Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks

WIR MÜSSEN JETZT STARK SEIN!

7,5/10

 

asterix_zaubertrank© 2019 Universum Film GmbH

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: ALEXANDRE ASTIER, LOUIS CLICHY

MIT DEN STIMMEN VON: CHRISTIAN CLAVIER / MILAN PESCHEL, GUILLAUME BRIAT / CHARLY HÜBNER, FLORENCE FORESTI U. A.

 

Was die Mickey Mouse in den USA, ist Asterix, der Gallier in Europa – die wohl populärste Comicfigur jenseits von Entenhausen, gleichermaßen ein augenzwinkernder Hit für Jung und Alt und die Erfolgsstory eines unbeugsamen Haufen weniger, die sich gegen die Übermacht eines diktatorischen, militärisch straff organisierten Imperiums stellen. Die kleinen Leute von nebenan also, die Fisch verkaufen, Hinkelsteine schlagen und auf Wildschweinjagd gehen. Einfach, bodenständig und rustikal. Dabei mit einer Bauernschläue ausgestattet, die in den gallischen Wäldern und darüber hinaus ihresgleichen sucht. Womöglich würden sie auch gegen das römische Heer bestehen, hätten sie nicht diesen Trank, der zumindest temporär unbesiegbar macht. Wie der herzustellen ist, weiß keiner. Nur Miraculix. Doch was, wenn Miraculix beim sagen wir mal Mistelschneiden unglücklich fällt und das Zeitliche segnet? Müssen sich Majestix, Verleihnix und Co dann selber helfen? Müssen sie dann so tun, als ob sie klein beigeben würden? Diesen an die Wand gemalten Teufel, den will der Druide mit dem Rauschebart nicht wahr werden lassen – und macht sich auf die Suche nach einem Nachfolger. Dumm nur, dass der Finsterling Dämonix genauso ans Geheimrezept kommen will wie viele andere im Karnutenwald (der übrigens für Nicht-Druiden und Frauen tabu ist). Der sich aber gar nicht mal erst die Mühe macht, sich um die Nachfolge zu bewerben wie alle anderen, die vom Dünger bis zum Vergrößerungstrank alles in petto haben, was bei Miraculix Eindruck schinden könnte.

Und mit diesem durchaus ausbaubaren roten Faden, der sich ungeschaut sehr einfach mit einem ganzen vergnüglichen Plot vernetzen lassen kann, haben die Regisseure Alexandre Astier und Louis Clichy nach der gelungenen 3D-Animation Asterix im Land der Götter rund um Heft Nr. 17 – Die Trabantenstadt – ein Abenteuer entworfen, das diesmal gar nicht auf bestehende Comic-Vorlagen zurückgreift. Das macht aber gar nichts. Wir wissen, das hat doch schon bei Asterix erobert Rom bestens funktioniert. Da mussten Asterix und Obelix ähnliche 12 Aufgaben erfüllen wie seinerzeit Herakles. Der äußerst humorvolle Zeichentrickklassiker aus dem Jahre 1976 ist klug, augenzwinkernd und liebevoll erzählt – und atmet auch von vorne bis hinten den versponnenen Geist einer von Legenden umwobenen Antike, wie sie Odysseus erlebt hat, stets aber immer mit Seitenhieben und Querverweisen auf Eckpfeiler der europäischen Geschichte, auf die Gesellschaft (von heute) und der Popkultur.

Nicht ganz so bahnbrechend kreativ, aber dennoch liebevoll detailliert ist die Episode Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks geworden. Und trotz der offensichtlichen Vorhersehbarkeit, die Asterix-Abenteuer immer begleitet – den jeder weiß, dass am Ende das große Fressen unter dem Sternenhimmel wartet – lebt auch dieser Film von den kleinen, beiläufigen Running Gags, die gar nicht mal wirklich den eigentlichen Plot vorantreiben, sondern die Odyssee quer durch das zukünftige Frankreich zu einem der lustigsten Filme der letzten Zeit machen.

Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks ist von einer charmanten, entspannten gallischen Lässigkeit beseelt, schiebt mit einer an den Holzpalisaden des Dorfes gelehnten Zuversicht kleine, augenzwinkernde Wuchteln aus dem Ärmel und vergisst dabei aber auch nicht darauf, die kleine, feine Geschichte rund um das meistgehütete Rezept des antiken Universums ohne Drängen hinter sich herzutragen wie Obelix seine Hinkelsteine. Denn es kommt, wie es kommen muss, ganz von alleine. Davon können sogar die Wildschweine ein Liedchen singen, die diesmal nicht nur Freiwild sind. Und das Panoptikum der unterschiedlichsten Druiden des Landes ist sowieso der herzerfrischende Höhepunkt dieser phantastischen Welt der Kartoffelnasen und dünnbeinigen Römer, der schlecht singenden Barden und bärtigen Männer mit gut genährten Wänsten, die eigentlich schon wissen müssten, dass das Geheimnis des Zaubertranks eigentlich der ist, dass dieser niemand anderen in den Genuss seiner Wirkung kommen lässt als jene, die ihn redlich verwenden wollen.

