Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes (2025)

POSIEREN IM LICHT DER ERKENNTNIS

8,5/10


© 2025 Weltkino Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: EDGAR REITZ, ANATOL SCHUSTER

DREHBUCH: EDGAR REITZ, GERT HEIDENREICH

KAMERA: MATTHIAS GRUNSKY

CAST: EDGAR SELGE, AENNE SCHWARZ, MICHAEL KRANZ, ANTONIA BILL, BARBARA SUKOWA, LARS EIDINGER, SALOME KAMMER, ANNE SCHIRMACHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Was ist ein Portrait? Filmfachlich gesehen eine Charakterstudie, meistens auf Spielfilmlänge, in der versucht wird, das Wesen einer Person zu ermitteln, einzufangen; es umspannt den Prozess des Suchens nach Merkmalen, Stärken, Besonderheiten, Bedürfnissen, Schwächen und Sehnsüchten. Ein Portrait ist keine Biographie, sondern die Betrachtung des Wesens hinter einem Menschen, meist von berühmten Persönlichkeiten aus allen Sparten der Weltgeschichte oder der globalen Gegenwart. Als Portraitfilm geht auch das jüngste der Werke des Altmeisters Edgar Reitz in die Filmgeschichte ein, denn seine im besten Sinne übertragene Wortadaption eines Portraits in einem Portrait ist alleine schon ein nahezu genial zu bezeichnender Ansatz, einer Persönlichkeit näherzukommen, die man längst nicht so vor Augen hat wie zum Beispiel die alten Griechen, Diogenes mit seinem Fass, Sokrates mit seinem Schierlingsbecher oder Physiker Isaac Newton, dem ja, wie wir alles wissen, der Legende nach der Apfel auf den Kopf gefallen war. Wie steht’s aber um Gottfried Wilhelm Leibniz, den Popkultur-Physiker Sheldon aus der Sitcom The Big Bang Theory zumindest ein paarmal namentlich erwähnt hat?

Die Zeit vergeht im Gemälde

Nichts weiß man von ihm, oder zumindest kaum etwas. Selbst Edgar Reitz wusste anfangs wohl auch relativ wenig, also recherchierte er jahrelang für dieses filmische Denkmal, brachte Gedanken, Errungenschaften und Erfindungen alle zusammen – es muss ein Pulk an Informationen gewesen sein, der sich sicherlich nur schwer ordnen ließ. Dennoch hat es der legendäre Autorenfilmer, der für sein monumentales Heimat-Triptychon bekannt wurde, dieses ganze wuchtige Wirken und Leben eines Denkers so sehr komprimiert und veranschaulicht, dass es in einen kleinen, schummrigen Raum passt – in das Arbeitszimmer von Leibniz, mit Glastüre in den Wintergarten und einer Oberlichte, durch die das einzige wahre Licht fällt, das zum Malen eines Portraits geeignet scheint. Wobei wir wieder bei der Frage des Abbildnisses über den Tod hinaus wären, bei der Malerei und dem Verewigen. Dabei gibt es eine Szene, da wirft die begnadet gut mit niederländischem Akzent sprechende Aenne Schwarz die Frage auf, was genau eine Malerei nun abbildet. Den Moment, die Entstehung dieses Moments bis hin zur Vollendung, oder vielleicht auch die Zeit, die es gebraucht hat, um die Mineralien entstehen zu lassen, die für die Farbpigmente letztlich verwendet wurden. Das Bildnis wird so zur Drehscheibe philosophischer Betrachtungen, wobei dieser Begriff wieder erschreckend schwammig daherkommt, weil er zu sehr verallgemeinert.

Wort und Bild im Einklang

Was bei dieser Begegnung zwischen der fiktiven Malerin, deren Namen so klingt wie jener des berühmten Jan Vermeer und die sich anfangs als Mann ausgibt, und dem Geistesriesen und Humanisten Leibniz, der hier wie selten jemand punktgenau die Vernunft verkörpert, alles für Synergien erwachsen, überträgt sich ungefiltert auf ein aufmerksames, zuhörendes Publikum, das zum Glück nicht damit überfordert wird, die Bildgewalt eines auf die große Leinwand projizierten Theaterstücks auch noch in sich aufsaugen zu müssen. Reduktion durch berechnete Opulenz, so könnte man Reitz‘ visuelle Sprache untertiteln. Alleine schon der von Antonia Bill vorgetragene Brief der Charlotte, Königin von Preußen, an ihren liebgewonnenen Gesprächspartner Leibniz zu Beginn des Films öffnet die Tore in eine Zeit, in der man nichts damit gewinnen konnte, seiner Zeit voraus zu sein. Um das scheinbar, aber nur scheinbar strenge Spiel aufzulockern, wählt Reitz am Anfang noch die profane Begegnung mit einem Ignoranten – Lars Eidinger ganz absichtlich entnervt als Maler ohne Selbstreflexion, der mit der Abbildung des redegewandten Diskutanten formidabel scheitert. Und dann Aenne Schwarz, erinnernd an die Barockmalerin Michaelina Wautiers, welcher zur Zeit am Wiener Kunsthistorischen Museum eine Ausstellung gewidmet wird, und ebenfalls ihrer Zeit voraus – eine akribische Visionärin, die im posierenden Denker, der ungerne Perücke trägt, ihren Meister findet. Andersherum findet es genauso statt, beide ergänzen sich, beide beleuchten im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit, die Zukunft, die Gegenwart – all das, was in ein Bild fließen soll.

Ein Gemälde blickt auf die Welt

Wenn Michael Kranz als des Hofrats rechte Hand in den dunklen Raum jenseits der Tapetentür dringt, um das Denken von Leibniz zu extrahieren, erinnert das fast an das Denkarium von Professor Dumbledore aus Harry Potter – das Mysterium des Denkens und Ahnens tut sich auf, und genauso mysteriös und auf einer gewissen Metaebene existierend entfaltet sich Sprache, Licht und Pigment zu einem berührenden Sinnesrausch nahe an der Geschichte, nahe am Tod und an der Ewigkeit, ermöglicht durch ein Gemälde, dass wir, wie die Welt, auch nur erahnen können.

