

Shahed – The Witness (2024)

PORTRAIT EINER KÄMPFERIN

6,5/10


shahed© 2024 Viennale


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2024

REGIE: NADER SAEIVAR

DREHBUCH: JAFAR PANAHI, NADER SAEIVAR

CAST: MARYAM BOUBANI, NADER NADERPOUR, HANA KAMKAR, ABBAS IMANI, GHAZAL SHOJAEI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Männer im Iran können tun und lassen, was sie wollen. So ein politisches Ungleichgewicht zum Leidwesen aller dort lebenden Frauen nennt man Patriarchat. Es wird angeführt von Würdenträgern, die Staat und Glaube nicht trennen wollen. Frauen müssen gehorchen, kuschen, sich unterwerfen. Das beginnt mit dem Tragen des Hijab und endet vielleicht damit, als Kollateralschaden für männlichen Machtwillen mit dem Leben zu bezahlen. Wie es aussieht, scheint genau das in Shahed – The Witness passiert zu sein. Vor dem Hintergrund gehörverschaffender Demonstrationen gegen das Regime und den darauffolgenden Unruhen in Teheran aufgrund von Todesfällen durch willkürliche Polizeigewalt sieht sich die längst pensionierte Lehrerin Tarlan vor Herausforderungen gestellt, die kaum zu bewältigen sind. Längst erfahren im sozialpolitischen Aktivismus, muss sie diesmal mit ansehen, wie ihre Ziehtochter von ihrem Ehegatten zwangsbestimmt wird. Die Schule für traditionellen Tanz hat sie zu schließen, fördert dieser doch sündigen Ungehorsam. Tarlan bemüht sich, zu intervenieren und zu vermitteln, diese Fähigkeit beherrscht sie schließlich gut. Doch anscheinend hilft das alles nichts: als Tarlan im Haus ihrer Tochter nach dem Rechten sehen will, wird sie Zeugin einer vom Schwiegersohn begangenen Straftat. Ob es sich um den reglosen Körper der Person im Schlafzimmer um die eigene Ehefrau handelt, kann Tarlan nicht genau bestimmen. Doch die Gewissheit folgt auf dem Fuß, als diese tot aufgefunden wird. Der Dreck am Stecken des eitlen Geschäftsmannes ist unübersehbar, da kann die rechtschaffene Seniorin noch so sehr gebeten werden, die Sache auf sich beruhen zu lassen: Wo die Ungerechtigkeit Opfer fordert, lässt sich nicht wegsehen.

Diesem Dorn im Auge einflussreicher Männer gibt Maryam Boubani in dieser deutsch-österreichischen Produktion eine eindrucksvolle Gestalt. Niemals müde, und doch der Erschöpfung nahe, scheint es die Pflicht jener, aufzubegehren, die sich darin noch imstande fühlen. Dass Tarlan dabei das Feld den Jungen überlässt, so zum Beispiel der Tochter der Ermordeten, kommt ihr erstmal gar nicht in den Sinn. Regisseur Nader Saeivar, der mit Jafar Panahi (No Bears) zu diesem Film gemeinsam das Drehbuch verfasst hat, folgt in seinem sozialpolitischen Justizdrama, in welchem es ganz viel um Familie geht, einer bereits etablierten Tradition hellwachen, kritischen Kinodenkens, die Ashgar Farhadi mit seinen neorealistischen Meisterwerken längst anführt. Panahi hat sich dabei mit No Bears ein bisschen zu sehr selbst inszeniert, während Saeivar die Bühne zu Gänze seiner vor Kraft, Einfallsreichtum und Beharrlichkeit strotzenden Protagonistin überlässt. Shahed – The Witness funktioniert daher viel besser als fiktives Portrait einer Kämpferin und weniger als politisches Statement. Ein Einzelschicksal, verflochten mit anderen, tragischen Schicksalen, und gleichermaßen auch ein Aufruf, den Blick zu heben, um zu erkennen, dass Kämpfernaturen nicht allein sein müssen.

Da sich Saeivar sehr auf die Sichtweise einer Frau beschränkt, fällt sein Film als psychologische Miniatur auf; als streng positioniertes, persönliches Hazardspiel, das große Ganze anderen überlassend. So aber wird klar, wieviel Wirkung Einzelne erzielen können. Mit Shahed – The Witness wird das kritische Kino, das den Problemstaat Iran ins Visier nimmt, um eine Facette, einen Blickwinkel erweitert. Mag sein, dass inhaltlich wenig mehr Erhellendes übrig bleibt und nur wiederholt wird, was andere längst gesagt haben. Andererseits tut es gut, das gesprochene Wort nochmal zu unterstreichen. Und dabei die Generation der Älteren in den Fokus zu stellen.

