Mama (2013)

MUTTER ÜBER DEN TOD HINAUS

6/10


© 2013 Universal Pictures


LAND / JAHR: KANADA, SPANIEN 2013

REGIE: ANDRÉS MUSCHIETTI

DREHBUCH: ANDRÉS MUSCHIETTI, BARBARA MUSCHIETTI, NEIL CROSS

CAST: JESSICA CHASTAIN, NIKOLAJ COSTER-WALDAU, MEGAN CHARPENTIER, ISABELLE NÉLISSE, DANIEL KASH, JAVIER BOTET, JANE MOFFAT U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Ist Erziehung wirklich alles? Nicht, wenn die Sehnsucht, Mutter zu sein, über das Wohl der Kinder geht. Und schon gar nicht, wenn es sich nicht mal um die eigene Mutter handelt, sondern schlimmstenfalls um einen ruhelosen Geist, der die irdische Welt nicht verlassen kann, weil die Chance, die Dinge ins Reine zu bringen, wohl niemals kommen wird.

Im Genre des Horrorfilms werden Geister vorzugsweise als Entitäten dargestellt, die Angst verbreiten sollen. Doch niemals sind sie wirklich böse, es sei denn, es sind Dämonen, die sich von den negativen Emotionen der Lebenden nähren. Dämonen aber sind keine Geister. Die Natur dieser paranormalen Erscheinungen liegt wohl eher in der traurigen Gewissheit, im irdischen Leben noch nicht alles erledigt zu haben, nicht loszukönnen, weil Gefühle wie Rache, Trauer, Frust und Enttäuschung die metaphysische Essenz eines einstigen atmenden Individuums daran hindern, frei zu sein. In Mama, einem pittoresken Gruseltrip mit Hang zum Gothic-Melodrama, ist die ewige Trauer einer um ihre Kinder gebrachte Muttergestalt Grund genug dafür, dass sich diese andere sucht – vorzugsweise jene, die ihr nicht gehören. Da kommt das Unglück einer kaputten Familie wie gerufen und hinterlässt zwei Kinder irgendwo im Wald in einer Hütte. Die ganze Misere hätte auch für die zwei Geschwister böse enden können, hätte es da nicht diese dunkle Gestalt gegeben, die ihre helfende Hand ausgestreckt und den verwaisten Nachwuchs mit allerlei Kirschen abhängig gemacht hat. Die Jahre ziehen ins Land, während die Restfamilie der beiden Kleinen nicht aufgehört hat, nach ihnen zu suchen. Letztlich werden sie gefunden und kommen in die Obhut der Tante Annabel, gespielt von Jessica Chastain, die zu diesem Zeitpunkt natürlich gar nicht weiß, wen sie sich da mit ins Haus genommen hat. Einen eifersüchtigen Matronengeist, der die ohnehin traumatisierten und verwilderten Mädchen für sich beansprucht. Mehr als 10 Jahre später wird Chastain abermals, aber diesmal gegen eine ganz und gar irdische Anne Hathaway im Film Mothers Instinct ihre Erziehungsrolle verteidigen müssen.

Meistens verhält es sich so, dass, wenn bei einem Film Guillermo del Toro als Produzent fungiert, dieser zumindest in der visuellen Gestaltung seinen Einfluss spüren lässt. Das ist natürlich kein Nachteil, del Toros Kreaturen sind eigenständig und faszinierend, so auch die gespenstisch entstellte Gestalt eines paranormalen Wesens, die auch in Crimson Peak, del Toros Haunted House-Grusel, ebenfalls mit Chastain und Tom Hiddleston, zuhause sein hätte können. Als monströser Eindringling in einen stinknormalen Mittelschichts-Alltag samt entsprechendem Eigenheim schafft der bizarre Look einen ordentlichen Gegenpol, hemmt sich aber selbst in seiner Absicht, so richtig schaurig zu werden. Das Mysterium hinter dem Spuk ist auch von vornherein sonnenklar, einzig die Beweggründe des Geistes kommen erst nach und nach ans Licht, doch so etwas ähnliches wird sich das Publikum dabei schon längst gedacht haben. Mama von Andrés Muschietti, der die ziemlich gelungene Neuverfilmung von Es zu verantworten hat, gelingt ein hausbackenes Gruselmärchen mit Gothic-Elementen, am Ende kippt dieses in ein ungehemmtes Szenario spätromantischen Geisterkitschs. Natürlich ist es schön anzusehen, wenn die Nachthemden wallen, die nächtliche, vom wilden Meer umtoste Klippe als Schauplatz für den Showdown zwischen zwei Müttern zur Verfügung steht. Auch Crimson Peak war letztlich endenwollend schaurig, die Atmosphäre so pittoresk wie eine gediegene Geisterbahn für die nicht ganz so Angstfreien. Auch Mama, die anfangs noch für diffuses Unwohlsein sorgt, grenzt sich bald als klar auszumachende Antagonistin ab, die für ihr Handeln ihre Gründe hat. Die sich auch nachvollziehen, verstehen lassen – und den Film als psychologisches, phantastisches Drama verstanden sehen wollen.

Mama (2013)

September & July (2024)

WER PFEIFT, SCHAFFT AN

5/10


© 2025 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: SEPTEMBER SAYS

LAND / JAHR: FRANKREICH, GRIECHENLAND, IRLAND, DEUTSCHLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: ARIANE LABED

DREHBUCH: ARIANE LABED, NACH DEM ROMAN VON DAISY JOHNSON

CAST: PASCALE KANN, MIA THARIA, RAKHEE THAKRAR, BARRY JOHN KINSELLA, CAL O’DRISCOLL, NIAMH MORIARTY, SHANE CONNELLAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Familie kann man sich nicht aussuchen, das ist längst klar wie der grüne See. Mit Geschwistern muss man zusammenleben, zumindest bis zur Volljährigkeit. Am besten, man arrangiert sich. Oder hat das Glück, nach Herz- und Seele-Manier miteinander zu verschmelzen, sich gegenseitig zu ergänzen und füreinander da zu sein. Auf den ersten Blick scheint es so, als wären September & July, womöglich benannt nach ihren Geburtsmonaten, das ideale Gespann, das dynamische Duo. Je länger man hinsieht, wird klar: Das ist es ganz und gar nicht. September ist dominant, sie pfeift, und July kommt gelaufen. July ist naiver, hingebungsvoller, erschreckend devot. Allerdings auch mutiger, freier und neugieriger. Das passt September ganz und gar nicht. Sie hat das Bedürfnis, ihre Schwester beschützen zu müssen, was aber insofern nach hinten losgeht, da July sich unterordnet. September Says lautet der Film im Original, und damit ist im Gegensatz zur deutschen Übersetzung deutlich mehr gesagt. Wenn September also anschafft, muss July spuren. Obwohl es scheint, als wäre alles nur ein Spiel, sagt dieses Kräftemessen einiges über das Verhalten der Figuren aus. Diese sind sowieso anders als der Mainstream, sind in der Schule personas non grata, sind Außenseiter aufgrund ihrer ungefälligen, sperrigen Art, ihres trotzigen Verhaltens und der Tendenz aufzubegehren, auf Kosten anderer. Das führt dazu, dass die Familie – die alleinerziehende Fotokünstlerin Sheela und ihre beiden Töchter – von Oxford nach Irland ziehen. Warum dieser Ortswechsel, erfahren wir erst viel später. Dort spitzt sich die Lage zu, die Zweisamkeit nimmt toxische Züge an, die Mutter selbst gibt sich distanziert. Womit wir beim Problem des Films wären.