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes (2025)

Flow (2024)

WENN TIERE DEN HUMANISMUS PROBEN

7/10


© 2024 Polyfilm


ORIGINALTITEL: STRAUME

LAND / JAHR: LETTLAND, BELGIEN, FRANKREICH 2024

REGIE: GINTS ZILBALODIS

DREHBUCH: GINTS ZILBALODIS, MATĪSS KAŽA

MUSIK: RIHARDS ZAĻUPE

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Das Ganze ist wie ein Traum. Niemand weiß, wo genau sich dieses Szenario abspielt, niemand weiß, ob es jemals Menschen waren, die diesen seltsamen Planeten, der unserer Erde so sehr ähnelt und dann wieder doch nicht, besiedelt hatten. Klar ist: Eine Zivilisation, gleich der unseren, ist der großen Katastrophe erlegen. Es scheint, als wäre die biblische Sintflut über alles und jeden gekommen, der sich selbst keine Arche gefunden hat. Und selbst an den höchsten Punkten dieser Welt glänzt das menschenähnliche Individuum durch Abwesenheit. Was passiert war, lässt sich nicht herausfinden. Was vorher war, auch nicht. Was ist, das sehr wohl: Eine Welt ohne uns, ohne Dualität, ohne Niederträchtigkeit, Gier, Krieg und Elend. Eine Art Eden kehrt zurück, nachdem das Wasser den Unrat einer schweren Zeit fortgespült hat. Was bleibt, ist die Fauna. Eine schwarze Katze zum Beispiel, namen- und wortlos, schnurrend, miauend, fauchend maximal. Das kleine Wesen versucht zu überleben, stößt dabei auf einen Hund, verliert diesen wieder aus den Augen, trifft dann, nachdem alles in den Fluten versinkt, auf ein kleines Segelboot, in dem ein gemütliches Capybara hockt und den Neuankömmling anfangs noch kritisch beäugt, dann aber akzeptiert. Die trockene Nussschale dient bald noch anderen Individuen als Schutz vor den Unwirtlichkeiten der Natur, unter anderem einem Katta und einem storchenartigen Vogel, der sehr an einen Sekretär erinnert, nur ohne dessen Färbung.

Bizarre Felsnadeln ragen in den Himmel, versunkene Städte erinnern an Venedig, zerstörte Boote an den vergeblichen Versuch einer Zivilisation, zu überleben. Und dann wagt Regisseur Gints Zilbalodis (Away – Vom Finden des Glücks) seine große gesellschaftsphilosophische Betrachtung, indem er seine zusammengewürfelte Gruppe unterschiedlichster Lebensformen einer intuitiven probe unterzieht. Allen voran stellt er die Frage: Was bewegt eine diverse Gesellschaft, aus ihrer Existenzblase zu treten, um miteinander zu kooperieren? Ist es das Chaos? Ist es die Heimatlosigkeit? Der Motor einer kognitiven Evolution tritt in Kraft. Im Grunde ist es doch so, das, würde die Welt in ihrer Ordnung verharren, keines dieser Tiere aufeinander zugehen würde. Tiere sind Spezialisten, sie entwickeln keine Toleranz und interagieren unterstützend innerhalb ihrer eigenen Art. Dann aber die Katastrophe, das Übergreifen aus dem eigenen Radius hinaus in jenen der anderen. Was entsteht, ist Altruismus, Faktoren des menschlichen Zusammenlebens und der Akzeptanz. Einheit trotz oder gerade durch Vielfalt – Flow macht dabei nicht den Fehler, Katze, Hund und Co zu vermenschlichen, sondern lässt sie in ihrem tierischen Verhalten fest verankert, während der humanistische Faktor lediglich hinzukommt. Man könnte natürlich Entertainment-Werke wie Madagaskar als weiteres Beispiel nennen, auch hier muss eine tierische Gruppe aus Löwe, Giraffe, Zebra, Nilpferd und Pinguin eine Zweckgemeinschaft eingehen, doch hier ist es vorrangig der Kalauer und die vermenschlichte Darstellung der Tiere mitsamt zeitgemäßer Phrasendrescherei. Madagaskar führt da auch nichts anderes im Schilde als Spaß haben zu wollen, während Flow auffallend mehr erzählt, es kehrt Orwells Farm der Tiere um, schafft Zuversichtlichkeit und Vertrauen in einer unberechenbaren Welt, in der nichts mehr so ist, wie es einmal war. Auch Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger ließe sich vergleichen, nur ohne menschlichem Faktor als Person – dieser offenbart sich lediglich als Idee.

Darüber hinaus begeistert Flow nicht nur dank seiner diversitätsbejahenden Botschaft, sondern ist dank seiner farbsatten, dynamischen Bildwelten, die dank der entschleunigten Kamera in sich ruhende Momente der Betrachtung zulässt,  für die große Leinwand gemacht. Das Wasser gluckert, sprudelt, fließt, der Wind bläst, der Hund bellt, das Capybara grunzt, der Vogel kreischt. Sie alle haben ihre Art zu kommunizieren, und auch wenn sie sich untereinander kaum verstehen, so ist es die Geste des Respekts, der sie alle weiterbringt. In dieser universellen filmischen Botschaft kann man sich verlieren und treiben lassen. Denn niemand geht in dieser und in anderen Welten jemals verloren.

Flow (2024)

Nawalny (2022)

DER VERZWEIFELTE KAMPF DES GUTEN

8,5/10


© 2022 Niki Waltl / Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: DANIEL ROHER

DREHBUCH: ODESSA RAE, SHANE BORIS, MARIJA PEWTSCHICH

BESETZUNG: ALEXEI NAWALNY, JULIJA BORISSOWNA NAWALNAJA, CHRISTO GROSEW, DASHA NAWALNAJA, ZAKHAR NAWALNY, MARIJA PEWTSCHICH, LEONID WOLKOW U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Am Ende liegt er sterbend auf dem Schlachtfeld, alleine und mit der Wut des Gerechten in den Eingeweiden. Wohlwissend, bis zuletzt für das Gute gekämpft zu haben. Gegen Machtmissbrauch, gegen Unterdrückung, gegen Verfolgung, Mord und Kerker. Für die Freiheit der Meinung und der schillernden Vielfalt des Lebens. Egal wie, egal mit wem. Da kann es einem noch so erschwert werden, die genauen Umstände von Alexei Nawalnys Ableben herauszufinden: Zählt man eins und eins zusammen, wird sonnenklar, dass Putins größter und einflussreichster Gegner gezielt beseitigt wurde.

Heuer, am 14. Februar 2025, jährte sich Nawalnys Todestag zum ersten Mal. Dessen Witwe, Julija Borissowna Nawalnaja, versucht seitdem aus dem Exil heraus, das russische Regime zu bekämpfen. Die Nachrichten berichten davon wenig. Dort kommt nur zur Sprache, was die Gemüter der Weltbevölkerung tangiert, vorzugsweise die politische Horrorgroteske um Trump sowie das Erstarken und Nicht-Erstarken faschistoider Gruppierungen in Europa. Umso wichtiger sind Dokumentationen wie diese, die Enthusiasmus, Willensstärke und Vehemenz genug besitzen, um ein Thema so weit zusammenzufassen, dass es zum Pflichtpogramm für jene wird, die Aufklärung benötigen, die sich weiterbilden müssen und in deren Händen die Zukunft einer Menschheit liegt, die sich durch Freiheit, Gleichheit und die Vernunft des Bescheidenen auszeichnet.

