Der Grinch

DAS FEST DER DIEBE

8/10

 

dergrinch© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: YARROW CHENEY, SCOTT MOSIER

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): BENEDICT CUMBERBATCH, RASHIDA JONES, ANGELA LANSBURY, PHARRELL WILLIAMS

STIMME DES GRINCH AUF DEUTSCH: OTTO WAALKES

 

Weihnachtsfilme gibt es viele. Und viele davon sind Klassiker, die sich jedes Jahr ihres Flimmerns über den hauseigenen Bildschirm sicher sein können. Kevin – Allein zu Haus zum Beispiel. Oder natürlich Hilfe, es weihnachtet sehr – alles anderes als ein besinnliches Fest. Demnächst könnte es sein, dass sich der neue und bislang beste Animationsfilm der Illumination Studios als zukünftiger weihnachtlicher Dauerbrenner etablieren könnte. Denn Der Grinch – ein kauziges Märchen nach einer Geschichte von Dr. Seuss – ist nicht nur tricktechnisch, sondern auch erzählerisch und überhaupt charakterlich ein echter Hit.

Jim Carrey war in der Realverfilmung aus dem Jahr 2000 natürlich auch ein Knüller – wem sonst hätte man den expressiven Mimiker im grünen Pelz auch zugetraut? Doch was die kreativen Köpfe Yarrow Cheney (Pets) und Scott Mosier für uns vorfreudige Familien hier vorbereitet haben, ist genau die richtige Mischung aus entrückter Fabelwelt und einer pointierten Charakterstudie, die den Weihnachtshasser als solchen behutsam hinterfragt. Denn der Grinch, der einzige grün gepelzte Who im ganzen sogenannten Land, ist keine bösartige, egozentrische oder schadenfrohe Kreatur, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Sondern schlicht und ergreifend ein Außenseiter, dessen prädestiniertes Unglücklichsein auf einer lieblosen Kindheit beruht. Sein gekränkter Stolz lässt ihn einen neiderfüllten Plan schmieden, der den Diebstahl von Weihnachten zur Folge hat. Das klingt nach monströsem Unterfangen, doch der geniale Erfindergeist im grün geärgerten Köpfchen wird es wohl möglich machen. Und ihn letzten Endes mit einer Tatsache konfrontieren, die sein eigenes Denken und Handeln lawinengleich erschüttern lässt. Und vielleicht auch den Weihnachtshandel, der urplötzlich entbehrlich wird.

Allein, wie die Macher des Grinchs die Figur angelegt haben, ist ein Musterbeispiel dafür, wie die Entwicklung eines Charakters gelingen kann. Das gleichzeitig dickliche, birnenförmige, aber auch schlaksige Äußere, der hinterlistige und zugleich sehnsüchtige Blick. Das hämische Grinsen und das beleidigte Schmollen. Dass die Regisseure gleichzeitig Designer sind und hier ordentlich mitreden konnten, ist in jeder Bewegung des Grinchs erkennbar. Hier hinter die Kulissen der Produktion zu blicken und herauszufinden, wie viele Skizzen für jede Mimik wohl notwendig gewesen waren, wäre lohnenswert. Und nicht nur die bildliche Charakterisierung, auch der Ton macht die gute Musik. Im Original verleiht das sonore Organ Benedict Cumberbatchs dem traurigen Dieb seine Stimme – in der deutschen Synchro ist es niemand geringerer als Otto Waalkes, der die sprachlichen Attitüden eines Sid aus Ace Age tunlichst außen vorlässt und für seine Figur einen ganz anderen Tonus findet. Nämlich einen viel weniger blödelnden, sondern nuancierten. Vom gackernden Gekicher – und das nicht zu viel – bis zu seufzender Sanftmut. Sein Hündchen Max, das scheint er ja als einzigen ins viel zu kleine Herz geschlossen zu haben. Und wenn dann das walzenförmige Rentier unter dem Berge einzieht, gelingen dem Film zwerchfellerschütternde Momente köstlicher Situationskomik.

Wie die Kekse zur Weihnachtszeit, so ist auch dieser Weihnachtsfilm mit Liebe gemacht. Und befindet sich auf Augenhöhe mit den dramaturgischen Qualitäten einer Pixar-Produktion. Weder zielt Der Grinch darauf ab, einen Kalauer nach dem anderen wie blinkende Lichterketten auf das altersdurchmischte Publikum loszulassen, noch verliert er sich, wie man es aufgrund von Werken wie Ich- Einfach unverbesserlich vielleicht vermuten würde, in chaotischem Stakkato quirlig-hysterischer Action. Das würde auch zu dieser psychosozialen Erzählung über Nächstenliebe gar nicht passen. Viel schlägt Der Grinch besinnlichere Töne an, nimmt sich manchmal gar zurück. Gezielt überzeichnet, das natürlich. Wobei szenenweise das Gefühl aufkommt, das selbst Tim Burton, inspiriert von Nightmare before Christmas, sein visuell bizarres Händchen mit im Spiel gehabt zu haben scheint. Whoville selbst ist ein Schwibbogen in der dritten Dimension, gemixt mit Lebküchenhäusern zum Quadrat, darunter alle Weihnachtsmärkte dieser Welt, vom Polarkreis bis ans Mittelmeer. Das minutiös möblierte Grinch-Cave mit all seinem fantasievollen Interieur ein geschmackvoll-absurder Antiquitätenladen. Diese knapp 90minütige Komposition aus Charakterkomödie, Bilderbuch und Winterzirkus beschert Kleinkind wie Opa sein eigenes Päckchen an augenzwinkernder Unterhaltung, die stets die Balance hält und einfach ein herzerwärmendes Gleichnis erzählt. Eines, das selbst das eigene Herz zumindest für einen Moment fast unmerklich, aber doch, größer werden lässt.

Der Grinch

Das krumme Haus

DIE SIPPE AN DER KIPPE

7/10

 

krummehaus© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: GILLES PAQUET-BRENNER

CAST: MAX IRONS, GLENN CLOSE, TERENCE STAMP, STEFANIE MARTINI, CHRISTINA HENDRICKS, GILLIAN ANDERSON U. A.

 