Dass am Ende dann die Magie der Sichelträger zum wiederholten Male ausufert und menschliche Formate sprengt, mögen manche vermutlich übertrieben und albern finden – aus meiner Sicht entspricht auch das dem Look and Feel von Asterix. Es ist nicht das erste Mal, dass durch den Trank der Tränke manches aus dem Ruder läuft, sofern es der Trank ist, der all das Irreale bewirkt. Und so lange die Piraten immer noch baden gehen, was man nicht oft genug sehen kann. Mit Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks haben die Fans der gewieften Helden mit Flügelhelm und Streifenhose ein autarkes, pfiffiges Spin Off der Heftreihe in wunderbar smoother, plastischer Wachsfiguren-Optik auf die Leinwand gezeichnet bekommen, das alles richtig macht und in Erinnerung an manche Szenen lange danach immer noch schmunzeln lässt.

Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks

The Favourite

A SHAME OF THRONES

7/10

 

favourite© 2018 20th Century Fox GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, IRLAND, USA 2018

REGIE: GIORGOS LANTHIMOS

CAST: OLIVIA COLMAN, RACHEL WEISZ, EMMA STONE, NICHOLAS HOULT, JOE ALWYN, MARK GATISS U. A.

 

Endlich, mein erster Film von Giorgos Lanthimos, dem exzentrischen Griechen, der mit seinen eigenwilligen Gesellschaftstableaus die Grenzen zum Surrealen sprengt. Dessen Filme man als Cineast eigentlich gesehen haben muss, oder nicht? Wenn, dann spätestens nach dem medialen Wind um das Historiendrama The Favourite, auch selbiger bei den Oscars 2019. Und Sprungbrett für die Britin Olivia Colman in den Olymp der Goldjungen, wo sie nun Platz nimmt neben Rami Malek, der bald James Bond-Bösewicht sein wird. Und Colman? Vielleicht die neue M? Wer weiß.

Lanthimos, der ist, zumindest seiner jüngsten Arbeit nach zu schließen, auch nicht exzentrischer als der gute alte Theaterbrite Peter Greenaway. Und ja, The Favourite erinnert stark an die Opulenz der Filme wie Das Wunder von Macon oder Der Kontrakt des Zeichners. Greenaway liebäugelte ja stets mit dem orgiastisch Dekorativen des Barock. Das macht Lanthimos auch. Und noch etwas macht Lanthimos, was aber Greenaway nie getan hat – er lässt die Kamera nicht dem Publikum gleich auf eine Bühne blicken, die maximal ausladende horizontale Schwenks erlaubt. In The Favourite orientiert sich Kamerafrau Robbie Ryan erstens an der zeitgeistigen Spielerei von Google Maps – nämlich am 380° Rundumblick, um mittendrin statt nur dabei zu sein. Und zweitens an der altniederländischen wie manieristischen Malkunst. Dieser Bildstil beschreibt nun ein sehr breites Spektrum – von der Gotik bis an die Schwelle des Barock. Dabei meine ich hier nicht den Stil an sich – vielmehr das Experiment mit dem erweiterten Blickwinkel – der Integration konvexer kleiner Spiegel. Der Flame Jan van Eyck hat sich hier erstmals, in manchen Details seiner Bilder, der Brennweite eines – wie wir heute sagen würden – „Fisheye“ bedient. Später dann, im besagten Manierismus, hat der Italiener Parmagianino mit seinem berühmten Selbstportrait in gewölbter Reflexion Kunstgeschichte geschrieben. Diese Wahl der Mittel, um in die Tiefe eines Bildes einzutauchen, die wählt auch Lanthimos. Und schafft damit eine aufgeblasene, kathedralenhohe, isolierte Sphäre elitärer Gesellschaften, die zwar wissen, dass Erbfolgekrieg herrscht, sich selbst aber davon ausnehmen.

Dieses ausschweifende, schwindelerregende Bilderkarussell mutiert durch seine unnatürlichen Raumkrümmungen und verzerrten Figuren, die allesamt als grotesk gepuderte Marionetten durch den Königshof staksen, zu einer Blickerevue durch Schlüssellöcher und ist für jene, die sich optisch gerne verwöhnen lassen, eine üppige Augenweide, ein brokatgetragenes, mitunter eiliges Scharwenzeln durch Flure, Gänge und Zimmer. Zwischendurch wird es finster, flackert maximal ein gegen die Dunkelheit des Intrigenspuks ankämpfendes Kerzenlicht, dass hinter den edelholzgetäfelten Wänden eine dunkle Dimension vermutet, fast wie bei David Lynch. Nur ins Metaphysische gleitet The Favourite niemals ab, das täuscht das Werk alleine durch seine Verfremdung gemäldeartigen Bilder vor, die das Buhlen zweier Damen zum Thema haben, die wie zwei Furchengängerinnen vor der Obrigkeit um den Thron buckeln, um einer scheinbar debilen und schwer an der Gicht leidenden Monarchin ihre eigenen Machtgelüste aufzuoktroyieren. Queen Anne selbst – die ist schwer traumatisiert, hat 17 Kinder verloren und statt ihrer genauso viele Kaninchen, die alle so heissen wie ihre verstorbenen Sprösslinge und tiertherapeutisch zumindest oberflächlich das Verlustgefühl etwas mildern. Dieser Kaninchenbau ist wie ein Sinnbild der Ränke, die hier geschmiedet werden, nur gerammelt wird nicht so viel, obwohl sexuelle Machtspiele hier trotzdem ihre Relevanz haben. Rachel Weisz als weiblicher Thomas Cromwell macht ihre Sache ausgesprochen gut, überhaupt war sie selten so perfide wie hier. Allerdings kann Emma Stone ihr da auf Auflagenhöhe den Gifttrunk reichen. Dadurch, dass sich beide scheinbar auf gleichem Level patt setzen, ist schwer absehbar, wie die königlichen Schandtaten rund um der Kaiserin gichtiger Waden ihr Ende finden – und macht das ganze Drama gleichsam spannend wie faszinierend, wenn auch das barocke Zeitalter etwas ist, das man nicht gerne erleben wollen würde, ob der ganzen ekelhaften Dekadenz, die irgendwann später wieder zum Absolutismus führen wird.

