Irati (2022)

NICHT DIE GÖTTER, DIE MENSCHEN MÜSSEN VERRÜCKT SEIN

7,5/10


irati© 2022 Filmax


LAND / JAHR: SPANIEN 2022

BUCH / REGIE: PAUL URKIJO ALIJO

CAST: EDURNE AZKARATE, ENEKO SAGARDOY, ITZIAR ITUÑO, ELENA URIZ, KEPA ERRASTI, RAMÓN AGIRRE U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Lokale Mythen als großes Kino – eine Mission, die nun in die zweite Runde geht. Wie es Paul Urkijo Alijo abermals geschafft hat, mit wenigen Mitteln die Legenden seines Landes lebendig werden zu lassen, ist erstaunlich. Dabei ist schon sein Erstling eine Wucht. Und Netflix-Abonnenten können sich glücklich schätzen, denn dieser ist fürs Streaming abrufbar: Errementari: Der Schmied und der Teufel. Was so aussieht, als hätte Guillermo del Toro nach Pans Labyrinth abermals kreative Opulenz auf spanischem Boden zum Sprießen gebracht, ist die Saat eines ganz anderen. Eines Autorenfilmers, dessen Namen wohl die wenigsten kennen, dessen Filmschaffen aber eine große Zukunft hat und gegenwärtig längst schon viel mehr Aufmerksamkeit verdient als es bisher der Fall scheint. In Errementari lässt Alijo einen Boten des Teufels in einen Käfig sperren, der die Seele des Schmieds einfordern will, ist dieser doch im Krieg einen Deal mit dem Leibhaftigen eingegangen. Was ein kleines Mädchen mit dieser ganzen verzwickten Situation zu tun hat, lohnt sich in dieser prächtigen Gothic-Fantasy, die auch irgendwie an Neil Gaiman erinnert, herauszufinden.

War schon dieser so hintersinnige wie düstere Streifen die filmische Interpretation folklorer Mythen, ist es Irati ebenso. Kenner des Baskenlandes wissen: Irati ist die Bezeichnung eines Waldes im Norden der Provinz Navarra an der Grenze zu Frankreich und inmitten der Pyrenäen. Wie dieser zu seinem Namen kam, erzählt vorliegende Geschichte: Wir schreiben die letzten Jahrzehnte des 8. Jahrhunderts. Die Franken fallen in die nordspanischen Königreiche ein – auch in das des Herrschers Ximeno, der sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als die Hilfe einer mythologischen Gottheit namens Mari zu erbitten. Die ist bei den Basken die oberste Entität, die Urmutter aller Nebengötter – der weibliche Odin, wenn man so will. Sie ist liiert mit ihrem eigenen Sohn, einem monströsen Schlangenwesen. König Ximeno dringt also in die heiligen Hallen der mächtigen Dame ein und verspricht ihr sein eigenes Leben, sollte sie die wilden Horden Karls des Großen vernichten. Gesagt, getan – Blut für Blut: Mari lässt es hageln und Felsen regnen – in archaischen Schlachtenszenen und im tosenden Unwetter lassen beiden Parteien die Schwerter klirren, bevor der König sich selbst opfert, um den Deal zu erfüllen. Eineinhalb Jahrzehnte später kehrt dessen Sohn Eneko nach seinen Lehrjahren ins Königreich zurück, um die Gebeine seines Vaters zurückzuholen und die Gegend von heidnischem Glauben zu befreien. Er macht sich mit der im Wald lebenden Irati, Enkelin einer Magierin, auf den Weg, weiß sie doch genau, wo Mari am Spinnrad des Lebens spinnt. Mit dieser Mission entfesselt die Saga ein Abenteuer aus Verrat, Liebe und mächtigen Gegnern aus unsichtbaren Welten sowie mit ganz viel Know-How, was traditionelle, überlieferte Legenden betrifft.

Dabei ist der vom Filmportal Cineuropa getätigte Vergleich mit Herr der Ringe einer, der deutlich hinkt. Damit hat das ganze nichts zu tun. Nicht jede High Fantasy holt sich Inspiration von Tolkiens erdachten Welten. Irati ist etwas ganz und gar Selbstständiges, maximal vielleicht noch mit den deutschen Heldensagen rund um Siegfried vergleichbar, obwohl es in diesem Märchen weder Drachen noch Zwerge gibt – dafür aber einen Schatz, der an das Nibelungengold erinnert. Allein schon der Zugang zu all diesen Gottheiten hebt Irati auf ein gänzlich anderes inhaltliches Niveau, die mit den griechischen oder nordischen Sagen viel mehr verwandt ist.

In satten Bildern, pittoresken Waldlandschaften und stattlichen Kriegern erfüllt diese Queste alle möglichen Anforderungen, die geschmeidige Fantasy ausmachen. Weder erlaubt sich Alijo irgendwelchen Leerlauf, noch läuft er Gefahr, dem aus klassischen Elementen errichtete Abenteuer unfreiwillige Komik zu verleihen. Eneko Sardagoy als der seiner Bestimmung folgende Held mag zwar gewöhnungsbedürftig sein, sein Konterpart Edurne Azkarate als Irati hingegen ist eine Naturgewalt, die die Welt der Götter mit jener des Menschen souverän verbindet. Der Einsatz von Licht und Farbe, die Bedeutung der Natur und akzentuiert eingesetzte Spezialeffekte, die einen gewissen Retro-Charme versprühen, ohne aber kurios zu wirken, beweisen Alijos aufrichtiges Interesse für den Stoff, aus dem die alten Helden sind.

Irati (2022)

Antlers (2021)

WENN MYTHEN WÜTEN

6/10


antlers© 2021 The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA, MEXIKO, KANADA 2021

REGIE: SCOTT COOPER

BUCH: HENRY CHAISSON, NICK ANTOSCA, SCOTT COOPER

CAST: KERI RUSSELL, JESSE PLEMONS, JEREMY T. THOMAS, SCOTT HAZE, GRAHAM GREENE, RORY COCHRANE, AMY MADIGAN, SAWYER JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wenn schon Oberösterreichs Kindergärten keine Ausflüge mehr in den Wald wagen, aus Angst, Meister Isegrim zu begegnen (siehe derstandard.at, 30. März 2023) – was sollen dann Nordamerikas Ureinwohner sagen, insbesondere jene vom Stamm der Cree? Für sie lauert im finsteren Tann, von welchem es dort schließlich reichlich gibt, ein unguter mythischer Zeitgenosse, genannt der Wendigo. Dieser Naturgeist ist niemand, den man beschwört oder für seine Sache einsetzen kann. Dieser hier ist abgrundtief böse und gierig. Furchtbar gierig. Gierig nach Menschenfleisch. Und er schafft es auch, andere, ganz unbescholtene Leute in den Wahnsinn zu treiben. Interessanterweise aber sieht der Wendigo in so mancher Beschreibung gar nicht so aus wie in Scott Coopers 2021 inszeniertem Creature-Horror. Welche Gestalt er letztendlich annimmt, mag an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Jedenfalls benötigt er zumindest eine menschliche Hülle, um zu mutieren. Und das, ja, das mag unter Umständen eine ordentliche Sauerei ergeben. Die auch bleibt, denn niemand will nachher aufwischen.

