Salem’s Lot – Brennen muss Salem (2024)

VAMPIRE SIND ANSTECKEND

4/10


salemslot© 2024 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: GARY DAUBERMAN

DREHBUCH: GARY DAUBERMAN, NACH DEM ROMAN VON STEPHEN KING

CAST: LEWIS PULLMAN, SPENCER TREAT CLARK, MAKENZIE LEIGH, PILOU ASBÆK, BILL CAMP, WILLIAM SADLER, ALFRE WOODARD, JOHN BENJAMIN HICKEY, NICHOLAS CROVETTI, ALEXANDER WARD U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Als Stephen King mit dem Schreiben Mitte der Siebziger erst so richtig in Fahrt kam, konnten sich Fans der ersten Stunde nach dem Telekinese-Dilemma rund um Carrie nahtlos folgend mit den Mythen der Vampire auseinandersetzen. Brennen muss Salem – oder im Original schlicht Salem’s Lot – war Stephen Kings zweites Werk, und man merkt auch angesichts der Neuverfilmung aus gegenwärtigem Jahrgang, dass der Meister des Belletristik-Horrors noch nicht allzu viel anderweitige Konkurrenz gehabt hat. Denn was gab es damals schon, in den Siebzigern, an Vampiren der Popkultur zu verzeichnen? Murnau, Lugosi und Christopher Lee hatten im Laufe der Filmgeschichte wohl eher die Biographie des unglückselig verfluchten Dracula und Orloc aka Nosferatu bedient. Ein einzelner Anarchist, salonfähig, eitel und distinguiert. Und nur so weit mörderisch, um ihm fast alles zu verzeihen, denn der Herr aus Transsilvanien ist ja fast schon einer, den man bewundert ob seines Alleinstellungsmerkmals, seines ewigen Lebens und seiner Verachtung aller Werte, ohne sie mit Füßen zu treten. Mit Stephen King wurde das anders, da war es nicht mehr Dracula oder Orloc, da sind es ganze Kleinstadtgemeinschaften, die unter die Reißzähne eines Obervampirs geraten, der, und da mag die Hommage an Murnaus Stummfilmklassiker augenscheinlich gegeben sein, die ganze Welt in eine ihm unterworfene zu verwandeln. Weit gedacht hat der Kahlkopf allerdings nicht. Gibt’s keine Menschenopfer mehr, dürfen all diese Blutsauger bald am Hungertuch nagen. Del Toro und Chuck Hogan mit ihrer Vampirtrilogie The Strain haben das Problem anders gelöst, und lassen die untoten Dämonen weiterdenken als nur bis zum nächsten Grabstein.

Als Metapher auf Pandemien und Massenhysterien aller Art wütet also bald eine bissfreudige Seuche durch Salem’s Lot, einer Kleinstadt in Maine, in welcher der sinistre und wenig vertrauensvolle Antiquitätenhändler Straker (Pilou Asbæk) eine längliche Kiste in den Keller seines Anwesens schaffen lässt. Zeitgleich mit dieser Lieferung lässt sich Schriftsteller Ben Mears (Lewis Pullman) in diesem beschaulichen Örtchen nieder, um seine Memoiren zu verfassen. Der wird allerdings nicht gern wiedergesehen, schließlich beschuldigt man ihn eines Unglücks, das vor vielen Jahren hier passiert war. Mears lässt sich nicht einschüchtern, findet gar noch ein Love Interest und muss sich bald einer unheilvollen Tatsache stellen, die damit zu tun hat, dass die Kinder der Familie Glick das Zeitliche segnen – um wiederaufzuerstehen. Als Kick-off für einen lokal begrenzten jüngsten Tag der Bewohner von Salem’s Lot.

Das Problem an Gary Daubermans Neuverfilmung ist ein grundlegendes. Auch wenn Vampire keine Seele haben, wäre es zumindest ratsam gewesen, diese zumindest in der Umsetzung dieses klassischen Stoffes zu belassen. Dabei gibt die Vorlage für atmosphärischen Folk-Horror auf begrenztem Raum, angereichert mit bedrohlichem Unbehagen und geisterhaften Besuchen jenseits der Fenster hochgelegener Zimmer, so einiges her. Auch Obervampir Barlow könnte zum Schrecken in Person werden, zur expressionistischen Nemesis gutgläubiger Konservativer. Der Funke, um Salem wirklich brennen zu lassen, springt nicht über. Da kann man zündeln, was man will. Da kann Bill Camp das glühende Kreuz mit gestreckten Armen vor sich herhalten, da könnte der Spuk, den Taschenlampenlicht nun eben erzeugt und an Found Footage erinnert, die Gänsehaut aufsteigen lassen. Doch nichts davon passiert. Schwer zu sagen, woran das liegen mag. Am lustlosen Spiel fast des gesamten Ensembles? An dem in Grund und Boden zusammengestrichenen Skript, das darauf verzichtet, seinen Bewohnern existenzielle Relevanz zu verleihen? Das kommt davon, wenn man Bücher – und die von Stephen King sind keine Groschenromane – so sehr ausblutet, bis nur noch der Handlungsstrang übrigbleibt.

Wenn sich keiner mehr darum kümmert, den leidenschaftlich menschelnden Aspekt der notgedrungenen Helden auszubauen, wird es fade. Die Vampire selbst mögen in ihren Ambitionen leicht zu erfassen sein. Dort, wo das Herz schlagen sollte, bleibt nur Ruhepuls. Und plötzlich ist da der kindliche Superheld, ein waschechter Jungspund vermeintlich aus Derry, der kurz mal hier vorbeischaut, um es mit dem dortigen Bösen aufzunehmen. Und zwar im Alleingang.

Salem’s Lot – Brennen muss Salem (2024)

Nightbitch (2024)

EIN JAMMER MIT DER MAMA

4,5/10


nightbitch© 2024 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: MARIELLE HELLER

CAST: AMY ADAMS, SCOOT MCNAIRY, MARY HOLLAND, JESSICA HARPER, KERRY O’MALLEY, ZOE CHAO U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Das alles ist schneller vorbei als uns Eltern lieb ist: Kaum sind unsere Schützlinge auf der Welt, steuern sie der Abnabelung zu. Die Phase des Kleinkindalters fühlt sich zwar wie eine Ewigkeit an, doch rückblickend war es nur ein Moment voller Entbehrungen für einen guten Zweck, nämlich das, was man über alles liebt, für ein ungeschriebenes Leben vorzubereiten. Wenn es hochkommt, sind es nur ein paar Jahre, dann kann sich der kleine Knopf schon selbst orientieren. Es geht schließlich ums Gesamtpaket einer werdenden Persönlichkeit, da sind schlaflose Nächte und kaum eigene Freizeit nur etwas, das man fürs große Ganze opfert. In dieser Zeit – und gegen alle Bemühungen, die Rollen neu zu verteilen – ist nach wie vor das „Muttertier“ aus dem gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Leben vorübergehend ausgeschlossen, schließlich geht es rein biologisch betrachtet um die Arterhaltung der Spezies Mensch. Als solcher will man schließlich alles haben – Karriere, Freunde, Freizeit, und nebenbei ein Kind. Geht doch. Betreuungen sind ohnehin buchbar, wenn es das Budget erlaubt. Wozu hat man dann aber Kinder? Aus Prestigegründen? Um sich selbst zu beweisen, alles hinzubekommen? Oder, um sich dem natürlichen zweck des Daseins zu besinnen?