Der König ist tot, lang lebe der König – oder zumindest das, was von ihm übrig blieb. Und das sind meist materielle Dinge, ein schier unendliches Vermögen in bar oder ganze Immobilien. Ist man klug, huldigt man dem Obersten schon Zeit seines Lebens aus diesem einem Zweck, nämlich ordentlich etwas abzustauben, wenn es soweit ist, das Zeitliche zu segnen. Das nennt sich Erbschleicherei, und manche können das wirklich gut. So wie diese liebe Familie in Agatha Christie´s zu Unrecht eher weniger bekanntem Roman, die schon so etwas wie eine Monarchie im Kleinformat vertritt. Über allem ein Patriarch, der die Strippen zieht und alle Untertanen kaum merkbar manipuliert. Diese Untertanen, die bewohnen das sogenannte krumme Haus – ein Anwesen, dafür würden Papapsychologen aus aller Welt an die alten Pforten klopfen. Das es in diesem schlossähnlichen Gemäuer nicht spukt, ist fast eine vertane Chance. Unheilvoll ist es aber trotzdem, mit all seinen Türmchen, gotischen Bögen und verwinkelten Zimmern, dessen jeweiliges Interieur die Persönlichkeit des Nutzers widerspiegelt. Mal sonnendurchflutet, dann wieder staubig und dunkel. Diese psychovisuelle Begehung des herrschaftlichen Sitzes alleine macht Das krumme Haus zu einer indiskreten Aufwartung, wenn Privatdetektiv Charles Hayward auf Gesuch einer ehemaligen Liebschaft durch die uneigenen Räumlichkeiten schnüffelt, um nacheinander Bekanntschaft mit einer illustren Runde zusammengewürfelter Egomanen zu machen, die sich anmaßen, eine Familie zu sein. Da weiß man wieder, das Blut nicht unbedingt dicker als Wasser sein muß, und das Familie nicht ist, was es auszusuchen gibt. Die geniale Agatha Christie hat sich diese Momentaufnahme eines neidvoll-garstigen Nachbebens nach dem Ableben auch sicher nicht aus den Fingern gesogen. In vielen ihrer Romane sind es augenscheinliche Gemeinschaften, die im Endeffekt nichts gemeinsam haben, gemeinsam aber ausharren müssen, weswegen auch immer. Dieses Miteinander-auskommen-müssen ist die Lunte, die Christie stets sehr geschmackvoll entzündet – und dann brennt sie lichterloh – und niemand ist mehr imstande, das Who is Who richtig einzuschätzen. Falsche Fährten sind die Folge.

Das krumme Haus, behutsam und in keinem Moment übereilt inszeniert von Gilles Paquet-Brenner, ist ein Agatha Christie, wie er im Buche steht. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Psychokrimi lässt sich sicher noch genüsslicher lesen als er anzusehen ist, allerdings ist ein Kinobesuch nicht weniger lohnenswert, denn Brenner macht aus diesem klassischen Whodunit ein langsam überkochendes Kammerspiel voll eleganter Suspense, die mit unheilvoll misstönenden Geigenklängen unterlegt ist. Orientiert an zeitgenössischem Theater, setzt er zwischen den diversen Schlüsselszenen stimmungsvoll verschwiegene Intermezzi, die Gesagtes stark genug wirken lassen. Und die, die etwas zu sagen haben, zeigen sich schauspielerisch nicht weniger von ihrer besten Seite. Schön, auch wieder mal Glenn Close in einer formidablen Rolle als familienältersten Maulwurfschreck zu begegnen. Terence Stamp als knorriger Kommissar könnte den Marple-Krimis entsprungen sein, und sowieso halten sich alle anderen Rollen eines Mysterykrimis adäquat bedeckt. Alles zusammen ergibt einen atmosphärischen Krimispaß, der sich den Traditionen alter Agatha Christie-Verfilmungen hingibt. Das ist tadellos fotografiert und hält in geschickter Balance aus Stimmungen und emotionalen Störfällen, was es verspricht. So wie die ungezählte Wiederholung der Schnüffeleien einer Margareth Rutherford, die in muffigem Samstagnachmittags-Schwarzweiß das Böse hinter bürgerlichem Anstand hervorkehrt. Max Irons ist zwar nicht Miss Marple, aber dennoch ist sein Rätselraten um die wahren Umstände des familiären Thronraubs ein Spiel der Indizien in geschmackvollem wie angenehm unbequemem Ambiente.

Das krumme Haus

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

VOM KNOPF, DER NICHT AUFGEHEN WILL

4/10

 

jimknopf© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: DENNIS GANSEL

CAST: SOLOMON GORDON, HENNING BAUM, ANNETTE FRIER, CHRISTOPH MARIA HERBST, UWE OCHSENKNECHT U. A.

 

Die Welten, die Michael Ende Zeit seines Lebens schuf, sind schon höchst seltsam. Und je seltsamer, umso faszinierender. In Die unendliche Geschichte einzutauchen ist ein ganz eigenes, nicht unbedingt erbauliches, aber zumindest fast schon bewusstseinserweiterndes und höchst rätselhaftes Erlebnis. Klar, dass sich laut Michael Ende selbst Wolfgang Petersen an der Verfilmung des ersten Teils des Buches die Zähne ausgebissen hat. Gerecht, so Ende, ist er seinem Werk mit der Bebilderung von Fantasien nicht geworden. Aber was soll´s, mich hat Die unendliche Geschichte in den 80ern sehr bewegt. Werfe ich heute einen Blick auf die Kulissen der Babelsberg-Studios, hat das ganze Szenario ähnlich wie Der dunkle Kristall immer noch seinen analogen Reiz und ungelenken Charme. Den tricktechnisch verwöhnten Nachwuchs hat es jedenfalls immer noch fasziniert. Warum? Weil die epische Geschichte rund um Bastian, Fuchur und Atreju keine Allerweltsfantasy ist. Von dieser surrealen Phantasmagorie ist der Weg nicht allzu weit zu Michael Ende´s einsamer Insel, die mitten im Nirgendwo liegt: Lummerland. Dieses Twin Peaks für Kinder ist sogar noch um einiges eigenartiger. Eine enklavische Welt, in der fünf Personen so leben, als wären sie Teil einer größeren Gesellschaft. Lummerland ist ein Königreich mit Untertanen, die in ihrer Abgeschiedenheit so niemals überleben könnten. Wohin Herr Ärmel jeden Morgen geht, weiß man genauso wenig wie all die Telefonate, die König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte den lieben langen Tag führt. Und die Lokomotive Emma kann sich tagtäglich eines chronischen Passagiermangels erfreuen. Diese Welt, die muss Michael Ende irgendwann erträumt haben. Und es ist nicht unbedingt ein gemütlicher Traum. All diese merkwürdigen Figuren folgen der abstrakten Logik einer zeitlos-surrealen Traumsequenz, in der es keine Vergangenheit und keine Zukunft zu geben scheint. Wie Geister, die täglich das Gleiche tun. Der Waisenjunge Jim Knopf ist der Einzige, der irgendwie ein Ziel hat. Die Neugier nach seiner Herkunft führt ihn also weg von diesem spieluhrähnlichen Mikrokosmos des Irrealen, und zwar mitsamt Lokomotive Emma und Lukas, des Lokomotivführers. Auf schienenlosen Wegen geht´s in eine weitaus ergiebigere Welt jenseits des Horizont, auf der Suche nach einer gewissen Frau Malzahn, an die Jim Knopf von 13 völlig identen Piraten eigentlich verkauft hätte werden sollen.

