The Million Dollar Bet (2024)

UM DIE WETTE UND UMS WETTER

6,5/10


© 2024 takethemoneyandrun production


LAND / JAHR: USA, ÖSTERREICH 2024

REGIE: THOMAS WOSCHITZ

DREHBUCH: THOMAS WOSCHITZ, ANDREA PIVA

CAST: DOUGLAS SMITH, JUSTIN CORNWELL, SEAN ROGERS, KRISTEN GUTOSKIE, CARRIE GIBSON, DEE CULTRONE, TODD CARROLL, BILLIE STEINER, OLIVIA RHEE U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Denkt man an Wetten, kommt uns deutschsprachigen Zentraleuropäern unweigerlich die massentaugliche Spieleshow Wetten dass …? in den Sinn, die an ausgewählten Samstagen die Straßen leerfegte, weil sich damals in den Achtzigern und Neunzigern, zum Hauptabend, die Familie vor dem Fernsehgerät versammelt hat. Worum dort gewettet wurde, das konnte den prominenten Gästen wohl oder übel egal gewesen sein, Hauptsache sie hatten Publicity. Jenen, die diese Gäste aber herausforderten, sahen die Sache ganz anders. Sie sahen ihre Wetten als Challenge, um der ganzen fernsehenden Welt zu beweisen, was alles geht, wie weit es geht, und welche Risiken man einzugehen bereit sein kann. Der Unfall von Samuel Koch 2010 sitzt als dunkle Stunde des Unterhaltungsprogramms immer noch tief. So ein Unglück, das könnte jeden einholen, der sich, motiviert durch Ehrgeiz und hohem Einsatz, selbst überschätzt.

Wo, wenn nicht in Las Vegas, in dieser Stadt in der Wüste, in der rund um die Uhr gewettet, gezockt und das Showbiz praktiziert wird, lässt sich der mehr als nur olympische Wetten dass …?-Gedanke noch stärker ausleben? Hank (Douglas Smith), ein wett- und spielesüchtiger Taugenichts, hat, auch wenn man es nicht für möglich hält angesichts seines angetrunkenen Zustands zumindest zu Beginn des Films, einiges am Kasten. Vor allem Ehrgeiz. Und einen unbändigen Willen, Wetten auch zu gewinnen. Er wäre Gottschalks idealer Kandidat, so aber bleibt ihm nur sein Best Buddy Jack (Justin Cornwell), Poker-Profi und hartgesottener Zocker unter der wüstenheissen Sonne Nevadas, der aber selbst bei Hanks aus der Hüfte geschossenen Schnapsidee kurz mal zögern muss, um dann doch einzuschlagen: Ein nahezu dreifacher Marathon, 70 Meilen innerhalb von 24 Stunden um den hauseigenen Block im geliebten Grätzel der Stadt, unweit des weltberühmten Strips, dessen Lichter des Nächtens den großen Reibach verlocken. Wir alle wissen, wie unmöglich es ist, einen Marathon zu laufen, ohne dafür ausreichend trainiert zu sein – wenn man ihn am Stück läuft. Darauf lässt sich Hank dann doch nicht ein, Pausen sind inbegriffen. Eine Million Dollar, sollte Hank es nicht schaffen – ein Drittel davon, sollte er gewinnen. Während Hank also läuft und läuft und läuft, finden sich Freunde, Familie und Nachbarn ein, philosophieren über das Leben, dessen Einfluss und all die Erwartungen, die ein solches stellt. Es ist, als wäre man in einem kauzigen, kleinen Dialogfilm von Kevin Smith mit einer lebensweisen, mehrdeutigen Prise Richard Linklater, der die Menschen von nebenan herausfordert und über sich hinauswachsen lässt. Und zwar aus eigenem Antrieb, nicht durch Fremdeinwirkung motiviert.

Tatsächlich handelt es sich bei The Million Dollar Bet aber um das Werk des Österreichers Thomas Woschitz, der, wie schon seinerzeit Robert Dornhelm für Echo Park, seine True Story so aussehen lässt, als wäre es eine waschechte Independetfilm-Produktion aus den USA. Ein souverän aufspielendes Ensemble gibt sich den in Las Vegas omnipräsenten Vibes für Spiel, Chance und Glück hin, aber auch dem Müßiggang, dem Geplaudere und dem Stillstand, während der leibhaftig gewordene Selbstbeweis Runden zieht. Dramatisches Attribut in dieser Mittelschichts-Miniatur ist neben dem Wetten das Wetter: Ein heranrollender Sandsturm wird gleichermaßen zur Sanduhr – die Frage ist, wer wohl schneller sein wird. Der völlig untrainierte Lebenskünstler oder die Macht der Winde.

Stilistisch orientiert sich Woschitz ganz bewusst nicht am Glanz und Glamour dieser Vergnügungsstadt, die neben ihrem ewigen Kommerz-Hedonismus auch ganz normale Bewohner beherbergt, jenseits des Treibens; zwischen Palmen, Wüstensand und hell getünchten Bungalows. Las Vegas zwischen Tag und Nacht – und hat man Gia Coppolas The Last Showgirl gesehen, könnte man beide Filme für Episoden unter dem selben Nenner erachten, denn nicht nur stilistisch, auch erzählerisch weisen beide Werke völlig unbeabsichtigterweise Ähnlichkeiten auf, beide mit Fokus auf einen Alltag, dessen Zeit nicht stillsteht.

Coppolas Film mag etwas dramatischer sein, Woschitz‘ Episode hingegen gibt sich entspannt, intuitiv, fast wie aus dem Stegreif. Kann sein, dass The Million Dollar Bet nicht ganz so leicht nachvollziehbare Prioritäten vermittelt und seinen Figuren weniger nahekommt als geplant – den fast dreifachen Marathon so hinzubiegen feiert die pragmatische Beharrlichkeit des Willens. Und den Reiz des gar nicht mal so leicht verdienten Geldes.

The Million Dollar Bet (2024)

U Are the Universe (2024)

DAS LETZTE DATE DER MENSCHHEIT

8/10


© 2025 Drop Out Cinema


ORIGINALTITEL: TI-KOSMOS

LAND / JAHR: UKRAINE, BELGIEN 2024

REGIE / DREHBUCH: PAVLO OSTRIKOV

CAST: VOLODYMYR KRAVCHUK, ALEXIA DEPICKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Nein, man verhört sich dabei nicht, wenn der Film in manchen Szenen seine Hommage an einen ganz großen, wenn nicht den größten Klassiker der Science-Fiction erhobenen Armes vor sich herträgt: Die Klänge von Also sprach Zarathustra erklingen nicht im eigenen Kopf, sondern tatsächlich – während einer ausgesucht augenzwinkernden Weltraumszene, die sich angesichts des Endes der Menschheit eines Humors bedient, der so heilend wirkt wie der Trost eines guten Freundes. Dabei wären wir, das eingeschworene Publikum des Slash ½-Festivals, fast gar nicht in den Genuss dieser Szene gekommen. U Are the Universe war noch nicht ganz fertiggestellt, als Russland über die Ukraine herfiel. Und dennoch, trotzdem sich seit damals das Land im Kriegszustand befindet und einige aus der Filmcrew an die Front mussten, vollbrachte der Filmemacher Pavlo Ostrikov das Unmögliche. Das Ergebnis ist ein handwerklich ausgefeilter, top ausgestatteter Weltraumfilm, der höher budgetierten Genrefilmen um nichts nachsteht, und der gleichermaßen eine Geschichte erzählt, die so viel Sehnsucht und Empfindung in sich trägt, dass niemals zum Pathos wird, was der einsame Kosmonaut auf dem Weg zum Jupiter alles durchmachen muss.

