Mother/Android

BLINDE KUH MIT ROBOTERN

4/10


motherandroid© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MATTSON TOMLIN

CAST: CHLOË GRACE MORETZ, ALGEE SMITH, RAÚL CASTILLO, TAMARA HICKEY, OWEN BURKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Deswegen, genau deswegen, ist Kyle Reese in Terminator via Zeitreise in das Amerika der 80er Jahre zurückgekehrt: um zu verhindern, was später passieren wird. Aus Liebe zu Sarah Connor ging dann besagter John hervor, der dann die Menschheit gegen die Maschinen anführen wird. Zumindest in der Timeline, die sich gegen James Cameron stellt. Diese Rebellion spezieller Technik findet auch in dem auf Netflix erschienenen dystopischen Science-Fiction-Film Mother/Android seine Anhänger – und zwar sind das eins zu eins dem menschlichen Erscheinungsbild nachempfundene Androiden, die zur Dienerschaft konstruiert worden sind. Was muss so eine Einheit wert sein? Und in welcher Welt lebt Chloë Grace Moretz als schwangere Georgia, in der Reichtum anscheinend die Geißel des Planeten ist, weil es anscheinend keine ärmere Mittelschicht mehr gibt, die sich stromgetriebene Aushilfen wie diese gar nicht leisten kann?

Damit die Welt unter der Bedrohung einer wild gewordenen KI erst so richtig leidet, müssten ungemein viele dieser Roboter im Umlauf gewesen sein. Diese, so wird erwähnt, sind alles andere als wohlfeil, also man muss schon einiges springen lassen, um sich sowas leisten zu können. In dieser Zukunft dürfte ein jeder immens viel Mammon besitzen. Was aber wiederum dazu führt, dass diese Welt, in der Georgia lebt, unter einer gewaltigen Inflation hätte leiden müssen. Irgendwas stimmt hier nicht. Irgendwie passt die Ausgangssituation dieses Films hinten und vorne nicht zusammen. Anders bei Terminator: hier ist ein gewaltiges Computersystem am Werk, das die globale Elektromechanik als Skynet unter seiner Fuchtel hat. In Mother/Android sind es im Grunde wildgewordene Einheiten, die durch den Wald pirschen wie Zombies mit Augen, die in bestimmten Winkeln des einstrahlenden Lichts blau erstrahlen. Das tun sie aber nicht immer. Selbst in der Animationskomödie Die Mitchells gegen die Maschinen, wo es natürlich komödiantischer und familientauglicher einhergeht, ist die narrative Basis der folgenden Abenteuer um einiges plausibler.

Über den Inhalt zu Mother/Android muss man gar nicht viel schreiben – es ist ein „Rennet, rettet, flüchtet“. Mittendrin Moretz im neunten Monat, und man glaub ihr auch gerne, dass sie so ihre physischen Handicaps hat. Als Georgia ist sie gemeinsam mit ihrem Freund und Vater des Kindes Richtung Boston unterwegs, wo es ein Refugium für Familien geben soll, gut geschützt vor der wütenden Techno-Meute. Der Weg dorthin ist mit gängigen Endzeit-Takes gepflastert, und im letzten Drittel schlägt der Krieg zwischen Mensch und Maschine so gewaltige Logiklöcher in die Landschaft, dass das anfängliche Problem, eine nachvollziehbare Grunddystopie zu setzen, geradezu marginal erscheint. Regisseur Mattson Tomlin (Project Power) dürfte um jeden Preis dorthin gelangen wollen, wo er am Ende sein will – bei einem an Children of Men erinnernden, pathetischen Finale, das von Moretz aber dank ihres emotionalen Spiels als der beste Moment des ganzen Films gerettet werden kann.

Mother/Android

Licorice Pizza

START-UPS MIT HERZKLOPFEN

7/10


licoricepizza@ 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: PAUL THOMAS ANDERSON

CAST: COOPER HOFFMAN, ALANA HAIM, SEAN PENN, TOM WAITS, BRADLEY COOPER, BENNY SAFDIE, SKYLER GISONDO, MARY ELIZABETH ELLIS, EMMA DUMONT, MAYA RUDOLPH U. A. 

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Die drei Filmemacher, die sich Anders(s)on nennen – Wes, Roy und Paul Thomas – haben eines gemeinsam: eine Vorliebe für szenische Miniaturen, für Anekdoten, die durchaus autobiographisch gefärbt sein können. Der neue Film von letzterem, also Paul Thomas, erzählt im Grunde genommen die simple Lovestory zwischen einem Teenager und einer um zehn Jahre älteren Frau, versetzt diese aber so sehr mit charmant-skurrilen Alltags-Bonmots, dass man vermuten könnte, Licorice Pizza bietet mehr als nur das. Nämlich ein ganzes Zeitbild. Dabei bemüht das Kino abermals die Siebziger, von denen es nicht genug bekommen kann. Die Mode, die Musik, der Lebensrhythmus, die Sehnsucht nach einer Zeit ohne Handy und Internet, wo junge Leute tatsächlich noch physisch mit angepackt haben und nicht nur über Tiktok Blödsinn ausprobieren. Die Siebziger, die waren echter, greifbarer, direkter. Paul Thomas Anderson würde überhaupt den Rest seines Lebens dort verbringen, das war doch schon in Inherent Vice oder Boogie Nights so. Womöglich sind da Anderson selbst wirklich einschneidende Erlebnisse widerfahren. Vielleicht gar so eine Schwärmerei wie diese.