Auch all die anderen, die sich ohnehin unabhängig von allen Narrativen informieren wollen, und wissen, was Nawalny für einen Kampf geleistet hat, sollten den Oscar-geadelten Dokumentarfilm aus 2023 auf dem Schirm haben. Oder bestenfalls gehabt haben. Der Aktivist selbst kommt oft zu Wort, er sitzt während der Covid-Pandemie in einem nachgebildeten Café der Black Forest Studios im Schwarzwald und berichtet vom Drama seiner Vergiftung. Soviel gaben auch die Medien preis: Denn 2020 wurde das Nervengift Nowitschok dem Politiker beinahe zum letalen Verhängnis. Allerdings nur beinahe. Er konnte genesen und die Zeit nutzen, um mithilfe der Rechercheplattform Bellingcat herauszufinden, wer wohl hinter diesem perfiden Mordversuch stecken könnte. Spätestens da wird der Film zum hochspannenden und unfassbar erschreckenden Investigationsthriller, der so manches fiktive Studiowerk weit abgeschlagen zurücklässt.

Wie es Daniel Roher gelingt, Alexei Nawalny nicht von der Seite zu weichen, bei emotional Privatem nicht aufzufallen und gerade jene denkwürdigen und ausschlaggebenden Momente mitzufilmen, die das russische Regime als Mord-Maschinerie entlarven, sieht man in diesem Genre mitunter äußerst selten. Meist versuchen sich selbst ins Licht der Kamera rückende Alleinunterhalter wie Michael Moore der spektakulär inszenierten Wahrheit auf den Grund zu gehen. Daniel Roher macht das anders. Sein Star ist nicht er selbst, sondern der Held des Jahrzehnts. Er lässt ihn tun und machen, hält die Kamera drauf; kann womöglich, im Moment der Entlarvung, selbst kaum glauben, was er da gerade dokumentiert. Es ist ein Gänsehautmoment, der die Tatsache als Schreckgespenst darstellt, das von Nawalny gebändigt wird. Ein Triumph, diese Szene. Ein Triumph, dieser Film.

Umso tragischer der nicht mehr darin enthaltene, sondern in den Medien dokumentierte Epilog von Nawalnys Verhaftung, des Prozesses, der Inhaftierung und des Todes zwei Jahre später. Trotz der schmerzlichen Niederlage hat dieser Verfechter für das Gute in Kooperation mit dem so wichtigen Medium Film die Welt zwar zu einem noch traurigeren, jedoch die Dinge besser begreifenden Ort gemacht.

Nawalny (2022)

Feinfühlige Vampirin sucht lebensmüdes Opfer (2023)

BLUTJUNG DURCH DIE NACHT

8/10


Humanist Vampire Seeking© 2023 H264

ORIGINALTITEL: HUMANIST VAMPIRE SEEKING CONSENTING SUICIDAL PERSON

LAND / JAHR: KANADA 2023

REGIE: ARIANE LOUIS-SEIZE

DREHBUCH: ARIANE LOUIS-SEIZE, CHRISTINE DOYON

CAST: SARA MONTPETIT, FÉLIX-ANTOINE BÉNARD, STEVE LAPLANTE, SOPHIE CADIEUX, NOÉMIE O’FARRELL, MARIE BRASSARD, ARNAUD VACHON, PATRICK HIVON U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Von wegen seelenlose Böslinge: Vampire sind von dämonischen Mächten verfluchte Gestalten, die sehr wohl zu allerlei Empfindungen fähig sind. Das einzige Problem: Sie können eben nicht anders, und müssen, um selbst zu überleben, anderen wehtun. Wie Raubtiere, nur menschlich. Doch wie menschlich können Bram Stokers Blutsauger denn überhaupt noch sein? Wie sehr erinnern sie sich noch an ihren Urzustand als sterbliches Individuum, sofern sie nicht ohnehin schon als Vampir auf die Welt gekommen sind? Lässt sich ein Gewissen ausprägen wie jenes, welches die kleine Sasha verspürt? Gerade mal zu ihrem 68. Geburtstag gibt’s ein ganz besonderes Geschenk: einen menschlichen Partyclown, den die ganze Sippschaft als Highlight des Tages gemeinsam ausschlürfen darf. Auch Sasha soll langsam von Blutkonserven auf Selbstfang umerzogen und vorbereitet werden – doch das untote Mädchen weigert sich. Die feinfühlige Vampirin, von welcher schon im Titel die Rede ist, bringt es nicht übers Herz, unschuldige Sterbliche zu ermorden, auch wenn es dabei ums eigene Überleben geht. Mit dem Latein am Ende, wird Sasha an ihre ältere Cousine übergeben, die ihr zeigen soll, wo und wie geerntet wird. Als alles danach aussieht, als würde das Mädchen sich lieber selbst als andere tilgen, macht sie die Bekanntschaft mit dem depressiven Paul, der nichts lieber tun würde als seinem eigenen Leben ein Ende zu bereiten. Noch dazu, wenn es anderen zum Vorteil gereicht.

Man kann sich vorstellen, welchen Pakt die beiden jungen Gestalten eingehen werden. Wenn einer gibt, kann der andere nehmen. Doch so einfach scheint nicht mal das zu sein. Denn zwischen Sasha und Paul entwickelt sich sowas wie Zuneigung und Respekt vor den Prinzipien des jeweils anderen. Und nicht nur das: Es könnte sogar sein, als entspänne sich obendrein eine kleine Romanze, wenn die Vampirin ihr Opfer zu sich nachhause einlädt, um der Lieblingsschallplatte zu lauschen. Eine Szene, die zu den unvergesslichsten des Films zählt – lakonisch und liebevoll.

Wer sich noch an Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive mit Tilda Swinton und Tom Hiddleston erinnern kann, sieht in Feinfühlige Vampirin sucht lebensmüdes Opfer eine gewisse Verwandtschaft. Das liegt vorallem an Sara Montpetit, die als so blasses wie zartes Geschöpf der Nacht, die den Look von Wednesday Addams und Sheila Vand als Vampirin aus A Girl Walks Home Alone at Night trägt und mit minimaler Mimik eine ganze Bandbreite an Emotionen präsentiert. Mit ihr hat Ariane Louis-Seize in ihrem Langfilmdebüt dem Genre des Vampirfilms erfrischend unkitschige Vibes hinzugefügt. La Boum für Nachtgestalten, mit Anlehnung an den Kosmos von Anne Rice, die mit der Thematik humanistischer Zähnefletscher Louis-Seize vielleicht sogar inspiriert hat. Und auch wenn die Idee nicht unbedingt neu ist – die Balance zwischen Komödie und atmosphärischem Vampirfilm zu finden, ohne seine Figuren jemals auch nur ansatzweise der Lächerlichkeit preiszugeben, zeugt von einem empathischen Inszenierungsstil und viel Liebe für all die schrägen und todessehnsüchtigen Charaktere. Félix-Antoine Bénad als Möchtegern-Selbstmörder Paul ist ebenfalls eine Entdeckung, er wäre in Harold and Maude wohl eine treffsichere Wahl für ersteren gewesen. Doch statt der alten Dame ist es diesmal ein mysteriöses Mädchen – beide zusammen sind wohl eines der erquicklichsten Paare des Filmjahres. Und wenn beide dann versuchen, das Beste aus ihrer misslichen Lage zu machen, ohne ihre Ideale zu verraten, strotzt der Film nur so vor Cleverness.

