The Change (2025)

POLITIK FRISST FAMILIE

6/10


© 2025 Tobis Film


ORIGINALTITEL: ANNIVERSARY

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAN KOMASA

DREHBUCH: LORI ROSENE-GAMBINO

KAMERA: PIOTR SOBOCIŃSKI JR.

CAST: DIANE LANE, KYLE CHANDLER, PHOEBE DYNEVOR, ZOEY DEUTCH, MCKENNA GRACE, DYLAN O’BRIEN, DARYL MCCORMACK, MADELINE BREWER, MAYA O’SHEA U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn du nicht dafür bist, dann bist du dagegen! Nach dieser Prämisse soll auch der neue Film von Jan Komasa funktionieren, der mit seinem Klerus-kritischen, polnischen Lokalkolorit-Drama Corpus Christi sogar bei den Oscars für Aufsehen sorgte. Lang hat’s gedauert, bis der polnische Filmemacher wieder auf die Leinwand kam, diesmal mit einem destruktiven Polit- und Familiendrama namens The Change. Davor hat sich Netflix die Rechte für seinen wohl stärksten Film gesichert: The Hater. Im Vergleich dazu fällt The Change auffallend substanzlos aus, während Komasa in seinem Social-Media-Horror zumindest versucht, die Mechanismen hinter geschürtem Hass, Manipulation und in die Wege geleiteten Terror auf eskalierende Weise abzubilden. Das Eskalierende hat auch in The Change seinen hohen Stellenwert. Alles gerät hier aus den Fugen – Ordnung, Werte, jeglicher Kodex und vor allem eines: jegliche Bereitschaft zum Dialog. Wo kein Dialog, da auch kein Umdenken. Wo kein Austausch, sondern nur abwehrende Polemik, da auch kein Miteinander. Man erkennt das leicht bei gewissen Oppositionsparteien, die ihre eigene Existenzberechtigung einfach nur damit rechtfertigen, die Ideen der Konkurrenz abzulehnen.

So endet die Demokratie

Apropos Parteien: Wie ist das, wenn es keine Parteien mehr gäbe? Eine Kein-Parteien-Politik; eine Gesellschaft, die aus sich selbst heraus regiert und lediglich Einzelpersonen in eine Art Parlament schickt, die wiederum was vertreten? Ihr persönliches Weltbild? Irgendwie müssen auch die einen Konsens finden, denn wenn einer allein regiert, wird das ganze zur Diktatur oder gar zum totalitären Staat, den wir aus der Geschichte leider zur Genüge kennen. In The Change – im Original noch treffender mit Anniversary betitelt, da sich dieser auf die einzelnen Kapitel des Films bezieht, die stets an einem familiären Jubiläum stattfinden – spielt Phoebe Dynevor (Fair Play) die ehemalige Studentin von Dr. Ellen Taylor (Diane Lane), die zu deren Leidwesen am Tag der silbernen Hochzeit an der Seite ihres Sohnes antanzt. Wieso zum Leidwesen? Nun, diese gewisse Elisabeth Nettles, wie sich Dynevors Filmfigur nennt, hat schon damals, bevor sie von der Uni flog, eine Master-Thesis verfasst, die sich mit radikalen politischen Ideologien beschäftigt. Nichts für die liberale, linksdenkende Taylor – und jetzt auch noch das: Nettles hat ihre Gedanken längst zu Papier gebracht und verlegen lassen, als The New Social Contract, mit dem aussagekräftigen und interpretierbaren Titel, den der Film trägt.

Mehr hat es nicht gebraucht, und der Bestseller schlägt Wellen, bis in die obersten Ränge der Politik, bis zum letzten kleinen Mann und zur letzten kleinen Frau – alle feiern dieses Buch, während Familie Taylor immer mehr im Chaos versinkt. Die Abwärtsspirale ist enorm, und Jan Komasa bremst hier, obwohl in Jahresschritten, keine noch so erschütternde Veränderung aus. Wie in einem der schärfsten Stücke eines Peter Turrini oder Edward Albee zerpflückt The Change die Grundpfeiler und Prinzipien einer Familie, bis nur noch Fetzen übrig sind. Die politischen Ideologien des Buches werden zur staatstragenden Macht. Was genau das für welche sind, scheint nicht wichtig. Und das ist auch das Grundproblem eines Films, der die Konsequenzen des Niedergangs einer Demokratie abbilden möchte, dabei jedoch selten bis niemals hinter die Symptomatik blickt.

Finger weg vom Diskurs!

Was ist das denn genau für eine politische Idee? Wie setzt sie sich zusammen, wie funktioniert sie? Ist es Kommunismus, ist es faschistoides Gedankengut? Was ist es? Der augenscheinlichen Intelligenz von Diane Lanes Figur zum Trotz liegt die Grundproblematik dieses Untergangs in einer nicht vorhandenen Diskussions- und Kommunikationskultur. Verbohrte Meinungen, kompromissloser Widerstand auf allen Seiten. The Change zeichnet recht oberflächlich diesen Wandel nach, dessen Manifest niemanden interessiert, vor allem nicht Komasa – die Dekonstruktion einer vormals intakten Familie bleibt aber erschütternd genug, um nicht ein gewisses, kloßähnliches Unbehagen zu verspüren, wenn die Welt mit ihren demokratischen Werten allmählich verblasst. Vielleicht ist es auch egal, was den Ausschlag dazu gegeben hat, vielleicht geht es auch nur um die Befreiung der Freiheit und dessen Verschwinden, um den Terror eines Überwachungsstaats und die Sinnlosigkeit, seinen Werten treu zu bleiben.

Beklemmend und nihilistisch? Ja, das ist es. Als grimmiger Warnhinweis funktioniert The Change somit allemal, als Worst Case-Schreckgespenst und politischer Alptraumverursacher. Als gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit radikalem Gedankengut nur bedingt, weil einzig der Endeffekt die richtigen Emotionen erzeugt.

The Change (2025)

The Secret Agent (2025)

UND DER HAIFISCH, DER HAT ZÄHNE

7/10


© 2025 Port au Prince Pictures


ORIGINALTITEL: O AGENTE SECRETO

LAND / JAHR: BRASILIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: KLEBER MENDONÇA FILHO

KAMERA: EVGENIA ALEXANDROVA

CAST: WAGNER MOURA, MARIA FERNANDA CÂNDIDO, GABRIEL LEONE, CARLOS FRANCISCO, ALICE CARVALHO, ROBÈRIO DIÓGENES, HERMILA GUEDES, IGOR DE ARAÚJO, ÍTALO MARTINS, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Die Hai-Angst greift um sich, im Brasilien der Siebzigerjahre. Einmal in den lokalen Geschichtsbüchern geblättert, markiert diese Dekade die Epoche einer Militärdiktatur, die vehement gegen Liberale und linksgerichtete Denker vorging. Alles, was den politischen Dogmen von damals nur ansatzweise widersprochen und sich zumindest so angefühlt hat, als wäre revolutionäres Denken im Gange, war letzten Endes dazu verurteilt gewesen, beseitigt zu werden – sei es weggesperrt auf ewig, umgebracht und verscharrt oder nur ermordet und liegen gelassen. Viele blieben verschollen, und jene, die man fand, konnten nur schwer identifiziert werden, so als wären sie von einem Raubtier zerfleischt worden; von einem Räuber, einer unberechenbaren Bedrohung, die ohne Vorankündigung kurzen Prozess gemacht hat.

