The Tomorrow War

DIE ZUKUNFT KOMMT VON DEN STERNEN

6/10


the-tomorrow-war© 2021 Amazon Prime Video


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CHRIS MCKAY

CAST: CHRIS PRATT, YVONNE STRAHOVSKI, BETTY GILPIN, J. K. SIMMONS, SAM RICHARDSON, EDWIN HODGE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


In die Zukunft zu schauen ist ein ambivalenter Umstand. Zum einen meist Humbug, ganz viel Astrologie, und jede Menge Häuser in Konjunktur mit diversen Planeten, die das Glück des Tages bestimmen. Zum anderen ist es durchaus legitim, wenn’s um Dinge wie den Klimawandel geht. Dem Planeten ist das egal, uns aber könnte es bald wegschwemmen, austrocknen oder davonblasen. Zum nochmal anderen gibt’s die Zukunft, die sich kein bisschen abzeichnet, über die sich manche aber dennoch den Kopf zerbrechen. Sorge dich nicht, lebe!, sagte einst schon Dale Carnegie in seinem gleichnamigen Bestseller. Was juckt mich, wenn morgen der Komet kommt? Wenn mir morgen der obligate Ziegelstein auf´s Haupt fällt oder wenn sich Aliens in meine Wade verbeißen? Genau an dieser Stelle wird „Star Lord“ Chris Pratt Einspruch erheben.

In seinem neuen Actionkracher, welchen er stolz und mit Clint Eastwoods kennerhaftem Kneifblick anzuführen vermag, ist es möglich, per Zeitreise für rosige Aussichten zu sorgen. Aber nur, wenn alle bereit sind, für ihr Wohl zu kämpfen. So viel Einsatz würde man gern nach Greta Thunbergs Ansprachen sehen. Doch das Klima ist kein greifbares Monster. Die White Spikes hingegen, die in naher Zukunft ganz plötzlich die Erde überrennen, und anders als in A Quiet Place alle Sinne beieinander haben, sind handfeste Bioinvasoren erster Güte und jagen sich an die Spitze der Nahrungskette, während der Mensch zum Zwischenglied verkommt. Deswegen reisen bis an die Zähne bewaffnete Krieger in die Vergangenheit, um alles, was noch gerade laufen kann, für den Endkampf zu rekrutieren. Teil der zusammengewürfelten Miliz ist Dino-Dompteur Chris Pratt, der zumindest als Ex-Soldat sowas wie Kampferfahrung hat. Klarerweise sieht er sich in der Pflicht, busselt seine Familie zum Abschied und fort ist er – für eine Woche. Vorausgesetzt, er landet nicht am extraterrestrischen Buffet.

Ein bisschen konfus ist dieser Alien-Actioner schon und viel weniger präzise ausformuliert als John Krasinskis Gehör-Knaller. Während ich mich bei letzteren noch ordentlich wundern musste, warum der hochtechnologisierte Mensch es nicht auf die Reihe bekommt, instinktgetriebenen Kreaturen, die noch dazu akustisch leicht zu manipulieren sind, Herr zu werden, erscheint in diesem exklusiv auf amazon veröffentlichten Wohnzimmer-Blockbuster allein die Menge der wütenden Viecher jegliche Strategie im Keim ersticken zu können. Diese Plausibilität kann The Tomorrow War im Gegensatz zu A Quiet Place für sich verbuchen. Was der Film nicht kann, ist, das individuelle Schicksal empfindbar darzustellen. Das liegt in erster Linie an Pratt, dem es sichtlich schwerfällt, Gefühle zu zeigen. Das liegt auch an den stereotypen Charakteren, die wohl eher in den Filmen eines Roland Emmerich zu finden sind: Independence Day mit Zeitreise also, was ja mitunter auch seine als treffsichere Boni zu verortenden Vorzüge hat. Doch sieht man von der Grundidee eines Multiversums mal ab, in dem, wie seit Loki bekannt, alles erlaubt und möglich zu sein scheint, hapert es bei unserem gewissenhaften Helden am Grundverständnis, was kausale Zusammenhänge bei Zeitreisen betrifft. Auf Basis dieses kruden Missverständnisses gerät die Vater-Tochter-Geschichte zum Blindgänger. Rundherum aber ergötzt sich der Science-Fiction- und Monsterfan an wiederholten Großaufnahmen aufgesperrter, geifernder Monstermäuler, garstigen Vierbeinern, die wie in Zhang Yimous The Great Wall die Barrikaden stürmen und am Verheizen sowieso totgeweihter Erdenbürger als astreines Kanonenfutter. Etwas zynisch, dieser Krieg. Wobei – das sind sie sowieso alle.

The Tomorrow War

A Quiet Place 2

ALLE MAL HERHÖREN!

7,5/10


aquietplace2© 2020 Paramount


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: JOHN KRASINSKI

CAST: EMILY BLUNT, MILLICENT SIMMONDS, NOAH JUPE, CILIAN MURPHY, DJIMON HOUNSOU U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Selten haben wir Menschen so sehr etwas nicht im Griff gehabt. Und damit meine ich nicht unser Virendilemma in der für uns allen synchronisierten Wirklichkeit. Da scheint es zumindest in einigen Teilen der Welt langsam bergauf zu gehen. So wirklich am Allerwertesten ist Homo Sapiens diesmal nicht wegen mikroskopisch kleiner Lebewesen, sondern aufgrund raumfüllender, bissfreudiger und höchst gelenkiger Akrobaten. Raubtiere from Outer Space, soviel wird zu Beginn des Sequels zu A Quiet Place sofort klar. Diese Dinger landen überall auf der Welt. Doch wie konnte das nur passieren, dass wir diesen animalische Riesen, die weder über irgendeine Art Technologie verfügen noch in ihrem Instinktverhalten schwer zu durchschauen sind, einen ganzen Planeten überlassen? Angesichts hoch aufgerüsteter Staaten, forschenden Koryphäen und einem gesunden Menschenverstand wären die blinden Wüteriche, die sicherlich irgendwie mit Venom verwandt sein müssen, als Plage sehr schnell vom Angesicht dieser Erde getilgt. Die Welt, so scheint es, dürfte aber so einiges verschlafen haben, vielleicht waren auch zu viele Lobbies darin involviert, zu viele Begehrlichkeiten, die alle Seiten in der Umsetzung ihrer Strategien gehemmt haben.