Im Zentrum des Geschehens steht der Kinderschauspieler und Jungunternehmer Gary Valentine, der eines Tages an der Schule Alana kennen und lieben lernt. Sie ist diejenige, mit der er den Rest seines Lebens verbringen will. Er lässt nicht locker, um ein Date zu arrangieren. Aus diesem Date entwickelt sich eine Freundschaft mit einseitiger Verliebtheit. Alana fühlt sich natürlich geschmeichelt, möchte die Avancen Garys einerseits nicht missen, andererseits ist sie seine Anstandsdame. Und außerdem Jüdin. Sowas vertragen die gesellschaftlichen Normen der Siebziger nicht. Aufbauend auf diesen Status Quo, stampfen Gary und Alana allerlei gemeinsame Projekte aus dem Boden, dank des Start-Up-Know Hows des jungen, etwas pummeligen Tausendsassas, der einmal mit Wasserbetten, dann wieder mit Flipperautomaten die Wirtschaft ankurbelt. Zwischendurch probiert sich Alana im Schauspiel, und überhaupt ist die Spielwiese der beiden gefühlt ganz Amerika, das sich aus- und umprobieren lässt. Das mal abenteuerlich, mal streitbar, mal gefühlvoll vor sich hin blubbert. Als wäre die ganze Welt ein Wasserbett.

Irgendwann aber meint es Paul Thomas Anderson zu gut mit seinem Zeitbild, mit seinen Anekdoten und Gastauftritten einiger Stars, die in ihren kleinen Rollen so sehr punkten, weil nicht viel davon abhängt und der Druck, einen ganzen Film zu tragen, nicht auf ihren Schultern lastet. Geheimes Highlight des Films: Bradley Coopers Performance in Weiß. Licorice Pizza (der im Film niemals erwähnte Name eines Plattenlabels aus den Siebzigern) lässt im Bild- und Erzählstil von American Graffiti oder Once Upon a Time… in Hollywood zwei komplett unbekannte, erfrischend neue Gesichter die Leinwand füllen: Alana Haim und Cooper Hoffmann, Sohn des viel zu früh verstorbenen Philipp Seymour. Und auch wenn man es nicht weiß – der Junge sieht seinem Papa unglaublich ähnlich. Sein Spiel ist ungekünstelt und fernab jeglichen Manierismus – ein unbeschriebenes, strahlend helles Blatt. Genauso wie Alana Haim, die gleich ihre ganze Familie mit in den Film geholt hat, um ihre Familie zu spielen. Die junge Dame mit der markanten Nase und dem verschmitzten Lächeln ist einfach hinreißend und genauso authentisch wie ihr Partner. Ein einnehmendes Duo, mit viel Sympathie füreinander und ihr Publikum.

Ist Licorice Pizza also der beste Film der letzten Jahre, wie Kritiker meinen? Der große Wurf? Ich würde meinen: Mit Anderson ist diesmal seine Fabulierlust durchgegangen. Zum Glück verliert er sich nicht so sehr in Nebensächlichkeiten wie in dem aus meiner Sicht leider missglückten Inherent Vice, doch dennoch zieht sich das Sammelsurium aus Romanze und den Abenteuern eines Jungunternehmers deutlich in die Länge. Und die Frage, die mich dabei stets beschäftigt: Warum müssen der Teenie und auch all seine Freunde eigentlich nicht zur Schule? Warum darf ein Minderjähriger ein Unternehmen gründen? Woher hat Gary das Know-How? Könnte sein, dass Licorice Pizza ein Film über ein Genie ist, in einer paradiesischen Siebziger-Alternativwelt, in der alles möglich zu sein scheint.

Licorice Pizza

Der Schein trügt

GESEGNET SIND DIE SÜNDER

7/10


DerScheintruegt© 2021 Neue Visionen


LAND / JAHR: SERBIEN, MAZEDONIEN, KROATIEN, SLOWENIEN, BOSNIEN-HERZEGOWINA, MONTENEGRO, DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: SRDJAN DRAGOJEVIC 

CAST: GORAN NAVOJEC, KSENIJA MARINKOVIC, NATASA MARKOVIC, BOJAN NAVOJEC, MILOS SAMOLOV U. A.

LÄNGE: 2 STD


Zumindest wir hier in Österreich kennen den kultigen Dialektsong Rostige Flügel vielleicht sogar auswendig. Darin singt der Ex-Cordoba-Maestro Hans Krankl leicht heiser von einem egozentrischen Krösus, der auf Erden keine Versuchung ausgelassen hat, im Himmel aber maximal die Holzklasse bekommt. Rostige Flügel, aus zweiter Hand. Und auch keinen Heiligenschein. Der serbische Flüchtling Stojan hätte wohl eher Verwendung dafür, denn der ist ein herzensguter Familienvater irgendwo in einem vergammelten Viertel am Rande der Stadt, der eines Tages, beim Einschrauben einer Glühbirne, mit dem Strom auf Tuchfühlung geht. Normalerweise erholt man sich davon. Auch Stojan. Nur der trägt jetzt eine Art Halogen-Heiligenschein über dem Kopf, was in der Nachbarschaft für Befremdung sorgt – und ganz besonders bei Göttergattin Nada, die ihren Ruf gefährdet sieht und den unbescholtenen Ehemann dazu anstiftet, doch alle sieben Sünden zu begehen, denn dann wäre ihm die Gunst Gottes wohl nicht mehr sicher.

Klingt lustig. Klingt nach Situationskomik, als wäre Louis De Funes unterwegs, wie seinerzeit in Der Querkopf. Ist es aber nicht. Und auch der Trailer führt in die Irre. Will heißen: Der Schein trügt in jeder Hinsicht. Und wer sich gerne vergnügen möchte ob so skurriler Begebenheiten zwischen Himmel und Erde, der wird letztlich schwer schlucken müssen. Was man vielleicht auch nicht weiß: Regisseur Srdjan Dragojevic (u. a. Parada) hat einen Episodenfilm inszeniert, dessen Kapitel sehr eng miteinander verknüpft sind und stets die Perspektive wechselt, aber summa summarum eine einzige epische Geschichte über mehrere Jahrzehnte erzählt, die genauso gut Emir Kusturica hätte inszenieren können. Angesichts der surrealen Begebenheiten passt das dann auch ziemlich gut in dessen Konzept, nur die leichte Verschrobenheit von Kusturicas zumindest letzten Filmen fehlt bei Dragojevic allerdings gänzlich. Hier ist der Fingerzeig Gottes das unangenehme Kitzeln unter der Achsel, der Kieselstein im Schuh, das Trietzen des Menschen mit augenscheinlichen Wundern, die so plötzlich vom Himmel fallen, dass kein Erdenbürger damit klarkommen kann. Am wenigsten die Kirche.

