Gladiator II (2024)

DIE HAIE DES ALTEN ROM

5/10


gladiator2© 2024 Paramount Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: DAVID SCARPA

CAST: PAUL MESCAL, DENZEL WASHINGTON, CONNIE NIELSEN, PEDRO PASCAL, FRED HECHINGER, JOSEPH QUINN, TIM MCINNERNY, DEREK JACOBI, ALEXANDER KARIM, LIOR RAZ, RORY MCCANN U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Jetzt hatte ihm doch glatt dieser Deutsche namens Roland Emmerich den optimalen Drehort weggeschnappt – die Cinecittà-Studios in Rom. Als ob das nicht schon genug des Schlittenfahrens mit einem alteingesessenen Regie-Veteran wäre – die Rede ist von Ridley Scott – will der Master of Desaster, nämlich Emmerich, dem Meister der Massenszenen auch noch die Show stehlen. Der hatte zu dieser Zeit schließlich die auf amazon längst feilgebotene Sandalen-Serie Those About To Die gedreht: Hickhack im Kolosseum oder im Circus Maximus, alles vor den Kulissen antiken römischen Polit-Geplänkels. Ridley Scott wollte das gleiche machen, hat aber woandershin ausweichen müssen, eben nach Malta und nach Marokko, auch keine schlechten Drehorte, da gibt es schlimmeres. Sein Kolosseum kann Scott auch woanders fluten, teilweise auch am Rechner, von dort peitscht schließlich auch das Mittelmeer an die numidische Festung und bringt den Tod auf Schiffen mit sich. Die größte von ihm gedrehte Schlachtenszene, will Ridley Scott schließlich bemerken. Was Besseres hat er, so meint er, noch nicht hinbekommen. Damit hat der Meister seines Fachs schon genug die Werbetrommel gerührt, denn wenn Scott von sich schon so beeindruckt ist, wie beeindruckend kann das Ganze dann fürs Publikum sein, welches die spektakulären Bilder der Schlacht von Austerlitz aus Napoleon noch taufrisch im Oberstübchen weiß. Die hat es schließlich gegeben, als Dreikaiserschlacht steht sie als Gamechanger in den Geschichtsbüchern.

Die Invasion unter Feldherr Justus Acacius hingegen gab es nie. Ridley Scott ist das egal, uns soweit eigentlich auch. Man kann davon ausgehen, dass diese Seeschlachten und Belagerungen ungefähr alle so aussahen wie zu Beginn des Schinkens Gladiator II, dem Sequel des vor einem Vierteljahrhundert das Genre des Historienfilms wiederbelebten Klassikers mit Russel Crowe, der unter den berührenden Klängen von Hans Zimmer den Sand der Arena kosten musste. Er und Joaquin Phoenix als unberechenbarer, charismatischer Diktator lieferten sich ein Duell der Extraklasse. Was war das nicht für ein großes emotionales Schauspielkino, das man bei Gladiator II leider vermisst. Jeder tut hier, was er kann, doch stets für sich, ohne durch ein ausgefeiltes Teamplay Synergien zu entwickeln, die packendes Kino eben ausmachen. Ridley Scott und sein Drehbuch-Buddy David Scarpa, der schon die Filmbiografie des kleinen Korsen verfasste, schicken allerhand vom Schicksal gebeutelte gute und verrückt-sardonische Böse ins Rennen um die Macht, um Ansehen und die Freiheit in einem Weltreich, das damals womöglich in einer ähnlichen Krise festsaß wie heutzutage so manche Supermacht.

Zwei Narren namens Caracalla und Geta (ja, die hat es gegeben) vergnügen sich mit Spielen und wenig Brot für die Untertanen, der spätere Konsul und Gladiatorenmacher Macrinus (hat’s auch gegeben) intrigiert sich an die Spitze und instrumentalisiert dabei den Numider Hanno, in Wahrheit Lucillas und Maximus‘ Sohn Lucius, den es namentlich zwar auch gegeben hat, aber eine völlig andere Rolle spielt. Diese Figuren also schicken Scott und Scarpa auf die Spielwiese ins Zentrum der ewigen Stadt, die auf verblüffende Weise wieder aufersteht und ein authentisches Gefühl dafür vermittelt, wie es damals zugegangen sein muss. Es schieben sich die Massen über das Forum Romanum, es lebt das landwirtschaftlich genutzte Umland, es brennen die Fackeln über den Köpfen einer Menge an aufständischen Bürgern, die in der Düsternis der abendlichen Metropole gegen die Diktatoren demonstrieren. Hier liegen Scotts Stärken, die er egal in welchem Film mit geschichtlichem Kontext stets auf vollkommene Weise ausspielen kann. Wie er das macht, und vor allem, wie effizient (Drehtage gab es lediglich knapp 50), ist erstaunlich. Und ja, da gibt es keinen zweiten, der ihm da das Wasser reicht. Und wenn doch, dann ist es vielleicht eingangs erwähnter Emmerich, der die brachiale Opulenz des Leinwandspektakels zwar nicht ganz so auf Hochglanz poliert wie sein britischer Kollege, aber zumindest weiß, wie er die ausstattungsintensiven Settings wieder kaputtmacht.

Wie bei Gladiator aus dem Jahr 2000 beginnt Gladiator II mit einem Schlachtengemälde, gesteckt voll mit überzeugenden Kulissen und selbstredend ohne historische Akkuratesse. Am Ende sammelt Ridley Scott wieder die Massen, es raubt einem den Atem, wenn die römischen Heere aufmarschieren, auch dort ohne Gewährleistung wissenschaftlicher Genauigkeiten. Experten raufen sich sowieso schon längst die Haare, vorallem, weil Scott hier noch weniger Acht gibt als er es sonst tut. Er nimmt sich aus der Geschichte, was er brauchen kann, und nur anlehnend an Tatsachen setzt er diese Elemente so zusammen, als wäre sie die freie Interpretation irgendwelcher Legenden. Das kann er machen, das tun so manche Serien (Vikings, Last Kingdom) ebenso. Streiten lässt sich darüber angesichts der Fülle an Fehlern irgendwann gar nicht mehr.

Zwischen den bildgewaltigen Szenen dümpelt allerdings ein inspirationsloses Popcornkino dahin, das Talente wie Paul Mescal (u. a. Aftersun), Pedro Pascal und Denzel Washington maximal routiniert aufspielen lässt. Mescal ist dabei erfrischend kaltschnäuzig dank seiner Situation des Kriegsgefangenen, der seine bessere Hälfte von den Römern ermordet weiß. Warm wird man mit ihm nie, auch Pedro Pascal bringt niemanden zum Erzittern. Er ist Figur durch und durch, lebt sie aber nicht. Washington erzeugt die meisten Vibes, während Connie Nielsen mit ihrer ambivalenten Figur der Lucilla völlig überfordert scheint. Sie sucht die flucht im flachen Spiel kolportierter Emotionen. Es scheint, als hätte Emmerich die Regie übernommen, wofür auch Haie bei der nachgestellten Schlacht von Salamis und räudige Paviane blutdürstend Zeugnis ablegen.

