The Housemaid – Wenn sie wüsste (2025)

DAS ZAHNPASTALÄCHELN DER NEUREICHEN

8/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: PAUL FEIG

DREHBUCH: REBECCA SONNENSHINE, NACH DEM ROMAN VON FREIDA MCFADDEN

KAMERA: JOHN SCHWARTZMAN

CAST: SYDNEY SWEENEY, AMANDA SEYFRIED, BRANDON SKLENAR, INDIANA ELLE, MICHELE MORRONE, ELIZABETH PERKINS, MARK GROSSMAN, HANNAH CRUZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Zugegeben, die Erwartungshaltungen waren nicht sehr hoch und hatten sich bereits justiert, als ich mich fragen musste, wer oder was denn ein BookTok sei. Nun, nettes Wortspiel: ein Book Talk, was denn sonst, und zwar auf TikTok, einer Plattform, die ich nicht nutze. Hat man mal das Glück, als Autorin oder Autor hier Leute zu finden, die dein Werk besprechen und es dabei auch in höchsten Tönen loben, hat man bereits ausgesorgt. Wie gut man auf Social Media Werbung machen kann, zeigt nun die Verfilmung eines auf dem Zenit des Zeitgeistes befindlichen belletristischen Thrillers, der auf den ersten Blick so scheint, als wäre er gefällige Massenware mit allen Parametern, die notwendig sind, um vor allem Young Adult-Leserinnen zum e- oder Analogbuch greifen zu lassen.

Man könnte meinen, Thriller wie diese gibt es wie Sand am Meer. Geht man in die Buchhandlung, kippt man aus den Schuhen angesichts der Tatsache, wie sehr sich so mancher generische Titel auf irgendeinem Paperback jenem danebenliegenden auf den Trendtischen nahe des Eingangs gleicht. The Housemaid – Wenn sie wüsste: Wie seifenopernhaft kann dieses Buch, und auch der Film, nur sein?

Sex, Eifersucht, Geheimnisse – alles da

Ich habe mich dennoch darauf eingelassen, schließlich schätze ich auch generische Actionfilme, generische Science Fiction, einfach mal so zum Drüberstreuen aus Ermangelung anderer Genre-Formate, die nicht und nicht daherkommen, weil sich die Produktionen selbiger verschleppt haben. Ein Thriller für Zwischendurch – mal sehen, was diesen Trend und diesen Hype eigentlich begründet. Dabei haben wir zum einen Amanda Seyfried in der Besetzungsliste. Die junge Dame ist längst mainstreamerprobt und kann auch auf so manchen Psychothriller in ihrem Repertoire zurückgreifen, zum Beispiel Things Heard & Seen um paranormale Begebenheiten im neu bezogenen Eigenheim.

Seyfried gibt das exaltierte „Desperate Housewife“ Nina, die ganz dringend für den Haushalt und Töchterchen Cecilia ein Hausmädchen benötigt. Einen guten Geist des Domizils sozusagen, der von Bodenschrubben bis hin zu Kochen und sowieso allem, was im Haushalt zu tun ist, alles mit Leichtigkeit übernimmt und obendrein noch den Nachwuchs sittet. Dafür wohnt sie auch in diesem stattlichen Gemäuer dieser neureichen Haute Volee-Familie, während Göttergatte Andrew, ausgestattet mit allem, was schon MacDreamy hatte und einem Zahnpastalächeln, für das man gerne des Öfteren zum Dentisten geht, den charmanten Frauenversteher gibt. Ein solcher bleibt stets gelassen, während Nina, die zuvor mit wenig authentischer Überschwänglichkeit Sidney Sweeneys Figur der Millie in ihr Herz geschlossen hat, nur Tage später als unerbittliche Furie die neue Angestellte zur Sau macht.

Irgendwas ist hier faul in diesem Haus, mit diesen Leuten, mit diesen veröffentlichten Biographien selbiger. Vielleicht stimmt auch was mit Sidney Sweeney nicht? Schließlich hat sie ihr Curriculum Vitae geschönt, indem sie verschwiegen hat, dass sie frisch aus dem Knast kommt, wo sie wegen Totschlags lange Zeit einsaß.

Türspaltbreit fällt Licht ins Dunkel

So gefällig The Housemaid – Wenn sie wüsste in seiner Aufmachung auch sein mag: Gelungen ist dabei ein kleines Filetstück der filmischen Suspense. Auf eine Weise, die so mancher Meister des Genres wohl nicht besser hinbekommen hätte. Paul Feig, der schon Blake Lively und Anna Kendrick in Nur ein kleiner Gefallen auf augenzwinkernde Weise ins Spiel der Schatten befördert hat, setzt diesem Mysterium um Identität und Wahrheit noch eines drauf. Autorin Freida McFadden wird in ihrem Buch schon punktgenau hinters Licht geführt haben. Wie man das macht, ist eine Sache. Wie man diese Geheimnisse auch auf der Leinwand würdig umsetzt, eine andere. Das Timing ist hier der Punkt. Auch die Dosis der Dinge, die langsam ans Licht kommen, eine Herausforderung, für die man Fingerspitzengefühl braucht. Jedes Detail muss stimmen, nichts darf banal erscheinen oder unglaubwürdig. Nichts zu dick aufgetragen. Was zeige ich also, was zeige ich nicht? Und vorallem: Wann eröffne ich die ganze kaputte Wahrheit?

Twist and Shout!

The Housemaid macht dabei wirklich alles richtig. Und schüttelt dabei in der zweiten Halbzeit seine Asse aus dem Ärmel. Aus dem Psychospiel wird eine hochgradig feministische Groteske, die nach Genugtuung schreit und sich sofort dafür instrumentalisieren lässt, gesellschaftlich prekäre Zustände, mit denen wir uns derzeit herumschlagen müssen, mit streitsüchtiger, selbstbewusster Vehemenz in die Gosse zu treten. Wie Feig das arrangiert, ist so kurios wie bizarr. Die schleichende Mystery wird zum blutigen Duell, wie es das seit dem Rosenkrieg nicht mehr gegeben hat. Viel mehr zu verraten, davor möchte ich mich hier an dieser Stelle in Acht nehmen. Denn gerade das Wechselspiel der Vermutungen sollte nicht gestört werden, macht es doch einen Riesenspaß, die Dinge zu deuten.

Was vielen Filmen dieser Art passiert, ist, nachdem die Katze aus dem Sack gelassen wurde, den Rest der Geschichte dramaturgisch schleifen zu lassen. In The Housemaid – Wenn sie wüsste aber wird die Wahrheit erst zum Turbo Boost für bitterbösen Indoor-Thrill, der keine Sekunde langweilt, der so spannend ist, dass man an den Nägeln kaut, und bei dem man mitfiebert, als wäre man bei einem Spiel seiner Lieblingsmannschaft welcher Sportart auch immer. The Housemaid – Wenn sie wüsste überrascht, weil man die Virtuosität nicht kommen sieht und alle Antennen auf Mittelmaß ausgerichtet sind. Dem aber ist Feigs gar nicht feige „Ecstasy of Feminism“, frei nach Sergio Leones Mexican Standoff am Ende von The Good, the Bad and the Ugly, wirklich und wahrhaftig erhaben. Tja, wenn wir wüssten!