In einer immer noch und leider Gottes patriarchalen Gesellschaft, die mit Trumps Wahlsieg wohl wieder mal erstarken wird, ist die Frau immer noch jene, die ungefragt zuhause bleibt. Schließlich ist sie Mutter, und daher wichtiger fürs Kind? Eine falsche Prämisse, die Amy Adams als wochentags alleinerziehendes Paradebeispiel einer Frau am Rande der Selbstaufgabe langsam erkennt. Der in sich zerrissenen, ehemaligen Künstlerin wird auch klar, dass Selbstverwirklichung kein Thema mehr sein darf, dass Ich-AG, Selbstfürsorge und Interessenspflege erst dann zum Zug kommen, wenn die Familie mal durch ist. Das jedoch findet nie statt. Unzufriedenheit macht sich breit, trotz Liebe zum Nachwuchs. Mama muss sich neu orientieren, neu justieren. Dem Ehemann in seinen veralteten Ansichten zur Ressourcenverteilung mal ordentlich die Leviten lesen. Und das innere, urtümliche Muttertier entdecken, die Wahrheit hinter dem ganzen Dilemma, ein Kind großzuziehen.

Dass die Amis auch Filme machen können, die der deutschen Wohlstandskomödien-Kinowelt entsprungen sein könnten, beweist Marielle Heller (Can You Ever Forgive Me?) mit dem Mutterschafts-Lamento Nightbitch – dem letzten Film aus meiner persönlichen Viennale-Auswahl. Amy Adams tut dabei alles, um an den Rand der Erschöpfung zu gelangen. Natürlich ist es anstrengend, entbehrungsreich, eine Grenzerfahrung – und obendrein nicht neu. Nightbitch liefert Erkenntnisse, die an einen Werbefilm für elterliche Gleichberechtigung erinnern. Es darf auch mal Papa zuhause bleiben, wie wäre es mit Väterkarenz? Und so weiter und so fort. Inspirierend ist das nicht, inspirierend ist vielleicht in Ansätzen jene fantastische Ebene, die womöglich nur in den Vorstellungen von Amy Adams Figur existiert. Der Werwolf-Mythos stellt sich ein, ein dick aufgetragener, eher plumper Symbolismus für ein animalisches Gefühl, das Schwangerschaft, Entbindung und die ersten Jahre eines neuen Lebens umspannen, und das Frau nicht verdrängen sollte. Ist es also mütterliche Pflicht, sich selbst aufzugeben, um zum Muttertier zu werden? Was genau will Heller mit ihrer satirischen Komödie uns normalsterblichen Eltern mit auf den Weg geben?

Dass die Gebärende lediglich gebärt, während der Rest des ganzen Projekts auch auf das Vatertier übertragen werden kann? Die Zugänge zu gleich mehreren Ansätzen sind schulmeisterlich bis banal. Binsenweisheiten und eine missglückte Metaebene, die gleichzeitig Freiheit vor den Konventionen und Rückbesinnung auf die Urtümlichkeit bedeuten. Nightbitch kann als archaisches, aber haareraufend unschlüssiges Familienabenteuer mit herkömmlicher Problemstereotypie betrachtet werden. Der radikale Rundumschlag, die mutige Avantgarde, sie bleiben verwehrt. Vielleicht auch, weil der Film unbedingt will, dass das Publikum sich wiederfindet. Mehr als Themenkabarett ist das manchmal aber nicht.

Nightbitch (2024)

I Saw the TV Glow (2024)

TWILIGHT ZONE FÜR SERIENJUNKIES

5/10


isawthetvglow© 2024 Pink Opaque LLC


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

CAST: JUSTICE SMITH, BRIGETTE LUNDY-PAINE, IAN FOREMAN, HELENA HOWARD, FRED DURST, DANIELLE DEADWYLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Das war noch was, als in den Achtzigern und Neunzigern tagtäglich und immer zur selben Uhrzeit die Straßen und Gassen leergefegt waren, wenn auf den wenigen Fernsehkanälen, die man hatte, die Lieblingsserie lief. VHS-Rekorder hatten da noch die wenigsten, später aber dann doch vermehrt, doch als Junkie eines speziellen Formats wollte sich keiner nachsagen lassen, nicht als erster den brandneuen Stoff bereits gesichtet zu haben. Am neuesten Stand zu sein war oberstes Gebot, das wochenlange Warten auf die nächste Folge nur eine Qual. So passiert bei Falcon Crest, Twin Peaks oder Buffy – Im Bann der Dämonen. Letztere ließ Sarah Michelle Gellar groß werden, die toughe Blondine schnetzelte sich sieben Staffeln lang durch Horden von Vampire, Dämonen und sonstigem Gesocks, das aus dem Höllenschlund in der kalifornischen Kleinstadt Sunnydale emporstieg. In I Saw the TV Glow ist es die Serie The Punk Opaque, die sehr stark an den von Joss Whedon erdachten Kult erinnert. Dieser farbintensive Nebel begleitet ein Duo aus zwei jungen Frauen, die nicht viel anderes ihre Mission nennen als Kreaturen aller Art ebenfalls das Fürchten zu lehren wie Buffy, um aber an ein richtig fieses Mondgesicht heranzukommen, dass seine Gegner gerne mal in eine mitternächtliche Dimension sperrt, aus der es kein Entkommen gibt, es sei denn, jemand von außerhalb wappnet sich zur Extraktion. Wie gebannt hängt hier nun Maddy (Brigette Lundy-Paine, u. a. Schloss aus Glas) im Rhythmus des Fernsehprogramms vor der Glotze, und es dauert nicht lang, da gesellt sich der deutlich jüngere Owen (Justice Smith, u. a. Jurassic World, Dungeons & Dragons) hinzu. Beide sind nicht gerade mit einfühlsamen Familien gesegnet, beide sind sich mehr oder weniger selbst überlassen in ihrer Reifung zum Erwachsenen. Die Serie wird zum Zufluchtsort, zur Sucht, zum eigentlich viel besseren Leben. Je mehr die beiden Außenseiter aber diese pinken Nebel inhalieren, je mehr scheinen trostlose Realität und anregende Fiktion zu verschwimmen. Langsam stellen sich Maddy und Owen die Frage, ob nicht ihre Welt die eigentliche Fiktion ist, und The Pink Opaque das echte Leben. Vielleicht, weil sie nicht so kompliziert scheint und klarer erkennbar, worauf es ankommt.

