Together – Unzertrennlich (2025)

SCHMELZPUNKT LIEBE
6/10


© 2025 Leonine Studios


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, USA 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SHANKS

KAMERA: GERMAIN MCMICKING

CAST: ALISON BRIE, DAVE FRANCO, DAMON HERRIMAN, JACK KENNY, SUNNY S. WALIA, KARL RICHMOND, TOM CONSIDINE U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In Liebe vereint kann so romantisch klingen. Zwei Herzen im Gleichklang, oder gar: Ein Herz und eine Seele. Was aber, wenn man diese melodischen Phrasen wörtlich nimmt? Wenn diese willentliche Vereinigung zum physischen Phänomen wird, zum kreatürlichen Mysterium einer Abhängigkeit? Der semiromantische Beziehungs-Horror Together – Unzertrennlich will das austesten. Und hebelt dabei körperliche Grenzen aus.

Die Beziehung wird zum gemeinschaftlichen Schengenraum der Liebe, die zur Selbstaufgabe strebt. Das aber, so Regisseur und Autor Michael Shanks, nur widerwillig. Denn Dave Franco und Alison Brie (GLOW, Mad Men) sind immer noch Personen ihrer eigenen Biografie, und nur bedingt Bestandteil der jeweils anderen. Millie scheint mit sich selbst im Reinen und ihre Profession als Grundschulpädagogin wirklich zu lieben. Tim hingegen schleppt so allerhand familiäre Traumata mit sich herum, die, so erfahren wir im Laufe der Geschichte, bei weitem nicht ohne sind. Das hat letztlich dazu geführt, dass der von Dave Franco (u. a. The Disaster Artist) verkörperte Möchtegern-Musiker so gut wie nichts auf die Reihe bekommt und mit seinen Minderwertigkeitskomplexen, die mit egozentrischem Selbstmitleid den Dreivierteltakt üben, Alisons Bries Toleranzgrenze kitzelt. So richtig gesund wirkt die Beziehung nicht – ein Tapetenwechsel und Umzug aufs Land könnte da Abhilfe schaffen. Von Horrorfilmen aber wissen wir: Umzüge aufs Land haben oftmals einen Haken, siehe unter anderem: The Conjuring. Hier aber ist es eine mysteriöse Höhle unweit der neuen eigenen vier Wände, in die die beiden während eines abenteuerlichen Spaziergangs hineinstürzen. Franco trinkt, geplagt vom Durst, aus einer Quelle und verwandelt sich dabei zwar nicht in ein Reh so wie bei Brüderchen und Schwesterchen aus Grimm’schem Märchenschatz, sondern entwickelt einen Beziehungsmagnetismus, der unschöne Symptome zeigt.

Das ist aber erst der Anfang. Alison Bries Körper wird zum Gravitationszentrum für Franco, alles scheint er von seiner besseren Hälfte absorbieren zu wollen, und zwar so lange, bis die bessere Hälfte zur der seinen wird. Bald ist es auch umgekehrt, und man kann getrost sagen, dass sich hier die Gegensätze anziehen, nämlich Mann und Frau, zwei unterschiedliche Komponenten, der Plus- und der Minuspol. Michael Shanks bringt die störrische Liebesbeziehung zu ihrem neuen Schmelzpunkt, und es wäre vielleicht nur akkurater Body-Horror im Spiel, der kurios erscheint, würde Shanks nicht auch das eine oder andere mal Momente beängstigenden Grusels heraufbeschwören, die aber nur peripher mit der eigentlichen Parabel über Einheit, Abhängigkeit und Individualismus zu tun haben. Ganz besonders die nur aus dem Augenwinkel betrachtete Kindheit von Francos Figur, die in schauderhaften Jumpscare-Träumen verarbeitet wird, verläuft im Sand, ganz ohne nennenswerte Relevanz. Hätte Shanks dieses Element noch mehr in seine Story verwoben, wäre der Schocker perfekt – so aber führt uns Together bald auf erwartbare Pfade ohne Richtungswechsel. Das Unvermeidliche ist in dieser mehr oder weniger als Drei-Personen-Stück definierten Romantik-Groteske bald absehbar, das Gewebe-Crossover manchmal recht plump, das nächtliche Ziepen an den Haaren von Alison Brie hingegen wieder ein Gänsehautmoment, der gelingt.