Diese Odyssee, die sich tief vor Stanley Kubricks 2001 verbeugt und sich Klassikern wie Lautlos im Weltraum, Dark Star oder Moon freundschaftlich anschließt, setzt sich erst nach einem im wahrsten Sinne des Wortes vernichtenden Paukenschlag in Gang. Kein geringerer Himmelskörper als die Erde setzt Ostrikov auf die Abschussliste. Wie eiternde Pusteln entzünden sich brennende Herde auf der Erdoberfläche, ein vernichtendes Feuer breitet sich aus, und dann der große Knall. Andriy Melnyk, einziges Personal auf einem Atommülltransporter in Richtung des Jupitermonds Callisto, dürfte nun, wenn man eins und eins zusammenrechnet, der letzte Mensch des gesamten bekannten Universums sein. Wie fühlt sich das an? Erstmal gar nicht, denn so ein Ereignis muss ein menschlicher Geist erst einmal akzeptieren. Zum Glück muss Andriy nicht alleine mit diesen neuen Parametern klarkommen – eine künstliche Intelligenz namens Maxim, ein klobiger Roboter mit Greifarm und Bordcomputer des Schiffes (HAL 2000 lässt grüßen) versucht, genug Empathie zu simulieren, um den Trost eines guten Freundes zu spenden. Während des Manövers, den rasend heranfliegenden Trümmern der Erde auszuweichen, bekommt Melnyk tatsächlich nochmal Post – von Catherine, die in einem Forschungsraumschiff nahe des Saturns festhängt. Auch wenn die beiden Planeten beim Aufzählen des Sonnensystems nebeneinanderliegen – der Weg von Jupiter zu Saturn ist weit, die Funkübertragung sehr lang, so geht der Dialog eher schleppend vor sich. Im Grunde aber ist es das narrative Prinzip romantischer Filme wie Schlaflos in Seattle, die wiederum die antike Sehnsucht nach Zweisamkeit zwar nicht auf so ein dramatisches Level hochschrauben wie bei Orpheus oder Odysseus, dafür aber den alltäglichen Gebrauch davon abbilden. In U Are the Universe geht es dramatisch genug einher, ohne aber das Drama aufzubauschen.

Jene, die Kinoromantik eher skeptisch gegenüberstehen, seien aber entwarnt. Dieser entschleunigte und gleichsam beschleunigende Solo-Trip in die Ewigkeit eruiert zwar das Grundbedürfnis des Menschen, seiner Einsamkeit zu entgehen, füttert den Plot aber mit geschickt platzierten Wendungen, die den geradlinigen Trip durchs Dunkel zumindest im Kopf mäandern lassen. Mit viel Mut zur Stille, zur Reduktion und zu einer Ironie, die angesichts einer Endzeit so rettend wie wohltuend erscheint, verlässt sich Ostrikov im sicheren Vertrauen auf seinen Hauptdarsteller, der wahrscheinlich nur rein zufällig dem leidgeprüften Präsidenten Selenskyj ein bisschen ähnlich sieht. Fast könnte man in manchen Szenen meinen, er selbst wäre isoliert von allem, stets unterwegs, ein Ziel zu finden, dass nicht mehr sein kann als ein schicksalsentscheidendes Blind Date, weil es das letzte ist, das die Menschheit jemals eingehen wird.

Europäisches Kino wie dieses, das obendrein atemberaubende Bilder liefert und sich in stilsicherem Setting wie daheim fühlt, wagt auch die geschwungenen Drehbuchzeilen einer tief empfundenen, tragisch-schönen Poesie, die sich das US-Kino wohl kaum getraut hätte und wenn doch, auf der eigenen Seife ausgerutscht wäre. Bei U Are the Universe ist es das aufrichtige Statement eines Versprechens, einer Vision, geformt mit Lehm, als Botschaft gegen den technologischen Fortschritt, die besagt, dass man nur mit den eigenen Händen wirklich begreifen kann, worauf es ankommt. Nach all der Technik, den Errungenschaften, der Dystopie, bleibt am Ende immer und irgendwo der Mensch, im Kreis des Leonardo Da Vinci, allein und sich selbst einem uneigennützigen Zweck empfehlend.

U Are the Universe (2024)

The Rule of Jenny Pen (2024)

DIE PUPPENTRICKS ÄLTERER HERREN

7/10


© 2024 Shudder


LAND / JAHR: NEUSEELAND 2024

REGIE: JAMES ASHCROFT

DREHBUCH: ELI KENT, JAMES ASHCROFT, NACH DER KURZGESCHICHTE VON OWEN MARSHALL

CAST: JOHN LITHGOW, GEOFFREY RUSH, GEORGE HENARE, IAN MUNE, THOMAS SAINBURY, MAAKA POHATU, HOLLY SHANAHAN, PAOLO ROTONDO, GINETTE MCDONALD U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Geoffrey Rush hat man schon länger nicht mehr auf großer Leinwand gesehen. Der Oscarpreisträger (für die David Helfgott-Biopic Shine) und langjährige Piratenkapitän Barbossa, der Johnny Jack Sparrow Depp nicht nur einmal herausgefordert hat, erleidet als Richter Stefan Mortensen in vorliegendem Psychothriller während des Ausübens seiner juristischen Pflicht einen Schlaganfall. Geistig noch komplett bei Sinnen, körperlich jedoch schwer eingeschränkt, fristet er von nun an seinen unterfordernden Lebensabend in einer stinklangweiligen, biederen Altersresidenz, in der geistiger und körperlicher Verfall in jeder Ecke daran erinnern, dass man, um länger zu leben, einfach nur auf irgendeine Weise alt werden muss. Wäre die tägliche Routine, in der sich Mortensen so ausgeliefert fühlt wie seinerzeit Jack Nicholson in Einer flog über das Kuckucksnest, nicht ohnehin schon Strafe genug für ein Leben, würzt die ganze umnachtete Idylle noch das psychopathische Verhalten eines ewig lästigen Mitbewohners, der schon eine Ewigkeit an diesem Ort sein Dasein fristet, und von dem man nicht weiß, ob er tatsächlich nichts in der Birne hat oder nur so tut, als wäre er verrückt. Dieser Jemand ist John Lithgow als Dave Crealy, der untertags wie Todd Philipps Joker gackernd durch die Gegend lacht, das Mittagessen in sich reinschaufelt und des Nächtens in die Zimmer anderer Leute schleicht, um sie zu schikanieren – und um sie daran zu erinnern, wer hier das Sagen hat. Es ist Jenny Pen, eine Handpuppe, die entfernte Verwandte von Annabel, mit leeren Augenhöhlen und einem Dauergrinsen im Gesicht, das schon mal einer grimmigen Mimik weicht. Diese Puppe ist die Geißel des Altersheims. Umso unverständlicher und rätselhafter ist es, dass das Pflegepersonal niemals auch nur die geringsten Anstalten macht, Crealy zu maßregeln. Ganz besonders auf dem Kieker hat er Mortensen, denn der lässt sich, sofern seine Physis es ihm erlaubt, den Psychoterror des alten Aggressors nicht gefallen.