Mystery oder gar Fantasy mit später Coming of Age-Geschichte zu verknüpfen – das ist bekanntlich alles andere als neu. Kein Genre eignet sich besser als das Phantastische, um mit dem komplexen Thema des Erwachsenwerdens einen Deal einzugehen. Die nichtbinäre Person Jane Schoenbrun (We’re All Going to the World’s Fair) sieht in diesem Dilemma, als junger Mensch nirgendwo hinzugehören, eine kaum zu bewältigende Mission, der man am besten mit traumverlorener Lethargie begegnet. Vielleicht genügt es ja, das auf Wohnstraßen applizierte Schwarzlicht-Graffiti zu bewundern, während man auf dem Weg zum nächsten Fernseher noch dazu von sphärischem Licht in allen Pink- und Violetttönen begleitet wird, das sowieso schon den Eindruck erweckt, niemals in der harten, urbanen, rücksichtslosen Realität namens Leben verankert zu sein. I Saw the TV Glow schlurft und schleicht durch eine dem Chemiehaushalt von Teenagern unterworfenen, leicht bis schwer depressive Twilight-Zone, ohne dabei Enthusiasmus und Leidenschaft für irgendetwas zu empfinden. Das mögen die diffus in Szene gesetzten Erwachsenen ihren Kindern Maddy und Owen längst ausgetrieben haben. Der Enthusiasmus springt aber auch nicht auf mich, dem Zuseher über. Das mag vielleicht auch an den traurigen Mix an Musiknummern aus der Independent-Nische liegen, die einzeln gehört als melodisch-melancholische Novemberstimmung wohldosiert funktionieren, in Spielfilmlänge aber die einschläfernde Wirkung eines erratischen Wachtraums, den man schwer beeinflussen kann, da man wie paralysiert im Bett liegt, nur noch verstärken.

Schoenbrun arbeitet mit Symbolen und immer wieder mit den Farben, das unter Schwarzlicht leuchtende Graffiti verschmilzt mit dem ungesunden Licht ausgedienter Röhrenbildschirme. Wie die dargestellte Sucht zweier Suchender, die ihre Welt und Existenz hinterfragen, bleibt I Saw the TV Glow lediglich bei seiner dekorativen Symptombetrachtung, die den Jugendlichen wenig Persönlichkeit lässt. Zu gleichförmig wirken beide, und nicht mal die Zeitspanne von vielen Jahren, die der Film umspannt, lässt bei diesen eine Entwicklung zu. Gefangen im Pink Opaque chillt der unnahbare Selbstfindungstrip in einem immermüden Tal der Ratlosigkeit, die rosarote Brille beschönigt zwar die Optik – das, worauf es ankommt, allerdings nicht.

I Saw the TV Glow (2024)

Rumours (2024)

AM GIPFEL DER HOHLEN PHRASEN

6,5/10


rumours© 2024 Viennale


LAND / JAHR: KANADA, DEUTSCHLAND 2024

REGIE: GUY MADDIN, EVAN & GALEN JOHNSON

DREHBUCH: EVAN JOHNSON

CAST: CATE BLANCHETT, CHARLES DANCE, NIKKI AMUKA-BIRD, DENIS MÉNOCHET, ROY DUPUIS, ROLANDO RAVELLO, TAKEHIRO HIRA, ALICIA VIKANDER, ZLATKO BURIĆ U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Politik ist in erster Linie eines: Zugang zu Macht. Hat man sich diese mal für eine Legislaturperiode gesichert, gibt es die Wahl zwischen dem Agieren fürs Allgemeinwohl, um die Lebenssituation derer zu verbessern, für die man sich verantwortlich zeichnet. Und der Verfolgung ganz persönlicher Agenden zur Umsetzung idealistischer und völlig am Begehren des Volkes vorbeigehender Ziele. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Die Bereicherung an Wohlstand und Ansehen, sonst nichts. Welchen Weg wohl diese sieben Kapazunder gewählt haben, die anlässlich eines G7-Gipfels im deutschen Dankerode zusammengekommen sind? Vielleicht sind sie ja auch nur des Regierens müde geworden. Und haben sich frei nach dem Peter-Prinzip so sehr an die oberste Kante gelebter Menschheitsgeschichte gepusht, dass sie, angekommen am Ende der Nahrungskette, ihr Politprogramm längst ausgehöhlt haben.

Die lieben Sieben sind: Deutschlands Kanzlerin Hilda Ortmann, in welcher Cate Blanchett wohl weniger eine Reminiszenz an Angela Merkel sieht als vielmehr die ganz offensichtliche parodistische Verzerrung einer Ursula van der Leyen. Die britische, reicht eifrige Premierministerin Cardosa Dewinth (Nikki Amuka-Bird), der viel zu alte amerikanische Präsident Edison Wolcott (Charles Dance), dauermüde, neben der Spur und ganz klar Joe Biden imitierend, der sich beim letzten Schlagabtausch mit Donald Trump im Fernsehen ähnlich präsentiert hat. Wer sich hier noch eingefunden hat: Der italienische Premier, ein Schnorrer unter dem Herrn. Der französische Präsident (Denis Ménochet), der über Sonnenuhren philosophieren wird. Und Japans Polit-Oberhaupt als die farbloseste Gestalt in diesem tolldreisten Reigen der Phrasendrescher, die sich im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens einer globalen Krise stellen müssen. Welcher Natur diese sein mag, darüber lässt sich nur mutmaßen. Doch vielleicht hat sie mit den Moorleichen zu tun, die in der Nähe des Anwesens gefunden wurden. Vielleicht ist bereits jetzt schon das Ende der Menschheit nahe. So genau weiß man das nicht. So genau wissen es nicht mal die G7, denn was sie auszeichnet, ist ihre erschreckende Inkompetenz darin, konstruktive Strategien zu erarbeiten. Ehrlich: Wer will das schon an einem lauen, alkoholreichen Abend mit gutem Essen? Wer will das schon, wenn die amourösen Sorgen des labilen, kanadischen Premierministers viel interessanter scheinen? Der wird schließlich verkörpert von Roy Dupuis. Mit langer grauer Mähne und dem Auftreten als Frauenheld und Schwerenöter, stets an der Kippe zur romantisch motivierten Weinerlichkeit, lenkt er die liebevoll-sarkastische Weltuntergangs-Satire Rumours in eine Richtung, die schon Stanley Kubrick mit Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben eingeschlagen hat. In dieser Nacht der lebenden Toten oder der zum Tode verurteilten Lebenden ist die Symphonie der leeren Worte das Requiem auf einen kolportierten Fortschritt, der nur so tut, als ob er die Dauerprobleme der Menschheit in den Griff bekommt.