Hätte die Menschheit nur halb so viel Vernichtungsfreude an den Tag gelegt wie bei einigen unserer ausgerotteten und unwiederbringlichen Tierarten, gäbe es kein Quiet Place. Wenn überhaupt, dann nur einen Sommer lang. Auf dieser hinterfragungswürdigen Basis errichtet Joseph Krasinski voller Elan das Da Capo zu einem sehr erfolgreichen Kinokassenschlager. Die bewährten Zutaten sind abermals ein kleiner, überschaubarer Plot und ein spezieller Kniff: Die Aliens können nicht sehen, aber verdammt gut hören. Wie Hunde eben. Nach dem Prolog macht der Film genau da weiter, wo das Original zuletzt geendet hat. Mutter Emily Blunt streift mit ihren drei Kindern barfuß durchs Land (Wie wär’s mit Sneakers?). Wohin, ist nicht klar. Kurze Zeit später entdecken sie einen alten Bekannten wieder. Der hat sich aber stark verändert, nicht nur optisch. Auch sein Charakter gleicht dem eines einsamen Mad Max, der sich in einer alten Fabrik verschanzt hat. Hilfe ist von ihm erstmals keine zu erwarten. Angesichts dieser Umstände muss Töchterchen Regan (tough: Millicent Simmonds) die Sache allein in die Hand nehmen, hat sie doch die Position des einzigen noch aktiven Radiosenders lokalisiert, der sichere Zuflucht verheißen könnte – und gar nicht mal so weit weg liegt.

Obwohl ich den ratlosen Protagonisten in A Quiet Place 2 händeringend das Offensichtliche begreifbar machen möchte, ist es letzten Endes ein jauchzendes Vergnügen, wenn endlich der Groschen fällt. Bis es so weit kommt, macht John Krasinski auch schon im Vorfeld vieles richtig. Und vielleicht gelingt ihm dabei sogar mehr als bei seinem Erstling. Das Spiel mit der Stille, kombiniert mit den knackenden Geräuschen der Aliens, bietet Breitseiten für kreatives Austoben. Der Suspense mag vorhersehbar sein, die Intermezzi und die listigen Duelle mit den Kreaturen erinnern frappant an die schönsten Begegnungen mit Ridley Scotts Xenomorph. Krasinskis staksende Wesen punkten nebst ihrer schaurigen Wertigkeit als absolute Hingucker mit  durchdachtem Creature-Design und kommen diesmal auch mehr zur Geltung. Dabei sind sie wie in Alien immer Teil ihrer Umwelt, verschmelzen mit Maschinen, werfen expressionistische Schatten. Klassisches Monsterkino.

Auch wenn Emily Blunt und Co und überhaupt die ganze Menschheit hier lange nicht eins und eins zusammenzählen können – versöhnlich stimmt, dass Krasinski leeren dramaturgischen Floskeln aus dem Weg geht. Sein Finale ist überdies grandios gelungen. Dicht, flott geschnitten und mit stimmigem Score hinterlegt. Das knappe und gleichermaßen sehr elegante Ende macht manch Fragwürdiges wieder gut, ist knackig und hat Understatement. Meines Erachtens nach wäre die Geschichte rund um eine Bioinvasion wie diese somit punktgenau auserzählt. Ein weiterer Teil könnte den Eindruck erwecken, lediglich die Kuh – oder das Monster – melken zu wollen. Das könnte zur Folge haben, dass keiner mehr hinhören will.

A Quiet Place 2

Brightburn – Son of Darkness

IN DIE ECKE, SUPERMAN

6/10


brightburn© 2019 Sony Pictures Entertainment


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: DAVID YAROVESKY

CAST: JACKSON A. DUNN, ELIZABETH BANKS, DAVID DENMAN, MATT L. JONES, MEREDITH HAGNER U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Was für ein Jammer. Wir befinden uns hier weder im DC– noch im Marvel-Universum. Weit und breit gibt’s keine Superhelden, keinen Captain America und keinen Batman. Ein ernüchternder Umstand. Und insofern tragisch, da der einzige Knabe mit besonderen Fähigkeiten nichts Gutes im Schilde führt. Es ist, als wäre Superman ein wütender Vandale und als träfe dieser auf keine ernstzunehmenden Widersacher, die sein Potenzial auch nur irgendwie zügeln könnten. Was für Kräfte Clark Kent hat, ist uns allen bekannt. Es sind die einer Gottheit. Nichts kann ihn bremsen, niemand aufhalten. Er könnte alles um ihn herum vernichten. Er könnte ganze Sonnensysteme in sich zusammenfallen, die Erde in die Sonne stürzen lassen. Ich traue Superman sowieso nicht. Batman tat das eine Zeit lang auch nicht – in Dawn of Justice war sein Grummeln in der Magengegend durchaus berechtigt. Später, in Justice League, soll er dann nochmal den finsteren Blick bekommen. So eine Gratwanderung zwischen unbegrenzter Macht und humanitärem Gewissen bedarf einer gewissen Ausdauer. Und das Herz eines guten Wesens.

