Weißer weißer Tag

OPA IST DER BESTE

6/10


weisserweissertag© 2020 Arsenal Filmverleih


LAND: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2019

REGIE: HLYNUR PALMASON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJORN INGI HILMARSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Das isländische Kino ist nicht gerade dafür bekannt, die Kinosäle zu füllen – dafür aber füllt es die Nischen des Arthouse, und zwar auf innovative Art und Weise. Was das isländische Kino so erzählt, das sind mitunter sehr schwarzhumorige Geschichten voller Lakonik, voller Exzentrik, langen Nächten und den unwirtlichen Landschaften zwischen Gletscher und stürmischer Meeresküste. So ungewöhnlich auch die Filme aus dem hohen Norden begrüßenswerterweise sind – dieser hier von Hlynur Palmason setzt allem bisher Dagewesenen die Krone auf. Selbst dem irren Außenseiterdrama Noi Albinoi. Der hatte noch genug makabren Humor, um darin noch eine gewisse Verbundenheit zu anderen lokalen Werken zu erkennen. Bei Weißer weißer Tag ist alles anders, und alles nicht so, wie man es gewohnt ist. Das irritiert, verstört gar ein bisschen, und strapaziert die Geduld.

Nur so als Beispiel: Ein Haus, irgendwo im Nirgendwo, im Hintergrund Islands Bergwelt. Dann vergeht die Zeit, Tag für Tag, im Zeitraffer. Tage werden zu Wochen, Monaten. Schnee, Sonne, Nebel, Regen. Vormittag, Nachmittag, Abend, unzählige Stimmungen. Die Kamera bleibt dabei statisch. Eine Szene wie aus dem Wetterpanorama aus Reykjaviks Umland. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, geht’s endlich zur Sache. Wir sehen einen älteren Mann, einen Witwer, gleichzeitig Großvater einer neunjährigen Enkelin, die ihren Opa über alles liebt. Opa, der ist der Beste. Doch dann, beim Sichten von Omas Nachlass, wird der alte Mann stutzig. Hatte seine Frau eine Affäre? Diese Sache lässt den Alten nicht los und er forscht nach. Aus der Nachforschung wird Obsession, Aggression, Zweifel. Was darunter leidet, das ist die Beziehung zu seiner Enkelin, die ihren Opa plötzlich mit anderen Augen sieht. Was nicht unbedingt gut ist. Und was zu vermeiden gewesen wäre.

Weißer weißer Tag – das sind die Nebeltage Islands, wo man kaum mehr die Hand vor Augen sehen kann. An so einem Nebeltag ist Opa Ingimundurs Frau mit dem Auto verunglückt. Und an solch einem Tag wird sich die verquere Situation so ziemlich zuspitzen. Bis dahin allerdings ist Palmasons Film ein Patchwork an unterschiedlichen Filmstilen, an arrangierten Stillleben, Nahaufnahmen, scheinbar aus dem Kontext gerissenen Szenen einer Fernsehshow, die abgefilmt werden. So unterschiedlich und so assoziativ all diese Szenen auch wirken, es liegt ihnen dennoch eine Gemeinsamkeit zugrunde: die Thematik des Trauerns und Überwindens von Kränkung. Kein leichter Stoff? Mit Sicherheit nicht. Auf Weißer weißer Tag muss man sich einlassen, und damit rechnen, manchmal ratlos das Gesehene oder Geschehene hinzunehmen. Interessanterweise aber findet diese raue, manchmal statische und dann plötzlich wieder ungestüme, unorthodoxe Drama einen Weg des geringeren Widerstands für den Betrachter, versöhnt ihn mit seiner provokanten Erzählweise, indem es am Ende direkt berührende, erlösende Momente findet. Tja, Trauer geht manchmal seltsame Wege.

Weißer weißer Tag

Persischstunden

DAS WUNDER DER SPRACHE

7/10


Persischstunden© 2020 Alamode Film

LAND: DEUTSCHLAND, RUSSLAND 2019

REGIE: VADIM PERELMAN

CAST: NAHUEL PÉREZ BISCAYART, LARS EIDINGER, JONAS NAY, LEONIE BENESCH, NICO EHRENTEIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Kann man nicht erfinden – oder doch? Wenn es ums nackte Überleben geht, lässt sich fast alles bewerkstelligen. Es lassen sich ganze Schwachturniere im Kopf gewinnen, wie wir seit Stefan Zweigs Novelle wissen. Es lässt sich auf Ressourcen zurückgreifen, die sich im alltäglichen Normalzustand gar nicht vermuten lassen. Zum Beispiel auch so zu tun, als beherrsche man eine Fremdsprache. Diese Täuschung findet Verwendung, und zwar in einem Nazi-Lager in Frankreich des Jahres 1942, in welchem Sturmbandführer Koch – Nomen es Omen – davon schwärmt, nach dem Krieg nach Teheran auszuwandern, um dort ein Restaurant zu eröffnen. Da kommt ihm ein eingefangener Perser ganz gelegen, denn der könnte ihm Farsi lehren. Durch Zufall gerät der französische Jude Gilles in Besitz eines persischen Märchenbuchs – und gibt sich, nichts ahnend, wie sehr er damit die eigene Haut rettet, als Perser aus. Eine Tarnung, die sehr leicht auffliegen könnte. Nur Perser, die sind außerhalb des Iran und ihrer Kolonialmacht Großbritannien rar gesät. Somit hat niemand eine Ahnung von Farsi, selbst Gilles nicht. Der sich aber bald um Kopf und Kragen redet, wenn es darum geht, seine ganz eigene Sprache des Überlebens zu erfinden.