Da wir aber in einer rationalen Welt leben, in welcher nur sein kann, was wissenschaftlich bewiesen wurde, sind Filmemacher brennend daran interessiert, diese arrogante Ansicht vorallem auch in Bezug auf Legenden zu unterwandern. Es entstehen daraufhin Filme wie Moloch oder Midsommar. Oder eben Antlers, auf deutsch: Geweih. Man kann sich also schon denken, woran man das Monster erkennen wird. Bis es aber so weit kommt, quält sich der stark introvertierte Lokalpolizist Paul Meadows mit bestialischen Todesfällen mitten im Forst herum, die nur ein tollwütiger Beutegreifer verschuldet haben könnte. Was aber zerlegt sein Opfer so genussvoll in seine Einzelteile? Neben dieses kniffligen Falles macht sich auch Pauls Schwester und Lehrerin Julia Gedanken um einen ihrer Schützlinge, ein so verwahrlostes wie verstört wirkendes Kind, das langsam vom Fleisch fällt und verschmutzte, löchrige Kleidung trägt. Es wäre mal ratsam, im Zuhause des kleinen Lucas vorbei- und nach dem Rechten zu sehen. Wie sich bald herausstellen wird: Ein grober Fehler, ganz allein und ohne Rückendeckung dort anzutanzen.

Spätestens hier, nach Einführung der Charaktere und einer Sightseeingtour durch ein trostloses Kaff, das unter wolkenverhangenem, grauem Himmel vor sich hindämmert, wird die Katze langsam, aber doch, aus dem Sack gelassen. Die Finsternis macht sich breit, das metaphysische Grauen ist entfesselt. Und auch wenn man von dieser folgenden Hatz nach dem Wendigo absieht, liegt über Antlers eine bleischwere Tristesse, die niemand lange aushalten kann. Dagegen ist Twin Peaks das reinste Elysium, während hier ein jeder seinem tröstlichen Ableben entgegendämmert. Ein bisschen zu borstig pinselt Scott Cooper (u. a. Der denkwürdige Fall des Mr Poe) seine Dark Fantasy, sodass diese an manchen Stellen dick aufgetragen und daher träge wirkt. Jesse Plemons wacht nie wirklich aus seiner Lethargie auf – Keri Russel dafür schon eher. Und dass Kinderdarsteller wie Jeremy T. Thomas keine nachhaltigen psychischen Schäden davontragen, wenn sie in Horrorfilmen mitspielen, ist mit immer wieder ein Rätsel.

Cooper aber schafft die Kurve und sammelt all seine Energie, die er anfangs nicht genutzt hat, um ein spektakuläres Finale abzuliefern, in welchem ganz normale Sterbliche über ihren Schatten springen, um sich dem Bösen zu stellen. Das ist der klassische Clinch des Diesseits gegen eine Anderswelt, die glaubt, Macht ausüben zu können, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Letztlich ist das genauso eine Art Arroganz, als würde man glauben, all das Seltsame zwischen Himmel und Erde wäre nur Humbug. Geister wie der Wendigo werden das schon sein – nur was wäre, wenn nicht? Der Glaube an des Menschen Mission, für das Gute zu kämpfen, stirbt zuletzt.

Antlers (2021)

Under the Shadow (2016)

DER ERRUNGENE MUT ZUM AUFBRUCH

7,5/10


undertheshadow© 2016 Netflix Österreich 


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, JORDANIEN, KATAR 2016

BUCH / REGIE: BABAK ANVARI

CAST: NARGES RASHIDI, AVIN MANSHADI, BOBBY NADERI, ARASH MARANDI, RAY HARATIAN, ARAM GHASEMY, HAMID DJAVADAN, SOUSSAN FARROKHNIA, KARAM RASHAYDA U. A.

LÄNGE: 1 STD 24 MIN


Wir alle kennen diese Träume, oder besser gesagt: Albträume, in denen wir weit von zuhause weg sind, womöglich auf Reisen, und dann haben wir das Wichtigste vergessen, was immer das auch sein mag, aber es ist etwas Unverzichtbares. Es gibt auch Träume, in denen wir versuchen, von irgendwo wegzukommen, meist aus dunklen Räumen, und jeder Schritt fühlt sich so an, als hätte man kiloweise Blei um die Knöchel. So schleppt man sich zum Licht, kommt aber niemals wirklich voran. Etwas hält uns zurück, in der Finsternis. Ein Trauma, eine Gestalt, eine Geschichte. Etwas Erlebtes. Und dann ist da Babak Anvaris Film. Eine Allegorie auf die Angst, Wichtiges zurücklassen zu müssen. Die Heimat zurücklassen zu müssen, das Zuhause oder das, was mehr ideellen als materiellen Wert hat, denn wir leben nun mal in einer Welt voller Dinge, mit denen wir manchmal unsere Seele teilen.

Für die Flucht weg aus dem eigenen Ursprung braucht es Kraft, Mut und Zähigkeit. Die Flucht ist meist die Reaktion auf den Totalzerfall des Systems – sprich: Krieg. In Under The Shadow lebt Shideh (Narges Rashidi) mit ihrer kleinen Tochter und ihrem Mann zur Zeit des Iran-Irak-Konflikts in Teheran. Die Lage spitzt sich täglich zu, im Nachbarland Irak werden die Raketen Richtung iranischer Hauptstadt in Stellung gebracht. Immer wieder jault die Sirene, um die Bewohner in die Luftschutzkeller zu befehlen. Shidehs Ehemann, ein Arzt, wird eines Tages einberufen – er muss an die Front. Zurück bleiben Mutter und Kind, und doch steht ihnen die Möglichkeit offen, du den Großeltern zu flüchten, außerhalb der Stadt, wo die beiden sicherer wären als hier in diesem kleinen Wohnhaus, wo all die anderen Parteien bereits darüber nachdenken, alles stehen und liegen zu lassen – oder zumindest das meiste. Shideh zögert, doch als eine Rakete das Haus trifft, scheint die Gefahr akuter denn je. So weit, so sehr Kriegsdrama aus der Sicht der Zivilbevölkerung. Wo ist nun der Horror?