Der Junge in Brightburn – Son of Darkness scheint anfangs sein nichtmenschliches Herz noch am rechten Fleck zu haben. Mit einer Raumkapsel eines Nachts abgestürzt, war er als brabbelndes Baby geradewegs in die ausgebreiteten Arme eines kinderlosen Ehepaares gefallen. Jetzt, im präpubertären Alter von 12 Jahren, scheinen gewisse Kräfte in ihm zu erwachen. Nicht solche, die in der Kindesentwicklung üblich sind, sondern eben ähnliche wie die von Superman. Mit so viel Macht muss man mal umgehen können. Das kann so gut wie niemand. Mit dieser Kraft erhält der Junge allerdings auch seltsame Befehle von außerhalb. Und die gehen auf Kosten seines sozialen Umfelds.

Was passiert eben, wenn die Nummer 1 aller Superhelden plötzlich böse wird? Und niemand da ist, der ihn aufhalten kann? Das gute Zureden seiner Ziehmutter? Das Läutern seines Gewissens? Die Suche nach so etwas Ähnlichem wie Kryptonit? Der von James Gunn (Guardians of the Galaxy, Super – Shut up, Crime!) produzierte Science-Fiction-Horror macht es sich mit seiner Antwort auf diese Fragen relativ leicht. Und klar – man braucht da gar nicht viel drum rum reden. Die Aussichten sind blutig, hundsgemein, bedrohlich und erschreckend. Mit so einer Gabe bleibt einem Dreikäsehoch wie diesen gar nichts anders übrig, als nur Schaden anzurichten, allein aus einem impulsiven kindlichen Verhalten heraus, angesichts dessen erlernte Erziehungswerte gnadenlos abstinken. Einmal damit angefangen, gibt’s kein Aufhören mehr. Und das ist es, was Brightburn erzählt: ein recht straightes Coming of Age-Grauen, das allerdings stellenweise mehr Familiendrama als Slasher ist, und das so seine Phasen durchmacht – von der dargestellten Bandbreite kreativer Tötungsmethoden bis hin zu den leisen Selbstzweifeln einer nichtmenschlichen und gleichermaßen erschreckend menschlichen Kreatur. Interessant dabei ist die klar erkennbare Metaebene: Brightburn hat ganz offensichtlich vor, die Sorgen und Ängste der Elternschaft ob der Entfremdung und Abnabelung ihres Nachwuchses in einen Worst Case-Alptraum zu konvertieren. Im Gegenzug ist das Entdecken der eigenen Stärken und das Erstarken eines kolossalen Ich-Bewusstseins der posttraumatische Folgetraum. Alles in allem bleibt David Yaroveskys kleiner, kerniger und letzten Endes gnadenloser Reißer die Visualisierung einer aus biologischer Sicht determinierten Ohnmacht.

Brightburn – Son of Darkness

Knights of Badassdom

EIN DÄMON FÜRS WOCHENENDE

6/10


knights-of-badassdom© 2013 Pandastorm Pictures


LAND / JAHR: USA 2013

REGIE: JOE LYNCH

CAST: RYAN KWANTEN, STEVE ZAHN, PETER DINKLAGE, SUMMER GLAU, DANNY PUDI, JIMMI SIMPSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Jeder, der sich schon mal das bunte Treiben auf einer Comic-Con gegeben hat, wird wissen, was LARP bedeutet. Für jene, die das nicht wissen: LARP ist die Abkürzung für Live Action Role Playing – das Verb dazu lautet „larpen“. Was tut man da? Man wirft sich – vom Samtmieder bis zur chromschillernden Rüstung – in das vorzugsweise selbst genähte Outfit einer Epoche oder eines fiktiven Universums und schlüpft dabei physisch in die Rolle seines erwählten Charakters. Als Waffen gelten vorzugs- und rücksichtsvollerweise liebevoll ausgearbeitete Schmiedewaren aus Schaumstoff, mit welchen man den Gegner schadlos halten kann. Es gibt ein Thema, ein Come Together, mitunter epische Schlachten. Auch hierzulande in Österreich gibt’s LARP-Events, allerdings nicht so breit gefächert wie in Deutschland. Sowohl Historisches als auch High Fantasy wird hier nachgespielt, natürlich gibts auch komplette Eigenkreationen. Am Beeindruckendsten dabei sind allerdings nicht die aus dem Boden gestampften alternativen Welten, sondern die aufrichtige Leidenschaft, mit der die LARPer zur Sache gehen. Letzten Endes bleibt die Frage offen, wann denn endlich mal diese ganz besondere Art der Freizeitgestaltung auch filmtechnisch gewürdigt werden könnte. Das ist bereits geschehen – nämlich vor rund 8 Jahren. Mit dem so denkwürdig betitelten Streifen Knights of Badassdom.

Dieses Guilty Pleasure für selbstbewusste Nerds eignet sich auch bestens für solche, die sich nicht zwingend als Nerds oder Geeks deklarieren wollen, die sich allerdings in den Kreisen fachsimpelnder großer Kinder am wohlsten fühlen. Diesen Feel Good-Effekt nutzen Rollenspieler Hung und Eric ebenso, als sie den von Liebeskummer gepeinigten Joe für ein Wochenende und anfangs gegen seinen Willen in die idyllische Waldeinkehr für ein bevorstehendes LARP-Gefecht verschleppen. Eric, der Vorzeigemagier mit Level 15, kommt sich dabei ganz wichtig vor, hat er doch von irgendwoher einen uralten Schmöker mitgehen lassen, aus dem er eifrig magisch klingenden Kauderwelsch rezitiert. Was er dabei nicht weiß: ein waschechter Dämon hat sich durch diese Worte direkt angesprochen gefühlt – und wandelt alsbald mordend durch den Hain. Authentisch ist ja gut genug – übertreiben sollte man es trotzdem nicht, finden die Buddies und versuchen ihr Bestes, ihre heile Welt vor dem Übel der Bestie zu befreien, die obendrein noch wenig zimperlich vorgeht, wenn es heißt, sich am Blut unschuldiger Schildmaiden und ritterlicher Recken zu laben.