2003 ließ Vadim Perelman Jennifer Connelly und Ben Kingsley in der Tragödie Haus aus Sand und Nebel aneinander krachen. Diesmal stellt er ein ganz anderes, ungleich kurioseres Zweiergespann in den Mittelpunkt seiner Weltkriegs-Erzählung. Charaktermime Lars Eidinger (gewohnt nuanciert und voll bei der Sache) als impulsiver NS-Offizier auf der einen Seite, der Argentinier Nahuel Pérez Biscayart als Jude inkognito auf der anderen. Ein Zwei-Personenstück, wenn man so will, mit einigen nebensächlichen Ausreißern, die für diese Geschichte gar nicht notwendig gewesen wären, wie zum Beispiel jene Episode der beiden Lageraufseherinnen Melanie und Elsa. Um das tragische Ausmaß der Situation natürlich greifbar zu machen, verzichtet Perelman auch nicht ganz darauf, das Verbrechen an den Juden zu dokumentieren – allerdings hält er sich, so wie damals schon Stefan Ruzowitzky in Die Fälscher, mit reißerischem Grauen mehr oder weniger zurück, und lenkt damit auch nicht von dem eigentlichen Impact der unglaublichen Begebenheiten ab, die sich in Wortgestalt einer völlig neu erfundenen Sprache Bahn brechen. Natürlich, Eidingers Figur zweifelt, will sich nicht verführen lassen, hängt seinen Träumen nach, ist mit Sicherheit kein durch und durch verdorbener Charakter, kein überzeichneter Hans Landa, sondern ein Opportunist auf Zeit, der ganz andere Pläne hat als das Deutsche Reich für ihn vorsieht. Gilles setzt alles auf eine Karte, ist anfangs ein verschreckter, panisch um sein Leben ringender Gefangener, der zusehends merkt, wie sehr er die Willkür seines Peinigers eigentlich parieren kann, und welche Macht er eigentlich über ihn hat.

Angeblich beruht diese Episode auf wahren Begebenheiten, jedoch: sicher ist das nicht. Zugrunde liegt eine Erzählung von Michael Kohlhaase, die natürlich genügend Potenzial vergibt für ein Drama, das sich über ein ausreichend dokumentiertes, reines Zeitbild hinwegsetzt und stattdessen ein zeitloses Gleichnis zitiert, dass über Opferrollen und die Kunst des Überlebens so Einiges zu sagen hat. Perelman macht daraus ein prosaisches Melodram um aus dem Stegreif erfundene Wörter, die ihre Wurzeln in den Namen der Ermordeten und Vertriebenen haben. Das ist zu komplex, zu konsistent und zu sinnbildlich, um tatsächlich so passiert sein zu können. Und auch wenn es nur erdacht ist – das Potenzial, mit Sprache ein Wunder zu vollbringen, und sei es auch nur für einen selbst und um das Böse hinters Licht zu führen, liegt dem Menschen zugrunde.

Persischstunden

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

FLÜCHTIGE IM FUMMEL

4/10


outlaws© 2020 Koch Films


LAND: AUSTRALIEN, FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: GEORGE MACKAY, NICHOLAS HOULT, RUSSEL CROWE, ESSIE DAVIS, THOMASIN MCKENZIE, CHARLIE HUNNAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Edward „Ned“ Kelly ist eine Legende in Australien. Die einen sehen ihn als Verbrecher, die anderen als eine Art Down-Under-Robin Hood, stellvertretend für alle zwangsverschleppten Iren, die fernab ihrer Heimat mit den verhassten Briten das Land teilen mussten. Wenn es aber nur das gewesen wäre: die Briten hatten die Staatsgewalt. Die Iren: Menschen zweiter Klasse, mit denen man schließlich machen konnte, was man wollte. Besagter Kelly, aufgewachsen im Nirgendwo, aufgezogen von einer psychisch labilen Mutter und einem Vater als Nichtsnutz, wurde von einem Straßenräuber unter die Fittiche genommen, des Mordversuches an einem Polizisten beschuldigt. Verfolgt, bekämpft, hingerichtet. Er wäre aber keine Legende geworden, hätte sich der gerade mal 25 Jahre alt gewordene Anarchist einfach so mir nichts dir nichts festnehmen lassen. Er schlug sich also als Bushranger, wie Flüchtige dort in der Wildnis bezeichnet werden, in die Botanik, im Schlepptau allerhand schießwütige Anarchisten, auch dessen Bruder Dan, ein Pferdedieb. Kurioses Detail: die Bande kleidete sich bei ihren Überfällen stets in Frauenkleider, was sich womöglich auf den geheimen Fetisch des Vaters bezog. Für den direkten Shootout gab’s dann selbstgeklopfte Rüstungen aus Eisen.