Das ganze Twilight-Franchise ist im Gegensatz zu dieser samtschwarzen, urbanen Mär einer Zuneigung lediglich die Behauptung einer empfundenen Romanze. Diese zarten Bande, die hier geschlossen werden, sind dem feingeistigen Understatement eines Vampir-Daseins würdig. Inklusive nadelspitzer Eckzähne. Denn ohne die geht es nicht. Oder doch?

Feinfühlige Vampirin sucht lebensmüdes Opfer (2023)

Green Border (2023)

MENSCHEN OHNE RECHTE

6/10


greenborder© 2023 Piffl Medien / Agata Kubis


LAND / JAHR: POLEN, TSCHECHIEN, FRANKREICH, BELGIEN 2023

REGIE: AGNIESZKA HOLLAND

DREHBUCH: AGNIESZKA HOLLAND, GABRIELA LAZARKIEWICZ-SIECZKO, MACIEJ PISUK

CAST: JALAL ALTAWIL, MAJA OSTASZEWSKA, TOMASZ WLOSOK, BEHI DJANATI ATAI, MOHAMAD AL RASHI, DALIA NAOUS, PIOTR STRAMOWSKI, JAŚMINA POLAK, MARTA STALMIERSKA, AGATA KULESZA U. A.

LÄNGE: 2 STD 27 MIN


Über zweieinhalb Stunden reichen fast nicht, um Schicksale wie diese zu erzählen. Es sind Zustände, die an die finsterste Zeit in Europa erinnern – oder die Dystopie eines totalitären Polizeistaates vorwegnehmen, der Polen vielleicht einmal sein wird. Das ganze Szenario in Schwarzweiß zu halten, trägt nicht unwesentlich dazu bei, auch an Steven Spielbergs Schindlers Liste zu erinnern, der von einer Zeit berichtet, in der Menschen wie Vieh behandelt, entrechtet und enteignet wurden. Misshandelt, ermordet – und keine Träne nachgeweint. So sehr das auch nach Drittem Reich klingt: Ein lebendiges, denkendes Wesen so zu behandeln, als wäre es minderwertig – diese Klaviatur des Grauens spielt es immer noch. Und zwar nicht irgendwo im tiefsten Afrika, in Russland oder im Nahen Osten. Solche Töne schlägt man an der Außengrenze der ach so liberalen, alles und alle verbindenden Europäischen Union an, wenn syrische, afghanische oder Flüchtlinge von sonst wo ihr Leben aufs Spiel setzen, um dieses zu schützen. Sie gehen nicht den Weg der bürokratischen Ordnung, sondern stehlen sich über die grüne Grenze zwischen Weißrussland und Polen – das geht schneller, ist einfacher, und wenn man die entsprechenden Verbindungen spielen lässt, die Verwandte, die es bereits geschafft haben, in petto haben, könnte der Traum vom sicheren Leben Wirklichkeit werden. Denn Sicherheit, ein Dach über dem Kopf, zu trinken, zu essen und zu schlafen – sind Grundbedürfnisse des Menschen, die gewährleistet werden müssen. Das sagt nicht nur die UN Menschenrechtserklärung, das sagt auch der Menschenverstand, sofern er nicht vom autoritären Populismus so weit durchgeknetet wurde, um dann einer Doktrin zu folgen, die man kaum für möglich hält, würde man es nicht mit eigenen Augen sehen.

Unsereins im sicheren Nest irgendwo geborgen in Österreich oder Deutschland, mit garantiertem Einkommen, Wohlstand und zum Bersten gefüllten Supermärkten – wir bekommen solche Zustände gerade mal wohldosiert über die täglichen Nachrichten mit. Und auch dann nur, wenn diese die Freiheit genießen, unabhängig zu berichten. Das ist längst nicht selbstverständlich, man muss schließlich nehmen, was man vorgesetzt bekommt. Oder man fährt selbst dorthin, an den Ort des Geschehens, um sich ein Bild zu machen, ohne Zensur, ohne Propaganda, sondern direkt, echt und schrecklich.

In dieses Grauen wirft sich Agnieszka Holland mit allem, was sie zur Verfügung hat. Als wäre sie eine Korrespondentin vor Ort, folgt sie einer sechsköpfigen Familie auf Schritt und Tritt, von den Sitzplätzen im türkischen Billigflieger bis zum Stacheldrahtzaun, der mehr schlecht als recht die grüne Grenze markiert. Ökotouristen hätten mit dieser Waldgegend wohl eine helle Freude – die Biomasse ist enorm, Elche und Wölfe lassen sich sehen, zwischen den flechtenbewachsenen Bäumen kilometerweit nur Sumpf und Morast, in dem man leicht versinken kann. Außerdem ist es bitterkalt, Wasser ist knapp, zu essen gibt es nichts, und der Akku des Smartphones ist leer. Als die Familie polnischen Boden erreicht, werden sie aufgegriffen und nach Belarus zurückgeschickt. Es ist schmerzlich, mitanzusehen, wie schwangere Frauen Kartoffelsäcken gleich über den Drahtverhau geschmissen werden. Wie andere getreten, schikaniert und eingeschüchtert werden. Betroffenheitskino par excellence schafft Holland hier aufzuziehen, nah am Menschen, die Kamera herumwirbelnd, das Elend einfangend, als wäre ihr Film nicht fiktiv, sondern reine Dokumentation.

Dass Green Border eben alles ist, nur keine True Story, erkannt man an dem Bedürfnis, alles anzureißen und nichts auszulassen – Keine Sichtweise, kein Schicksal, kein noch so tragisches Ereignis. Zweifelsohne macht die Machtwillkür der bösen Grenzsoldaten, die fast alle indoktriniert wurden, einfach nur wütend, man wünscht ihnen alles nur erdenklich Schlechte und könnte sich selbst motiviert fühlen, wäre man einer ähnlichen Situation ausgesetzt, mit den Aktivisten gemeinsame Sache zu machen. Die Lust an der Rebellion ist das, was Holland entfacht. Die Wut, die Ohnmacht, es ist schlichtweg eine Schande, diesen Missstand ertragen und mittragen zu müssen. Den obligaten Umdenker bei den Grenzschützern gibt es aber dann doch. Genauso wie die selbstlose Lebensretterin, die für ihren Mut alles aufs Spiel setzt. Es gibt die, die sich aus blinder Verzweiflung, aber auch völlig grundlos den Löwen zum Fraß vorwerfen und den Lichtstreifen am Horizont.