Da spritzt der grellrote Körpersaft und werden Torsi entherzt – natürlich auf einem handwerklich recht überschaubaren Level, sagen wir auf Augenhöhe mit günstig produzierten B-Movies, die das Gaudium eines Trashfilm-Publikums schüren. Für diesen derben Spaß hat sich neben Steve Zahn und Firefly-Ikone Summer Glau im nietenbesetzten Mini auch „Tyrion Lannister“ Peter Dinklage eingefunden, der in Kettenhemd und mit Gummischwertern allen die Show stiehlt und seine Rolle aus Game of Thrones persifliert. Wenn am Ende dann der ungelenke Bodysuit einer Höllenkreatur über die Ebene stapft und Gedärme verstreut, sind fast schon die Jack Arnold-Fifties zurückgekehrt.

Knights of Badassdom eignet sich perfekt dafür, einen Themenabend rund um realitätsferne und im Phantastischen verortete Leidenschaften feuchtfröhlich ausklingen zu lassen. Ein Spaß also, der Feinschmecker keinesfalls abholt, der verspielten Frohnaturen auch am Ende eines Tages voller kraftraubender Mittelalter-Celebrations noch Laune macht.

Knights of Badassdom

Love and Monsters

WENN DIE SCHNECKE SCHATTEN SPENDET

6,5/10


loveandmonsters© 2021 Netflix / Jasin Boland


LAND / JAHR: USA, AUSTRALIEN 2020

REGIE: MICHAEL MATTHEWS

CAST: DYLAN O’BRIEN, JESSICA HENWICK, MICHAEL ROOKER, ARIANA GREENBLATT, DAN EWING U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Bevor man mutterseelenallein im postapokalyptischen Regen steht, ist immer irgendwo noch ein Hund aufzutreiben. Das beweist wieder mal: Hunde sind die besten Partner, wenn’s ans Eingemachte geht. In I Am Legend war Will Smith ohne Hund sowieso aufgeschmissen. Und selbst der junge Don Johnson wäre in A Boy and his Dog ohne selbigem nur ein Fressen für die Unterirdischen. Dieser Junge hier, den die Liebe aus den verrammelten Schlupflöchern unter der Erde geholt hat, kann sich ebenfalls bei seinem wild zugelaufenen Vierbeiner bedanken, sonst hätte ihn längst die Sumpfkröte geholt. In Love and Monsters muss man nämlich vor wirbellosen und Amphibien die Beine in die Hand nehmen, denn die sind gigantisch.

Extraterrestrische Invasoren? Mitnichten. Da hat wieder mal der Mensch nicht gewusst, welchen Kollateralschaden er da fabriziert, indem er mit Chemieraketen erfolgreich versucht hat, den herannahenden 2012er-Asteroiden zu verpulvern. Diese Chemie, die regnete dann wieder auf die Erde herab – auf die Köpfe der Insekten und Würmer und auf sonstiges, was das so kreucht und fleucht. Der junge Mittzwanziger Joel hat dabei seine Eltern verloren, wurde von seiner Freundin getrennt – und lebt jetzt als Minestrone-Koch in einem Bunker. Ab und an gibt’s Funkkontakt mit dem Herzblatt, doch irgendwann werden auch diese glücklichen Momente schal, wenn man selbiges nicht in die Arme nehmen kann. Also: das Zeug gepackt, die Armbrust geschultert und auf zur nächsten Kolonie. Sind ja nur 140 Kilometer. Zum Glück gibts Hunde (die nicht mutiert sind) und andere lebensmüde Wanderer, die den Weg kreuzen. Sonst könnte dieser Walk of Duty recht ungesund werden.

Dieses jüngst auf Netflix erschienene Abenteuer hat ja schon alleine durch sein kreatürliches Konzept bereits die eine oder andere Vorschusslorbeere aus meiner Hand empfangen dürfen. Als leidenschaftlicher Monster Fan und Creature Designer (ein eigener Bildband ist in Arbeit) will ich Filme wie diese selbstredend nicht verpassen. Allein der Trailer entzückte schon mit herzhaftem Tentakel-Teasing. Heraus kam letztlich ungefähr das, was zu erwarten war: eine Art Zombieland, nur ohne Zombies. Stattdessen mit Monstern, dessen Welteroberung seltsamerweise nicht durch die gewaltige Militärmaschinerie der Supermächte in den Griff zu bekommen war. Hinterfragen darf man die Entstehung dieses Ist-Zustandes nicht, leicht kann das Szenario wenig plausibel erscheinen. Doch das macht nichts – die sehr adrett in Szene gesetzte Landschaft mit bemoosten Panzern, Flugzeugen und verwachsenenen Windparks könnten aus einem Videospiel-Setting stammen – zwischen all dem Grün kämpft und hofft ein recht unbeholfener „Jungritter“ um und auf die Zweisamkeit, während enorm plastische und bis unters letzte Chitin-Segment ausgearbeitete Urviecher die goldene Wandernadel in weite Ferne rücken lassen. Das sind natürlich Gustostückerl, die auf großer Leinwand noch viel besser gekommen wären: agile Scolopender, gigantische Schnecken – ein Eldorado für den Zoologen von Morgen. Dabei macht es Spaß, Dylan O’Brien gemeinsam mit Michael Rooker fast schon im Stile eines Jules Verne-Abenteuers auf rustikale Art durchs Unterholz stiefeln zu sehen. Love and Monsters ist dann auch zum Großteil wie einer dieser hemdsärmeligen Klassiker guter, alter Survival-Phantastik. Gegen Ende allerdings verliert das Abenteuer seinen gemächlichen Drive und verbiegt sich zugunsten von noch mehr Action und einem recht erzwungen wirkenden Showdown, der gar nicht hätte sein müssen. Selbst darüber lässt sich dank des recht reizend agierenden O’Brien in seinem sympathischen Reifungsprozess zum Monster Hunter hinwegsehen – zu gern sieht einer wie ich den liebevoll ausgearbeiteten Gigantismus in natura wüten.

