Good Boy (2025)

BESTER FREUND MIT SECHSTEM SINN

7/10


© 2025 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BEN LEONBERG

DREHBUCH: BEN LEONBERG, ALEX CANNON

KAMERA: WADE GREBNOEL

CAST: INDY, SHANE JENSEN, LARRY FRESSENDEN, ARIELLE FRIEDMAN, STUART RUDIN, ANYA KRAWCHECK U. A.

LÄNGE: 1 STD 12 MIN


Der Horror ist längst auf den Hund gekommen. Stephen Kings Cujo ist kein schlechtes Beispiel. Oder Underdog, die Dystopie des Ungarn Kornél Mundruczó, wohl eher eine gesellschafsphilosophische Zukunftsvision als blutiges Gemetzel. Der Hund ist dabei stets der Antagonist, der Aggressor, die sprintende Gefahr. Nicht so in dieser kleinen, feinen, höchst innovativen Hommage an alle Vierbeiner mit Köpfchen, die selten bellen, viel lieber zuhören und ihrem Lebensmenschen bis überallhin folgen, auch durch die Hölle, auch durch die schwierigsten Lebenslagen, die viel zu früh mit dem Tod enden. Dabei wird der Begriff des Tierhorrors gänzlich anders betrachtet.

Auf Augenhöhe mit dem Tier

Hunde sind tatsächlich die besten Freunde, das weiß auch Ben Leonberg, als er sich dazu entschlossen hat, seinem eigenen Hund Indy, einem Nova Scotia Duck Tolling Retriever, seinen ganz eigenen Film zu schenken und ihn darin zum Schauspieler zu befördern. Hundefilme mit vierbeinigen Helden gibt es zur Genüge, die muss ich hier gar nicht aufzählen, Lassie drängt sich da am stärksten auf. Doch auch diese Helden sind nicht vergleichbar mit diesem hier, mit diesem gewieften, empathischen Tier, dass die menschliche Spezies außen vorlässt. Wie das gemeint ist? Nehmen wir die Cartoons über Tom & Jerry her. Erzählt werden diese Episoden ausschließlich auf Höhe der Tiere, der Mensch ist maximal ein zeterndes Etwas, sichtbar nur bis zum Torso, der Blickwinkel ist jener der knuffig-frechen Katzen, Hunde und Mäuse, kein Zweibeiner soll ihnen die Show stehlen. So ist auch hier die Sicht des Hundes die Kerninnovation dieser atmosphärischen Besonderheit, während die Gesichter der Menschen, wenn überhaupt mal zu sehen, dann nur indirekt oder im Dunkeln bleiben.

Sehen, was der Mensch nicht sieht

In Good Boy (nicht zu verwechseln mit dem Psychohorror Good Boy aus 2022, indem es zwar auch um Hunde geht, aber auf eine destruktive, höchst menschliche Art) ist Indy ist hier nicht nur ein sympathischer Sidekick, sondern ihm gehört der Film, voll und ganz. Stolz präsentiert der knuffige Hauptdarsteller eine erstaunliche Palette an Mimiken, und wie selten bis noch gar nicht in dieser Konstellation jemals zu sehen gewesen kommt das Grauen hier, empfänglich für den sechsten Sinn eines Tieres wie dieses, auf leisen, schaurigen Sohlen herbei.

Das Unheimliche liegt vor allem darin, dass Indy anfangs ganz dezenten, aber unwohlig unnatürlichen Umtrieben gewahr wird – bizarren Geräuschen, dunklen Schatten, einer körperlosen Präsenz. Die neugierigen wie skeptischen Blicke des Tieres sprechen Bände, mehr noch als die schattenhaften Gestalten, die es vielleicht gar nicht gebraucht hätte, die aber wohldosiert eine Furcht im Nacken erzeugen, so unerklärlich, wie sie sind. Indys Mensch nimmt das ganze gar nicht wahr, ist schließlich todkrank, spuckt Blut, hustet und keucht vor sich hin. Was er allein mit seinem Hund im Hause seines Großvaters macht, in dem es, wie die Familie längst weiß, nicht mit rechten Dingen zugeht? Nach einem Spitalsaufenthalt will sich Todd auskurieren. Wie das gehen soll, bei all dieser dunklen Geschichte? Den Opa hat das Haus in den Abgrund getrieben, sein Hund, ebenfalls ein Retriever derselben Rasse wie Indy, verschwand auf unerklärliche Weise. Allein in der Wildnis, bei kaltem Regenwetter und düsteren Vorahnungen, ist der „gute Junge“ auf sich allein gestellt, um das Geheimnis hinter dem Grusel zwar nicht zu lüften, seinen Lebensmensch aber vor dem Schicksal zu bewahren.

Wir Menschen wollen den Horror, das Unerklärliche stets lüften. Ein Hund will das nicht, geht es ihm doch nur um das Wohl seines Begleiters, den es zu schützen gilt. Good Boy bleibt daher angenehm rätselhaft und völlig diffus, surreale Albträume von Indy selbst streuen effektive Jumpscares, im Grunde aber bleibt die Tonalität eine subtile, morbide, durch das treffsichere Spiel des Tieres so wärmend wie bedingungslose Treue.

Good Boy (2025)

Flow (2024)

WENN TIERE DEN HUMANISMUS PROBEN

7/10


© 2024 Polyfilm


ORIGINALTITEL: STRAUME

LAND / JAHR: LETTLAND, BELGIEN, FRANKREICH 2024

REGIE: GINTS ZILBALODIS

DREHBUCH: GINTS ZILBALODIS, MATĪSS KAŽA

MUSIK: RIHARDS ZAĻUPE

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Das Ganze ist wie ein Traum. Niemand weiß, wo genau sich dieses Szenario abspielt, niemand weiß, ob es jemals Menschen waren, die diesen seltsamen Planeten, der unserer Erde so sehr ähnelt und dann wieder doch nicht, besiedelt hatten. Klar ist: Eine Zivilisation, gleich der unseren, ist der großen Katastrophe erlegen. Es scheint, als wäre die biblische Sintflut über alles und jeden gekommen, der sich selbst keine Arche gefunden hat. Und selbst an den höchsten Punkten dieser Welt glänzt das menschenähnliche Individuum durch Abwesenheit. Was passiert war, lässt sich nicht herausfinden. Was vorher war, auch nicht. Was ist, das sehr wohl: Eine Welt ohne uns, ohne Dualität, ohne Niederträchtigkeit, Gier, Krieg und Elend. Eine Art Eden kehrt zurück, nachdem das Wasser den Unrat einer schweren Zeit fortgespült hat. Was bleibt, ist die Fauna. Eine schwarze Katze zum Beispiel, namen- und wortlos, schnurrend, miauend, fauchend maximal. Das kleine Wesen versucht zu überleben, stößt dabei auf einen Hund, verliert diesen wieder aus den Augen, trifft dann, nachdem alles in den Fluten versinkt, auf ein kleines Segelboot, in dem ein gemütliches Capybara hockt und den Neuankömmling anfangs noch kritisch beäugt, dann aber akzeptiert. Die trockene Nussschale dient bald noch anderen Individuen als Schutz vor den Unwirtlichkeiten der Natur, unter anderem einem Katta und einem storchenartigen Vogel, der sehr an einen Sekretär erinnert, nur ohne dessen Färbung.