Tochter Dorsa ist fest davon überzeugt, dass mit dem ersten Luftangriff und mit den Stürmen, die plötzlich toben, ein Djinn sich ihrer angenommen hat. Und zwar keiner, der, blauhäutig und dauergrinsend, drei Wünsche erfüllt. Sondern etwas Böses, Hinterlistiges. Etwas, das Mutter und Tochter daran hindert, fortzugehen. Das fängt damit an, dass der Djinn die heißgeliebte Puppe von Dorsa versteckt. Ohne dieses Spielzeug ist an Aufbruch nicht zu denken. Und sehr bald schon bleibt es nicht nur bei diesem Schabernack – der Dämon treibt sein Verwirrspiel bis zum Äußersten.

Auf Babak Anvari wurde ich erstmals aufmerksam, als sein perfider und daher auch unberechenbarer Psychothriller I Came By letztes Jahr auf Netflix erschien. George McCay wird da zum Opfer eines sinistren Hugh Bonneville. Einige Jahre zuvor gelingt ihm auch mit diesem subtilen und gewieften Escape Home-Thriller ein regelrechter Geheimtipp, der mit Leichtigkeit Elemente des Horrors mit jenen des Psychodramas aus dem Antikriegs-Genre verschachtelt. Die Metaebene offenbart sich wie der schwarzweiß gemusterte Dschilbab des paranormalen Eindringlings, das erzwungene Verharren am Ort der Gefahr wird zum Sinnbild für Verlust, Abschied und der Furcht davor, selbst zurückgelassen zu werden. So wie der Djinn die Möglichkeiten der Mutter aussetzt, ihren fürsorglichen Pflichten nachzukommen, so wird die Suche nach der Puppe zum innerfamiliären Nervenkrieg. Anfangs offenbart sich Under the Shadow in so pragmatischem Stil, wie ihn Asghar Farhadi gerne anwendet, um dann das Metaphysische im wahrsten Sinne des Wortes durchbrechen zu lassen und einige Jumpscares aufzufahren, die unerwartet passieren und nie zum Selbstzweck verkommen. Sie sind Teil dieses Halbwach-Zustandes, in welchem sich der ganze Film befindet – weil man eben nicht glauben und nur schwer annehmen kann, dass das Leben, wenn Krieg herrscht, in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher ist. All die Ängste, die dazugehören, mutieren dabei zum mythischen Quälgeist.

Under the Shadow (2016)

Family Dinner (2022)

SCHAUDERHAFTES MAGENKNURREN

5,5/10


familydinner© 2022 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2022

BUCH / REGIE: PETER HENGL

CAST: PIA HIERZEGGER, NINA KATLEIN, MICHAEL PINK, ALEXANDER SLADEK U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Das Genre des Weihnachtsfilms ist bekanntlich breit gefächert. Von Zombie-Apokalypse bis zur honigsüßen Weihnachtszeit mit Winnie The Pooh ist hier wirklich alles vertreten. Von politisch unkorrekt bis haus- und keksebacken. Mit dem stiefmütterlich behandelten Genre des Osterfilms sieht es aber ganz anders aus. Warum ist das so? Vielleicht, weil die frohe Botschaft der Wiederauferstehung nicht einfach so durch das Feiern geballter Frühlingspower ersetzt werden kann? Weihnachten geht da schon längst als heidnisches Liebesfest durch. Zu Ostern fächert sich die Vielzahl der Filmgattungen von der Passion Christi, dem Blut- und Wundenwerk von Mel Gibson, auf bis zum großen Eierklau für die ganz Kleinen. Doch mehr oder weniger: Ohne Jesus und Hasen nichts gewesen. Jetzt gibt es frisches Osterfeuer aus dem morbiden Alpenland, sprich meiner Heimat Österreich. Hier hat weder Jesus groß das Sagen, noch kommen Hasen dazu, ihre Eier zu verstecken, weil sie vielleicht vorzeitig ihre Löffel abgeben. Hier hat das Genrekino des Osterfilms eine neue Nische entdeckt. Und zwar die des Horrors.

Wie so was geht, lässt sich eigentlich leicht bewerkstelligen. Man muss nur in der lokalen Volkskunde wühlen und auf folklore Riten stoßen, wie dies zum Beispiel Ari Aster zu Midsommars Zeiten getan hat. Blickt man also in die Abgründe mythologischer Wahnvorstellungen, kann einem schon anders werden und das Osterlamm würgt sich hoch. Mit so viel Hokuspokus will niemand was zu tun haben – das Teenagermädchen Simi allerdings schon. Die schlägt nämlich zeitgerecht zu Beginn der Karwoche bei ihrer Tante Claudia auf, die schließlich nicht irgendwer ist, sondern eine recht prominente Starköchin, die schon das eine oder andere Buch veröffentlicht hat, wie damals zu früheren ATV-Zeiten Sasha Walleczek, die uns überdeutlich erklärt hat, wieviel Zucker in ein Gläschen Coca-Cola passt. Simi, muss man dazusagen, ist übergewichtig, und da packt sie die kombinierte Gelegenheit von Schulferien und Verwandtschaft am Schopf und bittet die überaus freundliche Tante um fachgerechte Unterstützung beim Verlieren ihrer Kilos. Als krasser Gegenpol zu ihrer Zero Carb-Diät darf Cousin Filipp selbst in der strengsten Fastenwoche des Jahres ordentlich reinhauen. Und zugegeben: Claudias Gerichte, die ordentlich prominent in Szene gesetzt sind, lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. Von Tagliatelle mit Schafkäse bis zum Hasenbraten mit Rosmarin ist hier alles dabei. Pfannkuchen mit Apfelscheiben zum Frühstück, frisch gebackenes Brot am Morgen, medium gegartes Rind – Gourmet, was willst du mehr. Doch so verlockend diese herzhafte Schlemmerei auch sein mag: niemand sonst wird sich daran vergreifen, zumindest bis Ostersonntag nicht. Denn da soll ein Ritual stattfinden, dass Claudia sehr, sehr wichtig ist. Überdies ist es für Simi als Privileg zu verstehen, Teil dieser kernfamiliären Festivitäten zu werden.