Egal, ob das Geschenk der Heiligkeit, eine zweite Chance oder das Lösen des größten Problems auf Erden auf dem Plan stehen: Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Kennen wir doch – also zumindest kennen es jene, die ab und zu mal in den Gottesdienst gegangen sind. Sprich nur ein Wort, und so wird meine Seele gesund. Alles schön und gut, doch der Heiland stammelt hier in Rätseln. Orientierungslos pflügt der Mensch in dieser bitterbösen Groteske sodann durch den Sündenpfuhl, um seine Erleuchtung loszuwerden. Lieber im Dunkeln, statt im Licht. Entsprechend düster sind diese Episoden auch geworden, entsprechend heftig fallen da auch einige Szenen aus, die bigotter Bequemlichkeit ans Bein pinkeln wollen. Manchmal rutscht Dragojevic zu sehr ins Grobe, auf zu hemdsärmelige Weise bemüht er die eine oder andere Metapher, als würde er den Motor eines Autos reparieren. Da fehlt dann der Feinschliff, der zumindest später noch – und vor allem in der meisterlichen letzten Episode – die Chance hat, mit etwas mehr Geistesblitz auf pointierte Satire zu machen. Wer Also Filme wie The Square oder Bad Luck Banking or Loony Porn – die neue Art der gesellschaftskritischen Avantgarde – zu schätzen weiß, wird sich auch hier, in seiner polemischen Kritik über die Welt, verstanden wissen.

Der Schein trügt

Klammer – Chasing the Line

HELDEN IN TIROL

6,5/10


klammer© 2021 Constantin Film


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2021

BUCH / REGIE: ANDREAS SCHMIED

CAST: JULIAN WALDNER, VALERIE HUBER, WOLFGANG OLIVER, FABIAN SCHIFFKORN, ROBERT REINAGL, HARRY LAMPL, RAPHAËL TSCHUDI U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Stell dir vor, es sind die Olympischen Winterspiele und keiner schaut hin. Vor 46 Jahren nicht auszudenken. Doch aktuell ist es so – wer nimmt sich schon für Olympia in Peking den Nachmittag frei? Noch dazu ist China in Sachen Menschenrechte und Wirtschaftsdumping ohnehin schwer auszuhalten. Und überhaupt: dort liegt nicht mal Schnee. Ein Umstand, der 1976, zu den Winterspielen in Innsbruck, aber zumindest zeitweise genauso gegolten hat. 

War das damals wirklich so? Ganz Österreich gebannt vor dem Fernseher, als gäbe es sonst nichts anderes? Keine Krankheiten, keine Inflation, gar nichts – nur unsere großen Österreicher am Patscherkofel, allen voran der Klammer Franzi, wie er schon im Trailer zum Film von Andreas Schmied genannt wird. Die wirklichen Helden Österreichs lassen sich mittlerweile nur noch im Sport verorten, und natürlich beanspruchen wir als Rotweißrot-Bekenner sowieso jede noch so akzeptable Leistung, wenn die Bretter, die die Welt bedeuten, ausnahmsweise mal nicht im Theater sind. Damals, in den Siebzigern, war Begeisterung noch verbindend und ein gewisses Nationalbewusstsein einer noch nicht ganz so alten neuen Republik geschuldet, die Figl damals am Balkon des Belvederes hinausposaunt hat. Nach Toni Sailer und Karl Schranz war eben Franz Klammer das Aushängeschild Österreichs, ob er nun wollte oder nicht. Denn – laut Drehbuch – wollte dieser doch nur schifahren. Der Ruhm war somit nur eine lästige Begleiterscheinung, genauso wie der Druck, der 1976 auf den jungen, etwas wortkargen Kerl gelastet haben muss. Etwas anderes als die Goldene hätte es nämlich nicht geben dürfen.

Also kämpft das Wunderkind gegen Fischers neue Ski und der Tücke einer Piste, die viele Kurven verträgt und mit Buckeln nur so prahlt. Mit der Sehnsucht nach seiner Freundin Eva, die leider anderweitig verpflichtet ist und dem Kärntner nicht zujubeln kann. Mit der Konkurrenz, dem Schweizer Bernhard Russi, der allerdings keine Feindseligkeit Klammer gegenüber empfindet, wie das vielleicht zwischen Niki Lauda und James Hunt in Rush der Fall gewesen war. Andreas Schmied findet für diesen Sportfilm – ein Genre, das ich eigentlich und vielleicht unfairerweise eher mit Vorsicht genieße, weil mich Promisport nur bedingt interessiert – einen Bildstil, der an die alten Fotoalben aus der Kindheit erinnert. Ausgewaschen, ein knappes Farbspektrum, alles ein bisschen grobkörnig. Da lässt sich verklärte Nostalgie erspüren, ganz besonders bei den Titelblättern der guten alten Kronenzeitung, die immer wieder ins Bild rutschen. Das Schifoan, wie Wolfgang Ambros es besingt, ist hier aber eine harte, unlustige Nuss, wo die Leidenschaft, die man sonst dazu hat, für alles andere instrumentalisiert wird – nur nicht für den, der fährt. Aber Helden braucht eben das Land, und die sind gerade in Tirol.