The Favourite ist ein Intrigenspiel, wenn auch kein allzu fein gewobenes. Viel zu früh wird mit offenen Karten gespielt, und viel zu sehr werden jene unterschätzt, die im wahrsten Sinne des Wortes das Zepter in der Hand halten – und diese Hand hat einen langen Arm, an dem jene baumeln, die glauben, all diese aufgerüschten Affen durch eigenes Zutun unter spartanischen Zupfgeräuschen oder pompösen Orgelklängenn zum Tanzen gebracht zu haben. Das ist schön seziert, wenn auch nicht so raffiniert wie gedacht. Dafür scheint die Optik mit uns selber als Mittelpunkt die Tauben abzuschießen. Die bis zum Platzen gedehnte Seifenblase mit endlosem Rundumblick, in der sich das an epischen Räumlichkeiten satte Anwesen der Königin befindet, schwebt über europäischer Geschichte dahin in eine wüste Zukunft. Das ist das wirklich Beeindruckende, diese fehlende Bodenhaftung von Film, die von einer nach Schwerelosigkeit gierenden, erschöpfenden Entwürdigung einer Königin erzählt.

The Favourite

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

ICH SEHE, WAS DU NICHT SIEHST

8/10

 

vangogh© 2019 DCM

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2019

REGIE: JULIAN SCHNABEL

CAST: WILLEM DAFOE, OSCAR ISAAC, EMANUELLE SEIGNER, MADS MIKKELSEN, RUPERT FRIEND, MATTHIEU AMALRIC U. A.

 

Der Maler Julian Schnabel, der sieht die Welt, wie wir wissen, ohnehin mit eigenen Augen. Wer seine Buchverfilmung Schmetterling & Taucherglocke gesehen hat, wird wissen, was ich meine. Die andere Sicht auf Dinge, die uns umgeben, die sind für den 68jährigen Filmemacher und Vertreter des Neoexpressionismus ein kryptisches Phänomen, das er versucht, zu lüften. Warum die Welt, in der wir leben, so unzählige unterschiedliche Realitäten besitzt und wie diese individuelle Realität am besten festgehalten werden kann – das sind experimentelle Versuche, in die sich Schnabel Hals über Kopf zu stürzen scheint. In seinem Film über den am Locked-In-Syndrom leidenden Jean-Dominique Bauby verweilt die Kamera stets oder immer wieder in der Perspektive des Erkrankten. Die Sicht auf die Existenz, auf das ihn Umgebende, die überrascht uns. Und sie überrascht uns auch in Schnabels aktuellem Film, in einer Biografie, die bei Weitem nicht neu ist: das Leben des Künstlers Vincent van Gogh, mitsamt Strohhut und Staffelei.

Zu diesem posthumen Superstar der Avantgarde mit all seinen Darstellungen diverser französischer Landschaften und natürlich mit Vasen voller Sonnenblumen gibt es bereits allerlei filmische Statements. Kirk Douglas hat den Mann verkörpert, Tim Roth – sogar Martin Scorsese. Und erst 2017 gab es diesen Animationsfilm Loving Vincent, der die Hintergründe seines gewaltsamen Todes (von welchem ich eigentlich gar nichts wusste) in Form bewegter Pinselstriche aufzuarbeiten versucht. Bis dato habe ich diesen Film noch auf meiner Liste, vielleicht, weil mich der dekorative Fokus auf den Bildstil des Künstlers in anstrengender Spielfilmlänge bislang doch etwas abgeschreckt hat. Womöglich werde ich das aber jetzt nachholen, einfach, um das etwas verschlafene  Interesse an der Kunstgeschichte wieder wachzurütteln, und um danach wieder mal ins Museum zu gehen, weil Lust auf Kunst, die entfacht Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit zumindest bei mir auf eine Weise, die über das gestaltete Werk an der Wand hinausgeht.