Spielbergs Sommerhit als symbolisches Trauma

Dieser Knorpelfisch wird zur Metapher für eine satirisch-tragikomische Parabel; für einen bisweilen schrägen Thriller, der die politische Geschichte Brasiliens völlig anders aufdröselt und nichts damit anfangen kann, als herkömmliches Betroffenheitskino seine Informationspflicht in der notwendigen Sachlichkeit, ergänzt durch routiniertes Drama, abzuarbeiten. In diesem monströsen Meerestier, gespickt mit rasiermesserscharfen Zähnen, steckt das Bein eines unbekannten menschlichen Opfers – mit diesem Mordfall schickt sich ein höchst ungewöhnlich konzipiertes Charakterdrama an, über eine Person zu erzählen, die, von Palme-Preisträger Wagner Moura verkörpert, als Universitätsprofessor Marcelo von den Häschern der Militärjunta in die Küstenstadt Recife flüchtet. Die Gegend ist für den Witwer Marcelo kein unbekanntes Terrain, leben dort doch seine Schwiegereltern und sein eigener kleiner Sohn, der panische Angst vor Haien hat, dabei aber unbedingt Spielbergs Weißen Hai sehen möchte – vielleicht, um das kleine Trauma loszuwerden, welches ihn plagt.

Den Opfern auf der Spur

So geistert der Hai und das Bein durch die scheinbar umständlich erzählte Chronologie eines Schicksals, das erst Jahrzehnte später – der Film macht zwischendurch immer wieder Zeitsprünge in die Gegenwart – von Geschichtsstudentinnen aufgearbeitet wird. Dabei sind beide – das Bein und der Hai – symbolische Bausteine, die für einen zerstörerischen Machtapparat stehen, der verbrannte Erde hinterlässt und es so unmöglich macht, das Ausmaß der Tragödien zu erfassen. Filmemacher Kleber Mendonça Filho, der mit seiner politischen Alien-Parabel Bacurau denkwürdiges brasilianisches Kino schuf, lässt surrealen Spuk auch hier, wenn auch deutlich dezenter, durch Recife geistern. Allein die erste Szene von The Secret Agent mutet an, als hätten wir es hier mit einem schwarzhumorigen, lakonischen Gaunerstück zu tun; als hätte einer wie Vince Gilligan (Breaking Bad, Better Call Saul) eine neue Spielwiese entdeckt. Letztlich aber ist Filhos Film bisweilen weniger originell als das episch-bizarre Seriendrama, das kein Auge trocken lässt. The Secret Agent lässt sich massig Zeit, beobachtet und sondiert zuerst, um dann erst spät die Karten auf den Tisch zu legen. Lange ahnt man nur, was hinter Marcelos Versteckspiel verborgen liegt – fast schon reduziert der Film seine Geschichte zu sehr auf indirekt stattfindende Wendungen. Mehr zur fiktiven Biografie wird diese tragische Geschichte, wunderlich und vielschichtig, während sich gegen Ende die Dinge überschlagen und der klassische Politthriller, wie er in den Siebzigern gern inszeniert wurde, findet seine Hommage.

Politthriller mal anders

Subtil und doch nicht, metaphysisch und gleichzeitig ernüchternd real: Filhos Mixtur ist bemerkenswert. Den Verdacht, hier ganz großes Kino aus Brasilien zu erleben, das falsche Erwartungen provoziert und gleichermaßen einen melodramatischen Film Noir darin einbettet, mag man hegen. The Secret Agent ist nicht leicht zu fassen, weil er fast schon als dynamischer Genre-Hybrid funktioniert. Mittendrin dann tatsächlich noch Udo Kiers letzte Rolle als gezeichneter jüdischer Holocaust-Überlebender, als Orakel einer politischen Sackgasse, in der er sich einst befand, und die nun Brasilien auf eigene Art variiert.

The Secret Agent (2025)

The Negotiator (2024)

ROBIN HOOD DER WHISTLEBLOWER

7/10


© 2025 Constantin Film


ORIGINALTITEL: RELAY

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DAVID MACKENZIE

DREHBUCH: DAVID MACKENZIE, JUSTIN PIASECKI

KAMERA: GILES NUTTGENS

CAST: RIZ AHMED, LILY JAMES, WILLA FITZGERALD, SAM WORTHINGTON, MATTHEW MAHER, AARON ROMAN WEINER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


„Ich werde ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann.“ Klar, wenn Marlon Brando so etwas sagt, wissen wir, dass, wenn wir die Freiheit wählen, das Angebot auszuschlagen, wir nächste Weihnachten wohl nicht mehr erleben würden. Fiese Methoden sind das, mafiös natürlich und letztlich ausweglos. Aber: Nicht nur das organisierte Verbrechen nutzt die galante Phrase, um andere gegen die Wand zu drängen – auch der schweigsame Riz Ahmed hat seinen Workflow dahingehend perfektioniert, indem er mächtige Konzerne, die Dreck am Stecken haben, sprichwörtlich an den Eiern packt.

Um die Ecke telefoniert

Ahmed, bekannt aus Rogue One: A Star Wars Story und Sound of Metal, wofür er eine Oscar-Nominierung erhielt, gibt hier den taktisch versierten Ash, der Whistleblowern und von Betrieben unter Druck gesetzten Normalsterblichen als Vermittler dient, wenn hochbrisantes Material, das Konzernen in den Hintern treten könnte, nicht an die Öffentlichkeit dringen soll. Die Macht, Mächtige zu Fall zu bringen, mag eine gewisse Sucht erzeugen – es ist ein Spiel mit dem Feuer, das nur dann für keine Verbrennungen sorgt, wenn die heissen Eisen richtig angepackt werden und Ash’s Klienten alle Regeln befolgen. Um das zu bewerkstelligen, bedient sich Ash spezieller Telefonvermittlern, deren Aufgabe es ist, Hör- und Sprachbehinderten eine Stimme zu leihen. Eine Vorsichtsmaßnahme, die Ash bislang in Deckung hält.

Wie zu erwarten in einem Thriller wie diesen, läuft bei der nächsten Klientin alles ganz anders. Lily James mischt sich diesmal ein, hat brisantes Zeug in der Hand, welches sie ihrem Auftraggeber, einem Biotech-Unternehmen, zurückgeben und sich dabei schadlos halten möchte. Klingt nach Routine – ist es aber nicht. Denn diesmal schickt der König Soldaten aus, darunter Sam Worthington, um den Vermittler zu identifizieren und auszuhebeln.