Shahed – The Witness (2024)

The Killer on the Road (2023)

ZUM AFFEN GEMACHT

6,5/10


thekillerontheroad© 2024 Leonine


ORIGINALTITEL: HE WENT THAT WAY

LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: JEFFREY DARLING

DREHBUCH: EVAN M. WIENER, NACH DEM BUCH VON CONRAD HILBERRY

CAST: JACOB ELORDI, ZACHARY QUINTO, PATRICK J. ADAMS, TROY EVANS, ALEXANDRA DOKE, PHOENIX NOTARY U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Get your Kicks on Route 66 – Bei Erwähnung dieser quer durch fünf Bundesstaaten führenden Fernstraße muss ich für meinen Teil unweigerlich an die Coverversion des Bluesliedes von Bobby Troop denken, welche die unvergleichliche Synthierock-Band Depeche Mode so unvergesslich gut fabriziert hatte. Auf dieser legendären Straße, die bereits für allerlei Filmproduktionen aus dem Roadmovie-Genre hat herhalten müssen, sind – wir sind ja schließlich in den USA – ungeschaut nicht ganz grüne Typen unterwegs, die sich gerne mal von arglosen Überlandfahrern mitnehmen lassen. So ein Fall hat sich in den Sechzigerjahren tatsächlich ereignet, und zwar passierte dieses Unglück einem Tiertrainer namens Dave Pitts, der mit seinem Schimpansen Sparky unterwegs gewesen und zufällig auf den Serienkiller Larry Lee Ranes getroffen war, der sein Opfer letztlich nicht über den Jordan schicken konnte, da der Affe ihm sonst leid getan hätte, wäre er allein geblieben. So ein Glück im Unglück klingt kurios – und ist tatsächlich so passiert. Kein Wunder, dass dieser Stoff, der wiederum auf dem Buch von Conrad Hillberry beruht, irgendwann verfilmt werden musste. Als Low Budget-Produktion kam Anfang des heurigen Jahres das tragikomische Thriller-Roadmovie The Killer on the Road in die amerikanischen Kinos, um nun in Übersee auf diversen Streaming-Diensten zu erscheinen. Eine Lichtspiel-Auswertung ist sich für Jeffrey Darlings eigenwilligem Freund- und Feindschaftsdrama leider nicht ausgegangen. Wobei man dazusagen muss: Einen weiteren Film von diesem Mann, der vielleicht eine weltweite Auswertung im Kino entgegengesehen hätte, wird es auch nicht mehr geben. Er verstarb kurz nach den Dreharbeiten.

Dabei vereint The Killer on the Road zwei bekannte Gesichter. Zum einen Zachary Quinto, der sich als neuer Mr. Spock aus dem Star Trek-Reboot als würdiger Nachfolger von Leonard Nimoy beweisen konnte – und Newcomer Jacob Elordi, Shootingstar und niemand geringerer als Elvis an der Seite von Caley Spaeney in Priscilla. Letzterer bedient sich, wie sein Fachkollege Austin Butler (auch er war Elvis) ungeniert an einem Vorbild aus den 50er Jahren: James Dean. Hätte dieser einen Thriller gedreht, wie es sie erst in der Revolution des New Hollywood gegeben hat – er würde sich gebärden wie Elordi, vielleicht etwas melancholischer und defätistischer. Elordis Killerfigur, die einen anderen Namen als das reale Original trägt und auch viel älter ist, zappelt unentschlossen zwischen Möchtegern-Verbrecher und leichtfüßigem Vagabund hin und her. Etwas anstrengend, ihm dabei zuzusehen. Und etwas anstrengend ist es auch, das devote und korrekte Verhalten von Zachary Quinto mitzuerleben, der auf völlig unvorhersehbare Weise auf das sträfliche Verhalten des zugestiegenen Mitreisenden entwaffnend reagiert. Im Kofferraum sitzt obendrein ein in ein Schimpansenkostüm gesteckter Halbwüchsiger – hier merkt man, wie niedrigbudgetiert dieser Streifen gewesen sein muss. Letztlich arrangiert man sich mit dieser lausigen Darstellung eines Primaten – ganz so, wie sich Quinto und Elordi arrangieren müssen – oder wollen. Beide Einzelgänger, steht der eine dem anderen in der Rollenwahl des Charakters nicht im Wege. So, wie Quintos Figur auf den Killer reagiert, lässt diesen vollends seine Spur verlieren. Es geht um Aktion und Reaktion, um Deeskalation und Ehrlichkeit. Werte, die während der langen Fahrt die Route 66 entlang erörtert werden. Ein bisschen wie Green Book, nur exzentrischer, unberechenbarer, auch sperriger. Und längst nicht so reißerisch, wie der Titel vermuten lässt. Kein Wunder: Im Original heisst Darlings Film He Went That Way. Sobald aber Killer im Titel steht, steigt der Marktwert.