Ich bin überrascht, und muss zugeben, dass Julian Waldner eine tatsächlich gute Figur macht. Klammers straighten Charakter, mitunter aufbrausend und versonnen, gewährt dem Shootingstar durchaus eine Palette an Emotionen, an denen er herumprobieren kann. Durch den konsequent vorgetragenen Dialekt des Kärntner Bundeslands erfährt seine Rolle zusätzliche Authentizität. Und auch sonst ist Schmied lokales Sprachkolorit sehr wichtig. Da sieht man wieder, was das ausmacht. Neben Waldner überzeugen auch Valerie Huber (derzeit auf Netflix in Kitz zu sehen) und sonstige Randfiguren, da kann ich gar nicht meckern. Es ist nur eben ein Sportfilm, der das dramaturgische Rad nicht neu erfindet, der gar nichts ausloten möchte und wo zwischen Herzschmerz und Leistungsdruck die Unterhaltungsskala hochschnellt, während Fachbegriffe und Abfahrtstaktik nur Bahnhof bleiben. Es ist ein Film nach bewährtem Schema, ohne Rollenbilder zu hinterfragen – aber alles in allem gut durchkomponiert und am Ende, wenn Klammers große Stunde läutet, weiß man wieder, dass irgendwo doch noch so ein Krümel vorgestriger Nationalstolz vergraben liegt. Denn hier gar nicht mitzufiebern stellt sich als wirklich schwierig heraus.

Klammer – Chasing the Line

The Cleanse

GASSI MIT DEM NEUROSEN-MONSTER

6/10


thecleanse© 2018 Netflix


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: BOBBY MILLER

CAST: JOHNNY GALECKI, ANNA FRIEL, ANJELICA HUSTON, OLIVER PLATT, KEVIN J. O’CONNOR, KYLE GALLNER, DIANA BANG U. A.

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Er ist immer und überall mit dabei. Egal, wohin wir gehen, wo wir stehen, und was wir gerade tun: der uns allen wohlbekannte innere Schweinehund. Der Hemmschuh unserer Persönlichkeitsentfaltung, der Knüppel auf dem schütter behaarten Schädel unseres Selbstwertgefühls. Das, was uns runterzieht und depressiv werden lässt. Der Grund, warum wir glauben, nicht so recht zu können wie man wollen würde. Jetzt stellt euch mal vor, es wäre im Rahmen einer Gruppentherapie möglich, dieses obskure, fast schon amorphe Geschöpf aus unserem psychosomatischen Universum so weit zu extrahieren, dass es uns gegenübersitzt. Raunend, wimmernd, einem Häufchen Hundekot gleich, das uns ungefähr so staunend anglotzt wie der am Mond stehende Neil Armstrong, wenn er das Rund der Erde in sich aufnimmt. Sowas passiert wohl niemals wirklich, aber tatsächlich im Independentstreifen The Cleanse, was so viel heißt wie: Die Reinigung.

In dieser von Bobby Miller verfassten und auch inszenierten Fantasykomödie mit einem Schuss Horror und etwas Tragik stößt der sitzengelassene Paul eigentlich durch Zufall – oder wollte es das Schicksal so? – aus der tiefsten Ebene seines seelischen Kellergewölbes auf das Angebot einer Selbsthilfegruppe, die nichts weniger verspricht als eine Art Wiedergeburt ohne nagenden Ballast aus Alltag und vergangenen persönlichen Schicksalen. Paul bewirbt sich und sieht sich bald als Teil einer trauten Runde schräger Vögel, die das Wochenende im Wald verbringen. Die erste Aufgabe im dortigen Camp scheint nicht allzu schwer, denn mit dem Trinken von sechs Gläsern einer ominösen und logischerweise abscheulich schmeckenden Flüssigkeit wäre die Wiese außerdem schon halb gemäht. Was Paul und auch all die anderen Teilnehmer nicht wissen: das jeweils Innere kehrt sich plötzlich nach außen, und schon sitzt es da, das Unding, als erbärmliche Kreatur, die man eigentlich nur liebhaben kann, weil sie ja schließlich so arm aussieht.

Wer würde da wohl besser in die Rolle des sympathischen, intellektuellen Losers hineinfinden als Big Bang Theory-Frontman Johnny Galecki, den die Kinder der Neunziger bereits aus Roseanne kennen und der die blonde Penny dann doch noch erobert hat. Die Frage, was der kauzige Nerd denn damals so nebenher fabriziert hat, lässt sich mit The Cleanse aber nur zum Teil beantworten – was er jetzt wohl am Start hat, steht auf einem anderen Blatt Papier. Zumindest hier, in diesem kleinen, metaphorischen Psycho-Seminar, ist er der ungelenke Mittdreißiger, wie wir ihn alle kennen, mit Hang zum Staunen und der Kunst, angesichts paranormaler Umstände charmant zu improvisieren. Die kleinen dicken Mönsterchens mit Haaransatz und Kummermiene sind wirklich zum Erbarmen, doch es wäre nicht das Schwarze der eigenen Seele, würde der erste Eindruck nicht täuschen. Und so verbindet Miller seine originelle Idee mit Lagerromantik und Sozialschmarrn, lässt selten gesehene Stars wie Anjelica Huston oder Oliver Platt aufmarschieren – bringt aber den Funken nicht wirklich zum Überspringen. Das Gefühl, hier hätte der Konflikt mit dem inneren Schweinehund mehr Gewicht haben können, wird man nicht los. So bleibt die nette Monster-Mystery auf seiner Metaebene zwar tadellos nachvollziehbar, dramaturgisch gesehen ist The Cleanse die Katze am Schoß zu Feierabend näher als die Motivation, sich für die Gängelung des eigenen Ungeheuers anzustrengen.