Geschichtskino kann Ridley Scott deutlich besser. Warum es ihn nicht losgelassen hat, unbedingt den Gladiator fortzusetzen, der niemals auch nur einmal danach verlangt hätte, mag mir ein Rätsel bleiben. Vielleicht ist es wieder nur das Geld, doch Scott ist mit seiner eigenen Produktionsfirma sowieso der Gunst des Publikums längst erhaben. Man kann nur hoffen, dass das Feintuning bei ihm wieder zurückkehrt, auch die Lust am filmischen Standalone eines Monumentalfilms ohne Drang nach Fortsetzung. Mit dieser Art von Film schließlich tut sich Scott seltsam schwer.

Gladiator II (2024)

The Room Next Door (2024)

DABEISEIN IST ALLES

7/10


theroomnextdoor© 2024 Warner Bros. Pictures


LAND / JAHR: SPANIEN 2024

REGIE: PEDRO ALMODÓVAR

DREHBUCH: PEDRO ALMODÓVAR, NACH DEM ROMAN VON SIGRID NUNEZ

CAST: JULIANNE MOORE, TILDA SWINTON, JOHN TURTURRO, ALEX HØGH ANDERSEN, ESTHER MCGREGOR, VICTORIA LUENGO, JUAN DIEGO NOTTO, RAÚL ARÉVALO, ALESSANDRO NIVOLA U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Krankheit und Tod sind Themen, die selten ins Kino locken, will man Zerstreuung finden. Sie locken vielleicht ins Kino, um Schauspielgrößen dabei zuzusehen, wie sie als akribisch interpretierte Filmfiguren mit ihrer Endlichkeit klarkommen müssen. Mit Schmerz, Verlust und dem Herbst des Lebens womöglich mitten im Sommer. Meistens ist das schwermütiges Kino. Taschentücher sind in Griffnähe und Vorsicht davor geboten, im vielleicht sogar sentimentalen Morast zu versinken. Wie ein Stein im Magen liegen solche Filme. Nicht aber bei Pedro Almodóvar, seit Jahrzehnten schon im Filmgeschäft und bereits sämtliche Meisterwerke in seinem Oeuvre wissend, die eine gewisse Zeitlosigkeit genießen. Almodóvars Werke lassen sich ausschließlich anhand seiner Settings und vor allem seiner Farbtafeln erkennen. Dieser Kunst des komplementären Colorings in Szenenbildern und Kostümen verschreibt er sich auch in seinem neuesten Werk The Room Next Door. Und viel wichtiger als der tieftraurige Kloß im Hals, den man empfindet, wenn gute Freunde diese Welt verlassen, scheint ihm die erlesene Bildsprache allemal zu sein.

Den Stein im Magen lässt Almodóvar also anderen. Die wandelbare Tilda Swinton und die stets im Schauspielkino fest verankerte Julianne Moore müssen ihn auch nicht schlucken. Beide sind nicht dafür bekannt, zu Sentimentalitäten zu neigen oder sich in schmerzhaften Schicksalen zu verbeissen, obwohl Moore sich ab und an dazu hinreissen lässt, die Hysterikerin zu geben. Nicht so in diesem Film. Swinton und Moore sind zwei Freundinnen von früher, die sich nach langer Zeit wiedersehen. Gerade noch zur rechten Zeit, denn Swintons Figur der Martha ist an Gebärmutterhalskrebs erkrankt, wofür sie sich im Krankenhaus diversen Chemo- und Immuntherapien unterzogen hat. Von Selbstmitleid ist anfangs keine Spur bei der ehemaligen Kriegsreporterin, die alles schon gesehen hat auf dieser Welt, jedes Gräuel und allerlei schreckliche Tode. War der Krieg schon deren Arbeit, führt sie den letzten mit sich selbst. Und wünscht sich für einen selbstbestimmten Abgang Ingrid an ihre Seite, die nichts anderes tun muss als nur dabei zu sein, wenn Martha jene todbringende Pille schluckt, die sie aus dem Darknet erstanden hat.

Almodóvar zäumt das Pferd zwar nicht von hinten, nimmt aber längst nicht den direkten Weg, um zum Kern seiner Geschichte vorzudringen. Viel lieber hält er sich damit auf, beide Frauen erst einmal kennenzulernen. Was sie antreibt, was sie ausmacht, was sie verbindet. Dabei kippt The Room Next Door in eine melodramatische und recht plakative Nebengeschichte, die das Schicksal des für Marthas Tochter unbekannten Vaters bebildert. Es ist, als passe diese verästelnde Abkehr vom eigentlichen Erzählstrang nicht in dieses Konzept, genauso wenig manch fachsimpelnder Dialog über Kunstgeschichte, der letztlich nichts zur Handlung beiträgt. Und dennoch: dieses Konterkarieren der Erwartungen, dieses Hinhalten des eigentlichen Themas, macht etwas mit der Wahrnehmung und mit der Akzeptanz der eigentlichen, vielleicht gar eitlen Problematik zweier Damen aus dem intellektuellen Establishment, die jede für sich den Tod als etwas gänzlich anderes sieht. Letztlich hat dieses Mäandern einen Sinn, auch John Turturros Auftritt als Klima-Poet, der über das Ende der Welt rezitiert. Das Wichtigste dabei aber ist es, egal in welcher Lebenslage, ausschließen zu können, allein zu sein. Der Mensch ist dafür nicht geschaffen. Das Teilen von Meinungen, der Austausch von Empfindungen, das Interagieren mit einem Gegenüber erklärt Almodóvar als die Essenz menschlichen Glücks. All seine scheinbar überflüssigen Nebenszenen spiegeln doch nur die Lust am Zu- und Miteinander wider. Da wird das Thema rund um Sterbehilfe oder Tod zu einem Thema unter vielen anderen.

Interessant, dass es Almodóvar gar nicht darum geht, den illegalen Weg des Freitods zu bewerten oder zu analysieren. Er bleibt eine austauschbare Begrifflichkeit für einen Ist-Zustand in einer Welt der Lebenden und der Toten, der mit der Gewährleistung eines Miteinanders, um die Einsamkeit zu vernichten, alles hat, was er braucht.

The Room Next Door (2024)

Venom: The Last Dance (2024)

NOCH EINMAL ZÄHNE ZEIGEN

6/10


venomlastdance© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: KELLY MARCEL

DREHBUCH: KELLY MARCEL, TOM HARDY

CAST: TOM HARDY, CHIWETEL EJIOFOR, JUNO TEMPLE, STEPHEN GRAHAM, RHYS IFANS, ALANNA UBACH, ANDY SERKIS, PEGGY LU, CLARK BACKO U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Zumindest in dieser von vermutlich Tausenden von Welten ist die extraterrestrische Grinsekatze mit Vorliebe für Menschenhirn ein Flüchtiger. Denn ein superfieser und uralter Sonderling namens Knull will seiner Schöpfung im gesamten Universum und vermutlich darüber hinaus den Garaus machen. Dank des Multiversum-Gedankens darf in dieser Welt, gesteuert von Sony, dieser Knull alle anderen Superbösewichte aus dem Marvel-Kosmos verdrängen – als gäbe es sie gar nicht. Und so, als gäbe es auch all die anderen Superhelden nicht, die wir bereits kennen. Venom war da immer schon ein Außenseiter, mit Ausnahme des dritten Sam Raimi-Ablegers um den freundlichen Jungen aus der Nachbarschaft. Der durfte in Spider-Man 3 schon seiner Nemesis gewahr werden, doch das ist eine andere Dimension. Marvel mit all seinen unzähligen Figuren funktioniert eben nur unter dem Multiversum-Prinzip. Sonst gäb‘s ein Gedränge mit Hang zur Massenpanik.