Ariane Labed, bislang vorzugsweise als Schauspielerin in Filmen wie Lanthimos‘ The Lobster, Assassin’s Creed oder Flux Gourmet zu sehen, nimmt sich für ihr Spielfilmdebüt das Genre des Coming of Age-Films her – des suspenselastigen, unheilvollen Familiendramas, basierend auf dem Roman Sisters von Daisy Johnson. Labed besetzt ihr kühles Psychospiel mit frischen Gesichtern, lässt diese aber unnahbare Figuren verkörpern, die sich nicht darum bemühen, ihr Publikum in ihre Welt mitzunehmen. Weder September noch July noch deren Mutter gehen einem nahe, wenn man so will, dann vielleicht noch July, die in ihrem vulnerablen Pioniergeist eines jungen Menschen nachvollziehbar bleibt.

Womit Labed sichtlich Probleme hat, ist, sich ernsthaft mit ihren Figuren auseinanderzusetzen. Viel wichtiger sind ihr die redundanten Symptome einer ungesunden Schwesternbeziehung, von denen die undurchdringliche Rolle der Mutter immer wieder ablenkt – welchen Nutzen das für die Geschichte hat, bleibt fraglich. Als Arthouse-Independentfilm kommt September & July niemals so richtig in die Gänge, er bleibt verhalten, wenig selbstbewusst, als müsste Labed ihren eigenen Stil sowieso erst finden, und als wäre diese ihre Arbeit etwas, worin sich ihr Stil erst finden lassen könnte. Geschwisterfilme wie diese gibt es einige, bestes Beispiel der österreichische Psychothriller Ich seh ich seh von Veronika Franz und Severin Fiala, der sich mit dieser britisch-französischen Produktion am ehesten vergleichen lässt. Nur: Franz und Fiala wussten genau, was sie wollten und wohin die Reise gehen soll, man brauchte die Story nur ins Rollen zu bringen. Labed versucht eher, ihre Familien-Suspense immer wieder anzuschieben, um sicherzugehen, dass die Story letztlich auch aufgeht. September & July ist ein zu gewolltes Spiel um Besessenheit, Abhängigkeit und Verlust. Eine Mystery, an die sich schwer andocken lässt, da sie einen wegstößt, sodass man versucht ist, sich gar nicht mehr darauf einzulassen. Psychologisch bleibt September & July ungenau beobachtet, am Ende reißt ein vielleicht erwartbarer Twist den Status Quo aus seiner Tristesse.

September & July (2024)

Memoir of a Snail (2024)

EINE ABRISSBIRNE FÜRS SCHNECKENHAUS

8/10


© 2024 Polyfilm


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2024

REGIE / DREHBUCH: ADAM ELLIOT

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): SARAH SNOOK, KODI SMIT-MCPHEE, JACKI WEAVER, ERIC BANA, DOMINIQUE PINON, MAGDA SZUBANSKI, NICK CAVE, ADAM ELLIOT, BERNIE CLIFFORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Das „potscherte“ Leben gibt’s nicht nur hier im morbiden, leicht psychotischen Wien. Das gibt es auch auf der anderen Seite des Erdballs, genauer gesagt auf dem Kontinent namens Australien. Fern jeglicher Down-Under-Exotik aus Kängurus, Uluru und Great Barrier Reef hadern die Ausgestoßenen in existenzieller Düsternis um ihr Schicksal, und damit sind gar nicht mal die um ihr Recht auf Glückseligkeit gekommenen Ureinwohner gemeint – sondern allenthalben die Nachkommen weißer Siedler, die auf einem Kontinent der Superlativen ihr Leben soweit dahinleben wie die anderen, wie die Norm, wie das Schicksal es verlangt. Adam Elliot hat sich nach Mary & Max – Schrumpfen Schafe, wenn es regnet abermals den Nonkonformisten, den Außenseitern, Sonderlingen und Verlieren hingegeben, er weiß schließlich, dass genau sie es sind, die der Menschheit die Menschlichkeit erhält. Er weiß, das genau sie es sind, die wie der gute alte Hiob aus der Bibel soweit vom Leben genötigt und getriezt werden, nur um es letztlich besser zu verstehen als alle anderen. Durch Verzicht, Verlust und Enttäuschung hindurch sieht man das, was man hat, deutlich klarer. Doch ist das nicht ohnehin der gepredigte Weg des Schmerzes? Ist der Content hier vielleicht allzu religiös angehaucht? Überhaupt nicht.

So, wie Elliot die Lebenssituationen der Zwillinge Grace und Gilbert beschreibt, lässt sich spüren, wie behutsam er seine zerbrechlichen, sensiblen und sehnsüchtigen Figuren auf die Probe stellt, ohne sie mit ihren Tragödien und schmerzlichen Umwegen zu überfordern. Die beiden fahlgesichtigen kleinen Puppen, an denen Tim Burton sicher seine helle Freude hat, stemmen, indem sie sich ihrem Charakter selbst treu beiben, das Unwegsame. Sie assimilieren sich nicht, besitzen aber gleichzeitig durch ihre Andersartigkeit die Fähigkeit, sich allem, was passiert, in melancholischer und gleichsam resignativer Hoffnung zu fügen. Das mag ein Widerspruch in sich sein, weckt aber den Lebenskünstler. Das ist Pragmatismus zur rechten Zeit – und Grace, die scheinbar alles im Laufe ihres Lebens verliert und sich ihren psychischen Problemen hingibt, wird zur Anti-Heldin eines schnöden Lebens.

Wie schon in seinem Vorgängerfilm erliegt Elliot nicht der Versuchung, die optische Raffinesse seiner Arbeit, vor der man ohnehin auf die Knie fällt, über die Geschichte zu stellen. Fast ist genau das Gegenteil der Fall. Memoir of a Snail – und damit ist die über Vergangenes sinnierende Grace in ihrem Schneckenhaus gemeint – ist die untergründige Antithese zu Wallace & Gromit und dem Sandmännchen, sie ist die dunkle Gasse, das Elend hinter heilem Entertainment. Als Trickfilm für Erwachsene, der die Kleinen wohl eher verstören würde, thematisiert das bizarre Wunderwerk sozialen Abstieg, Krankheit, Verlust und Fetischismus. Religiösen Fanatismus genauso wie die Symptome psychischen Ungleichgewichts und Trauer, unter welcher Gracie im wahrsten Sinne des Wortes fast erstickt.