Das Regie-Trio Guy Maddin (bislang wohl eher bekannt für experimentelles Kino wie The Green Fog) sowie Evan und Galen Johnson haben eine diebische Freude daran, den Mächtigen dieser Welt Grips und Wort zu stehlen. Oder aber: die Politik dahinter als das zu entlarven, was sie stets zu sein scheint: Die Liebesmühe pflichtbewusst verfasster Schulaufgaben unwilliger Unterstufler.

Doch das Wortspiel, die privaten Befindlichkeiten, das Geplänkel allein – das alles reicht nicht. Rumours lässt die Oberen durch den deutschen Wald irren, lässt sie Hirn finden und Alicia Vikander, die nur schwedisch spricht. Das Ensemble der Sieben wird dabei zusehends entindividualisiert und zum Sinnbild ihrer Staaten, die sie vertreten. Immer abstrakter wird das Spiel, zur satirischen Karikatur eines Landes mit all seinen Klischees werden Blanchett, Charles Dance und Co. Diese Klischees aber haben einen erschreckend wahren Kern. Und wenn sich dieser ganz offenbart, ist es längst zu spät. Für sie und für uns alle.

Ein schneidend spaßiger Film ist Rumours geworden, das Endzeitabenteuer der Wichtigen, die ihre Prioritäten nicht mehr erkennen, mit Hang zum Genre des Phantastischen.

Rumours (2024)

Der Spatz im Kamin (2024)

DIE KATZE IST TOT

7/10


spatzimkamin© 2024 Viennale


LAND / JAHR: SCHWEIZ 2024

REGIE / DREHBUCH: RAMON ZÜRCHER

CAST: MAREN EGGERT, ANDREAS DÖHLER, BRITTA HAMMELSTEIN, LUISE HEYER, MILIAN ZERZAWY, PAULA SCHINDLER, LEA ZOË VOSS, ILJA BULTMANN, LUANA GRECO U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Familie und ihre dunklen Geheimnisse. Gerade in den skandinavischen Dramen eines Henrik Ibsen, August Strindbergs oder später in den gallig-polemischen Satiren eines Edward Albee kommen Familien, gepfercht in einen sinnbildlichen Druckkochtopf, an ihren Siedepunkt. Was raus muss, muss raus, es ist wie bei einem entzündeten Blinddarm oder einem faulen Zahn. Das Problem dabei ist nur: Sich des Eiterherds zu entledigen, dafür braucht es Mut und Anstrengung. Oder gerade den richtigen Moment. Welcher wäre dafür nicht besser geeignet als eine Familienfeier anlässlich des Geburtstages von Papa Markus. Der Mann hat drei Kinder und eine Ehefrau, die längst nicht mehr das ist, was sie damals war, als beide sich kennengelernt haben. Nun – Zeit, Alltag, Stress und Midlife-Krisen ändern oft alles, und nichts lässt sich mehr wiedererkennen. Die ganze kaputte Familie soll anrücken – Schwester mit Schwager, die entlaufene Tochter, sogar die Hundesitterin, die vis a vis in der Holzhütte wohnt, um ihr nach einem Aufenthalt im Gefängnis eine zweite Chance zu geben. Der Haussegen hängt schief, und es scheint, als würde die miese Stimmung einzig und allein von Mama ausgehen, während der Rest der Sippschaft sich darin übt, diese Frau entweder zu hassen oder zu meiden.

An einem Wochenende wie diesen, an welchem sich versehentlich ein Spatz in den Kamin verirrt und vielleicht auch die Katze stirbt (um Schrödingers Dilemma zu bedienen), könnte die große Katharsis stattfinden, der große Kehraus nach einem Feuerwerk aus Gift und Galle, verletzenden Worten und völlig falsch verteilter Rollen. Der Spatz im Kamin ist für mich der erste Film der Gebrüder Zürcher, ein waschechtes Schweizer Fabrikat, ein pointiertes Familiendrama mit spitzen Zungen und paraverbaler Botschaften. Zwar untereinander nicht zusammenhängend, ist dieser Teil nach Das merkwürdige Kätzchen und Das Mädchen und die Spinne nun der letzte einer sogenannten Tier–Trilogie, die jeweils den animalischen Symbolismus bedient. Alle drei gehen in Medias Res, was soziale Mikrokosmen betrifft, in denen Liebe, Hass, Sehnsüchte und Geheimnisse reif für die Ernte sind. In diesem Schweizer Sommer schwant einem Übles, mag man den Haushaltseifer des Jungen als bedrohlich betrachten und die falsche Freude der Besucher als aufgesetzt. Während alle anderen gar nicht mal so tun, als ob, sondern die Wahrheit hinter allem auf provokante Weise höher schaukeln, bleibt Maren Eggert (zuletzt in Ich bin dein Mensch neben „Roboter“ Dan Stevens zu sehen) die zentrale Figur einer strindberg’schen Mutterfigur, die, immer noch wohnhaft im Haus ihrer Eltern und scheinbar verbunden mit einem Fluch, das Erbe der eigenen Ahnen antritt. Familie wird in Der Spatz im Kamin zur Wucherung auf den Fundamenten des Vergangenen. Wie Eggert sich diesem Geschwür entledigt und gleich die ganze Verwandtschaft mitreißt, das schildert Ramon Zürcher mal nüchtern, mal radikal, mal versunken in einer metaphysischen Traumwelt.

Im letzten Drittel dringt das Irreale wie eine helfende Hand für Eggerts Figur in die bittere Realität, verliert aber dadurch auch etwas an Substanz. Es scheint, als wäre die Flucht in den Traum der einzige Ausweg in den Augen Zürchers, und ja, das Theater arbeitet mit solchen Elementen relativ oft. Tabula Rasa spielt es in diesem Drama wohl weniger, dafür hat die in der Psychotherapie erfolgreich praktizierte Familienaufstellung ihren Film gefunden. Nach der Erkenntnis, wo wer hingehört, obwohl er ganz woanders steht, ebnet den Weg zum Neuanfang.