Auf gewisse Weise zahlt sich The Killer on the Road dann doch noch aus. Weil er erstens auf einem wahren Fall beruht (den echten Trainer und seinen Affen sieht man im Abspann) und zweitens eine völlig ungewöhnliche Beziehungsgeschichte erzählt, die durch Hochs und Tiefs führt, vieles in der Grauzone lässt und seinen Faden nicht verliert. Ein kleines Stückchen richtig amerikanisches Roadmovie, mit Blick aus dem Seitenfenster und dem Odeur von Affenmist im Cockpit.

The Killer on the Road (2023)

The Bikeriders (2024)

DES MANNES LETZTE FREIHEIT

6/10


bikeriders©  2024 Universal Pictures

LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: JEFF NICHOLS

CAST: JODIE COMER, AUSTIN BUTLER, TOM HARDY, MICHAEL SHANNON, MIKE FAIST, BOYD HOLBROOK, DAMON HERRIMAN, BEAU KNAPP, EMORY COHEN, TOBY WALLACE, NORMAN REEDUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


„Ich beschließ‘ ich kauf mir wie der Marlin Brando a klasse Maschin…“ – dass ein Film wie Der Wilde seinerzeit die Freiheitsträume ohnehin im Patriarchat befindlicher Männer so sehr triggern hat können – dieses Phänomen wurde selbst vom österreichischen Satiriker Helmut Qualtinger aufs Korn genommen, mit dem Song Der Halbwilde, aus dessen Lyrics obige Zeile stammt.

Nun hat es auch Tom Hardy erwischt. Wir sehen ihn im Film The Bikeriders, wie er entgeistert auf den kleinen hauseigenen Fernseher starrt und Marlon Brando dabei zusieht, wie er in ebenjenem Film neue Begehrlichkeiten weckt. Jene nach einer Lederjacke, nach einer neuen wilden Identität, nach zweirädrigen Boliden und der Missachtung so gut wie aller sozialer Regeln, die für ein Miteinander essenziell sind. Diesem stiernackigen, kernigen, unrasierten Mann namens Johnny folgen alsbald immer mehr und mehr solcher Männer, die, meist als Außenseiter der Gesellschaft, nirgendwo dazugehören dürfen; die in der frühen Midlife-Crisis stecken oder die Wucht ihrer – überspitzt gesagt – maskulinen Identität innerhalb eines geordneten Lebens samt Familie nicht mehr standhalten können. Einer dieser aus der Gesellschaft Verstoßenen ist Benny, gespielt vom zurzeit allseits beliebten Newcomer Austin Butler, der bereits Superstar Elvis Presley Charakter verliehen hat. Die 60er-Jahre Frisur steht ihm prächtig, sein einstudierter verlorener Blick ebenso. Benny hat nirgendwo sozialen Halt, also ist es der Verein der Vandals Chicago, und ganz besonders sein väterlicher Freund Johnny, von dessen Seite er nicht abrückt – bis Kathy (Jodie Comer, The Last Duel) in sein Leben tritt. Mit ihr schließt er gar den Bund der Ehe, bleibt aber dennoch ein schwer zu fassender Charakter. Die Gang der Biker hingegen erfährt im Laufe der Jahre eine Umwälzung und Veränderung nach der anderen. Ganz plötzlich gibt es Ableger, dann wieder andere, die dem Boss der Runde seinen Platz streitig machen wollen. Dann gibt es Neider und die Lust an kriminellen Handlungen, die das Image einer gelebten Anarchie, die mit Bikergangs eben assoziiert wird, bis heute prägen.