Die vorliegende Annäherung an Van Gogh erwähnt zwar sehr wohl all die einschneidenden Wendepunkte innerhalb der letzten Jahre des Malers, und ist handlungstechnisch klar als das Fragment einer Biografie zu betrachten. Allerdings – Schnabel will eigentlich etwas ganz anderes. Er hat sich den rothaarigen Visionär erwählt, um an einem ganz anderen Ende anzusetzen, um ein Philosophikum aus den Angeln zu heben, das all jenen Ichs gewidmet ist, die ihrer Zeit weit voraus waren. Schnabel wagt einen berauschenden Exkurs über das Wesen des Schöpferischen und geht anhand eines imaginären Interviews mit Vincent van Gogh der Frage nach, was dem obsessiven Akt des Erschaffens eines Werks eigentlich vorausgeht. Ist es eine labile Psyche, sind es Traumata? Ist es die Angst vor etwas? Vielleicht Kummer oder Leid? Van Gogh sagt in einer Szene selbst, das jedwede menschliche Qual das Beste sei, um Kunst zu schaffen. Dass Genesung etwas ist, dass dem Prozess des Kreativen eigentlich nur in die Quere kommen kann. Der ewig Leidende, larmoyante Fremdkörper innerhalb einer den impressionistischen Gefälligkeiten eines Renoir, Monet oder Degas gesinnten Gesellschaft steht Rede und Antwort, manchmal sich selbst, manchmal Künstlerkollegen wie Paul Gauguin, Doktoren und Geistlichen – über Tod, dem Göttlichen und der Wahrnehmung. Willem Dafoe verleiht dem Gehetzten und aus der Zeit Gefallenen eine entrückte wie bedrückende Intensität. Sein Blick verliert sich in der Weite der Landschaft, für Van Gogh die Schwelle zur Ewigkeit. Dafoe gibt sich trotzig, mutig, verschüchtert – und bleibt vor allem einsam und allein mit sich und seiner Fähigkeit, mehr zu sehen als andere. Eine schauspielerische Wucht ist das, diese fahrige Suche nach Nähe, der Julian Schnabel entgegenkommt – und wie selten in einer Künstlerbiografie das Publikum die alles ertragen müssenden Seufzer eines Außenseiters spüren lässt, dessen intime Zwiesprache gestört wird, die aber, so seltsam es klingt, gestört werden will.

Kameramann Benoît Delhomme folgt wie schon zuvor Janusz Kaminski den visuellen Ideen Schnabels auf Schritt und Tritt – das Auge trottet in stetiger Unruhe zwischen traumwandlerischer Ekstase und begreifen wollendem Wachzustand einem Drang hinterher, eins zu werden mit dem Natürlichen, um dann das Erlebte auf Leinwand und Papier zu bannen. Irrlichternd hetzt der Film über Äcker, Felder und durch verwachsene Wälder Richtung Sonne, findet maximal Ruhe in alten Gemäuern, die von früher erzählen oder Blackouts, und in denen sich ein Diskurs über das Wesen kreativer Kräfte in gehaltvollen Gleichnissen Bahn bricht. Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist eine cineastische Erfahrung, bereichernd, nachvollziehbar und glücklich verloren in den abstrakten Gedanken eines Genies.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Mary Poppins Rückkehr

DELOGIERUNG EINER NANNY

3/10

 

null© 2018 Walt Disney Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: ROB MARSHALL

CAST: EMILY BLUNT, BEN WISHAW, EMILY MORTIMER, COLIN FIRTH, DICK VAN DYKE U. A.

 

Vom Schlachtschiffkonzern der Entertainmentindustrie, der sich wie eines der Raubtierstädte aus Mortal Engines alle möglichen Kreativschmieden einverleibt hat, lässt sich zumindest eines bemerken: Disney setzt vorwiegend auf das richtige Pferd. Und das betrifft nicht nur alle durchkonzipierten Universen wie Marvel oder Star Wars (zumindest aus meiner Sicht – da gibt es sicher viele Gegner), sondern auch die Live Act-Reboots unzähliger Disney-Animationsklassiker wie Cinderella, Das Dschungelbuch oder kürzlich Dumbo. Aber auch wenn oder trotzdem so vieles auf der Haben-Seite zu verzeichnen ist – manches hat Disney auch versenkt. Wie zum Beispiel Mary Poppins Rückkehr. Mit dem Sequel des charmanten Musicalklassikers aus den 60er Jahren hat der Mauskonzern bist dato sein größtes Eigentor fabriziert, ein astreiner Elfmeter ohne ambitionierte Gegenwehr. Wenn man so will einen Affront gegen den verspielten Hollywood-Geschmack eines familientauglichen Retro-Evergreens, wie Mary Poppins es seinerzeit gewesen ist.

Da zwirbeln die Karamell-Töne wie Chim Chim Cher-ee immer noch leise verhallend in den Ohren, oder das tänzelnde Gaudium Supercalifragilisticexpialigetisch wehrt sich immer noch verbissen der korrekten Artikulierung. Fast ganz vergessen: A Spoonfool of Sugar! So wird bittere Medizin direkt wohlschmeckend, und vor allem bei dem für Tropenreisen gesundheitlichen Gesundheitscheck ist die Würfelzucker-Schluckimpfung gegen Cholera immer noch die beliebteste. Bei Mary Poppins Rückkehr wäre die Arznei immer noch pobackenkneifend bitter, trotz Zufuhr an Süße. Die Lösung für Disney – noch mehr Zucker. Das wird den bitteren Geschmack schon übertünchen. Nun – das tut es, und da hätte ich lieber den bitteren Geschmack verkostet als das, was P. L. Travers womöglich im Grab rotieren lässt. Musicalexperte Rob Marshall (Chicago, Nine, Into the Woods) kann zwar auf eine ganze Werkschau musikalischer Revuen zurückblicken, und man möchte meinen, dass der Amerikaner ein sicheres Gespür für Libretto und musikalisches Timing hat – seine Auftragsarbeit zur Entstaubung des Disney-Archivs gerät aber zu einer aussichtslosen Wiederbelebung einer längst vergangenen Kinoepoche, die mehr als ein halbes Jahrhundert später der spukhaften Präsenz während einer Séance gleichkommt. Nicht alles lässt sich reanimieren, das wird bei Marshalls Film mehr als deutlich. Einziger Lichtblick vorneweg: Emily Blunt. Kult-Kindermädchen Julie Andrews wäre mit ihrer Wahl zufrieden gewesen – in ihrer Mischung aus leichter Enerviertheit, Strenge und verspielter Zuversicht ist Blunt aus Mary Poppins Rückkehr ziemlich fein raus. An ihr liegt es nicht, dass das seltsam zusammengefügte Konstrukt aus nichtssagenden Songs und bizarren Tagträumen so sehr über den herbstwindumtosten Kirschblütenweg irrt – ohne Dach über dem Kopf.