Wie Hase und Igel

Der Brite David Mackenzie – man kennt ihn dank seiner Arbeiten wie Hell or High Water oder Outlaw King – ist manchesmal wirklich jemand, der den Hang hat, zur düsteren Mieselsucht zu neigen. Richtig unbequem ist sein 2003 erschienener Psychothriller Young Adam, superbritisch und wolkenverhangen. Auch The Negotiator ist stahlgrau und präzise, kantig und fokussiert. Eine Zeit lang nimmt man als Zuseher gar an, Ahmeds Figur ist tatsächlich sensorisch beeinträchtigt, weil er lange Zeit nicht spricht und alles über dieses Relay läuft (so der Originaltitel des Films). Am anderen Ende hängt die verzweifelte Lily James, dazwischen die Fixer des Konzerns, die das Problem beseitigen sollen. Alles fühlt sich an, als wäre Tony Gilroy der Urheber des Drehbuchs. Es gibt keine Action (nur ganz am Ende), keine trivial gesetzten Bedrohlichkeitsszenarien, es gibt das Telefon, jede Menge Anweisungen, die Teil eines oft erprobten Prozederes sind, von welchem wir natürlich noch nichts wissen, und es gibt die Telefonisten, die sehr wohl spitzkriegen, dass hier nichts Legales abgeht und die dennoch nichts unternehmen, als stünden sie wie Geistliche unter dem Verschwiegenheitsgelübde der katholischen Kirche.

Darüber mag man hinwegsehen, denn der akkurate, straff gezogene Prozessablauf, optimiert und effizient wie ein Einsatz der freiwilligen Feuerwehr, gewährleistet ein gewisses verblüfftes Erstaunen. Ja, Filme auch ohne den üblichen Kram an Versatzstücken in diesem Genre können funktionieren, wenn die Hebel an allen Ecken und Enden richtig angezogen sind. Wer wen wann und wie aufs Kreuz legt oder an der Nase herumführt, das ergibt respektables, gar nobel zugerichtetes Businessthrillerkino, geschickt, widerspenstig, mitunter auch richtig schadenfroh, wenn die Schergen des Konzerns auf der Seife stehen.

Auf diesen stilsicheren Modus verlässt sich Mackenzie allerdings nicht bis zum Schluss, denn da verpulvert ein radikaler Twist, den wirklich niemand kommen sieht, zugunsten des Faktors der Überrumpelung fast die ganze Glaubwürdigkeit.

The Negotiator (2024)

The Purge – Die Säuberung (2013)

EINMAL MÖCHTE ICH EIN BÖSER SEIN

8/10


© 2013 Universal / Blumhouse Productions


LAND / JAHR: USA 2013

REGIE / DREHBUCH: JAMES DEMONACO

CAST: ETHAN HAWKE, LENA HEADEY, MAX BURKHOLDER, ADELAIDE KANE, EDWIN HODGE, TONY OLLER, RHYS WAKEFIELD, ARIJA BAREIKIS, TOM YI, CHRIS MULKEY, TISHA FRENCH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Wieder einmal leben wir in einer Dekade, in der so manch kühne Dystopie und gellend in den Himmel schreiende Politsatire von der Realität eingeholt wird. Ganz besonders blendet das schwindende Licht einer regressiven Gesellschaft aus dem Westen, dort, wo der Absolutismus langsam zurückkehrt, und niemand auch nur ansatzweise ernstzunehmenden Widerstand bietet gegen jemanden, der den sozialen Fortschritt des Menschen mit Füßen tritt. Wir wissen längst: Macht korrumpiert den Mensch, eine missglückte Kindheit rächt sich ein Leben lang. Und überhaupt ist Homo sapiens am Ende der Nahrungskette ein Wesen, dass nichts auf der Welt lieber hat als in Ruhe in der eigenen Wohlstandsblase dahinzugammeln auf Kosten der Nachbarn und vor allem auf Kosten jener, die er oder sie sowieso niemals zu Gesicht bekommen, außer vielleicht in den Nachrichten, und die muss man ja nicht zwingend einschalten. Um das zu erreichen, dafür muss man Opfer bringen. Aber nicht die eigenen. All diese Faktoren zusammengenommen ergeben das Bild einer gewissenlosen, egoistischen, reuelosen Spezies, die zu allem bereit scheint, wenn es sich davon einen Vorteil verspricht. Dazu muss diese Spezies gar nicht mal im Kollektiv gehirngewaschen werden wie während der Nazi-Herrschaft oder dem Genozid in Ruanda. Querdenkende Geistesriesen haben im dystopischen Thriller The Purge – Die Säuberung die „Neuen Gründerväter“ eine Gesellschaft etabliert, die sich selbst bis auf einen einzigen Tag kaum mehr gegenseitig etwas antut. Friede, Freue, Eierkuchen 364 Tage lang. Am Tag X, dem Tag der Säuberung, der fast schon so gefeiert wird wie Thanksgiving, ist hingegen jede Gräueltat erlaubt. Und jeder, der mordet, foltert oder missbraucht, bleibt straffrei. Aktuell wäre die Umsetzung einer solch kruden Idee angesichts all der anderen Geistesblitze in Übersee durchaus denkbar.

James DeMonaco wird wohl damals, 2013, nicht unbedingt daran gedacht haben, wie sehr sein Land nach rechts driften wird. Damals dürfte er seine brillante Vision einer Nacht aus Mord und Totschlag vielleicht nur als perfiden Horrortrip betrachtet haben, vielleicht aber auch als beängstigendes Zerrbild einer Gesellschaft, die niemals sich selbst überlassen und nur unter Gesetzen, Regeln und Strafen erzogen werden kann. Der Mensch als unberechenbare Bestie – und scheinbar jede und jeder trägt so viel Aggression in sich, um diese ausleben zu müssen. Ob das Bild, das Monaco zeichnet, einen gewissen Realismus birgt? Die Anarchie, die The Purge lostritt, kurbelt den eigenen Denkapparat an. Wäre man selbst in so einer Lage, wäre man froh, ein Haus wie Ethan Hawke zu besitzen, der zum Gongschlag der Hardcore-Halloween-Nacht das traute Heim hermetisch abriegelt. Sollen die da draußen doch morden, die Familie hats gemütlich. Nun aber kommt die Gretchenfrage ins Spiel: Was, wenn jemand um Hilfe ruft und nirgendwo hin kann? Genauso eine Situation bringt diese Nacht, die Hawkes Familie schon so oft erlebt hat, diesmal gehörig aus dem Gleichgewicht.