The Cleanse

The House

DER ALBTRAUM VOM EIGENHEIM

8,5/10


thehouse_02© 2022 Netflix


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: EMMA DE SWAEF & MARC ROELS, NIKI LINDROTH VON BAHR, PALOMA BAEZA

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): MIA GOTH, CLAUDIE BLAKLEY, MATTHEW GOODE, MARK HEAP, MIRANDA RICHARDSON, STEPHANIE COLE, JARVIS COCKER, HELENA BONHAM CARTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Dieses Jahr ist nicht nur im Kino bereits reichlich beeindruckend. Netflix zieht mit, und hat einen Animationsfilm im Sortiment, der einem die Sprache verschlägt. Der Episodenreigen mit dem schlichten Titel The House feiert die gute alte Methode der Stop-Motion mit Puppen aus Filz und Fell, deren feine Fasern sich bei jeder Bewegung anders positionieren und der ganzen geschmeidigen Animation das gewisse rustikale Etwas aus den frühen Tagen des DDR-Sandmännchens verleihen. Mit The House bekommt Perfektionist Wes Anderson, der mit Isle of Dogs die Akkuratesse einer solchen Methode auf die Spitze getrieben hat, ernsthafte Konkurrenz. Und wenn man glaubt, mit diesem Trickfilm vergnügliche Familienunterhaltung zu verorten, irrt gewaltig. The House ist düster, beängstigend und so surreal wie seit David Lynch’s Traumgespinste selten ein Film. Dabei ist Dreh- und Angelpunkt dieser absurden Szenarien lediglich ein stattliches, neoklassizistisches Gebäude mit einem kleinen Türmchen in der Mitte, das einmal Menschen, einmal Mäuse und dann wieder Katzen beherbergt, die als klassische Tierfabelfiguren mit ihren eigenen vier Wänden in Clinch gehen.

In Geschichte Nummer 1, inszeniert vom belgischen Animationsduo Emma de Swaef & Marc Roels, schaut eine aus ärmlichen Verhältnissen stammende Familie einem geschenkten Gaul sicherlich nicht ins Maul, als sie in besagtes Haus einzieht. Doch besser, sie hätten es angesichts diverser obskurer Begebenheiten lieber doch gemacht. Geschichte Nr. 2, inszeniert vom Schweden Niki Lindroth von Bahr, lässt im selben Haus einen Mäuserich als Grundstücksmakler, der die Immobilie an die Maus bringen will, an seine Grenzen gehen. Denn die, die sich als einzige für dieses von Ungeziefern heimgesuchte Gemäuer interessieren, sind auch nicht das, was sie scheinen. Zu guter Letzt dann die wohl zuversichtlichste Anekdote von Paloma Baeza, die womöglich ihrer Liebe zu Katzen Tribut zollt. Denn da versucht eine miezende Hausherrin inmitten stetig steigenden Hochwassers all ihre Räumlichkeiten zu renovieren, um doch noch Mieter anzulocken. Womöglich vergeblich – oder doch nicht?

Häuser, die ein Eigenleben führen oder ihre Bewohner zur Verzweiflung treiben, gibt es viele in der Filmwelt. Erst kürzlich klapperten Giebel und Fensterläden in Disneys Encanto fröhlich vor sich hin. Doch Gotte behüte, wenn die Villa mal einen schlechten Tag hat wie zum Beispiel in Roman Polanskis Der Mieter. In Hinterholz 8 oder Geschenkt ist noch zu teuer sind Häuser der Granit, an dem sich motivierte Selfmen die Zähne ausbeißen. In diesen Gutenachtgeschichten hier führt es den Bewohner noch tiefer in die metaphysischen Eingeweide seltsam verwunschener Bauten und scheinbar eleganter Räumlichkeiten. In The House findet nichts eine Erklärung, verschwinden Räume und Treppen, krabbeln Käfer aus allen Ritzen, ist das Ende der Sesshaftigkeit nur bedingt ein neuer Anfang. In detailverliebter Ausstattung Marke Puppenküche und mit auf den ersten Blick zwar herzigen, aber letzten Endes befremdlichen Filzköpfen geraten die Gutgläubigen in einen Sog unheilbringender, höherer Mächte und erinnern an die bis zum großen Knall ausgearbeiteten Visionen eines Eugene Ionesco oder Gert Jonke, die die Sehnsucht nach dem bürgerlichen Wohlstand und heimeliger Glückseligkeit hinters Licht führen – dorthin, wo es finster genug ist, um sich auszumalen, was gar nicht sein kann.

Vor allem aufgrund dieser Rätselhaftigkeit der punktgenau ausformulierten Kurzgeschichten ist The House ein zauberhaft unbequemes Faszinosum, das gegen den Strom gefälliger Feelgood-Plots schwimmt und die Begrifflichkeit des Wohnens, gerade zur Zeiten der Pandemie wieder wichtig geworden, in schwarzgezeichnetem Wohlwollen für den Bewohner und seiner Psyche hinterfragt.