The Housemaid – Wenn sie wüsste (2025)

Blue Moon (2025)

THOSE WERE THE DAYS, MY FRIEND

8,5/10


© 2025 Sony Pictures Classic


LAND / JAHR: USA, IRLAND 2025

REGIE: RICHARD LINKLATER

DREHBUCH: ROBERT KAPLOW

KAMERA: SHANE F. KELLY

CAST: ETHAN HAWKE, MARGARET QUALLEY, BOBBY CANNAVALE, ANDREW SCOTT, PATRICK KENNEDY, JONAH LEES, DIMON DELANEY, JOHN DORAN, CILLIAN SULLIVAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Aus der zweiten Reihe

Es ist der Anfang vom Ende eines glorreichen Höhenflugs, der allerdings schon seit geraumer Zeit mit gröberen Luftlöchern zu kämpfen hat: Die Rede ist vom schwindenden Ruhm eines kreativen Tausendsassas und Naturtalents namens Lorenz Hart, New Yorker Liedermacher und Songwriter, der sich wohl die Hände vors Gesicht schlagen würde, hätte er mitbekommen, dass Richard Linklater sein ihm gewidmetes biografisches Drama mit Blue Moon betitelt – so, als wäre seine ganze Karriere nur das Phänomen eines One Hit Wonders, und nicht einer beflügelten, ruhmreichen Schaffensperiode, die er mit seinem besten Freund und Komponisten Richard Rodgers über mehrere Jahrzehnte halten hat können. Doch dann die Sache mit dem Alkohol – die ließ ihn mehr oder weniger unzuverlässig und unberechenbar erscheinen, Rodgers muss sich letztlich von seinem Buddy abnabeln, muss sich woandershin wenden, und zwar in Richtung Oscar Hammerstein, seines Zeichens ebenfalls Liedermacher und ein Dorn im Auge des kleinen Mannes mit schütterem Haar und überspieltem Kummer, der ihn spätestens dann einholt, als Rodgers mit dem Musical Oklahoma! seinen größten Triumph feiert. Natürlich ohne ihn, ohne Lorenz Hart, der muss aus der zweiten Reihe zusehen, wie er übervorteilt, ausgebootet und letztlich, um es drastisch auszudrücken, verraten wird. Doch was hat er selbst dazu beigetragen, das diese ganze Niederlage so weit hat kommen müssen?

Linklaters Film beginnt mit den aus dem Off eingesprochenen Schlagzeilen über den Tod eines großen Künstlers, der nach einer kurzen Periode der Abstinenz letztlich wieder zur Flasche griff, in der Gosse landete und an einer Lungenentzündung starb, viel zu früh, mit 48 Jahren. Dann der Rückblick – wir sehen den kleinen, sensiblen, verzweifelten und sich selbst alles schönredenden Mann, wie er die Premiere dieses verhassten Singspiels verlässt, um im New Yorker Restaurant Sardi’s auf das Eintreffen des Premierenpublikums zu warten, mitsamt seines Freundes Rodgers und all der Blamage und Selbsterniedrigung, sollte er sich dazu überwinden können, jenen seinen Respekt zu zollen, die ihn links liegen ließen.

Lorenz Hart, der Wunderknabe

So sitzt er nun an der Bar, fast schon therapeutisch betreut von Barkeeper Bobby Cannavale, der, gläserschrubbend, wie es diese Sorte Zuhörer immer schon getan hat und bis in alle Ewigkeit tun wird, dem schwermütigen Vielredner ein offenes Ohr schenkt. Und viel reden, das kann er, dieser Lorenz Hart, und es wäre vielleicht gepflegte Langeweile, einem Mann zuzuhören, den man bislang überhaupt nicht am Schirm hatte und der einem auch gar nicht tangiert, wäre es eben nicht dieser zwar nicht mit den Maßen des Adonis gesegnete, aber mitreißende männliche Charakter gewesen, der, sehnlichst suchend nach Bestätigung, die Klasse von einst, die er hatte, als unaufgefordertes Da Capo wiedergibt. Dieser Lorenz Hart, ein Wunderknabe. Und ein Wunderknabe auch, der sich dazu entschlossen hat, diesem tief gefallenen Genius ein Gesicht, eine Stimme, seinen Manierismus zu geben. Wer hätte gedacht, dass Ethan Hawke diese Figur so meisterlich ins Leben zurückrufen kann, mit all seinem Charisma, seinen Illusionen und seiner eloquenten Erzählkunst? Zeit seines Lebens soll Hart mit seiner homosexuellen Neigung zu kämpfen gehabt haben, letztlich aber lässt ihn Linklater eine ganz bestimmte weibliche Person anschmachten, und zwar vielleicht weniger sexuell als viel mehr so hingebungsvoll, als würde es sich um ein sphärisches, engelsgleiches Kunstwerk handeln. Elizabeth Weiland heisst die bildschöne junge Dame, hinreißend dargeboten von Margaret Qualley, die den kleinen, genialen Lorenz Hart ins Herz geschlossen hat – allerdings auf eine Art, die diesen womöglich nicht erfüllt.

Späte Paraderolle für einen Star

Blue Moon wird zu einer Sternstunde der gegenwärtigen Schauspielkunst. Autor Robert Kaplow hat ein so geschliffenes Sprachstück aus dem Ärmel geschüttelt, ohne Zwang und Krampf und bemühter Virtuosität, dass man völlig die Zeit vergisst. Gesprochen und interpretiert wird dies von Hawke mit einer Leidenschaft und einer Hingabe, dass man gut und gerne auf die Knie fallen würde, fast so wie in der Kirche, schließlich ist diese später auch wieder trinkfreudige Predigt eines Unverbesserlichen die zu Herzen gehendste, die man jemals wohl gehört hat. Zwischen Hoffnung, Aufbruchsstimmung, Abgesang und wehmütigem Rückblick tischt Hawke die inbrünstig gefühlte Rekapitulation eines ganzen Lebens auf, reflektiert durch Menschen an seiner Seite wie den von Andrew Scott so liebevoll und doch distanziert verkörperten Richard Rodgers. Auch hier bricht ich das Gefühl einer enttäuschten Freundschaft Bahn, deren gemeinsamer Lebensabschnitt zwar sehr viel wiegt, die Zeiten aber nichts daran ändern können, das alles, und vorallem in der Kunst und im Showbiz, sein Ende finden muss.

So gehet hin und habt Erfolg

So steht er da, der kleine, gebrochene, aber stolze und niemals im Selbstmitleid versinkende Mann, und unsereins würde ihn umarmen wollen, mit ihm einen trinken gehen, auch wenn man gar nichts trinkt. Ihm Zuhören und seine Lieder spielen, sofern man die Klaviatur eines Tasteninstruments versteht. Man würde sogar anfangen, diese Kunst zu erlernen, nur um diesen Lorenz Hart noch länger reden und vielleicht gar singen zu hören. Währenddessen schrubbt Cannavale die Gläser, geben ihn Gefährten die Ehre, tun so, als wäre alles gut, und holen sich tatsächlich noch Inspiration für das eigene kreative Schaffen. Denn wenn man genau hinhört und hinsieht, ist die Sache mit Stuart, der Maus, eine, die ganz woanders weitere Kreise ziehen wird.