Dennis Hoppers Easy Rider hat die Hoffnung auf eine ungestüme Freiheit auf zwei Rädern wohl letztlich ausgeräumt und ausgeträumt. Jeff Nichols hat sich dabei an einem Fotobuch des Journalisten Danny Lyon orientiert und daraus die Chronik von Aufstieg und Fall einer ganzen Subkultur in graubraunen Bildern auf die Straßen des Mittleren Westens gesetzt. Schnell stellt man fest, dass dieses Bild der männlichen Freiheit und der maskulinen Selbstbestimmung nicht mehr sein kann als die Zwangsbeglückung vollkommen Unglücklicher, die überraschend wenig Spaß daran haben, an ihren fahrbaren Untersätzen herumzuschrauben und diese, wäre es denn möglich, gegen Pferde eintauschen würden, gäbe es den Wilden Westen noch. Tom Hardy, Butler und das ganze illustre Ensemble skizzieren die Portraits sehnsüchtig Suchender, die außerhalb dieses Mikrokosmos aus wenigen Regeln und der Lust am Heroismus wohl nirgendwo zur Ruhe kommen würden. Nichols erzählt die Geschichte aber aus dem Blickwinkel von Jodie Comers Figur, die einem fiktiven Reporter das ganze Drama schildert. Dabei braucht es einige Zeit, bis man sich an diesen pragmatischen Charakter gewöhnt. Die zähe Dominanz dieser Figur ist nämlich nicht, was man erwartet hätte.        

The Bikeriders ist zeitgeistiges Genrekino mit vielen leeren Kilometern. So orientierungslos wie seine Protagonisten ist bisweilen auch Nichols Film. Wild wechselt dieser zwischen den Zeitebenen, zu viele Charaktere ähneln sich zu stark, um die Vielfalt einer Gesellschaft abzubilden, die keine wirklichen Identitäten besitzt, sondern nur das Bewusstsein einer Community, die schnell zerbrechen kann. Außen wuchtig, innen geradezu hohl. Comers Figur weiß das. Und am Ehesten entwickelt Austin Butler so etwas wie eine Biografie, die den Ausbruch aus einem Teufelskreis depressiver Leere beschreibt.

The Bikeriders (2024)

A Killer’s Memory (2024)

WAS SICH ÄNDERN LÄSST UND WAS NICHT

6,5/10


akillersmemory© 2024 DCM Film Distribution

ORIGINALTITEL: KNOX GOES AWAY

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: MICHAEL KEATON

DREHBUCH: GREGORY POIRIER

CAST: MICHAEL KEATON, JAMES MARSDEN, AL PACINO, MARCIA GAY HARDEN, RAY MCKINNON, SUZY NAKAMURA, JOHN HOOGENAKKER, DENNIS DUGAN, JOANNA KULIG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Was tun mit Demenz? Das Beste draus machen. Oder den eigenen Nachwuchs aus der Affäre ziehen. Während Michael Keaton sein Leben abhandenkommt, obwohl er nicht das Zeitliche segnet, tut er doch noch alles, um zumindest jene zu retten, die sich dank derselben Blutlinie zwar als Familie bezeichnen lassen, jedoch nicht wirklich viel für einen Mann übrighaben, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, andere über den Jordan zu schicken. Denn Michael Keaton ist ein Mann fürs Grobe, ein pragmatischer Auftragsmörder, dessen Zerstreutheit und mangelnde Konzentration anfangs noch etwas ist, das man gut und gerne mit dem fortschreitenden Alter abtun hätte können. Leider Gottes folgt nach einem Besuch beim Arzt eine ganz andere Diagnose: Knox wird die Erinnerung an sein Leben verlieren, schließlich ist er an Creutzfeldt-Jacob erkrankt, einer Degeneration des Gehirns. Irgendwann, und zwar schon sehr rasch, wird das Ich verschwinden, klare Momente werden eine Seltenheit sein, bis auch diese dem Vergessen anheimfallen. Mit so einer Prognose muss man erstmal umgehen lernen, doch Knox scheint es wegzustecken. Wer anderen das Leben nehmen kann, wird wohl auch selbst das Eigene bereits freigiebiger aufgeben als jemand, der das Recht auf Leben und Leben lassen anders betrachtet.

In diesem Zustand des Übergangs klopft plötzlich sein Sohn Miles an die Tür, den Knox aus Gründen mangelnder Akzeptanz eines Killers in der Familie Jahrzehnte nicht mehr gesehen hat. Diesmal aber scheint selbst der Filius seinem Papa nachgeeifert zu haben, allerdings nur im Affekt. Den Vergewaltiger seiner Tochter scheint er auf dem Gewissen zu haben, mit mehreren Messerstichen hat er ihn zu Boden gestreckt. Was Papa da wohl richten kann? Und wie sehr könnte zur Lösung des Problems die eigene fortschreitende Demenz in die Hände spielen? Was folgt, ist ein routiniertes Kriminaldrama mit Anleihen an Christopher Nolans Memento, nur ohne dessen Rückwärtsgang, und des belgischen Thriller Totgemacht – The Alzheimer Case, natürlich in ganz klassischem Sinne, routiniert inszeniert von Michael Keaton selbst, der sich mit ausreichend Gespür für seine eigene Rolle als einen, der sich auflösen wird, in Szene setzt. Knox goes Away heisst sein Film übrigens im Original – was es wohl besser trifft als A Killer’s Memory ein viel zu austauschbarer Titel. 