Eine wüste Lebensgeschichte, die dieser Ned Kelly vorzuweisen hat. Justin Kurzel, am besten bekannt durch seine Videospiel-Verfilmung Assassin´s Creed, hat ein entsprechend wüstes Biopic gedreht, dass mit der völligen Fehlbesetzung von George McKay (grandios in 1917) beginnt und mit einer inferioren, völlig entarteten Schlammschlacht endet. Dazwischen ein verheddertes Coming-of-Bandit-Patchwork, das viel zu oft durchhängt, um ein Gefühl für das Thema zu entwickeln. Wobei: George McKay spielt seine Figur sicherlich nicht schlecht, wenngleich er stellenweise dem Overacting verfällt, vorwiegend gegen Ende, beim nachtschwarzen, in Stroboskoplicht getauchten Showdown (warum auch immer), bei dem man gar nicht richtig hinsehen kann. Doch Ned Kelly? Dafür hat er eine zu schöngeistige Attitüde. Weiters ist das Hauptproblem des Films die wenig plausibel dargestellte Entwicklung der Charaktere. Kurzel bekommt die Wende vom sozial rehabilitierten Ned Kelly zum Outlaw einfach nicht hin, dafür verliert sich die eigentliche Schlüsselszene zu sehr in zerfransten Szenen, die wiederum in drei Kapitel unterteilt sind und dessen Dialoge das paraverbale Spiel nicht ergänzen können. Dadurch geht der Trend des Films in Richtung mühsame Seifenoper, die zwischendurch wirklich stark langweilt. Ganz frappant auch Essie Davis als Ned Kellys Mutter – eine der enervierendsten Filmrollen seit langer Zeit. Ihre Figur ist die einer egomanischen Opportunistin mit permanent widersprüchlichem Verhalten. Ob dies so gedacht war? Keine Ahnung, jedenfalls bleibt am Ende Kurzels Sympathie für diese Rolle fragwürdigerweise bestehen. Neben diesen Besetzungen gibt’s noch allerlei namhaften Cast, wie Nicholas Hoult als Strapse tragenden Frank’n‘furter-Polizisten, Thomasin McKenzie – extrem farblos diesmal, und Russel Crowe als bärbeißiger Haudrauf mit Rauschebart – wohl der Lichtblick in dieser ganzen Zwölfton-Schicksalssymphonie.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang empfinde ich als  überzogenes Biopic, das seinen Erzählrhythmus nicht findet. Expressiv hingegen sind die Landschaftsaufnahmen und die Kamera an sich. Das Setting eines toten Baumbestandes, inmitten die Kelly-Ranch, verleiht dem Film schon eine gewisse grundlegende Atmosphäre, auch ganz ohne Aborigines. Wirklich retten kann das den Film aber trotzdem nicht, genauso wenig wie die Geschichte Ned Kelly.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

WIE DIE ANDEREN WOLLEN

7/10


davidcopperfield© 2020 Constantin Film


LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2019

REGIE: ARMANDO IANNUCCI

CAST: DEV PATEL, TILDA SWINTON, HUGH LAURIE, BEN WISHAW, PETER CAPALDI, ANEURIN BARNARD, BENEDICT WONG, JAIRAJ VARSANI, ROSALIND ELEAZAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ist es nicht so? Bei Nennung des titelgebenden Namens kommt doch sogleich der amerikanischen Zauberkünstler mit den dunklen Augenbrauen in den Sinn, der durch die Chinesische Mauer ging oder die Freiheitsstatue hat verschwinden lassen. Der wiederum hat sich allein aufgrund des lautmalerischen Wohlklangs so benannt. Und noch etwas recht Interessantes tritt zutage, setzt man sich mit Charles Dickens´semi-fiktionaler Biopic David Copperfield auseinander: Uriah Heep kommt darin vor. Natürlich nicht als Hardrock-Band, sondern als Namensquelle selbiger. Warum aber haben sich die britischen Musiker ausgerechnet nach der niederträchtigsten Figur aus Dickens´ Roman benannt? Der wiederum von Death of Stalin-Regisseur Armando Iannucci auf höchst exzentrische, aber vergnügliche Art interpretiert wurde.

Viel anders als überstilisiert, so denke ich, lässt sich dieser Stoff in dieser Zeit aber wohl kaum publikumswirksam für die Leinwand adaptieren. Entstanden ist ein kostümfundiertes Kommen und Gehen unterschiedlicher skurriler Gestalten, neurotischer Lebenskünstler, von Reichtum und Armut. Vor allem jene letztgenannten Gegensätze, die bei Charles Dickens in vielen seiner Werke Kern der Sache sind, bilden nicht nur das Alpha und Omega der Memoiren von David Copperfield – vor allem die Armut ist zwischendurch immer wieder Antrieb und Quelle der Improvisation all dieser Figuren, die durch ihre Entrücktheit ihren Existenzzustand überhaupt erst erträglich machen. Dazwischen verweilt der Zuseher zwischen den blumigen Worten einer eloquenten Gesellschaftskomödie, eines Begegnungsreigens und einer chaotischen Zettelwirtschaft. Denn Copperfield, der sich eigentlich nur selbst so nennt, weil alle anderen ihn so nennen wie sie wollen, notiert sein Leben stets auf Resten von Papier – der Zettelpoet ist geboren.

Eine solche Verfilmung wäre vielleicht zur langatmigen Angelegenheit eines Lebens geworden, das nicht wirklich tangiert – wäre Iannucci nicht auf die Idee gekommen, nebst eines ausgeschlafenen und bestens aufgelegten Star-Ensembles (Tilda Swinton, Hugh Laurie und auch Ben Wishaw als Uriah Heep agieren großartig) ethnische Merkmale vollständig zu ignorieren. Das ist, soweit ich weiß, ein gänzlich neuer Impuls: Copperfield selbst ist indischer Herkunft, wobei beide Eltern Europäer sind. Der Industrielle Wickfield ist Asiate, seine Tochter eine Schwarze, so wie die Mutter von Copperfields weißem Kommilitonen Steerforth. Wie seltsam das plötzlich klingt: schwarz, weiß, asiatisch, indisch. Iannucci beschämt das schubladisierte Denken seines Pubikums, sprengt die gesellschaftlichen Normen dahinter, schert sich nicht um ethnische Unterschiede. Das ist mutig – zwar anfangs etwas verwirrend, aber letzten Endes durchaus konsequent. Auch altern all die Figuren kein bisschen, sie sind stets das, was sie in Copperfields Erinnerung sind: unabänderbare Erscheinungen aus der ersten Begegnung, wie Fotografien oder gemalte Portraits. Vor diesen farbenfrohen, satten Pop-Up-Bildern aus Requisiten und liebevoll eingerichteten Interieurs klingelt das Charakterkarussell rotierend vor sich hin. Nicht unanstrengend, das Ganze, weil Iannucci seine Inszenierung in einem zweistündigen Stakkato an exaltierter Theatralik loszulassen gedenkt. Auf der Habenseite allerdings steht eine komplexe Kostüm-Adaption – auf den Punkt gebracht, straff und kurzweilig.