Österreichische Filme sind tatsächlich meist trist. Auch Family Dinner. Zumindest vom Wetter her. Wolkenverhangen und deutlich zu frisch für diese Jahreszeit. Inmitten des niederösterreichischen Waldviertels steht ein Bauernhof, fern jeglicher Zivilisation. Man ahnt schon: Hier könnte Schlimmes am Werk sein. Fast scheint es, als bediene sich Hengl am guten alten Hänsel & Gretel-Mythos, wobei er diesen aber von innen entsprechend aushöhlt, um das Magenknurren als akustisches Gestaltungselement wie das unheilvolle Jaulen eines Geistes erklingen zu lassen. Pia Hierzegger weiß diese unguten Ahnungen aber stets zu zerstreuen. Wie sie das macht? Als alternative Esoterik-Intellektuelle mit hochgeschnürter Haushose, betulicher Liebenswürdigkeit und ordnungsliebender Hausfrauenstrenge wickelt sie Simi (Nina Katlein in ihrer ersten Filmrolle) um den Finger. Oder ist doch alles nur ehrlich gemeint? Hierzegger entdeckt hier eine neue Spielwiese für Suspense, Psychothrill und gediegenem Horror. Die sonst meist recht stoisch agierende Schauspielerin weiß mit links, wie sie gute Miene zum bösen Spiel macht. Und peppt den sonst eher träge dahinplätschernden Thriller ordentlich auf. Peter Hengl (u. a. Curling für Eisenstadt) lässt mit seinem ersten, selbst verfassten Kinofilm die Karwoche als entbehrungsreichen Katharsis-Parcour vonstatten gehen, in der Andeutungen und manch überzogene Gemütslage die einzigen prickelnden Highlights sind – bis endlich die wortwörtliche Erlösung von der Qual der Enthaltsamkeit auch gleich eine ganze Portion familiären Albtraum mit sich bringt. Bis es aber so weit kommt, gerät Family Dinner oft ins Stocken und entwickelt selten einen Dialogfluss, der nicht selten so danach klingt, als hätten die Beteiligten ihr Drehbuch schön brav auswendig gelernt.

Auch vergibt Hengl leider so einige Chancen, die leider sehr frühen Erahnungen zukünftiger Geschehnisse im Zickzackkurs zu zerstreuen. Es gibt da eine Stelle im Film, da ist nicht ganz klar, wer nun die Verrückten sind und wer nicht. Anhand dieser kurz aufblitzenden, erfrischenden Kehrtwende hätte Hengl noch mehr Zweifel bei seinem Publikum säen können, was Family Dinner auch noch perfider gemacht hätte. Der etwas holprige Erzählfluss wäre dadurch auch etwas weicher gegart geraten.

Die Zähne ausbeißen muss man sich bei Family Dinner aber nicht. Die Story mag zwar nicht das Gelbe vom Osterei sein und zu zaghaft aus sich herauskommen – Hierzeggers gefälliges Betüddeln allerdings schafft schon so einige feine Momente, in denen man das Spiel um Fasten und Mästen durchaus genießen kann.

Family Dinner (2022)

Troll (2022)

DER BERG KOMMT ZUM PROPHETEN

4,5/10


troll© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: NORWEGEN 2022

REGIE: ROAR UTHAUG

BUCH: ROAR UTHAUG, ESPEN AUKAN

CAST: INE MARIE WILMANN, KIM S. FALCK-JØRGENSEN, MADS SJOGARD PETTERSEN, GARD B. EIDSVOLD, ANNEKE VON DER LIPPE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Alle, die mich kennen, wissen womöglich: Ich liebe Monster. Und alles, was sich als phantastisches Wesen deklarieren lässt. Von den Gremlins bis zu Godzilla, von Tinkerbell bis Thanos. Ehrfurchtsvoll verbeuge ich mich vor den mythologischen Wesen der alten Welt, wo es von Orks, Riesen, Zwergen und auch Trollen nur so wimmelt. Apropos Trolle: Der erste, bereits im Sommer in Umlauf gebrachte Trailer von Roar Uthaugs Giganten-Event zündete bei mir die Vorfreude: Ein aus Felsen und Erde geformte Naturgewalt schält sich auch dem norwegischen Fjell. Was für eine Optik. Und endlich wieder Trolle, lange nachdem Der Hobbit-Hype verklungen war und André Øvredals Trollhunter die Filmaufnahmen ihres Lebens – oder Ablebens – gemacht hatten. Nicht zu vergessen: Die metaphysische Mystery Border von Ali Abassi gewann den stampfenden, großnasigen Waldschraten plötzlich ganz andere Blickwinkel ab, wenngleich auch etwas zu eigenwillig, um vollends zu begeistern. Nun allerdings ist die Urform wieder zurück: Mächtiger, lautstärker und brachialer denn je. Wo der Riese hintritt, bleibt kein Grashalm mehr auf dem anderen, und so manches Haus in der Einschicht könnte Pech haben, nach des Wesens Durchmarsch nur mehr zur Hälfte aufzuragen.

Wenn also Paläontologin Nora mit ihrem verpeilten und esoterisch angehauchten Papa staunend in der Landschaft steht und dabei zusieht, wie sich aus dem Nichts ein von wirbelnden Gesteinsbrocken umkreister Hüne sein Haupt aus der niederen Botanik hebt, so ist das eine Szene, für die es sich tatsächlich lohnt, Troll auf dem Schirm zu haben. Nur… das wars dann aber auch. In diese eine Szene hat Uthaug (u. a. Tomb Raider mit Alicia Vikander – oder eben The Wave) all das hineingesteckt, was den Reiz eines Filmes wie diesen ausmachen kann. Dabei ist das Creature Design besonders gelungen, wenn nicht gar ein Meisterstück leidenschaftlicher Monstermacher, die den sympathischen Koloss nahtlos in die unwirtliche Umgebung betten, ohne eine falsche Schattierung zu setzen, das Wesen zu blass wirken zu lassen oder gar ungelenk. Der Troll ist so lebendig wie all die kleinen staunenden Menschleins um ihn herum. Und birgt doch so viel Geschichte aus lang vergangenen Epochen. So ein Schrat, der macht Märchen wahr und schlägt das rationale Denken der Besserwisser ins Koma.

Was dann aber mit diesem Film passiert, wird der grandiosen Kunst der Creature Artists leider nicht gerecht. Oder anders gefragt: Was genau lässt sich am Mythos Troll denn so sehr missverstehen? Es fängt damit an, dass die leisen Töne, dass die geheimnisvolle Existenz solcher Wesen, vorschnell zugunsten routinierter Action verdrängt werden. Den Inhalt dieses Films muss man daher auch nicht sonderlich lang erklären. Monster ist da, bewegt sich auf Hauptstadt zu. Menschen setzen alles ein, um Monster zu töten. Paläontologin Nora weiß es besser, hat aber im Grunde auch keine Ahnung, was der Troll hier soll. Das ist der Plot, und dieser ist so hanebüchen erzählt, dass selbst die krude Story aus Godzilla II: King of Monsters wie eine literarische Vorlage wirkt. Uthaug gibt sich mit einer Geschichte zufrieden, die sich lediglich aus Formeln zusammensetzt, die für dieses Genre üblich sind. Dabei passieren Logikfehler, die der Troll gar nicht alle niedertreten kann. Klassische Bell-Helikopter mit tonnenschweren Glocken durch die Gegend zu schicken ist nur einer davon.