Das Gewissen wird zur unsanften Herausforderung, der psychopathische Wahnsinn klopft an die Tür, die Home Invasion kann beginnen. Im strengen Thriller-Modus macht sich The Purge ans Eingemachte, ohne jemals auf sozialkritische Polemik zugunsten satter Gewalt zu verzichten. DeMonacos moderner Klassiker des Near-Future-Kinos hat mittlerweile einen ganzen Rattenschwanz an Fortsetzungen nach sich gezogen, die aber allesamt nur dem Symptom frönen, während das Original eigentlich längst alles gesagt und gezeigt hat, was man sagen und zeigen sollte. Um den Mensch endlich als das zu begreifen, was er ist: Verloren im freien Spiel der Kräfte.

The Purge – Die Säuberung (2013)

Der Unsichtbare (2020)

DURCH DAS BÖSE HINDURCHSEHEN

7/10


© 2020 Universal Pictures


ORIGINALTITEL: THE INVISIBLE MAN

LAND / JAHR: USA, AUSTRALIEN 2020

REGIE / DREHBUCH: LEIGH WHANNELL

CAST: ELISABETH MOSS, OLIVER JACKSON-COHEN, ALDIS HODGE, STORM REID, HARRIET DYER, MICHAEL DORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 4 MIN


Mit H. G. Wells‘ Roman Der Unsichtbare hat das Ganze gar nichts mehr zu tun. Einzig die Prämisse, unsichtbar zu sein. Gilt sowas dann noch als Adaption? Wohl kaum. Doch Leigh Wannell geht es, wie später auch in Wolf Man, lediglich um einen aus der Norm brechenden Zustand, um das Anders-Sein und Anders-Werden. Um das Monströse in einem Menschen, das ausbricht oder um einen monströsen Menschen, der die Möglichkeit findet, das Abnorme ungestraft zu praktizieren. Letzteres ist die Prämisse des neuen Unsichtbaren, entledigt aller Stoffbahnen und Verbände und auch jedweder Sonnenbrille, die als Utensilien zur Sichtbarmachung eines übereifrigen Wissenschaftlers, der nicht die ganze Bandbreite seiner Untersuchungen akzeptiert hat, bislang herhalten mussten. Wie es die Universal Studios und Blumhouse schaffen, klassische Grusel-Ikonen in die Gegenwart zu transportieren, ohne auf dem Weg dorthin das Interesse des Publikums zu verlieren, dass nur bedingt in Nostalgie schwelgt? Genau so.

Obwohl bei H. G. Wells die Frage der Moral und die Verrohung des Menschen durch den Fortschritt oder eben auch der Monopolstellung eines Fortschritts in einer Metaebene ganz klar zu lesen ist, rückt bei Whannell genau das in den Hintergrund, während der bereits im sichtbaren Zustand etablierte Psychopath den psychologischen Traumata weiblicher Gewaltopfer eine schreckliche Gestalt verleiht: Nämlich, dass sie keine hat.

Ein Mensch, der Unterdrückung, Gewalt und permanente Bedrohung erlitten hat, wird sich nicht groß wundern, die Welt paranoider zu betrachten. Diese Angst vor der Verfolgung wird in Der Unsichtbare zum Monster, zum Feind im eigenen Schlafzimmer. Zur Gefahr, allgegenwärtig und gleichzeitig nirgendwo. Das funktioniert deutlich besser oder eben zeitgemäßer als der Ansatz der Entmenschlichung durch exorbitante Technologien. Was nicht heisst, dass diese kritische Betrachtungsweise nicht auch zeitrelevant genug wäre. Die Frage, die wir uns aber noch dringender stellen müssen, ist das Miteinander. Von diesem hat Elisabeth Moss als unterdrückte Ehefrau Cecilia die Nase voll. Ihr Ehemann Adrian ist ein Scheusal, ein dominanter Chauvinist und naturgemäß eben ein Psychopath, der seine häusliche Gewaltherrschaft ausübt, wenn er gerade mal nicht als High-Tech-Ingenieur im Keller des schmucken Hauses an einem Projekt herumtüftelt, welches dazu beitragen wird, dass Whannells Film eben so heisst, wie er heisst.

Cecilie schafft es aber, in einer Nacht- und Nebelaktion ihrem grausamen Gatten zu entfliehen – der hetzt hinter ihr her, doch zum Glück ist die beste Freundin zur Stelle, die, wie ausgemacht, das Fluchtauto zur Verfügung stellt. Es vergeht einige Zeit, in der Cecilia, von Furcht gepeinigt, Adrian könnte sie finden, bei Freunden inkognito unterkommt. Und selbst nach der Nachricht, der Göttergatte hätte sich umgebracht, lässt sich das Leben nicht wirklich leichter nehmen. Ein Gefühl der Befreiung  weicht dem Gefühl, fortan immer und überall von einer boshaften Präsenz beschattet zu werden, die nicht nur wie der kalte Atem eines Toten über einem wabert, sondern sehr schnell sehr handgreiflich wird.

Womit wir bei Leigh Whannells Methode wären, auf wenig zimperliche Weise das Subgenre des existenzialistischen Thrillers aufzumöbeln. Schon in seinem Science-Fiction-Hardcorestreifen Upgrade um Künstliche Intelligenzen und deren Kontrolle über unser Leben ist ein scharfkantiger filmischer Brutalismus zu spüren, die Ignoranz urbaner Anonymität und kaltschnäuziger Vergeltungsmethoden. Auch Der Unsichtbare bleibt kühl und distanziert, und wirft in sein asoziales Ökosystem eine völlig aufgelöste Elisabeth Moss, die um ihren Verstand ringt und das Gefühl der Angst zu empfinden weiß – bis diese ihr Flügel verleiht, womit der zwischen Psychohorror und Science Fiction angesiedelte Film sogar noch – und nicht zu spät – eine ordentliche, aggressiv-feministische Note erhält. Whannells Skript weiß herumzuwirbeln und die Parameter neu zu ordnen – immer wieder mal so, wie man es nicht erwartet. Auf diese Weise gelingt ihm ein makelloses Stück futuristisches Thrillerkino, gesellschaftskritisch, panisch, psychotisch. Am glattpolierten Boden des Fortschritts jede Menge Blut.

Der Unsichtbare (2020)

Strange Darling (2023)

DER FEIND IM FREMDEN BETT

7,5/10


Strange Darling© 2024 Miramax


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: JT MOLLNER

CAST: WILLA FITZGERALD, KYLE GALLNER, BARBARA HERSHEY, ED BEGLEY JR., ANDREW SEGAL, MADISEN BEATY, BIANCA SANTOS, EUGENIA KUZMINA, STEVEN MICHAEL QUEZADA, SHERI FOSTER, GIOVANNI RIBISI U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Nie, wirklich niemals, ist das Objekt genau dort, wo man es vermutet. Weder unter dem einen noch unter dem anderen Hütchen. Das liegt wohl daran, dass einige von denen, die mit namentlichem Spiel draufgängerische Passanten um ihr Kleingeld erleichtern, Trickbetrüger sind. Da lassen sich die Rochaden noch so genau beobachten – letztlich blickt man ins Leere.