The House

Being The Ricardos

ALLES LACHT NACH UNSERER PFEIFE

7/10


beingthericardos© 2021 Amazon Studios


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: AARON SORKIN

CAST: NICOLE KIDMAN, JAVIER BARDEM, J. K. SIMMONS, NINA ARIANDA, JAKE LACY, ALIA SHAWKAT, TONY HALE, CLARK GREGG U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Neuerdings setzt Hollywood – insbesondere jenes, dass den Streaming-Sektor fest im Griff hat – vermehrt auf Biopics uns hier völlig unbekannter Show- und Mediengrößen setzt. Lokale Autoren, die längst schon ihre Memoiren niedergeschrieben haben, wie zum Beispiel J. R. Moehringer in The Tender Bar, sind ebenso vertreten wie Musicalschreiberlinge (Tick, Tick… Boom!) oder B-Promis aus der zweiten Reihe wie erst kürzlich in The Eyes of Tammy Faye mit Jessica Chastain. Die Amis sehen das vermutlich gerne, denn sie kennen sich aus mit der Fernsehlandschaft des 20. Jahrhunderts. Liberace ging ja noch, der war zwar auch nicht so ein klarer Fall von Showlegende in Europa, aber immerhin so schillernd, dass ihn zumindest ein paar Las Vegas-Reisende hätten kennen können. Bei der Fernsehshow I love Lucy ist es dann aber ganz aus – da wüsste ich nicht weiter. Was bitte soll das gewesen sein? Das ist ungefähr so, als würde man die Lebensgeschichte der Darsteller von Vater und Mutter Beimer aus der Lindenstraße in den Vereinigten Staaten verkaufen wollen. Aber gut, man muss nicht alles vorher kennen, um es auszuprobieren. Und schon gar nicht, wenn Nicole Kidman unter der Regie von Aaron Sorkin (Drehbuch-Oscar für The Social Network) zu ihrer natürlichen Haarfarbe zurückfindet und an der Seite von Javier Bardem die Fernsehwelt Amerikas dirigiert. Da könnte was dran sein.

Zugegeben, man geht da tatsächlich relativ schnell in medias res. Der Film beschreibt eine Woche hinter den Kulissen der beliebten Sitcom, und zwar nicht irgendeine, sondern eine ganz besonders von Medien und Politik in Schwung gebrachte. Wir wissen ja: unter Präsident McCarthy waren Leute, die auch nur irgendwie mit dem Gedankengut der kommunistischen Partei geliebäugelt hatten, weg von allen möglichen Fenstern. Es gab Vernehmungen und Anhörungen, und wurde da der Verdacht nicht ausgeräumt, ging’s den Leuten bestenfalls so wie Dalton Trumbo, der sich nicht mal zu seinem Spartacus-Oscar bekennen durfte. Lucille Ball, Schauspielerin und Zugpferd ihrer Show, hat in dieser einen Woche mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Die Medien verdächtigen die forsche Powerfrau der roten Gesinnung, und Gatte sowie Co-Star Desi Arnaz, Exil-Kubaner und Musiker, muss immer wieder beteuern, dass er keine andere hat. Als wäre das nicht schon genug der Troubles, muss nebenbei noch eine Folge von I love Lucy aufgezeichnet werden.

Lustigerweise erinnern die nachgestellten Schwarzweiß-Szenen der Serie an das Marvel-Spinoff Wandavision: prüder Humor aus den 50ern, wo unter anderem nicht mal das Wort „schwanger“ fallen darf. Aaron Sorkin blickt dabei nach scheinbar akribischer Recherche der Fakten hinter die Kulissen der Erfolgsmaschinerie Fernsehen, besetzt jede noch so halbwegs erwähnenswerte Randfigur und beginnt gleich montags mit einem Meeting, der die Fronten klarlegt und verhärtet. Showbiz ist kein Spaß, das wissen wir natürlich längst – damals war‘s das aber noch weniger. Zu viele Eitelkeiten, zu viele Köche, die den Brei gerade mal nicht verderben, denn sie sind schließlich Geldgeber, vor denen man buckeln muss. Mittendrin die beiden Stars von damals, die man nicht unbedingt hätte kennenlernen wollen, die aber durch Sorkins feine Klinge der Dialogkunst Wortgefechte als intellektuelle Action verkaufen. Mag sein, dass dies anfangs etwas ermüdet, da all diese Figuren im Grunde überhaupt nicht tangieren. Was viel mehr tangiert, sind aber die Schachzüge einer akkuraten Produktion, die sich keine Fehler erlauben darf, und wenn es auch nur 30 Minuten seichte Unterhaltung sind. Tatsächlich wird dieser Wettlauf mit Medien und Eheglück immer packender, Nicole Kidman zeigt wieder mal, dass sie fest im Sattel der Filmbranche sitzt und Javier Bardem gibt vor allem in seinen Bongo-trommelnden Gesangseinlagen eine verblüffend gute Vorstellung.

Being The Ricardos

Nightmare Alley

DER MENTALIST UND DAS MONSTER

8/10


nightmarealley© 2022 Twentieth Century Fox / The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

CAST: BRADLEY COOPER, CATE BLANCHETT, ROONEY MARA, WILLEM DAFOE, TONI COLLETTE, RICHARD JENKINS, RON PERLMAN, DAVID STRATHAIRN, MARY STEENBURGEN, HOLT MCCALLANY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 30 MIN


Das würde ich wirklich gerne mal machen, und zwar einen Rundgang in Guillermo del Toros schauriger Bude, auch genannt Bleak House, frei nach Charles Dickens und angesiedelt in den Vororten von Los Angeles. Dort wohnt er zwar nicht, aber er geht dorthin, um Ideen zu finden oder sich inspirieren zu lassen. Ich möchte fast sagen, es ist ein Heimkommen in ein inneres Zuhause aus Phantastereien und Alpträumen; ein Metaversum, wenn man so will. All die Räume sind bis zur Decke randvoll mit Monstern, Kuriositäten und Absonderlichem. Mit allem, was seine und andere Filme, die den Mexikaner faszinieren, jemals bevölkert haben. Da ist so viel Zeug, das hat sogar gereicht für eine ergiebige Wanderausstellung quer durch die USA bis hinauf nach Kanada. Vielleicht schafft sie es ja mal nach Übersee, wer weiß. Bis dahin sind del Toros Filme das, was immerhin auch ganz gut als Gruselkabinett funktioniert, aus welchem man allerdings nicht das Heil in der Flucht sucht, sondern fasziniert und an allen Nischen und Erkern innehält, um die bizarre Welt, getaucht in Rot- und Grüntönen, die in der Dunkelheit miteinander verschmelzen, in sich aufzusaugen.