Mit den nordischen Mythen und den Erwartungen zu spielen wie Andre Øvredal es getan hat, mit dem Troll auf Tuchfühlung zu gehen und seine wahren Beweggründe auszukundschaften: Das wäre der Sinn eines Films wie diesen gewesen, zwischen Düsternis, Magie und schlummernden Geheimnissen. So aber verhökert Troll alles, was einen Mehrwert gehabt hätte, vorschnell und unter militärischem Dauerfeuer. Das ist langweilig, und ergibt am Ende auch keinen Sinn mehr.

Doch immerhin: Diese eine eingangs erwähnte Szene, die bleibt im Gedächtnis. Und inspiriert mich auch für mein eigenes gezeichnetes Bestiarium. Man muss nur auf Netflix zu Minute 34 gehen – und die wenigen Sekunden wirklich guten Monsterkinos genießen. Bevor es wieder vorbei ist.

Troll (2022)

The Northman

DAS LIED VON BLUT UND FEUER

7/10


northman© 2022 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: ALEXANDER SKARSGÅRD, ANYA TAYLOR-JOY, CLAES BANG, NICOLE KIDMAN, ETHAN HAWKE, GUSTAV LINDH, WILLEM DAFOE, RALPH INESON, BJÖRK, KATE DICKIE, INGVAR SIGURDSSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Ob Meerjungfrauen, Hexen oder die illustre Welt nordischer Gottheiten: Robert Eggers ist der neue Mythen-Mentor unter den Filmemachern, und ich bin wahnsinnig gespannt darauf, was als nächstes kommen wird. Obwohl ich diesen seinen brandneuen Testosteron-Burner erst noch verdauen muss. Nicht falsch verstehen, das meine ich nicht in negativem Sinne, dafür bietet The Northman einfach zu viele Komponente, um das Werk über einen Kamm zu scheren. Wenn ich mich hier im Kinosaal umsehe, würde ich wohl kaum auf jemanden stoßen, der die Erfolgsserie Vikings noch nicht gesehen hat. Ich werde mitunter auf LARPer und Fans mittelalterlicher Feierlichkeiten treffen, oder einfach auf jene, die Anya Taylor-Joy zu faszinierend finden, um einen Film mit ihr auszulassen. Das findet Robert Eggers auch, seit er sie in The Witch mit uralter Waldesmagie in Berührung gebracht hat. Hier, im neunten Jahrhundert nach Christi, spielt die außergewöhnliche junge Dame eine slawische Sklavin aus dem Gebiet der Rus, entführt von einer Horde Berserker, die fix davon überzeugt sind, als wilde Bären die Palisaden zu erstürmen. Es schillern die regennassen, nackten Oberkörper wie den Witterungen ausgesetzte Schüttbilder von Hermann Nitsch – erd- und blutbesudelt, breitschultrig und immer wieder mal den rasenden Sohlengänger imitierend. Unter ihnen: Skarsgård-Spross Alexander, dereinst als Tarzan mit den Affen schwingend, gibt er sich jetzt das Wikingerschwert. Dabei vergisst er völlig, was er eigentlich längst hätte tun sollen: Rache nehmen. Nämlich so, wie es einige Jahrhunderte später Prinz Hamlet aus der Feder William Shakespeares tun wird. Denn auf diese altdänische Sage geht der Bühnenklassiker schließlich zurück. Und dort, unter wolkenverhangenem Himmel und am Fuße spuckender Vulkane Islands, treffen sich der Filmemacher und der halskrausige Vielschreiber, um sich auf ein paar inhaltliche Fixpunkte zu einigen, die beide Geschichten verbindet. Und natürlich: Skarsgårds Figur nennt sich Amleth. Kenner wissen, was folgt.

Die, dies nicht mehr so genau wissen – darunter ich selbst: Fjölnir, der Bruder von Aurvandil, König von Jütland, tötet diesen und setzt sich selbst und Witwe Gudrun die Krone auf. Sohnemann Amleth muss untertauchen – über Jahrzehnte hinweg. Findet sich als Krieger unter Kriegern wieder und bekommt dank Björk in Gestalt einer augenlosen Seherin (augenlos sind sie anscheinend immer, auch in Vikings) den Reminder, endlich die Sache mit der Rache anzugehen. Fast hätte Amleth es vergessen – er muss nach Island, dort hat sich Fjölnir samt Hofstaat zurückgezogen, da Jütland wieder jemand anders eingenommen hat. Egal, die Rache gilt dem Onkel, also tut Amleth so, als wäre er ein Sklave und schifft sich auf die Insel aus, mitsamt der gachblonden Taylor-Joy, die bald zu Amleths Vertrauter wird. Die Götter sind mit ihm, die Walküren reiten gen Himmel und wieder zurück, und selbst der Narr des ermordeten Königs meldet sich aus dem Jenseits. Magie ist dort, wo der Glaube an Odin und Konsorten erblüht wie nie zuvor.

Was den Leuten aber auf Island blühen wird – da können sich zartbesaitete schon prophylaktisch die Hand vorhalten: Robert Eggers hat nämlich die Bühne frei für eine Wagnerianische Oper Deluxe, einem mit Blut- und Beuschel garnierten Männerdrama um niedere Instinkte und maskuline Eitelkeiten, die sich dann Bahn brechen, wenn muskelgestählte Kriegsmaschinen um die Wette brüllen, dabei geifern und mit dem Schwert wütend aufs Schild klopfen. Ein feuchter Männertraum wird wahr, in The Northman. Da freut sich das wilde Kind in uns Y-Chromosomträgern, wenn einer, der Conan den Met halten lässt, seinen inneren Bären entfesselt. Um dieses profane Brusttrommeln errichtet Eggers aber das, wofür man ihn bewundern kann: ein mythisches Universum aus verregneten Wikingergehöften und lodernden Flammen vor entsättigtem, beinahe schwarzweiß gehaltenem Dämmerlicht. Es schneit, es donnert, es ist ringsherum finster, wenn das magische Schwert seinen Bluthunger stillt. Klar erinnert The Northman an die unkonventionellsten Momente in Vikings, doch Eggers setzt noch eins drauf und scheint dabei manchmal zu viel zu wollen. Die epische Wucht, die einen förmlich niederdrückt, ist aber genau das, was der Visionär aber nicht unbedingt am besten kann. Womit er brilliert, sind die Szenen, die weder real noch Imagination sind, sondern irgendwo dazwischen. Ikonische Gestalten, die scheinbar wirres Zeug faseln, im höhlenartigen Halbdunkel einer Psyche, die es zerreißt zwischen Pflichterfüllung und Friedenfindung.

The Northman ist Naturalismus pur, ein wilder Ritt und eine Sensation fürs unempfindliche Auge. Wenngleich der Überschuss an Raserei manchmal in selbiges geht.