Dieser Symbiont, der ohne einen Wirt zwar vor sich hin wabern, aber nicht wirklich sinnvoll existieren kann, steckt schon seit geraumer Zeit im Körper des Journalisten Eddie Brock, der seinen Intimfreund lieben und schätzen gelernt hat. Die beiden sind sogar schon mal gemeinsam gestorben, um wieder aufzuerstehen, was wiederum einen als Codex bezeichneten Schlüssel entstehen hat lassen, mit welchem sich Knull seiner Fesseln entledigen könnte, harrt der doch in einer gewissen Stasis vor sich hin, was einem Gefängnisaufenthalt gleichkommt. Um den Codex zu entwenden, schickt der uralte Häftling äußerst zähe Kreaturen auf die Erde, um Jagd zu machen. Und das sind nicht die einzigen, die Venom das Leben schwer machen. Auch eine als Jury bezeichnete Spezialeinheit will das Duo dingfest machen.

Man sollte sich noch gut an Venom: Let There Be Carnage erinnern können, um zu wissen, womit es sich mit einigen Randfiguren in diesem Abenteuer auf sich hat, allen voran mit Stephen Graham als Polizist Mulligan, der nach seinem Tod aus dem letzten Film sich selbst wieder zu den lebenden zählt, dank eines anderen Symbionten in anderer Farbe. Knull hingegen ist neu, die Jury ebenso, und allesamt haben ihren Ursprung in den Comicvorlagen, die ich selbst nicht kenne. Damit das mit Fachwissen nicht ganz so vertraute Publikum in diesem Chaos aus Namen, Charakteren und Querverweisen den Überblick behält, hat Drehbuchautorin Kelly Marcel, die schon am ersten Venom-Film mitgeschrieben hat und nun auch die Regie übernimmt, den Content häppchenweise angerichtet. Kleinteilig ist Venom: The Last Dance geworden, und trotz seiner Kleinteiligkeit auffallend simpel.

Wer hier wen jagt und warum, mag man so hinnehmen, ohne nach Sichtung des Films eigenmächtig in medias res gehen zu wollen, um mehr über all das zu erfahren. Venom: The Last Dance bietet vorrangig Monster-Action satt, während angesichts der monströsen und ungemein zähen Xenophagen – wie sich Knulls Giga-Monster nennen – Erinnerungen an Starship Troopers wach werden. Schön sind sie anzusehen, reizvoll wie intelligente Knete auch die dick aufgetragene CGI all der Venom-Symbionten aus einem durch Sonne und Mond geschossenen Farbkasten. Rosa, Rot, Blau und Grün – es macht Spaß, sich den formschönsten Symbionten unter ihnen auszusuchen, wenn man nicht sowieso schon einen Narren an den wichtigsten von allen gefressen hat. Es lässt sich auch vermuten, dass durch den omnipräsenten außerirdischen Organismus Eddie Brocks Verstand ein bisschen gelitten zu haben scheint – denn Tom Hardy legt seinen Helden noch fahriger an als in den Teilen davor. Stiernackig und mit eher schlichtem Gemüt stolpert er durch ein radauhaftes Science-Fiction-Spektakel ohne Feintuning, dafür aber mit Unterhaltungswert für Leute, die schon lange keine Monster-Action mehr gesehen haben. Sympathisches Herzstück des Finale Grande ist aber Rhys Ifans als Späthippie und UFO-Nerd, der eine herzhafte Hommage an den Area 51-Mythos orchestriert.

Venom: The Last Dance (2024)

The Apprentice – Die Trump Story (2024)

MAN MUSS EIN SCHWEIN SEIN IN DIESER WELT

7/10


theapprentice© 2024 Filmladen


LAND / JAHR: USA, KANADA 2024

REGIE: ALI ABBASI

DREHBUCH: GABRIEL SHERMAN, ALI ABBASI

CAST: SEBASTIAN STAN, JEREMY STRONG, MARIJA BAKALOWA, MARTIN DONOVAN, CHARLIE CARRICK, EMILY MITCHELL, PATCH DARRAGH, MARK RENDALL U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Ebenezer Scrooge hatte immerhin noch den Anstand, seine Abneigung vor den Menschen zuzugeben. Der Misanthrop wird eines Besseren belehrt werden, und zwar von drei Geistern, die Scrooge dazu bringen, über sein Tun zu reflektieren. Diese weisen Wesen wünscht man sich sehnlichst angesichts eines Wahltriumphes, der sich wie Realsatire anfühlt und von welchem man am liebsten glauben möchte, dass alles wäre nur ein sehr verspäteter Aprilscherz. Angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte folgt die Ernüchterung auf dem Fuß, denn so viel Fantasie lässt sich maximal bei den Simpsons als bizarre Zukunftsvision erleben. Tatsächlich aber ist der Mensch ein wahnsinnig leicht manipulierbares Herdentier, welches sich wie Wollvieh gerne in ein Geviert sperren lässt, damit man ihm das Blaue vom Himmel lügen kann. Passt die Verarsche schließlich in die eigene Convenience-Blase, sind alle glücklich.

Um so eine Vorgehensweise als Politiker an den Tag zu legen, muss einer wie Donald Trump damit kein Problem haben, wider besseren Wissens falsche Fakten zu verbreiten. Und das nur, um Macht zu gewinnen oder besser gesagt: diese zu erhalten. Denn gewonnen hat dieser alte weiße Mann schon alles. Dass den Niederträchtigen die Welt gehört, war schon immer so. Man muss ein Schwein sein in der Gesellschaft, man darf sich nichts gefallen lassen. Und man muss mit unlauteren, illegalen Mitteln arbeiten, um auf schnellstem Wege das zu bekommen, was man will. Rechtschaffenheit ist dabei ein Fremdwort, das in Ali Abbasis The Apprentice (bezugnehmend auf Trumps ehemals eigene Casting-Show) ein einziges mal fällt. Rechtschaffenheit, Werte, Aufrichtigkeit. Dabei hat Donald Trump im alles verschluckenden Schatten seines Vaters Fred den Eifer eines gewissenhaften Wirtschafters vor sich hergetragen. Von Tür zu Tür ist er gegangen, um die Mieten der familieneigenen Immobilien zu kassieren. Doch für etwas Besseres hat sich der Blondschopf schon immer gehalten. Und landete so in elitären Clubs für ausgewähltes Klientel. Einer dieser Stammgäste war Roy Cohn. Des Teufels Advokat oder der Teufel als Advokat – wie man es nimmt. Der solariumgebräunte Tunichtgut, der mit Sicherheit als Vorbild für den Breaking Bad-Alleskönner Saul Goodman hergehalten hat, findet in Trump einen Schüler, den er zur mächtigen und unerschütterlichen Nemesis für das liberale Amerika formen kann.