Tatsächlich handelt das Sequel gerade davon – Familie Banks steht kurz davor, ihr lieb gewonnenes Heim zu verlieren, in welchem Mary Poppins schon einmal den Haussegen gerade gerückt hat. Als profitgieriger Bankdirektor lässt Colin Firth die irgendwie konfuse Family an sich selbst verzweifeln – wäre eben nicht diese Super-Nanny, die den Nachwuchs mit Ausflügen in eine Porzellanschüssel oder zu Cousine Topsy für den Widerstand mobilisiert. Womit wir mit Cousine Topsy schon am Ende der Schadensbegrenzung für den Film wären. Meryl Streep ist nur eines von mehreren bis zur Unerträglichkeit kreischend überdrehten Intermezzi, die den Filmgenuss, sofern es einer wäre, nachhaltig stören. Und Ben Wishaw als leider nicht für die Goldene Himbeere nominierte Fehlbesetzung des letzten Jahres wirkt wie die ungelenke Parodie eines kümmerlichen Teilzeitbeamten aus einem Comic von Robert Crumb, der seltsam verstört. Und wenn dann am Ende alle an Luftballonen in den Himmel steigen, hat der zeitweilig groteske Kitsch seinen Höhepunkt erreicht.

Was das Grundproblem an Mary Poppins Rückkehr ist? Es lässt sich die Nostalgie des Kinos nur sehr schwer mit modernen Mitteln nachstellen. Das klappt einfach nicht, wenn technischer Zeitgeist versucht, analoges Retro-Tamtam nachzuempfinden. Da könnten vielleicht noch die Zeichentrickpassagen durchgehen, der Rest fliegt aus der Kurve. Denn der hat weder Grip noch eigene Ideen noch ein narratives Selbstbewusstsein, was ihn vielleicht vor dem Verdacht auf Abklatschversuche eines Klassikers bewahrt hätte. So aber ist Mary Poppins Rückkehr der langweilige Beweis, dass Disney auch längst nicht perfekt ist und sich Studios wie dieses vielleicht zweimal überlegen sollten, welches Standalone-Meisterwerk durch unsinnige und völlig verzichtbare Fortsetzungen eigentlich mehr kompromittiert als bereichert werden könnte.

Mary Poppins Rückkehr

Ein Gauner & Gentleman

EINER, DER´S NICHT LASSEN KANN

7/10

 

THE OLD MAN AND THE GUN© 2019 Thimfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAVID LOWERY

CAST: ROBERT REDFORD, CASEY AFFLECK, SISSY SPACEK, DANNY GLOVER, TOM WAITS U. A.

 

Und dabei dachte ich schon, All is Lost war Robert Redfords letzter Film vor der Kamera. In diesem Ein-Personen-Survivaldrama hatte der smarte Weltstar mit diesem einnehmenden, sympathischen Charisma ja eigentlich schon den sinnbildlichen Schlussstrich seiner kinematographischen Existenz gezogen, mit der Hoffnung auf Neuanfang am Ende – und wäre dann de facto auf dem Weg in den künstlerischen Ruhestand, wo man als Künstler ohnehin nicht wirklich untätig bleiben kann. Doch so abhängig von dem, was sie können, das ist nicht nur Clint Eastwood, sondern auch der Gründer des Sundance Filmfestivals und ewiger Partner des Paul Newman. Filmedrehen macht Spaß, das Know-How schütteln diese erfahrenen Haudegen aus dem Ärmel, so wie die Rolling Stones ihre Musik. So leicht und schmerzbefreit meistert auch der mit 82 immer noch gut aussehende Rotschopf (natürlich nachgefärbt) seine bislang jüngste – und diesmal vielleicht wirklich letzte Rolle vor der Kamera: Als Gauner & Gentleman, unter der Regie von David Lowery (A Ghost Story) und mit einem entwaffnenden Charme, der ihm völlig nachvollziehbar den eigentlich unverdienten Mammon in die Hände fallen lässt. Für das Füllhorn unter Aufsicht von Fortuna hat der wohl zuvorkommendste Bankräuber der Kriminalgeschichte zumindest eine Zeit lang die Exklusivrechte. Gemeinsam mit zwei weiteren Gaunern, die so wie er schon längst den Ruhestand genießen könnten, erleichtert der Senior sämtliche Geldinstitute quer über den nordamerikanischen Kontinent um Tausende Dollar – wenn nicht gar um Millionen. Doch um Geld geht es der Rentnergang nicht wirklich. Wo andere zum Fischen fahren oder ihre Briefmarkensammlung erweitern, rauben die drei alleinstehenden Herren eben Banken aus – man gönnt sich im Alter ja sonst nichts. Und da Verbrechen wie hier geradezu glücklich machen, hat zumindest der von Robert Redford verkörperte Gentleman mit Hut, Trenchcoat und falschem Bart ein motivierendes Lächeln auf den Lippen. Bei Lowerys True Crime Story sieht man wiedermal – mit Manieren und Höflichkeit kommt man anscheinend weiter. Und hat die Gunst der Bestohlenen sogar auf seiner Seite.