Linklaters Geniestreich eines Kammerspiels schreit nach einer Academy Award Trophäe für einen vielgestaltigen Schauspiel-Kapazunders wie Hawke längst einer ist. Mit dieser Rolle übertrumpft er alles, was er bisher geleistet hat. Und das ist nicht wenig.

Blue Moon (2025)

White Snail (2025)

FAST GESTORBEN IST NOCH AM LEBEN

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: ELSA KREMSER & LEVIN PETER

KAMERA: MIKHAIL KHURSEVICH

CAST: MARYA IMBRO, MIKHAIL SENKOV, OLGA REPTUKH, ANDREI SAUCHANKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Als Romanze würde ich den neuen Film des Traumpaares des österreichischen Films nicht bezeichnen. Romanze wäre zu banal, zu einfach. Was sich in White Snail entfaltet, sind nicht nur die empfindlichen Stielaugen weißer Landschnecken, die behutsam und zaghaft ins Ungewisse hinein einige Millimeter machen. Zwei Menschen, irgendwo am Rande der Gesellschaft und doch mittendrin, wissen auf jeweils unterschiedliche Weise, wie unnatürlich (oder natürlich) oft die eigene Existenz vom Tod begleitet wird. Man könnte fast meinen: unentwegt.

Francis Bacon der Pathologie

Denn Misha, der ist Pathologe in einem Krankenhaus in Minsk, obduziert das über den Jordan gewanderte belarussische Volk und wahrt dabei klinische Distanz, während er daheim auf unzähligen, teils auch riesenhaften Leinwänden all die Erfahrungen, die er täglich macht, und all die zerschnittenen und beschädigten Körper, denen er begegnet, auf seine Weise verewigt. Es sind Bilder, die unweigerlich an die Arbeiten von Francis Bacon erinnern, es sind surreale, traumhafte, poetische und zugleich grausame Bilder, fast schon sakral, das Imperfekte des menschlichen Körpers geradezu vervollkommnend. Gemalt hat diese Bilder Mikhail Senkov. Schauspieler ist der Mann keiner, agiert vor der Kamera dafür aber umso besser. Vielleicht, weil er die eigen Biografie mit in den Charakter bringen kann, ganz so wie seine Filmpartnerin, Marya Imbro, eine faszinierende Persönlichkeit, weiße Haut, weißblondes Haar, intensiver Blick. Marya spielt Masha, eine Modelschülerin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als aus Belarus rauszukommen. Ihr Vater sitzt bereits in Polen und tut alles, damit Frau und Kind nachkommen können. Derweil jedoch hadert Masha mit etwas sehr Dunklem in ihrer Seele, was sie nach einem Suizidversuch ins Krankenhaus bringt – an jenen Ort, an dem sich Misha und Masha zum ersten Mal begegnen, oder besser gesagt: Masha sieht Misha, wie er mit den Toten hantiert. Und der Tod scheint sie zu faszinieren. Sie will wissen, was Misha mit den Leichen anstellt – und klopft eines späten Abends an die Tür der Pathologie.

Durch den Tod verbunden

Das Traumpaar, das sind nicht nur Misha und Masha, sondern Elsa Kremser und Levin Peter, bislang bekannt geworden durch recht spezifische Dokumentarfilme, die sich mit den Schicksalen russischer Hunde beschäftigen: Ihr Debütfilm trägt den Titel Space Dogs, fünf Jahre später folgt Dreaming Dogs. Ihr Wechsel in den fiktionalen Film hätte kaum besser funktionieren können. Mit einem Gespür für innere Zustände, nicht zynischer, aber trotziger Lakonie und einem immanenten Gefühl, andauernd auf der Suche zu sein nach etwas bestimmbar Unbestimmten, bringen Kremser und Peter zwei mit dem Tod Verwandte und Verliebte einander näher, ohne sie aufeinander zuzustoßen. Langsam, wie zwei Schnecken, kriechen sie umeinander herum, beobachten sich, ertasten sich. Ein herbstdunkles Psychogramm ist White Snail geworden, das in seiner leisen Metaphysik an Krzysztof Kieślowski erinnert, im Umgang mit dem transzendent Natürlichen und Mythischen spricht White Snail eine Sprache, die auch Ildikó Enyedi (Körper und Seele) spricht, zwischen nackter, harter Physis und dem Rätselhaften jenseits des Urbanen, Profanen, Erschlossenen.

Nicht als Anti, aber als Fast-Romanze lässt sich die Begegnung der beiden dann doch betrachten. Ein klassisches Annähern ist das natürlich nicht, umso interessanter, extravaganter und ungewöhnlicher erscheint hier die Möglichkeit, einander viel zu geben, ohne sich für die Zukunft zu irgendetwas bekennen zu müssen.

White Snail (2025)

22 Bahnen (2025)

DIE ZUVERSICHT LIEGT IM SAFE SPACE

7/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: MIA MAARIEL MEYER

DREHBUCH: ELENA HELL, CAROLINE WAHL

KAMERA: TIM KUHN

CAST: LUNA WEDLER, ZOË BAIER, LAURA TONKE, JANNIS NIEWÖHNER, SABRINA SCHIEDER, LUIS PINTSCH, ERCAN KARACAYLI, BERKE CETIN, EDITH KONRATH U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Der deutsche Film kann mit Genrekino nur bedingt etwas anfangen. Ausreißer gibt es immer, natürlich, doch meist ist es die lebensweise Tragikomödie mit viel Problemewälzen und dem Suchen nach einem Sinn im Leben. Die Schicksalsschläge sind meist erschütternd, es bleibt keine Auge trocken. Bestes Beispiel aus der jüngsten Filmgeschichte: Zikaden von Ina Weisse. Nina Hoss und Saskia Rosendahl übertrumpfen sich dabei gegenseitig, wer hier nicht das schwerere Los gezogen hat. Beide zusammen nehmen die gesamte bedrückende Schwere des deutschen Gegenwartkinos mit sich, auch wenn die Sommersonne hell vom Himmel brennt. Zu viel der Bedeutung, zuviel der Lebensberatung, zu nah an der Realität. Aber schön, dass die Deutsche Filmförderung gerade bei solchen Filmen ordentlich Budget springen lässt, andererseits lässt sich der Hang zum ewig ähnlichen Betroffenheitskino gar nicht erklären.