Es gibt Filme, die ähnlich konstruiert sind. Die nicht wollen, dass ihr Publikum viel zu früh ahnt, welche Taktik hier ihre Anwendung findet. Die es darauf ankommen lassen, dass unkonventionelle Erzählweisen nicht immer willkommen sind. Doch diejenigen, die gerne erfrischend Neues erleben und sich mit einem Lächeln an der Nase herumführen lassen wollen, haben mit Strange Darling eine gute Partie – vorausgesetzt, der Versuch, aus der Gewohnheit auszuscheren, wirkt letztlich nicht allzu gewollt. So ein Zerstückeln des Erzählflusses braucht schließlich Geschmeidigkeit, muss sich anbieten und nicht so wirken, als hätte man erst viel zu spät entschieden, ein konventionelles B-Movie mit besonderem Twist zwangszubeglücken. Das merkt auch das Publikum. Bei Strange Darling merkt es das nicht. Denn der Thriller fuhrwerkt mit seinen sechs Kapiteln ebenso herum wie eingangs erwähnter Hütchenspieler. Dabei starten wir gleich mal mit Kapitel Nummer Drei. Und nein, vorne fehlt nichts, hinten fehlt nichts – dieses Puzzleteil wirft uns sogleich mit Anlauf hinein ins Geschehen. Wir sehen eine Blondine, die, blutverschmiert und gehetzt, mit einem roten Sportwagen über die Landstraße brettert. Hintendrein das Böse: ein grimmiger, toxisch-männlicher Killer, Sexualstraftäter, Psychopath – keiner weiß, was dieser Mann sonst noch alles in sich vereint. Er wirkt wie ein Rednex, wie ein diabolischer Hinterwäldler aus Beim Sterben ist jeder der Erste. Er hat es beinhart auf die junge Frau abgesehen, er will sie nicht entkommen lassen, sie ist schließlich seine Beute.

So viel kann sich das Publikum schon denken: Wenn Kapitel Drei den Thriller startet, ist nicht alles so, wie es scheint. Regisseur JT Mollner gibt nur so viel preis, damit es reicht, um bewährte Rollenbilder zu etablieren. Der stereotype böse Mann, die hilflose Blondine, es könnte ein gediegener, generischer Reißer sein, hätte Mollner nicht noch anderes im Sinn. Und da stecke ich aber als Filmblogger und Reviewer in einem Dilemma, denn Strange Darling ist ein Machwerk jener Sorte, über das man so wenig wie möglich schreiben und erzählen sollte. Don’t worry, ich werde das auch nicht tun, denn so lässt sich dieser Beitrag hier sowohl vor als auch nach dem Film bedenkenlos lesen. Was ich erwähnen kann: Der Kick an der Sache liegt im ausgeklügelten Hinauszögern an Informationen, im Zurückhalten wichtiger Wendungen und auch der Geduld, dieses Zögern durchzuhalten. Vielleicht lässt sich Strange Darling ein bisschen mit dem Roadmovie-Albtraum Hitcher – Der Highwaykiller vergleichen. Vielleicht auch nicht. Zumindest aber kam er mir in den Sinn. Und natürlich kommt einem auch Tarantino in den Sinn, denn dieser Mann zählt zu den großen Avantgardisten – was dieser an Stilideen nicht schon alles auf den Weg gebracht hat, damit andere diese variieren können, nimmt zumindest die Hälfte neuzeitlicher Filmchroniken ein. Bei Pulp Fiction pfiff dieser auf chronologische Akuratesse und etablierte das nonlineare Erzählen bei einer weitgehend durchgehenden Handlung, wenngleich das Episodenhafte noch viel stärker in den Vordergrund tritt als bei Strange Darling, bei welchem die Kontinuität einen Filmdreh wie aus einem Guss voraussetzt. Mollner setzt dabei fünf scharfe Schnitte, wirbelt diese aber nicht willkürlich durcheinander, sondern wohlüberlegt. Im Kopf ordnen sich die Fragmente sowieso in die richtige Reihenfolge, das macht das Hirn ganz von allein. Diese Fähigkeit nutzt Mollner auf irrwitzige Weise. Durch diese Methode konterkariert er die Wahrnehmung von Opfer sowie Täter, von Macht und Ohnmacht, Schwäche und Stärke. Angereichert mit perfiden, aber passgenauen Gewaltspitzen und einer Hauptdarstellerin in Höchstform, entwickelt sich Strange Darling zu einem pfiffigen Meta-Thriller, der sich Zeit lässt und dem die Laune am Spiel mit den Konventionen in jeder Szene anzumerken ist.

Man könnte das nonlineare Experiment sogar noch weiterführen. Nach Harald Zettler vom Online-Filmmagazin uncut.at könnten sich die Kapitel eines Films, wenn man es denn hinbekommt, jedes Mal neu ordnen. Was da herauskäme, wäre erfahrenswert. Jedenfalls ein sich ständig veränderndes Erzählen. Strange Darling macht schon mal den Anfang.

Strange Darling (2023)

Men – Was dich sucht, wird dich finden (2022)

DES MANNES SCHREI NACH LIEBE

6,5/10


Men© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2022

REGIE / DREHBUCH: ALEX GARLAND

CAST: JESSIE BUCKLEY, RORY KINNEAR, PAAPA ESSIEDU, GAYLE RANKIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN 


Vorsicht! Die ersten Szenen dieses Films in ihrer frühlingshaft motivierten Lust könnten darüber hinwegtäuschen, womit man es später zu tun haben wird. Men – Was dich sucht, wird dich finden (Danke an dieser Stelle an den deutschen Verleih für diesen entbehrlichen Titel-Appendix) ist kein Film, der als Zerstreuung für Zwischendurch einen entspannten Abend ausklingen lassen soll, schon gar nicht mit der Partnerin oder dem Partner. Men ist eine mehrfach verschlossene Schatulle, eine Büchse der Pandora, die vielleicht etwas beherbergt, womit niemand konfrontiert werden will. Weil das, was Alex Garland wagt, äußerlich betrachtet an welche Grenze auch immer gehen wird. Jedenfalls wird es das sein – eine Grenze. Vielleicht auch ausgesprochen von Jessie Buckley, die, mit dem blutigen Messer fuchtelnd, ohrenbetäubend laut in die Männerwelt hineinschreit: Stop! Bis hierhin und nicht weiter!