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

Jean Seberg – Against All Enemies

IST DER RUF ERST RUINIERT…

5/10

 

seberg© 2019 Prokino

 

LAND: USA 2019

REGIE: BENEDICT ANDREWS

CAST: KRISTEN STEWART, JACK O’CONNELL, ANTHONY MACKIE, ZAZIE BEETZ, YVAN ATTAL, MARGARET QUALLEY, VINCE VAUGHN, COLM MEANEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Welcher Filmfan kennt ihn nicht – den Klassiker der Nouvelle Vague: Außer Atem. Neben einem blutjungen Jean Paul Belmondo war damals Jean Seberg mit auf der Flucht. Der Ausgang der Geschichte ist kein Geheimnis. Seit diesem Zeitpunkt war Sebergs aparter Kurzhaarschnitt auch keines mehr. Von Jeanne d ‚Arc also zur Gangsterbraut ohne rosige Zukunft, inklusive Staatsgewalt im Nacken. Die Ironie des Schicksals: rund 10 Jahre später (Francois Truffaut drehte seinen Klassiker bereits 1959) sollte ihr die Staatsgewalt tatsächlich im Nacken sitzen, nämlich in Form des FBI unter J. Edgar Hoover, der mit seiner Abhöreffizienz der ostdeutschen Stasi um nichts nachstand. Mehr noch: potenzielle Unbequeme der Regierung konnten mit dem sogenannten Counterintelligence Program, kurz COINTELPRO, gnadenlos überwacht und letzten Endes auch mit gezielter Verleumdungstaktik „neutralisiert“ werden. In schlimmstem Fall trieb diese Vorgehensweise psychisch labile Personen in den Selbstmord. In dieser umtriebigen Zeit also, zwischen Vietnamkrieg und Black Power-Bewegung, war Jean Seberg als gutgläubige Idealistin mit Geld in der Tasche wie ein argloses Bambi, dass sich an fremden Gemüsegärten labt. Ihre Verbindung mit dem Aktivisten Hakim Jamal alleine war Grund genug, die Schauspielerin ins Fadenkreuz zu nehmen.

Was wie ein grimmiger Spionagethriller klingt, ist vorrangig das gestreckte Psychogramm einer egozentrischen Weltverbesserin, die ihre Bekanntheit nutzt, um Dinge zu bewegen. Prinzipiell mal egal wofür, Hauptsache für eine gute Sache. Jene mit der Black Power-Bewegung scheint ihr passiert zu sein. Ex-Twilight-Bella Kristen Stewart spiegelt diese Attitüde eines sich selbst überschätzenden Stars ganz gut wider. Der Kurzhaarschnitt, der saß schon meilenweit unter dem Meer bei Underwater, und sie trägt ihn immer noch sichtlich mit Stolz, wobei sie noch eins draufsetzt und mit ihrer Franchise-Vergangenheit ebenso brechen will wie Robert Pattinson, in dem sie sogar das eine oder andere Mal die Hüllen fallen lässt. Kristen Stewart will nun mit Seberg gänzlich im Arthouse-Charakterfach angekommen sein. Schauspielerisch bleibt dennoch Luft nach oben – statt Jean Seberg wirklich zu sein, bleibt ihr der sichtbare Eifer haften, die biographische Figur nur sein zu wollen. Doch sie bemüht sich. Und man sieht ihr trotzdem gerne dabei zu.

Zwischendurch allerdings bleibt die prinzipiell durchaus aufreibende True Story im gern zitierten 60er-Zeitkolorit stecken, verlustiert sich in stilvollen Settings und will manchmal so sein wie ein Film von Tom Ford – gemächlich, stilvoll, unterlegt mit zeitgenössischen Musikstücken, oftmals ein Gläschen Hochprozentigen in der Hand. Mit einem Zuviel an diesen durchaus netten Bildern verwässert Regisseur Benedict Andrews sein emotionales Drama zu einem porösen Biopic mit einer leidenschaftslosen FBI-Komponente, die die Routine ihrer Bespitzelungsarbeit auf das Ensemble überträgt – Ulrich Mühe (Das Leben der Anderen) ist Agent Jack O’Connell nämlich wirklich keiner. Viele Nebenrollen bleiben auch wirklich nur Staffage, die sich einer Retro-Optik unterordnen, mit der Jean Seberg – Against All Enemies als Erzähl-Tool alleine klarkommen möchte. Das bleibt dann doch etwas kraftlos.

Jean Seberg – Against All Enemies

Cats

KATZEN, EMPÖRT EUCH!