Überraschenderweise verhält es sich bei The Apprentice so, dass Ali Abbasi (u. a. Border, Holy Spider) gar nicht vor hat, ein propagandistisches Schmähwerk zu errichten, angespornt durch linke Lager. Sein Donald Trump ist keine Parodie, keine Monstrosität, kein plakativer Finsterling. Seinem Weltmann begegnet der Film ohne Vorbehalte, vertraulich und offen genug, sich auch manchmal vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Eine finstere Farce ist das biographische Drama auch nicht, vielleicht eher eine Parabel, ein moralisches Gleichnis und eine kritische Abhandlung toxischer Methoden und Lehrsätze, die Verheerendes anrichten können. Mit Sebastian Stan und Jeremy Strong hat Abbasi ein ausgesucht ambivalentes Duo gefunden, das zur Gänze hinter ihren biographischen Figuren verschwindet. Stan ist im Übrigen kaum mehr wiederzuerkennen. Auch er will seinen zu spielenden Charakter nicht durch den Dreck ziehen. Er will ihn läutern, indem er die Wandlung vom nichtsahnenden Greenhorn zum ausgefuchsten Lügenbaron mit dem Riesenego an chronologischen Eckpunkten festmacht. Die Entwicklung stimmt, stolpert nur am Ende über sich selbst oder will gar zu sehr die Korrumpierung eines Charakters in deftigen Verhaltensabnormen seinem Publikum noch einprägsamer vor Augen führen als notwendig. Ja schon gut, wir erkennen ohnehin, welche Richtung Trump letztlich einschlagen wird. Da bleibt Cohn als schmächtige Schreckensgestalt noch die unberechenbarere Bedrohung. Der Dynamik von Meister und Schüler aber folgend, wird letzterer sein Vorbild irgendwann stürzen.

Alles bekämpfen, nur nichts zugeben, und stets gewinnen, auch wenn alles verloren scheint: Die Dreifaltigkeit des Machtkalküls dringt der Trump’schen Figur aus jeder Pore. Mit zunehmender Verkommenheit leidet auch die Bildqualität von Abbasis Versuchsanordnung, und das selbstverständlich absichtlich. Diese manchmal beängstigende Biografie macht einerseits Lust, sich mit der neu gewonnenen Ordnung in Übersee auseinanderzusetzen, andererseits weckt der beklemmende Werdegang den Widerstand, eine Welt wie diese unter dem Befehl eines Mannes wie diesen als gegeben zu akzeptieren. Zumindest zu diesem Werk hätte Trump ausnahmsweise mal stehen können. Womöglich schmeichelt es ihm mehr als uns lieb ist.

The Apprentice – Die Trump Story (2024)

I Saw the TV Glow (2024)

TWILIGHT ZONE FÜR SERIENJUNKIES

5/10


isawthetvglow© 2024 Pink Opaque LLC


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

CAST: JUSTICE SMITH, BRIGETTE LUNDY-PAINE, IAN FOREMAN, HELENA HOWARD, FRED DURST, DANIELLE DEADWYLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Das war noch was, als in den Achtzigern und Neunzigern tagtäglich und immer zur selben Uhrzeit die Straßen und Gassen leergefegt waren, wenn auf den wenigen Fernsehkanälen, die man hatte, die Lieblingsserie lief. VHS-Rekorder hatten da noch die wenigsten, später aber dann doch vermehrt, doch als Junkie eines speziellen Formats wollte sich keiner nachsagen lassen, nicht als erster den brandneuen Stoff bereits gesichtet zu haben. Am neuesten Stand zu sein war oberstes Gebot, das wochenlange Warten auf die nächste Folge nur eine Qual. So passiert bei Falcon Crest, Twin Peaks oder Buffy – Im Bann der Dämonen. Letztere ließ Sarah Michelle Gellar groß werden, die toughe Blondine schnetzelte sich sieben Staffeln lang durch Horden von Vampire, Dämonen und sonstigem Gesocks, das aus dem Höllenschlund in der kalifornischen Kleinstadt Sunnydale emporstieg. In I Saw the TV Glow ist es die Serie The Punk Opaque, die sehr stark an den von Joss Whedon erdachten Kult erinnert. Dieser farbintensive Nebel begleitet ein Duo aus zwei jungen Frauen, die nicht viel anderes ihre Mission nennen als Kreaturen aller Art ebenfalls das Fürchten zu lehren wie Buffy, um aber an ein richtig fieses Mondgesicht heranzukommen, dass seine Gegner gerne mal in eine mitternächtliche Dimension sperrt, aus der es kein Entkommen gibt, es sei denn, jemand von außerhalb wappnet sich zur Extraktion. Wie gebannt hängt hier nun Maddy (Brigette Lundy-Paine, u. a. Schloss aus Glas) im Rhythmus des Fernsehprogramms vor der Glotze, und es dauert nicht lang, da gesellt sich der deutlich jüngere Owen (Justice Smith, u. a. Jurassic World, Dungeons & Dragons) hinzu. Beide sind nicht gerade mit einfühlsamen Familien gesegnet, beide sind sich mehr oder weniger selbst überlassen in ihrer Reifung zum Erwachsenen. Die Serie wird zum Zufluchtsort, zur Sucht, zum eigentlich viel besseren Leben. Je mehr die beiden Außenseiter aber diese pinken Nebel inhalieren, je mehr scheinen trostlose Realität und anregende Fiktion zu verschwimmen. Langsam stellen sich Maddy und Owen die Frage, ob nicht ihre Welt die eigentliche Fiktion ist, und The Pink Opaque das echte Leben. Vielleicht, weil sie nicht so kompliziert scheint und klarer erkennbar, worauf es ankommt.

Mystery oder gar Fantasy mit später Coming of Age-Geschichte zu verknüpfen – das ist bekanntlich alles andere als neu. Kein Genre eignet sich besser als das Phantastische, um mit dem komplexen Thema des Erwachsenwerdens einen Deal einzugehen. Die nichtbinäre Person Jane Schoenbrun (We’re All Going to the World’s Fair) sieht in diesem Dilemma, als junger Mensch nirgendwo hinzugehören, eine kaum zu bewältigende Mission, der man am besten mit traumverlorener Lethargie begegnet. Vielleicht genügt es ja, das auf Wohnstraßen applizierte Schwarzlicht-Graffiti zu bewundern, während man auf dem Weg zum nächsten Fernseher noch dazu von sphärischem Licht in allen Pink- und Violetttönen begleitet wird, das sowieso schon den Eindruck erweckt, niemals in der harten, urbanen, rücksichtslosen Realität namens Leben verankert zu sein. I Saw the TV Glow schlurft und schleicht durch eine dem Chemiehaushalt von Teenagern unterworfenen, leicht bis schwer depressive Twilight-Zone, ohne dabei Enthusiasmus und Leidenschaft für irgendetwas zu empfinden. Das mögen die diffus in Szene gesetzten Erwachsenen ihren Kindern Maddy und Owen längst ausgetrieben haben. Der Enthusiasmus springt aber auch nicht auf mich, dem Zuseher über. Das mag vielleicht auch an den traurigen Mix an Musiknummern aus der Independent-Nische liegen, die einzeln gehört als melodisch-melancholische Novemberstimmung wohldosiert funktionieren, in Spielfilmlänge aber die einschläfernde Wirkung eines erratischen Wachtraums, den man schwer beeinflussen kann, da man wie paralysiert im Bett liegt, nur noch verstärken.