Buckley, diese wunderbare irische Schauspielerin, die gerade im Kino ebenso hinreißend in Kleine schmutzige Briefe an der Seite von Olivia Colman schimpft wie ein Rohrspatz, gibt hier eine junge Frau namens Harper, die nach dem Tod ihres Ehemannes eine Auszeit in der englischen Provinz sucht, irgendwo abgelegen in einem uralten Herrenhaus, das von dem kauzigen Jeffrey (Rory Kinnear) vermietet wird, der ihr mit nicht ganz koscherer Bauernfreundlichkeit das schmucke Anwesen präsentiert. Nichts scheint darauf hinzudeuten, dass die nächsten beiden Wochen nicht problemlos dafür dienen könnten, über das traumatische Erlebnis zumindest etwas hinwegzukommen. Beim ersten Spaziergang durch den nahen Forst, der selbst schon als ein einziger, bedrohlicher Organismus wirkt, ändert sich aber die Sachlage. Harper wird verfolgt. Von einem nackten Mann, lehmbeschmiert und mit blutigen Narben im Gesicht. Was will er? Und was will der Dorfpfarrer, der seltsamerweise so aussieht wie jeder Mann hier im Dorf, auch wie der ungehaltene Knabe mit der Maske einer Fifties-Blondine. Was ist das für ein Baum im Vorgarten, der die verbotenen Früchte trägt und Jessie Buckleys gepeinigte Figur gleich von Anbeginn an mit der Urmutter aller Weiblichkeit verknüpft – mit Eva, die vom Baum der Erkenntnis nascht. Alex Garland sucht nach dem Grund für die epochal andauernde Diskriminierung der Frau bei Stunde Null, bei der Vertreibung aus dem Paradies. Und paart seinen essayistischen Horror mit den zugänglicheren Narrativ des Nachhalls einer wie auch immer überstandenen Ehekrise.

Mit Auslöschung hat Alex Garland die Verfilmung von Jeff VanderMeers eher sprödem Mysterydrama rund um eine ebenso mysteriöse Area X in vielerlei Hinsicht atemberaubend in Szene gesetzt. In Men sind Referenzen an die Bildsprache dieses Films nicht auszuschließen. Mit Ex Machina über die Emanzipation einer Androidin gelingt dem Künstler ein faszinierendes Kammerspiel rund um Selbstbestimmung und den Begriff Individuum. Demnächst startet sein neuestes Szenario in den Kinos: Civil War. Dort schildert er den womöglich größten Albtraum der US-Amerikaner seit Erstürmung des Kapitols – den hauseigenen und hausgemachten Bürgerkrieg. Doch Garland traut sich noch mehr, als die Mechanismen und die Ethik hinter Evolution, Technologie und Politik zu hinterfragen. Mit Men rührt Garland bis zum Ellbogen in der Ursuppe weiblicher Sündenfälle herum und ergründet auf so ungewöhnliche Weise die im schaurigen Unterbewusstsein kauernde Furcht des Mannes, der Gunst der begehrten Weiblichkeit auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein.

Statt des kolportierten Penisneid bei Frauen ist es der Gebärneid der Männer und ihre biologische Entbehrlichkeit nach der Zeugung. Garland tut dies nicht anhand einer profanen Beziehungskiste, anhand eines Liebesdramas oder einer Gesellschaftssatire. Er tut dies in der Ausdrucksform einer surrealen Versuchsanordnung und in einer grotesken Wildheit, aus der eine allegorische Bildsprache wuchert. Wer bereit ist, sich in kryptischen Symboliken von Geburt, Sündenfall und bedrohlicher Männlichkeit fallen zu lassen; wer bereit ist, noch weiter zu gehen als schon Joaquin Phoenix als panisches Muttersöhnchen mit Penis-Komplex in Beau is Afraid und sich auch nicht davor ekelt, den menschlichen Körper in dismorphen Daseinszuständen anzutreffen, die an die krassesten Bilder eines Francis Bacon erinnern, wird Men als einen egozentrischen Kunstfilm zu verstehen wissen, dessen Kern der Erkenntnis unter tonnenweise Symptomen begraben liegt, die wie paranormale Erscheinungen von dem eigentlichen Grund der Anwesenheit solcher ablenken, indem sie Angst erzeugen.

Rory Kinnear als inkarnierte Entität alles Männlichen hat die Ärmel hochgekrempelt, den Talar übergeworfen und die Wampe umgeschnallt. Hat sich seiner Kleider entledigt, den Polizisten markiert und den bärtigen Barmann. Er ist, was alle Männer sind: Ein um die Weiblichkeit buhlender Mob, der die Schwächen des Mannes den Frauen in die Schuhe schiebt. Garland stellt den Motor, der hinter häuslicher, meist vom Manne verursachten Gewalt liegt, als schrägen Kostümreigen dar, der sich von der gesellschaftsfähigen Fassade immer weiter hinabarbeitet bis zu den Wurzelspitzen eines Lovecraft’schen Wahnsinns, wo Finsternis, Blut und nackte Körper sich selbst gebären, immer wieder, bis ein Häufchen Elend freigelegt wird, das mit einer dünnen Stimme nach Liebe schreit.

Men ist ein verstörendes Stück Metapherkino und Kopfgeburt, der es aber immer wieder gelingt, durch akustische Spielereien und dem aufgeweckten Spiel von Jessie Buckley die dicke Luft in diesem Pandämonium durch frische Brisen aufzulockern. Am Ende lässt sich, wie in Ari Asters Beau is Afraid, trotzdem nur mehr schwer Luft holen – da muss man durchtauchen, und zwar robbend, wie durch Morast, um auf der anderen Seite wieder festen Boden zu gewinnen. Ob es sich lohnt? Das ist Ansichtssache.

Men – Was dich sucht, wird dich finden (2022)

November (2022)

DIE GEHETZTEN VON PARIS

6,5/10


november2022© 2022 Studiocanal


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH 2022

REGIE: CÉDRIC JIMENEZ

BUCH: OLIVIER DEMANGEL

CAST: JEAN DUJARDIN, ANAÏS DEMOUSTIER, SANDRINE KIBERLAIN, JÈRÉMIE RENIER, LYNA KHOUDRI, STÉPHANE BAK, CÉDRIC KAHN U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Statt des 11. Septembers 2001 war es der 13. November 2015, ein Freitag. Dass die ominöse Zahl noch dazu mit einem Freitag zusammenfiel, war reiner Zufall. Denn wenn das Böse zuschlägt, nimmt es vor allen Dingen keine Rücksicht auf irgendwelchen Aberglauben. Auf die Uhrzeit leider schon. Denn genau dann, wenn ganz Paris nach Dienstschluss und vor dem Wochenende irgendwo auf kulturellen Events verweilt oder im Lokal der Wahl entspannte Gespräche führt, gilt es für die kranken Köpfe des Terrors, zuzuschlagen. Und das taten sie auch. Dieser 13. November war für Frankreich ungefähr das, was Herbst 2001 für die USA bedeutet: ein beispiellos tiefer Messerstich ins Herz einer aufgeklärten, friedfertigen Zivilisation. Und wie auch beim 11. September weiß ich noch genau, wo ich gewesen bin, als die ersten Infos noch als Fußleiste über den Fernsehbildschirm liefen. Sondersendungen würden folgen.