Doch es ist nicht nur das zentrale Geschwisterpaar, das mit seinen stets tränennassen großen Augen das Herz des Publikums erobert. Es ist vor allem die sagenhaft illustre Riege an Nebenfiguren, allesamt Außenseiter und einsame Seelen, deren Resignation und Verlorenheit sich in ihren Gesichtern spiegelt, die aber dennoch das Leben hinnehmen, wie es kommen muss. Gracies Freundin Pinky, gesprochen von Jacki Weaver, ist dabei ein absoluter Knaller – eine schräge Gestalt, liebevoll konturiert und beschrieben, herzlich und kurios, bis zum Ende.

Memoir of a Snail ist ein sonderbares Kleinod mit Alleinstellungsmerkmal, die dunkelgraue Seite des Animationsfilms, reich an Lebensphilosophie, Zärtlichkeit und im richtigen Moment herzlich sarkastisch. Inhaltlich vergleichbar wäre Elliots Werk mit Jean-Pierre Jeunets Die fabelhafte Welt der Amélie, denn hier wie dort ist der Alltag der Einsamen eine Märchensammlung poetisch-bizarrer Anekdoten. Neben diesen bezaubernd bebilderten, aufwändig visualisierten Ideen ist es doch die gehaltvolle Story im Kern, die so richtig bewegt und gemeinsam mit dem Reiz des Stop-Motion-Films die Liebe zu einem Leben feiert, das sich selten als kooperativ erweist.

Memoir of a Snail (2024)

Kill (2023)

TRAUERZUG DER BÖSEN BUBEN

7/10


kill© 2024 Lionsgate

LAND / JAHR: INDIEN 2023

REGIE: NIKHIL NAGESH BHAT

DREHBUCH: AYESHA SYED, NIKHIL NAGESH BHAT

CAST: LAKSHYA, RAGHAV JUYAL, ASHISH VIDYARTHI, ABHISHEK CHAUHAN, HARSH CHHAYA, TANYA MANIKTALA U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Vor zwei Jahren brachte Actionspezialist David Leitch Bullet Train in die Kinos, einen spektakulären Actionfilm, der in den beengten Gängen und zwischen den Sitzreihen eines Hochgeschwindigkeitszuges Radau macht. Als Passagiere: Typen wie Brad Pitt, Aaron Taylor-Johnson oder Brian Tyree Henry – letztere als Buddies ganz im Tarantino-Stil. Ein intaktes Genre-Glanzstück ist Leitchs Film geworden. Fügt man zu so einem Setting noch ein ganz schönes Quäntchen Stirb langsam hinzu und jemanden wie John McLane, nur noch martialisch so tüchtig und unverwüstlich wie ein Hindi-Gott und verfrachtet das Ganze an den Subkontinent Indien, hat man einen Film, der diese Komponenten mit denen Bollywoods vereint. Fertig ist ein Knaller wie Kill, dessen Titel Programm sein darf – was man anfangs nicht ganz glauben will. Denn da fliegen erstmal die Fäuste, wenn schon nicht die schmachtenden Blicke eines Liebespaares den Besitzer oder die Besitzerin wechseln.

Die Rede ist von der schönen Tulika, deren Augen man niemals wieder vergessen wird, und Fani, einem Elite-Soldaten und Meister im Kampfsport jedweder Art. Natürlich sind die beiden nicht nur ineinander verliebt, nein, sie lieben sich und wollen heiraten. Nur Tulika kommt aus einer reichen, einflussreichen Familie, wo der Vater das Sagen und längst eine Ehe arrangiert hat mit einem völlig Unbekannten. Auf dem Weg zur Hochzeit besteigen allesamt – Sowohl Fani als auch Tunika und ihr Familie – den Mitternachtsexpress nach Delhi. Soweit nun reinstes Bollywood-Kino. Bis jene an Bord kommen, die nichts Gutes im Schilde führen: Ein ganzer Haufen Räuber und Banditen, auch sie allesamt miteinander verwandt und verschwägert und was weiß ich noch alles. Ihr Ziel ist von niederträchtiger Natur, und als sie sehen, wer da noch im Zug sitzt – denn Tulikas Vater ist kein Unbekannter – kommt die Idee der Geiselnahme ins Spiel. Fani, mit seinem Kompagnon zur Falschen oder eben richtigen Zeit am Falschen oder eben richtigen Ort, stellt sich den bösen Buben in den Weg. Aus dem Hickhack wird nach einem schmerzlichen Schicksalsschlag für Fani bitterer Ernst. Die Bösen sollen nicht nur mit Blessuren davonkommen, sondern allesamt das Zeitliche segnen.

Wie er das macht, erfahren wir relativ spät, ungefähr um die Mitte des Films herum. Genau dann erst blendet Regisseur Nikhil Nagesh Bhat das Insert des Titels ein, und genau ab dann findet literweise dünnes Kunstblut seine Verwendung. Man muss dabei wissen: Immer noch ist Kill reinstes Bollywood-Kino, distanziert sich aber von der knochentrockenen und expliziten Akurratesse von Filmen wie The Raid. Kill ist die schwülheisse, emotional dick aufgetragene und aufgeladene Stirb langsam-Version aus dem Monsun: üppig, schwülstig und so deftig wie mit den Händen verschlungenes Lammcurry im Schärfegrad hartgesottener Millionenstädter. Es fliegen die Messer, es knacken Genicke und Gelenke. Kill macht das Dahinschlachten insofern erträglich, da er das Ganze in einem pulsierenden Gedränge erstickt. Letztlich geht es aber nicht nur darum, die Bösen nur zu dezimieren. Was Nagesh Bhat gelingt, ist es, all die Verbrecher insofern leiden zu lassen, da sie vorrangig um ihre Liebsten trauern, die ebenfalls diesem Höllenritt angehören. Da heult der Sohn um den Vater, der Vater um den Bruder, der Neffe um den Onkel. Allesamt stimmen sie ein Lamento an, das man so noch nicht gesehen hat. Viel mehr schmerzt hier das seelische Ungleichgewicht, das die Bösen entmutigt, immer schwächer, fahriger und unkontrollierter werden lässt. Das Impulsive spielt dem Protagonisten in die Hände. Auch er heult und trauert angesichts deftiger Tragödien, die sich in dieser Tropennacht alle zutragen. US-Action, darunter eben Stirb Langsam oder Alarmstufe Rot, hätte sich mit ihrer Helden-Mentalität nie so weit aus dem Zugfenster gelehnt, geschweige denn derartige Opfer gebracht. Genau das heizt aber die Emotion des Zuschauers an, so funktioniert indisches Kino. Gemeinsam mit der grandios choreographierten Action auf engstem Raum kann man Kill als das blutige Filetstück eines theatralischen Hardcore-Thrillers betrachten, absolut nicht jugendfrei, dafür aber umso opulenter, farbenfroher und so stark gewürzt, dass es nicht nur zweimal brennt.