Der deutsche Filmemacher Dennis Gansel (u. a. Die Welle, Napola) hat sich dieses eigenwilligen Märchens angenommen, wohl wissend, wie schwer es ist, Michael Ende adäquat auf die Leinwand zu bringen. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer mag ein ambitioniertes Stück hoch budgetiertes Eventkino sein, ist aber von einem inspirierenden Abenteuer so weit entfernt wie ein Rationalist von den unendlichen Weiten Fantasiens. Ende selbst wird wohl nicht mehr seinen Senf dazugeben können, umso mehr wundert es mich, dass die Odyssee des zugegeben trefflich gut gecasteten Jim Knopf und des brummigen Blaumannträgers Lukas gar so stockend vorwärtskommt, als wäre die Regie ein Abklopfen der Befindlichkeiten des Urhebers in einer Geschichte, mit der eigentlich niemand so richtig warm wird. Schon gar nicht Henning Baum, der zwar recht lässig seine Pfeife raucht, aber so wirkt, als müsste er für jede weitere Szene neu motiviert werden. Da kommt der kleine Solomon Gordon trotz seiner Spielfreude nicht wirklich an. Womöglich ist es die Arbeit vor dem Greenscreen, die diesem Film seine Geschmeidigkeit nimmt, obwohl manche Szenen an natürlichen Schauplätzen wie zum Beispiel in Südafrika gedreht wurden. Irgendwann – ich weiß nicht, ob das im Buch ähnlich beschrieben wird, denn ich habe Jim Knopf nur auszugsweise gelesen bzw. vorgelesen – mündet die Suche nach Jim´s Ursprung in einer Mischung aus Terry Gilliam´s Time Bandits und des kleinen Drachen Kokosnuss, was stilistisch nicht wirklich miteinander harmonieren will und auch nicht dazu beträgt, das holprige Ablesen der Textzeilen vor dem geistigen Auge ablenkend zu kaschieren.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ist der zaghafte Versuch, der schrägen Fantasie eines versponnenen Tagtraumes zu entsprechen und bleibt trotz aller tricktechnischen Raffinesse befremdliches Stückwerk, das nur in wenigen Momenten durch die glatte Oberfläche eines hastig durchgeblätterten Bilderbuchs dringt, das wie ein ungeliebtes Auftragswerk zu Ende gedreht sein will. Dass der Knopf dabei aufgehen soll ist ein Ding der Unmöglichkeit. obwohl bei Michael Ende doch eigentlich alles möglich scheint.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

Im Zweifel glücklich

WARS DAS?

7/10

 

BradsStatus#2052.ARW© 2018 Weltkino

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIKE WHITE

CAST: BEN STILLER, AUSTIN ABRAMS, JENNA FISCHER, MICHAEL SHEEN, LUKE WILSON U. A.

 

Da bedarf es schon eines ausgeprägten Fokus auf die eigene innere Mitte, wenn es darum geht, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Wenn dann noch die eigenen Schulkollegen mit deutlich mehr PS auf der Überholspur gen Erfolgshorizont des Lebens davonbrausen, ist der Selbstwert auf Kleinkindgröße dahingeschmolzen. Der Wettbewerb ist allgegenwärtig, vor allem in so selbstverliebten Zeiten wie diesen, wo Fleiß und Idealismus nur noch bedingt zu wünschenswerten Ergebnissen führen. Allerdings übersehen hierbei die gebeugten Häupter der vermeintlichen Loser sehr gerne, dass der vielfach kolportierte Erfolg der Mitmenschen reichlich Fassade ist, und Vergleiche oft mit zweierlei Maß gemessen werden. Die einen, die haben dann meist das Kapitalglück, dass in ausreichender Werbewirksamkeit die Gesellschaft fasziniert. Und die anderen, die haben das Basisiglück, und können sich, wenn alle Stricke reissen, auf wahre Werte zurückbesinnen, auf die es letzten Endes wirklich ankommt. Die Erfolgsformel ist also eine Unbekannte. Sich daran zu reiben wie Ben Stiller es tut, kann zu einem ernüchternden, aber undurchdachten Status Quo führen, der längst nicht alle Indizien, die für ein besseres Leben sprächen, abgeklopft hat.

Im Zweifel gücklich, im Original schlicht und ergreifend als Brad´s Status betitelt, treibt einen innerlich strauchelnden Ben Stiller vor sich her, der überhaupt nichts mehr mit den klamaukigen Peinlichkeiten aus früheren Filme zu tun hat, der geradezu ernüchternd unmöbliert und verkatert auftritt, als würde er tatsächlich in das tiefe Loch einer sinnlos erscheinenden Existenz geworfen worden sein. Diesen Zustand könnte jetzt ein anderer Filmemacher kabarettistisch ausschlachten, sich darüber lustig machen, die Midlife crisis durch den Kakao ziehen. So wie es der Österreicher Harald Sicheritz Anfang der 90er getan hat. Freispiel mit Alfred Dorfer zählt bis heute zu den besten Kabarettfilmen überhaupt, lässt dabei aber seinen Antihelden Robert Brenneis als ausgebrannten Musiklehrer über das eigene Leben und das der anderen sinnieren, bevorzugt über das seines ehemaligen besten Freundes, des Schlagerstars Pokorny, süffisant verkörpert von Wuchtelgranate Lukas Resetarits. Der Neid könnte einen fressen, angesichts dieses Glamours, den manche umgibt, vor allem jene, die das gleiche Startkapital für die Zukunft hatten, und plötzlich hinten anstehen müssen. Sich klarzuwerden, worauf es im Leben wirklich ankommt, dafür braucht Alfred Dorfer einen ganzen Film voller Zynismus und kluger Kommentare. Ben Stiller tut Ähnliches, wenn auch nicht im Bierzelt schunkeln oder in Italien urlauben. Er begleitet seinen Sohn an die Ostküste Amerikas, um Universitäten abzuklappern und den richtigen Studienplatz zu ergattern. Dabei stößt Brad zwangsläufig auf die Karrieren seiner Kommilitonen von damals, um sich selbst ganz klein vorzukommen. Bis er die Dinge vor seinem geistigen Auge wieder in die richtige Ordnung bringt, auf Reboot Prioritäten setzt und seinem Filius den Rücken freihält.

Dieser Status, den Brad abruft, der könnte der Status von jedem von uns sein, mal mehr mal weniger. Den großen Vogel, den haben die wenigsten abgeschossen, dabei ist die Frage nach einem zweifelhaften Lebensglück gerade bei jenen womöglich ungleich größer als bei den sogenannten Niemanden, die trotz fehlenden Reichtums und Scheinwerfern die Erfüllung in sich selbst und ihrer Familie finden. Regisseur Mark White lässt Ben Stiller tatsächlich immer stiller werden, immer nachdenklicher, und gibt ihm Raum für Gedanken, die aus dem Off auch für das interessierte Publikum zu hören sind. Im Zweifel glücklich ist ein langsames, gedankenverlorenes, aber alltagsrelevantes Drama, leichtfüßig und nicht verkopft. Nachvollziehbar und durchaus bereichernd, wenn mal wieder das eigene Leben unzureichend erscheint.

Im Zweifel glücklich

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

DER LANGEN REDE KURZER ZAUBER

5/10

 

grindelwald© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID YATES

DREHBUCH: JOANNE K. ROWLING

CAST: EDDIE REDMAYNE, KATHERINE WATERSTON, DAN FOLGER, JOHNNY DEPP, JUDE LAW, EZRA MILLER, ZOË KRAVITZ U. A.