5,5/10


© 2019 Universal Pictures International Germany GmbH


LAND: USA 2019

REGIE: TOM HOOPER

CAST: FRANCESCA HAYWARD, JUDI DENCH, JAMES DERULO, JAMES CORDEN, JENNIFER HUDSON, IDRIS ELBA, IAN MCKELLEN, REBEL WILSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Es war DIE Kino-Anomalie der letzten Weihnachten. Dann Spottobjekt und Preisträger der Goldenen Himbeere. Und noch etwas: erstmals wurde ein Film nachbearbeitet, der bereits im Kino lief. Regisseur Tom Hooper trifft da womöglich am wenigsten die Schuldfrage. Mit The Kings Speech war klar: er versteht sein Handwerk. Was ihm allerdings in die Quere kam, das waren das Studio mitsamt seiner Marketingstrategen, die über Biegen und Brechen die Verfilmung des Musicals Cats termingenau in die Kinos bringen wollten, auch wenn Hooper das eine oder andere mal bemerkt haben soll, für diesen Blockbuster mehr Zeit zu benötigen. Doch alles egal: was auf der Theaterbühne so gut funktioniert, wird im Kino genauso klappen. Dafür sorge doch alleine schon die fulminante Musik von Genie Andrew Lloyd Webber. Spätestens bei Memory hätten dann alle Katzen- und Musicalliebhaber Tränen in den Augen. Diese flossen dann weniger wegen Jennifer Hudsons geschmettertem Klassiker, sondern aufgrund der nicht ganz astreinen CGI-Kostümierung eines namhaften Ensembles. Allen Vorschusshimbeeren aber zum Trotz – und vielleicht rettet den Film die niedrige Erwartungshaltung beim Ansehen vor weiteren vernichtenden Urteilen – muss ich zu folgender Conclusio kommen: Tom Hoopers Cats-Version ist ansehbar, annehmbar und musikalisch gesehen verantwortlich für so manchen Ohrwurm, der tagelang haften bleiben wird.

Bezugnehmend auf die Entstehung dieser Kult-Revue aus den 80ern (hierzulande in Österreich konnte Theatermann Peter Weck mit seiner Inszenierung die Hallen füllen) ist die Kino-Version gar nicht mal so viel anders. Da wie dort sind es Menschen in Katzengestalt – oder umgekehrt, je nach Blickwinkel. Katzen wie in Felidae oder Aristocats kommen hier nicht hinter der Mülltonne hervor. Der Umstand wird alleine schon dadurch verdeutlicht, es mit Jellicle-Katzen zu tun zu haben, die sowieso anders sind. Und weil sie so anders sind, ist auch das alljährliche Katzenfest nichts Artfremdes. Im Zuge dieses Come together wird einer der Stubentiger vom Alt-Kater Deuteronimus (gespielt von Judi Dench mit Ehering am Finger) auserwählt, um wiedergeboren zu werden. Einzige Gefahr dabei: Macavity, ein fieser Kater, der das Event stets sabotiert. Bevor es aber so weit kommt, gibt’s ein Who is Who aller möglichen Charaktere, die singend ihre Skills präsentieren.

Zugegeben, da hat sich das Studio vorzeitig zurückgelehnt – bevor analoge Bodysuits mühsam geschneidert werden müssen, schlüpft der Cast doch lieber in grüne Viskose, um sich Fell und Schnurrhaar digital andichten zu lassen. Geht ganz einfach. Doch weil es so einfach geht, wird leicht geschludert. Und schon haben wir den Uncanny Valley-Effekt, der zurecht zumindest anfangs etwas seltsam aussieht. Vielleicht, weil das Make-up im Gesicht manchmal fehlt. Und an den Händen. Und manche der Katzen tragen Schuhe. Ich gebe zu, das ist etwas bizarr, so wie die Szene mit den Kakerlaken und den seltsamen kleinen Mäusen. Die ist wirklich missglückt. Doch bevor ich mich darüber ausgiebig mokiere, kommen die Ohrwürmer. Gut gesungen, auch in der Synchro, wenngleich die Lippenbewegungen nicht ganz passen. Katzengleich räkelt sich das Ensemble vor bunten Requisiten und hinter Plastikmampf. Alles ist Show, alles ist unecht und Bühne, selbst auf der Leinwand. Doch ist das im Theater nicht auch so?

Cats ist keine Fabel, Cats liegt irgendwo außerhalb und definiert sich vorrangig durch seine Musik. Akustische Erinnerungen aus der Kindheit werden wach, als das Musical überall zu hören war. Als Memory von allen, die Stimme hatten, gesungen wurde. In Tom Hoopers Film überlagern die Songs so manche Schwäche, die die Produktion durchaus hat. Francesca Hayward als weiße Katze Victoria ist ein anmutiger Hingucker, links und rechts von ihr mögen technisch gebrechliche Figuren die Choreographie halten. Iris Elba ist fehlbesetzt, Ian McKellen hingegen zum Knuddeln. Letzten Endes stehen die beiden auch dafür, wie der Film geworden ist: das Auf und Ab einer klangvollen Nummernrevue mit ordentlich Katzenkitsch.

Cats

Corpus Christi

WILLST DU PRIESTER, KANNST DU PRIESTER

6,5/10

 

CorpusChristi© 2020 Arsenal Filmverleih

 

LAND: POLEN 2019

REGIE: JAN KOMASA

CAST: BARTOSZ BIELENIA, ELIZA RYCEMBEL, ALEKSANDRA KONIECZNA, LUKASZ SIMLAT, TOMASZ ZIETEK U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


„…wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. So heißt es doch im längst auswendig gelernten und niemals verlernbaren Vater unser, soweit ich mich erinnern kann. Interessanterweise aber hält sich die Kirche selbst am Wenigsten daran. Denn es ist – laut Jan Komasas Filmdrama Corpus Christi – verboten, als vorbestrafter Mensch, so sehr dieser auch geläutert sein mag, das Priesteramt auszuüben. Jesus hätte tadelnd den Kopf geschüttelt. Denn diese Handhabe ist genau das, was Jesu Botschaft nicht ist. Genauso wie das Zölibat, ein gänzlich anders Kapitel. Aber seis drum – die Kirche hat ihre obsoleten Regeln, und der Messias bleibt mit dabei. Der ist auch mit dem Kriminellen Daniel auf einer Spur, denn dieser will nichts anderes, als nach dem Absitzen seiner Strafe im Knast predigen zu dürfen. Geht nicht. er muss ins Sägewerk irgendwo am Land, in der Nähe eines polnischen Dorfes im scheinbaren Nirgendwo. Wie es der Zufall will, ist der ortsansässige Pfarrer gesundheitlich etwas angeschlagen und muss für medizinische Behandlungen mal kurz weg. Altar frei für Daniel, der den Namen seines geistlichen Vorbildes in der Jugendstrafanstalt annimmt, zufälligerweise ein Priestergewand bei sich trägt und die Gelegenheit am Kreuze packt. Was Daniel nicht weiß – die Dorfgemeinschaft hat schon mal bessere Zeiten erlebt. Und hätte einen Geistlichen, der die Nachwirkungen einer Tragödie wieder erträglich macht, bitter nötig.