Für diese Welt braucht es Zeit, da geht nichts zackzack. Del Toro muss man genießen wollen und sich nicht verstören lassen von in Spiritus eingelegten Missgeburten, die wie Exponate aus dem Narrenturm indirekt beleuchtet werden, um das Widernatürliche des Körperlichen zu exponieren. Es mag zwar in Nightmare Alley kein Fischmonster in die Wanne steigen, kein Vampir die Zähne fletschen oder eine gehörnte Teufelsbrut coole Oneliner schieben. Doch die Bestien aus seinen Träumen sind auch hier, in einem stringenten, opulenten Meisterwerk der Schwarzen Serie, omnipräsent.  

Guillermo del Toro hat sich eines Romans angenommen, der bereits 1947 erstmals verfilmt wurde: Der Scharlatan von William Lindsay Gresham, der den Aufstieg und tiefen Falls eines Hochstaplers beobachtet, der vorgibt, Mentalist zu sein. Und was für einer: nicht nur kann er angeblich Gedanken lesen und in die Zukunft blicken, sondern vor allem auch mit den Toten kommunizieren. Dabei sieht anfangs alles danach aus, als würde Stanton Carlisle sein Leben nicht mehr auf die Reihe bekommen. Das tut er aber doch, und zwar bei Clem und seinem Wanderjahrmarkt aus Schaustellern, Freakshows und Karussellen. Dort macht er sich nützlich, lernt Tricks und das Lesen von Menschen. Sieht, wie Missgestaltete und Saufbolde als Sensationsbestien missbraucht werden, brennt dann bald durch mit seiner Geliebten, dem Jahrmarktmädchen Molly. Stanton will mehr. Mit seiner Gabe und dem perfekten Betrug die Oberschicht für sich gewinnen und reiche Beute machen. Er wird zu weit gehen, das ist klar. Und er wird einbiegen, in die Allee der Alpträume, die kein Ende hat.

Ein klassischer Film Noir, würde man meinen. Und natürlich mit dazugehöriger Femme Fatale, die Cate Blanchett als gnadenlose und maskenhafte Überzeichnung einer Lauren Bacall zum Versatzstück einer Geisterbahn werden lässt, deren Schein trügt. Es wäre aber nicht Guillermo del Toro, wäre der Film nicht genauso ein seltsames Mischwesen wie seine Kreaturen, die ihn umgeben. Das Publikum wird zum Begaffer eines ganz anderen Bestiariums, das sein großes Vorbild, nämlich Tod Brownings Horrorklassiker Freaks, vor allem in seiner parabelhaften Moral präzise zitiert. Es gibt Szenen und Bilder, die erinnern so frappant an das Schreckensdrama von damals, da gibt’s für mich keine Zweifel. Browning hatte damals mit tatsächlich missgestalteten Menschen gearbeitet, die in einer simplen, aber effektiven Rachegeschichte die finsteren Pläne einer bildschönen Trapezkünstlerin sühnen werden. Auch dort ist ein Jahrmarkt Ort des Geschehens, und auch dort sind niedere Triebe wie die Gier nach Mammon und Wohlstand der Grund dafür, die Gutgläubigkeit anderer zu manipulieren und deren Vertrauen zu missbrauchen. Bradley Cooper alias Stanton tut als Blender nichts anderes als das Schändliche und mutiert zur Kreatur der Nacht mit Vaterkomplex und Hang zum Wahnsinn – ein intensives Spiel, so wie das des gesamten Ensembles des Films, die geben, was verlangt wird, und noch ein bisschen mehr an grimmigem Spuk. In malerische Bilder taucht del Toro sein üppiges Opus Magnum, und schließt mit sicherer Hand den Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gibt.

Nightmare Alley

Der Hochzeitsschneider von Athen

NACH STICH UND FADEN

5/10


hochzeitsschneider© 2021 Neue Visionen Filmverleih


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, BELGIEN, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: SONIA LIZA KENTERMANN

CAST: DIMITRIS IMELLOS, TAMILA KOULIEVA-KARANTINAKI, THANASIS PAPAGEORGIOU, STATHIS STAMOULAKATOS, DAFNI MICHOPOULOU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Oder: Erfolgreiches Business hängt von der derzeitigen Nachfrage ab, egal, ob diese einem selbst in den Kram passt oder nicht. Für diese Erkenntnis braucht der Hochzeitsschneider von Athen, der anfangs noch gar keiner ist, sondern zündteure Herrenanzüge in der Auslage verstauben lässt, einen ganzen Film lang. So wenig Kenntnisse im Marketing? Allein: Es fehlen die Wifi-Kurse und ergänzenden Schulungen, um selbst nicht als arbeitslos in der Statistik aufzuscheinen. Seinen Laden könnte Niko genauso gut schließen, aber da ist immer noch der altehrwürdige Papa, der seinen Traditionsladen so sehr verteidigt wie den Tempelberg in Jerusalem. Eine Institution ist das – die aber keinen mehr interessiert. Nicht zu vergessen: Wir sind in Griechenland, einem Staat, der auf Finanzspritzen aus der EU angewiesen war und durch leere Staatskassen die halbe Bevölkerung in die Verzweiflung getrieben hat. Wo kein Geld, da auch keine Kaufkraft. Nikos Papa ist also ein Relikt aus dem alten Griechenland – den Traditionen verhaftet, aber ohne Sinn für Improvisation. Das, was Alexis Sorbas so gut konnte, scheint der neuen Generation am Peloponnes abhanden gekommen zu sein. Diese zu finden ist jedoch möglich. Niko macht sich auf die Suche. Und variiert das Bibelzitat Berg-Prophet auf praktische Weise.