Schoenbrun arbeitet mit Symbolen und immer wieder mit den Farben, das unter Schwarzlicht leuchtende Graffiti verschmilzt mit dem ungesunden Licht ausgedienter Röhrenbildschirme. Wie die dargestellte Sucht zweier Suchender, die ihre Welt und Existenz hinterfragen, bleibt I Saw the TV Glow lediglich bei seiner dekorativen Symptombetrachtung, die den Jugendlichen wenig Persönlichkeit lässt. Zu gleichförmig wirken beide, und nicht mal die Zeitspanne von vielen Jahren, die der Film umspannt, lässt bei diesen eine Entwicklung zu. Gefangen im Pink Opaque chillt der unnahbare Selbstfindungstrip in einem immermüden Tal der Ratlosigkeit, die rosarote Brille beschönigt zwar die Optik – das, worauf es ankommt, allerdings nicht.

I Saw the TV Glow (2024)

Emilia Pérez (2024)

GEISTER EINES ANDEREN LEBENS

7/10


emiliaperez© 2024 Viennale


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: JACQUES AUDIARD

DREHBUCH: JACQUES AUDIARD, THOMAS BIDEGAIN

CAST: KARLA SOFÍA GASCÓN, ZOE SALDAÑA, SELENA GOMEZ, ADRIANA PAZ, ÉDGAR RAMIREZ, EDUARDO ALADRO U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Was tut man nicht alles für seine Leidenschaft, in diesem Fall für jene für den Film: Tagwache 5 Uhr morgens. Kaffee, Zähneputzen und ab ins Kino, wo im Rahmen der Viennale um herrgottsfrühe Uhrzeit und auf weitestgehend nüchternem Magen Jacques Audiards neuer Geniestreich als Frühstücksersatz einem vollem Gartenbaukino vor den Latz geknallt wurde. Um nochmal die Analogie morgendlicher Nahrungszufuhr zu bedienen: Emilia Pérez darf sich gerne als Tische biegendes Buffet begreifen, es ist alles Mögliche dabei, von süß bis salzig, von scharf bis bitter. Dieser Film, der bei den diesjährigen Festspielen von Cannes vor allem bei den Darstellerinnenpreisen so richtig abräumen konnte, schenkt dem Kino wieder mal komprimierte Vielfalt. Noch dazu im dekorativen Gewand eines Musicals, wobei hier gesagt sei, dass ich als Muffel für diese Kunstform sehr wohl davon wusste und dennoch zum Ticket griff. Andererseits: auch wenn Gesangseinlagen den eigentlich ernstzunehmenden Erzählfluss verlassen, um den Show-Faktor zu pushen: Emilia Pérez ist aus meiner Sicht dennoch nichts, was man auslässt. Es kann gut sein, dass nächstes Jahr zu den Oscars neben Anora auch dieser Film ganz groß mitmischen wird, alleine schon wegen namensgebender Protagonistin, die sich zu Beginn des Films erstens mal ganz anders nennt und da noch längst nicht jene Person verkörpert, von welcher ein fieser Finsterling lange Zeit geträumt zu haben scheint.

Mit diesem gewalttätigen Oberhaupt eines mexikanischen Drogenkartells ist kein bisschen zu spaßen, da muss eine wie Zoe Saldaña gar nicht genau wissen, was dieser einschüchternde Zampano alles auf dem Kerbholz hat – da reicht sein Anblick, so verkommen, verwegen und finster wirkt dieses Konterfei, welches Anwältin Rita Castro aus der Reserve lockt. Juan del Monte, kurz genannt Manitas, lässt seinem Gegenüber kaum eine andere Wahl als dieses Angebot, das sowieso niemand ausschlagen kann, anzunehmen. Doch dabei geht es weniger darum, Konten zu frisieren oder die Justiz zu manipulieren, sondern um etwas ganz ganz anders, viel Höheres und pikant Persönliches: Dieser Manitas steckt im falschen Körper. Nichts sehnlicher wünscht er sich, als eine Frau zu sein. Castro soll alles dafür Notwendige in die Wege leiten. Der Coup scheint aufzugehen, die Anwältin badet im Geld, der Drogenboss wird zur dunklen Vergangenheit, während wie aus dem Nichts Emilia Pérez ganz plötzlich die Bühne betritt. Jahre später nach der Umwandlung will die Transsexuelle nur eines: Ihre Familie zurück.

Das klingt alles sehr nach einem Stoff, der aus dem Gedankengut eines Pedro Almodóvar hätte sprießen können und Assoziationen weckt zu seinem 1999 entstandenen Meisterwerk Alles über meine Mutter. Es wäre aber nicht Audiard, würde sich das queere Schauspielkino, was es im Kern sein will, nicht auch stilistische Anleihen aus dem lateinamerikanischen Melodrama mit denen des geerdeten Mafiathrillers verschränken. Die Wucht der Leidenschaft und des Herzschmerzes hält dann alle diese Komponenten zusammen, ihre expressiven Spitzen ereifert sich das Werk durch jene Gesangsnummern, die Zoe Saldaña oder Selena Gomez zum Besten geben. Hätte Emilia Pérez auch ohne den Faktor Musical funktioniert? Vielleicht wäre der Film dadurch beliebiger geworden, vielleicht gar weniger eigenständig, doch so genau lässt sich diese dramaturgische Alternative gar nicht durchdenken. Zu sehr mag man von Karla Sofía Gascón hingerissen sein, dieser einnehmenden Trans-Schauspielerin, die dank langjähriger Fernseherfahrung ihrem ersten Kinofilm diese melodramatischen Vibes verleiht, die Emilia Pérez womöglich auch ohne Gesangsnummern so eigenständig werden lässt. Dabei gehen vorallem die späteren Tracks so richtig ins Ohr, gerade der mehrstimmige musikalische Epilog bleibt noch lange Zeit haften.

Jacques Audiard ist ein temperamentvolles Gesamtkunstwerk gelungen, das Schicksal schlägt dabei gnadenlos zu, die Weisheit belehrt uns am Ende mit ernüchternden Tatsachen. Eine zweite Chance, Reue, Wiedergutmachung – ein neues Ich ohne das Alte scheint in Emilia Pérez undenkbar. Das Vergangene ist die Basis des Neuen, ein Schlussstrich kaum zu ziehen, es sei denn, es ist der Tod. Als Mensch bleibt Emilia Pérez, sowohl als Mann oder als Frau, letztlich derselbe. Der Charakter, die Seele, sie lässt sich nicht neu erfinden.