Kill (2023)

The Shrouds (2024)

ÜBER LEICHEN GEHEN

5,5/10


theshrouds© 2024 Viennale

LAND / JAHR: KANADA, FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: DAVID CRONENBERG

CAST: VINCENT CASSEL, DIANE KRUGER, GUY PEARCE, SANDRINE HOLT, ELIZABETH SAUNDERS, JENNIFER DALE, ERIC WEINTHAL, JEFF YUNG U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Sind die Horror-Eskapaden auf Leinwand und Bildschirm nach den Halloween-Feierlichkeiten längst Geschichte, rücken Filme in den Fokus, die zur wohltuend vernebelten, melancholisch verstimmten Zeit des Novembers passen. Bevor uns das Genre des Weihnachtsfilms alle Jahre wieder die Zuckerstange um die Ohren haut, haben die Friedhofsfeiertage noch einiges an Content in petto, der noch aufgearbeitet werden will, denn schließlich sollte man auch nicht von einem Tag auf den anderen all die lieben Verstorbenen keines Gedankens mehr würdigen. Die Endlichkeit ins Bewusstsein zu rufen ist auch angesichts funkelnder Straßenbeleuchtung kein Fehler. Das lässt sich mit Werken wie Almodóvars The Room Next Door zelebrieren, oder eben, falls man die Gelegenheit am Schopf gepackt hat, zu den Filmfestspielen der Viennale den neuen Cronenberg auf die Liste zu setzen, mit The Shrouds.

Im Business-Englisch taucht diese Vokabel wohl eher selten auf, es sei denn, man mischt im internationalen Bestattungs-Business mit. Shroud heisst übersetzt so viel wie Leichentuch, und natürlich kommt mir jenes mysteriöse Artefakt in den Sinn, das eine Zeit lang im Dom vor Turin Gläubige in seinen Bann gezogen hat: Das Leinen mit dem Antlitz Jesu Christi. Doch um dieses mittlerweile als Fälschung enttarnte Webstück geht es hier nicht, obwohl es zumindest einmal erwähnt wird. David Cronenberg inszeniert sich in diesem merkwürdigen Mysterydrama mehr oder weniger selbst, dafür castet er den unverwechselbaren Vincent Cassel mit weißem Bürstenhaarschnitt, der um seine verstorbene bessere Hälfte trauert. Diese wiederum darf als Diane Kruger unter der Erde vor sich hin verwesen, während – und jetzt haltet euch fest – andere dabei zusehen können. Schließlich ist der Zerfall eines leblosen menschlichen Körpers nichts, was man nicht auch noch mit der lieben Familie teilen könnte. Als eher unästhetischer, aber der Natur unterworfener Prozess ist Verwesung laut Cronenberg fast schon so etwas wie eine nicht festgeschriebene, stets neu improvisierte, visuelle Symphonie. Für all jene, die es gerne morbid mögen.

Cronenberg tut das. Er mag auch Narben, Nähte und Amputationen. In seinem vorletzten, nicht minder mysteriösen Crimes of the Future sind Operationen und Transplantationen aller Art der letzte Schrei – im wahrsten Sinne des Wortes. In The Shrouds schreit niemand mehr, da schreit nicht mal das Publikum, denn Zombies, die keine sind, sondern brav unter der Erde liegen, wie es sich gehört, lassen niemanden hinter dem Grabstein hervorkommen. Dieser ist schließlich ebenfalls State of the Art in einer nicht näher definierten Zukunft, ist die Steinmetzarbeit doch ausgestattet mit allerhand High-Tech, über die man den lieben Verstorbenen noch ein letztes Mal in die Augenhöhlen blicken kann. Diesen elitären Garten der Toten verwaltet Cronenberg oder eben Vincent Cassel als Unternehmer Karsh schon allein deswegen, weil die eigene Gattin Kundin sein darf. Mag sein, dass diese bizarre Idee, den Toten nahe zu sein, in manchen Kreisen auf Widerstand stößt. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Vandalismus in diesem Friedhof um sich greift. Karsh ist entsetzt und investigiert. Dabei bezieht er seine Schwägerin mit ein, ebenfalls gespielt von Kruger, mit der ihn bald mehr verbinden wird als ihm lieb ist. Und den Computerspezialisten Maury (Guy Pearce), der Karsh dabei helfen soll, die wahren Täter ausfindig zu machen.

Wir haben hier das Szenario eines Near-Sci-Fi-Krimis, deutlich mit Tendenz zum autobiografischen Lamento eines Alter Egos des Künstlers, der auch tatsächlich mit diesem Streifen den Verlust seiner Ehefrau verarbeitet sieht. Das Herkömmliche steht Cronenberg jedoch ganz und gar nicht, wobei das Monströse und Pietätlose geduldig im Hintergrund verharrt. Viel lieber darf The Shrouds deutlich augenzwinkernder erscheinen, weniger knochentrocken (was für ein passendes Adjektiv), dafür mit Hang zur unfreiwilligen Parodie eines ganzen Subgenres, das Cronenberg im Alleingang mit denkwürdigen Werken gepflastert hat. The Shrouds gehört nicht ganz dazu, nicht unbedingt wird man sich gerade an dieses obskure Spiel mit der Vergänglichkeit erinnern, da haben andere Arbeiten Vorrang. Das Drama gibt nur vor, einer komplexen Krimihandlung zu folgen, tatsächlich treiben so Dinge wie Verlust und Loslassen einen Typen wie Cassel durch einen unwegsamen, luxuriösen Trauerprozess, bei welchem die Toten für Bodyhorror kaum eine Verwendung finden. Außer es sind Zombies. Doch mit so etwas Trivialem gibt sich der intellektuelle Querdenker nicht ab.