Zaungäste der letzten Oscar-Verleihung wissen es: Corpus Christi war für die Kategorie Fremdsprachen nominiert, gewonnen hat dann Parasite. Der polnische Beitrag allerdings hat auch seine Stärken, und er erzählt eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Tatsächlich hat es einen solchen Fall gegeben, in dem sich ein Fake-Priester die Gunst seiner Schäfchen sichern konnte. Willst du Priester, kannst du Priester. Das Wort Gottes sollte ja beinahe schon jeder verkünden können, der weiß, was er zu sagen hat. Jesus selbst war ja auch kein Geistlicher, sondern schlicht und einfach ein Zimmermann. Überraschend aber auch, dass Corpus Christi vor allem auch auf religiöser Seite auf Anklang stieß, führt doch das Auftreten des jungen Daniel ein langwieriges Studium in Sachen Theologie ad absurdum. Denn letzten Endes spricht man nur mit dem Herzen gut, und Wahrheit braucht keine Prüfung. Der Rest ist Sache eines integren Autodidakts.

Komasas Film ist aber längst kein bleischweres Betroffenheitskino, obwohl Inhalt und Thema etwas anderes vermitteln wollen. Was wie ein düsteres Knastdrama beginnt, schlägt relativ kurze Zeit später die Richtung eines erfrischend anderen Psychogramms einer Gemeinde ein, die drauf und dran war, sich selbst in eine Stasis aus Trauer und Hass zu verbannen – hätte nicht Daniel das Zeug dazu, das Ruder auf unorthodoxe, dafür aber urchristliche Art rumzureißen. Diese kollektive Katharsis setzt Komasa dicht in Szene, seine Bilder sind von weihrauchverhangener Düsternis, dazwischen deftige Rhythmen, viele Zigaretten und fahles Licht. Daniel wird zur erfrischenden Gestalt selbigen inmitten dieser verbohrten Unfähigkeit, den Grundgedanken von Vergebung zu leben. Schauspieler Bartosz Bielenia, von dem man sicher noch so manches hören wird, verleiht dem falschen Prediger eine mitreißende Intensität. Man hört ihm zu, man folgt ihm, man fühlt sich vielleicht irritiert, doch motiviert dies vielleicht festgefahrene Gedanken zur Umkehr. Prachtvoll, dieser Aufruf, genau dem die Hand zu reichen, der ein Unglück vielleicht verschuldet hat. Dabei erscheint die Kleinheit des um sich rotierenden und absolutionsgierenden Menschen so klar und deutlich, und völlig unmissverständlich.

Corpus Christi aber ist kein Läuterungskitsch, und nirgendwo blickt auch nur irgendwer in einen kitschigen Sonnenaufgang. Nein, dieser Film ist kein Freund der Kirche, eher ein Freund einer nicht nur christlichen Ethik. Was am Ende aber aus diesem Abenteuer der Menschlichkeit herauskommt, lässt dann doch nochmal ratlos zurück. Absolution gibt’s dann leider nicht für alle, und ein bisschen Sonnenaufgang am Rande hätte ich mir fast gewünscht. 

Corpus Christi

Dolemite Is My Name

DRESSED FOR SUCCESS

7,5/10

 

dolemite© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: CRAIG BREWER

CAST: EDDIE MURPHY, WESLEY SNIPES, MIKE EPPS, CRAIG ROBINSON, KEEGAN-MICHAEL KEY, SNOOP DOG, CHRIS ROCK, KODI SMIT-MCPHEE U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN

 

Schweigen ist Gold – das war für Quasselstrippe Eddie Murphy niemals die Devise. Untermalt von Harold Faltermeyers kultigen 80er-Klängen konnte der Beverly Hills Cop so richtig zum Filmstar avancieren, bevor Klamotten wie The Nutty Professor ihn irgendwie auf das zweifelhafte Niveau eines Adam Sandler brachten. Der hat sich wiederum endlich aufgerafft und im auf Netflix erschienenen Krimidrama Der schwarze Diamant gezeigt, was eigentlich in ihm steckt. Murphy hat es nach langer Auszeit und vernachlässigbaren Releases endlich auch geschafft, und ebenfalls dank Netflix. Der Streamingriese, der autark denkenden Filmemachern und risikobereiten Leinwandkünstlern immer mehr eine Plattform bietet, die große Studios aus Angst vor Geldeinbußen nicht mehr zur Verfügung stellen, hat Craig Brewers Künstlerbiographie ohne viel Federlesens ins Programm aufgenommen – zum Glück all seiner Abonnenten. Dolemite Is My Name ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, und abgesehen davon, dass sie Eddie Murphy eine Golden Globe-Nominierung eingebracht hat, funktioniert dieses wunderschön ausgestattete Underdog-Epos als detailliert erzählte Zeitgeschichte, Charakterstudie und Feel Good-Movie, was man angesichts der Lebensgeschichte eines Künstlers ja fast gar nicht vermuten würde. Wo bitte bleibt der Absturz, die verbitterte Erkenntnis, den Zenit des Erfolges überholt zu haben? Bei Rudy Ray Moore gab´s das anscheinend alles nicht. Und wenn, dann ist das nicht Thema des Films. Denn dieser offenbart das Geheimnis eines Erfolges einer für die Bühne geborenen Rampensau, die alles, nur nicht im stillen Kämmerlein vor sich hinleben will.