Bizarre Felsnadeln ragen in den Himmel, versunkene Städte erinnern an Venedig, zerstörte Boote an den vergeblichen Versuch einer Zivilisation, zu überleben. Und dann wagt Regisseur Gints Zilbalodis (Away – Vom Finden des Glücks) seine große gesellschaftsphilosophische Betrachtung, indem er seine zusammengewürfelte Gruppe unterschiedlichster Lebensformen einer intuitiven probe unterzieht. Allen voran stellt er die Frage: Was bewegt eine diverse Gesellschaft, aus ihrer Existenzblase zu treten, um miteinander zu kooperieren? Ist es das Chaos? Ist es die Heimatlosigkeit? Der Motor einer kognitiven Evolution tritt in Kraft. Im Grunde ist es doch so, das, würde die Welt in ihrer Ordnung verharren, keines dieser Tiere aufeinander zugehen würde. Tiere sind Spezialisten, sie entwickeln keine Toleranz und interagieren unterstützend innerhalb ihrer eigenen Art. Dann aber die Katastrophe, das Übergreifen aus dem eigenen Radius hinaus in jenen der anderen. Was entsteht, ist Altruismus, Faktoren des menschlichen Zusammenlebens und der Akzeptanz. Einheit trotz oder gerade durch Vielfalt – Flow macht dabei nicht den Fehler, Katze, Hund und Co zu vermenschlichen, sondern lässt sie in ihrem tierischen Verhalten fest verankert, während der humanistische Faktor lediglich hinzukommt. Man könnte natürlich Entertainment-Werke wie Madagaskar als weiteres Beispiel nennen, auch hier muss eine tierische Gruppe aus Löwe, Giraffe, Zebra, Nilpferd und Pinguin eine Zweckgemeinschaft eingehen, doch hier ist es vorrangig der Kalauer und die vermenschlichte Darstellung der Tiere mitsamt zeitgemäßer Phrasendrescherei. Madagaskar führt da auch nichts anderes im Schilde als Spaß haben zu wollen, während Flow auffallend mehr erzählt, es kehrt Orwells Farm der Tiere um, schafft Zuversichtlichkeit und Vertrauen in einer unberechenbaren Welt, in der nichts mehr so ist, wie es einmal war. Auch Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger ließe sich vergleichen, nur ohne menschlichem Faktor als Person – dieser offenbart sich lediglich als Idee.

Darüber hinaus begeistert Flow nicht nur dank seiner diversitätsbejahenden Botschaft, sondern ist dank seiner farbsatten, dynamischen Bildwelten, die dank der entschleunigten Kamera in sich ruhende Momente der Betrachtung zulässt,  für die große Leinwand gemacht. Das Wasser gluckert, sprudelt, fließt, der Wind bläst, der Hund bellt, das Capybara grunzt, der Vogel kreischt. Sie alle haben ihre Art zu kommunizieren, und auch wenn sie sich untereinander kaum verstehen, so ist es die Geste des Respekts, der sie alle weiterbringt. In dieser universellen filmischen Botschaft kann man sich verlieren und treiben lassen. Denn niemand geht in dieser und in anderen Welten jemals verloren.

Flow (2024)

Good Boy (2022)

MEIN HERRCHEN FÜR MICH ALLEIN

5/10


goodboy© 2024 24 Bilder Film GmbH


LAND / JAHR: NORWEGEN 2022

REGIE / DREHBUCH: VILJAR BØE

CAST: GARD LØKKE, KATRINE LOVISE ØPSTAD FREDRIKSEN, NICOLAI NARVESEN LIED, AMALIE WILLOCH NJAASTAD, VILJAR BØE, MARIA WAADE GRØNNING U. A.

LÄNGE: 1 STD 16 MIN


It’s a Match! Wenn Hetero-Frau beim Tindern (sagt man das so?) auf das adrette Konterfei eines schmucken Kerls stößt und dieser sich aufgeräumt gibt wie der beste Bachelor-Kandidat in der ganzen ATV+-Fernsehgeschichte, dann kann doch irgendwas nicht stimmen? Oder eben es stimmt alles. Das denkt sich schließlich Psychologiestudentin Sigrid, als sie erstmals in einem Café auf Christian trifft, der sich von seiner charmanten Seite zeigt, äußerst bescheiden gibt und sein Gegenüber keinesfalls zu irgendetwas drängt. Dass es heutzutage noch solche Männer gibt, die frei vom psychologischen Ego-Knacks alles auf die Reihe bekommen haben, ist ja fast schon ein kleiner Jackpot. Bis Sigrid zu Christian ins schmucke Anwesen eingeladen wird. Da staunt sie schon mal nicht schlecht ob des Reichtums, den der junge Herr wohl von seinen berühmten, doch leider verstorbenen Eltern geerbt hat.

Und dann staunt sie nicht schlecht, als sich der hauseigene Vierbeiner zu den frischen Verliebten ins Bett legt. Denn der ist kein Tier, sondern ein Mensch – in einem Hundekostüm. So weit, so seltsam. Andererseits: In Zeiten wie diesen und einer Gesellschaft, die open-minded miteinander umgeht, sind sexuelle Vorlieben im Dunstkreis der Sado-Maso-Szene durchaus zu tolerieren. Die Lust an der Erniedrigung durch andere mag man zwar nicht nachvollziehen können, aber Sachen gibt’s, das glaubt man gar nicht. Alles mag erlaubt sein, doch nur so weit, bis die Freiheit des einen die andere nicht einschränkt. Sigrid muss sich dennoch erst daran gewöhnen, ihren neuen Freund mit einem anspruchsvollen, zweibeinigen Fake-Köter zu teilen. Und was danach aussieht, als könnte die Zukunft eine dreisam glückliche sein, bekommt die schräge Idylle Risse. Denn der Hund ist nicht das, was er vorgibt, zu sein. Man fragt sich: Nur der Hund?