Filme, in denen alte Menschen austicken, gibt es zur Genüge. Da müsste man nur Ti Wests X hernehmen, The Owners mit Game of Thrones-Star Maisie Williams oder Old People. Was hierbei auffällt: Der Terror der Alten richtet sich hierbei stets gegen die Jugend. Hier, in James Ashcrofts bitterböser Komödie, steigen diesmal Alt gegen Alt in den Ring, und wer noch halbwegs atmen kann oder die Motorik seiner Extremitäten beherrscht, hat die Pole Position. Wäre ich selbst Geoffrey Rush, dem Diktat des Pflegesystems ausgeliefert und würde ich nicht für voll genommen werden, wenn des Gegners Intrigen mich der vermeintlichen Inkontinenz überführen – vor einem wie John Lithgow hätte ich eine Heidenangst.

Der Mann weiß das Handwerk des Bösen nicht von Ungefähr zu beherrschen. Ich kann mich noch gut an Russel Mulcahys düsteren Actionthriller aus den Neunzigern erinnern: Ricochet – Der Aufprall. Selbst ein blutjunger Denzel Washington konnte dem diabolischen Treiben Lithgows kaum etwas entgegensetzen. Und so, wie der Mime schon damals für Unwohlsein gesorgt hat (und als Hannibal Lecter wohl auch eine gute Figur gemacht hätte), tut er es wieder: Als alter, böser, manipulativer Irrer, dessen Wesen sich niemals ergründen lässt, dessen Beweggründe für seine Taten ein Mysterium bleiben, der wie ein sinistrer Geist die bedürftige Gesellschaft unterjocht.

Es wäre nur das halbe Vergnügen, würde ihm Geoffrey Rush als ebenbürtiges Schauspielschwergewicht nicht ordentlich Paroli bieten. Beide schenken sich nichts, machen in Worten und Taten keine Gefangenen. The Rule of Jenny Pen ist ein perfider Psychokrieg der alten Schule, um sich schlagend, sadistisch und gespenstisch. Er erklärt und ergründet nichts, sondern setzt sich mit einer destillierten Niederträchtigkeit auseinander, die in der zeitlosen Stasis eines betreuten Lebensabends ihre Saat keimen lässt.

The Rule of Jenny Pen (2024)

The Surfer (2024)

KEIN PLATZ AN DER SONNE
7/10


© 2024 Lionsgate


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, IRLAND 2024

REGIE: LORCAN FINNEGAN

DREHBUCH: THOMAS MARTIN

CAST: NICOLAS CAGE, JULIAN MCMAHON, NICHOLAS CASSIM, MIRANDA TAPSELL, ALEXANDER BERTRAND, JUSTIN ROSNIAK, RAHEL ROMAHN, FINN LITTLE, CHARLOTTE MAGGI U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die schönsten Strände der Welt finden sich wohl auch in Australien. Inmitten einer üppigen Natur, begleitet von den gackernden Lauten eines Kookaburra, die das Kreischen der Sittiche noch übertönen, begleitet vom Rauschen der Wellen und eingebettet in sattes Grün. Ein wahres Elysium für einen wie Nicolas Cage, der diese Gegend gut kennt, ist sie doch Teil seiner Kindheit – zumindest im Film. In The Surfer, dem neuen, perfiden Mindfuck-Streich von Lorcan Finnegan, der bereits schon mit seiner nihilistischen Lovecraft-Hommage Vivarium sein Publikum an nichts mehr glauben hat lassen, ist der im rötlichblonden Haar- und Bart-Look erstrahlende Superstar des bizarren Genrekinos einer, der am Strand seiner Träume auf Ausgrenzung stößt. Gerade dort, auf diesem Fleckchen Erde, an welchem Wellen brechen, auf denen man wie nirgendwo sonst dahinschippern kann. Dieses Damals, in welchem die Figur des namenlosen Mannes schwelgt, soll auch Teil von dessen Sohn werden – also bringt der Vater seinen Filius hierher, um ihm zu zeigen, wie ein Sport wie dieser gelebt werden kann. Allerdings: „You don’t live here. You don’t surf here.“ Dieser Strand ist in fester Hand einer lokalen Männerrunde, die niemanden sonst hier aufs Meer lässt, der nicht auch hier wohnt. Cage tut das nicht, also wird er aufs Gröbste vertrieben. Kann einer wie er so eine Abfuhr auf sich sitzen lassen? Ist diese Diskriminierung etwas, die man ganz einfach wegsteckt?

Vor allem, wenn Papa ohnehin plant, das Haus seiner Kindheit hier oben am Hang zurückzukaufen, um wieder so zu tun, als wären alle eine intakte Familie, als würde auch die Ehefrau reumütig wieder zurückkehren, um am Balkon mit Blick aufs Meer Feste zu feiern. Diese Vision hat Cage im Kopf, und dieser Vision opfert er schließlich auch jegliches rationale Empfinden, jegliche Vernunft und jegliche Planung. Als er den gedemütigten Sohn daheim absetzt, kehrt der Surfer zurück. Er will alles versuchen, um seinen Platz an der Sonne zu erstreiten. Auch wenn es ihm alles kostet. Seinen Besitz, seine Würde, seine Selbstachtung.

Das mag vielleicht alles nach einem hoffnungslosen Grenzgang klingen, den seinerzeit schon Michael Douglas in Falling Down unternommen hat – und ja: tauscht man die urbanen Gefilde gegen den Busch, gibt es Parallelen hinsichtlich dessen, wie Nicolas Cage immer mehr verfällt, immer mehr von Instinkten getrieben wird und in einer schier verzweifelten Hoffnungslosigkeit gegen Windmühlen ankämpfen muss, die aus mobbenden Youngsters und halbstarken Machos bestehen, die sekkanter nicht sein können. Immer schmerzlicher wird es, dabei zuzusehen, wie der zähneknirschende Cage die Kontrolle verliert und all die anderen mit ihm tun können, wonach es sie gelüstet. Die psychosoziale Schikane nimmt die grotesken Ausmaße einer Verschwörung an, und so gnadenlos der Abstieg auch anmutet, so kurioser wird Nicolas Cages exaltierte Performance. Was soll man anderes tun, als sich daran zu ergötzen, wie sich die existenzverlustierende Figur des Gescheiterten in hysterischer Verzweiflung suhlt. Versifft, verschwitzt, verwundet, verdurstend – und doch hat alles einen Grund. Womit wir bei Lorcan Finnegans perfider Erzählweise von Geschichten wären, die mysteriöser kaum sein können.