Dankenswerterweise erspart uns Love and Monsters so gut wie jedweden Beziehungskitsch, bleibt hingegen geradezu ernüchternd realistisch, was Liebe über Zeit und Raum angeht. Umso erfrischender wirkt der kurzweilige Trip mit seiner Prämisse, dass romantische Liebe zwar als Motivator dienen kann, längst aber nicht alles ist.

Love and Monsters

Synchronic

VOLLE DRÖHNUNG ZEITREISE

7/10


synchronic© 2021 XYZ Films


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: JUSTIN BENSON, AARON MOORHEAD

CAST: ANTHONY MACKIE, JAMIE DORNAN, KATIE ASELTON, ALLY IOANNIDES, RAMIZ MONSEF U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Diese beiden Filmemacher, die werde ich mir von nun an merken: Justin Benson und Aaron Moorhead. US-amerikanische Independentfilmer mit einer Vorliebe für das Entrückte, Unerklärliche, ohne dabei in panische Angst zu geraten. Und ohne die Ambition, diese panische Angst in jahrmarktkonformer Plakativität auf sein Publikum übertragen zu müssen. Im speziellen Monsterdrama After Midnight, vom Duo produziert, war deren stilistischer Einfluss bereits unübersehbar. Synchronic funktioniert hier ähnlich. Und entschleunigt dabei so ziemlich im Alleingang einen recht durchgekauten Filmtyp. Fast schon schulterklopfend besänftigt der Streifen eine diesem Genre zugrundeliegende Aufgeregtheit, um auf die kleinen Dinge und Details hinzuweisen, die sich in menschliche Dramen stehlen, welche an sich nicht mal das geringste mit dem Paranormalen zu tun haben wollen. Die aber in den sauren Apfel beißen müssen, um die Ordnung im Diesseits wieder herzustellen.

Anthony Mackie ist hier mit einem fürchterlich ausdruckslosen Jamie Dornan (u. a. Fifty Shades of Grey) unterwegs, die als Sanitäter des öfteren zu äußerst obskuren Notfällen eilen. Erklären lassen sich diese vielleicht durch eine Droge namens Synchronic. Die Frage, was es damit wohl auf sich hat, wird lange Zeit vernachlässigt. Ist halt so – Drogenkonsum führt meist zu fatalen Endsituationen. Bis aber die Tochter seines Buddys verschwindet. Natürlich hat auch sie eine dieser Designerpillen geschluckt und sitzt vermutlich irgendwo in der Vergangenheit fest. Anthony Mackie wassert nach, probiert die Dinger selber aus und filmt sich dabei – als wohl faszinierendstes Kernstück des Films. So hat man das Austricksen der Timelines noch nicht gesehen.

Synchronic ist also ein Zeitreisefilm. Nicht schon wieder, könnten sich manche denken. Aber ehrlich gesagt: von Zeitreisefilmen kann ich zum Beispiel nicht genug bekommen. Vor allem dann nicht, wenn manch ein filmender Philosoph auf ganz andere Ideen kommt als bisher. Die Zeitreise in Form von Pillen zu verabreichen – das ist neu. Und entsprechend innovativ ist Synchronic auch geworden. Nichts mit De Loreans oder energetischen Lichtkugeln. Keine Portale oder sonst was. Um den linearen temporären Flow zu verlassen braucht’s nur einen Schluck Wasser nach – und schon geht der Trip in die Vollen. Benson und Moorhead haben sich da nette Kurzausflüge überlegt – jedoch keine Reise durch die Zeit, ohne Gefahr zu laufen, auf unkonventionelle Weise abzukratzen. Kein vergnügliches Chuck-Berry-Geschrumme in den 50ern wie Marty McFly uns das vorgemacht hat? Nein, natürlich nicht. Das zu kommunizieren war den Filmemachern wichtig. Das sagt auch Anthony Mackie in einer speziellen Szene, und nicht zufällig hört sein Hund auf den Namen eines großen Physikers, wie seinerzeit Einstein der Köter von Doc Brown hieß.

Trotz seiner düsteren Stimmung und seinem bedrohlichen, unruhestiftenden Score ist Synchronic kein pessimistischer Low-Budget-Abgesang auf menschliche Werte. Eigentlich, und das lässt sich erst am Ende so richtig spüren, genau das Gegenteil. Synchronic ist nachdenklich und unaufgeregt, manchmal hängt der rote Faden ein bisschen zu locker durch, und manchmal sind die expliziten Betrachtungen offener Wunden nicht wirklich nötig. Doch am Ende spannt der in der physikalischen Kustorkammer herumkramende Film einen geflissentlichen Bogen über das ganze leise Phänomen, lässt Mackie zum Time Bandit werden, nur ohne Gottes Karte. Die Zeit heilt alle Wunden? Vielleicht. Mit ziemlicher Sicherheit schafft sie allerdings auch neue.

Synchronic

Raya und der letzte Drache

DRACHENSTEIGEN LEICHT GEMACHT

5,5/10


rayaletztedrache© 2021 The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: DON HALL, CARLOS LOPEZ ESTRADA, PAUL BRIGGS, JOHN RIPA

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): KELLY MARIE TRAN, AWKWAFINA, GEMMA CHAN, DANIEL DAE KIM, SANDRA OH, BENEDICT WONG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Prinzessinnen, wie wir und die ganze Familie sie kennen, sind out. Disney bringt den Paradigmenwechsel, nachdem sich der Gigamegakonzern dazu entschlossen hat, politisch unkorrekte Inhalte wie Peter Pan oder Dumbo endgültig zu streichen. Dumbo lässt sich jetzt vermutlich nur noch in der Tim Burton-Live-Act-Version genießen, es sei denn, man hat eine DVD des alten Klassikers daheim. Disney will hier – und muss schlussendlich – neue Statements setzen. Am besten gleich auf seinem Streamingkanal Disney+. Das eisfarbene Outfit der Eiskönigin darf Elsa nämlich ganz allein in ihrem geschnitzten Schränkchen hängen lassen. Denn jetzt, jetzt kommt Raya, ein wehrhaftes Mädel im Grunge-Look, mit wildem Haar und drauf und dran, in die Fußstapfen ihres Vater-Vorbildes zu treten, der etwas ganz Bestimmtes beschützt: den Drachenstein. Wie es dazu kommt?