Green Border will alles sagen, alles erwähnen, nichts schuldig bleiben, scheint dann aber bald unter seiner Last zusammenbrechen. Überambitioniert und anklagend donnert das wuchtige Werk über den Zuseher herein, der nicht weiß, wohin mit seiner Entrüstung, der sich irgendwann davon distanzieren muss, und die Chance ergreift, aus dieser Distanz eine gewisse reisserische Plakativität zu erkennen, eine pflichterfüllende Agenda, um als humanitäres Manifest zu funktionieren. Das alles ist rechtschaffen und völlig richtig, packend auch und verstörend. Vielleicht aber hätte ein Blickwinkel gereicht, vielleicht wäre es auch besser gewesen, den Film in Farbe und nicht in Schwarzweiß anzulegen, um so diesem Werk mehr von seiner künstlerischen Distanz zu nehmen. Filme wie der ukrainische Klondike, der eine kleine Geschichte aus nur einer Perspektive erzählt und gelegentlich mit Metaphern spielt, hat letztlich mehr Wirkung als die radikale Direktheit eines aus den Fugen geratenen Universaldramas.

Green Border (2023)

The Whale (2022)

DAS GUTE IM MENSCHEN

7,5/10


thewhale© 2022 Courtesy of A24


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: DARREN ARONOFSKY

BUCH: SAMUEL D. HUNTER, NACH SEINEM GLEICHNAMIGEN BÜHNENSTÜCK

CAST: BRENDAN FRASER, SADIE SINK, HONG CHAU, TY SIMPKINS, SAMANTHA MORTON, SATHYA SRIDHARAN

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Wäre ich Darren Aronofsky, wäre mir womöglich nie in den Sinn gekommen, diese exorbitant schwierig zu gestaltende Rolle des adipösen Charlie in The Whale mit einem wie Brendan Fraser zu besetzen. Berühmt und bekannt geworden ist dieser doch schließlich mit mittlerweile etwas angestaubten Schenkelklopfer-Komödien wie Steinzeit Junior oder George – Der aus dem Dschungel kam. Später war’s dann das Mumien-Franchise. Und erst kürzlich habe ich mir den Abenteuerklassiker aus den Neunzigern wieder zu Gemüte geführt. Ja, er funktioniert immer noch. Und Fraser ist nach wie vor einer wie Indy. Doch der Weg zum bitteren Drama ist ein weiter. Wie also kam Aronofsky auf Fraser? In Hollywood kennt wahrscheinlich ohnehin ein jeder jeden, vielleicht sind die beiden befreundet. Einer wie Aronofsky experimentiert wohl gerne mit Akteuren, die man unterschätzt und wagt die Probe aufs Exempel. Und siehe da: Sein Riecher war ein guter. Brendan Fraser versteckt seine eigentliche Physiognomie in einem kiloschweren Fatsuit, sein Gesicht aber bleibt weitestgehend frei von Silikon. Man blickt direkt ins Konterfei des Schauspielers, man sieht seine Mimik, man erkennt jede noch so kleinste Emotion. Seine Performance ist wohl eines der zärtlichsten und authentischsten Akts der letzten Zeit.

Bei Aronofsky ist aber auch klar, dass er nicht darauf aus ist, sein Publikum in gefälliger Sicherheit zu wiegen. Das auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Samuel D. Hunter basierende Kammerspiel scheut sich nicht davor, seinen geschundenen, gejagten und letztlich gestrandeten Wal an die Grenze seiner autoaggressiven Exzesse zu bringen. Er lässt diesen Giganten schwitzen, weinen, erbrechen. Er lässt ihn fressen und stürzen. Doch er lässt ihn niemals den Glauben an die Menschheit verlieren – obwohl dies das Naheliegendste wäre, was sich angesichts einer gescheiterten Figur wie Charlie annehmen ließe. Der Literaturprofessor, der nur im Homeoffice via Online-Meeting mit seinen Schülern kommuniziert, ohne dass die ihn sehen, hat sich nach dem Tod seines Partners Alan nicht mehr aufrappeln können. Die Folge war Adipositas im Endstadium. Natürlich erinnert sein Auftreten an Darlene Cates in Lasse Halströms Gilbert Grape – irgendwo in Iowa, die als Johnny Depps Filmmutter ebenso schwer bis gar nicht aus dem Sofa kam wie Frasers Figur des Charlie. Der hat seinen geistigen Scharfsinn und seinen Anstand nie verloren. Genauso wenig wie den Ekel vor sich selbst und seinem Scheitern. Ganz oben auf der Liste der Versäumnisse steht Tochter Ellie (Sadie Sink aus Stranger Things), die Charlie, als sie noch Kind war, verlassen hat. Ellie ist im schlimmsten Teenageralter, hasst ihren Vater, kreuzt aber dennoch bei ihm auf. Scheint nur Böses im Sinn zu haben, denkt destruktiv und manipuliert andere. Und dennoch: Ihr Vater sieht nur Gutes in ihr – so wie in jedem Menschen. Diese Empathie wird wie die Hoffnung das letzte sein, was stirbt.

Da ist dieser wache Geist, diese ruhige Stimme. Dieses Gutmütige, Verständnisvolle. Die Figur des Charlie wird zu einer Metaebene von Moby Dick – dieser Roman und sein Essay zieht sich begleitend durch das ganze Szenario. Dabei stellt sich heraus, dass die adipöse Leidensfigur Meeressäuger und Kapitän Ahab zugleich ist. Der Selbsthass wird zu einem vernichtenden Kreislauf führen – die wenigen Menschen, die die letzten Tage seines Lebens teilen, können nur zusehen und mit ihrem Altruismus letztlich nicht zu ihm durchdringen, da dieser doch nur zu ihrem Selbstzweck dient. Charlie hingegen schenkt den Rest seines missglückten Lebens seiner Tochter. Er ist der Einzige, der weitergeht, sich selbst versenkt, um andere aus dem Wasser zu ziehen.

Natürlich fühlen sich für den Film adaptiere Bühnenstücke letztlich immer so an, als wären wir im Theater. Die Dialogregie ist anders, die Gespräche dichter. Die Emotionen, Stimmungen und Intonationen wechseln im klugen Rhythmus, um das Publikum bei der Stange zu halten. So ein Drama ist sprachlich komplex – und Aronofsky erfindet und interpretiert nichts dazu. Sein im Kern wunderschönes Requiem versinkt niemals im Selbstmitleid, obwohl der Himmel jenseits der düsteren Bude stets seine Schleusen öffnet. Sein Film ist finster und gleichzeitig strahlend hell, wenn Charlie über Sein und Nichtsein sinniert. Das Abstoßende in The Whale wird zum Teil eines inneren Kampfes, in dem es längst nicht mehr um den geht, der kämpft. Trotz dieser Selbstaufgabe trägt The Whale etwas ungemein Positives in sich – wenn man Charlie doch nur umarmen könnte, wenn dieser doch nur Teil des eigenen Lebens wäre. Es wäre eine Bereicherung. Nicht für ihn, aber doch für die anderen.