Zwischen reaktionärem Männerkult und traumatischer Bewältigung quält sich Cage in genüsslichem Overacting bis zum Gipfel der Selbstaufgabe. Weder ist The Surfer dabei Rachedrama, Action oder Thriller – Finnegan rührt in einem mysteriösen Potpourri, stört die Wahrnehmung und hinterfragt Identitäten. Das Unklare in dieser erfrischend kurzweiligen Studie der Beharrlichkeit weckt an den Haaren herbeigezogene Mutmaßungen. Man staunt, man spekuliert, man ekelt sich. Und obwohl Cage auch noch so leidet: Das, was kein anderer Akteur eigentlich sonst darf, reicht zur Etablierung eines tragikomischen Wutbürgers, der um sein Recht auf Erfüllung fuchtelt. Die gallige Schadenfreude Finnegans unter tropisch heißer Sonne, die alles Denken ausdörrt, während die Tierwelt von Down Under in ignoranter Langeweile ihre Integrität in einem toxischen Ökosystem feiert, lässt den Surfer wie einen modernen Tantalus ungern an die gedeckte Tafel. So hell die Sonne dabei strahlt, so dunkler sind die Schatten in diesem hämischen Lamento um verpasste Träume, das sich gewöhnlichem Plot-Denken entzieht.

The Surfer (2024)

The Black Hole (2024)

EXKURS IN DIE BALTISCHE TWILIGHT ZONE

8/10


© 2024 Amrion


ORIGINALTITEL: MUST AUK

LAND / JAHR: ESTLAND, FINNLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: MOONIKA SIIMETS

CAST: URSEL TILK, LINNA TENNOSAAR, REA LEST, DORIS TISLAR, ANNE REEMANN, EVA KOLDITS, KRISTO VIIDING, JEKATERINA LINNAMÄE, LAINE MÄGI, HANNU-PEKKA BJÖRKMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Erst kürzlich wurde bestätigt, dass in 124 Lichtjahren Entfernung der Planet K2-18b konkrete Anzeichen von Leben birgt. Ihn dafür als einen Ort zu betrachten, um auszusteigen, neu anzufangen und ein besseres Leben zu führen, mag noch etwas verfrüht sein. Vielleicht aber liegt das späte Lebensglück ja im Andromeda-Nebel. Obwohl deutlich weiter weg als K2-18b, wäre diese Vorstellung noch realistischer. Warum? Weil nicht wir dorthin müssen, sondern weil jene, die dort leben, zu uns kommen. Mag ja sein, dass sich dafür eine Mitfahrgelegenheit ergibt, ganz so wie beim jungen Peter Quill, dem späteren Star Lord der Guardians of the Galaxy. Doch von Marvel ist der kuriose Episodenfilm The Black Hole dann doch weiter entfernt als gedacht. Hier kommen ausnahmsweise mal nicht die Amerikaner in den Genuss einer Begegnung der dritten Art, sondern ganz normale Leute aus dem schönen Estland.

Ehrlich gesagt: Wie oft hat unsereins schon einen estnischen Film gesehen? Die Anzahl dieser Produktionen lässt sich an einer halben Hand erfassen. Doch was sich rar macht, kann, wenn es entdeckt wird, ungeahnt gut werden. Ausfindig machen lässt sich The Black Hole im Rahmen des frühlingshaften Slash ½ Filmfestivals, einer dreitägigen Vergnügungsreise in die Tiefen des fantastischen Genres, zu welchem auch Perlen aus dem Festival Crossing Europe, das jährlich in Linz abgehalten wird, dazustoßen können. The Black Hole ist so eine, und Regisseurin Moonika Siimets lässt dabei scheinbar verlorene Seelen des tristen estnischen Alltags dem Übernatürlichen, Paranormalen, Fremdartigen begegnen, wovon aber am Absonderlichsten gar nicht mal das Auftauchen tentakelbewährter, schleimiger Intelligenzbestien im wahrsten Sinne des Wortes ist, sondern vielleicht ein in krachlederne Tracht gezwängter Ur-Österreicher, der den Staubsauger des Jahrtausends an die nichtsahnende Mama bringen will, die daheim ihren introvertierten Sohn verköstigt, der wiederum eine sinnliche Femme fatale vergöttert, die ihr eigenes Süppchen kocht.

Derlei Dinge passieren, und auch die beiden reiferen Damen, die sich, so wie alle anderen hier auch, einfach nur danach sehnen, gebraucht zu werden, willigen gar ein, sich physikalisch scheinbar unmöglicher Experimenten zu unterziehen, die den Aliens hoffentlich die richtigen Erkenntnisse zur Spezies Homo sapiens bringen. Siimets bedient sich dabei den literarischen Vorlagen aus der Kurzgeschichtensammlung von Armin Kõomägi and Andrus Kivirähk. Ihr Film vermengt dabei drei dieser Stories miteinander, die jeweils inhaltlich aber nur wenig miteinander zu tun haben, dafür aber auf kluge Weise von einer Erzählung zur anderen überleiten – das muss auch chronologisch gar nicht akkurat sein, und genau durch diese zeitliche Aufhebung bekommt The Black Hole noch einen zusätzlichen dramaturgischen Drall, der dieses Filmerlebnis zu etwas Besonderem macht. Diese Wertschätzung erlangt die baltische Twilight Zone aber ganz alleine durch einen ungehemmt skurrilen, lakonischen Humor, der finnische Urstände feiert – gerade als Österreicher muss man sich mehrmals auf die gar nicht ledernen Schenkel klopfen, wenn das eigene Land so karikiert wird. Zwischen diesem schrägen Irrsinn gibt es aber immer wieder zarte Nuancen von Sehnsucht, Liebe und dem angenehm warmen Gefühl der Zugehörigkeit, und obwohl The Black Hole auch seine düsteren, gewalttätigen Seiten hat – die makabre Komik im Stile alter Jack Arnold-Filme, schmerzfreier Body-Horror, Portalreisende und kuschelige Arachniden, die nur begrenzt Spinnenangst hervorrufen, sind auf liebevolle, herzblutende Weise mit- und untereinander arrangiert.

Im Subtext lässt sich herauslesen, wie sehr Siimets ihre Gestalten gar nicht mehr so gerne in eine ungewisse Zukunft entlassen will, doch auch hier muss irgendwann Schluss sein, wie bei jedem kinematographischen Werk. Und The Black Hole weiß genau, wo das urbane Märchen sein Ende findet, und das nicht, ohne überall eine durch und durch und betont feministische Zuversicht zu streuen. Die Welt scheint nur darauf zu warten, dass das Paranormale über sie hereinbricht. Und wenn es nur ein Apfelkuchen ist, der den Andromeda-Nebel ein bisschen näher heranrücken lässt.

The Black Hole (2024)

The Last Showgirl (2024)