Nun, vor 500 Jahren war in diesem Land namens Kamandra, das ein Fluss durchzieht, der aussieht wie ein chinesischer Folkloredrache, eine dunkle Macht namens die Druum über alles und jeden hergefallen. Amorphe Sphären, die nur so vor sich hin wabern, um dem Bösen nicht die Chance zu geben, auch nur in irgendeiner Form personalisiert zu werden, und um der Gefahr zu entgehen, bei den jüngeren Zusehern nicht irgendwelche Sympathien zu wecken. Punkt eins der taktischen Correctness. Jedenfalls hinterlassen diese Sphären sogar bei den Drachen, die bis dato für das Gleichgewicht in dieser Welt unabdingbar waren, nichts als steinerne Statuen. Ihre Restenergie ruht in besagtem Drachenstein, den nun, da Kamandra in einzelne Königreiche aufgesplittert ist, jeder für sich beanspruchen will. Beim Handgemenge kommt es zum Unvermeidlichen: der Stein zerbricht, jedes Land hat seinen Splitter, und Raya? Die muss, nach der Rückkehr der Druum, den letzten noch lebenden Drachen suchen – und finden – und mit ihm überhaupt die Welt retten.

Disney überlässt nichts mehr dem Zufall und sieht sich auch ob seiner Bedeutung am Filmmarkt in der Verantwortung, zeitgemäße Wertbilder zu vermitteln. Diese Bemühung lässt sich bei Raya und der letzte Drache nur schwer bis gar nicht verbergen. Das Fantasyabenteuer, welches in einem fiktiven Südostasien spielt, bedient sich, so wie schon zuvor in Vaiana, der bereits erprobten Vater-Tochter-Konstellation. Die Vaterfigur ist der Erziehende, die Mutter ist irgendwo oder war für Raya nie relevant. Das Mädchen selbst entspricht nicht mehr den Stereotypen weiblicher Teenies oder Idealbildern einer jungen Frau. Raya ist kämpferisch und hat ganz einfach die Hosen an. Ihre Antagonistin schlägt sich ebenfalls auf die gesellschaftspolitisch korrekte neue Seite: burschikos und mit Undercut, die weibliche Physiognomie wird fast zur Gänze verborgen. Selbst der Drache ist weiblich – und in seiner Menschengestalt ganz deutlich der Schauspielerin Awkwafina nachempfunden, die diesen auch im Original synchronisiert. Männliche Figuren treten lediglich in einer Form auf, die in keinerlei Konkurrenz stehen. Als Kind, als simpel gestrickter Haudrauf mit weichem Kern. Kraft ist noch männlich, Geschick eindeutig weiblich. Doch in der Art, wie das Weibliche interpretiert wird, wird Raya und der letzte Drache längst nicht nur mehr Resonanz bei den Mädchen finden.

Dieses bis ins Kleinste berechnete und durchgestaltete Konzept – taktische Correctness die Zweite – verleiht dem Film eine ermüdende Berechenbarkeit. Disney bleibt, anders als Pixar (ist ja auch schon Disney, bleibt aber weitgehend autonom) seinen Versatzstücken treu, was das Ausarbeiten griffiger Plots anbelangt. Im Abspann wird klar, wie viele Köche hier versucht haben, den Brei trotz allem nicht zu verderben. Diese Geschichte ist gefühlt hunderte Male um- und aufgebessert worden, bis alles seine akkurate Unproblematik hat. Das ist leider sehr spürbar, auch die finale logische Konsequenz des Filmes entbehrt einer gewissen Nachvollziehbarkeit. Das joviale Gerede des Drachen mit seinem Kumpel-Slang ist ebenfalls wieder ein sogenanntes Musst-Have zum Amusement innerhalb einer Story über Einheit, Brüderlichkeit und Vertrauen.

Animationstechnisch allerdings ist Raya und der letzte Drache erste Sahne. Eine erstaunliche, wunderschöne Bildsprache in satten Farben und frappantem Fotorealismus. Da kann man sich wirklich nur sehr schwer sattsehen, obwohl die Gesichter manchmal ein bisschen wächsern wirken. Dennoch State of the Art, würde ich sagen. Zur Art, wie Disney seine Messages verklickert, wären ein bisschen mehr künstlerische Freiheiten und weniger Verbissenheit in Sachen Message Control durchaus empfehlenswert. Aber auch das sollte nicht wieder zur heiligen Pflicht werden.

Raya und der letzte Drache

Fast Color

NUR DIE SUMME SEINER TEILE

4/10


fast-color© 2021 Lighthouse Home Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JULIA HART

CAST: GUGU MBATHA-RAW, LORRAINE TOUSSAINT, SANIYYA SIDNEY, DAVID STRATHAIRN, CHRISTOPHER DENHAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Erst kürzlich feierte auf amazon prime der Retro-Krimi I’m Your Woman seine „Premiere“. Regie führte in diesem recht ansehnlichen Emanzipationstrip einer Gangsterbraut eine Dame namens Julia Hart. Ich habe dann natürlich nachgegoogelt und bin auf das eben frisch veröffentlichte Mysterydrama Fast Color gestoßen, mit der aparten Gugu Mbatha-Raw in der Hauptrolle (sehr sehenswert übrigens in Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution und nicht nur wegen ihres Aussehens). Der Trailer sah ja recht vielversprechend aus. Doch wie das bei Trailern manchmal so ist – können sie ihre Versprechen letzten Endes nicht halten. Julia Harts bereits 2018 abgedrehter Film ist einer jener Produktionen, bei denen man bereits in der ersten Minute weiß, wie es enden wird. Nimmt das dem Film die entsprechende Spannung? Oh ja, das tut es. Leider Gottes.