The Northman

Lamb

SCHAFE IM NEBEL

6/10


lamb© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: ISLAND, SCHWEDEN, POLEN 2021

BUCH / REGIE: VALDIMAR JÓHANNSSON

CAST: NOOMI RAPACE, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJÖRN HLYNUR HARALDSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Kleiner Tipp: Wenn man mal genug hat vom Einheitsbrei bei vorwiegend US-amerikanischen Filmen, lässt sich mit so einigen europäischen Produktionen auch des letzten Jahres frischen Wind durchs Oberstübchen blasen. Da sind innovative Arbeiten dabei, und falls aber keine Lust dazu besteht, das Filmschaffen akribisch zu durchforsten, braucht man nur übers Meer nach Norden schielen, auf eine bei Touristen sehr beliebten, unwirtlichen und von vulkanischen Aktivitäten überbeanspruchten Insel – nämlich Island. Von dort kommen garantiert und in regelmäßigen Abständen Filme, deren Inhalt und Machart zum Glück und bewusst nicht in Auftrag gegebenen Zuschaueranalysen unterliegen, sondern gegen den Strich und quergebürstet sind. Sie wollen weder gefällig sein noch ihre Geschichten auf Biegen und Brechen auserzählen. Es sind Filme, die über unerschlossenes Terrain querfeldein gehen, um auf andere Dinge zu stoßen. Dafür muss man neugierig genug sein. Und neugierig genug wird man auch bei Lamb, einem rustikalen Mysterydrama, das Mensch und Natur gegeneinander ausspielt.

Viel passiert nicht, hier irgendwo im Nirgendwo der Insel, an den Hängen schroffer Gebirgszüge – dort, wo sich stets der Nebel sammelt und man keine Handbreit weit sehen kann. Dort leben die Schafzüchter Maria und Ingvar in trauter und trostloser Zweisamkeit, gemeinsam mit einer Herde an blökendem Nutztier, denen am Weihnachtsabend Seltsames widerfährt. Eines Tages im Frühling, als das große Werfen beginnt, kommt ein Jungtier zur Welt, dass anders aussieht als alle anderen. Es ist halb Mensch, halb Schaf – ein kniehoher Mini-Minotaurus ohne Hörner und mit viel Schlafbedürfnis. Das Ehepaar sieht in diesem Wunder einen Segen und betrachtet das Wesen fortan als Teil der Familie. Pétur, der Bruder des Ziehvaters, der eines Tages antanzt, traut seinen Augen nicht und interveniert zugunsten der Vernunft.

Letztes Jahr lief Lamb im Rahmen des Slash Filmfestivals in Wien – nun, endlich, ist dieser von mir heiß ersehnte Streifen auch an den regulären Kinos gestartet. Was man erwarten darf, ist höchst lakonisches Kino aus dem Norden. Viel gesprochen wird nicht, dafür umso mehr haben die Schafe und Lämmer das Sagen, während das irritierende Wunderwesen meist nur einzelne Laute von sich gibt. Ein bisschen Eraserhead, ein bisschen Jan Svankmajer schwingt mit – mit Midsommar gibt’s bis auf den Blumenkranz auf Adas Haupt (so der Name des Lamms) keine Gemeinsamkeiten. Noomi Rapace gibt eine zurückhaltende Performance, und irgendwie ist jeder aufgrund der landschaftlichen Einschicht nicht ganz auf der Höhe. Um diese Atmosphäre des Weltfremden, aber Naturverbundenen zu erzeugen, lässt sich Valdimar Jóhannsson jede Menge Zeit. Zumindest Anfangs. Der Plot seiner Geschichte ist im Grunde faszinierend, ambivalent und bizarr. Klar lässt sich da jede Menge rausholen und auf die Metaebene wuchten, die das Verhältnis des Menschen zur Natur grimmig beleuchtet. Das Mischwesen als zerrissener Weltenvermittler wäre eine wunderbare Allegorie auf unser Verständnis für den blauen Planeten – jedoch fällt dem Filmemacher das Potenzial nicht gerade in den Schoß. Er weiß zwar, wohin der rote Faden seiner Fabel führt, folgt ihm aber zeitweise nur ungern, sondern holt sich dramaturgisch erprobte Lückenfüller, welche die Story aber nicht voranbringen, sondern vielmehr aufweichen. Es ist wie das Warten auf den großen Knall, der vielleicht dieses auf folkloristischen Mythen basierende Mysterium lüften kann. Meiner Erfahrung nach braucht man im Kino Islands auf so etwas nicht hinfiebern. Wie in der stilistisch verwandten Netflix-Serie Katla ist das Metaphysische in dieser Welt einfach da und stets plausibel. Mehr muss man nicht wissen. Was man bei Lamb jedenfalls erfährt, ist eine kuriose Situation des Unnatürlichen, die den Besuch im Kino erstmal lohnt, sich aber viel zu lange ziert, auf Konfrontation zu gehen.

Lamb

Eternals

MARVELS JAGD AUF MENSCHHEITSMYTHEN

6,5/10


eternals© 2021 Marvel Studios / The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CHLOÉ ZHAO

CAST: GEMMA CHAN, RICHARD MADDEN, LIA MCHUGH, SALMA HAYEK, ANGELINA JOLIE, KUMAIL NANJIANI, BARRY KEOGHAN, BRIAN TYREE HENRY, LAUREN RIDLOFF, MA DONG-SEOK, KIT HARINGTON U. A.

LÄNGE: 2 STD 37 MIN


Kevin Feige hat mit seiner Marvel-Schmiede deshalb so viel Erfolg, weil er offen dafür ist, Neues auszuprobieren. Damit sind nicht die uns wohlbekannten Geschichten rund um mittlerweile unzählige Superhelden, Gefahren aus dem Weltall und dergleichen gemeint, sondern das Neue hinter der Kamera. Immer wieder lässt Feige Regisseure ran, die man nicht gerade mit fantastischem Mainstreamkino verbindet. Manchmal sind es Neulinge, frischer Wind. Und dann sind es Autorenfilmerinnen und -filmer, die ihr Können längst bewiesen, vielleicht auch noch einen Oscar gewonnen haben – und sich selbst nach Neuem umsehen wollen. Wie zum Beispiel Chloé Zhao. Wir erinnern uns: der Oscar an den besten Film und an die beste Regie ging heuer an den semidokumentarischen Neowestern Nomadland. Zuvor wurde Zhao bekannt für ihren ebenfalls sehr authentischen Streifen The Rider. Beides zeitgenössische Heimatfilme, die das uramerikanische Bewusstsein sorgfältig sezieren. Marvel hat die gebürtige Chinesin mit Sinn für elegische Landschaftsszenarien nun rekrutiert. Entstanden ist der nächste Schritt tief hinein ins neue MCU (Marvel Cinematic Universe). Entstanden ist auch ein neuer Stil, ein neuer Rhythmus. Ganz neue Figuren, ohne Bezug zum bisherigen Kanon. Man fragt sich, ob Zhao die richtige Wahl dafür war. Man fragt sich auch, wie denn Eternals nun in das bisherige Ganze mit all seinen lose herumwirbelnden roten Fäden, die alle noch weiter und zu Ende geführt werden wollen, hineinpassen will. Kein einziger dieser Erzählstränge wird aufgegriffen, stattdessen werden gleich noch eine Handvoll neue geschaffen.