The Shrouds (2024)

Handling the Undead (2024)

AUCH ZOMBIES SIND FAMILIE

5/10


Handling the Undead© 2024 TrustNordisk


LAND / JAHR: SCHWEDEN, NORWEGEN, GRIECHENLAND 2024

REGIE: THEA HVISTENDAHL

DREHBUCH: THEA HVISTENDAHL & JOHN AJVIDE LINDQVIST, NACH DESSEN ROMAN

CAST: RENATE REINSVE, ANDERS DANIELSEN LIE, BJØRN SUNDQUIST, BENTE BØRSUM, BAHARS PARS, OLGA DAMANI, KIAN HANSEN, JAN HRYNKIEWICZ, INESA DAUKSTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Nicht genug, dass durch irgendein metaphysisches Ereignis Norwegens Bevölkerung aus anderen Epochen plötzlich in der Gegenwart aufschlagen – so gesehen in der wirklich sehenswerten Miniserie Beforeigners, die schon 2 Staffeln zählt. Jetzt bringt ein anderes, nicht näher erläutertes und deshalb auch höchst dubioses Ereignis den Stromkreislauf des Landes zum Versiegen, währenddessen die kosmische Energie dafür verwendet wird, all die kürzlich Verstorbenen von ihrer letzten Ruhestätte zu vertreiben. Wer, wenn nicht John Ayvide Lindqvist, der für die Vorlage von Filmen wie So finster die Nacht oder Border sein Copyright hochhält, kann sich dieses Szenario ausgedacht haben. Eines, das auf den ersten Blick so wirkt, als hätten wir es mit einer schnöden Untotengeschichte zu tun. Bei Lindqvist gibt es da meist dieses Mehr an gesellschaftspolitischer Komplexität, er verortet seine fantastischen Komponenten stets in einem äußerst realen, gegenwärtigen und greifbaren Umfeld. Bei Lindquvist kann das Paranormale einen jeden treffen, weil diese Faktoren längst in unserem Alltagsleben inhärent sind.

Bei Handling the Undead sind die Toten immer noch jene, die zu den Familien der Trauernden gehören. Ihre Verwesung ist noch nicht so weit fortgeschritten, um sie als Monster zu deklarieren. Ihr Verstand verharrt zwar in einer somnambulen Stasis, doch das letzte bisschen Erinnerung und Persönlichkeit mag da noch an die Oberfläche gelangen wollen, um zumindest noch das ehemalige Zuhause zu erkennen, in welches die Schatten ihres früheren Selbst wie selbstverständlich reinschneien. Auf den ersten Blick freut das natürlich jene, die sich längst von ihren Liebsten verabschiedet haben. Hier nochmal mit einem zwar wortkargen, aber physischen Dacapo getröstet zu werden, mag die Tatsache einer völlig anderen Wesensart eines Zombies zumindest temporär verdrängen – alsbald schon liegen die Defizite zur früheren Person klar auf dem Tisch. Was also tun mit den lieben Verwandten, wenn sie durch ausgeprägt lethargisches Verhalten den Alltag erschweren und sich auch dazu hinreissen lassen, das tun zu müssen, was Untote eben tun: Gewalt anwenden.

Auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival mit Handling the Undead debütiert, hat Regisseurin Thea Hvistendahl das vielfach bemühte Zombie-Thema nochmal so weit variiert, dass diese Idee passgenau in die Feiertagsthematik rund um Allerseelen passt. Im Gegensatz zum Tag der Toten in Lateinamerika als kunterbuntes Freudenfest (siehe Pixars Coco – Lebendiger als das Leben) ist dieser Film die depressive Bebilderung eines Jenseitsbesuches, der überhaupt nichts mehr Feierliches, Erhabenes oder Bereicherndes hat. Was da die Lebenden heimsucht, sind leere Hüllen, die als Ersatz der Vermissten nicht lange vorhalten. Genauso wie ihre Zombies hat Hvistendahl allerdings nur wenig Interesse daran, aus ihrem narrativen Minimalismus auszubrechen. Sie wagt oder will es nicht, auf gemeingesellschaftlicher Ebene die heimgesuchte Stadt Oslo im Ausnahmezustand darzustellen, um aus dem paranormalen Phänomen die Diskrepanz zwischen Leben und Tod auszuloten. Sie begnügt sich damit, die Toten atmen zu lassen. Das ist reichlich wenig für eine Anomalie, die eine Menge hergeben könnte, würde Handling the Undead den Fokus nicht nur sehr streng auf drei Einzelschicksale setzen, die untereinander nicht in Berührung kommen, um in fast schon semidokumentarischer Nüchternheit die Grundproblematik fremder Vertrauter zu variieren.

Das Potenzial also ungenutzt, schlurft der Film blutleer, bitterernst und grau seine abendfüllende Spielfilmlänge ab und hätte dabei aber als griffiger Kurzfilm wohl viel eher funktioniert. Wie in Slow Motion spult Hvistendahl ihre Szenen ab, lange Einstellungen wechseln mit überlangen Szenen, der ganze Film ist wie eine ausgedehnte Schweigeminute für Verstorbene, bei der man tunlichst vermeidet, Emotionen zu zeigen. In diese Tristesse kann man sich aber durchaus fallen lassen. Lebt man im Moment selbst nach diesem Modus der Verlangsamung und der Schwermut eines harten Lebens, könnte man von Handling the Undead aufgefangen und verstanden werden. Im Grunde ist die Idee schließlich reizvoll genug, um über Verlust, Trost und die Hürden des Abschieds nachzudenken.

Handling the Undead (2024)

She Loved Blossoms More (2024)

DR. WHO IM DROGENRAUSCH

5/10


She Loved Blossoms More© 2024 Yellow Veil Pictures


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, FRANKREICH 2024

REGIE: YANNIS VESLEMES

DREHBUCH: YANNIS VESLEMES, DIMITRIS EMMANOUILIDIS

CAST: PANOS PAPADOPOULOS, JULIO GIORGOS KATSIS, ARIS BALIS, SANDRA ABUELGHANAM SARAFANOVA, ALEXIA KALTSIKI, DOMINIQUE PINON U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Dieser Film ist vieles, aber nichts wirklich konkret. Und ja, es ist keine Übertreibung, zu behaupten, She Loved Blossoms More des Griechen Yannis Veslemes, der sein Werk per Videobotschaft genauso wenig enthusiastisch gehostet hat wie seine Protagonisten letztlich die Sache in dieser Geschichte angehen werden, ist wohl eines der unzugänglichsten, aber auch unzulänglichsten Kuriositäten, die ich, auf Slash-Schiene fahrend, bisher sehen konnte. Da hatte selbst der verrückte The Belgian Wave noch einen roten Faden, während man sich in einem Tagtraumzustand wie diesen, der mit anderen Dimensionen kokettiert, einfach nur verlieren kann. Das ist aber nicht im positiven Sinn gemeint. Verlieren kann man – oder sollte man sich gar in einem Film als inhärenter Teil der Geschichte ohne aktive Funktion. Bei She Loved Blossoms More verliert man sich, als stünde man des Nächtens auf einem unberuhigten Verkehrsknotenpunkt in einem sogar noch alphabetisch fremden Land und müsste seinen Weg nachhause finden. Das Einzige, was als Fixpunkt herhalten kann, ist das weitläufige, düstere, holzwurmstichige Herrenhaus der Familie, bewohnt von drei Brüdern, die ihr Dasein irgendwo in naher, tropisch feuchter Zukunft am Rande von Athen mehr oder weniger bekifft und zugedröhnt bestreiten – verfilzt, antriebslos, gekleidet in verwaschenen Bademänteln und zwischendurch mal die tote Mutter betrauernd, die vor dem Haus begraben liegt. Im Wintergarten steht ein Schrank aus dem Jugendstil, eine Art „Tardis“, innen ausgepolstert und dazu da, Portale in andere Dimensionen zu öffnen. Genaugenommen soll keine Zeitreise, sondern ein Trip ins Jenseits unternommen werden, um das Projekt des abgängigen Vaters (Dominique Pinon, Delicatessen, Alien – Die Wiedergeburt) zu Ende zu führen und die allerliebste Mama zurückzubringen. Dabei testen sie die innovative Gerätschaft zuerst mal mit Schweinen und Hühnern – beides misslingt auf seine Art und hinterlässt einerseits grässliche, andererseits verblüffende Mutationen.