Laut dem Kinotrailer von letztem Jahr erschien Der Hochzeitsschneider von Athen als liebevoll-schrullige, intelligente Komödie mit dem notwendigen romantischen Zierrat. Und tatsächlich beginnt sie auch als ein lakonisches, schräges Stück mimischer Komödie, die Schauspieler Dimitris Imellos als Hommage an Figuren wie Jacques Tati, Buster Keaton oder Mr. Bean hinter dem Tresen stehen und an seiner akkuraten Kleidung zupfen lässt. Sein Gesichtsausdruck ist dabei stets derselbe, und ändert sich auch im Laufe des Films nicht. Eigenwillig, natürlich. Aber warum nicht. Seltsam nur, dass die ganze Geschichte genauso wenig in die Gänge kommt wie Emilios Gesichtsmuskulatur. Mit einer alles Herr werdenden Phlegmatik probiert das tapfere Schneiderlein neue Geschäftsstrategien, und schon bald bauschen sich tortenähnliche Kleider den Weg zu den Herzen heiratswilliger Frauen. Wer jemals Hand an eine Nähmaschine gelegt und dabei Freude empfunden hat, wird sich diese griechische Textilkomödie sicherlich auf die Watchlist setzen. Und die Idee ist ja vielversprechend – nur ist das stocksteife Spiel des Lebenskünstlers Niko so ziemlich hemmend für ausgelassene Stimmungen und positiven Esprit. Was sich aber mit diesem ungelenken Ausdruck bestens vereint ist der Tonus der Inszenierung. Auch hier bemüht die deutsche Regisseurin Sonia Liza Kentermann einen wohl adrett und knitterfrei gefilmten, aber zugeknöpften Stil, der durch seine fehlplatzierte Introversion die eigentlich charmante Geschichte nicht in Fahrt bringt. Erst am Ende zuckelt der Kleiderwagen befreit über die Landstraßen dahin, aber da ist der Film auch schon aus.

Der Hochzeitsschneider von Athen

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DIE SCHANDE VON FRÜHER

5,5/10


Home© 2021 Weltkino


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2020

BUCH / REGIE: FRANKA POTENTE

CAST: JAKE MCLAUGHLIN, KATHY BATES, AISLING FRANCIOSI, DEREK RICHARDSON, JAMES JORDAN, LIL REL HOWERY, STEPHEN ROOT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Mit ihrer Rolle als rothaarige Lola im Duracell-Betrieb hat sie wohl den Sprung nach Übersee geschafft – Franka Potente war seitdem überall und nirgends, eine schwer zu verortende Schauspielerin, die sowohl an der Seite Matt Damons in Doug Limans Bourne Identität auf großer Leinwand als auch in fragwürdigen Produktionen wie Creep zu sehen war. Tom Tykwer hat sie ebenso besetzt wie Stefan Ruzowitzky oder Ridley Scott in der viktorianischen Düster-Thrillerserie Taboo mit Tom Hardy. Dann war wieder lange nichts, und jetzt plötzlich das! Franka Potente führt nun auch Regie, und zwar wieder in Übersee. Ob sie‘s dort nochmal probiert? Kann ja gut sein.

Jedenfalls nicht temporär, sondern dauerhaft kehrt im Familiendrama Home ein Ex-Knacki an den Ort seiner Jugend zurück, was ja weiter nicht so schlimm wäre, denn das alte zuhause gibt es noch, und die liebe Mama guckt auch noch aus dem Fenster. Nur die ist schon beträchtlich älter als zu dem Zeitpunkt, als Marvin hinter schwedischen Gardinen verschwand. Das Delikt: Mord. In einer Kleinstadt, wie sie in  Home als Location auszumachen ist, bleibt für so ein Vergehen Ächtung auf Lebenszeit, da ist es schließlich egal, ob dieser Jemand für seine Sünden gebüßt hat oder eben nicht. Einmal Mörder, immer Mörder. Dabei fällt mir ein – erst kürzlich gab’s auf Netflix etwas ähnliches, mit Sandra Bullock in der Hauptrolle und unter der Regie von Nora Fingscheidt (Systemsprenger). Bullock war in The Unforgivable ebenfalls eine, die nach rund zwanzig Jahren wieder das Licht der Alltagswelt hat erblicken dürfen. Bei so einem Mord bleiben dem Opfer immer noch genug Angehörige, die Rache schwören. So auch in Franka Potentes kleinstädtischem Reue- und Neuanfangsdrama. Der liebe Gott spielt da auch eine Rolle, und nichtsdestotrotz kann das Gebot der Vergebung plötzlich keiner mehr lesen.

Schön, die großartige Kathy Bates weitab von ihrer Paraderolle in Misery als pflegebedürftige Unterschicht-Raucherin zu sehen. Mit ihren langen grauen Haaren schlurft sie gottergeben und recht desillusioniert über die morsche Veranda des kleinen Eigenheims und weiß das Auftauchen ihres verlorenen Sohnes gar nicht mal richtig zu schätzen. Wohl auch, weil sie ahnt, dass seine Rückkehr unter keinem guten Stern steht. Franka Potente hat für ihr Regiedebüt gleich auch das Script mitgeliefert und sich dabei aber kaum bis gar nicht aus dem Erwartbaren rausgehalten. Über Trauma, Vergebung und Aufarbeitung weiß Potente so einiges zu berichten, und manche Szenen, die nicht nur beschämt die Missstände des White Trash aus den Augenwinkeln betrachten und sich dann weiterbegeben, suchen die Auseinandersetzung, wohlwissend, dass da durchaus Unschönes zum Abbild wird. Da ruht ihr Blick fast so gebannt auf das soziale Dilemma wie bei Nora Fingscheidt – nur tröstet sich Potente mit hollywood’scher Zuversicht über all die Probleme hinweg und überrascht auch keineswegs mit dem, was in diesem Melodrama letzten Endes seinen Weg geht. Ich will nicht sagen, dass es ausgetretene Pfade sind, die hier beschritten werden, und vielleicht bin ich auch in Sachen Menschliches Verhaltens zu zynisch geworden, aber dennoch: Home entwickelt seine Geschichte viel zu sortiert und artig nach moralischem Lehrbuch.

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