The Whale (2022)

Living (2022)

DER LETZTE VORHANG FÄLLT AM BESTEN

7/10


living© 2022 Number 9 Films Ltd.


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: OLIVER HERMANUS

BUCH: KAZUO ISHIGURO

CAST: BILL NIGHY, AIMEE LOU WOOD, ALEX SHARP, TOM BURKE, ADRIAN RAWLINS, MICHAEL COCHRANE, HUBERT BURTON, OLIVER CHRIS, OLIVER SMILES, FFION JOLLY U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Irgendetwas scheint der alte Mann Zeit seines Lebens übersehen zu haben. Nämlich dessen Sinn im Auge zu behalten. Um das noch zu ändern, könnte es fast schon zu spät sein. Das wäre es mit Sicherheit auch gewesen, wäre Mr. Williams, Angestellter in der London County Hall für Bauwesen und Stadtplanung, nicht mit einer Nachricht konfrontiert worden, die seine Prioritäten umordnen wird. Wie so meist und so oft fängt man selbst erst an, über das eigene Sein nachzudenken, wenn der Tod an die Tür klopft. Die Endlichkeit der Existenz, vor allem das Bewusstwerden dieser, vermittelt dann erst ihren Wert. Doch was verkörpert diesen? Genau dieser Frage will Mr. Williams in den letzten Monaten, die ihm noch bleiben, nachgehen. Als penibler, überpünktlicher, ehrenwerter Gentlemen im Nadelstreif und mit Melone auf dem Kopf, ist er zumindest anfangs noch die personifizierte Bürokratie. Als Abteilungsleiter liegt ihm die Ablage diverser Anträge bis auf unbestimmte Zeit am nächsten. Von seiner Untergebenen Miss Harris liebevoll-ironisch als Mr. Zombie bezeichnet, tut er auch tatsächlich genau das, um diesem Kosenamen alle Ehre zu machen. Fast scheint es, als spüre er sich selbst nicht mehr und lebt nur die Fassade eines perfekt scheinenden Lebens – bis eben die Diagnose Krebs einen anderen Menschen aus ihm macht.

Basierend auf dem in den Fünfzigerjahren erschienenen japanischen Psycho- und Gesellschaftsdrama Ikiru von Akira Kurosawa, hat sich Oliver Hermanus das von Kazuo Ishiguro leicht überarbeitete und ins England der Nachkriegsjahre transportiere Drehbuch zu Herzen genommen und mit Bill Nighy einen Charakter gefunden, der die phlegmatische Seite eines Mr. Scrooge verkörpert, nur eben deutlich weniger geizig, nicht unfreundlich, aber distanziert zu seinen Mitmenschen, doch auf eine gewisse Weise ihnen gegenüber ignorant. Dieser in sich gekehrte graue Mann hat Potenzial, das merkt man. Das sieht und spürt man. Die junge Miss Harris, entzückend und unendlich liebevoll dargeboten von Aimee Lou Wood, die dem leise vor sich hinhauchenden Nighy fast schon die Show stiehlt, scheint den Funken in diesem versteinerten Individuum an Correctness als erste zu entdecken. Sie wird auch die Einzige sein, die von dessen Schicksal erfährt. Wie ein Engel, aber nicht der vergangenen, sondern der zukünftigen Weihnacht, scheint sie in Mr. Williams eine bislang unentdeckte Tatkraft zu mobilisieren.

Diesem Erweckungsmärchen zu folgen, zahlt sich aus. In den Momenten, wenn Nighy seiner Muse des späten Lebens sein Empfinden von der Welt anhand eines Gleichnisses der Kinder auf einem Spielplatz auf den Punkt bringt, gerät Living zu einer herzergreifenden und unkitschig melancholischen Selbstreflexion, die auf unkomplizierte, wohltuend einfache Weise bestätigt, worauf es im Leben ankommt. Diese Gespräche sind das Salz in der Suppe, und wenn der sich behutsam bewegende, kummervoll dreinblickende Nighy zu einem traurigen Lied aus seiner Kindheit anstimmt, ist der Scrooge-Effekt von Dickens Bekehrung auch hier zu finden, samt Gänsehaut-Garantie.

Living lebt durch alle Szenen hinweg eine sehr britische Mentalität und entwickelt sich zu einem ungewöhnlichen Männerdrama, in welchem die weibliche Figur der Miss Harris aus einer anderen Dimension in den Kosmos zugeknöpfter Männlichkeiten eindringt wie eine Lichtgestalt. Was Nighy dann daraus macht, ist nur in Rückblenden zu sehen, die ganz am Ende Resümee ziehen. Die Botschaft, die vermittelt wird, ist eine, die wir natürlich alle kennen. Mit dem eleganten Briten, der noch dazu singt, wird das Remake eines Klassikers zu einem unpeinlichen und positiv konnotierten Rührstück.

Living (2022)

Argentina, 1985 (2022)

NÜRNBERG WAR AUCH ANDERSWO

7/10


argentina1985© 2022 Amazon Studios


LAND / JAHR: ARGENTINIEN, USA 2022

REGIE: SANTIAGO MITRE

BUCH: MARIANO LLINÁS, SANTIAGO MITRE

CAST: RICARDO DARÍN, PETER LANZANI, GINA MASTRONICOLA, FRANCISCO BERTÍN, SANTIAGO AMAS ESTEVARENA, ALEJANDRA FLECHNER, NORMAN BRISKI, GABRIEL FERNANDEZ CAPELLO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


Versteckt im Angebotssortiment der Flatrate von Amazon Prime findet sich ein Film, der gute Chancen hat, bei den diesjährigen Oscars den Goldjungen für den besten internationalen Film mit nach Argentinien zu nehmen: Die Rede ist von Argentina, 1985, einem akkurat inszenierten Politdrama, das so ungefähr in jene Richtung geht, die seinerzeit Stanley Kramer mit Das Urteil von Nürnberg eingeschlagen hatte. Der für elf Oscar nominierte Streifen konnte einen für Maximilian Schell gewinnen, den anderen für das beste adaptierte Drehbuch. Letzteres ist wahrlich kein Wunder: Nazis bei ihrem verzweifelten Versuch zuzusehen, wie sie ihr bizarres Weltbild erörtern, hat schon etwas Verstörendes, abgesehen von den vielen niederschmetternden und an die Nieren gehenden Aussagen scheinbar unendlich vieler Zeugen, die allesamt das System hinter den Gräueln bestätigen konnten.