Bemerkenswert an diesem mit jazzig-melancholischen Klängen unterlegten Krimi ist Keatons sichtliche Freude an der Freiheit, seine Figur so anzulegen, wie er sie selbst gerne hätte. Ein bisschen Bird- und Batman schwingen mit, Keaton orientiert sich in der Darstellung des Erkrankten natürlich auch an Klassikern des Gefühlskinos wie Zeit des Erwachens oder gar The Father mit Anthony Hopkins. Keaton ist ein gewinnender, charismatischer und in sich ruhender Darsteller, seine unaufgeregte, stets eher stoische Spielweise unterstreicht die Film Noir-Komponente. Mit pragmatischer Gelassenheit wägt seine Figur des John Knox das Unausweichliche und das Veränderbare gegeneinander ab. Doch manchmal etwas zu gelassen. Raffiniert ist dabei die zwar reichlich konstruierte, aber durchdachte Trickserei rund um die Vertuschung eines Mordfalls und das Legen falscher Fährten. Leerlauf hat A Killer’s Memory keinen, zu richtig großem Kino gereicht das auf den letztjährigen Toronto Filmfestspielen erstmals gezeigte Kriminaldrama trotz schillernder Sidekicks wie Al PAcino aber nicht. Keaton ist ein kleiner, aber komplexer Film gelungen, der den Umstand einer fatalen Erkrankung, die an sich schon für ein ganzes Drama reichen würde, fast ein bisschen banalisiert.

A Killer’s Memory (2024)

In the Land of Saints and Sinners (2023)

DAS VOLKSLIED VOM GUTEN KILLER

5/10


landofsaintsandsinners© 2023 Samuel Goldwyn Films


LAND / JAHR: IRLAND 2023

REGIE: ROBERT LORENZ

DREHBUCH: MARK MICHAEL MCNALLY & TERRY LOANE

CAST: LIAM NEESON, KERRY CONDON, JACK GLEESON, COLM MEANEY, CIARÁN HINDS, SARAH GREENE, DESMOND EASTWOOD, NIAMH CUSACK, CONOR MACNEILL, SEAMUS O’HARA U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN 


Liam Neeson zur Abwechslung mal im Original genießen? Sein Irland-Thriller In the Land of Saints and Sinners, der exklusiv statt im Kino auf Amazon Prime startet, bietet die passende Gelegenheit, auf die originale Tonspur umzustellen, wirkt doch die deutsche Synchronisation so sehr dem dargestellten Szenario, dem Setting und dem Plot entgegengesetzt, dass es kaum aushaltbar scheint, Neeson im gelangweilten, generischen Theaterdeutsch dabei zu begleiten, wie er zum wiederholten Male und diesmal auf heimischem Boden finstere Gesellen auseinandernimmt, um endlich, und das auch zum wiederholten Male, seinen Ruhestand zu genießen. Liam Neeson ist mit seinen über 70 Lenzen vorrangig Action-Opa mit Ermüdungserscheinungen, die seine Filmgegner oft als Schwäche auslegen und damit den Iren mit dem markanten Profil stets unterschätzen. Gerade dieser Drang zur Bequemlichkeit und das Zelebrieren selbiger entfacht in Neeson ungeahnte Aggressivität ohne Kommentarfunktion. Einer wie er muss eben tun, was getan werden muss. Und ein bisschen mehr. Nur nicht so viel, damit Neeson seine Rollenfindung nicht schwieriger gestalten muss als notwendig.

Es ist wie Autofahren: Einsteigen, zünden, losfahren, wenn geht noch mit Automatik. Ungefähr so sind Liam Neesons Rollen angelegt. Und leicht zu stemmen. Zwischendurch gibt es Ausreißer, ganz besondere Rollen, wie jene des Jesuiten in Marton Scorseses Silence – dabei ist der Durchbruch des Schauspielers einer dem derzeitigen Genre-Profil völlig konträr gelegenen Performance zu verdanken – die des Oskar Schindler. Demnächst soll er ja in die Fußstapfen von Leslie Nielsen treten, wenn die Kanone wieder nackt sein darf, und zwar als Frank Drebin. Das könnte gelingen. Und den Mann ins Komödienfach katapultieren, wo er sich selten herumtreibt.