Emilia Pérez (2024)

Mond (2024)

AUDIENZ IM GOLDENEN KÄFIG

7,5/10


Mond© 2024 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: KURDWIN AYUB

CAST: FLORENTINA HOLZINGER, ANDRIA TAYEH, CELINA SARHAN, NAGHAM ABU BAKER, OMAR ALMAJALI U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


In Kurdwin Ayubs Vorgängerfilm Sonne ging es noch darum, wie sehr es schicklich ist, als junge Muslimin auf Social Media jugendlicher Lebensfreude Ausdruck zu verleihen – ganz ohne Hijab und anderweitiger kulturell bedingter Verhüllungen. Ein leichtfüßiger, offener Versuch, auf experimentellem Wege ein Problem anzusprechen – dem es aber allerdings an Biss fehlt. Nach dem strahlenden Zentralgestirn rückt aber nun der Erdtrabant in den Vordergrund – er ist titelgebend für den Mittelteil einer geplanten Trilogie, und dieser lässt Performancekünstlerin Florentina Holzinger in ihrer ersten Filmrolle zu Luna werden, zu einer um einen zentralen Missstand kreisenden Satelliten, der sich anfangs nicht imstande sieht, das Geschehen auf diesem fremden Planeten zu beeinflussen, nicht mal, was die Gezeiten betrifft. Dieses fremde und doch so vertraute Gestirn ist ein goldener Käfig für drei weibliche Geschwister im Teenageralter, die auf Anweisen ihres größeren Bruders hin zur körperlichen Ertüchtigung angehalten werden. Holzinger gibt in Ayubs Film eine erfahrene Martial Arts-Sportlerin, deren Bestzeiten allerdings vorbei zu sein scheinen. Nach einer Niederlage im Wettkampf verdingt sie sich als Trainerin, bis sie die Anfrage eines steinreichen Jordaniers erhält, der Protagonistin Sarah gerne für einen Monat nach Amman einlädt, um seinen Schwestern beizubringen, wie man kämpft, in Form bleibt und vor allem eins: Disziplin erlernt.

Es mag der Luxus und der Prunk noch so sehr schillern – Holzingers Charakter Sarah ist nicht jemand, der sich davon blenden lässt. Ihr geerdetes Welt- und Werteempfinden kollidiert schon bald mit dem obskuren Regelwerk eines elitären, patriarchalen Haushalts, in welchem die jungen Frauen nichts zu sagen haben. Ihre von den Männern verordnete Gefangenschaft lässt sich zwar aushalten, doch Freiheiten gibt es kaum welche – wenn, dann nur Langeweile und übersättigter Luxus in kalten Räumen. Sarah wird zur Beobachterin eines dysfunktionalen Familienlebens, das nur so tut, als wäre es liberal genug, um westliche Besucher nicht vor den Kopf zu stoßen. Eine der Mädchen zieht die selbstbewusste Trainerin ins Vertrauen – in der Hoffnung, dass diese etwas ändern könnte an einem Status Quo, der so scheint, als könnte niemand ihn ändern.

Kurdwin Ayub beherrscht ihr Handwerk so souverän, als wäre sie schon lange Zeit im Filmbiz unterwegs, dabei ist Mond erst ihr zweiter Langfilm. Ein Naturtalent, könnte man meinen, vor allem auch deshalb, weil Ayub ein komplexes Thema verfolgt, das mit nur einem Film längst nicht auserzählt ist, wofür es zahlreiche Blickwinkel braucht, die zur Sprache gebracht und in Bilder gepackt werden müssen. Sowohl Konzept als auch das Skript und die Regie sind von ihr, gefördert und auf positive Weise beeinflusst durch alte Hasen auf ihrem Gebiet wie zum Beispiel Ulrich Seidl. Das Schöne daran: Ayub kopiert den Lehrmeister nicht, sondern macht ihr eigenes Ding. Sie kopiert auch nicht Regiekollegin Veronika Franz, die bei ihren Filmen ausführende Funktionen übernimmt. Ayub ist eine Quer- und Alleindenkerin, eine originäre Künstlerin, die in Mond, noch viel mehr als in Sonne, ihren eigenen Rhythmus gefunden hat. Und der ist streng, straff und dicht. Obwohl Mond per se kein Thriller ist, fühlt er sich an wie einer. Das liegt an den effizient verfassten Passagen des Drehbuchs, und an der Fähigkeit, Wesentliches vom Überflüssigen zu unterscheiden. Was bleibt, ist in Mond das Wesentliche. Ayubs Szenen erlauben viel Beobachtung und ruhende Momente, in denen Konflikte wachsen, die sich allesamt relevant anfühlen. Nichts ist nur so daherinszeniert, dahergesagt oder lediglich ausprobiert. Das authentische, ungekünstelte Spiel Holzingers unterstreicht diese Direktheit, dieses Hindurchgreifen zwischen die Gitterstäbe eines goldenen Käfigs. Dahinter die unterdrückte Weiblichkeit durch eine längst obsolete, fatale Männerkultur. Zivilcourage wird dabei nicht zum plakativen Heldenmut, sondern zur ambivalenten Notwendigkeit, zum Pflichtgefühl aufgrund zu verteidigender Werte.

Mond ist ein hochspannendes, faszinierendes Stück Konfliktkino, trotz oder gerade wegen seiner passiv-aggressiven Zurückhaltung. Raum für Persönliches und Raum für dezenten Suspense formulieren diesen Film zu einem prägnanten, klaren Statement. Und das nur mit wenigen, aber präzise gesetzten Kniffen.

Mond (2024)

Hagen – Im Tal der Nibelungen (2024)

EIN HELDENMÖRDER ERHEBT DIE STIMME

7/10


hagen© 2024 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2024

REGIE: CYRILL BOSS & PHILIPP STENNERT

DREHBUCH: CYRILL BOSS, PHILIPP STENNERT, DORON WISOTZKY

CAST: GIJS NABER, JANNIS NIEWÖHNER, DOMINIC MARCUS SINGER, LILJA VAN DER ZWAAG, ROSALINDE MYNSTER, ALESSANDRO SCHUSTER, JOHANNA KOLBERG, JÖRDIS TRIEBEL, JÖRG HARTMANN, BÉLA GABOR LENZ, EMMA LOUISE PREISENDANZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


Was für Großbritannien die Artus-Sage, ist für Kontinentaleuropa wohl die Urmutter aller Königsdramen: Die Nibelungensage. Doch anders als in der griechischen Antike sind die nordischen Götter nicht ganz so präsent und lenken die Schicksale der Sterblichen, sondern schicken uralte Wesen in eine nicht näher verankerte historische Realität, die zwischen Attila dem Hunnenkönig und dem Niedergang der Burgunder angesiedelt ist. Es sind dies Drachen, Zwerge, Walküren. In diesem metaphysischen Dunst aus Legende und geschichtlichen Fun Facts streiten Siegfried, der Universalheld, später missbraucht durch den Nationalsozialismus als germanische Symbolfigur, und Hagen, der fiese Recke, angestachelt durch die betrogene Walküre Brunhild, um Gunst und Ansehen. Das Regieduo Cyrill Boss und Philipp Stennert, die sehr erfolgreich Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek als ungleiches Ermittlerduo in Der Pass mit dem Grauen in den Alpen konfrontierten, wollen dem Parade-Antagonisten mit der Augenklappe nicht die Origin-Story eines Finsterlings angedeihen lassen. Hagen von Tronje soll rehabilitiert werden, soll sagen und zeigen können, was ihn letztlich bewegt haben soll zu dieser schrecklichen Tat, nämlich Siegfried den Speer in den Rücken zu rammen, genau dorthin, wo das Lindenblatt die sonst durch Drachenblut unverletzbar gewordene Haut undurchdringbar machte. Vielleicht aber war zwar nicht alles, aber vieles ganz anders?