 

Das muss man Joanne K. Rowling einmal nachmachen – nämlich einen dermaßen zielgenauen Treffer zu landen, was den Geschmack des lesefreudigen Bürgertums betrifft. Phantastische Literatur ist sicherlich nicht jedermanns Sache, eine Welt wie die von Harry Potter hingegen schon. Das liegt vor allem daran, dass die ehemalige Englischlehrerin, die schon von Kindesbeinen an das Schreiben für sich entdeckt hatte, Charaktere erschuf, die in die eigene Kindheit des jeweiligen Lesers zurückführen und das Erwachsenwerden als magische Challenge interpretieren. In einem dualistischen Universum, wo das Böse schleichend und nicht immer wahrnehmbar ist, das Gute oft ins Grau chargiert und Geheimnisse lange gehütet werden. Dieses Universum wird jenseits der auserzählten Geschichte über den Jungen mit der Narbe auf der Stirn mittlerweile als Wizarding World bezeichnet. Rowling ließ ja unmissverständlich verlauten, dass mit Den Heiligtümern des Todes die Ereignisse um den Waisenjungen auserzählt seien – mit Ausnahme eines als ergänzenden Band angelegten Theaterstückes – Harry Potter und das verwunschene Kind (auch unaufgeführt absolut lesenswert). Das Kino liebäugelt da wohl mehr mit der Zeit vor dem Unheil, das nicht genannt werden darf. Um genau zu sein: rund 70 Jahre vor den uns allen wohlbekannten Ereignissen, die man immer und immer wieder lesen kann.

Ein gewisser Newt Scamander, der in Harry Potter und der Stein der Weisen namentlich erwähnt wird, reist mit einem Koffer nach New York, in geheimer Mission, wie es scheint. Und der eine ganze Menagerie an sonderbaren Kreaturen über den Atlantik schleust, die ihm dann auch teilweise entfleuchen. So ein animalisches Fangenspiel wäre für eine so komplexe Welt wie die des Harry Potter eindeutig zu wenig. Auch Übersee hat ein Zaubereiministerium voller Auroren, die einem Obskurus auf der Spur sind – der negativen Energie eines Zauberers, dessen magisches Handeln verboten wird. So viel zu Teil eins, Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Und ich rate tunlichst, vor Sichtung des eben erschienen zweiten Teils der Prequel-Reihe den Erstling dringend nachzuholen, sofern hier noch Unkenntnis herrscht. Bei Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen quer einzusteigen mag zwar durchaus machbar sein, führt aber zu noch mehr Konfusion, als diese ohnehin auf das vorab informierte Publikum hereinbricht. Schauplatz ist diesmal nämlich London und Paris, und neben dem ausgebüxten Grindelwald gilt es, dem rätselhaften Obscurus namens Credence Barebone habhaft zu werden. Warum gerade der schrullige Newt Scamander darauf angesetzt wird, weiß nur der junge Dumbledore. Im Grunde ist es so, als würde man Charles Darwin darum bemühen, geheimdienstlich aktiv zu werden. Ich würde da jemand anderen wählen, aber bitte – jedem seinen Nervenkitzel.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen allerdings ist ein überlanges, wenig nervenaufreibendes Szenario mit natürlich allerlei Schauwerten. Die diesmal spärlicher eingestreuten Kreaturen – allen voran ein Fuchur-ähnlicher Glücksdrache – sind wiedermal enorm detailverliebt und in Vollendung gestaltet, und zur Freude leidenschaftlicher Harry Potter-Fans finden sich auch allerlei Reminiszenzen an das erste Jahr von Hogwarts, als der Stein der Weisen Voldemort´s erste Versuchung war. Mit diesen Bonmots aber hätte sich maximal ein Fanfilm ausgezahlt – nicht aber ein ganzer Film, der einem sagenhaft verworrenen und ermüdend redseligen Drehbuch unterliegt. Dafür verantwortlich: Joanne K. Rowling. Denn da wo Wizarding World draufsteht, ist die mächtige Autorin auch drin. Nichts geht hier ohne Abnicken der Urheberin, was prinzipiell durchaus verständlich ist. Und um ganz sicher zu gehen, dass ihre Welt auch nicht mit einer anderen kollidiert, bleibt das Leben des Newt Scamander auch niemand anderem überlassen. Doch genau darin liegt das Problem. Joanne K. Rowling ist eine großartige Schriftstellerin, die penibel genau ihre unzähligen Handlungsstränge beispiellos verwebt, zusammenführt und wieder aufdröselt. Auch ein Grund, warum die Harry Potter-Bücher so faszinieren. Das allerdings funktioniert so sagenhaft gut, wenn es sich um einen Roman handelt. Ein Drehbuch funktioniert ganz anders. Genauso wie ein Theaterstück. Da ich selbst Romane und Dramen verfasst habe, weiß ich, worauf es zu achten gilt. Beides sind zwar Medien der schreibenden Zunft, haben aber völlig unterschiedliche Regeln. Rowling scheint für Grindelwalds Verbrechen vergessen zu haben, dass sie nicht für den Ladentisch in der Buchhandlung, sondern für das Kino schreibt. Als Buch würde der Plot aus Grindelwalds Verbrechen verdächtig nach Bestseller aussehen. Eine vertrackte Geschichte voller Rätsel und Spuren, fast schon eine Verbeugung vor den Detektivkrimis eines John Huston. Seriöse Gestalten in schickem Trenchcoat und Fedora, einzig die Zauberstäbe unterm Ärmel lassen wissen, dass man hierbei niemand Gewöhnlichem auf der Spur ist. Als Vorlage für einen Film dieser Größenordnung lasse ich mal Rowling´s Talent außen vor: Ihr dichter Magierkrimi ist, was den inhaltlichen Aufbau betrifft, wie das Wedeln und Wischen mit angeknackstem Zauberstab. Folglich also ein Zauber, der nach hinten losgeht.

Ein Film fesselt dann, wenn der rote Faden des Erzählten stets erkennbar und das Handeln der Personen sowohl erwartbar als auch nachvollziehbar bleibt. Zumindest von jenen Personen, die als Identifikationsfiguren durch die Geschichte begleiten. Er fesselt dann, wenn der Plot nicht zerfranst und sich in einzelnen Charakterdramen verliert, die nicht wesentlich zum Vorwärtskommen der Story beitragen. Das ist Verzetteln auf hohem Niveau, auf welchem Komplexität gerne mit Komplikation verwechselt wird. Eine packende Story, die ist im darstellenden Medium eines Filmes oder Dramas so straff wie möglich, auf den Punkt genau gesponnen, sollte dabei aber tunlichst nicht unterfordern. Rowling erfüllt fast jedes dieser Do Not´s, und auch wenn sie als Romancier zu schreiben versteht – Drehbücher schreiben kann sie nicht.

Dennoch verspricht Grindelwalds Verbrechen einigen Filmgenuss, der weitgehend vom guten alten Johnny Depp verschuldet wird. Man kann über diesen exzentrischen Star sagen, was man will – schauspielern kann er, und wie! Nach der letzten Fluch der Karibik-Gurke und einiger Auszeit kann Depp wieder aus neuen, kreativen Ressourcen schöpfen. Und verpasst seinen Gellert Grindelwald eine ganz eigene charakterliche Note. Weder kokettiert er mit den diabolischen Allüren eines Voldemort, noch gibt er sich platter Boshaftigkeit hin. Grindelwald ist ein politischer Aktivist, ein perfider Taktiker. Gelassen und selbstbewusst, weniger manisch. Gegen die paar Minuten gachblonder Überlegenheit wirken Newt Scamander und seine Entourage geradezu blass. Und die Entourage ist breit gefächert, unzählige Figuren tauchen aus dem Dunst der magischen Historie empor und haben kaum genug Spielzeit, um nachhaltig aufzufallen. Das ist mitunter auch ein Handicap an dieser versuchten Entfesselung an hellen und dunklen Künsten, die auf das große Duell von Dumbledore und Grindelwald hinarbeiten. Seine Verbrechen markieren somit die bisher schwächste Filmepisode aus Rowling´s Welt, und so sehr ich Niffler, Bowtruckles und Kelpies liebend gern anfassen würde – der phantastische Zirkus weicht einem konfusen Who is Who vor der Kulisse eines magischen Europa, dass die mitreißende Effizienz jugendlicher Neugier, wie sie Ron, Hermine und Harry an den Tag legten, vermissen lässt. Hoffen wir, das Teil III die Zügel der Thestrale deutlich straffer zieht.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

Der dunkle Kristall

PHANTASTISCHE TIERWESEN UND WO SIE ZU FINDEN WAREN

7/10

 

darkcrystal@1982 Universal Studios

 

LAND: USA 1982

REGIE: JIM HENSON, FRANK OZ

MIT DEN STIMMEN VON: STEPHEN GARLICK, LISA MAXWELL, BILLIE WHITELAW, BARRY DENNEN U. A.