Letztjährig lief Viljar Bøes schräger Psychothriller auf dem Slash Filmfestival – und passt genau dorthin. Die unkonventionelle Grundidee lässt Bøe zumindest anfangs ganz genau wissen, wie sich eine Dreiecksbeziehung im Dunstkreis von BDSM-Vorlieben anfühlt. Das muss noch lange nicht zu einem Thriller ausarten, doch befremdend und vielleicht auch verstörend ist so ein Umstand für Außenstehende, die mit Devotismus und Dominanz wenig am Hut haben. Hätte man es nicht bei einer Romanze belassen können? Bøe will offensichtlich etwas anderes, er will die seltsame Geschichte aufblähen zu einem handfesten Thriller um Ausgeliefertsein und Fluchtpanik. Doch je mehr sich die Sache zuspitzt, umso konventioneller, umso banaler, umso weniger plausibel wird die ganze merkwürdige Situation. Bis Good Boy letztlich an seinem Showdown scheitert. Ein dramaturgischer Fehler wie dieser, der, einzig von dem Willen angetrieben, die Conclusio bis an die Spitze zu treiben, lässt sich mit der übrigen Handlungsabfolge so gut wie gar nicht vereinbaren. Was folgt, sind geradezu unverzeihliche Drehbuchschwächen, die letztlich verärgern und ein Beispiel dafür sind, wie man guten Ideen in einen Zwinger sperrt, nur um ohne einen driftigen Grund Gefangene zu machen. Während ich diese Zeilen schreibe, fallen mir für Good Boy alternative Enden ein, die mit allen plausiblen Konsequenzen der bisherigen Handlung wohl weitaus besser zu vereinbaren gewesen wären.

Good Boy (2022)

DogMan (2023)

MIT HUNDEN EWIG LEBEN

7/10


Dogman_Besson© 2023 capelight pictures


LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: LUC BESSON

CAST: CALEB LANDRY JONES, JOJO T. GIBBS, GRACE PALMA, CLEMENS SCHICK, CHRISTOPHER DENHAM, LINCOLN POWELL, ALEXANDER SETTINERI, MICHAEL GARZA, JOHN CHARLES AGUILAR, MARISA BERENSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Aus den streitbaren jungen Models, rekrutiert aus prekären Verhältnissen, die allesamt entweder eine Ausbildung zur reuelosen Superkillerin oder ein Bad im Drogencocktail genossen haben, ist nun jemand ganz anderer geworden. Eine Art Joker, ein Arthur Fleck jenseits des DC-Universums, in welchem es kein Gotham und keinen Batman gibt, aber Gestalten, die in den Filmen von Luc Besson liebend gerne vorkommen. Betrachtet man sie genauer, so sind diese Subjekte bis fast zur Parodie überzeichnete Schurken und Missetäter, die an den Fuchs und den Kater aus Collodis Pinocchio erinnern. Auch sie hätten ihren Platz in einem Comic-Universum, in einem von Besson eigens errichteten, in dem auch Nikita, Lucy, Anna und Angel-a ihren Frauen stehen. Dieser Arthur Fleck, misshandelt, verstoßen, gequält und alleingelassen, könnte zum Ober-Antagonisten einer ganzen Welt werden. Die Schminke im Gesicht hat er schon, doch so einsam wie Joaquin Phoenix in seiner nachhaltig wirkenden Oscar-Rolle ist Douglas Munrow allerdings nicht. Vielleicht hält ihn gerade dieser Umstand davon ab, sich der Wandlung zum Bösewicht hinzugeben und das Volk zur Revolution anzustacheln. Munrow umgeben treuherzige, hechelnde Vierbeiner aller Rassen – ob groß, ob klein, ob zottelig oder mit Kurzhaar: Als DogMan trägt dieser Lebenskünstler seinen Namen zu Recht. Als Kind von seinem gewalttätigen Vater (Clemens Schick mit Brutalo-Schnauzer) in einen Käfig voller ausgehungerter Kampfhunde gesperrt, wird dieser noch zu allem Überfluss von seinem Erzeuger in den Rollstuhl geschossen, als sich die Lage dramatisch zuspitzt.

Mit Stützhilfen an den Beinen und einer unbändigen Liebe zu den Tieren, die ihm in seiner Zeit der Entbehrung zur Seite standen, schleppt sich Munrow durch ein enttäuschendes Leben, bevölkert mit Menschen, die ihm die kalte Schulter zeigen. Dennoch gibt’s wenige Ausnahmen, so zum Beispiel die Schauspielerin Salma, für die der noch junge Douglas romantische Gefühle hegt. Sie schenkt ihm auch den nötigen Willen, nicht unterzugehen in einer Welt, die nichts für Krüppel übrighat. Einzig der beste Freund des Menschen, dessen einziger Schwachpunkt das blinde Vertrauen zu eben jenen darstellt, wird in großer Vielzahl zur Privatarmee einer Dragqueen, die das Glück hat, einmal die Woche in einem Varieté Klassiker von Edith Piaf oder Marlene Dietrich zu schmettern – alles sehr professionell und unter Gänsehautgarantie. Bis es so weit kommt, und der DogMan Kontakt mit einer Unterwelt macht, die, wie schon erwähnt, in grotesker Überzeichnung donnernden Schrittes den Respekt der Schwachen erzwingt. Ob Munrow letztlich wirklich zu dieser Art Mensch zählt, die sich unterwerfen lässt?