Und doch ist es so, dass Chloé Zhaos womöglich einziger Ausflug in das Superheldenkino mit einer Humanistin wie ihr grundsätzlich gut beraten war. Eternals widmet sich antiker Mythologie und will anhand eines sehr klassisch-abenteuerlichen Ensemblestücks am besten gleich für alle uns umgebenden Legenden aus der Bronzezeit bis ins Mittelalter deren wahren Kerne postulieren. Die Götter der Griechen sind wieder im Spiel, auch Helden aus einer Zeit, in der Babylons blaues Ishtar-Tor der Hingucker schlechthin war. Bei all diesen Mythen standen die Eternals dahinter, über Jahrtausende hinweg. Ikarus, Athena, Gilgamesch… nun gibt’s ein Come Together, nach 7000 Jahren des Zusehens und Raushaltens (es sei denn, man hat es mit den Deviants zu tun gehabt), um ein verheerendes Schicksal Marke Roland Emmerich von unserer lieben runden Erde abzuwenden, für das die ebenfalls aus den Mythen entstiegenen Giganten – die Celestials – verantwortlich wären, würde es soweit kommen. Nicht mit uns, meinen die glorreichen Zehn, da sie die Erde selbst und ihre Bewohner über alles lieben. Das sind zutiefst altruistische Gedanken, und ziemlich selbstlos, wenn so Kolosse wie der Celestial Arishem ob dieses Ungehorsams durchaus genervt sein könnten.

Creature Designer hatten grünes Licht, sich wieder mal vollends auszutoben, denn die bösen, anfangs noch mit tierischen Instinkten ausgestatteten Deviants sind eine Augenweide für Monsterfans mit Sinn für Ästhetik. Auch Chloé Zhao durfte so manche Freiheit genießen – man erkennt klar ihren Stil: Landschaften und Menschen in natürlichem Licht ohne viel üppigem Firlefanz. Wohldosiert fährt Eternals seine Effekte hoch – feine, goldene Linien, die sich an menschlichen Körpern entlangräkeln wie Efeu, hat was von Jugendstil und ist das High Tech in dieser – man möchte fast meinen – alternativen Zeitlinie zum übrigen Marvel-Universum. Aber das ist es nicht, der Infinity War hat stattgefunden. Woran man allerdings erkennt, dass Zhao so, wie sie es hier getan hat, lieber nicht weitermachen sollte, ist der Fokus auf ein Charakterdrama aus pathetischen Dialogen und Liebesbekundungen, die sich andauernd wiederholen und dem ohnehin schon gedehnten Abenteuer immer wieder seinen Schwung nehmen. Verlorene Blicke im Gegenlicht, die hatte schon Francis McDormand ausgiebigst innegehabt. Hier ist dasselbe mal zehn. Obendrein will jeder noch seine Biographie. Da wird das Publikum dann doch, so nach der Halbzeit, immer öfters ungeduldig. Seltsam auch, dass vollkommene Wesen wie die Eternals körperliche Defizite wie Mutismus aufweisen oder einer davon immer ein Kind bleiben muss. Hinterfragen darf man nicht zu viel, und ausgeschlafen sollte man ebenfalls sein, sonst wird der viel zu lange, aber anspruchsvolle und anmutig designte Mythologieparcour zu einer verschwurbelten Meditation des Wegnickens.

Übrigens: Die Post Credit Scenes (derlei zwei) sind womöglich nur für sehr eingefleischte Comicfans zu verstehen, die die ganze Bandbreite der Marvel-Bibliothek kennen. Für Kevin Feige zum Beispiel – für mich leider nicht.

Eternals

Zombi Child

DIE KINDER DER TOTEN

6,5/10


zombichild© 2020 Grandfilm


LAND / JAHR: FRANKREICH 2019

BUCH / REGIE: BERTRAND BONELLO

CAST: LOUISE LABEQUE, WISLANDA LOUIMAT, MACKENSON BIJOU, KATIANA MILFORT, ADILÉ DAVID, NINON FRANÇOIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Zombies gibt es wirklich. Zumindest sagt man das, und zwar auf Haiti. Dort, wo Voodoo mehr ist als nur eine Zaubershow. Vielmehr eine Lebenseinstellung, eine Art metaphysische Weltsicht. Als der erste belegte Fall eines Zombies gilt Anfang der 60er Jahre ein Mann namens Clairvius Narcisse. Der brach eines Tages auf der Straße tot zusammen, wurde beerdigt – und kurze Zeit später wieder zum Leben erweckt, um als untote Kreatur ohne eigenen Willen mit anderen Zombies als Sklave auf einer Zuckerrohrplantage zu arbeiten. Irgendwie hat dieser Mann es geschafft, den Willen seiner Herren zu brechen und zu seiner Familie zurückzukehren, wo er bis zu seinem zweiten Tod gelebt hat. Klingt kurios? Ist es auch. Und es ist der erste mir bekannte Zombie-Film, der um genreübliche Versatzstücke wie Kannibalismus, Blutdurst und rasender Impulssteuerung einen großen Bogen macht. Mit dieser Darstellung des Zombie-Mythos bringt Regisseur Bertrand Bonello das medial hochgeschätzte und durch The Walking Dead massentauglich gewordene Thema auf den Boden kulturgeschichtlicher Tatsachen zurück. Dabei teilt Bonello seinen Film in zwei Hälften. Die eine schildert chronologisch die Ereignisse, die damals auf der karibischen Insel angeblich stattgefunden haben. Die andere erzählt die Coming of Age-Story der französischen Schülerin Fanny, die während ihres Aufenthaltes im Internat mit der Abfuhr ihres Freundes zurechtkommen muss. Ihr zur Seite steht eine kleine Gruppe vertrauter Freundinnen, die sich regelmäßig, zur nachtschlafener Zeit, als eingeschworene Schwesternschaft im Kunstsaal der Schule treffen. Dabei wird ein neues Mitglied aufgenommen – ein haitisches Mädchen namens Mélissa, die bei einer Tante lebt, und die man gut und gerne als Voodoo-Priesterin bezeichnen könnte. Fanny ist davon fasziniert – und spielt mit dem Gedanken, ihre Dienste in Sachen Liebeskummer in Anspruch zu nehmen.