Mit geordneten Bahnen gegen das Chaos

Wie gerufen kommt da natürlich Caroline Wahl und ihr geschmeidiger Sozialrealismus, der sich mit Sicherheit ausgesucht und gleichermaßen gefällig liest. Bestseller sind das, die funktionieren auf der Leinwand natürlich genauso, ganz besonders mit Publikumslieblingen, die erst vor Kurzem schon auf der Leinwand zu sehen waren, um gelernte Gesichter nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Eines muss ich dabei zugeben: Luna Wedler ist ein Gesicht, das vergisst man ohnehin nicht, auch wenn sie im Kino länger abstinent war, was letztlich nicht der Fall ist. Letztes Jahr noch im Marianengraben unterwegs, wird ihr das nasse Element schon noch vertraut sein, wenn diesjährig alles in geordneten Bahnen laufen soll. Es sind dieser nämlich 22, die ihre Filmfigur Tilda wenn möglich täglich schwimmen möchte – im sommerlichen Freibad, zu einer Uhrzeit, zu welcher noch nicht die halbe Schule das Planschen zelebriert, denn schließlich stehen die Ferien an, was dazu führt, das die um einiges jüngere Schwester Ida deutlich viel mehr Zeit im Dunstkreis der ewig besoffenen Mutter verbringen muss. Diese ist schließlich wie einst Harald Juhnke schwere Alkoholikerin, was sie selbst natürlich nicht so sieht. Männer wechselt sie wie Unterwäschen, die mütterliche Aufsicht wird tunlichst ignoriert und wenn es mal soweit kommt, und Mama schürt das Feuer am Dach, folgt das Entschuldigungsfrühstück auf dem Fuß. Tilda und Ida glauben längst nicht mehr dran, dass die Erwachsene in ihrem Haus noch irgendwann die Kurve kriegt. Also müssen sie sich zusammentun, sind gemeinsam das Ganze, und jede die Hälfte. Schöne Worte, die man gleich zu Beginn des Filmes hört. Und man folgt den Gedankengängen von Luna Wedler noch weiter, was beruhigend wirkt, einnehmend und sympathisch.

Das Problem dominiert nicht die Person

Sicherlich packt Regisseurin Mia Maariel Meyer auch hier eine ganze Bandbreite an Problemen aus, von Trauer und Verlust über Alkoholismus bis zum Fall für die Jugendfürsorge. Ganz schön belastend all das, und in Wahrheit will diese schweren Umstände niemand wirklich sehen, sind sie doch zu real, allgegenwärtig und alles andere als eskapistisch. Die andere Seite ist allerdings: Wahls Roman hat zwar all diese Schwierigkeiten zu bewältigen, beschäftigt sich aber viel lieber um ganze Charakterstudien als um das Hinbiegen von Missständen und Traumata. Vergleichbar ist 22 Bahnen mit dem intensiven Psychodrama Wenn das Licht zerbricht von Rúnar Rúnarsson, in welchem eine junge Frau den Tod ihres geliebten Menschen auf ungewöhnliche Weise verarbeiten muss. Dort liegt der Reiz des Films in der psychologischen Betrachtung einer ganzen Persönlichkeit, die sich in der Bewältigung eines Schicksals festigt. Wunderschön daher auch die zart skizzierte Beziehung zwischen einer atemberaubend authentischen und unprätentiösen  Luna Wedler und Jannis Niewöhner.

Dass Wedler heuer in Venedig den Marcello Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsdarstellerin für Stille Freundin mitnehmen konnte, ist mehr als verdient, gilt der doch auch irgendwie stellvertretend für ihr bisheriges Schaffen. Nicht zu übersehen in dieser Selbstfindung, die vom Safe Space eines jeden Menschen erzählt und davon, Veantwortung zu reflektieren, ist Jungstar Zoë Baier. Alle vier, einschließlich Laura Tonke, schaffen stimmungsvolles Schauspielkino mit Sinn für Menschenkenntnis.

22 Bahnen (2025)

Was ist Liebe wert – Materialists (2025)

SO ROMANTISCH IST DER PARTNERHANDEL

6,5/10


© 2025 Sony Pictures


ORIGINALTITEL: MATERIALISTS

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CELINE SONG

KAMERA: SHABIER KIRCHNER

CAST: DAKOTA JOHNSON, CHRIS EVANS, PEDRO PASCAL, ZOE WINTERS, SAWYER SPIELBERG, DASHA NEKRASOVA, MARIN IRELAND, LOUISA JACOBSON, EDDIE CAHILL U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Man möchte meinen, man fände sich bei Was ist Liebe wert in einer gediegenen, hipp-biederen Dramödie von Albert Brooks oder Nancy Meyers wieder, wo frisch verliebte Babyboomer und deren Nachkommen in Verstrickungen verwickelt sind, die fast ausschließlich für den Valentinstag geeignet sind – oder dem eigenen Jahrestag, oder passend sind fürs weihnachtliche Abhängen vor dem Fernseher, wenn die Liebe bereits durch den Magen ging. Leicht vergisst man bei diesem Film hier, inszeniert und geschrieben von Celine Song, den eigentlichen Titel: Materialists – Materialisten, Kapitalisten, sehnsüchtige Follower des guten, reichen, bürgerlichen Jetset-Lebens, die gerne Jetset-Partner hätten, die das eitle Selbst servicieren. Wenig überraschend geht es dabei weniger um die inneren Werte. Natürlich, die müssen schließlich auch stimmen, doch wenn man im viktorianischen Zeitalter dem Wissenschaftler Viktor Frankenstein begegnet wäre und gewusst hätte, er könne Menschen basteln, hätten einige den Mann oder die Frau ihrer Träume bestellt. Als wäre es ein Universalversand für Menschen, sitzen bedürftige Singles einer wie aus dem Ei gepellten, bildschönen Businessfrau namens Dakota Johnson gegenüber, die in gelerntem Kundenverständnis den Ansprüchen materialistischer einsamer Seelen lauscht, die sich einerseits weltgewandt und andererseits gar nichts von der Welt verstehen und auch nicht, worauf es ankommt. Es ist, als wäre der Wunschpartner die Farbe in einem Musterkatalog, als wäre Johnson die Spezialistin für Inneneinrichtung, als könnte man in der erwünschten Zweisamkeit jeden Zufall ausschließen, je genauer die Parameter gesetzt werden.

Celine Song, die vor zwei Jahren mit ihrem introvertierten, leise melodisch klingenden Sehnsuchtsdrama Past Lives für Aufsehen gesorgt und damit garantiert hat, dass man die Filmemacherin so schnell nicht wieder vergisst, weiß auch auf indirektem Wege die gesellschaftlichen Irrungen im Zeitalter künstlicher Intelligenz nachzuzitieren. Es scheint, als wäre es möglich, einen Partner mithilfe eines Prompts entstehen zu lassen. Makellos und akkurat, das Mindeste für die Liebe. Derlei Ansprüche hat eben auch Dakota Johnson, die als Lucy Mason den Spuren von Marylin Monroe und Lauren Bacall folgt und sich nur dann Männer angelt, wenn sie Millionäre sind. Da hat ihr Ex John (in erfrischend chaotischer, liebevoller Grunge-Manier: Chris Evans) längst das Nachsehen. Pedro Pascal, Liebkind Hollywoods und womöglich dank seines unkomplizierten Teamspirits gefühlt in jeder Produktion dabei, hat das nicht. Der ist stinkreich, charmant bis in die Zehennägel und fast schon zu glatt, um wirklich authentisch zu sein. Je länger man aber diesem adretten Gentlemen bei der stilvollen Anmache zusieht, umso mehr glaubt man selbst daran, dass dieser Harry Castillo so ist, wie er ist. Eine, wie man später herausfinden wird, durchkomponierte Fassade des Selbstbetrugs.