 

Gab es eigentlich ein Leben vor CGI, Motion-Capture und 3D-Modelling am Computer? Ja, die gab es. Und da müssen wir gar nicht mal viel recherchieren, Material dazu findet sich allein schon in der klassischen Kerntrilogie von Star Wars. Ohne Yoda wäre nämlich dieses Universum um einiges ärmer. Dieser kleine, aber mächtige Wichtel mit Spitzohren und schütterem Haar war allerdings weder Maske noch Kostüm, sondern ganz einfach eine Marionette, die sich aufgrund ausgeklügelter Mechanik zu artikulieren verstand und bis heute noch verblüffend echt wirkt. Da kommt die animierte Version des Jedi-Meisters aus Episode I-III bei Weitem nicht an diese authentische, physische Qualität heran. So richtig Yoda ist das Wesen nur in Episode V und VI. Vielleicht noch in Die letzten Jedi, denn da hat Frank Oz abermals und nur bedingt erfolgreich probiert, dem Charme der analogen Tricktechnik zu einem Revival zu verhelfen. 1982 also, als Oz erstmals seine Puppe in der weit entfernten Galaxis hat tanzen lassen, war die Probe aufs Exempel so sehr geglückt, dass der kreative Kopf und spätere Regisseur von Filmen wie Was ist mit Bob? gemeinsam mit Muppets-Erfinder Jim Henson gleich einen ganzen Film auf diese Art gestalten wollte.

Der Titel dieses aufwändigen Mammutprojektes ist Der dunkle Kristall, ein Fantasymärchen mit ganz viel Magie, dunklen Mächten und geheimnisvollen Landschaften. Die Produktionszeit dauerte um die fünf Jahre – kein Wunder, wenn man all die Kreaturen betrachtet, die hier in seltsam surrealen Biotopen aus ihren Verstecken kriechen, zwinkern und funkeln. Allesamt animatronisch, als Hand-, Stab- oder Ganzkörperpuppen. Mit und ohne Fell, schuppig, pflanzenähnlich oder insektoid. Hensons bislang aufwändigstes Werk wirkt stellenweise wie ein lebendig gewordenes Bild des Malers Max Ernst, gar so phantastisch-realistisch wie bei Ernst Fuchs. Die kargen, von zerklüfteten Bergen flankierten Ebenen, die das teerartige Gespinst eines Palastes beherbergen, das wiederum aus dem Ideenfundus eines Michael Ende hätte kommen können, sind das einzige, was irgendwie an unseren Planeten erinnert. Sonst. so scheint es, feierte das phantastische Kino in der Zeit zwischen Krieg der Sterne und der Unendlichen Geschichte einen vorläufigen Höhepunkt entrückter Absonderlichkeit, die realitätsferner kaum sein kann.

Der dunkle, weil beschädigte Kristall dominiert eine Welt, in der die geierähnlichen Skeksen in barockem Ornat ein absolutistisches Regime führen und das elfenartige Volk der Gelflinge zu willenlosen Sklaven gehirnwaschen. Auf der anderen Seite versuchen die gebeugten, schildkrötenartigen Mystics, das dualistische Gleichgewicht ihrr Welt zu halten, was ihnen aber mehr schlecht als recht gelingt. Und wenn sich nicht bald die Prophezeiung erfüllt, in welcher ein Gerfling einst den dunklen Kristall mit dem fehlenden Splitter heilen wird, und das während der Konjunktion der drei Sonnen, die da am Himmel diese fremden Planeten stehen, wird es keine Rettung mehr geben. Dieser Gerfling, der erinnert nicht ungefähr an Tolkien´s kleinen Hobbit Frodo, der den Ring in das Feuer von Mordor befördern muss. Die narrative Dynamik beider Geschichten ist ziemlich ähnlich. Henson und Oz können dem Konzept vom schwachen Element, dass das Mächtige bezwingt, scheinbar jede Menge abgewinnen – und so bleibt der Fortgang des Abenteuers natürlich wenig überraschend. Klar wird dem kleinen Jen das Unterfangen gelingen, auch wenn es manchmal so aussieht, als wäre das Schicksal auf der Seite der dekadenten Spitzschnäbel. Düster ist das ganze Szenario auf jeden Fall, traumartig versponnen und teilweise gar gespenstisch, vor allem dann, wenn Individuen des unterdrückten Volkes zwangslobotomiert werden. Nichts für die ganz Kleinen also, da Der dunkle Kristall obendrein eine bedrückende Schwermut mit sich herumträgt, die vielleicht von all den gebeugten, gepeinigten und bizarren Gestalten herrührt, die diese Dimension bevölkern. Newt Scamander aus der Wizarding World Rowling´s hätte mit der Welt des dunklen Kristalls seine helle Freude – all die phantastischen Tierwesen, die der Magizoologe Jahrzehnte später in seinem Koffer herumträgt, die waren zu Beginn der 80er im Universum eines Jim Henson zu finden, der eine organische Grottenbahnfahrt auf die Leinwand gezaubert hat, deren Biomasse evlutionsadäquates Nischendasein fast schon ad absurdum führt. Und das nur mit Puppen, die jeweils von zwei Personen belebt werden und die, auch wenn der extravagante Film schon einige Jahrzehnte am gekrümmten Buckel hat, immer noch verblüffend lebendig wirken. Vielleicht, weil der Vergleich mit echten Personen einfach fehlt und so der üppige Kosmos in sich geschlossen fast schon zeitlos funktioniert.

Der dunkle Kristall, der als so eigenwillige wie einzigartige Puppet-Show seinen Platz in der Filmgeschichte fristlos reserviert hat, ist eine Sternstunde an Creature-Design und Ausstattung. Ein Must-See für Nostalgiker analoger Tricktechnik, für Guckkastentheater- und Requisiten-Nerds, die den psychedelischen Retro-Charme an Matte-Painting und Studio-Settings leuchtenden Auges zu schätzen wissen. Von einer Neuverfilmung oder einer Fortsetzung der Zaubermär würde ich absehen – die Gefahr. dass all die Kreaturen ihren CGI-Tod sterben, ist einfach zu groß. Vor allem, weil sie lebendiger wie hier ohnehin nicht mehr werden können.