Zombi Child fügt sich wunderbar an eine Reihe ähnlich gelagerter, augenscheinlicher Jugendfilme an, wie zum Beispiel When Animals Dream von Jonas Alexander Arnby oder Raw von Cannes-Preisträgerin Julia Ducournau. In allen diesen Filmen dringt das Paranormale in den ganz normalen Alltag junger Mädchen ein, die sich damit abmühen müssen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Bonellos Film kommt allerdings ohne Blut und Todesfälle aus, dafür ist das Überschreiten dieser Grenze hier im Film eine, die nicht weniger Wirkung hat. Statt verwesender Gesichter und bissfester Launen handelt das Voodoo-Drama von Seelenreisen und der Dominanz solcher. Vom Beschwören garstiger Dämonen und dem Bannen selbiger. Der westafrikanische Kult ist nichts, womit man einfach so aus Neugierde herumspielt, meint der Regisseur. Und auch nichts, das sich gerne als reißerisches Horror-Vehikel verbraten lassen will. Zombi Child nimmt die Möglichkeit einer unbekannten Dimension wie dieser durchaus ernst. Vielleicht ein bisschen zu ernst, und vielleicht schmeckt diese Art der Zombie-Interpretation verwöhnten Zombieland-Veteranen nicht wirklich, weil sie mit Schlitzen und Ballern nicht weit kommen. Als beruhigt beunruhigende Exkursion zu den Wurzeln eines Mysteriums allerdings ist Zombi Child Kopfkino für geschmacksorientierte Tellerrand-Balancierer, den Blick in den Abgrund inbegriffen.

Zombi Child

Tragic Jungle

DER DSCHUNGEL IST WEIBLICH

7/10


tragicjungle© 2021 Netflix


LAND / JAHR: MEXIKO 2020

REGIE: YULENE OLAIZOLA

CAST: INDIRA ANDREWIN, GILBERTO BARRAZA, ELIGIO MELÉNDEZ, LÁZARO GABINO RODRÍGUEZ, MARIANO TUN XOOL, DALE CARLEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Es gibt wohl kaum einen anderen Ort auf der Welt, an dem man so sehr seine menschlichen Parameter über Bord wirft als im Ökosystem Dschungel. Dort gelten Gesetze, die ein zivilisationsverwöhntes Individuum auf dessen Werkseinstellungen zurückwirft. Wenn das nichts hilft, macht der Wahnsinn all den vergeblichen Versuchen, Würde zu bewahren, ein Ende. Freilich gibt es Ausnahmen, vermehrt jedoch – und vor allem in den narrativen Künsten – ist das Verderben die letzte Instanz eines Prozesses, der klar macht, wie sehr wir uns von Mutter Natur entfernt haben. Aguirre, der Zorn Gottes, hatte völlig den Verstand verloren. Selbst das Vorhaben von Harrison Ford in Mosquito Coast war zu viel Ideologie als praktische Vernunft. Ebenso Daniel Radcliffe. Der war am Ende von Jungle auch viel mehr eins mit dem Humusboden, um noch als Mensch zu gelten. Und so könnte man die Liste fortsetzen. Jüngster Beitrag zu dieser veranschaulichten Diskrepanz ist das auf der letztjährigen Viennale ausgezeichnete filmische Lebenszeichen aus Mexiko mit dem so schlichten wie treffenden Titel: Tragic Jungle.

Schauplatz ist das umwucherte Grenzgebiet zwischen Britisch-Honduras (Belize) und Mexiko. Regenwald, soweit das Auge reicht, durchzogen von Flüssen, dominiert vom kehligen Gebrüll der Affen und dem täuschend fröhlichen Gezwitscher diverser Vögel. Das grüne Chaos durchbrechen drei Menschen – zwei Frauen und ein knorriger alter Mann. Die drei sind auf der Flucht, nur der Mann weiß, wo’s lang geht. Alsbald werden sie  eingeholt – von einem adretten Engländer mit kantigem Gesicht und kalten Augen. Anscheinend will sich Agnes, eine der Frauen, um nichts in der Welt mit diesem feudalen Snob vermählen. Ein Affront, der bestraft werden muss – mit dem Tod. Kurze Zeit später werden alle erschossen – bis auf Agnes eben, die mit dem Leben davonkommt. Oder doch nicht? Gefunden wird sie von einer Gruppe Kautschuk-Bauern, die, erstmal ganz betört von ihrer Schönheit, die junge Frau als ihren Besitz betrachten. So wie den Dschungel eben. Nur: wer kann sich dieses Besitzanspruches würdig erweisen? Mit der Gefangennahme von Agnes setzt die grüne Hölle eine Verkettung von unglücklichen Zufällen in Gang, die gar nicht so zufällig sein können.

Herzlichen Dank an dieser Stelle an Netflix dafür, dass der Streamingriese immer mal wieder Festivalperlen wie diese in sein Sortiment aufnimmt. War schon Nobody Knows I’m Here aus Chile eine Entdeckung oder I’m No Longer Here über den mexikanischen Cumbia-Tanz, ist Tragic Jungle ein weiterer, kinematographisch beeindruckender Ausflug nach Lateinamerika. Irgendwie fühlt es sich auch an, als hätte ein zur Höchstform aufgelaufener Werner Herzog seinen neuesten Film gedreht. Natürlich im Dickicht des Waldes, natürlich an der Grenze zum Irrsinn, natürlich spielend mit der Wahrnehmung. Der Dschungel ist hier beseelt von transzendenten Wesen, von unsichtbaren Geistern, die manchmal sichtbar werden, um ein gerechtes Exempel zu statuieren. In Tragic Jungle verarbeitet Regisseurin Yulene Olaizola Gedichte über ein mythisches Wesen, einem weiblichen Dämon namens Xtabay, der aus den Legenden der Maya entspringt. Über das feuchtheiße, sirrende Grün legt sich die Stimme des Erzählers in Ich-Form, der über Xtabay resümiert – gleichzeitig aber sehen wir die völlige Hilflosigkeit gieriger Männer, die der metaphysischen Macht nichts entgegensetzen haben. Der Dschungel ist weiblich, so Olaizola, und gegen diese Weiblichkeit hilft weder sexuelle Nötigung noch der Drang, diese Weiblichkeit besitzen zu wollen. Entsprechend drakonisch ist die Antwort dieser Manifestation, gleichzeitig aber auch magisch, betörend und manipulativ. Tragic Jungle ist ein zugleich feministisches wie ethisch-moralisches Märchen über unrechtmäßige Aneignung und impulsivem Machtgehabe. Hier regiert die Tugend einer niemals einschätzbaren Entität.

Tragic Jungle