Der Spatz im Kamin (2024)

Handling the Undead (2024)

AUCH ZOMBIES SIND FAMILIE

5/10


Handling the Undead© 2024 TrustNordisk


LAND / JAHR: SCHWEDEN, NORWEGEN, GRIECHENLAND 2024

REGIE: THEA HVISTENDAHL

DREHBUCH: THEA HVISTENDAHL & JOHN AJVIDE LINDQVIST, NACH DESSEN ROMAN

CAST: RENATE REINSVE, ANDERS DANIELSEN LIE, BJØRN SUNDQUIST, BENTE BØRSUM, BAHARS PARS, OLGA DAMANI, KIAN HANSEN, JAN HRYNKIEWICZ, INESA DAUKSTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Nicht genug, dass durch irgendein metaphysisches Ereignis Norwegens Bevölkerung aus anderen Epochen plötzlich in der Gegenwart aufschlagen – so gesehen in der wirklich sehenswerten Miniserie Beforeigners, die schon 2 Staffeln zählt. Jetzt bringt ein anderes, nicht näher erläutertes und deshalb auch höchst dubioses Ereignis den Stromkreislauf des Landes zum Versiegen, währenddessen die kosmische Energie dafür verwendet wird, all die kürzlich Verstorbenen von ihrer letzten Ruhestätte zu vertreiben. Wer, wenn nicht John Ayvide Lindqvist, der für die Vorlage von Filmen wie So finster die Nacht oder Border sein Copyright hochhält, kann sich dieses Szenario ausgedacht haben. Eines, das auf den ersten Blick so wirkt, als hätten wir es mit einer schnöden Untotengeschichte zu tun. Bei Lindqvist gibt es da meist dieses Mehr an gesellschaftspolitischer Komplexität, er verortet seine fantastischen Komponenten stets in einem äußerst realen, gegenwärtigen und greifbaren Umfeld. Bei Lindquvist kann das Paranormale einen jeden treffen, weil diese Faktoren längst in unserem Alltagsleben inhärent sind.

Bei Handling the Undead sind die Toten immer noch jene, die zu den Familien der Trauernden gehören. Ihre Verwesung ist noch nicht so weit fortgeschritten, um sie als Monster zu deklarieren. Ihr Verstand verharrt zwar in einer somnambulen Stasis, doch das letzte bisschen Erinnerung und Persönlichkeit mag da noch an die Oberfläche gelangen wollen, um zumindest noch das ehemalige Zuhause zu erkennen, in welches die Schatten ihres früheren Selbst wie selbstverständlich reinschneien. Auf den ersten Blick freut das natürlich jene, die sich längst von ihren Liebsten verabschiedet haben. Hier nochmal mit einem zwar wortkargen, aber physischen Dacapo getröstet zu werden, mag die Tatsache einer völlig anderen Wesensart eines Zombies zumindest temporär verdrängen – alsbald schon liegen die Defizite zur früheren Person klar auf dem Tisch. Was also tun mit den lieben Verwandten, wenn sie durch ausgeprägt lethargisches Verhalten den Alltag erschweren und sich auch dazu hinreissen lassen, das tun zu müssen, was Untote eben tun: Gewalt anwenden.

Auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival mit Handling the Undead debütiert, hat Regisseurin Thea Hvistendahl das vielfach bemühte Zombie-Thema nochmal so weit variiert, dass diese Idee passgenau in die Feiertagsthematik rund um Allerseelen passt. Im Gegensatz zum Tag der Toten in Lateinamerika als kunterbuntes Freudenfest (siehe Pixars Coco – Lebendiger als das Leben) ist dieser Film die depressive Bebilderung eines Jenseitsbesuches, der überhaupt nichts mehr Feierliches, Erhabenes oder Bereicherndes hat. Was da die Lebenden heimsucht, sind leere Hüllen, die als Ersatz der Vermissten nicht lange vorhalten. Genauso wie ihre Zombies hat Hvistendahl allerdings nur wenig Interesse daran, aus ihrem narrativen Minimalismus auszubrechen. Sie wagt oder will es nicht, auf gemeingesellschaftlicher Ebene die heimgesuchte Stadt Oslo im Ausnahmezustand darzustellen, um aus dem paranormalen Phänomen die Diskrepanz zwischen Leben und Tod auszuloten. Sie begnügt sich damit, die Toten atmen zu lassen. Das ist reichlich wenig für eine Anomalie, die eine Menge hergeben könnte, würde Handling the Undead den Fokus nicht nur sehr streng auf drei Einzelschicksale setzen, die untereinander nicht in Berührung kommen, um in fast schon semidokumentarischer Nüchternheit die Grundproblematik fremder Vertrauter zu variieren.

Das Potenzial also ungenutzt, schlurft der Film blutleer, bitterernst und grau seine abendfüllende Spielfilmlänge ab und hätte dabei aber als griffiger Kurzfilm wohl viel eher funktioniert. Wie in Slow Motion spult Hvistendahl ihre Szenen ab, lange Einstellungen wechseln mit überlangen Szenen, der ganze Film ist wie eine ausgedehnte Schweigeminute für Verstorbene, bei der man tunlichst vermeidet, Emotionen zu zeigen. In diese Tristesse kann man sich aber durchaus fallen lassen. Lebt man im Moment selbst nach diesem Modus der Verlangsamung und der Schwermut eines harten Lebens, könnte man von Handling the Undead aufgefangen und verstanden werden. Im Grunde ist die Idee schließlich reizvoll genug, um über Verlust, Trost und die Hürden des Abschieds nachzudenken.

Handling the Undead (2024)

Sew Torn (2024)