Der dunkle Kristall

Mein Name ist Somebody

FÄUSTE, DIE INS LEERE TREFFEN

2/10

 

somebody© 2018 KSM

 

ORIGINAL: MY NAME IS THOMAS

LAND: ITALIEN 2018

REGIE: TERENCE HILL

CAST: TERENCE HILL, VERONICA BITTO, FRANCESCA BEGGIO, GUIA JELO U. A.

 

War er nun die linke oder die rechte Hand des Teufels? Wie auch immer, jedenfalls weiß ich: er war der müde Joe, das Krokodil und einer der Himmelshunde auf dem Weg zur Hölle. Terence Hill, unter bürgerlichem Namen Mario Girotti, hat uns gemeinsam mit Busenfreund Bud Spencer jede Menge humorvolle Stunden beschert. Ohrfeigen und Faustwatschen soweit das blaue Auge reicht, durchchoreografiert und stets mit einem markigen Spruch auf den Lippen. Sprüche wie „Wenn du mich nochmal dutzt, hau ich dir ne Delle in die Gewürzgurke!“ sind Meisterwerke der deutschen Synchronisation, ohne die Terence Hill nicht Terence Hill wäre. Und natürlich all die Bohnen, die da, müde vom langen Ritt, mit leidenschaftlichem Kohldampf einverleibt werden. Im Duo waren die beiden Rabauken mit dem Herzen am rechten Fleck unschlagbar – im Alleingang hatte Bud wohl die besseren Karten, obwohl der Supercop durchaus Mehrsichtungen vertragen hat. An seinen Italowestern My Name is Nobody von Tonino Valerii mit niemand Geringerem als Henry Fonda in der Nebenrolle reicht aber keiner von Hill´s Filmen heran. Und den aufgewärmten Don Camillo möge man gerne wieder vergessen. Dass Nobody sein künstlerisch hochwertigster Film war, das weiß Hill auch selber. Nicht umsonst nennt er für das deutschprachige Publikum sein eben erst auf DVD erschienenes Alterswerk Mein Name ist Somebody. Weil er ja immer noch jemand ist, und nicht niemand mehr. Dass mit Bud Spencer nicht auch noch die anderen zwei Fäuste von uns gegangen sind. Dass der blauäugige, schlaksige Windhund immer noch ins Gaspedal treten kann. Dieses Lebenszeichen wäre nicht notwendig gewesen, den Platz am Kultpodest hat er sowieso. Aber gut, ein letzter Film, ein letzter Blick in die Runde. Als die europäische Version eines Robert Redford vom Scheitel bis zur Sohle, scheinbar kaum gealtert, aber doch irgendwie geriatrisch. Wenn schon, dann führt auch bei mir eigentlich kein Weg daran vorbei, schon allein, weil der leidenschaftliche Fanfilm Sie nannten ihn Spencer so unglaublich berührend war – und ich in Jugendjahren die schrägen Kloppereien zwischen Wildwest und Rio alle sehr genossen habe.

Es ist nicht das erste Mal, dass der mittlerweile auch schon auf die 80 zugehende Terence Hill auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Das Handling hinter der Kamera, so könnte man meinen, mag erprobt sein. Selbst der letzte Auftritt von Spencer und Hill gemeinsam – Die Troublemaker – gingen auf die Kappe des Krokodils. Wenn wir aber schon eingangs von der linken und der rechten Hand gesprochen haben, so ist die Regie für Terence Hill etwas, wofür er zwei linke zu haben scheint. Mein Name ist Somebody ist ein Film, der Kopfschütteln und ratloses Bedauern verursacht. Schon klar, wenn Das Beste zum Schluss kommen soll, lassen sich keine halben Sachen machen. Terence Hill will sowohl seinem Freund und Partner Bud Spencer Tribut zollen, aber auch der aus der Mode gekommenen Prügelfilme gedenken und überhaupt über das große Ganze nachdenken, angefangen vom Leben bis zum Tod und überhaupt. Inklusive einer sich selbst auf den Leib geschriebenen Hauptrolle ist Terence Hill mit diesen Ansprüchen heillos überfordert. Mein Name ist Somebody ist leider ziemlich misslungen, egal aus welchem Blickwinkel der Film zu betrachten ist. So gut wie alles in einen knapp zweistündigen Film hineinpacken zu wollen kann nicht gut gehen. Die Fäuste, die da zurückkehren, treffen ins Leere. Eben, weil ihnen der Schwung fehlt, und die Zielstrebigkeit für eine Richtung.

Die Regie selbst ist so hölzern wie vormittägliches Schulfernsehen. Diesen Stil hat unser lang aus der Übung gekommener Buddy leider ebenfalls drauf. Und so stiefelt der in Ledermontur und Holzfällerhemd kreuzsteif umherstaksende Somebody in der spanischen Wüste umher, zwischen Bohnenkonserven und windschiefen Westernkulissen. So als würde er etwas suchen, irgendwas wollen, wie der Gang zum Kühlschrank, und dann vergessen haben worum es eigentlich geht. Immer am Rockzipfel: eine mysteriöse junge Frau, die mit dem Leben hadert. Aus dem scheinbar augenzwinkernden Roadmovie-Revival wird ein völlig verkochtes Erweckungsszenario mit Marienerscheinung, Mädchenmorden und Herzinsuffizienz. Was Terence Hill in der Wüste eigentlich will, weiß sowieso keiner. Irgendein Buch über die Wüste lesen, das aber seine esoterischen Ambitionen auf den Film überträgt. Die schwülstige Tragik gibt dem ganzen zusammengeschusterten Patchwork den Rest. Hill setzt sein filmisches Vermächtnis so konsequent ungelenk in den Sand, dass ich rein aus Mitleid bis zum Ende noch dranbleibe. Das hat Terence Hill meiner Meinung nach zumindest verdient, was auch immer hier mit diesem Film passiert ist.

Mein Name ist Somebody

The Ballad of Buster Scruggs

SPIEL MIR DAS LIED VOM SCHICKSAL

8/10

 

THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS© 2018 Netflix

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOEL & ETHAN COEN

CAST: TIM BLAKE NELSON, JAMES FRANCO, LIAM NEESON, TOM WAITS, ZOE KAZAN, BRANDON GLEESON. SAUL RUBINEK U. A.

 

Also ehrlich, das wäre doch was. Eine Neuverfilmung des Comics Lucky Luke unter der Regie von Joel und Ethan Coen. Das könnte ich mir durchaus vorstellen, womöglich aber kaum unter FSK 16 – das wäre ein Lucky Luke von der zwar schrägen, aber durchaus blutigeren Sorte. Ganz im Stile der ersten Erzählung im Rahmen eines vielgestaltigen Westerns, der da endlich wieder unter den Fittichen der beiden gelockten Masterminds über den Bildschirm stiefelt. Leider nicht über die große Leinwand, denn das war nur den Besuchern der Filmfestspiele von Venedig vorbehalten. Wir Endverbraucher können nur mit einem Stream via Netflix in den Genuss dieses bemerkenswerten Episodenfilmes kommen, und zwar exklusiv via Netflix. Da gibt es keine anderen Möglichkeiten. Das ist schon ziemlich raffgierig, dann sollte Netflix zumindest eine Kinokette eröffnen oder sich in anderen Ketten einkaufen, damit nicht nur das alternativlose Abo der einzige Weg nach Westen bleibt. Denn mit The Ballad of Buster Scruggs sind die Coens wieder ganz dick im Geschäft. Da bin ich ohne viel Überredungskunst sehr schnell bereit, den letzten Film aus 2016, nämlich Hail, Cäsar!, wieder ganz schnell zu vergessen. Überzeugt hat mich diese dünnsuppige Hollywood-Hommage nämlich überhaupt nicht. Die so eigenwillige wie genüssliche Anthologie aus dem Wilden Westen hingegen schon. Und ich wage sogar zu behaupten, diese ganz lässig im Sattel sitzende Fingerübung mit selbstverständlich einem Originaldrehbuch ist das Beste seit A Serious Man. Ganz die unverkennbare Handschrift, ganz der zynische, schwarze Humor. Und ganz die melancholische Lakonie, die in ihren Filmen stets ihre künstlerische Raffinesse am deutlichsten feiert.