So, Dakota, wer soll nun dein Herzblatt sein?, tönt Susi es aus dem Off wie damals in Rudi Carrell’s Herzblatt-Show. Inmitten peripheren Erwachens so mancher Partnersuchenden, die feststellen, sich allzu sehr auf die Oberfläche verlassen zu haben, kurven Johnson und ihre beiden Männer in wortgewandten, aber allzu enstressten Gesprächen über Wert und Unmöglichkeit von Zweisamkeit an romantischen Plattitüden vorbei. Die Eloquenz, der geistreiche Exkurs zum Zeitgeist, den sich Celine Song von der Seele geschrieben zu haben scheint, heben die augenscheinlich formelhafte, urbane Lovestory aus dem Morast ausgetretener Klischees, um im Hier und Jetzt anzudocken. Mitunter auch dort, wo toxische Männlichkeit gut getarnt die Partnerlosen beschenkt, wo Selbstinszenierung und Rollenbilder ihr Fett wegbekommen, dabei aber gleichzeitig neu erfunden werden.

Songs Wege gehen letztlich allesamt Richtung Herz, das hat sich im Genrekino wie diesem seit Jahrzehnten nicht verändert. Den Willen, im Kino zu sehen, wie andere das Richtige tun, können Filmemacher nicht ignorieren, wohl aber die Art und Weise, wie man ihn erfüllt.

Was ist Liebe wert – Materialists (2025)

Black Tea (2024)

TRÖPFCHEN VON HEISSEM TEE

5/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, MAURETANIEN, LUXEMBURG, TAIWAN, ELFENBEINKÜSTE 2024

REGIE: ABDERRAHMANE SISSAKO

DREHBUCH: ABDERRAHMANE SISSAKO, KESSEN FATOUMATA TALL

KAMERA: AYMERICK PILARSKI

CAST: NINA MÉLO, CHANG HAN, WU KE-XI, MICHAEL CHANG, PEI-JEN YU, WEI HUANG, EMERY GAHURANYI, ISABELLE KABANO, MARIE ODO, FRANCK PYCARDHY U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Die Wurzeln der Heimat sind lang – und überbrücken dabei die Meere, um an anderen Kontinenten wieder neu auszutreiben. In der Fremde kann sich so manche Migrantin oder so mancher Migrant doch noch wie zuhause fühlen, wenn sie oder er auf Menschen selber Herkunft trifft. Es bilden sich Interessengruppen, Verbindungen, Vereine – alles mögliche. Man läuft sich über den Weg oder trifft sich gezielt an Orten, die ganz und gar der Community gehören. Auf diese Art und Weise versucht Aya (Nina Mélo), eine junge Afrikanerin von der Elfenbeinküste, die ihre eigene Hochzeit gecrasht hat, das neue Leben in der chinesischen Diaspora so tröstend wie möglich zu gestalten. Dazu gehört auch, eine Leidenschaft für die Kultur des Teetrinkens zu entwickeln – zwangsläufig, wie es scheint, denn ihre Arbeit in einem kleinen Spezialgeschäft für Teesorten erfordert auch die notwendige Liebe zu getrockneten Blättern und Blüten. Dabei fühlt sie sich zum Eigentümer dieses Geschäfts, einem Chinesen namens Cai, irgendwie hingezogen. Eine Beziehung, eine Leidenschaft, eine Liebe – das lässt sich alles nicht wirklich so benennen. Abderrahmane Sissako, der mit dem düster-tragischen Wüstendrama Timbuktu 2014 für Aufsehen in der Filmwelt gesorgt hat, lässt nicht nur seinen zentralen Charakter, eben Aya, in einer mehrdeutigen Gefühlswelt vor sich her sieden wie Teewasser kurz vor dem Aufkochen. Auch all die anderen Gestalten in dieser Einkaufsstraße in Guangzhou sind von einer Unschlüssigkeit eingenommen, die sie auf der Stelle treten lassen. Sissako hat dabei auch nicht vor, eine konkrete Handlung zu verfolgen, welche die vielen angerissenen Einzelschicksale und charakterlichen Skizzen miteinander irgendwann verknüpft. Viel tut sich nicht in Black Tea, und wenn, dann immer nur ein bisschen. So, als käme später noch mehr.

Schon ziemlich lange zieht der Tee

Der Stillstand erfolgt durch eine innere Zerrissenheit, die sich aus Fehlern in der Vergangenheit und einer Zukunft zusammensetzt, der sich manche aufgrund dieses unerledigten früheren Lebens nicht ganz hingeben wollen. Dieses neue Leben irgendwo anders oder mit irgend jemand anderem, es scheint wie eine Reinkarnation nach einem Tod, dessen vorangegangene Existenz niemals zum Abschluss kam. Black Tea ist eine stille, enorm entschleunigte Metapher auf Klärung, Loslassen und Neuanfang, nicht nur für Migranten, doch vor allem für jene, die ihr Schicksal auf mehrere Länder aufgeteilt wissen. Der Spagat zwischen diesen mag für manche schmerzlich sein.

In Filmform gerät der Exkurs zu einer kontemplativen (Über-)Belastungsprobe zum Thema Langsamkeit. Visuell weiß Sissako vor allem Nina Mélo formschön und geschmackvoll einzukleiden – manche Szenen erinnern dabei an Wong Kar Wais In the Mood for Love. Auch, wenn Chang Han als Tee-Experte Cai durch die Gasse irrt und mit der Vergangenem hadert. Interessant dabei das Spiel mit der Tiefenschärfe und kunstvoll vorgelagerten Unschärfen, vieles wirkt wie im Traum, und dann wieder auffallend nüchtern wie Alltagsszenen nun mal sind. Warum Sissako dabei seine Zeit mit zahlreichen Nebensträngen vergeudet, die für den Fortgang der Geschichte keinen Sinn ergeben, sondern nur eine Collage erschaffen, mag ein Rätsel bleiben. Auch jede Menge Andeutungen zu Rassismus, Vorurteilen und Einsamkeit ergeben zusammengenommen vieles, aber nichts Eindeutiges. Als Sammelsurium sämtlicher Eindrücke und beliebiger Beobachtungen, exquisit und geschmackvoll in Szene gesetzt wie so manche Teezeremonie, von der man glauben möchte, diese Schüttspielchen mit Wasser können nicht ganz ernstgemeint sein, hat Black Tea aber niemals den Mut, eines seiner Themen zu konkretisieren. Aya scheint da nur mittendrin zu sein in dieser Zerrissenheit, in dieser kleinteiligen Langeweile, die vieles und gleichzeitig nichts erzählt. Und von Liebe eigentlich gar nichts weiß.