Anfänglich allerdings bescheren ihm seine stümperhaften Zoten kaum Aufmerksamkeit. Niemand will Rudy Ray Moore hören, der als Conférencier in einem Club die Konkurrenz ankündigt. Doch dann schnappt er bei einem Obdachlosen einige ziemlich schlüpfrige Altherrenwitze auf, die er allesamt aufschreibt und so in diesem Stil weitermacht. Aus Zoten werden obszöne Reime mit allerlei schmutzigen Wörtern. Auf einmal findet er Anklang, füllt die Hallen, bringt Schallplatten heraus. Erfindet seine Kunstfigur: Dolemite. Ein Dandy in knallbunter, überstilisierter Gewandung und ohne jegliche Furcht vor Farb- und Musterkombinationen. Alles war das aber dennoch nicht. Dolemite will einen Film drehen. Und setzt dafür alles ihm Menschenmögliche in Bewegung. Was dabei entsteht, sind zeitgeistige Blaxploitation-Eskapaden und die bis heutig gültige Bedeutung Moores als Urvater aller Reimrapper.

Dolemite Is My Name feiert sich selbst als exaltierte Kultur- und Gesellschaftsgeschichte. Eddie Murphy, stets in feuchte Träume schreiender Textilkunst gekleidet, findet für die Interpretation des umtriebigen Checkers und Machers einen angenehm ausgewogenen Zugang, ohne jemals zu dick aufzutragen oder seinen gewohnten Redeschwall loszulassen. Eddie Murphy ist nicht Eddie Murphy, sondern Dolemite. Ähnlich großartig gibt sich Wesley Snipes in der Rolle eines völlig von sich selbst überbewerteten Allürenkaisers und Regisseurs, der dem obskuren Filmprojekt zur Hand geht. Brewers opulentes Making-of-Success lässt sich mit Filmen wie Ed Wood oder The Disaster Artist vergleichen, deren Story hinter den ambivalenten Werken ungleich interessanter sind. Rudy Ray Moore allerdings ist der am meisten geerdete unter den genannten Größen, seine Motivation, wofür sie auch stehen mag, ist auf sympathische Art ansteckend.

Klar, Dolemite Is My Name ist ein spezieller Film, eine Sitten- und Verhaltensstudie, aber darüber hinaus immer noch ein großes Vergnügen, wenn es darum geht, neue Wege zum Ruhm zu gehen, die nur mit Beharrlichkeit und Idealismus begehbar sind. Kurzum: der Weg ins Kino als großes Kino.

Dolemite Is My Name

Über die Unendlichkeit

WO DER MENSCH NICHT WEITER WEISS

6,5/10


unendlichkeit© 2019 Neue Visionen


LAND: SCHWEDEN 2019

REGIE: ROY ANDERSSON

CAST: MARTIN SERNER, JAN-EJE FERLING, TATIANA DELAUNAY, LESLEY LEICHTWEIS BERNARDI, ANIA NOVA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 16 MIN


Wer einmal schon einen Film vom Schweden Roy Andersson gesehen hat, wird wissen, was auf ihn zukommt. Alle anderen hingegen werden feststellen – zum eigenen Leidwesen oder in staunender Verzückung – dass Filmemachen auch komplett anders funktionieren kann. Über die Unendlichkeit lässt sich mit nichts vergleichen, was außerhalb des Roy Andersson-Universum sonst noch im Kino oder Stream läuft. Roy Andersson muss man mögen, andererseits aber auch nicht zwingend ablehnen. Einlassen muss man sich drauf, sonst wird das nichts. Denn einen roten Faden hat das Ganze nur sekundär.

Dabei hat Andersson in seinen Filmen immer nur eins zum Thema: die Irrfahrten einer ratlosen Menschheit durch den Alltag. Die verlorenen, ausgezehrten, blassen Gestalten in ebenso blassen Kleidern, eingebettet in einer grauen, bis in alle Ferne detailverliebten Umgebung, hadern mit dem Glauben, mit der Liebe, mit rosigen Aussichten auf die Zukunft. Andersson gibt sie aber nicht auf. Er lässt sie zu Miniaturen werden, zu kleinen Häufleins der Gattung Homo sapiens, die er in Pop-Up-Bilder bettet, die wie Guckkastenbühnen statisch verharren und alle Auftritte ins Bild stolpern lassen. Doch nicht nur das – manchmal sind sie auch längt da, sind genauso statisch wie das akkurat arrangierte Bild und sind Teil des Interieurs oder der Straßenszene. Anderssons Film Songs from the Second Floor ist ein Meisterwerk – später war der Alltagsphilosph nie mehr so radikal. Im Gegenteil. Seine Filme werden immer kleiner, nüchterner, verlieren ihre eigentliche Pointe. Manchmal mag das ein unglücklicher Schachzug sein. Dann verweilt man als Zuseher vor tristen Gemälden, in denen sich ganz plötzlich ganz wenige Komponenten in Bewegung setzen. Eine Stimme aus dem Off, die eines Mädchens, sagt, was sie sieht. So, als wäre sie ein Engel, eine Entität über dem Geschehen. Dadurch wird die Verzweiflung des Einzelnen noch kleiner, und das angesichts völlig banaler Situationen, die uns selbst immer wieder schon passiert sind. Am Bahnhof nicht abgeholt zu werden, weinend im Bus zu sitzen. Am Grab eines geliebten Menschen stehend. Zwischendurch dann ganz andere Probleme: der Ehrenmord an die eigene Tochter, Hitlers letzte Momente im Bunker, eine Karawane Kriegsgefangener durch die Ödnis Sibiriens. Was genau, so fragt Andersson, ist des Menschen Problem? Und ist er in der Lage, sich und sein Leben entsprechend zu differenzieren? Sein Glück in Relation zu setzen zu dem, was sonst noch passiert auf diesem Planeten?