Man kann Beziehungen eben auch anders analysieren – und den Optimal-Zustand einer Paar-Existenz in plakativen Monstrositäten hinterfragen. Eine Challenge, die Together gerne annimmt, auch ordentlich Spaß daran hat und sich nicht davor scheut, die Spice Girls akustisch mit ins Boot zu holen, die auf nichtsahnend prophetische Weise die Mystery des Films längst vorweggenommen haben. Die Pointe sitzt am Ende dann doch, während auf dem Weg dorthin das eine oder andere Mal die Anziehungskraft auf das Publikum gelegentlich nachlässt.

Together – Unzertrennlich (2025)

Die nackte Kanone (2025)

HARDBOILED-UNSINN TO GO

6/10


© 2025 Paramount Pictures


ORIGINALTITEL: THE NAKED GUN

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: AKIVA SCHAFFER

DREHBUCH: DAN GREGOR, DOUG MAND, AKIVA SCHAFFER

KAMERA: BRANDON TROST

CAST: LIAM NEESON, PAMELA ANDERSON, PAUL WALTER HAUSER, KEVIN DURAND, DANNY HUSTON, CCH POUNDER, LIZA KOSHY, CODY RHODES U. A.

LÄNGE: 1 STD 25 MIN 


Nicht wegen seiner filmischen Brillanz hat Frank Drebins Ersteinsatz in einem abendfüllenden Spielfilm für mich den Stellenwert eines Meilensteins. Sondern weil dieser die erste VHS-Kassette war, die ich besessen habe. Geschenkt bekommen im Rahmen einer meiner selten geschmissenen Geburtstagsfeiern als gerade mal vor dem Teenageralter stehender Bursche, war mir die Art und Weise des Brachialhumors dank eines Filmes namens Top Secret nicht ganz fremd, andererseits aber entlockte mir die Nonsens-Revue mehr Verwunderung als gellende Lacher, vom Schenkelklopfer ganz zu schweigen. Was die Zucker-Brüder und Jim Abrahams da geschaffen hatten, war eine ganze Reihe an verbalen Missverständnissen, Zweideutigkeiten und surrealen Fehltritten, die nicht selten ganze Kettenreaktionen katastrophalen Slapsticks nach sich zogen. Wen kümmerte das gar nicht? Frank Drebin, Spezialeinheit. Mit Leslie Nielsen, der ja zuvor schon diesen Rechtsvertreter in der zumindest in den USA wenig erfolgreichen Serie Police Squad verkörpert hat, mauserte sich Die Nackte Kanone zum Guilty Pleasure unter jenen, denen nichts zu blöd sein konnte und die in der Gruppe so sehr dem Schwachsinn huldigten, dass sich noch Jahrzehnte später so mancher Gag als Dauerzitat im Alltag etabliert hat. Kein Auge trocken blieb auch bei den beiden Fortsetzungen, die in Sachen Humor die Klinge zwar nicht verfeinerten, aber noch viel wilder herumschwingen ließen.

Siebenunddreißig Jahre später, bis auf Priscilla Presley hat der Main-Cast bereits seinen Platz im jenseitigen Olymp des Unterhaltungsfilms eingenommen, schieben die Verantwortlichen nun einen wie Liam Neeson ins Sperrfeuer schlüpfriger und trivialer Gags, die manchmal aber, um mit der Zeit zu gehen, ein bisschen mehr Understatement besitzen als früher. Ich wiederhole: Nur manchmal. Und auch wenn der Trailer mich wohl kaum ohne der Intervention meines Sohnes dazu bewogen hätte, mir mit diesem Unsinn meine Zeit zu verschwenden: Das Gesamtergebnis unterm Strich fällt deutlich weniger fragwürdig aus als gedacht. Natürlich liegt das nicht unwesentlich an einem wie Neeson, der wohl weniger als Humorgranate bekannt ist und mit Filmen wie Excalibur (dort gab er den Tafelritter Gawain) und erst recht mit einem der größten Filme aller Zeiten, nämlich Schindlers Liste, Ruhm erlangte. Der Weg von einem wie Oskar Schindler, der mehr als tausend Juden vor der Vernichtung bewahrte, bis hin zu Frank Drebin, die Neuauflage, ist ein weiter. Und ja, es ist genug Wasser die Donau hinuntergeflossen, um so manche Charakterrolle hinter sich lassen zu können. Neeson hat zuletzt wiederholt in Schema F-Kriminaldramen den alternden Moralisten und manchmal auch den alternden Killer mit weichem Kern gegeben, der im Alleingang die wirklich Bösen aufzumischen hatte. Manchmal etwas zu antriebslos, manchmal völlig lustlos, manchmal motiviert durch manchen Co-Star. Jetzt macht er sich über sich selbst lustig, und über all diese Hardboiled-Krimis und Cop-Thriller und den ganzen Klischees und stereotypischen Formeln, die dieses Genre in seiner Innovation hemmen.