Dieser Film, der wäre nicht gedreht worden ohne Robert Redford. Zumindest sage ich das. Denn so angegossen hätte wohl niemand anderem die Rolle des durch einen Zeitungsartikel im New Yorker bekanntgewordenen Fluchträubers Forrest Tucker  gepasst. Diesem verschmitzten Spaß am gutgemeinten „Bösen“ kann Redford nicht widerstehen. Einmal noch auf den Putz hauen, das spürt man in jeder Szene. Und einmal noch dem Herzen folgen. Das tut der Gauner dann auch, indem er Sissy Spacek auf ihre Pferderanch folgt, wo sich der Kultstar, der aus der Filmgeschichte einfach nicht wegzudenken ist, seiner filmischen Highlights besinnt. Dort finden sich scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten, nochmal einen Blick zurückzuwerfen auf Klassiker wie Butch Cassidy & the Sundance Kid, Der Elektrische Reiter oder Der Clou. Wenn Redford so am Pferd sitzt, im Poncho und im fahlen Abendlicht, dann ist das eine wehmütige Hommage auf eine Karriere, die in ihrem integren Selbstbewusstsein ihresgleichen sucht.

Lowery lässt Ein Gauner & Gentleman betont gechillt von der Spule. Mit unaufgeregt jazzigen Musiknummern unterlegt, entfaltet der Film anfangs die Sogwirkung eines versonnenen Small Talks mit Leuten, die man erst kürzlich kennengelernt hat. Diese Entschleunigung ist ziemlich aus der Zeit gefallen – wie das ganze Werk. Denn was Lowery neben der Wahl seiner Besetzung noch gelingt, ist, die frühen Achtzigerjahre, die noch stark den Zeitgeist der Siebziger atmen, nicht nur anhand sämtlicher Requisiten in Mode und Technik anzudeuten, sondern auch genauso zu filmen. Man nehme Klassiker wie Die Unbestechlichen oder Die Tage des Condors – im Imitieren dieser Retro-Optik, die in Grobkörnigkeit, natürlichem Licht und angenehm distanzierten Bildkompositionen ihren Steckbrief findet, gibt sich Lowery nicht nur mit dem Offensichtlichen zufrieden, sondern lässt Ein Gauner & Gentlemen auch so aussehen, als wäre es eine Krimikomödie, die schon seit mehreren Dekaden abgedreht ist und dennoch immer noch oder erneut gut funktioniert. Lowery hat das Glück, einer von wenigen zu sein, die über Glockenhosen, Wählscheibentelefon und Schnauzer hinausgehen, wenn sie von damals erzählen wollen. Das macht den Film zu einer Art elegantem Experiment, welches vom rechtlosen Drang nach Freiheit erzählt, wie damals, im Wilden Westen, als Sundance Kid auf der Flucht war. Eine Reminiszenz, die Robert Redford sicher viel bedeutet hat.

Ein Gauner & Gentleman

Willkommen in Marwen

MINIMUNDUS FÜR DIE SEELE

6,5/10

 

Untitled Robert Zemeckis Project© 2019 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: ROBERT ZEMECKIS

CAST: STEVE CARRELL, LESLIE MANN, DIANE KRUGER, MERRITT WEVER, GWENDOLINE CHRISTIE, ELZA GONZÁLES U. A.

 

Einem Schulfreund von mir, dem ist ähnliches passiert. Wurde zu später Stunde an einer Imbissbude von seltsamen Typen bedrängt, die ihn auf einen Pfefferoni einladen wollten. Nach dankender Ablehnung dann eine wie aus heiterem Himmel ungebändigte Entladung hasserfüllter Aggression. Die Folge: Gesichtsfrakturen, Spitalsaufenthalt, Gerichtstermine und ein Trauma, das lange nachhält. Und überwunden werden kann, wenn man nicht allein bleibt. Therapie, Familie und Freunde, das alles kann vieles wieder gut machen, auf dem Weg zurück in den Alltag. Manch einer aber scheint so sehr zu verzweifeln, so sehr erniedrigt und gebrochen worden zu sein, dass die Erschaffung einer erdachten Reserve-Welt das einzig probate Mittel scheint. Wie bei Mark Hogencamp. Der ist einer, der war mal Illustrator mit begnadetem Talent. Und einer, der gerne Frauenschuhe trug, am liebsten High Heels. Genau weiß Hogencamp das auch nicht mehr. Aber was weiß er schon, oder besser gesagt was weiß er noch, nachdem ihm Neonazis auf offener Straße das Gedächtnis aus dem Kopf geprügelt haben. Kellnerin Wendy hat ihn dann gefunden. Und das Leben wurde ein anderes, ganz anders als zuvor.