Besson macht die Probe aufs Exempel – oder besser gesagt: die Probe auf eine ins Irreale abdriftende Fabel, die längst schon als Großstadtmärchen zwischen Oliver Twist und Matteo Garrones leicht zu verwechselnder Macht- und Gewaltstudie Dogman durchgehen kann. Der italienische Thriller aus dem Jahr 2018 handelt von einem, der den Mächtigen dienen muss, um zu überleben. Doch dann kommt die Wende, wenn David gegen Goliath zu siegen versteht. Bessons Hunde-Oper (bei der man heilfroh ist, dass die Tiere alle weder sprechen noch wir deren Gedanken hören) frönt dabei weniger einem harten Realismus wie Garrone, sondern einer fast traditionellen Erzählweise aus Rückblenden, eingängigen musikalischen Ohrwürmern und tröstend naiven Verhaltensstudien jaulender Vierbeiner, die die Sprache der Menschen verstehen und wie auf magische Weise mental mit ihrem Meister verbunden sind. Dass sich Hunde so nicht verhalten – schon gar nicht, bevor sie zuschnappen – erscheint selbst mir als Nicht-Hundebesitzer relativ klar. Dass Besson gerne manche, fahrlässig anmutende Unwahrscheinlichkeiten toleriert, um das Psychogramm seiner leidensfähigen Märtyrerfigur auch zu Ende zu bringen, muss man geradezu akzeptieren.

Denn im Mittelpunkt steht einer, dessen Paraderolle längst überfällig war: Caleb Landry Jones. Die sanfte Stimme. Augen, die schon viel Schlimmes sehen mussten. Ein gezeichneter Körper, die Leidenschaft für Shakespeare und die Möglichkeit, wie Arthur Fleck jemand anderer zu sein. Ein gewisser ihm innewohnender Frieden, vor allem mit sich selbst, fasziniert auch das Publikum. Seine gottergebene Akzeptanz eines traurigen Lebens macht ihn zu Bessons bisher größtem Bajazzo, nämlich ohne Wut im Bauch – einer, der zwar niemals im Selbstmitleid versinkt, der am Ende aber das deftige Pathos sucht, um seine Bestimmung zu besiegeln.

DogMan (2023)

Bullet Head

KNURR MIR DAS LIED VOM TOD

5,5/10

 

bullet-head© 2018 Splendid Film

 

LAND: USA, BULGARIEN 2017

BUCH & REGIE: PAUL SOLET

CAST: ADRIEN BRODY, JOHN MALKOVICH, RORY CULKIN, ANTONIO BANDERAS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN

 

„Das letzte, was du in deinem Leben sehen wirst, ist ein Hund.“ So oder ähnlich könnte der zwecks Werbewirksamkeit beigefügte Untertitel dieses Films lauten. Das kann man entweder so verstehen, indem der treue Vierbeiner bis zum Lebensende seiner Bezugsperson die Zeitung bringt. Oder man betrachtet es auf eine Weise, in welcher der Vierbeiner auf einen selbst nicht mehr gut zu sprechen ist. So ein Missmut hat Konsequenzen. Hunde lassen nämlich nicht ewig auf ihrer feuchten Schnüffelnase herumtanzen. Irgendwann reißt ihnen der Maulkorb – und dann gibt’s kein Entkommen.

In der ungarischen Hunde-Dystopie Underdog hatten sich unter der Regie von Kornél Mandruzcó mehr oder weniger alle Budapester Vierbeiner zusammengerottet, um Herrchen und Frauchen vom Angesicht der pannonischen Tiefebene zu tilgen. In der bulgarisch-amerikanischen Koproduktion Bullet Head von Paul Solet ist die Meute deutlich kleiner, also genaugenommen nur einer – dafür aber schürt dieser ordentlich die verdrängte Kynophobie, die durch die Einschränkung des Schauplatzes auf eine verlassene Lagerhalle noch verstärkt wird. Dort nämlich suchen nach einem versemmelten Bankraub drei Ganoven Deckung vor der Exekutive. Was sie nicht wissen: genau hier, irgendwo zwischen der veralteten Industrieeinrichtung, treibt ein Kampfhund sein Unwesen -– und zwar einer, der aufgrund massiver Blessuren bereits den Gnadenschuss erhalten hat. Ein „Revenant“ sozusagen, für den der MEnsch natürlich ab sofort ein rotes Tuch ist. Der erste, sein Henker, hat schon mal ins Gras beißen dürfen. Es folgen die anderen drei, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Ohne Hunde-Komponente wäre dieser Film nichts wert. Und das trotz einem kleinen Staraufgebot. Oscar-Preisträger Adrien Brody mit Strickmütze blickt durch verschmierte Fenster, John Malkovich ist souverän wie eh und je und letzten Endes darf auch noch ein stoischer Antonio Banderas seiner späten Redseligkeit zum Opfer fallen. Interessant bei diesem kleinen Thriller ist vor allem, wie Solet die Beziehung Mensch-Hund in seine hemdsärmelige Gaunerballade einflechtet, die eigentlich nur als Grundlage für hündische Anekdoten fungiert. Brody & Co wühlen also in der Vergangenheit, während die titelgebende Bestie alles andere, nur nicht spielen will. Paul Solet hätte den Film vielleicht gar nicht geschrieben, gäbe es nicht vielleicht gar autobiographische Züge in seinem Werk.

Bullet Head ist ein Hundefilm, anders funktioniert er nicht. Mit dieser teils verplauderten, teils grimmigen Liebeserklärung an das haustierliche Subgenre erhält dieses durchaus akzeptablen Zuwachs.

Bullet Head

Pets 2

HELDEN FÜR ALLE FELLE

5/10

 

pets2© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: CHRIS RENAUD

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE FASSUNG): JAN JOSEF LIEFERS, FAHRI YARDIM, DIETMAR BÄR, JELLA HAASE, STEFANIE HEINZMANN, DIETER HALLERVORDEN, FREDERICK LAU, MARIO BARTH U. A.

 

Da sind sie wieder, die Hunde, Katzen und Nager aus dem futuristisch-fiktiven New York, wohnhaft in einem Ziegelbau mit Feuertreppe, quasi dem Stiegenhaus für Haustiere inkognito. Wir treffen abermals auf Max, Duke und auf das Kaninchen Snowball, das ein Doppelleben führt – nämlich das eines Superhelden in blauem Satin. Nicht zu vergessen die affektierte Katzendame Chloë die sowieso allen die Show stiehlt und fast schon Garfield Konkurrenz macht, in dem, was das leicht untersetzte Tierchen so für Allüren an den Tag legt. Allein wegen dieser Charakterzeichnung ist es wert, Pets 2 als Da Capo für den ersten Teil anzusehen. Und gibt es noch andere Gründe? Nunja, mal sehen – vielleicht. Aber nichts Offensichtliches. Denn Pets 2 stolpert angesichts seiner Vielfalt an liebenswerten Pelz-Individualisten über seine Ambition, jedem Tierchen seine Challenge zu schenken. Aus einem handfesten Abenteuer quer durch urbane Gefilde wie im Original aus 2016 wird eine lose Episodenrevue, die keine Eigendynamik besitzt, zwar viel und gerne die Eigenheiten von Stubentiger und Co durch den Kakao zieht, aber für einen abendfüllenden Trickfilm das Thema grundlegend verfehlt.