Und so geht es weiter, unter dampfenden Nächten und matthellen Tagen, immer im und ums Haus herum, später gibt’s Damenbesuch – die promiskuitive Griechin wird dann schließlich ebenfalls in den Schrank gesteckt – und ab da an wird es richtig konfus und so, als hätte Yannis Veslemes rein intuitiv und assoziativ inszeniert, denn was seinem Film schließlich fehlt, ist eine Richtung, ein Rhythmus, eine Stringenz in all dem Hokuspokus. Kaum glaubt man, es gehe etwas weiter, kehrt der bizarre Müßiggang wieder zu seinen Anfängen zurück, es ist wie Rutschbahn und Leiter, und andauernd erwischt es die Rutschbahn, die man auf grünem Schleim hinuntergleitet. Dieser Schleim zieht sich dann auch durch den Film, womöglich ist es Dimensionsschleim, keiner weiß es so genau, nicht mal der Regisseur und schon gar nicht seine Darsteller. Als würde Fear and Loathing in Las Vegas eben nicht in Las Vegas spielen und nur auf der Stelle treten, ein halbes Huhn am Schoß und den Kopf der Freundin, pittoresk gespalten, im oberen Schlafgemach. Surreales und Wundersames sind Veslemes Spezialität, sein Rätselspuk wäre ja vielleicht ganz reizvoll, hätte er wohl mehr darauf verzichtet, die Stadien unterschiedlicher Wahrnehmungszustände alle gleich aussehen oder die Brüder nicht andauernd dumm aus der Wäsche gucken zu lassen. Ein bisschen enerviert das Ganze, wenngleich die Bildsprache, die an Jean-Pierre Jeunets Frühwerke erinnert, und so manche verrückte Idee für sich durchaus ihre Berechtigung haben, ja geradezu verblüffen, hätte man sich erzählerisch am Riemen gerissen als nur das in Stichworten niedergeschriebene Protokoll eines Brainstormings als Film umgesetzt. Kann man machen, alles ist möglich, gerade im Phantastischen. Ob es funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Oder findet sich in einer anderen Dimension.

She Loved Blossoms More (2024)

Mothers‘ Instinct (2024)

DAS KIND DER ANDEREN

6/10


mothers-instinct© 2024 Ascot Elite


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: BENOÎT DELHOMME

DREHBUCH: SARAH CONRADT, NACH DEM ROMAN VON BARBARA ABEL

CAST: JESSICA CHASTAIN, ANNE HATHAWAY, ANDERS DANIELSEN LIE, JOSH CHARLES, EAMON O’CONNELL, CAROLINE LAGERFELT, BAYLEN D. BIELITZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Werden wir kurz mal biblisch. Denn gäbe es nach den zehn Geboten, die Moses von Gott höchstselbst ausgehändigt bekommen hat, noch ein elftes Gebot, würde dies vermutlich lauten: Du sollst nicht begehren der anderen Kind. Manche würden meinen: Mit diesem Gesetzt würde man offene Türen einrennen, denn als Mutter oder Vater ist man mit dem eigenen Nachwuchs wohl schon genug gesegnet, und gäbe es mal keinen, so ist das der Wille der Erwachsenen oder aber, sofern der Nachwuchs nicht auf natürlichem Wege auf die Welt kommen kann, kann Adoption immer noch ein Ausweg sein. Gott würde wohl mit seinem elften Gebot jene traurigen Gestalten ansprechen, die, längst glücklich mit Tochter oder Sohn, plötzlich kinderlos dastehen. Wenn das Schicksal erbarmungslos zuschlägt, dann ist das das Schlimmste, was einem widerfahren kann: Der Tod des eigenen Kindes. Kultstar Romy Schneider hat das erleben müssen. Sie wird sich davon niemals mehr erholt haben.

Im hochdramatischen Psychothriller Mothers‘ Instinct schickt Kameramann Benoît Delhomme in seinem Regiedebüt zwei schillernde Stars in den Nachbarschaftskrieg und lässt sie zu desperaten Hausfrauen mutieren, die sich beide nichts schenken – schon gar nicht das eigene Kind. Bereits die längste Zeit sind Jessica Chastain als Alice und Anne Hathaway als Celine dicke Freundinnen, die, jeweils gesegnet mit einem Sohn, bereits sowas wie Familie sind. Auf allen möglichen Festivitäten kann die eine nicht ohne die andere. Was wie ein idyllisches, harmonisches Miteinander aus der Epoche der biederen 60er Jahre aussieht, wird wohl bald einer Naturkatstrophe ausgesetzt sein, die das Fundament nicht nur einer Existenz, sondern auch einer innigen Freundschaft zerbrechen lässt. Celines Sohn schließlich, draufgängerisch und unachtsam, fällt von der Balustrade der hauseigenen Loggia mehrere Meter tief. Ein Unglück, das der Kleine nicht überleben und eine ganze Familie in den Abgrund reissen wird. Auf der anderen Seite bleibt Alice – schockiert, tröstender Worte nur schwer mächtig, aber immer noch einen lebendigen Spross an ihrer Seite. Eine Konstellation, die ungute, intuitive Gefühle hochkommen lässt – vorallem jene von Celine, die mitten in ihrer zermürbenden Trauer neidvoll zusehen muss, wie andernorts das Leben weitergeht. Was aus diesem Neid erwächst, der sich kontinuierlich in eigennützigen Aktivitäten Bahn bricht, die den Sohn der anderen stärker an die Trauernde binden soll, nimmt hochdramatische Züge an.