Black Tea (2024)

U Are the Universe (2024)

DAS LETZTE DATE DER MENSCHHEIT

8/10


© 2025 Drop Out Cinema


ORIGINALTITEL: TI-KOSMOS

LAND / JAHR: UKRAINE, BELGIEN 2024

REGIE / DREHBUCH: PAVLO OSTRIKOV

CAST: VOLODYMYR KRAVCHUK, ALEXIA DEPICKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Nein, man verhört sich dabei nicht, wenn der Film in manchen Szenen seine Hommage an einen ganz großen, wenn nicht den größten Klassiker der Science-Fiction erhobenen Armes vor sich herträgt: Die Klänge von Also sprach Zarathustra erklingen nicht im eigenen Kopf, sondern tatsächlich – während einer ausgesucht augenzwinkernden Weltraumszene, die sich angesichts des Endes der Menschheit eines Humors bedient, der so heilend wirkt wie der Trost eines guten Freundes. Dabei wären wir, das eingeschworene Publikum des Slash ½-Festivals, fast gar nicht in den Genuss dieser Szene gekommen. U Are the Universe war noch nicht ganz fertiggestellt, als Russland über die Ukraine herfiel. Und dennoch, trotzdem sich seit damals das Land im Kriegszustand befindet und einige aus der Filmcrew an die Front mussten, vollbrachte der Filmemacher Pavlo Ostrikov das Unmögliche. Das Ergebnis ist ein handwerklich ausgefeilter, top ausgestatteter Weltraumfilm, der höher budgetierten Genrefilmen um nichts nachsteht, und der gleichermaßen eine Geschichte erzählt, die so viel Sehnsucht und Empfindung in sich trägt, dass niemals zum Pathos wird, was der einsame Kosmonaut auf dem Weg zum Jupiter alles durchmachen muss.

Diese Odyssee, die sich tief vor Stanley Kubricks 2001 verbeugt und sich Klassikern wie Lautlos im Weltraum, Dark Star oder Moon freundschaftlich anschließt, setzt sich erst nach einem im wahrsten Sinne des Wortes vernichtenden Paukenschlag in Gang. Kein geringerer Himmelskörper als die Erde setzt Ostrikov auf die Abschussliste. Wie eiternde Pusteln entzünden sich brennende Herde auf der Erdoberfläche, ein vernichtendes Feuer breitet sich aus, und dann der große Knall. Andriy Melnyk, einziges Personal auf einem Atommülltransporter in Richtung des Jupitermonds Callisto, dürfte nun, wenn man eins und eins zusammenrechnet, der letzte Mensch des gesamten bekannten Universums sein. Wie fühlt sich das an? Erstmal gar nicht, denn so ein Ereignis muss ein menschlicher Geist erst einmal akzeptieren. Zum Glück muss Andriy nicht alleine mit diesen neuen Parametern klarkommen – eine künstliche Intelligenz namens Maxim, ein klobiger Roboter mit Greifarm und Bordcomputer des Schiffes (HAL 2000 lässt grüßen) versucht, genug Empathie zu simulieren, um den Trost eines guten Freundes zu spenden. Während des Manövers, den rasend heranfliegenden Trümmern der Erde auszuweichen, bekommt Melnyk tatsächlich nochmal Post – von Catherine, die in einem Forschungsraumschiff nahe des Saturns festhängt. Auch wenn die beiden Planeten beim Aufzählen des Sonnensystems nebeneinanderliegen – der Weg von Jupiter zu Saturn ist weit, die Funkübertragung sehr lang, so geht der Dialog eher schleppend vor sich. Im Grunde aber ist es das narrative Prinzip romantischer Filme wie Schlaflos in Seattle, die wiederum die antike Sehnsucht nach Zweisamkeit zwar nicht auf so ein dramatisches Level hochschrauben wie bei Orpheus oder Odysseus, dafür aber den alltäglichen Gebrauch davon abbilden. In U Are the Universe geht es dramatisch genug einher, ohne aber das Drama aufzubauschen.

Jene, die Kinoromantik eher skeptisch gegenüberstehen, seien aber entwarnt. Dieser entschleunigte und gleichsam beschleunigende Solo-Trip in die Ewigkeit eruiert zwar das Grundbedürfnis des Menschen, seiner Einsamkeit zu entgehen, füttert den Plot aber mit geschickt platzierten Wendungen, die den geradlinigen Trip durchs Dunkel zumindest im Kopf mäandern lassen. Mit viel Mut zur Stille, zur Reduktion und zu einer Ironie, die angesichts einer Endzeit so rettend wie wohltuend erscheint, verlässt sich Ostrikov im sicheren Vertrauen auf seinen Hauptdarsteller, der wahrscheinlich nur rein zufällig dem leidgeprüften Präsidenten Selenskyj ein bisschen ähnlich sieht. Fast könnte man in manchen Szenen meinen, er selbst wäre isoliert von allem, stets unterwegs, ein Ziel zu finden, dass nicht mehr sein kann als ein schicksalsentscheidendes Blind Date, weil es das letzte ist, das die Menschheit jemals eingehen wird.

Europäisches Kino wie dieses, das obendrein atemberaubende Bilder liefert und sich in stilsicherem Setting wie daheim fühlt, wagt auch die geschwungenen Drehbuchzeilen einer tief empfundenen, tragisch-schönen Poesie, die sich das US-Kino wohl kaum getraut hätte und wenn doch, auf der eigenen Seife ausgerutscht wäre. Bei U Are the Universe ist es das aufrichtige Statement eines Versprechens, einer Vision, geformt mit Lehm, als Botschaft gegen den technologischen Fortschritt, die besagt, dass man nur mit den eigenen Händen wirklich begreifen kann, worauf es ankommt. Nach all der Technik, den Errungenschaften, der Dystopie, bleibt am Ende immer und irgendwo der Mensch, im Kreis des Leonardo Da Vinci, allein und sich selbst einem uneigennützigen Zweck empfehlend.

U Are the Universe (2024)

Beating Hearts (2024)

LA BOUM ALS SOZIALKRIMI

4/10


© 2024 Studiocanal / Cédric Bertrand


ORIGINALTITEL: L’AMOUR OUF

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2024

REGIE: GILLES LELLOUCHE

DREHBUCH: AUDREY DIWAN, AHMED HAMIDI, JULIEN LAMBROSCHINI, GILLES LELLOUCHE

CAST: FRANÇOIS CIVIL, ADÈLE EXARCHOPOULOS, MALORY WANECQUE, MALIK FRIKAH, ALAIN CHABAT, BENOÎT POELVOORDE, VINCENT LACOSTE, JEAN-PASCAL ZADI, ÉLODIE BOUCHEZ, KARIM LEKLOU U. A. 

LÄNGE: 2 STD 46 MIN


Sie sind jung, sie sind verliebt. Am Anfang dieser angeblich wilden Love-Story scheint sich tatsächlich etwas Welt- und Herzbewegendes abzuspielen. Die junge Mallory Wanecque, die, um es gleich vorwegzunehmen, Adèle Exarchopoulos in pflichterfüllender Routine zurücklässt, spielt die blutjunge, resolute Jackie – nicht auf den Mund gefallen, schlagfertig und selbstbewusst. Doch wo die Liebe hinfällt, wird auch ein Charakter wie dieser weich. Kein Wunder, wenn man Malik Frikah als Taugenichts Clotaire in die Augen sieht. Dieser verführerische Blick, dieses ebenfalls lose Mundwerk, und diese Frechheit, jemanden wie Jackie herauszufordern. Da tut sich einiges in der Welt der französischen, zuckersüßen, aber nicht ganz abgehobenen Romanze. Hier sind Liebe, Interesse und Zuneigung im Spiel. Was sich aber liebt, neckt sich zuerst. Und würde man dazu noch Richard Sandersons Reality hören, würde man sich in einem späten Aufguss des La Boum-Wahnsinns aus den Achtzigern wähnen. Der jungen Sophie Marceau hätte die Rolle der Jackie übrigens gut gestanden, als Love Interest habe ich Alexander Sterling aus dem Teenie-Schmuse-Original gerade nicht im Kopf. Vielleicht hätte es ein junger Vincent Cassel getan, wer weiß. Doch Frikah gibt den anarchischen Wilden mit dem Herzen am rechten Fleck überaus charismatisch.