Fantasy-Autor und Vielschreiber Wolfgang Hohlbein, der „Konsalik“ der fantastischen Literatur, hat mit Hagen von Tronje die Vorlage für einen Film geliefert, den kaum mehr etwas mit Richard Wagners getragenem Opern-Bombast oder Fritz Langs Stummfilmversion verbindet. So sehr die nihilistische Sage der Nibelungen die ganze dunkle, große Tragödie heraufbeschwört und im Grunde den gesamten Cast über die Klinge springen lässt, so leicht kann das Drama aus Intrige, Verrat und Rache im Zuckerwasser der Schwülstigkeit versinken, kann der wildromantisch-mittelalterliche Ritterfest-Kitsch sintflutartig über sein Publikum hereinbrechen. Vieles könnte schiefgehen bei einem relativ frei interpretierbaren Stoff wie diesem, der politisch längst instrumentalisiert wurde. Zum Glück haben Boss und Stennert genug Inspiration genau dort gesammelt, wo das magische Mittelalter, und sei es auch noch so sehr nicht von dieser Welt, erwachsen wurde: Game of Thrones. Der mehrstaffelige Straßenfeger wird zum Musterbeispiel, wie geerdet, straff und schnörkellos Königsdramen inszeniert werden können. Auch Vikings oder The Last Kingdom – Formate, die historisch nicht akkurat, aber dramaturgisch und visuell enorm innovativ vom frühen Mittelalter im Norden Europas berichten – beeinflussen nun auch das Kino Deutschlands. Hagen – Im Tal der Nibelungen gefällt sich in moderater Düsternis, erdigen Bildern und vor steingrauen Kulissen. Entschmückt, entkitscht und dem Fantastischen zugeneigt, findet das Regieduo im wahrsten Sinne des Wortes sagenhafte Bilder für diesen uralten Stoff, ihr Höhepunkt gipfelt in der Darstellung der isländischen Walküren und deren Festungen – internationalen Vorbildern steht die Bildwelt dieses Streifens um nichts nach.

Sind Setting und Ausstattung mal auf der Habenseite, gibt Hagen – Im Tal der Nibelungen den ikonischen Figuren stets die passenden Gesichter. Gijs Naber verkörpert das titelgebende Schwergewicht so selbstsicher, da kann kommen was will. Als Konterpart und Sparringpartner: Jannis Niewöhner als eine erfrischend unpathetische Interpretation eines ambivalenten Haudraufs, der durch Intuition seinen Status sichert. Das strahlende Licht, dass Siegfried im Laufe der Kulturgeschichte immer mit sich brachte, ist hier nun erloschen. Umgekehrt weicht die Finsternis allerdings auch von Hagen, beide Charaktere werden in ein graues, altes Licht getaucht, dass Zwerg Alberich als geheimnisvolle Spukgestalt zu erklären versucht. Kriemhild, Brunhild, selbst König Gunter: Auch da gelingt das Casting einwandfrei.

Kritik muss sich Hagen – Im Tal der Nibelungen vielleicht dahingehend gefallen lassen, dass der Film einige Zeit benötigt, um erst so richtig in die Gänge zu kommen. Verhalten und zaghaft öffnet sich die Büchse der Pandora der Burgunder, Längen schleichen sich ein. Man merkt auch eines: Hagen – Im Tal der Nibelungen will beides – als Serie und als Film funktionieren. Ein kniffliger Spagat, denn beide Medien verlangen unterschiedliche Konzepte. 2025 soll aus diesem Film hier eine sechsteilige Serie werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese noch besser funktionieren wird als auf der Leinwand. Denn ein Kinofilm ist das Sagen-Schmuckstück zumindest nicht in erster Linie, auch wenn es einen Bildersturm entfesselt, der für den Homescreen fast zu schade ist. Eine Sehnsucht, die auch Game of Thrones ertragen musste.

Hagen – Im Tal der Nibelungen (2024)

The Damned (2024)

AUF VERLORENEM POSTEN

5/10


thedamned© 2024 Viennale


LAND / JAHR: ITALIEN, BELGIEN, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: ROBERTO MINERVINI

CAST: JEREMIAH KNUPP, RENÉ W. SOLOMON, CUYLER BALLENGER, CHRIS HOFFERT, TIMOTHY CARLSON, NOAH CARLSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Wieder ein Film, bei welchem man gerne in Decken eingewickelt zusehen möchte. Denn dort, wo die Verdammten des Krieges hin marschieren, existiert nicht viel mehr außer Wildnis und vor allem eins: Kälte. Es ist Winter im Jahre 1862, in den nicht mehr so vereinigten Staaten herrscht Bürgerkrieg, Nord gegen Süd, das wissen wir alles zwar nicht aus dem schuleigenen Geschichtsunterricht, aber spätestens seit Kevin Costners Der mit dem Wolf tanzt oder frühestens seit The Good, The Bad and the Ugly – wenn Clint Eastwood und Eli Wallach die Nordstaaten als die Südstaaten fehlinterpretieren, tragen sie doch die Uniformen der letztgenannten. In Roberto Minervinis The Damned schiebt sich eine Kolonne der Nordstaaten über schneidend kalte, leicht hügelige Ebenen. Eine Kohorte Soldaten hat den Befehl erhalten, in den Wilden Westen vorzudringen, um an den äußersten Grenzen des besetzten Gebietes zu patrouillieren. Anstrengend und mühsam scheint das Unterfangen, außer dem Zehren an den Kräften vor allem junger Rekruten scheint der Krieg hier nicht mehr zu entbehren als das. Mag sein, dass manche denken, sie hätten mit dieser Mission das Glück auf ihrer Seite. Doch so entlegen und gottverlassen die Gegend auch sein mag – der Krieg, der Tod, er wuchert überall. Er wird hereinbrechen wie ein Unwetter, wie ein Schneesturm. Auf verlorenem Posten sind sie allesamt, und neben dem Exerzieren und anderen Übungen zur Gewährleistung routinierter Angriffe bleibt sogar noch Zeit, über Gott, die Welt und den Beweggründen zu philosophieren, warum man eigentlich hier ist  ­– mitunter sogar freiwillig.

Roberto Minervini ist ein gern gesehener, regelmäßiger Gast bei den Filmfestspielen der Viennale –Eva Sangiorgi hat da schon bereits ihre Favoriten, die immer wieder das Privileg genießen, ihre Werke zeigen zu dürfen. Minervini war bislang eher als Dokumentarfilmer unterwegs – mit The Damned verlässt er dieses Genre zwar nicht ganz, fügt seinem inhaltsarmen Essay aber Elemente hinzu, die einen fiktionalen Spielfilm ausmachen. Allerdings geschieht das aber sehr defensiv. Von enormer Bedeutung sind dabei die Bilder, die das übrige Geschehen bestenfalls billigen und sich in der Entfaltung ihrer episch anmutenden Wirksamkeit nichts dreinreden lassen. Mitunter tun das aber all die alten und jungen, die desillusionierten Fast-Schon-Veteranen und gerade mal erwachsen gewordenen Idealisten, die sehr bald feststellen werden, dass sie vielleicht doch falsch entschieden haben, indem sie einem schnöden Patriotismus folgen.