NUR NICHT DEN FADEN VERLIEREN

7/10


Sew Torn© 2024 The Playmaker

LAND / JAHR: USA, SCHWEIZ 2024

REGIE: FREDDY MCDONALD

DREHBUCH: FREDDY & FRED MCDONALD

CAST: EVE CONNOLLY, CALUM WORTHY, JOHN LYNCH, K. CALLAN, RON COOK, THOMAS DOUGLAS, CAROLINE GOODALL, WERNER BIERMEIER, VERONIKA HERREN-WENGER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Dass Zwirnfäden so reißfest sein können, ist erstaunlich. Ich dachte stets, dieses hauchdünne Nähzubehör hält keinen größeren Einflüssen stand, doch eigentlich tut es das, und zwar in jedem Kleidungsstück. In Sew Torn (übersetzt: zerrissene Naht) spielt der handwerklich genutzte Nähfaden eine große Rolle, fast noch mehr als der Spinnenfaden bei Spiderman Peter Parker, wenn er sich wieder mal an senkrechte Hauswände heftet. Um den Zweck der Fäden zu nutzen, muss man erstens räumlich gut denken können und zweitens mit geschlossenen Augen den Zwirn ins Nadelöhr bringen – das wiederum in Sekundenschnelle. Man muss auch das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung verstehen, das Prinzip einer Kugelbahn oder des Dominoeffekts. Wäre dem nicht so, wäre Schicksalsschneiderin Barbara (Eve Connolly, u. a. The Other Lamb) wohl sehr schnell über ihr eigenes, komplex geflochtenes Netz gestolpert, das letztlich Dinge in Bewegung bringt, die wie in Kevin – Allein zu Haus unliebsamen Aggressoren das Handwerk legen soll. Eine Art „McGyver“ wäre an Barbara verloren gegangen – hätte sie ihn nicht rechtzeitig entdeckt, nachdem ein einziger kleiner, scheinbar nichtiger Umstand das restliche Leben infrage stellen wird. Dieser Umstand ist ein kleiner, weißer Knopf, der Barbara beim Anprobieren des Hochzeitskleides einer sichtlich längst entnervten Kundin aus der Hand fällt. Vor einem Lüftungsgitter am Boden macht er Halt – die Frage ist: Fällt er durch den Spalt oder bleibt er auf dem Gitter liegen? Barbara fordert das Schicksal heraus – und lässt den Knopf in die Finsternis kullern. Da sie nochmals zurück in ihre Schneiderei fahren muss, um einen neuen Knopf zu holen, wird sie auf der Landstraße zur Zeugin eines kriminell motivierten Unfalls. Auf dem Asphalt der Fahrbahn liegt ein Koffer voller Geld, am Straßenrand zwei schwer verletzte, männliche Individuen, unweit von ihnen entfernt zwei Pistolen. Was soll Barbara also tun? Den Geldkoffer an sich nehmen, um neu anzufangen? Einfach weiterfahren? Oder die Polizei rufen?

An diesem Punkt spaltet sich Sew Torn auf. Ein dramaturgisches Spiel, das durchaus auch an Tom Tykwers experimentellem Thriller Lola rennt erinnert. Dort muss Franka Potente immer und immer wieder und ohne dabei zwingend in einer Zeitschleife gefangen sein zu müssen einen missglückten Raubüberfall durchexerzieren und dabei unterschiedliche Entscheidungen treffen. Der Qual der Wahl muss sich in Freddy McDonalds Film- und Regiedebüt auch Barbara aussetzen und behält die Übersicht über drei Möglichkeiten. Sew Torn näht sich dabei sein Insert zu den jeweiligen Episoden formvollendet selbst – um immer vom selben Punkt weg neu durchzustarten. McDonald setzt dabei auf den Nähkoffer seiner Heldin, die alles enthält, was auch Mary Poppins braucht, um aussichtslose Situationen meistern zu können – oder auch nicht. Sew Torn erhält durch diese kreative Komponente – nämlich: sich die Skills einer Näherin märchengleich zunutze zu machen – ein Alleinstellungsmerkmal und verhält sich auch sonst so, als wäre der Film selbst das Schneidern eines komplizierten Kleidungsstücks, während der Teufel hinter einem her ist. Die Nähmaschine rattert, die Spule entrollt den Zwirn, der geradezu ein Eigenleben entwickelt und es so scheint, als müsste Mission Impossible-Agent Tom Cruise als nächstes einen Weg durch ein Wirrwarr an Fäden finden, ohne auch nur an einen einzigen anzustreifen. Dergleichen Spannung erreicht Sew Torn auffallend früh – und McDonald kann sie halten. Neben vielen originellen und verblüffenden Einfällen, die Barbara zu einem Improvisationstalent hochstilisieren, ist die stets auf dem Gaspedal befindliche Inszenierung auch angesichts einer Erstlingsarbeit eine beeindruckende Leistung. Die Ursache für die handwerkliche Raffinesse des Werkes liegt wohl auch daran, dass McDonald, völlig eins mit dem Rhythmus seines Films, auch für den Schnitt verantwortlich war. Eine Aufgabenverteilung, die sich bezahlt macht.

Sew Torn ist schließlich der Glücksfall eines leidenschaftlichen Handwerks, das über ein anderes unterschätztes Handwerk erzählt, dass sich zweckentfremden lässt, um das Schicksal neu zu schneidern. Die Schwerpunkte sind richtig gesetzt, Eve Connolly als Barbara vielleicht in so kurzer Zeit manchmal zu einfallsreich, doch das ist in dieser Realität des Films eine Prämisse, die man annehmen muss, sonst funktioniert das ganze Konstrukt nicht. Lässt sich damit gut zurechtkommen, sitzt die Naht perfekt. Im Übrigen: von Freddy McDonald, da bin ich mir sicher, wird man noch einiges hören.

Sew Torn (2024)

Suitable Flesh (2024)

BODYSWITCH IM CTHULHUVERSE

7/10


SuitableFlesh© 2023 Shudder


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: JOE LYNCH

DREHBUCH: DENNIS PAOLI, NACH DER KURZGESCHICHTE VON H. P. LOVECRAFT

CAST: HEATHER GRAHAM, JUDAH LEWIS, BRUCE DAVISON, JOHNATHON SCHAECH, BARBARA CRAMPTON, CHRIS MCKENNA, J. D. EVERMORE, ANN MAHONEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Obwohl der Begriff im Film nicht namentlich erwähnt wird, muss man dennoch die Frage stellen: Wer oder was ist Cthulhu? Kenner des Gesamtwerks von H. P. Lovecraft wissen: dieser Mann hat einen Mythos herbeifantasiert, welcher sich durch viele, um nicht zu sagen fast alle seine Werke zieht. Dieses uralte Geheimnis birgt die Tatsache, dass dieser unserer Planet Äonen noch vor dem Auftauchen des Menschen durch die sogenannten großen Alten besiedelt wurde. Diese haben sich dann mehr oder weniger von der Bildfläche verabschiedet, manche davon haben sich in die Tiefe der Meere zurückgezogen, manche tarnen sich und leben unter uns, was gerne zu paranoiden Visionen führen kann. Seit den Bergen des Wahnsinns hat sich Cthulhu und alles, was dazugehört, zu einem Verschwörungsmythos hochstilisiert, der das Genre des Kosmischen Horrors durchdringt und unter anderem auch in der Kurzgeschichte Das Ding an der Schwelle zu finden ist. Dass sich Lovecraft durchaus verfilmen lässt, hat zuletzt eine der Episoden aus Guillermo del Toros Cabinet of Curiosities bewiesen: Pickman’s Model mit Ben Barnes. Horror wie ein Schlag in die Magengrube. Keine Erlösung, stattdessen nur der Wahnsinn.