Klingt fast ein bisschen nach In Sachen Henry. Wer sich noch erinnern kann – Harrison Ford wurde da zwar nicht halbtot geschlagen, allerdings wurde ihm in den Kopf geschossen. Willkommen in Marwen hätte eine ähnliche Leidens- und Genesungsgeschichte werden können – bewegt sich aber auf ganz anderen Pfaden und lässt sich nur bedingt mit Mike Nichols Drama vergleichen. Dieser tatsächlich existierende Hogencamp, der wusste zwar noch, wer er war, doch die feinmotorischen Skills für seine Arbeit, die waren dahin. Stattdessen hielten Furcht, Schmerz und Ohnmacht Einzug in das Leben einer wie ausgewechselten Persönlichkeit. Und irgendwann waren sie dann da: Puppen. So groß wie Barbies und meistens weiblich. Und jede von ihnen ein Äquivalent zu real existierenden Frauen, die nach besagtem Tag X an seiner Seite blieben. Letztendlich auch die neue Nachbarin, die rothaarige Nicol. Diese Puppen – die sind aber längst mehr als nur der Ausdruck einer Leidenschaft fürs Sammeln. Sie sind die Bewohner einer fiktiven belgischen Stadt namens Marwen zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Marwen – das setzt sich zusammen aus Mar für Mark und Wen für Wendy, seiner Lebensretterin. Bedroht wird die dörfliche Idylle im Vorgarten von gewaltbereiten, fiesen Nazi-Schergen, die ungefähr das platte sinistere Charisma der Schurken aus Inglourious Basterds haben. Wer in dieser erträumten und auf Foto gebannten Parallelwelt aber zuletzt lacht, lacht am besten – Marks letztes Fünkchen Widerstand in Gestalt des mutigen US-Piloten Captain Hogie, eine Art John Wayne als Beschützer seiner selbst und all der Bewohner Marwens. Und dieses Minimundus für die Seele, dieser schreinartige Kurort, der zieht sich bis in die eigenen vier Wände und dominiert Hogencamps ganzes Dasein.

Allerdings – und das ist ein wichtiger Unterschied – nicht auf eine Weise, die mit einer Flucht vor der Realität gleichkommt. In Filmen wie Pans Labyrinth, Sucker Punch oder Mirrormask suchen vorwiegend junge Mädchen in einer von ihnen erdachten Welt als inhärenter Teil die Lösung für ihr Problem. Ebenso in Sieben Minuten nach Mitternacht oder I Kill Giants interagieren die psychisch Leidenden mit Wesen, die nur in ihrer Vorstellung existieren. Oder sagen wir so – sie sind überzeugt davon, dass sie existieren, für den Moment, ohne diese Realität hinterfragen zu wollen. Mark Hogencamp betrachtet seine Welt stets von außen, er ist Fotograf, ein Beobachter, er erdenkt das Abenteuer, welches wir sehen, als normalen kreativen Prozess, wie jeder andere Künstler auch, der Geschichten erfindet, um erlittene Kränkung zu bannen und auf eine verfremdete, simplifizierte Weise wiederholt durchzuspielen.

Robert Zemeckis, Schöpfer von Klassikern wie Forrest Gump, kennt sich mit realen Schicksalen und Grenzgängern auf alle Fälle gut aus. Und er hat eine Vorliebe dafür, mit Motion Capture zu experimentieren. Die Legende von Beowulf oder der Weihnachtsfilm Der Polarexpress waren erste Pionierarbeiten auf diesem mittlerweile ums x-fache verfeinerten Gebiet der Charakter-Animation. Mit dem Fotokünstler Hogencamp hat Zemeckis die Biographie eines Menschen aufgegriffen, der seine Katharsis selbst gewählt hat und sich so therapieren konnte. Interessant auch, wie Zemeckis sich selbst zitiert, vor allem seinen Klassiker Zurück in die Zukunft, als Wunschtraum dafür, Geschehenes ungeschehen zu machen. Im Ganzen ist die True Story für ihr Genre ungewohnt bunt, dabei durchaus berührend und irgendwie kurios, aber niemals belächelnd. Ein kleines Psychodrama aus der Vorstadt, mit einem sagenhaft guten Steve Carrell, der wie ein Protagonist aus einer Episode von Elisabeth T. Spiras Alltagsgeschichten mit seinem dackelgroßen Jeep voller Figuren die Straße entlangstolpert. Das sind an sich sehr persönliche, verletzliche Momente, die das animierte Puppentheater, das irgendwann sogar die Realität durchdringt, wie einen schützenden Vorhang umgibt. Dieser Vorhang, der mag, kennt man die Hintergründe nicht, relativ dick aufgetragen sein und nicht dem Zweck entsprechen. Mit dem trashigen Miniaturdrama, dass sich parallel oder als Teil von Hogencamps Psychogramm abspielt, kann man sich entweder identifizieren, es verstehen oder fragwürdig finden. Doch der Weg zur Befreiung von den eigenen Dämonen muss nicht gefallen. Sondern vor allem eines: er muss heilen.

Willkommen in Marwen

The Highwaymen

MÄNNER FÜRS GROBE

5/10

 

highwaymen© 2019 Photo by Hilary B Gayle / Courtesy of Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOHN LEE HANCOCK

CAST: KEVIN COSTNER, WOODY HARRELSON, KATHY BATES, JOHN CARROLL LYNCH, WILLIAM SADLER U. A.