Gott hat in diesem Drama allerdings wenig mitzureden. Denn die übersinnlich begabte Mutantin hat’s ganz alleine drauf. Ruth, wie sich Mbatha-Raw nennt, bekommt ab und an Anfälle, bei denen sie zu zittern und zu scheppern beginnt wie ein Kluppensack, muss sich dann aber selbst am Bettgestell (falls eines vorhanden) festbinden, um nicht Schaden zu nehmen, und vergisst auch nicht, allen anderen in Hörweite zurufen: verkriecht euch unter den Tisch oder klemmt euch in den Türstock. Ruth bringt nämlich die Plattentektonik ins Wanken. Das ist mal eine Leistung, die gab’s bei den X-Men noch nicht (Magneto hätte das vielleicht geschafft, mit all dem Eisen im Boden). Dabei ist das nicht Ruths einziges Problem. Julia Hart stößt uns Zuseher nämlich direkt mitten ins Geschehen hinein, wir hängen uns also an den Kühler von Mbatha-Raws Fluchtauto, denn Polizei und Wissenschaft ist hinter ihr her. Wo sie selbst hinwill, wird bald klar: zurück zu ihrer Mum, denn dort lebt auch ihre Tochter. Und ja, bevor ich’s vergesse: Fast Color ist nicht nur ein „Superhelden“-Streifen, wenn man so will (wobei Superhelden stets das Image des anzuhimmelnden Weltenretters mit sich herumtragen), sondern auch eine düstere Zukunftsvision, in der das Grundwasser auf unserem Planeten so gut wie versiegt ist und Wasser so viel kostet wie ein Manhattan-Cocktail.

Na, kommt schon der erste Verdacht auf, wie das Ganze vielleicht enden könnte? Mit Fast Color hat Julia Hart nicht nur aufgrund ihres sehr locker gestrickten Scripts allzu stark durchscheinen lassen, was ihre Ambitionen sind. Auch sonst wirkt das Drama streckenweise sehr behäbig und hat zwischen dieser Behäbigkeit noch allerlei Längen drin, die ein namhafter Nebendarsteller wie David Strathairn (u. a. The Expanse) nur noch verschlimmert, weil dieser sich mehr als Statist genügt. Schön sind vielleicht die eingestreuten CGI-Effekte von Gegenständen, die sich in ihre Einzelteile auflösen, als hätte man sie durch die Kaffeemühle gedreht – das sind by the way die Skills der übrigen Family, denn Mutationen sind schließlich vererbbar.

Fast Color

Wendy

VON DER ANGST, ERWACHSEN ZU WERDEN

6/10


wendy© 2020 The Walt Disney Company 


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: BENH ZEITLIN

CAST: DEVIN FRANCE, YASHUA MACK, GAGE NAQUIN, GAVIN NAQUIN, AHMED CAGE, KRYSZTOF MEYN, LOWELL LANDES, SHAY WALKER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Alt werden ist die einzige Möglichkeit, länger zu leben, so Johann Nestroy. Dieses Zitat prangt übrigens in metallenen Lettern unübersehbar auf der Fassade des unweit meiner Heimstatt gelegenen Pensionistenheims. Als Zusatz ließe sich noch hinzufügen: Alt werden heißt aber nicht, sich von seinem inneren Kind verabschieden zu müssen. Nur weil man alt aussieht, muss nicht alles vergessen sein, wofür man als Dreikäsehoch geträumt hat. J. M. Barrie, der Autor und Schöpfer von Peter Pan, hat sein Nimmerland als einen Ort gesehen, an dem sich das innere Kind vom eigentlichen Individuum, dass womöglich irgendwo in einer ungreifbaren Zwischenwelt vor sich hin döst, loslösen kann. Peter Pan, der wurde ja niemals mehr alt, es sei denn er würde Nimmerland verlassen und bseinen alten Körper zurückbekommen. Das hat Robin Williams selig unter Steven Spielbergs Regie ja schon erleben müssen. Das erlebt in dieser enorm freien Interpretation des literarischen Stoffes auch das Mädchen Wendy, das über einem von Mama geführten Bahnhofsdiner irgendwo in Florida wohnt und an welcher das Leben in vollen Zügen vorbeirattert. Bis sie eines Nachts jemanden sichtet, der auf den Waggondächern hin- und herläuft. Es ist – wir können es uns denken – ein Junge namens Peter, der Wendy mitnimmt auf eine Insel, auf der – auch das wird bald klar – nimmerländische Zustände herrschen, scheinbar niemand alt wird und die Kids tun und lassen können, was sie wollen. Ein Paradies! Endlich fei von elterlichen Zwängen. Endlich frei von Erziehung. Aber ist das wirklich genau das, wonach Kinder streben wollen?