Es bahnt sich also einiges an, und statt Reality tönt The Cure in den Kinosaal, während sich die jungen Verliebten in reminiszierender Flashdance-Optik körperbetonten Ausdruckstanz zelebrieren. Es könnte sein, dass Schauspieler und Regisseur Gilles Lellouche (u. a. Ein Becken voller Männer) aus der knospenden Schicksalsabhängigkeit einen wildromantischen Wild at Heart-Reigen hinlegt, nur ohne David Lynch-Vibes, dafür viel mehr in Richtung Oliver Stone. Doch nichts davon passiert. Clotaire, der draufgängerische Junge, unsterblich verknallt, liebt das krumme Business aber noch mehr. Dort trifft er auf Benoît Poelvoorde als plakativem Gangsterboss-Verschnitt, der warum auch immer an dem Hitzkopf einen Narren frisst, und zwar so lange, bis er ihn verrät und ins Gefängnis bringt. Jackie, aus gutem Hause und Halbwaise, die aber stets gelehrt bekam, welche Werte wie und wo ihren Platz haben, scheint rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, um aus großer Liebe nichts Dummes zu tun. Das Dumme ist aber genau das, was wir sehen wollen. Das Dumme ist Symptom einer Leidenschaft und Liebe, die, wie bei Shakespeare, alle Grenzen sprengt. Bei Beating Hearts bleiben die Grenzen aber gesteckt. Ungefähr nach dem ersten Drittel des Films geht jeder seiner Wege, die Liebe scheint erloschen oder in einer Stasis konserviert. Lellouche verliert seinen Film, warum auch immer. Wo ist sie hin, diese zärtliche Verschwörung auf Lebenszeit? Nach sämtlichem Romantikkitsch vor unter- oder aufgehender Sonne, nach der ersten Liebe in den Gräsern französischer Küstenlandschaften. Nach pochenden Herzen und melodramatischem Herzgeflüster wird diese Everlasting Love zum krächzenden Stimmchen, zur pragmatischen Wende hin zu Schicksalen, die sich untereinander nichts mehr zu sagen haben.

13 Cesar-Nominierungen hat Beating Hearts erhalten – ein Tophit in Frankreich. Einer dieser Preise wird wohl für die satte Überlänge eingeplant worden sein. Mit 164 Minuten strapaziert der Film nicht nur die nostalgischen Erinnerungen an La Boum und an die eigene Liebe. Der Leerlauf in der zweiten Hälfte ist unüberbrückbar, die Metaebene der Emotionen wird zur Behauptung, die Adèle Exarchopoulos und François Civil zwar aufstellen, aber nicht spüren. War da jemals was? Ist da immer noch was? Beide vermitteln dem Publikum keine Überzeugung. Das umständliche Skript, das den Mythos vom Verlieren und Wiederfinden einfangen will und an welchem wiedermal mehrere Leute herumgewerkelt haben (was, wie schon öfters von mir erwähnt, kein gutes Zeichen sein kann), verliert sich in einer To-do-Liste bewährter Versatzstücke aus dem Romantik- und Thrillergenre. Die Bilder mögen für sich sprechen und manchmal wirklich betören – die Liebe selbst tut das nicht.

Beating Hearts (2024)

Love Hurts – Liebe tut weh (2025)

HICKHACK AM VALENTINSTAG

5/10


© 2025 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JONATHAN EUSEBIO

DREHBUCH: MATTHEW MURRAY, JOSH STODDARD, LUKE PASSMORE

CAST: KE HUY QUAN, ARIANA DEBOSE, SEAN ASTIN, DANIEL WU, MUSTAFA SHAKIR, LIO TIPTON, CAM GIGANDET, MARSHAWN LYNCH U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Das hätte er wohl selbst nie gedacht, einmal dort zu stehen, wo das übrige Hollywood ihm zu Füßen liegt. In den heiligen Show-Hallen der Oscar-Verleihung, eine kiloschwere Goldstatuette fest in den Händen haltend, während er womöglich Steven Spielberg eine Kusshand sendet – denn der hat den damaligen Dreikäsehoch für sein zweites Indy-Abenteuer Indiana Jones und der Tempel des Todes schließlich auch entdeckt. Als Shortround oder Shorty, wie sich der motivierte Knabe in der deutschsprachigen Synchro rufen lässt, unterstützt er Harrison Ford im Kampf gegen eine finstere hinduistische Sekte und sichert sich damit für ewig seinen Platz in der Popkultur. Dass sich einer dann so lange in der Branche halten kann, ohne regelmäßige Leinwandpräsenz zu absolvieren, muss ebenfalls gekonnt sein. Schön im Hintergrund hat Ke Huy Quan agiert, und zwar so lange, bis die beiden Daniels – Kwan und Scheinert – mit ihrem Multiversum-Wahnsinn Everything Everywhere All at Once den schmalschultrigen, zarten Amerikaner vietnamesischer Herkunft den Himmel auf Erden bescheren. Von da an ist Quan immer wieder mal zu sehen, in Marvel-Serien genauso wie zuletzt in der Stalenhåg-Verfilmung The Electric State. Doch abgesehen von Nebenrollen – gibt’s da sonst noch was? In der Tat, das gibt es, und zwar relativ brandneu: Love Hurts. Mit diesem Star-Vehikel, wenn ich es mal so nennen darf, etabliert der Oscarpreisträger mit der Brille seine Tauglichkeit als Zugpferd für einen ganzen Film. Wem er dabei ähnlich sieht? Dreimal dürft ihr raten.

Während sich schließlich das Energiebündel namens Jackie Chan dem Karate Kid-Franchise die Handkante gibt, kann dieser auch nicht überall zur gleichen Zeit Filme machen, die ihm rollentechnisch wie angegossen passen würden, für die der mittlerweile Siebzigjährige vielleicht aber auch schon mehr Verschnaufpausen benötigt als bisher. Ersetzen könnte ihn dabei Ke Huy Quan, dieser teilt in Love Hurts ordentlich aus und gibt den Flummy mit versteckter Vergangenheit. Anfangs jedoch lässt beim Anblick dieses biederen, braven Grundstücksmakler nichts darauf schließen, dass dieser weiß, wie man austeilt. Das ruhige Leben ist zwar langweilig, aber geordnet. Diese Ordnung weicht bald einer gewissen Unterwelt-Anarchie, als ganz plötzlich Marvins Ex-Kollegin Rose (Adriana deBose) aufkreuzt und den pensionierten Auftragskiller darum bittet, sie bei ihrem Racheplan gegen ihren ehemaligen Gangsterboss, der zufällig Marvins Bruder ist, zu unterstützen. Rose sollte eigentlich gar nicht mehr am Leben sein, doch Marvin, der sie damals auf der Abschussliste hatte, musste aus Liebe zu ihr ein Auge zudrücken.