Wobei Regisseur Chris Renaud seine kleinen Alltagshelden, die mit diversen Änderungen klarkommen müssen und jede Menge neue Erfahrungen sammeln, abgöttisch zu lieben scheint. Vor allem Katzen. Und was sich so sehr liebt, das neckt sich. Katzen könnten sich also kompromittiert fühlen. Oder aber, wie es viel eher ihre Art zu sein scheint, dazu stehen, nicht wirklich der selbstlose Good Fellow zu sein wie es Hunde in einer gewissen devoten Hörigkeit nun mal sind. Vielleicht macht ihr täglicher Ego-Trip, wie es Jim Davis fetter oranger Kater so augenzwinkernd karikiert, diese handlichen Whiskas-Jäger so unwiderstehlich, weil sie ihren eigenen Schwächen nicht widerstehen können, was sie dann wieder so menschlich macht. Chloë ist da ein schillerndes Beispiel, da kann sich die alte Katze Crisabella aus Cats durchaus etwas selbstverliebter zeigen. Wie die graumelierte Fellbirne jeden Morgen ihren Lebensmensch zu wecken versucht, ist eines der Highlights des Filmes. Und generell sind es diese kleinen Momente tierischen Verhaltens, wie wir sie kennen, nur herrlich überzeichnet oder gar nicht mal so sehr. Und Tiere zu karikieren ist wohl die dankbarste Art, sich über andere lustig zu machen. Nicht als Häme, sondern als Liebeserklärung, weil Kabinettsneurotiker wie diese uns so sehr ans Herz wachsen können. Vom Wellensittich bis zum Neufundländer. Da gehört das Klischee der verschrobenen Katzenfrauen natürlich dazu.

Schade, dass Drehbuchautor Brian Lynch dem Illumination-Team nichts Besseres vorlegen hat können. Die meiste Zeit läuft Pets 2 dreigleisig, wir switchen zwischen den kleinen, grob skizzierten Abenteuern hin und her, und nur mit Biegen und Brechen finden diese Storylines am Ende zusammen, obwohl dieser Versuch gar nicht mehr notwendig gewesen wäre. Pets 2 erzählt keine Geschichte mehr, sondern mehrere, eignet sich daher perfekt für eine Fernsehshow a 20 Minuten – nicht aber für einen Kinofilm, der erstens nicht als Episodenfilm deklariert ist, und zweitens als solcher zu wenig Substanz hat. Da hätte man noch jede Menge Hirnschmalz hineinstecken können, eine wirklich tolle Geschichte finden wie es Disney mit z.B. Aristocats oder Susi & Strolch geschafft hat. Und nicht auf ausgediente Versatzstücke aus dem Minions-Archiv zurückgreifen müssen. Aber was soll´s, immerhin sind die süffisanten Tierportraits garantierte Lachnummern, Selbstläufer wie bereits bewiesen. Vielleicht ist das dem jüngeren Publikum ja genug, vielleicht setzen sie bei Pets 2 gar nicht mal so aufs Geschichtenerzählen. So knapp nach Schulschluss sind knuffige Eskapaden gebürsteten Fells die Bringer schlechthin. Für alle anderen stellt sich die Frage, wann sich denn die losen Enden der roten Fäden endlich aufrollen, damit die Katze damit auch spielen kann. Inmitten dieses fragenden Erwartens ist der Film dann auch schon wieder vorbei. Zumindest Tatz & Co haben sich dann jeder für sich selbst übertroffen. Ein Erfolg, den ich den Vierbeinern freilich gönne. Dem Film dahinter allerdings nicht so sehr.

Pets 2

Dogman

DAS UNRECHT DES STÄRKEREN

7,5/10

 

dogman© 2018 Alamode Film

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH 2018

REGIE: MATTEO GARRONE

CAST: MARCELLO FONTE, EDOARDO PESCE, NUNZIA SCHIANO, ADAMO DIONISI U. A.

 

Es gibt wenig Vergleichbares wie die Rolle des Hundes, wenn es darum geht, eine Metapher zu finden für die guten und schlechten Eigenschaften des Menschen. Für die Mechanismen der Gesellschaft und den Urinstinkten hinter vermeintlich sozialer Kompetenz. Der Hund, der ist nicht nur im Abenteuer- und Familienformat eines Lassie oder Beethoven zu finden – er ist in letzter Zeit angesichts der globalen politischen Entwicklung nun auch vermehrt als unmissverständliches politisches Gleichnis zu entdecken, in Filmen wie Isle of Dogs von Wes Anderson, wo es um den Umgang mit Minderheiten geht. In Filmen wie dem ungarischen Underdog, der vom Widerstand der Unterdrückten handelt. Oder eben in Filmen wie Alpha, der zwar nicht sinnbildlich gesehen werden kann, dafür aber die Wurzel des Zusammenlebens zwischen Menschen und Hund in ein pittoreskes Abenteuer verpackt. Der italienische Regisseur Matteo Garrone, der sich intensiv mit den gesellschaftlichen und historischen Strukturen seines Landes beschäftigt und unter anderem mit der phantastischen Anthologie Das Märchen der Märchen barocke Legenden zum Leben erweckt hat, nutzt auch für seinen jüngsten, für die Golden Palme nominierten Film Dogman die Allegorien rund um den Hund.