Rein theoretisch hätte man es in Mothers‘ Instinct beim Drama belassen können. Andererseits ist Belhommes verhaltenspsychologischer Thriller das Remake eines bereits 2018 erschienenen belgischen Films selben Titels. Die Thriller-Komponente war wohl auch im Original vorhanden, und vielleicht hat sich diese unter Olivier Masset-Depasses Regie besser integriert. Beurteilen kann ich das nicht, das Remake habe ich dem Original dann doch vorgezogen. Und ja – eine Zeit lang entwickelt Delhommes Interpretation einen ungeheuerlichen, geradezu reißerischen Sog, wenn es darum geht, das tragische Schicksal einer Mutter darzustellen. Anne Hathaway mag in ihrem Schauspiel zwar immer wieder dick auftragen – solange sie die Qual einer Trauer hinter gesellschaftsfähiger Fassade verbirgt, kann sie überzeugen. Chastain steht Hathaway um nichts nach, ihre Paranoia wirkt greifbar – beide liefern sich ein Kopf an Kopf-Rennen, es ist wie das Ringen zweier Profis, zuletzt ähnlich gesehen in May December – zwischen Julianne Moore und Natalie Portman.

Und dann das Abrutschen ins generische, weil routinierte Thrillerkino: Wie so oft in diesem Genre sind psychologische Aspekte sowie die Entwicklung eines pathologischen Verhaltens nichts, womit sich Drehbuchautoren auch wirklich ausführlich beschäftigen wollen. Meist verändern im Laufe der Handlung tragende Charaktere ihre Persönlichkeit um hundertachtzig Grad, was wenig plausibel erscheint. Mothers‘ Instinct spitzt sich zu und ist effektiv, mag aber zu sehr auf Worst Case Szenario gebürstet sein, um die feinen Nuancen der ersten Filmhälfte beizubehalten. Was als Familien- und Freundschaftsdrama beginnt, endet als zynische Schicksalsgroteske. Wer beide Ansätze gut miteinander vereinbaren kann, mag an Mother‘ Instinct Gefallen finden. Ich für meinen Teil finde das Abgleiten ins Triviale nicht nur vorhersehbar. Als sich die Befürchtung, es könnte vielleicht so kommen, bewahrheitet, verliert der Streifen doch etwas an Niveau.

Mothers‘ Instinct (2024)

Eureka (2023)

FRAGMENTE ÜBER DAS VERSCHWINDEN

7/10


eureka© 2023 Grandfilm


LAND / JAHR: ARGENTINIEN, FRANKREICH, PORTUGAL, MEXIKO, DEUTSCHLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: LISANDRO ALONSO

CAST: VIGGO MORTENSEN, CHIARA MASTROIANNI, SADIE LAPOINTE, ADANILO R, JOSÉ MARIA YAZPIK, ALAINA CLIFFORD, VIILBJØRK MALLING AGGER, RAFI PITTS U. A.

LÄNGE: 2 STD 27 MIN


Ein Mädchen verschwindet. Genau genommen die Tochter des dänischen Landvermessers Gunnar, der im späten neunzehnten Jahrhundert in Argentinien weilt. Gespielt wird dieser verzweifelt suchende Mann, der sich in der argentinischen Raumzeit verliert, von „Aragorn“ Viggo Mortensen. Die Rede ist dabei aber vom Film Jauja von Lisandro Alonso, der 2014 ebenso auf der Viennale lief wie letztes Jahr das neueste Werk des Argentiniers: Eureka. Auch in diesem überlangen Werk, welches zwar anmutet wie ein Episodenfilm, es bei genauerer Betrachtung eigentlich nicht ist, gibt Mortensen jemanden, einen abgewrackten Revolverhelden mit schweißnasser Stirn, der seine Tochter sucht. Er durchquert dabei die Prärie und geht dabei über Leichen, das alles gefilmt in 4:3 und in Schwarzweiß. Die Mission des Mannes wird dabei von einem nordamerikanischen Indigenen beobachtet, der frühmorgens seine Trommel ertönen lässt und dabei auf die Welt blickt. So beginnt ein Film, der sich willig dazu entschlossen hat, sich selbst treiben und seine Geschichten zerfransen zu lassen, ohne dem narrativen Dogma nachzugeben, alles auserzählen zu müssen. Bei Eureka braucht man getrost auf gar nichts warten. Denn alles hat kein Ende, und falls doch, dann ist es das vorläufige des Verschwindens.

Es ist ja nicht nur Mortensens Filmtochter, die fehlt. Im gewichtigen Mittelteil des avantgardistischen Werks befinden wir uns im Pine Ridge Reservat in South Dakota während eines klirrend kalten Winters. Der trostlose Ort ist nur noch ein Schatten seiner Begrifflichkeit. Sozialen Missstand gibt es an allen Ecken und Enden, und schon wieder verschwinden Menschen wie zum Beispiel die kleine Mackenzie, die niemand gesehen haben will. Lisandro Alonso verfolgt dabei Lakota-Polizistin Debonna, die für Recht und Ordnung sorgt während der langen Winternacht und nicht nur von dieser sozialen Verwahrlosung, sondern auch von ihren Kollegen bitter enttäuscht ist. Ihre Nichte Sadie (faszinierend: Sadie Lapointe) arbeitet im Jugendheim, um den desorientierten Nachwuchs mit Sport und Spiel auf dem rechten Weg zu halten. Was mit diesen beiden Frauen passieren wird, bleibt offen. Auch sie verschwinden, auf ihre jeweils ganz eigene Art. Zuletzt findet sich Eureka im brasilianischen Dschungel der Siebzigerjahre wieder: Ein Goldwäscher, nach einer Bluttat geflohen von seinem Stamm, muss sich seiner Tat stellen. Auch er ist auf der Suche. Vielleicht nach Absolution, vielleicht nach einem sicheren Leben. Die Allegorie des Verschwindens macht auch hier nicht Halt, in dieser letzten Episode.

So seltsam das alles auch klingt: Eureka ist seltsamer. Wer die Filme des Thailänders Apichatpong Weerasethakul (u. a. Memoria) kennt, wird ungefähr erahnen können, was es zu bedeuten hat, wenn ich meine, dass Alonso in seinen verharrenden, teils unerträglich langen Einstellungen die Essenz des wahrgenommenen Moments, des Daseins, der Existenz einfach nur durch stoische Betrachtung intensiviert. Tatsächlich gelangt er dadurch in die Tiefe, und je länger man hinblickt, um so mehr verändert sich das Bild. Oder es blickt das Bild, frei nach Nietzsche, geradewegs zurück. Das Transzendente dringt in die entbehrungsreiche Wirklichkeit, der Aminismus der Indigenen spielt dabei eine wesentliche Rolle, denn Eureka ist schwer mysteriös. Wonach Alonso genau auf der Suche ist, das könnte vieles sein. Kulturelle Identität, Geschichte, Familie, Stammbaum. Eine sichere Zukunft? Schließlich wissen wir: Eureka, vermutlich von Archimedes ausgesprochen, kommt aus dem Griechischen und heisst so viel wie Ich hab’s gefunden. Letztlich aber bleiben alle diese Figuren im Film auf der Suche nach etwas Verschwundenem, das auf unerklärliche Weise plötzlich nicht mehr da ist oder da sein will.