Worin Joel und Ethan Coen für uns geschmackvoll blättern, das ist ein altes Buch gesammelter Kurzgeschichten, um die Jahrhundertwende verlegt. Für Bibliophile womöglich interessant, wäre es im Antiquariat erhältlich. Einzelne kolorierte Farbtableaus, geschützt mit Reißpapier. The Ballad of Buster Scruggs ist dabei nur die erste von insgesamt sechs Episoden, die unterschiedlicher nicht sein können, sich untereinander auch kein Crossover bescheren und aus den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen quer durch ein unwirtliches und gleichzeitig idyllisches Amerika wandern. Hineingepfeffert in dieses endlose Nirgendwo: der versprengte Mensch. Gemeinsam haben sie neben des Umherziehens, Vagabundierens und Irrens vor allem eines mit im Gepäck: die Ironie des Schicksals. Zu einer Zeit, in der Leben und Tod fast schon zur Grauzone einer unsicheren Existenz verschmolzen sind, kann das Glück sehr kurzlebig sein. Zukunft war womöglich etwas, worauf man sich nicht verlassen durfte. Ein gemachter Pionier war sehr schnell ein toter Pionier. Und die, die gut mit dem Schießeisen umgehen konnten, die trafen dann irgendwann auf jene, die das noch besser konnten. Ein Leben und Sterben lassen, vereint in einer messerscharfen filmischen Anthologie über den Westen. Und zwar so, wie er selten zu sehen ist. Manchmal hat The Ballad of Buster Scruggs etwas von den sarkastischen Stelldicheins eines raubeinigen Italowesterns, manchmal etwas von den redseligen Eskapaden eines Tarantino. Doch meist finden die Coens wieder zu ihrem Stil zurück, ohne Hommage an irgendwen sonst sein zu wollen. Dieser mehr als zweistündige Reigen des Willens, Unwillens und einer Art Schicksalsergebenheit stellt seine traurigen, verblendeten und idealistischen Gestalten, die allesamt wundervoll gecastet und gegen den Typ besetzt sind, vom Regen in die Traufe. Dieses weite, feindselige, unnahbare Land, in das die Sehnsuchtsvollen aufbrechen, scheint leere Versprechungen zu bergen und nur den wenigsten Gnade zu gewähren. Das ist ein Amerika des Wilden Westens, das völlige andere Randgeschichten erzählt, im sozialen Abseits, eingebettet in Bildern, durch die John Wayne und seine hemdsärmeligen Cowboykollegen bereits in bestem Cinemascope vorbeigeritten sind. Die Regiearbeit ändert Blickwinkel und behält sie dennoch bei. Als wäre der Focus längst nicht mehr der auf die der großen Helden, sondern auf begleitende Zaungäste, die auch so gamblen wollen wie jene, die als Ikonen des Westens längst verherrlicht wurden.

Was daraus wird, ist ein bizarres Panoptikum zwischen knarzenden Salontüren, staubigen Ebenen und dem Recht des Stärkeren. Zwischen Goldrausch, Armut und einem Herz für Hunde. Dazwischen kauzige Country-Balladen in verklärender Romantik, die sich selbst persifliert. In den besten Momenten hat Buster Scruggs dieses märchenhaft Entrückte wie in O Brother where art thou?. Dann ist dieser Film wie ein stockdunkler Song von Johnny Cash, der aber so klingt wie ein tänzelnder Salon-Gig auf dem verstimmten Pianino in irgendeiner Spelunke, und der dann endet, wenn irgendeiner auf den staubigen Brettern liegt.

The Ballad of Buster Scruggs

Die Unglaublichen 2

PÄDAGOGIK FÜR WUNDERKINDER

7/10

 

Incredibles 2©2018 Disney-Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRAD BIRD

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): HOLLY HUNTER, CRAIG T. NELSON, SAMUEL L. JACKSON, BOB ODENKIRK U. A.

 

Das bisschen Haushalt ist doch kein Problem, sagt mein Mann – und stürzt sich mit biegsamem Elan in ihre neue Aufgabe. Die Rede ist von Elastigirl, dreifacher Mama und anscheinend eng verwandt mit „Mr. Fantastic“ Reed Richards. Die Supermama, die muss die schiefe Optik auf Superhelden in der Bevölkerung wieder geraderücken. Derweil verboten, sollen exorbitante Kräfte wieder zum Einsatz kommen dürfen, wenn es hart auf hart gehen sollte. Dieses Dilemma der Übermenschen, die gut und gerne und ohne viel Widerstand rein theoretisch die Weltherrschaft anstreben könnten und die eigentlich permanent im Vorteil sind, wenn es heißt, wirkungsvoll Akzente zu setzen – das kennen wir schon aus dem Marvel-Universum. Da waren die Avengers – oder zumindest die Hälfte davon – so ziemlich personas non grata. Und bei Superman vermutete selbst Batman, dass der Kryptonier irgendwas im Schilde führt. Also lieber gar nicht so weit kommen lassen. Aber gut, letzten Endes muss ich hier nicht die höchste Geheimhaltungsstufe wahren – irgendwann kommt in diesen Filmen immer der Punkt, an dem alle wieder jubeln, wenn das Cape im Winde weht.

Superpapa Bob alias Mr. Incredible bleibt also daheim – die einstweilige Karenz kann beginnen. So einfach ist das natürlich nicht, wenn zwei wissentlich hochbegabte Sprösslinge entweder an der Mathearbeit verzweifeln oder unter Liebeskummer leiden und das unwissentlich superfähige Baby einfach nicht einschlafen will, wenn doch dem Waschbären die Leviten gelesen werden sollen. Das Baby ist dann auch Herzstück und Hingucker dieser Fortsetzung von Brad Bird, der auch schon 2004 die Pixar-Antwort auf X-Men, Inhumans und Co in knallig roten Trikots auf Unfriedenstifter losgelassen hat. Die 14jährige Pause hat bei dieser unglaublichen Familie nichts zu sagen – wir schließen eigentlich nahtlos an den Erstling an – und haben Spaß dabei, zuzusehen, wie der kleine Windelkrieger frei nach dem Motto von Maria Montessori – „hilf mir, mir selbst zu helfen“ – im Grunde alle Superkräfte auf diesem Planeten in seinem kleinen Körper vereint und diese erstmal sowieso nicht kontrollieren kann. Das bringt so gut wie alle an den Rand des Nervenzusammenbruchs, ganz besonders den superstarken Schrank von Papa, der sich plötzlich ganz klein vorkommt. Damit hätten wir eine schräge Alltagskomödie, die vieles, was wir selbst aus den arbeitstüchtigen Wochentagen kennen, augenzwinkernd durchs Benco zieht. Drehbuchautor Bird gibt’s sich damit aber nicht zufrieden – angesichts der Größenordnung am Marvel– oder DC-Antagonismus darf sich auch die liebe Familie mit Bedrohlichem herumschlagen. Und da kommt sogar einiges an düsterem Suspense auf, als der Screenslaver in perfider Hypnosetechnik das Land terrorisiert. Herumzuraten, wer wohl hinter dem Spiralauge steht, sorgt vor allem bei jüngerem Publikum garantiert für ein gewisses Kribbeln, und auch selbst tappt man zumindest ein paarmal hin und her, bis sich der richtige Verdacht bestätigt.