Kurz nachdem der Film zum ersten Mal aufblendet, kläfft dem Publikum bereits die Aggression entgegen – die Großaufnahme eines wildgewordenen Köters, der sich dem Hundefriseur Marcello unterwerfen muss, um gewaschen und geföhnt zu werden. Marcello bekommt das hin, er kann gut mit Hunden, mit dem gezähmten Wilden, solange es keine Menschen sind. Mitunter hält er die Vierbeiner in engen Drahtkäfigen, was nicht wirklich hundefreundlich ist, doch verwahrlosen und hungern lässt er sie nie. Dennoch – hier lässt sich bereits erkennen, dass Marcello manchmal gerne so wäre wie Simoncino, ein Schläger und Krimineller, ein Soziopath und selbsternannter Tyrann eines heruntergekommenen Viertels irgendwo an der Küste Italiens, das so wirkt wie der Anti-Vergnügungspark des Inkognito-Künstlers Banksy, ein zwielichtiger Randbezirk wie in Jacques Audiard´s Dheepan, wo der Arm des Gesetztes zu kurz geworden scheint und die Starken ihre eigenen Gesetze den Schwächeren aufoktroyieren. Was bleibt dem geschiedenen Vater einer Tochter also anderes über, als sich mit dem Stärksten und Mächtigsten zu arrangieren, das in dieser Gegend herrscht und gebietet. Wenn der Ex-Boxer Simoncino ruft, muss Marcello parieren. Wie ein Hund an der Leine, aus Angst, Gewalt zu erleiden. Das Recht des Stärkeren ist unangreifbar, und eine andere Lösung als dem Gewalttäter klein beizugeben sieht Marcello nicht. Zuckerbrot für die Peitsche in Form von Drogen sollen die Bedrohung mildern, die tagtäglich vor den Jalousien des kleinen Hundeladens auf und ab schleicht. Bis irgendwann der tumbe, menschenverachtende Riese zu viel des Guten will – und der Hundemann dafür büßen muss, wie ein Sündenbock ohne Hörner, der nirgendwo dagegen laufen kann, wiederum aus Angst, alles zu verlieren.

Erst vor Kurzem gab es auf derstandard.at eine Umfrage, welche Filme denn gut, aber zu deprimierend seien, um sie ein zweites Mal anzusehen. Zu diesen Filmen würde ich von nun an auch Dogman zählen. Selten hat eine Parabel wie diese die Gesetze von Gewalt und Macht so behutsam obduziert, zuletzt vielleicht Dustin Hofmann in der Rolle des völlig aus der Bahn geworfenen und zu drastischen Mitteln greifenden Normalbürgers in Sam Peckinpah´s Wer Gewalt sät. Tatsächlich lässt sich dieser mit Dogman ganz gut vergleichen. Beiden wohnt eine ohnmächtige Hilflosigkeit inne, die sie auf der Stelle treten lässt, sofern die letzte Instanz der Gewalt nicht in Anspruch genommen wird. Der Hundefrisör hat irgendwann keine andere Wahl mehr – seine Zwangslage lässt ihn zu etwas werden, was ihn alsbald nicht mehr viel von der Bedrohung, die wie ein Damoklesschwert über seinem Schicksal hängt, unterscheidet. Letztendlich ist es ein biblisches Bild, das sich auftut – eine Art David gegen einen Goliath, den alle hassen und fürchten. Der Schwache misst sich mit dem Starken, will ihn bezwingen. Dieses Umstoßen einer Machthierarchie führt Matteo Garrone zu einer verstörenden Wahl der Waffen in drastischen Bildern aus Qual, Panik und Schmerz. Kaum zu glauben, wie sich aus der bühnenhaften Sozialstudie voller Underdogs und dem sehnsüchtig verträumten Kolorit eines italienischen Neorealismus die erschütternde Chronik einer Befreiung windet. Zwar unbeholfener und mit mehr Ehrfurcht vor dem eigenen Tun und Handeln, aber nicht weniger radikal wie die Tat eines Travis Bickle. Was bleibt, ist ein David ohne Königreich, das Aufatmen in einer neuen, im Dämmerzustand verharrenden Welt. Angstfrei zwar, aber von allen verlassen.

Dogman

Underdog

APOKALYPSE WAU

7/10

 

weissergott2© 2014 Delphi Filmverleih

 

LAND: UNGARN 2014

REGIE: KORNÉL MANDRUCZÓ

MIT ZSÓFIA PSOTTA, ZSÁNDOR ZSÓTÉR, KORNÉL MANDRUCZÓ, LILI HORVÁTH, LILI MONORI U. A.

 

Eben erst haben die diversesten Hunderassen in Wes Anderson´s utopischem Puppen-Mandala Isle of Dogs – Ataris Reise den Aufstand geprobt. Dabei gab es vor einigen Jahren bereits einen anderen, thematisch ähnlichen Film, der das Wesen des Hundes und seine Beziehung zu den Menschen auf eine gesellschaftspolitische Ebene hob. 2014 entstand im filmisch eher kleinlaut tönenden Land Ungarn die allegorische Parabel Fehér Isten, was soviel heißt wie Weißer Gott und hierzulande, also im deutschsprachigen Raum, mit Underdog betitelt wurde. Sowohl die eine als auch die andere Bezeichnung des Filmes ist passend, Weißer Gott trifft es aber eher, und war auch die ursprüngliche Wahl von Regisseur Kornél Mandruczó, dessen neuester Streifen Jupiter´s Moon in den österreichischen Kinos auf ungerechtfertigt wenig Aufmerksamkeit stieß.

Weißer Gott beginnt mit einem postapokalyptischen Szenario – wir sehen ein menschenleeres Budapest, verlassene Autos, deren Blinker immer noch an sind. Plötzlich ein Mädchen auf dem Fahrrad. Wäre das verlassene Auto nicht, könnte die Radlerin auch an einem Sonntag sehr früh aufgestanden sein – doch Sekunden später wissen wir, dass dem nicht so ist. Das Mädchen wird verfolgt von einer nicht enden wollenden Meute wilder Hunde. Die Aggressoren haben aber auch wirklich jeden Grund dazu, wütend zu sein. Im Zentrum steht die Promenadenmischung Hagen, die vom Vater der pupertären Lili erstmal nur gebilligt, dann missbilligt und folglich am Rande von Budapest ausgesetzt wird. Auf der verzweifelten Suche nach Nahrung kommt der Shar Pei-Retriever-Mischling tatsächlich in Teufels Küche, wo er Hackebeilen ausweichen muss. Wie ein vierbeiniger Oliver Twist wird der Hund fortan von einem Peiniger zum Nächsten gereicht, vom Sklaventreiber zum Hundekampftrainer. Zwischendurch müssen er und seine Leidensgenossen vor den Hundefängern flüchten, die wenig zimperlich ihre Arbeit erledigen wollen. Der Mensch, so erfährt Hagen, ist ein sadistisches, knechtendes Scheusal. Machgierig, eigennützig, erbarmungslos. Viel braucht es nicht mehr, und die ausgestoßenen, weil gemischtrassigen Vierbeiner tun sich zusammen – um dem „Weißen Gott“ zu zeigen, dass der Spieß sehr schnell umgedreht werden kann.