BIS VEGAS UND NICHT WEITER

6/10


© 2024 Constantin Film / Courtesy of Goodfellas


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: GIA COPPOLA

DREHBUCH: KATE GERSTEN

CAST: PAMELA ANDERSON, JAMIE LEE CURTIS, DAVE BAUTISTA, KIERNAN SHIPKA, BILLIE LOURD, BRENDA SONG, PATRICK HILGART, JOHN CLOFINE, JASON SCHWARTZMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Selbst der gute alte Baumeister Richard Lugner – Gott hab ihn selig – hatte die dralle Blondine als Stargast zum Opernball geladen: Pamela Anderson. Sie saß damals mit dem republikanischen Enfant Terrible Kid Rock in des alten Herren Loge, und das Image, welches an ihr haftete, war beileibe nicht jenes, welches wir in Gia Coppolas Showbiz-Requiem The Last Showgirl zu sehen bekommen. Einem Film, der sich teilweise so anfühlt, als hätte ihn Sean Baker geschrieben – von einem, der die sozialen Gräben eines Zerstreuung suchenden Amerikas nicht zuschüttet oder zu überbrücken versucht, sondern in diese hinabsteigt. The Florida Projekt war so ein Film, fast semidokumentarisch, um später durch das schillernd-tragikomische Verliererdrama Red Rocket abgelöst zu werden, bevor ihm Anora den Oscar einbrachte. Doch hier geht es nicht um Baker, sondern um die Themen, die er aufgreift. Und die auch Coppola ein Anliegen sind, also hat sie das Skript von Kate Gersten verfilmt mit einer Dame in der Titelrolle, die einem nicht als erste in den Sinn kommt, wäre es um eine alternde Rampensau gegangen, deren jahrzehntelang ausgeführtes Programm The Razzle Dazzle vor dem Aus steht. Warum der Klassiker, der fast schon so institutionalisiert zu sein scheint wie Agatha Christies The Mousetrap in London, progressiveren Projekten weichen muss? Weil sich kein Hahn und keine Henne mehr danach umdreht, weil das Auditorium so gut wie leer bleibt und die Anzahl der leicht beschürzten Damen die der Ticketzahlenden mitunter übersteigt. Dass Dave Bautista, das Faktotum des Theaters, seiner ehemaligen Geliebten und Freundin keine besseren Neuigkeiten übermitteln kann, schmerzt ihn. Doch der Anfang vom Ende lässt sich nicht mehr aufhalten, Shelley, so Andersons Charakter, hat nie etwas anderes dargeboten als diese seichten Tanznummern, so scheint sie auf der Suche nach Alternativen nirgendwo gut genug. Was die knapp Sechzigjährige, die überdies atemberaubend gut aussieht und sich daher als Mitte Vierzig verkauft, noch zusätzlich belastet, ist das Verhältnis zu ihrer Tochter. Dass dieses nicht das Beste ist, mag an Shelleys Leidenschaft gelegen haben, alles für Las Vegas‘ Bühne zu opfern – sogar die Zeit mit ihrem Nachwuchs.

Reflektieren, bereuen, besser machen: The Last Showgirl ist ein introvertiertes, leises Erkenntnisdrama, in welchem die weibliche Selbstachtung stets auf der Kippe steht. Dass Pamela Anderson dabei so weit geht wie Co-Star Jamie Lee Curtis, davon kann keine Rede sein. Letztere kennt keine Scham, wenn es darum geht, dem ernüchternden Schicksal älterer Frauen eines reinzuwürgen. Nach wie vor ist sie aber in dem, was sie tut, egal was, so hinreißend, dass, und ich erwähne ihn nochmal, Sean Baker die Filmlegende fürs nächste Mal dringend besetzen müsste. Anderson aber, die, anders als Curtis, ihre Optik zuschnitzen und nur so viel chirurgisch hat richten lassen, damit es kaum verdächtig aussieht, gibt sich lange Zeit im funkelnden Las Vegas-Selbstbetrug wenig haltbaren Illusionen hin. Im Film sieht man diese brüchige Fassade endgültig bröckeln – ohne aber die sozial Benachteiligten in die Gosse zu stoßen. Mag sein, dass Coppola zu viel Mitleid mit ihren Figuren empfindet, um eine mögliche Zukunft für Shelley bereitzuhalten. Als käme morgen der Weltuntergang, versucht The Last Showgirl, alles ins Reine zu bringen, bevor in Las Vegas alle Lichter ausgehen. Diese Stadt in der Wüste erfährt dabei selbst, wie ernüchternd sie erscheinen kann. So, wie Elvis Presley sie wohl wahrgenommen hat, während seines repetitiven Fegefeuers der immer gleichen Show. In diese beängstigenden Footsteps tritt auch Anderson, doch die Realität holt den Film nicht ein. Das letzte Kapitel einer federtragenden Glitzerfee will Versöhnung und Akzeptanz zu einem Zeitpunkt, der im Film niemals reif genug scheint.

The Last Showgirl (2024)

Wenn das Licht zerbricht (2024)

MEHR ALS NUR DAS ENDE EINER LIEBE

7/10


© 2024 Polyfilm


ORIGINALTITEL: LJÓSBROT

LAND / JAHR: ISLAND, KROATIEN, FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: RÚNAR RÚNARSSON

CAST: ELÍN HALL, MIKAEL KAABER, KATLA NJÁLSDÓTTIR, ÁGÚST WIGUM, GUNNAR HRAFN KRISTJÁNSSON, BALDUR EINARSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 22 MIN


Die wohl besonderste Rubrik bei den Filmfestspielen von Cannes ist meines Erachtens jene, die den „gewissen anderen Blick“ auszuloben weiß. Un Certain Regard nennt sich diese Schiene, und dort lässt sich alles finden, was man gut und gerne als innovativ, um die Ecke gedacht oder mutig bezeichnen könnte. Von Filmemacherinnen und Filmemachern, die bekannte Themen aus einer anderen, selten oder noch gar nie eingenommenen Position betrachten. Filme wie diese sind eine Frischzellenkur, weil sie keinen bereits betretenen Pfaden folgen, sondern ganz neue ins Dickicht schlagen. Einer davon ist Wenn das Licht zerbricht, im isländischen Original einfach nur Lichtbrechung. Die sieht man ganz besonders, wenn man bei niedrig stehender Sonne aufs Meer blickt, vor allem dann, wenn man dem Gestirn direkt gegenübersteht. Die leuchtenden Reflexionen auf den Wellen sehen aus, als würde die Sonne in hunderte, tausende kleine glühende Teile zerfallen. Ein Anblick, den Una und Diddi gemeinsam genießen, an diesem letzten Abend – weil sie Liebende sind. Und weil die Zukunft ihnen offen steht. Denn Diddi wird am nächsten Tag mit Klara Schluss machen. Keiner weiß noch von Unas und Diddis Beziehung, alles ist geheim und soll erst bekannt werden, nachdem Diddi getan hat, was er eben tun muss. Doch soweit kommt es nie. Ein verheerender Autounfall kostet dem jungen Mann das Leben. Die Trauer ob dieses Verlustes wird von allen getragen, die Diddi kannten – und es sind nicht wenige, eine eingeschworene Gruppe an Freunden und Studenten teilen den Schmerz. Darunter natürlich auch die völlig aufgelöste Klara, die nichts davon weiß, wie Una darunter leidet. Und Una selbst – muss sie die Starke, Unbeteiligte spielen? Oder kann sie davon berichten, auf welche Weise ihr Diddi wichtig gewesen war?

Alleine dem Titel nach könnte man vermuten, dass Rúnar Rúnarssons Trauerdrama schwerer, heftiger Tobak sein muss, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Filme über Trauer und Verlust – die muss man sich nicht antun, schon gar nicht, wenn sich das echte Leben ohnehin so entbehrungsreich darstellt. Nicht umsonst ist Wenn das Licht zerbricht in ebenjener Cannes-Kategorie zu finden, in welcher Lebenssituationen eben anders erzählt werden. Im Zentrum steht natürlich die aparte, faszinierende Elín Hall als trauernde Una – Rúnarsson kreist um sie herum, beobachtet sie von hinten, von der Seite. Unas Erscheinung ist allgegenwärtig. Der Blickwinkel ist ausschließlich der ihre. Es ist beeindruckend, wie Rúnarsson ihre Gefühle einfängt, lakonisch und verbal aufs Wesentliche beschränkt. Wie man Trauer empfindet, bleibt auch im Film im Moment der erschütternden Nachricht wie ein Kloß im Hals – wie man sie auslebt, zeigt der Film dann mit einer kuriosen Unbeschwertheit, sie reicht vom Schockzustand bis hin zum wilden Tanz, vom Alkohol (der literweise fließt) bis zum Experiment der Wahrnehmung. Eine Aktion, die Una und Karla gemeinsam durchführen. Denn Karla lockt Una aus der Reserve – sie lässt sie erkennen, wie Trauer ins Gegenteil verkehrt werden kann, wenn man sie nicht alleine in diesem Ausmaß tragen muss.