Blacklight, Memory, Marlowe, RetributionIn the Land of Saints and Sinners ist endlich mal ein Filmtitel, der nicht nur mit einem Einzelwort daherkommt. Das lässt sich völlig unreflektiert mit höherem Anspruch konnotieren. Vielleicht auch, weil das übrige Ensemble mit Ciarán Hinds, Colm Meaney und der oscarnominierten Carrie Condon erlesen besetzt ist. Und wenn man genauer hinsieht, lässt sich in einer tragenden Nebenrolle auch Game of Thrones-Ekelkönig Jack Gleeson erkennen, der als zappeliger Killer-Kollege von Neeson durchaus Profil hat.

Etwas weniger davon hat das akzentschwache Thrillerdrama aber selbst, und da kann auch der ganze schillernde Cast nichts dafür, wenn Rollen zu besetzen sind, die wenig Tiefe besitzen. Die aus dem Kontext ihrer Vita herausgerissen scheinen und leider oft nur Schablonen sind, auch wenn sie so tun, als würden sie an ihre Grenzen gehen. Robert Lorenz tut das nicht. Robert Lorenz ist einer, der erst spät ins Regiefach gewechselt und davor all die Filme unter Clint Eastwoods Regie produziert hat. Da Clint Eastwood altersmäßig nur mehr bedingt mitzieht und als Action-Opa bald auch nicht mehr durchgeht, entspricht Liam Neeson noch am ehesten dem Profil des im Spätsommer des Lebens angekommenen, doch immer noch wehrhaften Selbstjuristen. So wurde dieser bereits in Lorenz‘ The Marksman besetzt, als uramerikanischer Hüter der Grenze zu Mexiko. Ein einschläfernder Film übrigens, und man kann von Glück sagen, dass dieser irische Möchtegern-Abgesang auf hemdsärmelige Männer fürs Grobe diesem Dämmerzustand des Vorgängers nicht ganz so folgt.

Zwar liegen diesem bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführten Werk fremdenverkehrstaugliche Ambitionen zugrunde, die die grüne Insel von ihrer landschaftlich bemerkenswerten Seite zeigen – sonst jedoch wagt In the Land of Saints and Sinners keinerlei Hürden zu nehmen, die es aus einem Einheitsbrei lokalkolorierter Unterwelt-Dramen hervorheben würden. Martin McDonagh, verantwortlich für das bitterbös-schwarzhumorige Freundschaftsdrama The Banshees of Inisherin, hätte deutlichere Kontraste gesetzt als Robert Lorenz. Dieser fürchtet vielleicht, Liam Neeson in seinem Image zu kompromittieren. Von daher fehlt, ziehe ich das Resümee, reichlich Substanz für einen anfangs zwar geschickt konstruierten, im Laufe seiner Handlung aber sich selbst verwässernden, dank der gern gesehenen Gesichter aber ganz netten Irland-Western ohne nennenswerter Spitzen, die wohl den entsprechenden Eindruck hinterlassen hätten.

In the Land of Saints and Sinners (2023)

Die Gewerkschafterin (2022)

AUS MANGEL AN BEWEISEN

4,5/10


gewerkschafterin© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2022

REGIE: JEAN-PAUL SALOMÉ

DREHBUCH: FADETTE DROUARD, JEAN-PAUL SALOMÉ

CAST: ISABELLE HUPPERT, GRÉGORY GADEBOIS, YVAN ATTAL, FRANÇOIS-XAVIER DEMAISON, PIERRE DELADONCHAMPS, ALEXANDRA MARIA LARA, GILLES COHEN, MARINA FOÏS U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Arbeitnehmer auf der ganzen Welt, vereinigt euch! Im Schulterschluss antretend, könnten jene, die schon längst nicht mehr glauben, sich Arbeitgebern als bezahlte Sklaven unterwerfen zu müssen, als wären ihre Verdienste lediglich Almosen, die aus der ach so gütigen Chefetage herabregnen, ganze Konzerne zu Fall bringen. Denn was sind diese schon, bleibt das Werkel nicht am Laufen? Gar nichts. Wo nicht gearbeitet wird, wird auch nichts produziert. Wer nichts produziert, schaut bald durch die Finger. Um zumindest pro Betrieb die Interessen und die Würde der Arbeitnehmer zu gewährleisten, gibt es Gewerkschaften. Und dort wiederum gewissenhafte Vorreiterinnen und Vorreiter, die die Fahne hissen und als Vertretung der anschaffenden Entourage recht unverblümt das Wilde runterräumen.