Die Unglaublichen 2 ist kurzweiliges Vergnügen, visuell sowieso state-of-the-art und in der für Pixar üblichen und stets willkommenen Detailverliebtheit in Dramaturgie und Setting erarbeitet. Garantiert wird es hier weitere Fortsetzungen geben, dafür wäre das ausgefeilte Charakterdesign der schrägen Truppe einfach zu schade, um es zu schubladisieren. Andererseits aber muss Pixar unter Mastermind Bird aufpassen, seine Heldenabenteuer nicht repetativ werden zu lassen, was im Superheldengenre oftmals gerne passiert. Ein Tipp am Rande: Beim nächsten Mal vielleicht sogar noch mehr die Tücken des Alltags ausspielen, denn darin liegt eine unverhohlen selbstironische Kraft, die jene, die Übermenschliches leisten, genauso herausfordert wie uns Normalos.

Die Unglaublichen 2

Der Trafikant

BOCKIG IN DIE DUNKLEN ZEITEN

6,5/10

 

DER TRAFIKANT© 2018 Tobis Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: NIKOLAUS LEYTNER

CAST: SIMON MORZÈ, JOHANNES KRISCH, BRUNO GANZ, EMMA DROGUNOVA, REGINA FRITSCH, KAROLINE EICHHORN, GERTI DRASSL U. A.

 

Tiefe Wolken hängen über einer fast schon verwunschenen Bucht des oberösterreichischen Attersees, irgendwann in einem Sommer kurz vor dem Einmarsch der deutschen Hitler-Truppen in Österreich. Wie es das Schicksal will, muss der pubertäre Franz seine nicht mal ansatzweise fassbare Zukunft komplett umjustieren und wird, nachdem Mamas Liebhaber vom unvernünftigen Baden im See während eines Unwetters vom Blitz getroffen wird, nach Wien geschickt. Was hat er denn noch verloren in dieser Einöde zwischen Hühnern und dem Schlick unter dem hauseigenen Steg außer seiner eigenen Kindheit? Der Bub muss was G´scheites lernen, in die Welt hinausgehen. Dort in Wien gibt es eine alte Jugendliebe, den Trafikanten Trsnjek, bei dem soll er anlernen, der Bub. Dieser Abschied vom geborgenen Heim unter den Tannen wird niemals wirklich enden, und das Winken mit dem Sacktuch unter Tränen wird immer niedergeschlagener und kraftloser, in dieser Verfilmung eines Romans von Robert Seethaler, die genauso bühnentauglich wäre wie ein Drama von Ödön von Horvath. Sich genauso gegen Windmühlen stemmend, genauso aussichtslos, genauso resignierend.

Der österreichische Regisseur Nikolaus Leytner, unter anderem bekannt für den launigen Kleinganovenschwank Schwarzfahrer mit Lukas Resetarits, hat sich, so äußerten sich zumindest mehrere Kritiker-Stimmen, ziemlich genau – und manchmal fast zu unselbständig – an die literarische Vorlage gehalten. Das kann ich selbst nicht beurteilen, ich habe hier nur den Film vor Augen, und eine Geschichte, die sich mit keiner anderen Quelle des Erzählten herumschlagen muss. Die Möglichkeiten, die sich aber daraus ergeben, fügen sich dem narrativen Rhythmus eines so rustikalen wie braven Volksstückes, und vor allem in den Szenen, die in Wien der späten Dreißigerjahre spielen, entfaltet sich ein gewisser kulissenhafter Charme mit Hang zur wohlsortierten Miniatur, wie ihn seinerzeit der gute Franz Antel in seinem Bockerer ans Set gelegt hat. Ein bisschen was vom aufmüpfigen Fleischhauer kann Der Trafikant zumindest anfangs unter der Ladentheke hervorholen. Johannes Krisch, der sowieso alles spielen kann, sogar und besonders auch ambivalente Schatten wie Jack Unterweger, orientiert sich auf eine Weise an Karl Merkatz, die weder platte Kopie noch Hommage darstellt. Krisch kreiert aus dem Gehabe eines subversiv rebellischen Wieners den ganz eigenen Typus eines teilbelesenen, selbstbewussten und gütigen Kriegsveteranen, der viel Unschönes gesehen hat und weit davon entfernt ist, sich selbst zu verraten. Ohne dieser schillernden Gestalt des famos verkörperten Alt-Trafikanten wäre das düstere Vorabendszenario im Angesicht des bevorstehenden Untergangs ein durch die Bank bemühtes Schauspielkino geworden. Hauptdarsteller Simon Morzé tut, was er innerhalb seiner erlernten Fähigkeiten kann, um glaubwürdig Bockigkeit an den Tag zu legen. Er bleibt aber, wie es das Variétémädchen Anezka immer wieder betont, ein naives „Burschi“, das seine Furcht vor einer unbestimmten Zukunft in unbequemen, entsättigten Traumsequenzen auslebt. Ihm zur Seite der große Bruno Ganz, der sich als Professor Freud in gepflegter Langeweile meist auf seinen unverkennbaren Bartwuchs verlässt und zur Do-it-yourself-Psychoanalyse rät.

Das Bühnenhafte der durchaus nicht billig scheinenden Produktion wird noch verstärkt durch das neben Krisch wirklich Erlebenswerte an dem Film: nämlich die Fulminanz der Ausstattung. Die Inventur sämtlicher Requisitenkammern dürfte dem Aufbau des Sets vorangegangen sein. In der nachgestellten Zwischenkriegs-Trafik finden sich bis ins kleinste Detail liebevoll nachgestelltes Interieur, von den „zärtlichen Magazinen“ in der verschlossenen Schublade bis zu den Postkarten am Tresen. Auch Freuds schmucke Einrichtung in der Berggasse entbehrt nicht eines gewissen kulturhistorischen Werts. In diesem Punkt war das Team ganz bei der Sache. Ihren Höhepunkt findet die Liebe zur Rekonstruktion im Hernalser Rummel, eine Szene wie aus Ferenc Molnar´s Liliom. Der Trafikant ist also akribisches Ausstattungskino im Stile eines Volksstückes, das aber die schildbürgerliche Zuversicht eines Karl Bockerer vermissen lässt. An seiner Statt tritt ein vergebliches Aufbegehren gegen die dunkle Zeit, die in Szenen wie die der berittenen Polizei einen beklemmenden Bogen in die Gegenwart spannt.

Der Trafikant