Sieben Jahre später hat sich das Trauma insofern in einen wiedergewonnenen Alltag integriert, dass nun die Filmwelt Frankreichs auf den verkrusteten Wunden der Tragödie herumtasten kann. Die USA war da eher bereit: Michael Moore stanzte vier Jahre später mit Fahrenheit 9/11 gleich den ersten thematisch verwandten Film aus dem aschegrauen Boden der jüngsten Vergangenheit, um George W. Bush den Kampf anzusagen. Viele weitere Produktionen, vorrangig Spielfilme, sollten folgen. Mit November brachten die letztjährigen Filmfestspiele von Cannes kein Betroffenheitskino an die Öffentlichkeit, sondern einen akribisch recherchierten Tatsachenthriller, der ganz klar nur eines zeigen will: Den dringlich umgesetzten Willen, all die Drahtzieher besagter Nacht zur Rechenschaft zu ziehen. Dazu musste man dieser erst habhaft werden. Geht natürlich nicht so leicht. Diese Leute wissen, wie man sich unsichtbar macht, wurden sie doch sehr wahrscheinlich genau auf ihre Rolle vorbereitet, sei es nun in irgendeinem Camp im Nahen Osten oder in einem Hinterzimmer irgendwo im längst unübersichtlich gewordenen Moloch von Paris, der Stadt der Liebe, die ängst ihren Status verspielt hat. Viel zu sehr drängt das an der Peripherie wabernde soziale Chaos langsam aber doch in den Mittelpunkt. Filme wie Die Wütendens – Les Misérables oder der auf Netflix veröffentlichte Anarcho-Actioner Athena bringen die Problematik überhöht zwar, aber doch auf den Punkt.

Cédric Jimenez (Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille) schwebt allerdings ein Film vor, welcher dem fröstelnden Exekutiv-Pragmatismus von Kathryn Bigelow folgt, die in Zero Dark Thirty einer gefährlich unterkühlten Jessica Chastain jene Werkzeuge in die Hand gelegt hat, die später zur Eliminierung des Oberschurken Osama Bin Laden führen sollten. Ein beinharter Thriller ist das geworden, dunkel und voller Nachtsicht-Optik, doch sehr distanziert, was an der Chronologie der Fakten liegt. Filme wie diese sind Tatsachenberichte in Kinoform, die zeigen, was war, aber nicht, welche Menschen dahinterstehen.

November ergeht es genauso. Im Zentrum steht Jean Dujardin, der niemals schläft und auf 1000 Sachen läuft; der sich Ausruhen nicht leisten kann, der danach womöglich zusammenbrechen wird, denn kein menschlicher Organismus hält auf Dauer eine Anspannung wie diese aus. Die Anti-Terror-Abteilung SDAT stellt nach den Attentaten somit alle menschlichen Bedürfnisse auf Pause, um keine Zeit zu verlieren. Regisseur Jimenez tut dasselbe, und hat auch nicht vor, über gewohnte Spielfilmlänge hinauszugehen, denn niemand würde nach zwei Stunden Fakten- und Indiziengewitter noch auf Spur bleiben wollen. So komprimiert er die Chronik der Ereignisse auf eine Handlungsdichte herunter, die keinerlei Luft lässt für Charakterentwicklung oder dafür, die Lage der Nation stimmungsmäßig zu erfassen. Hier wird ausgeschwärmt, spioniert und gestürmt, was das Zeug hergibt. Hier wird verhaftet und wieder freigelassen. Hier wird gehetzt, gewittert und in Augenschein genommen. Es schaltet sich die CIA dazu und es drängt die Regierung. An Dujardins Seite zeigt Anaïs Demoustier jenseits roter Sommerkleider und französischer Lebenslust – so gesehen in Der Sommer mit Anaïs – Vorzeichen hochgradiger Erschöpfung bei so einem Arbeitssoll.

Klar bleibt der Film spannend und hochinteressant. Gerade gegen Ende, wenn November vorhat, seine Jagd zum Ziel zu bringen, entwickeln sich dann doch so einige zwischenmenschliche Momente, wenn die Bekannte einer der Verdächtigen sich zur Mithilfe entschließt und zwangsläufig ihren bisherigen Bekanntenkreis verrät. Da wird die Notlage so richtig fühlbar, während man im Rest der Zeit gar nicht dazu kommt, das gehetzte Handeln zu reflektieren. Ein Film also wie ein Examen auf Zeit – besser schnell Taten setzen, die Besprechung gibt’s nachher.

November (2022)

The Contractor

AM ARBEITSMARKT FÜR VETERANEN

7/10


thecontractor© 2022 Leonine Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TARIK SALEH

CAST: CHRIS PINE, BEN FOSTER, GILLIAN JACOBS, EDDIE MARSAN, KIEFER SUTHERLAND, J. D. PARDO, NINA HOSS, FLORIAN MUNTEANU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


In The Gray Man erzählen Joe und Anthony Russo von einem Ex-Sträfling, der als Auftragskiller vom CIA rekrutiert wird – und irgendwann die moralische Integrität des Geheimdienstes hinterfragt. Schlecht für ihn, denn kurz darauf sind die besten Killer hinter ihm her, um den vermeintlichen Whistleblower auszuschalten. Entstanden ist ein Thriller, der als teuerster Netflix-Film aller Zeiten gilt und nebst gut aufgelegten Schauspielern allerdings eine recht seichte und oft kopierte Story erzählt. The Contractor mit dem sympathischen Chris Pine in der Titelrolle konstruiert eine ganz ähnliche Geschichte, nur weitaus weniger auf Hochglanz und lässt viel mehr Raum für psychologische Entwicklungen. Kurz gesagt: The Contractor ist der bessere Film. Auch wenn das Szenario im Grunde nicht ganz neu ist, gelingt dem Schweden Tarik Saleh, der mich bereits mit dem Politthriller Die Nile Hilton Affäre überrascht und beeindruckt hat, das differenzierte Psychogramm eines Mannes, der wohl in Sylvester Stallones Expendables-Runde gerne angeheuert hätte und auch dort nicht groß aufgefallen wäre. Nur hier, in diesem Thriller, hat selbstironischer Humor keine Bühne, was weise entschieden wurde, denn Augenzwinkerei hätte dem Film seine Intensität genommen.

Als physisch angeschlagener Nahost-Kriegsveteran bemüht sich der ehemalige Special Forces Soldat James Harper mit allen Mitteln – und sind es auch Aufputschmittel aller Art – wieder in den aktiven Dienst aufgenommen zu werden. Körperliche wie seelische Belastungen haben allerdings ihren Tribut gefordert, und so bleibt dem eigentlich gebrochenen Familienvater und Ehemann nichts anderes übrig, das Angebot eines ehemaligen Kollegen anzunehmen, in einer Söldnertruppe anzuheuern, die gutes Geld bringt. Bitter nötig hätte er es, stapeln sich doch die unbezahlten Rechnungen auf dem Küchentisch. Der erste Einsatz in Berlin wird dann auch gleich zum Wendepunkt im Leben des ewigen Kämpfers, der sich plötzlich von allen Seiten verraten fühlt und versuchen muss, während er permanent auf der Flucht ist, die finsteren Machenschaften seines Auftraggebers aufzudecken.