Immer noch ist der Hund ein Raubtier. Ein domestiziertes zwar, aber im Grunde seines Wesens ein archaisches Kraftpaket, schnell und wendig und mit einem Gespür für jene Angst, die von ihren Herren ausgeht. Mundruczó distanziert sich bewusst von den anthropomorphisierten Darstellungen von Hunden, die vor allem in Hollywood und insbesondere bei Disney gang und gäbe sind. Seine tierischen Stars können weder sprechen noch tun sie Dinge, die Menschen ihnen gerne andichten. Das einzige was sie tun, ist, sich zusammenrotten und gezielten Terror verbreiten. Spätestens hier wird Weißer Gott zur mysteriösen Chronik eines Ausnahmezustandes, der so unmöglich tatsächlich passieren kann und der endzeitliche Tendenzen aufweist, diese aber nicht wirklich bis zu letzten Konsequenz auslebt. Die Eroberung Budapests bleibt aus, die Zuspitzung ins Bizarre wäre womöglich misslungen, als mögliches, weil vielleicht gar nicht gewolltes Pamphlet gegen die Ideale einer Victor Orban-Regierung funktioniert Weißer Gott aber auch so, wenn auch entschärft. Obwohl in Anbetracht der Wiederwahl eines Rechtspopulisten eine nachhaltig tierische Pedigree-Revolution wohl noch mehr befreiender Zündstoff gewesen wäre.

Weißer Gott ist eine stringente Parabel auf Rassismus, Unterdrückung und Ignoranz. Nimmt sich viel Zeit, um zu beobachten und lässt sich nicht drängen, die Initiative ergreifen zu lassen, trotz all der animalischen Wut, die den Zuschauer befällt. Dass angesichts all dieser teils heftigen Tierszenen wirklich keine Hunde zu Schaden gekommen sind, wie nach jedem Film pflichtgemäß im Abspann deklariert wird, ist kaum zu glauben. Gut, mit Hunden lässt sich so manches Kunststück bewerkstelligen. Hunde sind angefangen von Benji bis zu Lassie die wohl dankbarsten tierischen Darsteller – weil sie sich perfekt abrichten lassen, weil sie lernen und gehorsam sind. Doch Vorsicht an alle Hundeliebhaber und all jene, die gerne Hundefilme wie Beethoven, Marley & ich, Scott & Huutch oder Pets in ihrer DVDthek wissen – Weißer Gott ist was ganz anderes und wird so manches Frauchen oder Herrchen mit Sicherheit verstören. Ihrem „besten Freund des Menschen“ als indikativer Spiegel der Gesellschaft aber wären sie womöglich dankbarer als zuvor.

Underdog

Isle of Dogs – Ataris Reise

HUNDE, WOLLT IHR EWIG LEBEN?

6,5/10

 

isleofdogs© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: WES ANDERSON

MIT DEN STIMMEN (OV) VON BRYAN CRANSTON, EDWARD NORTON, SCARLETT JOHANSSON, KOYU RANKIN, BILL MURRAY, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

Ihr kennt doch alle diese Bücher, die meist irgendwelche Märchen erzählen, und die, wenn man sie aufmacht, eine ganze Landschaft oder auch ganze Interieurs entstehen lassen, fein säuberlich aus Karton gestanzt, in mehreren Ebenen hintereinander montiert, um Tiefe zu simulieren. Meist lassen sich solche Bücher auf Floh- oder Weihnachtsmärkten finden. Die Produktion solcher Pop-Up-Bücher ist immens aufwendig, meist in Kleinauflage, und dementsprechend teuer. Der neue Film des in seinem Stil unverkennbaren Wes Anderson fühlt sich vergleichbar an. Wie eines dieser Bücher, mit nur wenigen Seiten, die aber im Querformat am Tisch liegend sachte geöffnet werden, bei jeder Seite ein staunendes Aufseufzen des Betrachters. Akribisch sucht der Leser jeden Winkel des staubfrei geschnittenen Sammelsuriums liebevoller Details ab, um natürlich nichts zu versäumen. Denn allzu oft will der Bucheigner sein Kunstwerk nicht vorführen müssen – oder gar selbst die fragilen Seiten zerlesen. Welch ein Glück aber auch – die Parabel Isle of Dogs – Ataris Reise ist nur ein Film, und ein Film lässt sich immer und immer wieder ansehen, ohne Abnützungserscheinungen. Was ratsam wäre, wie bei allen Filmen von Wes Anderson, denn die akkurate Perfektion des unheilbaren Perfektionisten lässt sich nicht auf einmal in seiner Gesamtheit erfassen.

Trickfilme sind eine Sache, Isle of Dogs eine andere. Und vergleichbar mit gar nichts. Angesiedelt in einem Japan der nahen Zukunft, wird die fiktive Stadt Megasaki von einer Hundeplage heimgesucht, die allerlei Krankheiten mit sich bringt, denen sich der Mensch nicht mehr erwehren kann. Megasakis Bürgermeister macht kurzen Prozess – und lässt alle Hunde, ob Streuner oder gepflegter Schoßhund, auf eine vorgelagerte Müllinsel deportieren. Darunter auch den Hund von Atari, dem Mündel des Bürgermeisters. Der 12jährige Junge wagt das Abenteuer seines Lebens – und begibt sich per Flugzeug in die verbotene Zone, um seinen vierbeinigen Freund zu suchen. Nach der unvermeidlichen Bruchlandung und einigen anderen Hunden im Schlepptau macht sich das Mensch-Tier-Kommando auf eine bizarre Reise durch eine postapokalyptische, menschenfreie Welt bis ans andere Ende der Insel.