Wie das zerbrochene Licht zerbricht auch die Schwere eines Verlustes, zuerst unbeabsichtigt, dann sehnsüchtig und wollend. Zum Zeitpunkt des Todes und im Moment eines Neuanfangs zeigt sich der zersplitternde Schein in den Lichtern des Tunnels, in welchem das Feuer ausbricht – und dann eben am Ende eines emotional aufwühlenden Tages, bevor klar wird, dass der Schmerz trotz einer niemals auslebbaren Rivalität zu zweit getragen werden kann. Der Tod eines geliebten Menschen bringt vieles auf Neustart. Es wird klar, worauf es ankommt im Leben – nämlich einander zu haben, nicht alleine zu sein, in schwierigen Situationen wie dieser.

Ein unkonventionelles psychologisches Konstrukt schafft Rúnarsson und lässt Spielraum in seinem kleinen Film auch für lange, manchmal etwas zu lange Szenen, die in ihrer Gleichförmigkeit eine innere Ruhe dort ausstrahlen, wo man eigentlich am liebsten irgendwas würde tun wollen, um auf andere Gedanken zu kommen. Dieses Innehalten ist dezent provokativ. Schafft aber auch die Möglichkeit, aus Verhaltensnormen auszubrechen.

Wenn das Licht zerbricht (2024)

Die Wärterin (2024)

WIEVIEL SCHULD BLEIBT DEM GEFANGENEN?

7,5/10


© 2024 24 Bilder

ORIGINALTITEL: VOGTER

LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN 2024

REGIE: GUSTAV MÖLLER

DREHBUCH: GUSTAV MÖLLER, EMIL NYGAARD ALBERTSEN

CAST: SIDSE BABETT KNUDSEN, SEBASTIAN BULL, DAR SALIM, MARINA BOURAS, OLAF JOHANNESSEN, JACOB LOHMANN, SIIR TILIF, RAMI ZAYAT, MATHIAS PETERSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Im Kino kann man das Wort Rache schon bald nicht mehr hören. Aus Hollywood wird der asoziale, verbrecherische Amoklauf aus Trauer, Frust und Wut immer dafür instrumentalisiert, den roten Faden eines Actionthrillers zu rechtfertigen, der mit Verbrechern kurzen Prozess macht. Rache hat da meistens die banale, für alle Gesellschaftsschichten verständliche, niedere Instinktgetriebenheit, die im Moment existiert und keinesfalls vorausschauende Gedanken hegt. Rache ist die Befriedigung eines emotionalen Ausnahmezustands und hat keinerlei nachhaltige Wirkung. Im Fatih Akins Terrordrama Aus dem Nichts quält sich Diane Kruger mit dem Impuls, unbedingt Rache nehmen zu müssen an jenen, die ihre Familie ausgelöscht haben. Wofür? Für nichts. In The Amateur, dem neuen Film mit Rami Malek, wird Selbstjustiz gar vom Geheimdienst geduldet, ohne Konsequenzen. Eiskalt serviert sie auch Marvel-Antiheld The Punisher (Jon Bernthal), der sich ballernderweise dem organisierten Verbrechen entledigt. Diese Schemata wiederholen sich in regelmäßiger Reihenfolge wie das Amen im Gebet. Doch wenn man meint, in diesem Sektor des Rachefilms alles schon gesehen zu haben, dürfte wohl die Rechnung ohne die lieben Dänen gemacht worden sein. Denn die haben Gustav Möller, und Möller hat bereits mit seinem hochspannenden und dichten Kammerspiel The Guilty die Sehgewohnheiten des Publikums auf Hörspielebene gehoben. Was dort ans Ohr dringt, sind raffinierte akustische Bildwelten und ein Dialog, der so viele Fragen aufwirft, das diese an den Grundfesten menschlichen Verhaltens rütteln.

Dieses menschliche Verhalten wird auch zum irrationalen Faktor eines Nervenkriegs zwischen einer Vollzugsanstaltsbediensteten und einem verhaltensauffälligen Mörder, dessen unkontrolliertes Impulsverhalten diesem eine mehrjährige Haftstrafe in einem Hochsicherheitstrakt eingebracht hat. Soweit so klassisch. Doch dann kommt das: Dieser Gewaltverbrecher namens Mikkel hat den Sohn von Wärterin Eva auf dem Gewissen, der selbst wegen diverser Delikte gesessen hat und dort, im Knast, damals auf diesen Mikkel traf – mit tödlichem Ausgang. Der Zufall will es anfangs nicht, dass Eva, tätig im milden Strafvollzug, direkt mit Mikkel konfrontiert wird. Doch sie weiß: Wenn sie sich verlegen lässt, wäre ihr der Mörder ihres Sohnes ausgeliefert. Sie könnte ihm nach Strich und Faden das Leben zur Hölle machen.

So einfach, wie sich Eva dieses unreflektierte Unterfangen vorstellt, wird es allerdings nicht werden. Mikkel ist schließlich nicht auf den Kopf gefallen, und bald wird ihm klar, dass es diese hasserfüllte Wärterin ganz besonders auf ihn, und nur auf ihn abgesehen hat. Dieses Geheimnis der trauernden Mutter trägt Eva schließlich mit sich herum, ohne das irgendjemand etwas davon weiß. Somit erreicht der Psychokrieg zwischen den beiden eine Eigendynamik, die beide nicht werden kommen sehen.

Weit weg von den Banalitäten eines trivialen Unterhaltungskinos, das Ambivalenzen großräumig umschifft, setzt Die Wärterin zwei unbequeme, ungemütliche und keinesfalls schwarzweißgemalten Charaktere ins Zentrum. Was Sidse Babett Knudsen (Nach der Hochzeit, Club Zero) in vorzüglicher Rollenbeherrschung an Amoral und Niedertracht zulässt, ist für eine Protagonistin wenig sympathiefördernd. Und dennoch entwickelt sich keine Ablehnung gegen diesen Charakter, genauso wenig wie für den vorbestimmten Antagonisten, in diesem Fall Sebastian Bull als Straftäter und asozialen Problemcharakter Mikkel. Möller dröselt die Ordnung von Schwarz und Weiß soweit auf, dass nur noch eine Grauzone vorherrscht, in der beide Opfer und Täter zugleich sind. Die anfangs moralisch vertretbare Rache wird zum Mobbing, diese zur nackten Gewalt. Umgekehrt missbraucht Mikkel seine Rolle als Gedemütigter, um auf Eva seinerseits Druck auszuüben. Dieses Kräftevakuum lässt Die Wärterin zu einem starken, expliziten Schlagabtausch anschwellen, der nichts beschönigt, romantisiert oder dafür nutzt, um die christlich-sozialen Werte der Vergebung zu exemplifizieren.