Dabei kommt der Humor aus der Konserve. Saturday Night Live-Macher Akiva Schaffer dürfte Leslie Nielsens Vermächtnis eingehend studiert haben – entsprechend zielsicher schmückt sich Drebin Jr. mit dem Erbe seines chaotischen Vaters. Neu erfunden wird hierbei nichts, lediglich variiert. Diese Variation alleine trifft mitunter die Pointe, und ja, auch bei dieser Menge an Sex-Witzen muss man sich, wenn man das eigene Niveau zumindest temporär runterschraubt, gar nicht so sehr fremdschämen. Was der Kalauer-Cop letztlich mit Buffy, der Vampirjägerin zu tun hat oder warum er sich um alles in der Welt der Rache eines Schneemanns aussetzen muss – dafür gibt es nicht die geringste Erklärung.

Vielleicht aber ist gerade dieses völlig Absurde die wahre Stärke dieses straffen 80-Minüters, der die Kuh nicht melkt, bis sie sauer wird. Obendrein tritt nicht nur Liam Neeson, sondern auch Pamela Anderson souverän in die Fußstapfen von Priscilla Presley, die hier einen klitzekleinen Cameo hat. Letztlich sollen sich beide ja ineinander verknallt haben. Doch das wundert mich nicht. Die Harmonie stimmt. Und wenn jazzige Saxophonklänge das schwülstige Raunen des schrägen Detectives aus dem Off begleiten, sind die meisten Schäfchen im Trockenen.

Die nackte Kanone (2025)

The Fantastic Four: First Steps (2025)

SCIENCE-FICTION VON GESTERN

6/10


© 2025 20th Century Studios / MARVEL


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: MATT SHAKMAN

DREHBUCH: JOSH FRIEDMAN, ERIC PEARSON, JEFF KAPLAN, IAN SPRINGER, KAT WOOD

KAMERA: JESS HALL

CAST: PEDRO PASCAL, VANESSA KIRBY, EBON MOSS-BACHRACH, JOSEPH QUINN, JULIA GARNER, RALPH INESON, PAUL WALTER HAUSER, MARK GATISS, SARAH NILES, NATASHA LYONNE, MATTHEW WOOD U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Im Rahmen der so gut wie alle Aspekte abdeckenden Ausstellung auf der niederösterreichischen Schallaburg zum Thema Träume gibt es ein bibliophiles Exponat, ein sogenanntes Sticker-Album, wie es Kinder gerne haben, stammend aus den Sechzigern, in welchem Visionen der Zukunft dargestellt werden. Genau so stellte sich damals die zivilisierte Welt die nächsten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte vor. Wie niedlich. Wie naiv. Und wie formschön!