Die Farbe aus dem All ist auch so ein Lovecraft-Vehikel. Nicolas Cage verfällt da samt Familie einem violetten Leuchten – Dinge, Körper und ganze Landschaften verändern sich. Kann man ansehen, wenn man auf Body Horror-Rambazamba steht. Das Ding an der Schwelle hat sich Joe Lynch zu Herzen genommen und daraus den mit Heather Graham prominent besetzten Suitable Flesh inszeniert: einem Bodyswitch-Schocker, der es faustdick hinter den Ohren hat. Der sich anfangs jedoch so anfühlt, als hätten wir es hier mit Dutzendware aus der Mindfuck-Billigschiene zu tun, für welchen Heather Graham vielleicht angesichts mangelnder Angebote dann doch eingewilligt hat, nur, um wieder mal vor der Kamera zu stehen. Allerdings ist es nicht so, als ob Graham hier nur ihre Zeit absitzt und brav die Regieanweisungen Lynchs befolgt. Es scheint etwas an dem Film zu sein, wofür die mit Paul Thomas Andersons Boogie Nights bekannt gewordene Schauspielerin so etwas wie Herzblut investiert. Sie gibt die Psychiaterin Elizabeth Derby, Expertin auf dem Gebiet außerkörperlicher Erfahrungen, die eines Tages mit einem Fall konfrontiert wird, der sie an ihre Grenzen bringt. Ein junger Mann taucht auf und behauptet, von einem Bewusstsein temporär gesteuert zu werden. So wie es aussieht, könnte der eigene Vater dahinterstecken. Derby geht der Sache nach, stößt auf das schmucke Anwesen von Vater und Sohn, allerdings auch auf mittelalterliche Schwarten, in denen der Cthulhu-Mythos schlummert. Dumm nur, dass zu ebendieser Stunde ihr Patient gar nicht mehr Herr seiner Sinne ist, als er aufschlägt und seine Psychologin zu einem sexuellen Ex temporae verführt. Mit nachhaltigen Folgen.

Natürlich klingt Suitable Flesh nach ordentlichem B-Movie. Nach Sex und Ekel, Bodyhorror, Körpertausch und nackten Brüsten. Nach Monsterkino und Kellerhorror. In Joe Lynchs aufgekratzter, allerdings auch düsterer Horrorkomödie hält sich permanent eine undurchdringliche, kryptische Metaebene, die ganz dem verqueren Gedankengut von Lovecraft entspricht. Das Wie und Weshalb wird ohnehin niemals erklärt, manche Szenen enthalten Andeutungen für Insider. Details, die seltsam anmuten, die näher erforscht werden wollen, verschwinden auf Nebenspuren der Handlung, bis sie nicht mehr zu erkennen sind. In lustvoller Gier nach Blut und multiplen Identitäten schraubt sich der hyperaktive Streifen in lächerlich absurde Höhen, die so lächerlich nicht sind, weil sie in Lovecraft’scher Konsequenz den maximalen Fall zelebrieren. Immer noch haben wir das billige B-Movie als Fassade, dahinter ein Freaky Friday mit alten Mächten, deren wahre Gestalt ein Geheimnis bleibt. Den rotierenden, sich selbst einholenden Wahnsinn verewigt Lynch formschön mit trudelnder Kamera, die keinen Halt mehr findet.

Suitable Flesh (2024)

The Crow (2024)

RÄCHER IM REGEN

5/10


thecrow© 2024 LEONINE


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: RUPERT SANDERS

DREHBUCH: ZACH BAYLIN, WILL SCHNEIDER, NACH DER GRAPHIC NOVEL VON JAMES O’BARR

CAST: BILL SKARSGÅRD, FKA TWIGS, DANNY HUSTON, ISABELLA WEI, JOSETTE SIMON, SAMI BOUAJILA, LAURA BIRN, JORDAN BOLGER, KAREL DOBRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Eric Draven würde das Wetter, wie es sich gerade über Mitteleuropa hartnäckig hält, wohl liebgewinnen. Es regnet wie aus Kübeln, so richtig hell wird es auch nicht mehr. Es ist trist, stürmisch, gerne hört man dazu Nick Cave, Leonard Cohen und The Cure. Oder überzeugt sich davon, wie die Comicfigur der Krähe in einem Remake abermals die schwarzen Schwingen ausbreitet, um seine blutige Rache über all jene zu bringen, die ihm seine Liebste genommen haben. Es war das Jahr 1994, als sich Hauptdarsteller Brandon Lee beim Dreh des Films eine Kugel einfing – und daran starb. Eines der tragischsten Momente der Filmgeschichte ließ Alex Proyas‘ Verfilmung der Graphic Novel von James O’Barr zum Kultwerk der todessehnsüchtigen Gothic-Szene avancieren. Satte dreißig Jahre später, so meint Hollywood, sei es an der Zeit, die Alleinstellung der Neunziger-Fantasy aufzuheben und die ganze Geschichte mit den technischen Mitteln, die heutzutage zur Verfügung stehen, als State of the Art-Interpretation neu zu erzählen. Das kann man natürlich machen, wenn Hollywood sich das traut. Am besten mit Bill Skarsgård, der ja schon bewiesen hat, dass er als der womöglich bessere Pennywise Tim Curry die Show stehlen könnte. Warum also nicht auch Brandon Lee? Sein Vermächtnis bleibt ohnehin unangetastet, denn sieht man sich Skarsgårds Draven an, hat der wohl nichts mehr gemein mit dem zirkushaften Robert-Smith-Lookalike an der Grenze zum traurigen Clown in Schwarz und Weiß. Diese Krähe hier ist bunter. Diese Buntheit aber macht Rupert Saunders Blutoper aber willenlos generisch. Als würde dieser Film nicht genau wissen, wohin mit seinem Stil, falls er welchen hätte.

Der neue Plot ist etwas anders als der aus den Neunzigern, dafür aber stehen Eric Draven und Shelly nach wie vor als unglückliches Liebespaar ohne Zukunft im Mittelpunkt – beide Ex-Junkies, die aus einer Entzugsklinik ausbüchsen, nachdem finstere Schlipsträger der jungen Frau nachjagen, um sie vermutlich das Zeitliche segnen zu lassen. Was alsbald auch passiert. Shelly wandert in die Hölle, was ein bisschen an die altgriechische Sage um Orpheus und Eurydike erinnert. Ihr Platz dort im Hades ermöglicht dem ewig lebenden Bösewicht Vincent Roeg (Danny Huston) aber ewiges Leben – eine Methode, die dieser schon seit Jahrhunderten pflegt, nämlich junges Blut vorschnell über die Klinge springen zu lassen, um den eigenen Jungbrunnen zu bewässern. Auch Eric wird sterben, landet aber aufgrund dieser tragischen Umstände in einer Zwischenwelt voller Krähen. Von dort muss er wieder zurück in die Welt der Lebenden, wenn er Shelly retten will. Das Ziel: Alle um die Ecke bringen, die mit ihrem Tod zu tun haben.