Ein Priester, der seinen Glauben verloren hat, der geistert immer wieder mal durch die scheinbar wahllos arrangierten, oft nur minutenlangen Szenen. Hinter jeder steckt ein enormer inszenatorischer Aufwand. Es ist eine Kunst, Schauspiel und Film dermaßen formelhaft wiederzugeben, wie eine Spieluhr, deren Szenen immer wieder ablaufen, bis der volle Tag vorüber ist und die Vögel weiterziehen. Über die Unendlichkeit ist zwar längst nicht so stark und akzentuiert wie Anderssons Vorgänger, es bleibt aber immer noch genug Restgedanke über, um einen Prolog zu seinem bisherigen Schaffen zu kollektivieren, der ähnliches zu sagen hat wie alles Bisherige. Ein Bewegtbilderbuch auf großer Leinwand, karg und gleichzeitig opulent – jedenfalls eines: die absolute Kehrseite des Mainstreams.

Über die Unendlichkeit

Waren einmal Revoluzzer

STÖRE MEINE KREISE NICHT

5/10

 

wareneinmalrevoluzzer© 2019 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: JOHANNA MODER

CAST: JULIA JENTSCH, MANUEL RUBEY, AENNE SCHWARZ, MARCEL MOHAB, YELENA TRONINA, TAMBET TUISK, JOSEF HADER U. A.

 

Endlich mal tun, was sich gut anfühlt. Endlich mal Welten bewegen, und diesmal nicht zum Eigennutz. Vom Lippenbekenntnis bis zur durchdachten Aktion kann ja eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, denn wer einmal etwas ändern will, und wer einfach einmal über seinen Schatten springen will, der wird es auch schaffen, ein Gutmensch zu sein. Die Komfortzone ist dann nur noch etwas für bequeme Couchkonsumierer, die medial verbreitete Heldentaten wie jene der Kapitänin Carola Rackete fast schon mit Eigenlob abnicken.

Zwei befreundete Paare um die 40, die einen kinderlos, die anderen inklusive Nachwuchs vierköpfig, erhalten die seltene Gelegenheit, einem Freund aus früheren Zeiten, der in Russland von den Behörden anscheinend gesucht wird und untertauchen hat müssen, nicht nur finanziell unter die Arme zu greifen, sondern auch gleich nach Österreich zu holen. Da braucht man doch nur ein paar gefälschte Papiere und Stillschweigen gegenüber Außenstehenden. Was genau sich Pawel zuschulden hat kommen lassen, ist nicht wichtig. Das vermeintlich demokratische Russland hat´s schließlich nicht so mit Meinungsfreiheiten, also stecken bestimmt verletzte Menschenrechte dahinter. Pawel kommt also in Wien an – und nicht nur er: Frau und Kind sind ebenfalls mit von der Partie. Als die drei so verloren am Bahnsteig und später dann in Julia Jentschs Wohnung stehen, wäre es längst Zeit gewesen für Teil 2 des Projekts Alltagsaltruismus. Doch den gibt es nicht. Und so stören die drei Flüchtigen mit der Zeit die kommod eingerichtete Komfortzone der vier Individualisten, die nichts lieber gehabt hätten, als die Willkommenskultur beim freundlichen Winken zu belassen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder hat bei ihrem zweiten Kinofilm ihre Einstandsfrage ordentlich ausformuliert: wie sieht es wohl aus, wenn das intellektuelle Klientel aus Studierten und Künstlern, die so sehr offen für alles sind, solange es nicht die eigenen Kreise stört, Verantwortung übernehmen müssen für ihren undurchdachten Aktivismus? Wahrscheinlich sieht es genauso aus wie in Waren einmal Revoluzzer. Zu diesem Titel singt Clara Luzia einen recht ironischen Song, und zumindest drei der vier (denn Manuel Rubey als Songwriter im Selbstversuch weiß von nichts) gelangen zur ernüchternden Erkenntnis, erstmal Gutmensch zu sich selbst sein zu müssen, bevor andere in den Genuss der humanitären Hilfe kommen. Moders Film ist diesbezüglich relativ ernüchternd, und auch längst nicht so zynisch oder gar satirisch. Julia Jentsch, Aenne Schwarz, Manuel Ruben und Marcel Mohab bilden ein hervorragendes Ensemble, wunderbar aufeinander eingespielt, völlig natürlich agierend und ohne Bühnen-Überhöhung. Diese Natürlichkeit findet sich allerdings auch im Drehbuch Moders wieder: Was das heißt? So gut sich die Story auch anlässt, so beiläufig verwässert sie. Klar, ich muss nicht auf Biegen und Brechen in diesem zwischenmenschlichen Dilemma eine Lösung finden. Zumindest aber eine Erkenntnis auch für den Zuseher, oder irgendetwas, das zu neuen Sichtweisen anspornt, wäre eine runde Sache gewesen. So allerdings gerät die Tragikomödie viel zu redundant, Konflikte wiederholen sich. Da keiner mit dieser Situation zurechtkommt, bleibt auch viel trendig gefilmter Leerlauf zwischen einem fahrigen Hin und Her aus Möchtegern und Ruhebedürftigkeit. Im Grunde ist Waren einmal Revoluzzer zu lange geraten, und aus der wunderbaren Ausgangssituation bleibt ein gut gespieltes, aber ratloses Durcheinander ohne Aussicht darauf, als Revoluzzer in die Geschichte einzugehen. Vielleicht gibt’s auch wirklich keine Lösung, und der übersättigte Wohlstand des Westens hat prinzipiell mal keine Kapazitäten mehr.

Waren einmal Revoluzzer