Möller will gar nicht so weit gehen, den guten Umgang mit Verlust, Trauer und Genugtuung zu predigen, aus dem man gestärkt hervorgeht, weil die Kraft der Vergebung nur durch einen einzigen, akkuraten Prozess zu erlangen ist. Dem widerspricht Möller in jedem Fall. Seine Geschichte packt das Dilemma an der Wurzel und enttarnt vor allem die Rolle der Eva, die mit ihrer wütenden Rache nur sich selbst betrügt und von der eigentlichen Problematik in dieser Sache ablenkt. Letztendlich ist der Faktor des Erkennens die Basis für alles, um sich selbst weiterzuentwickeln und aus einer selbstverschuldeten Verlorenheit auszubrechen. Die Wärterin schildert dies mit düsterer Stimmung, unschöner Momente, aber mit sehr viel Ehrlichkeit und einem bewussten Fokus auf Sidse Babett Knudsens verhärmtes Gesicht, in dessen Mimik sich immer wieder Zweifel um die Art und Weise der eigenen Katharsis widerspiegeln.

Die Wärterin (2024)

Parthenope (2024)

DIE EINSAMKEIT DER SIRENEN

8,5/10


© 2024 Polyfilm / Gianni Fiorito


LAND / JAHR: ITALIEN, FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: PAOLO SORRENTINO

CAST: CELESTE DALLA PORTA, SILVIO ORLANDO, LUISA RANIERI, PEPPE LANZETTA, ISABELLA FERRARI, GARY OLDMAN, DANIELE RIENZO, DARIO AITA, SILVIA DEGRANDI, STEFANIA SANDRELLI U. A. 

LÄNGE: 2 STD 16 MIN


Der gute alte Odysseus – Christopher Nolan wird nächstes Jahr den antiken Helden aufs Mittelmeer hinausjagen – lässt sich an den Schiffsmast binden, um dem Gesang der Sirenen zu lauschen, natürlich ohne sich dabei ins Verderben zu stürzen. Eine davon – Parthenope – gefiel das gar nicht. Aus Verzweiflung, den Herren von Ithaka nicht angelockt zu haben, stürzt sie sich todessehnsüchtig ins Meer – um an die Küste des heutigen Neapel angespült zu werden. Dank ihres Leichnams trägt die Metropole am Vesuv nicht nur diesen mythischen Namen, die atemberaubend schöne Sängerin ist von daher auch Stadtgöttin dieses italienischen Ecks der Welt – ein Ort, dem Filmemacher Paolo Sorrentino einiges abgewinnen kann. Für ihn dürfte Neapel Fluch und Schicksal, Wiege und Inspiration sein. Neapel sehen, sich verlieben und dann sterben. Schmerz und Freude, Ekstase und Trauer. Dieses Neapel bietet laut Sorrentino alles, was man fühlen kann. Und dennoch entscheidet eine wie Parthenope, ein mythologisches Wesen, reinkarniert in eine atemberaubende, betörende, ewige Schönheit, das Leben der Anderen und gleichsam ihr Glück. Dem Künstler ist das zu wenig, er will Parthenope nicht als ein ätherisches Etwas in ungreifbarer Entrücktheit das über mehrere Dekaden reichende Treiben am westitalienischen Ufer beobachten lassen. Er will die Göttin vermenschlichen und lässt sie zu Beginn seines neuen Films aus dem Wasser steigen, fast so wie Aphrodite, aber eben nicht ganz, weil Parthenope, und das werden wir im Laufe des Films erfahren, nichts darauf gibt, mit ihrer makellosen Schönheit diesen einen, und zwar ihren ganz eigenen, Lebensweg zu bestreiten.

Und so perlt das Wasser von ihrer makellosen Haut, ihr makelloses Lächeln unter der heißen, fast schon tropisch feuchten, mediterranen Sommersonne, angehimmelt vom Sohn der Haushälterin, geliebt vom eigenen Bruder, und zwar so, wie man sich unter Geschwistern nicht lieben sollte. Parthenope aber bleibt unerreichbar, unberührbar, ein Mysterium für eine ganze Familie und dem Comandante, der als kuriose Mafioso-Parodie im weißen Dreiteiler und Sonnenbrille symbolisch für ein ganzes Syndikat agiert, das mit Neapel so verwoben ist wie die Gezeiten mit dem Mond. Jeder, der Sorrentino kennt, weiß, welcher Bildertraum das Publikum einholen wird. Antike Statuen, goldene Kutschen, das blaue Meer, der weißgraue Fels, wehende Vorhänge, dazu melancholische italienische Klänge eines verliebten Schlagers. Wenig später ein versoffener Ernest Hemingway, der die Schönheit des Lebens nicht kennt und sehnsüchtig nach ihr verlangt – Gary Oldman stattet dem Film einen bittersüßen Besuch ab. Parthenope fühlt sich von dieser Antithese eines schönen Lebens angezogen, sie will überhaupt verstehen, was das ist, dieses Menschsein, diese Lehre vom Homo sapiens, kurzum: Die Anthropologie. Sorrentino scheint es selbst nicht zu wissen, denn er nimmt die atemberaubende Celeste Dalla Porta, die erstmals in einem Spielfilm wie diesen zu sehen ist, an der Hand, um sie durch die Stadt zu geleiten, um etwas zu suchen, was die ganze Zeit schon begriffen werden will: Den Grund und den Zweck von Schönheit, deren Relativität und den Tribut, den man dafür zollen muss. Es ist aber nicht nur das, was Sorrentino mit auf die Reise nimmt. Es sind Themen, die ihn immer wieder beschäftigen, die er als philosophische Miniaturen aneinanderreiht, darunter Vergänglichkeit, Suizid, die katholische Kirche mitsamt ihrer sakralen Wunder, die dunklen Kehrseiten der Lebenslust, die Metaphysik der Lichter und des Glanzes von Preziosen, der verfallene Räume ehemals prunkvoller Palastbauten erhellt. Immer ist es diese Dualität, der Schmerz des Schönen. In diesem Fall ist es die Schöne, der Sorrentino eine ganze fiktive Biografie schenkt.

Was denkst du gerade? Das fragen all jene, die Parthenopes Leben begleiten. Was treibt sie um, diese anziehende, weibliche Person, die sich vom Sexismus befreien will? Die ihren Verstand und nicht ihre Anmut einsetzt; die prickelnde Gespräche mit dem alten, eremitischen Professor an der Universität führt, der ihr wiederum lehrt, was man tun muss, um hinzusehen. Um die Essenz dessen wahrzunehmen, was die Schönheit nicht nur einer Person, sondern des Lebens bedeutet. Und ob es diese überhaupt gibt, nach unserem Verständnis.

La Grande Belleza, The Hand of God, Ewige Jugend – all diese Werke Sorrentinos drehen sich, neue Aspekte suchend, um dieselben Themen, doch müde wird der Reigen der Bilder und der Erkenntnisse dabei nie. Parthenope ist dabei ein am besten auf den Punkt gebrachter, einziger großer Aphorismus. Kunstvoll, aber nie gekünstelt. Arrangiert, aber gleichzeitig unerwartet erfrischend. Überstilisiert, aber gleichsam natürlich und nahbar. Ein prickelnder, betörender Kunstfilm ist Parthenope geworden, in den man sich fallen lassen kann. Der langsam voranschreitet, doch keinerlei Längen hat. Sorrentino hat seine Erzählweise dabei perfektioniert, bleibt üppig, jedoch niemals überladen. Über allem strahlt Celeste Dalla Porta und diese Stadt, die man nie satt hat. Dieses Italien, prächtig und ewig suchend.