Unbefriedigender Existenzialismus als zerfranstes Geduldsspiel, das sich seinem Fluss hingibt, egal, welche Bahnen er nimmt: Gefunden hat in Eureka niemand etwas. Doch vielleicht ist es die Lösung aller Probleme, in einem gewissen kapitulierenden Pragmatismus den Abgesang zuzulassen.

Eureka (2023)

Sterben (2024)

DIE NEUORDNUNG DER FAMILIE

7/10


sterben2© 2024 Jakub Bejnarowicz, Port au Prince, Schwarzweiss, Senator


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: MATTHIAS GLASNER

CAST: LARS EIDINGER, CORINNA HARFOUCH, LILITH STANGENBERG, ROBERT GWISDEK, RONALD ZEHRFELD, SASKIA ROSENDAHL, ANNA BEDERKE, SAEROM PARK, HANS-UWE BAUER U. A.

LÄNGE: 3 STD 2 MIN


Es ist wohl das traurigste und aufrichtigste Interview, dass ich jemals gelesen habe. In der letzten Ausgabe des Kinomagazins cinema steht Filmemacher Matthias Glasner anlässlich seines neuen Spielfilms Sterben (ein wenig erbaulicher Titel, der wohl keine Massen ins Kino locken wird) Rede und Antwort. Und seine Antworten sind herzzerreißend, weil er darin von irreversiblen Versäumnissen erzählt, von Krankheit und dem Tod seiner Eltern, von den eigenen Kindern und dem Gefühl, nicht geliebt zu werden. Diese Worte gingen zumindest mir relativ nah, und sie waren letztendlich auch der Beweggrund dafür, mir einen Film von einem Menschen anzusehen, dem nichts ferner liegt, als sich in ein strahlendes Künstlerlicht zu rücken oder mit seinen Talenten anzugeben. Glasner scheint mir ein bodenständiger, sehr reflektierender Mensch zu sein, der selbst erst lernen musste, zu verstehen, worauf es im Leben ankommt.

Sterben ist somit durchaus autobiographisch zu verstehen. Vorallem den Tod seines Vaters verarbeitet er hier vorrangig, um dann auf die Erkrankung der Mutter einzugehen und überhaupt auf das Gefüge oder die Institution Familie, die in Hollywood als oberstes Dogma zelebriert wird und im Idealismus ertrinkt, während im herbstkalten Hamburg Familie zu etwas wird, was man gelinde gesagt als Zufallsbekanntschaft ansehen kann, als eine zusammengewürfelte Truppe an Menschen, die alle das gleiche Los gezogen haben, doch keinesfalls wirklich miteinander klarkommen wollen. Familie ist ein Zweckbündnis und impliziert keinesfalls, das Blut dicker als Wasser sein muss. Wie wenig gewollt sich diese Familie in Glasners Film darstellt, kommt auch erst nach und nach ans Licht der Wahrheit. Für diesen inneren wie äußeren Seelenstriptease nimmt sich der Filmemacher viel Zeit, oder besser gesagt: Sein Film dauert, so lange er dauern muss. Er ist lang, aber nie zu lang. Klar hätte man ihn kürzen können, doch ohne sonderlich darauf zu achten, die Lebenswelten seiner Figuren in ein annehmbares Zeitfenster zu zwängen, gliedert er sein Werk erst recht in fünf unterschiedlich lange Kapitel, drei davon betreffen die Eckpfeiler dieser Familie mit dem Nachnamen Lunies – die Mutter, den Sohn und die Tochter. Der Vater (Hans-Uwe Bauer) vegetiert als dementer und an Parkinson erkrankter Pflegefall im Dämmerlicht eines Lebensendes vor sich hin, Mutter Lissie, selbst mit einer Krebsdiagnose konfrontiert, tut, was sie kann – dank einer guten Seele aus der Nachbarschaft gelingt ihr das. Sohn Tom lässt sich kaum blicken, er arbeitet gemeinsam mit seinem besten Freund Bernard an einem Benefiz-Musikstück, das denselben Titel trägt wie der Film. Es ist eine fulminante Komposition, nur den Schöpfer selbst plagen Zweifel. Mit Exfreundin Liv, die gerade das Kind eines anderen zur Welt gebracht hat, lebt Tom sowas wie ein familiäres Patchwork-Leben, während Schwester Ellen, schwere Alkoholikerin, so gut wie überhaupt nichts auf die Reihe bekommt. Das ändert sich auch nicht, als sie eine wilde Beziehung mit einem Zahnarzt eingeht, der überdies verheiratet ist.

In Sterben bricht das, was idealerweise zusammengehört, auseinander, während gewisse Komponenten im zwischenmenschlichen Dasein, die prinzipiell überhaupt nicht zusammenpassen, plötzlich zueinanderfinden. Glasner stülpt die familiäre Ordnung von innen nach außen. Natürlich spielt da der Tod – oder besser: die Entropie, die Vergänglichkeit – eine große Rolle. Doch nicht so, wie man es vielleicht verstehen würde. Was stirbt, sind Illusionen, sind gesellschaftliche Dogmen, unter anderem auch holt Glasner das Thema des Freitods aus der Rumpelkammer der Sünden, er wird zum Beispiel einer bedingungslosen freundschaftlichen Liebe, während im langen Abschied von den Eltern Gefühle den Erfrierungstod sterben. Die Szene, in der sich Corinna Harfouch und Lars Eidinger gegenübersitzen und von ihren Empfindungen beichten, die so wahrhaftig und zugleich so erschreckend sind, ist großes Dialogkino voller Wahrhaftigkeiten. Zu verdanken ist das einem präzise aufspielenden Eidinger, der wieder mal beweisen konnte, wie sehr er auch darauf verzichten kann, den weinerlichen Weltschmerz zu verkörpern. Harfouch ist dabei sowieso eine Institution – als hätte Michael Haneke sie inszeniert, bringt sie ihr Dasein in allem Pragmatismus, den sie aufbringen kann, auf den traurigen Punkt. Und Lilith Stangenberg (letztes Jahr mit dem Film Europa auf der Viennale zu Gast), die sich längst ihrer familiären Vergangenheit entsagt hat, unterstützt mit ihrem grotesk-lasziven Gehabe, das für skurrile Momente sorgt, den unorthodoxen Stilwandel des Films, der weder schwermütig noch zynisch noch melancholisch sein will. Dass Glasner vorallem dem Zynismus entgeht, der sich anhand dieser Themen wohl anbieten würde, zeugt von Respekt und Achtsamkeit, zeugt vom Mut zum Verzicht, seinen Film als prätentiöses Schreckensgemälde zu inszenieren. Diese sich selbst genügende Methode ist es, die Sterben niemals in die Abgründe des Betroffenheitskinos zieht, sondern in fast schon philosophisch-stoischer Betrachtungweise über die Unmöglichkeit von Familie sinniert. Und über die Möglichkeit, aus allem eine Familie machen zu können. Das ist Freiheit.

Sterben (2024)