Liebe, Trauer, Herzschmerz und brachiale Gewalt. Damit The Crow auch wirklich überzeugen kann, müsste eine Liebesgeschichte her, dessen Paar auch fühlt, was es vorgibt, zu empfinden. Bill Skarsgård mag als Pennywise alle Stückchen spielen – für eine vom Schicksal und der Dunkelheit gebeutelte unruhige Seele aus der Zwischenwelt, auf welche nur noch die ewige Verdammnis wartet, fehlt es an Welt- und Herzschmerz. Die Sehnsucht nach Shelly bleibt ein Lippenbekenntnis, der Hass allerdings ebenso. Skarsgård tut, was die Rolle ihm aufträgt, bleibt aber überraschend empfindungsarm. Dafür kann er seine physischen Wunden ganz gut fühlen, vor allem sein Erstaunen darüber, blitzschnell wieder zu genesen. Ein bisschen dürftig ist das schon. Ein bisschen dürftig agiert auch Sängerin FKA Twigs in ihrem Spielfilmdebüt – auch sie schmachtet und leidet nach Drehbuch. Es ist, als würden beide sich verschworen haben, Brandon Lees Status nicht streitig machen zu wollen. Als würden sie bewusst Abstand halten vor der Möglichkeit, durch ihr Spiel den Kult zu schmälern.

Nichts davon wird passieren – Rupert Saunders‘ unschlüssige Interpretation findet keine eigene Note, die Szenen des Films bleiben professionelle Routine, der explizite Showdown in der Oper bietet schwarzroten Blutzoll en masse und lässt Fans des John Wick-Franchise in Sachen Gewaltdarstellung neidvoll erblassen. Die Blutleere, die man beim Killer-Gemetzel mit Keanu Reeves wohl beanstanden würde, erfüllt sich zumindest hier. Das Ganze bietet wohl die aufreibendste Szene des Films, bleibt aber austauschbar und es ist mehr oder weniger egal, ob die Krähe nun Rache übt oder John Wick.

The Crow (2024)

Cat Person (2023)

VORSICHT VOR MÄNNERN

7,5/10


cat-person© 2023 Studiocanal


LAND / JAHR: FRANKREICH, USA 2023

REGIE: SUSANNA FOGEL

DREHBUCH: MICHELLE ASHFORD, NACH DER KURZGESCHICHTE VON KRISTEN ROUPENIAN

CAST: EMILIA JONES, NICHOLAS BRAUN, GERALDINE VISWANATHAN, ISABELLA ROSSELLINI, HOPE DAVIS, CHRISTOPHER SHYER, LIZA KOSHY, JOSH ANDRÉS RIVERA U. A.

LÄNGE: 2 STD 


Etwas schräg ist der Kerl an der Kinokassa eigentlich schon, aber andererseits auch süß. Doch Vorsicht. Dieses „Süß“ könnte nur die Fassade für einen charakterlichen Zustand sein, der – wie bei zu viel Süßem – in weiterer Folge für Unwohlsein sorgt. Ein Problem, mit welchem Frau sich herumschlagen muss, will akuter Männernotstand im Rahmen heterosexueller Beziehungsmuster behoben werden. Denn Männer wollen – ganz oben auf der Agenda – empirischen Wissens nach immer nur das eine. Dafür schlüpfen sie in Rollen, die für das andere Geschlecht attraktiv genug erscheinen. Sie bewahren ihre Geheimnisse und verkaufen sich gänzlich ohne Unzulänglichkeiten. Eigenwerbung und Partner-PR – nichts davon, damit ist zu rechnen, mag authentisch sein. Und doch passiert es immer wieder. Denn die Liebe ist – wie Conny Francis schon singt – ein seltsames Spiel, aus dessen Fehlern niemand lernt.

Dieser Kerl an der Kinokassa also, dieser Robert, der auf charmante Weise unbeholfen daherkommt, will Margot (Emilia Jones) gerne näher kennenlernen. Oftmals hat man Pech und das Gegenüber ist bereits vergeben – so aber hat Robert Glück und beide kommen sich näher. So weit, so simpel wäre Cat Person von Susanna Fogel, gäbe es da nicht die potenzielle Gefahr, die, sensibilisiert durch News und Medien, hinter jedem Mannsbild steckt, welches sich an soziokulturell tief verankerten Stereotypen und Rollenbildern abarbeitet, die jahrhundertelang alles Weibliche als zu unterdrückendes Feindbild entsprechend behandelt haben, aus Angst, nicht nur intellektuell zu unterliegen. Mit dieser herumgeisternden Möglichkeit, die Katze im Sack erstanden zu haben, muss Margot nun umgehen. Ein kleiner Trost mithilfe eines Glaubenssatzes gefällig?

Männer, die Katzen halten, also eben Cat Persons, sind harmlos, so sagt man. Stimmt das? Je mehr die beiden Zeit miteinander verbringen, desto deutlicher regt sich in Margot der Verdacht, dass mit Robert irgendetwas nicht stimmt. Oder ist es nur die eigene Angst, irgendwann ausgeliefert zu sein? Als die Katze durch Abwesenheit glänzt und der Sex dann auch kein zündendes Heureka verursacht, sondern ganz im Gegenteil, lediglich zur Tortur wird, distanziert sich Margot, will gar Schluss machen. Doch einen Mann wie Robert einfach so abservieren, der vielleicht seinen Psychopathen hervorgekehrt, wenn es um Kränkung geht? Immer mehr spitzt sich Cat Person zum Thriller zu, zum psychologischen Tagebuch unguter, gar bedrohlicher Vorahnungen, die in der Fantasie Margots eher Gestalt annehmen als es tatsächlich der Fall ist. Diese stete Furcht vor toxischer Männlichkeit gebiert Ungeheuer, wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Susanna Fogel, welche die viral gegangene Blogger-Story von Kristen Roupenian interpretiert, spielt geschickt mit Erwartungen, Ängsten und den Zwickmühlen gesellschaftlicher Pflichten, die auf kolportierten Glaubenssätzen basieren. Cat Person atmet die kontaminierte Luft aus Misstrauen und berechtigter Vorsicht. Anders als Bisheriges, das aus spannungsgeladenen Beziehungskisten gezaubert wurde – von Eine verhängnisvolle Affäre bis zum eben in den Kinos angelaufenen Romantikdrama It Ends with Us mit Blake Lively – liefert Cat Person keinen offenen Kampf und keine klar markierten Positionen. Die spielerische Suspense entsteht durch das Ausleben der bitteren Konsequenzen, die aufgrund von Vorurteilen entstehen, die über ein gesamtes Geschlechterbild hinwegschwappen. Die Vermutung ist das Indiz, die Möglichkeit der Beweis. Fogel ist eine ausgesprochen kluge und ungewöhnliche Tragikomödie gelungen, deren Protagonisten einem leidtun können, die jedoch Opfer des eigenen mitgelebten sozialen Wahnsinns geworden sind, der immer mehr um sich greift. Ein Film, der ausser oft ins Schwarze auch den Puls der Zeit trifft.

Cat Person (2023)