Parthenope (2024)

Eden (2024)

INSELKRIEG DER EGOMANEN

6,5/10


© 2025 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: RON HOWARD

DREHBUCH: NOAH PINK

CAST: JUDE LAW, VANESSA KIRBY, SYDNEY SWEENEY, DANIEL BRÜHL, ANA DE ARMAS, TOBY WALLACE, FELIX KAMMERER, JONATHAN TITTEL, RICHARD ROXBURGH U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


In den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts war bereits abzusehen, dass die Welt brennen und der Tod ohne Reue wüten wird. Nicht nur jene wollten weg, die als Minderheit Repressalien zu befürchten hatten, sondern auch so manche, die aus dem Wahnsinn aussteigen wollten, ungeachtet dessen, ob sie etwas zu befürchten hätten oder nicht. Heinrich Harrer zum Beispiel, der zu Kriegsbeginn seine als Expedition getarnte Flucht nach Tibet begann, blieb dort sieben Jahre an der Seite des Dalai Lama am Dach der Welt (Sieben Jahre in Tibet, verfilmt mit Brad Pitt). Thor Heyerdahl wiederum rückte Anfang der Dreißiger der Marquesas-Insel Fatu Hiva zu Leibe, dort blieb er fünfzehn Monate, bis der Traum vom Dschungelparadies im Chaos mündete – hervorragend nachzulesen in seinem nach dem Eiland benannten Reisebericht. Und dann gab es noch den Berliner Arzt Dr. Friedrich Ritter, einen nach neuen Lebensentwürfen suchenden Aussteiger, der gemeinsam mit seiner an multipler Sklerose erkrankten Lebensgefährtin Dore Strauch die Galápagos-Inseln ins Visier nahm, im Speziellen die zerklüftete und unwirtliche Insel Floreana, von niemandem sonst bevölkert außer einer atemberaubenden endemischen Tierwelt, für welche die beiden aber keinerlei Neugier hegten.

Viel lieber lag dem exzentrischen Sonderling, dem im Laufe seines vierjährigen Aufenthalts krankheitsbedingt alle Zähne ausfielen, die selbstüberschätzende Aufgabe näher, einen neue gesellschaftliche Ordnung als Manifest zu verfassen, damit dieses später die ganze Welt verändern soll. Womöglich wäre das Vorhaben, den inseleigenen Senf in alle vier Winde zu verbreiten, auch geglückt, hätte Ritter nicht regelmäßig mit Europa korrespondiert, um sich selbst als messianischen Robinson hochzustilisieren. Diese schmackhaft formulierten Reiseberichte hatten zur Folge, dass die Insel bald neue Besucher empfing. Im Film Eden folgt die dreiköpfige Familie Wittmer als erste den paradiesischen Lobgesängen und zeigt sich als erstaunlich versiert, um auf einem Eiland wie diesen tatsächlich Fuß zu fassen – sehr zum Unmut des inkooperativen Insel-Gurus, den Jude Law mit einer derart säuerlichen Miene verkörpert, als wäre der Zivilisationsfrust noch längst nicht von ihm abgefallen. Der Unmut steigert sich, als die eigene Selbstüberschätzung noch überboten wird – durch die Ankunft einer falschen Baronesse (Ana de Armas), im Schlepptau drei junge Männer und mit der verrückten Idee im Kopf, in Meeresnähe ein Luxushotel zu errichten. Fitzcarraldo lässt grüßen, und das nicht nur wegen des mitgebrachten Grammophons, an welchem Burgschauspieler Felix Kammerer (Im Westen nichts Neues) immer wieder kurbeln muss, damit auch an diesem entlegenen Winkel die Kultur nicht zu kurz kommt. Alle drei Parteien werden alsbald feststellen, dass der frömmste nicht in Frieden leben kann, wenn es den egomanischen Nachbarn nicht gefällt. Inmitten einer Wildnis, in welcher Platz genug für alle wäre, schon gar für dieses Häufchen an Menschen, entfesseln Missgunst, Trägheit und Überheblichkeit, vermengt mit grenzenloser Naivität und bitteren Lügen einen Nervenkrieg am Äquator, den Regie-Handwerker Ron Howard mit routinierter Professionalität in grünlich-blasse, dunstige Bilder taucht. Ein ganzes Staraufgebot lässt sich für Eden zwar nicht nach Galápagos, doch in die Wildnis Australiens zitieren – den Unterschied merkt man kaum, die Anzahl der peniblen Inselkenner bleibt verschwindend gering. Deutschlands attraktivster US-Export Daniel Brühl, Sydney Sweeney und Vanessa Kirby schwitzen, darben und bluten, Sweeney selbst darf in der wohl radikalsten Szene des Films ihr eigenes Kind im Alleingang zur Welt bringen, während sie von streunenden Hunden umringt wird. Ihre Filmfigur ist die einzige Konstante inmitten selbst- oder fremdverschuldeter Nachbarschaftsquerelen, die sich naturgemäß zuspitzen, weil der Mensch nun mal so tickt, wie er tickt.

Zwischen Peter Weirs Anti-Abenteuerdrama Mosquito Coast aus den Achtziger Jahren und Werner Herzogs Dschungelerfahrungen ringt  Howard dem Wesen des Abenteuerdramas aber keinerlei inspirierende Neubetrachtungen ab – ganz im Gegenteil. Eden verlässt sich auf das konventionelle Handwerk eines altbackenen Melodramas mit giftigen Spitzen, orientiert am Erzählduktus von Filmemachern wie Huston oder Preminger. Innovativ ist das nicht, dafür aber klassisch und wohgefällig kitschig. Howard bringt dabei zwar eine etwas sperrige, nicht ganz rundlaufende Szenenregie ins Spiel, weil er vielleicht nicht reminiszieren, sondern erneuern will. Sein Ensemble interagiert bisweilen aber so gekonnt miteinander, dass die einen die schauspielerischen Hänger der anderen kompensieren. In Eden spielt niemand nur alleine auf, diese Schräglage weiß Howard zu vermeiden. Er weiß, dass er niemanden in den Vordergrund stellen kann, denn hier regiert die Gruppendynamik. Manchmal passiert es, da reißt Ana de Armas alles an sich, während Kirby nur mit Mühe ihre Rolle verteidigen kann. Hier die Balance zu halten, und das sogar an tropischem Set, mag eine Herausforderung selbst für Howard gewesen sein. Dass der Dreh nicht leicht war, sieht man allen Beteiligten vor und hinter der Kamera an.

Am Fesselndsten bleibt bei solchen Filmen immer noch die wahre Geschichte dahinter. True Stories wie diese, schon gar wenn sie ein exotisches Abenteuer umschreiben, können gar nicht mal so viel falsch machen, um nicht doch die Bereitschaft zu wecken, sich mit menschlichen Verhalten in der Extreme auseinandersetzen zu wollen.

Eden (2024)