Die in Frankreich lebende Maureen Kearney, dargestellt von einer erblondeten und irritierend jugendlichen Isabelle Huppert, ist so jemand. Sie zeigt keinerlei Furcht vor der Obrigkeit, crasht schon mal gerne manches Meeting und steckt ihre Nase dort hinein, wo diese eigentlich nichts zu suchen hat. So zumindest sieht das der Atomenergie-Konzern Areva, der im Geheimen Absprachen mit den Chinesen hält, die drauf und dran sind, zumindest zur Hälfte erstmal Frankreichs und dann Europas Nukleartechnik zu kapern. Was das für die Belegschaft bedeutet? Gar nichts Gutes. Um die 50.000 Jobs sind in Gefahr, und so will Maureen den skandalösen Deal an die große Glocke hängen. Was denen ganz oben überhaupt nicht gefällt. Und diese dann zu mafiösen Mitteln greifen, um die Gewerkschafterin einzuschüchtern und zu diskreditieren.

Wie machtlos man einem Giganten wie Areva gegenüberstehen kann, lässt sich anhand dieses im Grunde erschütternden Tatsachendramas eigentlich nur erahnen. Ähnliches hat schon Whistleblower Russel Crowe in Michael Manns The Insider, in dem das Tschick-Imperium zurückschlägt und unrechtmäßige Faxen macht, an eigenem Leib erfahren müssen. In Jean-Pierre Salomés Streifen ist man geradezu versucht, wieder etwas mehr an Weltverschwörungen zu glauben. Doch trotzdem Die Gewerkschafterin ordentlich Stoff bereithält, der mehrere Ebenen abdeckt und tief in die Privatsphäre der von Isabelle Huppert dargestellten Kämpfernatur eindringt – so richtig zu überzeugen oder gar zu fesseln weiß der Film nicht. Das hat unterschiedliche Gründe.

Zum einen Isabelle Huppert. Ihr schauspielerischer Pragmatismus oder anders formuliert: ihr sich selbst genügendes Statusbewusstsein als Grande Dame ist kaum zu überbieten. Was zur Folge hat, dass sie zwar an ihrem Engagement teilnimmt, doch zeitweise so teilnahmslos agiert, als gäbe sie Schauspielunterricht. Weder zeigt sie den Umständen entsprechende emotionale Regungen, noch packt sie der Eifer in der Darstellung einer hochkomplexen, schwierig zu interpretierenden Figur, die noch dazu ein reales Vorbild hat. Eine gewisse Kühle geht von ihr aus, eine Unnahbarkeit, die man so nicht erwartet hätte, und an der sich auch Filmgatte Grégory Gadebois die Zähne ausbeißt, so wie überhaupt alle in diesem Film, die nicht an die Rekonstruktion der Tatsachen, die Hupperts Filmfigur zu Protokoll gibt, glauben möchten. Dabei tut sich die zweite Ursache auf, die die ganze Zeit über deutlich auf der Hand liegt und die nur aufgrund wenig engagierter Ermittlungen als Beweisargument durch den Rost der Plausibilität fallen konnte.

Zwischen Jodie Fosters Darstellung in Angeklagt – wobei die Klaviatur der Regungen, die Foster damals von sich gab, bei Huppert kaum zu finden ist – und Paul Verhoevens ambivalentem Rape-Thriller Elle schleppt sich ein recht zähes Kriminaldrama durch einen ungeordneten, leicht devastierten Wulst an schlampig formulierten Ermittlungsakten und unschlüssiger Verdächtigungen. Wie wenig Jean-Paul Salomé, der schon in Eine Frau mit berauschenden Talenten Huppert nur in mäßiger Brillanz auf distinguierte Breaking Bad-Spuren schickte, den ganzen brandheissen Stoff in den Griff bekommt, merkt man an etlichen dramaturgischen Hängern, die in scheinbar redundanten Dialogen die Geduld strapazieren. Ob nun Wirtschaftsdrama, Home Invasion-Thriller oder Justizfilm: Die Gewerkschafterin hat von allem etwas, doch nichts davon ist richtig überzeugend.

Die Gewerkschafterin (2022)

Eineinhalb Tage (2023)

ROADMOVIE AUS DEM SETZKASTEN

4/10


eineinhalbtage© 2023 Netflix Inc.