 

Schön, Kevin Costner wohlauf zu sehen. Ein bisschen brummiger ist er geworden, im Hüftbereich spannt das Hemd und gesprochen wird nur mehr das Nötigste. Für einen Mittsechziger, der bald in die Rente hechten wird, nichts Ungewöhnliches, sofern er nicht der Filmbranche dient. Kevin Costner, der schnürt sich seine Hose gottseidank noch nicht bis zur Brust, und sein Fedora steht ihm gut, weil er noch dazu das auffällig selbstgefärbte Haupthaar verdeckt, das irgendwie lächerlich wirkt, ungefähr so wie bei Silvio Berlusconi. Natur wäre besser gewesen. Und die soziale Entfremdung? Womöglich seiner strafverfolgenden Laufbahn in vorliegendem Film geschuldet. Dort spielt er Frank Hamer, einen Texas Ranger außer Dienst, der aber wieder reaktiviert werden soll, weil womöglich ein ganz großer Fisch an seiner bald ausgeworfenen Angel baumeln könnte. Was heißt einer – zwei Fische: Nämlich das berüchtigtste Verbrecherpaar der Kriminalgeschichte – Bonny & Clyde.

Da denkt natürlich jeder Filmkenner an Arthur Penns bleihaltige Ballade selbes Titels, mit Warren Beatty und Faye Dunaway aus dem Jahr 1967. Die Bankräuber und mehrfachen Mörder mit einem kolportierten Sinn für Gerechtigkeit Marke Robin Hood waren ja tatsächlich Publikumslieblinge, allerdings der fragwürdigen Sorte. Soziale Gerechtigkeit sieht anders aus, jedenfalls nicht so wie Mord und Totschlag. Dieses Auflehnen gegen ein ungerechtes System heiligte anscheinend die Mittel, über die sich keiner der anfeuernden Normalbürger, die sich über ihre Veranda gelehnt und den beiden Turteltauben zugewunken hatten, den Kopf zerbrach. Oliver Stone hat dann Jahrzehnte später dem Benny & Clyde-Mythos mit Natural Born Killers die rosarote Brille vom Gesicht geschlagen. Bestien waren das, da braucht man gar nicht viel die Perspektiven wechseln. Und Bestien – die müssen gejagt werden. Also zurück zu Frank Hamer, der mit seinem Rentnerbuddie die R.E.D.-Gang um Bruce Willis aussehen lassen will wie ein Kaffeekränzchen. Nun, wenn Costner in den Waffenladen marschiert, um sich ein vom Staat gesponsertes Equipment von Faustfeuerwaffe bis Maschinengewehr zuzulegen, erinnert das ein bisschen an Michael Douglas in Falling Down, oder gar an einen Black Friday für Schwarzeneggers Cyborg-Alter Ego. Diesmal aber sind die beiden Opas aus Fleisch und Blut, und ihre mangelnde Agilität wird das Bleiarsenal schon ordentlich ausgleichen.

An Costners Seite agiert Woody Harrelson in zurücknehmender Haltung. Motivation sieht bei ihm meistens anders aus. Was das vielseitige Talent aus seiner Rolle des raubeinigen Mandy Gault herausholen kann, ist eine routinierte Hommage an Typen wie Clint Eastwood. Diese Interpretation hat aber auch schon Kevin Costner, also sind die beiden gesetzten Haudegen fast schon wie Brüder, obwohl Brüder ja meist grundverschieden sind. In The Highwaymen ergänzt Harrelson den anderen lediglich mit seinem lockereren Mundwerk, während Der mit dem Wolf tanzt in stoischer Nachdenklichkeit den schwer fassbaren, sträflich romantisierten Pistoleros in die Quere kommen will. Dabei stößt Costner relativ früh an seine schauspielerischen Grenzen, und auch John Lee Hancock, der unter anderem für das inhaltlich recht sperrige Hinter-den-Kulissen-Drama Saving Mr. Banks um Walt Disney einen recht geschmeidigen Zugang gefunden hat, verhaspelt sich dabei szenenweise vor allem in Sachen Tempo. Einerseits ist es ja schön und gut, die beiden Männer fürs Grobe näher kennenzulernen – aber ergiebig ist das nicht. Und ändert auch nichts daran, nicht unbedingt mehr von den beiden wissen zu wollen. Dadurch erzählt The Highwaymen relativ wenig und spult in ermüdendem Leerlauf die Chronik der Ereignisse ab. Spannender wäre es gewesen, Bonnie & Clydes Umstände nicht ganz auszusparen und mehr über den medialen Hype zu berichten. Verständnis für die beiden Kultkiller will der Film um nichts in der Welt aufbringen. So aber macht Hancock die „Bösen“ zu etwas unantastbar Besonderem, da das Konzept seines Thrillers es nicht vorsieht, von Costner und Harrelson abzurücken und das bürgernah Revolutionäre der Gesetzlosen zu hinterfragen. Am Ende lässt sich The Highwaymen zu einem Zugeständnis überreden, um nur für wenige Sekunden zum finalen Kugelhagel doch noch einen Seitenblick zu riskieren – auf eine personelle Staffage, die aber niemandem nützt.

Und so zieht sich die Netflix-Produktion in schnurgerader Eintönigkeit wie der Highway selbst durch karges Gelände, den Mördern beharrlich auf der Spur, was ein ganz gutes Bild der Fakten gibt, aber im Ganzen nur als der eine Teil eines komplexen Krimievents taugt, das Geschichte geschrieben hat. Sowohl im Film als auch im echten Leben.

The Highwaymen