Benh Zeitlin, längst berühmt für sein metaphysisches Kinderdrama Beasts of the Southern Wild, geht mit Wendy erneut auf Spurensuche nach den Essenzen juvenilen Selbstbewusstseins, betritt dabei phantasmagorische Gefühlswelten mit versinnbildlichten Kreaturen und stellt Zeit und Raum auf den Kopf. Gedreht auf den Karibikinsel Antigua, Montserrat und Barbados, entlässt der Film sein Publikum in tropische Gefilde und schwelgt in majestätischen Aufnahmen von Montserrats Vulkan Souffrière Hills. Ein bisschen allerdings schwelgt Benh Zeitlin zu viel des Guten – pittoresker Leerlauf entsteht. Das Schwelgen beginnt dabei schon, als das Mädchen im Grunde noch überhaupt keine Sehnsucht nach ihrer Kindheit haben muss, weil sie mittendrin in selbiger steckt. Dennoch lässt Zeitlins Drehbuch besagtes Mädchen Dinge vermissen, die nur ältere vermissen. Schwer lässt sich vorstellen, dass Wendy und ihren beiden Brüdern irgendetwas fehlt, um Kind sein zu dürfen. Dieser Widerspruch sorgt für leichte Dissonanzen. Auch ist die kindliche Kraft der Imagination in diesem Film von zu vielen äußerlichen Faktoren abhängig, lässt diese zerbrechlich erscheinen und nicht so autark wie in jenen Filmen, in denen eine entbehrliche Realität ganze phantastische Welten in den Kindern entfachen kann, wie in Pans Labyrinth, I Kill Giants oder Wo die wilden Kerle wohnen.

Mit letzterem lässt sich Wendy durchaus vergleichen. Auch Spike Jonzes Verfilmung des Kinderbuchs von Maurice Sendak schwelgt zur Genüge, hat auch eine ähnliche Bildsprache, lässt aber einer verblüffenden Fantasie die Ordnungsgewalt. Benh Zeitlin tut das nicht. Sein Peter Pan-Mythos ist ein Abgesang. Die Fantasie ist keine kindliche Projektion, sondern eine Enklave irgendwo außerhalb, die anderen Gesetzen unterliegt. Der junge Darsteller Yoshua Mack wirkt in seiner Rolle als Anführer der Schar relativ unglücklich wirkender Kinder am verlorensten. Wendy, die bald begreift, dass es ohne Erwachsenwerden nicht geht, bekommt nicht umsonst den Titel für diesen Film zugesprochen. Sie ist die, die irgendwann checkt, wo´s eigentlich lang gehen muss.

Wendy

Space Sweepers

GROSSREINEMACHEN IM ORBIT

4/10


SpaceSweepers© 2021 Netflix


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2021

REGIE: SUNG-HE JOO

CAST: JOONG-KI SONG, TAE-RI KIM, SEON-KYU JIN, HAE-JIN YOO, RICHARD ARMITAGE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 16 MIN


In Ermangelung richtig fetziger Kino-Events hat nun unser allseits stark frequentierter Streamingriese Netflix in Fernost angeklopft. Südkorea, um genau zu sein, hat da sogleich mit einem Film reagiert, der es, wie es scheint, locker mit amerikanischen Vorbildern aufnehmen könnte. Space Sweepers heißt die Weltraumoper, ist laut Trailer knallbunt und actionreich – doch ist man erst mit dem sicherlich sündteuren Abenteuer durch, stellen sich so manche Schlussfolgerungen ein, bevor der Film in der Mindmap eines Filmnerds ad acta gelegt werden kann. Resümee ist: die Koreaner können in Sachen Film wirklich vieles, in manchen Genres oder Genremixes gibt’s kaum jemand, der ihnen das Wasser reichen kann. Sobald aber Korea beginnt (und nicht nur Korea), sich das Blockbuster-Knowhow Hollywoods anzueignen, wird’s problematisch. Dieses Problem hat auch Space Sweepers. Kurz gesagt: das Abenteuer ist zu lang, zu konfus und der Plot selbst eine zu bequeme Adaption einer Reihe von Werken wie Das fünfte Element. Was so viel heißt wie: Space Sweepers ist so vorhersehbar wie die Zyklen unseres Trabanten. Und wagt auch keinen Mix mit anderen Genres – was Korea nämlich gut kann. Und sich auch sonst nicht davor scheut, Erwartungshaltungen zu unterwandern.

Warum bleibt gerade Space Sweepers so enttäuschend konventionell? Es ist ja bei diesem Film nicht so, dass der futuristische Status Quo der Menschheit nicht mit visuellem Schmackes in Szene gesetzt wurde. Vor allem das Interieur sämtlicher Raumschiffe ist voller Details und Krimskrams, was wiederum an die Detailverliebtheit von Star Wars erinnert. Sonst verwöhnt es das Auge mit CGI, das in seiner sterilen Geschmeidigkeit den Bildern aus der Serie The Expanse oder Enders Game gleichkommt. In Terras Orbit also tummelt sich alles mögliche – Raumstationen und Mülltrabanten und jede Menge umherfliegender Schrott, der eben eingefangen gehört, bevor er mehr beschädigt als den Menschen lieb sein kann. Dazu gibt’s Schrottpiraten – kann man so sagen – die zwar legal hantieren, untereinander aber in Konkurrenz stehen. Auf einem der geangelten Brocken allerdings entdeckt die Crew des Frachters Victory ein junges Mädchen, das, schenkt man den orbitalen Nachrichten Glauben, wider ihres süßen Aussehens im Grunde eine Bombe verkörpert, die jederzeit hochgehen kann. Was tun damit? Da das Kind überall gesucht wird, versprechen sich die 3 Menschen und ein Roboter den Deal ihres Lebens, wenn sie die Rückgabe des Dreikäsehochs in Rechnung stellen.

Auserwählte Individuen, die die Menschheit retten (oder eben vernichten) und um die es ein mordsdrum Gerangel gibt – gab’s schon x-fach. Nur selten auf so anstrengende Weise. Wie für südostasiatisches Actionkino mit Komödien-Attitüde üblich, wird hier in Sachen Hektik nicht gekleckert. Dieses viele Hin und Her, diese hudeligen Actionszenen und sehr viel schnelles Gerede sind nicht die Indikatoren eines ausgewogenen Filmerlebnisses, viel mehr eines seltsam aufreibenden Astro-Abenteuers nach Schema F, das mit einer differenzierten Dramaturgie wohl länger in Erinnerung hätte bleiben können.

Space Sweepers