LAND / JAHR: SCHWEDEN 2023

REGIE: FARES FARES

DREHBUCH: FARES FARES, PETER SMIRNAKOS

CAST: FARES FARES, ALMA PÖYSTI, ALEXEJ MANVELOV, ANNIKA HALLIN, STINA EKBLAD, ANNICA LILJEBLAD, RICHARD FORSGREN, BENGT C. W. CARLSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Was haben Aki Kaurismäkis lakonisches, vielfach ausgezeichnetes Sozialmärchen Fallende Blätter und das Regiedebüt des schwedischen Schauspielers Fares Fares gemeinsam? Die Schauspielerin Alma Pyösti, die 2020 mit Tove, der Filmbiografie nämlicher Künstlerin, erstmals einem breiteren Publikum bekannt wurde. Seit September letzten Jahres wird sie auf Netflix als Krankenpflegerin Louise eines schönen Tages von Artan, ihrem Ex-Ehemann, heimgesucht, der, bewaffnet und emotional im Ausnahmezustand, einfach beschließt, die Mutter seiner Tochter als Geisel zu nehmen. Menschen wie Artan werden zum Unsicherheitsfaktor schlechthin, inmitten eines sicheren Europas, wo die Exekutive noch zeitnah heranrückt, wenn irgendwo einer beschließt, anderen den fremden Willen aufzuzwingen. So eine unschöne Situation lässt sich durch geschulte Verhandler entsprechend entschärfen, nur die Zeit drängt, und das Spezialkommando lässt sich bitten. Fares Fares ( u. a. Die Nile Hilton Affäre, Die Kairo Verschwörung) höchstselbst gibt den Exekutivbeamten, der in rechtschaffener Selbstlosigkeit dem aufgelösten Familienvater entgegentritt. Es gelingt ihm gar, das Geiseldrama ins Innere eines Polizeiwagens zu verfrachten, weg von all den Schaulustigen und Betroffenen, weg von möglichen Kollateralschäden, rauf auf die Bundesstraße – es bleiben Louise, Artan und der Polizist, unterwegs zu den Schwiegereltern des Mannes, dessen Tochter dort in deren Obhut weilt. Das Roadmovie kann beginnen.

Wie der Titel schon verrät, sind alle drei einen knappen Tag lang, eine Nacht und wieder einen halben Tag unterwegs. Stets hintendrein: Ein Konvoi an Polizeiwägen. Kommt einem dieses Szenario bekannt vor? Natürlich. Zwar liegt der Klassiker schon einige Jahrzehnte zurück, doch Sugarland Express von Steven Spielberg fasziniert immer noch. Allein schon wegen Goldie Hawns famoser Darstellung der Lou Jane Poplin, die ihren Mann aus dem Gefängnis befreit, einen Polizeiwagen samt Beamten kapert und diesen zwingt, die Pflegeeltern ihres kleinen Sohnes aufzusuchen. Sowohl Spielbergs Roadmovie-Klassiker als auch Fares Fares‘ Familiendrama auf vier Rädern beruhen auf wahren Begebenheiten – letzterer wohl mehr oder weniger nur sehr vage. Eher diente eine ähnliche Gesamtsituation, die es nicht mal in die internationalen Medien schaffte, als Inspiration für einen Film, bei dem man sich fühlt, als führen Opfer, Täter und Verhandler im Kreisverkehr, ohne abzubiegen. Der gebürtige Russe Alexej Manvelov punktet anfangs zwar mit einer beunruhigend nervösen Art, die aber auf Dauer keine Variationen zulässt und im Laufe des Films, der gottseidank keine eineinhalb Tage dauert, zusehends nervt. Alma Pöysti daneben auf der Rückbank hat wenig Text, gibt die Eingeschüchterte und auch sie kann ihre Figur im Laufe der Handlung kaum durch neue Erkenntnisse bereichern.

Nicht jeder, der schauspielern kann, ist auch im Regiefach bestens aufgehoben, geschweige denn als Drehbuchautor geeignet. Fares Fares hat für Eineinhalb Tage schließlich alles übernommen – und zumindest beim Skript auf vertraute Strukturen gesetzt. Ein Konzept wie dieses, auf engstem Raum und überschaubaren Plot, eignet sich bestimmt für ein Debütprojekt. Da Fares sich aber dramaturgisch nicht weiter aus dem Autofenster lehnt wie nötig, wechseln im braven Rhythmus die Interaktionen unter den dreien wie beim Bällewerfen – einmal mehr, dann wieder weniger emotional. Überraschungsmomente gibt es keine, die Geschichte ist vorhersehbar, und irgendwann ist man froh, diesen Artan losgeworden zu sein und überhaupt diese ganze bleierne Autofahrt hinter sich gebracht zu haben.

Eineinhalb Tage (2023)