Was in Europa in den 30er und 40er-Jahren passiert war, gab es in abgewandelter, aber nicht minder heftiger Form auch in Argentinien – da riss in den 70erjahren das Militär die Macht an sich und errichtete eine Schreckensherrschaft aus Überwachung, Entführung, Verhör, Folter und Mord. 1983 war dann Schluss damit. Wie es zu diesem Befreiungsschlag kam, darauf geht Argentina, 1985 eigentlich nicht ein. Man muss jedoch, als nicht ganz so mit profundem Südamerika-Wissen ausgestatteter Zuseher, diesen Umstand nicht unbedingt kennen. Um hier noch tiefer in die Materie einzusteigen – dafür gibt es zahlreiche Dokumentationen, die man gerne begleitend sichten kann. Man muss es aber nicht. Argentina, 1985 funktioniert losgelöst von der restlichen Geschichte eines Landes, da der Film in seinem Bestreben, abzubilden, wie man Verbrechen an der Menschlichkeit ahnden kann, durchaus als universell gilt. Verbrechen wie diese gab und gibt es überall auf der Welt. Wer als Volk durch so eine Hölle ging, kann sich im Nachhinein nur noch darum bemühen, es nie wieder so weit kommen zu lassen.

Um ordentlich Gerechtigkeit walten zu lassen, wurde ein Jahr vor dem großen Prozess der Bundesanwalt Julio Strassera engagiert. Was zur damaligen Zeit besonders überrascht: der faschistische Sumpf ist da noch längst nicht trockengelegt, Anhänger hat das abgesägte Militär immer noch genug. Dieses Paradoxon lässt sich auch schwer nachvollziehen, doch wie auch immer: aufgrund dieses Engpasses an Integrität muss Strassera sein Team aus völlig unerfahrenen, aber hochmotivierten Justiz-Anfängern zusammenstellen, was ihm letzten Endes aber zum Vorteil gereichen sollte. Dieser erfrischenden, unverbrauchten Energie ist es zu verdanken, dass die Beweise in Rekordzeit zusammengetragen wurden, um die ersten neun Generäle, die für die dunklen Jahre Argentiniens verantwortlich waren, anzuklagen.

Zu Wort kommen diese vorwiegend ergrauten weißen Männer allerdings nicht. Wäre interessant gewesen, wie diese ihre Ideologie gerechtfertigt hätten, gleich den Psychopathen im Europa der Nachkriegszeit. Es wäre vermutlich auch erfüllend gewesen, ihre Argumentation im Keim ersticken oder bis auf den letzten Krümel versuchter Schadloshaltung verblasen zu lassen. Dieser Konfrontation geht Santiago Mitre aus dem Weg. Nichtsdestotrotz sorgt dieser mit seinem Aufarbeitungswerk und der originalgetreuen, fast schon gestengleichen Nachstellung der eindringlichsten Prozessmomente für eindringliche Geschichtsstunden nicht nur für jene, die wirklich viel Ahnung davon haben, was auf anderen Kontinenten in den vergangenen Jahrzehnten im Argen lag. Mitre komprimiert das Trauma und seine Verarbeitung auf leichte Überlänge und setzt seinen Fokus stets auf den Helden der Nation, nämlich Strassera, der wiederum von Argentiniens wohl bekanntesten Schauspieler dargestellt wird: Ricardo Darín. Hinter Achtzigerjahre-Frisur und Schnauzer ist er kaum wiederzuerkennen, und in seiner resoluten, furchtlosen und unkorrumpierbaren Art und Weise hält er wie ein Fels in der Brandung, bei Wind und Wetter, seine Prinzipien hoch. Angstmache und Einschüchterungen zeigt er die kalte Schulter. Strassera dürfte ein militanter Humanist gewesen sein. Argentina, 1985 ist daher auch weniger die Aufarbeitung des Schreckens, sondern viel mehr das Denkmal eines Mannes, der wie Captain America ein ganzes Team taufrischer Avengers angeführt hat, um die Heilung eines Staates voranzutreiben. Geschichte, die sich zum Guten wendet, wird eben von Leuten geschrieben, die nicht um ihrer selbst willen ins Rampenlicht treten, sondern für andere.

Argentina, 1985 ist penibel recherchiertes, dialoglastiges Kino, das zwar manchmal des Publikums erhöhte Aufmerksamkeit braucht, dann aber wieder Emotionen der Entrüstung und der Bestürzung lukriert. Dem Bösen ins Wort fällt der Film aber nicht. Was bleibt, ist ein klassischer Fall von lupenreinem Justizdrama, das nichts neu erfinden muss und es auch nicht tut – ausser die Zukunft eines friedlichen Zusammenlebens eines ganzen Volkes.

Argentina, 1985 (2022)

You Won’t Be Alone

MENSCHEN, HEXEN UND ALLES DAZWISCHEN

8/10


you-wont-be-alone© 2022 Focus Features


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: GORAN STOLEVSKI

CAST: ALICE ENGLERT, ANAMARIA MARINCA, NOOMI RAPACE, KAMKA TOCINOVSKI, FÉLIX MARITAUD, CARLOTO COTTA, SARA KLIMOSKA, ARTA DOBROSHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Australische Filme – auch wenn es gar nicht anders sein kann, wenn man mich spontan danach fragen würde – müssen nicht immer ihren Heimvorteil genießen. Sie können auch ganz woanders, weit in der Ferne, ihre Geschichten verorten. Wie zum Beispiel in Mazedonien. Sie müssen auch überhaupt nichts mit Australien zu tun haben – weder ihre Figuren aus Down Under kommen lassen oder Down Under als Ziel haben. Mazedonien reicht völlig. Oder zumindest mazedonisch-australisch. Denn mit Regisseur Goran Stolevski gibt es dann doch einen kleinen Bezug zum Produktionsland, der aber in keiner Weise Auswirkungen auf den Film hat. Dieses irgendwo in den höheren Regionen gelegene Mazedonien des neunzehnten Jahrhunderts ist hier ein Ort, an welchem das Bauernvolk wohl täglich damit rechnen kann, von einer Hexe heimgesucht zu werden.

So eine sagenumwobene, gefürchtete Gestalt, die sich den Gesetzen normaler Sterblichkeit entzieht und scheinbar ewig lebt, erscheint eines Tages der Mutter einer Neugeborenen – nackt, mit schütterem Haar und verbannter Haut –, um sich das Kind zu nehmen. Wie es Hexen eben so tun – das wissen wir bereits aus Robert Eggers genialem Mythenthriller The Witch. Doch die Mutter erfleht einen Deal: Im Alter von sechzehn Jahren soll Biliana, die Tochter, ihr gehören. So sei es – und die Mutter, versucht, der Hexe ein Schnippchen zu schlagen und versteckt ihr Kind in einer Höhle. Man kann Hexen jedoch selten hinters Licht führen, diese Gestalten sind scharfsinnig und rechnen damit, und so kommt es, dass die junge Frau zwar nicht gefrühstückt, sondern aus Mitleid selbst in eine Hexe verwandelt wird. Was diese Sorte Wesen beherrschen: Sie können die Gestalt von Menschen und Tieren annehmen – dafür müssen sie sich lediglich deren Eingeweide einverleiben, und einem Leben inkognito steht nichts mehr im Wege. Nur: Biliana, das nun verwilderte Mädchen, dass ihre ganze Kindheit in Isolation verbracht hat, muss erst lernen, wie es ist, Mensch zu sein. Und der Frage nachgehen: welche Art Leben passt am besten zu mir?