Neben Chris Pines überzeugendem Spiel, welches ihn aus meiner Sicht ohne weiteres (und gemeinsam mit seinem Auftritt in Der Anruf) in die engere Auswahl zum nächsten James Bond manövriert, sammeln sich noch andere Charakterdarsteller, die mitunter undurchschaubar agieren, so wie Ben Foster oder Eddie Marsan. Am offensichtlichsten nicht ganz astrein und recht konventionell bleibt Kiefer Sutherlands Figur – doch immerhin freut es, das Zugpferd aus 24 Hours auch mal auf der anderen Seite und abgesehen davon überhaupt wieder in einem Film zu sehen. Als europäische Ergänzung darf Nina Hoss als zugeknöpfte Mittelsfrau agieren – alles in allem also ein stimmiges Ensemble in ebenso stimmigen und manchmal auch gnadenlos konsequenten Szenen, die sich davor hüten, gefällige Drehbuchversatzstücke zu integrieren und sich dahingehend zu bequemen, etwaige Wendungen an den Haaren herbeizuziehen. Dadurch erhält The Contractor genug Ecken und Kanten, wenn schon nicht die Ambivalenz der Figuren für die Gewährleistung eines Thrillers, der am Schlachtfeld globaler Verstrickungen als schwer einzunehmende Bastion gilt, ausreichen würde.

The Gray Man kann man sich ohne weiteres ansehen. The Contractor aber ist erdiger, schmutziger und zehrt außerdem mehr an den physischen Ressourcen der überrumpelten Figuren. Wenngleich der Showdown wie über den Kamm geschoren wirkt und tatsächlich mehr zu Stallone passen würde, kommt zumindest die Action letzten Endes auch nicht zu kurz. Ein Umstand, der die vielleicht manchmal zu lakonische Dramaturgie aus der Reserve lockt.

The Contractor

Kimi

DER GUTE GEIST DES HAUSES

5,5/10


kimi© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE / KAMERA / SCHNITT: STEVEN SODERBERGH

CAST: ZOË KRAVITZ, BYRON BOWERS, JAIME CAMIL, ERIKA CHRISTENSEN, DEREK DELGAUDIO, ROBIN GIVENS, RITA WILSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Allein zuhause und Zeugin oder Zeuge eines Verbrechens: eine seit Alfred Hitchcock gern arrangierte Ausgangssituation für Thriller aller Art, die dem Suspense des Altmeisters nacheifern wollen. Da kann man mit den Augen rollen, weil schon wieder Hitchcock, aber da bleibt nichts anderes übrig als den Tatsachen ins Auge zu sehen: bis dato ist selbiger in diesem Genre immer noch unerreicht. Das Fenster zum Hof ist und bleibt Vorbild für ganze Generationen, darunter auch Filmemachern, die gar nicht so genau wissen, wie man mit solchen Versatzstücken umgeht. Wie zum Beispiel Joe Wright, von dem wir besseres gewohnt sind als die konfuse Housesitter-Psychose The Woman in the Window – gebeugtes Beispiel einer vom Ehrgeiz geblendeten Fehleinschätzung für das richtige Gespür. Steven Soderbergh variiert das Grundthema da schon etwas mehr, allerdings scheint es bei diesem ehemals bemerkenswerten Eigenbrötler mittlerweile so, als würde jede noch so in den Sinn gekommene Idee gleich für einen ganzen Film reichen. Immer wieder erstaunlich, wie schnell sich Soderbergh für starbesetzte Schnellschüsse stets sein Budget sichert. Allerdings scheint er in allen Genres daheim, von der Komödie über Politisches bis zum Horror, da gibt’s nichts, was nicht auch sein darf. Sogar Science-Fiction, siehe Solaris. Und jetzt eben auch Kimi. Ein kleines, gehetztes Thrillerfilmchen, welches das Glück hat, eine toughe Zoë Kravitz ins gefährliche Spiel zu setzen, die trotz massiver Neurosen zur Heldin des Tages wird.

Soderbergh scheint zu wissen, dass sein unausgegorener Rohentwurf einer in naher Zukunft angesiedelten High-Tech-Hasenjagd mit seinem Star steht und fällt. Viel Verantwortung für die zierliche Mittdreißigerin, die im komplementären Casual-Outfit, passend zu ihren blauen Haaren, aus einer gewissen Defensive heraus irgendwelchen Finsterlingen das Handwerk legt. Dabei ist in dieser Zukunft, in der Corona immer noch das Zepter schwingt und die KI Alexa nur noch in den technischen Almanachen zu finden ist, der neue Sprachassistent eben Kimi. Einer, der von Menschen vor dem Monitor tagtäglich um Begrifflichkeiten ergänzt wird. Ein Techno-Ding, das lernt. Für diesen agilen Benefit jobbt die agoraphobische Angela von zuhause aus, beobachtet Parteien vis a vis und hält Kontakt zu einer sexuellen Bekanntschaft, ebenfalls von gegenüber. Diese Routine würde so weitergehen, wäre da nicht ein spitzer Schrei auf einem der User-Tracks. Hier scheint ein Verbrechen im Gange gewesen zu sein, und Angela forscht nach, ungeachtet der Tatsache, sich dabei selbst in die Nessel zu setzen. Denn wie es scheint, führt der Fall bis in die oberen Kreise der Firma, die Kimi entwickelt hat.

Zoë Kravitz hat eben erst eine beeindruckend gute Performance als Catwoman hingelegt – das kurze Haar steht ihr ebenso gut wie der Bubikopf. Dabei ist sie hier die verschreckte, soziopathische Computermaus, die über sich hinauswachsen muss wie Feivel, der Mäusewanderer. Ganz anders in The Batman. Zwei Rollen also, die zeigen, wie wandelbar Kravitz sein kann. Soderbergh allerdings, der seine Ankündigungen, dieser oder jener sei sein letzter Film, in den Wind geblasen hat, belässt um Kravitz‘ Rolle herum vieles in skizzenhaftem Zustand. Der von David Koepp ersonnene Kriminalfall weitet sich zwar aus, verlässt aber den Weg der Suspense und wird zum beliebigen Schnellschuss, der das Besondere schnell verspielt. Jedenfalls legt Kravitz mehr Pepp in ihrer Rolle als Amy Adams, und die Erkenntnis, smarte Assistenten auch zum Selbstschutz einzusetzen, mögen Alexa und Co wohl neugierig machen.

Kimi