Man sieht schon: der angerissene Plot oder sagen wir die Ausgangssituation der kleinen, knappen Actionkomödie erzählt wahrlich nichts Neues. Ex-Killer und Kampf-Virtuosen, die sich ihrer Vergangenheit stellen müssen, gibt es wie Sand am Meer, diese Filme lassen sich sowieso kaum mehr voneinander unterscheiden. Es ist ein austauschbares Subgenre geworden, in welchem schon seit geraumer Zeit kein Skriptschreiber oder Regisseur es wagt, die Perspektive zu wechseln oder gar Genre-Versatzstücke auszutauschen. Und wenn, dann ist da irgendwie der Wurm drin und will nicht so recht funktionieren – für die letztlich schale Story von Love Hurts mussten gleich drei Schreiberlinge Hand anlegen. Kein gutes Zeichen.

Dass Ke Huy Quan auf Adriana DeBose abfährt und umgekehrt, kann Regisseur Jonathan Eusebio nicht plausibel darstellen, dass ersterer aber anderen Mordskerlen zeigt, wo die Kampfakrobatik zuhause ist, allerdings schon. Da aber Love Hurts darauf ausgerichtet ist, im Wesentlichen eine schlagkräftige Romanze zu erzählen, deren Beweggründe eigentlich aber niemanden sonderlich interessieren oder noch während des Films in Erinnerung bleiben, fehlt hier die Substanz für so ziemlich alles. Ke Huy Quan aber freut sich, seinen ersten eigenen Film zu rocken. Die Glückseligkeit des Schauspielers motiviert ihn genug, das Beste aus dieser austauschbaren Dutzendware herauszuholen, die ihre Hoffnung vergeblich in schrägen Nebenrollen sucht. Dabei lässt sich wiedermal feststellen, dass Mustafa Shakir und Lio Tipton (u. a. The Big Bang Theory) das weitaus spannendere Duo gewesen wären, womit wir Quan wieder zur Nebenrolle degradieren müssten. Das aber würde ich ihm nicht antun wollen.

Love Hurts – Liebe tut weh (2025)

Mr. No Pain (2025)

DIE WANDELNDE SCHMERZTABLETTE

7/10


© 2025 Constantin Filmverleih


ORIGINALTITEL: NOVOCAINE

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: DAN BERK, ROBERT OLSEN

DREHBUCH: LARS JACOBSON

CAST: JACK QUAID, AMBER MIDTHUNDER, RAY NICHOLSON, MATT WALSH, JACOB BATALON, BETTY GABRIEL, DOMINIQUE MAHER, EVAN HENGST, CONRAD KEMP U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


So geht man den Weg zu nächsten Wurzelbehandlung in einer Entspanntheit, die fast schon an Todesmut grenzt: Jack Quaid, der junge Mann von nebenan, der als fixes Mitglied der Boys auch der einzige ist, der weder Superheldenserum geschluckt hat noch sonst mit gedrilltem Body dem psychopathischen Homelander das Wilde herunterräumt, hat als schmerzbefreiter Außenseiter nun die Chance, auf der großen Leinwand als eine andere Art Superheld zu reüssieren. Dieses Miss- oder Nichtempfinden von Schmerz, auch genannt Analgie, ist jedoch eine Angelegenheit, die bei Unachtsamkeit tödlich endet. Nicht umsonst schlürft Quaids Figur des Nathan Caine (man beachte das Wortspiel im Original: Novocaine) ausschließlich Shakes, jedenfalls keine feste Nahrung, da die Gefahr bestünde, er könnte sich in die Zunge beißen und dabei verbluten. Nathan ist durch sein besonderes Handicap einer, der sowieso zurückgezogen lebt und das Risiko wo es nur geht minimiert. Bis er auf Arbeitskollegin Sherry (Amber Midthunder, Prey) trifft. Zwischen beiden entspinnt sich eine Romanze, die abrupt endet, als Nathans Frau der Träume bei einem Bankraub als Geisel herhalten muss und entführt wird. Alle Gefahr in den Wind geschlagen, macht sich der sympathische Kerl auf in den Kampf, um Sherry zurückzuholen. Dieser Kampf, den wird Nathan nicht ohne Blessuren überstehen – dabei ist der Begriff viel zu untertrieben. Einer, der Schmerz empfindet, hat üblicherweise noch die Angst mit im Gepäck, selbigen zu erfahren. Nathan hat das nicht. Und gibt daher auf plausible Weise den zähen Berserker, der neben seinem eigenen Körper steht.

Man könnte meinen, Mr. No Pain wäre einer dieser Filme, in dem ein sogenannter Nobody völlig über sich selbst hinauswächst, sich dabei die besten Fight Skills antrainiert und den bösen Buben völlig unglaubwürdig die Gerechtigkeit reinwürgt. Die Filmemacher Dan Berk und Robert Olsen, die bislang mit versteckter Thrillerware die Filmwelt nur peripher bereichert haben, gehen mit sympathischem Nerd-Witz der Frage nach, woran es vielleicht liegen mag, das moralisch integre Protagonisten in Actionfilmen das Stehaufmännchen proben. Vielleicht ist es der fehlende Schmerz, der gleichzeitig auch die Angst nimmt, welchen empfinden zu müssen, wenn zum Beispiel das Messer im Handrücken steckt oder die Fingernägel die Flucht nach vorne ergreifen.

Selten war pure Gewalt so witzig, es ist, als würde man selbst im Kontext dieser völligen draufgängerischen Risikobereitschaft von Jack Quaid visuelle Gewalt auch anders empfinden, nämlich harmloser, gesellschaftsfähiger, irrealer. Mr. No Pain macht so einiges mit der eigenen Wahrnehmung, wenn der Zweck, den Gewalt schließlich herbeiführen soll, nicht erfüllt wird. Expliziten Darstellungen, die an die Physis unserer Filmfigur gehen, begegnet man deutlich gelassener, wobei man selbst das eine oder andere mal mit einem Grinsen im Gesicht aufjault. Das hat dann weniger etwas mit Abstumpfung zu tun sondern mit der im Film überstilisierten Toleranz von Schmerz.

Jack Quaid spürt also gar nichts, muss aber vorsichtig sein, nicht unbemerkt das Zeitliche zu segnen. Im Rahmen dieses Parcours, der den Körper des einnehmenden Schwiegersohn-Normalo so sehr zerstören wird, das er sich selbst nicht mehr aufrecht halten wird können, hält die Actionkomödie auch dramaturgisch, was sie verspricht. Ein Konstrukt, fast schon so wie aus den Achtzigern. Konventionell, aber straff erzählt, mit naivem Temperament. Nicht gerade tiefsinnig, dafür aber auf höchstem Niveau verletzungsgefährdend. Ein bisschen „Sympathy Pain“ ist dabei garantiert.

Mr. No Pain (2025)