You Won´t Be Alone ist wohl einer der ungewöhnlichsten und poetischsten Filme, wenn es darum geht, den Mythos der Hexe aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen. Das ist Robert Eggers wie schon erwähnt ebenfalls gut gelungen, doch dort ist eine Hexe immer noch etwas Böses. In diesem Film hier ist das ewig lebende Metawesen eine Existenz, die sich mit quälender Einsamkeit herumschlagen muss. Etwas Gefürchtetes zwar, aber Ausgestoßenes, Gemiedenes. Ein Monster. Weder gut noch schlecht, aus einer Not heraus entstanden, und nicht mehr umkehrbar. Biliana (Alice Englert, die Tochter von Jane Campion) schlüpft in verschiedene Rollen, darunter einmal sogar in Noomi Rapace oder in einen Hund. Dabei beobachtet Stolevski ganz genau, wie diese mazedonische Gesellschaft mit Männern, Frauen, Kindern oder Tieren umgeht. Wie es ist, sich zu verlieben oder Sex zu haben. Zu spielen, mitanzupacken oder geschwisterliche Nähe zu erfahren. Und dabei einfach nur das Verhalten der Menschen zu erlernen. You Won´t Be Alone verknüpft sozialphilosophische Gedankenspiele mit blutigem Naturalismus, bizarrer Magie und Eingeweiden. Doch alles hat seine Ordnung, in dieser seltsamen Welt.

Was manchmal an Terrence Malicks Film Ein verborgenes Leben erinnert – mit neugieriger Kamera, die Distanzen meidet und den Alltag dieses Volkes miterlebt –, braucht nur leicht seinen Blick neu ausrichten, um einem inhärenten Folk-Horror zu beobachten, der aber viel mehr sehnsuchtsvolle Parabel sein will als verschreckender Umstand. Das selbst die uralte, einsame Seele das Lebensglück ihres Schützlings nicht neidlos billigen kann – selbst das lässt sich nachvollziehen. Und man ist fast versucht, dieses teils radikale, teils zögerliche Schauspiel wie ein überrumpelndes Naturereignis zu betrachten, das nicht nur von einem leidenschaftlichen Feminismus angefeuert wird, sondern überhaupt das mühsame, grelle, irritierende, aber letzten Endes unverzichtbare Menschsein feiert, nachdem sich mythische Wesen sehnen. Der historische Kontext wiederum verleiht You Won´t Be Alone die elegische Entrücktheit eines Grimm’schen Märchens, und man unterschätzt den Film von einer Sekunde auf die andere. Am Ende begeistert diese erdige Mystery mit seiner verspielten Neugier und dem Mut zum anderen Ansatz.

You Won’t Be Alone

Resistance – Widerstand

CLOWN COURAGE UND SEINE KINDER

5/10


resistance© 2021 Warner Bros. Pictures


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN

BUCH / REGIE: JONATHAN JAKUBOWICZ

CAST: JESSE EISENBERG, CLÉMENCE POESY, FÉLIX MOATI, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, BELLA RAMSEY, KARL MARKOVICS, ED HARRIS, ÉDGAR RAMÍREZ U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Keine noch so offensichtliche, politisch motivierte Schandtat bleibt ohne Widerstand. Den gibt es gottseidank immer. Jenes Aufbegehren in Frankreich zur Zeit der deutschen Invasion war noch dazu kein verpuffendes Händeringen, sondern konnte einiges bewirken. Wie zum Beispiel die Rettung unzähliger jüdischer Kinder vor der Vernichtung. Dabei fällt der Name eines Künstlers, der wohl angesichts seiner Tätigkeit als weltberühmtester Pantomime wohl nicht so schnell mit politischem Aktivismus in Verbindung gebracht worden wäre: Marcel Marceau, ebenfalls jüdischer Abstammung und zum Leidwesen seines Vaters, einem Metzger, einer, der auf den Kleinbühnen Frankreichs gerne den aphonen Hanswurst gibt. Ob brotlose Kunst oder nicht: dem Publikum gefällt‘s. Mitten in diese Zeit des Tuns und Lassens, was einem gerade so gefällt, bricht der Zweite Weltkrieg. Flüchtlinge sammeln sich an den Grenzen zu Frankreich, Marcel (damals noch nicht Marceau) ist vor Ort, sieht das Leid und den Kummer der verwaisten Kinder. Ab diesem Zeitpunkt wird alles anders, der Pantomime hilft, wo er nur kann. Versucht, mit etwas Humor Trost zu spenden in einer Zeit voller Trübsal. Und schließt sich, nachdem Frankreich über Nacht annektiert wird, dem Untergrund an. Dort, wird er Geschichte schreiben, in dem er Flüchtlingskinder über die Berge in die Schweiz bringt. Später wird er Verbindungsoffizier der US Army unter George S. Patton sein.

Was dieser Mann proaktiv geleistet hat, das nenn ich Engagement und Courage. Ganz klar, dass Marceaus Erinnerungen, auf welchen der Film basiert, bestens dafür geeignet sind, verfilmt zu werden. Die Frage ist nur: ist Jesse Eisenberg für die Darstellung des außergewöhnlichen Franzosen eine gute Wahl? Wiederholt bleibt Eisenberg in so manchen Filmen relativ blass, auch nicht sehr charismatisch. Ausnahmen gibt es, so zum Beispiel die Sozialsatire The Art of Self Defense, in welcher er als Nobody versucht, durch das Erlernen von Karate seinem Mann zu stehen. Als Marcel Marceau überzeugt Eisenberg nur bedingt – vielleicht, weil sein Spiel zu gefällig ist. Zu austauschbar. Clémence Poésy und der von mir sehr geschätzte österreichische Schauspieler Karl Markowicz als Marceaus Vater können sich mit der europäischen Geschichte besser identifizieren als Eisenberg selbst, obwohl dessen Eltern osteuropäisch-jüdischen Ursprungs sind. Der Eindruck einer schauspielerischen Distanz bleibt dennoch.

Bösewicht Matthias Schweighöfer geht’s da ähnlich. Er macht, was auch August Diehl in seinen Nazi-Rollen immer macht: Stereotypen bedienen. Resistance – Widerstand unter der Regie von Jonathan Jakubowicz setzt sich mit der humanitären Katastrophe nur oberflächlich auseinander. Das lässt sich anhand der recht einfach gezeichneten Figuren erkennen, die allesamt in ihrer idealisierten oder gar simplifizierten Geisteshaltung, die sie haben müssen, die Erwartungen bedienen. Das große Drama ist zwar da, unterliegt aber einem sentimentalen Weichzeichner. Marceaus Erinnerungen geraten zur scheinbar mündlich überlieferten Legende – in diesem Licht könnte auch Resistance trotz des Umschiffens traumatischer Abgründe manche vielleicht etwas mehr überzeugen als mich.

Resistance – Widerstand