Wes Anderson schlägt in seiner mit Trommelrhythmen unterlegten Bildgewalt alle seine bisherigen Werke über Längen. Selbst The Grand Budapest Hotel verblasst ein wenig angesichts dieser puppenhausgroßen Tableaus, die Isle of Dogs Szene für Szene vom Stapel lässt. Dabei bleibt nichts dem Zufall überlassen. Jedes Bewegtbild ist das Ergebnis eines im Vorfeld durchdachten, arrangierten Konzepts, auf den Millimeter genau in Position gebracht. Improvisieren ist hier nicht, aus dem Bauch heraus die Leinwand bepinseln – nicht auszudenken. Anderson lässt sich nicht lumpen, am Trickfilm-Set hat alles seine Ordnung. Diese Ordnung unterwirft sich dem Dogma einer beschränkt dynamischen Sachlichkeit, die einem neurotisch sortierten Setzkasten gleicht. Komposition ist alles, den goldenen Schnitt stets bedacht, Ausgewogenheit auf der Schaubühne das Ziel des Visionärs. Seine bewusst verlangsamte Bildfolge bringt den Bewegungsfluss in marionettenhaftes Stocken, was aber genau so gewollt ist und den Zauberkasten namens Leinwand in etwas verwandelt, das nicht unbedingt nur mehr Kino ist, sondern ein unbenanntes Medium dazwischen. Bewegte Miniaturen, projiziert auf Großformat. Anders lässt sich Isle of Dogs nicht betrachten, schon gar nicht im Heimkino, denn da müsste man mindestens knapp einen halben Meter vor dem Bildschirm kauern, damit nichts verloren geht von dieser Fülle an mathematischem Formelreichtum.

Das Ergebnis dieses durchrechneten Arrangierens wirkt seltsam steril. Die kunstvollen Kulissen, davor all die Hunde, die in irrer Optik mal als Close Up, mal weit entfernt einen ungeheuren Raum erzeugen, der die Ebenendynamik von Pop Up Büchern bei Weitem sprengt – das alles ist zugegeben ziemlich virtuos, trotz allem berührt mich die Erwachsenen-Fabel auf Totalitarismus, Hetze und Faschismus nur bedingt. Zu klinisch ist Andersons Bühnen-Ornamentik. Vielleicht auch zu manieriert, jedenfalls von einer statischen, trockenen Pedanterie, die ihresgleichen sucht.

Isle of Dogs – Ataris Reise ist dennoch fraglos ein Kunststück, weit abseits von Gewohntem.

Isle of Dogs – Ataris Reise

Wiener Dog

WENN ICH MIT MEINEM DACKEL…

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wienerdog

Der Hund ist der beste Freund des Menschen. Er redet nicht zurück, verrät einen nicht, beleidigt einen nicht, ist unendlich dankbar und kann ewig zuhören. Ja, ich weiß, das wissen wir. Ist alles nichts Neues. Da das vom Wolf und vom Schakal abstammende treue Wesen aus unserer urbanen wie ländlichen Kulturgeschichte einfach nicht wegzudenken ist, gibt es auch schon längstens ein eigenes Genre im Film. Angefangen von Mickeys orangefarbenen Köter Pluto bis über einen Hund namens Beethoven, Scott & Huutch und Kommissar Rex bis zu Marley und Ich, einem ziemlich gelungenen, allerdings auch recht schmalzigen Vierbeinerdrama mit Owen Wilson und Jennifer Aniston. So gesehen hat man alle Variationen des Hunde-und-Herrchen-Filmes schon gesehen. Möchte man meinen. Doch sowas wie Wiener Dog bereichert das spezielle Genre um eine ungewöhnliche, makabre Facette und haben Kenner der bellenden Materie auf diese Weise noch nie zuvor gesehen.

Im Mittelpunkt, oder eher am Rande des Geschehens, steht ein klassischer brauner Dackel auf seinen vier kurzen Beinchen. Im Amerikanischen bezeichnet man diese Rasse als Wiener Dog, was aber irgendwie auch klingt wie die Wurst im ausgehöhlten Weißmehlweckerl, serviert an der Imbissbude. Dieser Hund ohne Identität, sowohl mit vielen Namen genannt und gleichzeitig namenlos, wackelt in dem Episodendrama vom amerikanischen Independentregisseur Todd Solondz durch eine Welt voller Randgruppen, Außenseiter und Verlierer. Jeder von ihnen scheint im wahrsten Sinne des Wortes auf den Hund gekommen zu sein, sei es aufgrund familiärer Kälte, aufgrund besonderer Bedürfnisse oder gesellschaftlicher Ignoranz. Irgendwie dürfte Solondz die Filme des schwedischen Kunstfilmers Roy Andersson zu schätzen wissen – denn Wiener Dog ist in seiner Bildsprache, seiner bühnenhaften, langsamen Erzählweise und seinen sperrigen, knappen Dialogen den allegorischen Filmen des Skandinaviers sehr nahe. Allerdings weicht das filmische Requiem auf einen Hund der nordischen Schwere durchwegs erfolgreich aus und bedient sich dann doch noch der Stilmittel amerikanischen Erzählkinos, wenn auch nur zaghaft.

Das Schwierige an dem Film ist, nicht zu sehen zu bekommen, was man erwartet. Hat man diese Niederlage überwunden, bleibt man aber trotzdem dran. Denn Solondz erweckt aufgrund seiner eigenwilligen Sprache beim Zuseher ein nicht sofort nachvollziehbares Interesse und verblüfft mit bizarren Einfällen wie zum Beispiel einer inszenierten Werbeunterbrechung mitten im Film. Am Absurdesten jedoch ist das Ende der sozialen Grottenbahnfahrt und dürfte Hundeliebhaber ziemlich verstören. Nicht nur Roy Anderssons Einfluss ist spürbar – Wiener Dog hat in seiner Episodenhaftigkeit auch ein bisschen was von Tarantinos Pulp Fiction. Weniger radikal, gar nicht kriminell, aber in seinen grotesken, teils geschmacklosen Bildern, die wiederum John Waters ins Gedächtnis rufen, eine ähnlich komplexe Schlüssigkeit und unbeirrbare Konsequenz. Obendrein holt Solondz auch lange verschollene Schauspieler aus der Versenkung, allen voran der recht stark gealterte Danny De Vito, den man als Schwarzeneggers Sidekick aus Twins noch in guter Erinnerung hat und den man nun mit mitleidigen, gemischten Gefühlen willkommen heißt. Ein Häufchen Elend, genau wie der vierbeinige Wanderpokal eines Dackels, der auch schon mal auf den Namen Tumor getauft wird. Kein gutes Omen, so wie der ganze Film.

Ein unerwartetes, seltsames Vergnügen, auf das man sich entweder einlassen möchte oder vor dem Ende rechtzeitig aussteigt. Für alle, die im Kino gerne experimentieren, Und für alle, deren bester Freund der Hund ist. Aber das wissen wir ja. Ist alles nichts Neues.

Wiener Dog