Die Bilder von Kameramann und Regisseur Carlos Alfonso Corral (Dirty Feathers, lief 2021 auf der Berlinale) sind brillant und erinnern an die Optik Alejandro Gonzáles Iñárritus, insbesondere an sein Abenteuerdrama The Revenant. Weitwinkel, Close Up auf Gesichter im Vordergrund. Die Idee dabei, den Feind in jedweder Gestalt lediglich diffus und unscharf im Hintergrund zu belassen, gibt der Erzählung ihre Metaebene, schafft eine erzählerische Tiefe, eine Kluft zwischen den Parteien, und einen ganz klaren, sehr prägnanten Blickwinkel. Man fragt sich, ob nicht doch die Natur der eigentliche Feind ist, ob es nicht vielleicht doch die eigenen idealisierten Weltvorstellungen sind, die Menschen wie diese hier, mit ihren ausdrucksstarken Gesichtern, antreiben.

The Damned ist fast wie eine Art Meditation oder Gebet, ein In-sich-kehren im Schnee, irgendwo in der Wildnis, völlig verloren – als wäre Kubricks Astronaut aus 2001 – Odyssee im Weltraum unterwegs in die Selbsterkenntnis jenseits des Jupiters. Und dennoch erwartet man sich ein Kriegsdrama, das letztlich profane Erwartungen erfüllt. Das einen Höhepunkt, eine Wende, eine Conclusio besitzt. The Damned verzichtet auf all das. Als die Momentaufnahme eines prädestinierten Untergangs bleibt Minervinis Film wie Szenen aus einem größeren Ganzen, wie das Fragment eines viel stärkeren Films, der auch mehr Biographisches erzählt und sich nicht damit begnügt, die Fotozeile aus einem National Geographic-Magazins zu sein. Das ist beeindruckend anzusehen, ist aber letztlich zu lethargisch, die Dialoge den Protagonisten zu sehr in den Mund gelegt, als dass sie tatsächlich Statements einer vorangegangenen inneren Reise wären. Den die lässt sich selten spüren.

The Damned (2024)

The Outrun (2024)

EIN SELKIE AM TROCKENEN

6,5/10


theoutrun© 2024 Viennale


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

DREHBUCH: NORA FINGSCHEIDT, AMY LIPTROT, NACH IHREN MEMOIREN

CAST: SAOIRSE RONAN, PAAPA ESSIEDU, STEPHEN DILLANE, SASKIA REEVES, NABIL ELOUAHABI, IZUKA HOYLE, LAUREN LYLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Weibliche Charaktere, die aus dem sozialen Raster fallen oder am System vorbeiexistieren, liegen stets im Fokus der Filmemacherin Nora Fingscheidt, die mit ihrem radikalen Problemkind-Drama Systemsprenger weltweit auf sich aufmerksam machte. Netflix klopfte an und gab ihr die Regie für den Sandra Bullock-Streifen The Unforgivable, indem der Star eine ehemalige Straftäterin gibt, die im Alltag nicht mehr Fuß fassen kann. Ähnlich geht es nun in ihrem neuesten Werk The Outrun zu. Statt anarchischem Schreihals oder einer zutiefst depressiven Bullock färbt sich diesmal Saoirse Ronan die Haare blau. Wobei die Farbe Blau zumindest in unseren Kreisen hier gerne mit einem Zustand des völligen Kontrollverlusts einhergeht, der dann einsetzt, wenn man zu tief ins Glas geblickt hat. In diesem Film ist Filmcharakter Rona genau so jemand: Eine Alkoholikerin. Als wäre sie eine Kneipenkumpanin von Amy Winehouse gewesen, nur ohne deren Ruhm, war das Gift im Glas auch das Gift für ihre Beziehung, ihre Zukunft, ihr Studium. The Outrun zeigt aber nicht den Verfallsprozess einer jungen Frau, sondern knüpft eigentlich dort an, wo diese das Ruder herumreisst. Den Entzug bereits überstanden, macht sich Rona auf in Richtung Heimat ihrer Kindheit. Und die ist nicht im Londoner Umland, sondern viel weiter weg. Ganz weit draußen im Nordosten der Insel Großbritannien, zu Schottland gehörend und am Ende der Welt: Auf dem Orkney-Archipel.

Felsen, Strände, ganz viel Küste und sturmgepeitschte See. Wiesen, vereinzelte Steinhäuser und unter Mühsal betriebene Viehbetriebe, wie Ronas Eltern welche führen. Die sind wiederum getrennt, denn Papa ist aufgrund einer bipolaren Störung nicht unwesentlich daran beteiligt, dass seine Tochter so manches aus ihrer Kindheit mitnehmen musste, worauf sie lieber verzichtet hätte. Dennoch ist das Nirgendwo im Takt der Gezeiten genau jene Form von Reduktion, die jemanden wie Rona auch psychisch wieder rebooten kann. Einen Neuanfang unter extremen Witterungen und unter den Blicken der Kegelrobben, von denen manche tatsächlich Selkies sein könnten – Mischwesen aus Mensch und Tier, Gestalten aus der schottischen Mythologie. Wesen, die zwischen den Elementen wandeln, sich jedoch stets nach dem Meer sehnen.

Saoirse Ronan könnte so jemand sein, natürlich im übertragenen Sinn. Fingscheidt spielt mit dieser Mythologie und mit Ronans Haarfarbe, flechtet sie ein, nimmt sie als Metaebene in die Verfilmung eines autobiografischen Romans auf, den Autorin Amy Liptrot verfasst hat, um über ihre Sucht und die Überwindung selbiger zu schreiben. Mit Ronan mag da die richtige Besetzung gefunden worden sein – ihre Begeisterung für die ungebändigte Natur kann sie transportieren. Die Rolle der Süchtigen allerdings weniger. Dafür umschifft Fingscheidt den Absturz großräumig, streift auch deren Beziehung nur flüchtig. Im Trend liegt derzeit, und das merkt man auch hier, eine gegen die eigentliche Chronologie der Handlung gerichtete Abfolge an Rückblenden zu streuen. Bei The Outrun kommen diese entweder zu früh oder zu spät ins Spiel. Dass Ronans Figur und deren Entwicklung bei gezielterem Timing an Griffigkeit gewonnen hätte, bleibt zu vermuten.

Anfangs ist es auch so, dass Fingscheidts Drama Mühe hat, zu diesem Thema eine neue Perspektive zu finden. Erst sehr viel später, wenn sich auch die Familiengeschichte offenbart oder Ronan langsam, aber doch, das Trauma des Alkoholkonsums hinter sich lässt, um neue Horizonte zu erschließen, mag der Funke überspringen, mag die Selbstfindung dann auch mitreißen. Im Tosen der Wellen wird der Neuanfang schließlich zur Metapher in Form einer unbegrenzten, naturgebundenen Superkraft, die jeder mobilisieren kann. Vorausgesetzt, die Parameter des Umfelds stimmen.

The Outrun (2024)