Diese Art und Weise des Vorausdenkens nennt man Retro-Futurismus. Perry Rhodan-Leser der ersten Stunde schätzen die Cover-Artworks der Romanhefte, die nach wie vor das Auge erfreuen und jeden Roman-Shop schmücken: Stromlinienförmige Vehikel in der Luft; Roboter, deren Mechanik infantil erscheint. Urbane Stadtbilder mit tropfen- und zapfenartigen Türmen, Brücken und schwebende Boliden, alles aus einem Guss. Jetzt ist dieser liebreizende Stil auch im Marvel-Universum angekommen. Mitgeliefert im narrativen Rahmen des Multiversums, das seinerzeit Dr. Strange, aber auch Loki, der schabernacktreibende nordische Halbbruder Thors, erst möglich gemacht haben. Was wir in The Fantastic Four: First Steps zu sehen bekommen, ist die Erde 828, also nicht jene Erde, auf welchem sich der eigentliche Erzählfaden des MCU abspielt (die wäre 616). Hier ist alles ganz anders, gibt es keine Avengers und keine sonstigen Superhelden. Auch kein Wakanda, auch keine Secret Invasion, kein Daredevil und kein Punisher: Hier haben sich drei Astronauten und eine Astronautin zu einer dritten Macht vereint, die nach einem Weltraumausflug und einigen Turbulenzen nun sagenhafte Kräfte besitzt, die den vier Elementen entsprechen. Eine schöne Idee, die Stan Lee und Jack Kirby hier hatten. Diese vier leben in einer Welt, die man in einem Reisekatalog für Science-Fiction-Fans der früheren Generationen erfolgreich anpreisen könnte. Und zugegeben: Der Look des Films schlägt die Story, er schlägt so gut wie alles, was in Matt Shakmans neuem Anlauf zu den Fantastic Four zu erleben sein wird.

Shakman hat seine Liebe zu konsequenten Stilwelten nicht erst mit diesem Film hier entdeckt, schließlich war er verantwortlich für eine der originellsten Beiträge zum MCU, die es bisher gibt: WandaVision. In dieser neunteiligen Mini-Serie entdecken Hexe Wanda Maximoff und ihr Geliebter Vision, die längst eine Sitcom-Familie gegründet haben, dass nichts so ist, wie es scheint. Dabei unternimmt Shakman eine Zeitreise durch Jahrzehnte des Fernsehens, von antifeministischer Küchen-und Familienordnung der Fünfziger in Schwarzweiß bis zur farbintensiven Serienschwemme der Neunziger in grellen Outfits. Er weiß also, wie stilsicher man seine Settings errichten kann. So hat auch dieses Abenteuer tief in die Designer-Kiste gegriffen und eine akkurate Welt komponiert, die man so und in diesem Ausmaß noch nicht gesehen hat. Hinzu kommen Weltraumszenen in der Dynamik vergangener Science-Fiction aus dem Röhren-TV, die abermals an die gute alte Vorstellung grenzenloser Weiten erinnern. Schön ist das. Und gleichzeitig völlig überhastet.

Denn es ist nicht so, dass die Fantastic Four hier ihre First Steps auf dem Filmparkett klackern lassen: Die Helden haben, und das erfahren wir im Rahmen einer Fernsehshow, moderiert von Mark Gatiss, schon einiges erlebt, was wir nicht wissen. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit einem gewissen Mole Man, der unter der Erde das Volk der Subterraner anführt. Was haben wir verpasst? Naja, so einiges. Dafür hätte es in manchen Lichtspielhäusern großer Kinoketten ein Prequel-Comic gegeben, das mir aber niemand in die Hand gedrückt hat. Doch wie auch immer: Jetzt ist Sue Storm aka Richards (weil verheiratet mit Reed Richards, dem Gummi-Mann) schwanger und fliegt unter diesen Umständen ins Unbekannte, um eine Bedrohung abzuwenden, die sich Galaktus nennt. Auch dieser Hüne wurde von Lee und Kirby erschaffen und gilt als Weltenverschlinger. Der Silver Surfer (diesmal eine Frau), stets in dessen Diensten, hat diesmal die Erde als Appetithappen ausfindig gemacht. Und ja: Der von Ralph Ineson verkörperte Gigant lässt Thanos geradezu mickrig aussehen – Godzilla hingegen nicht. Der Riese, ehemals ein normales humanoides Wesen vom Planeten Taa, plagt ein astronomischer Hunger, und nicht ganz freiwillig muss Terra seinen Magen füllen. Da Shakman eigentlich nur zwei Stunden Zeit hat, um erstens die Vier neu vorzustellen und zweitens diese stattliche Bedrohung so abzuwenden, dass der Film auch sein Ende findet, hechelt das Abenteuer ruhelos durch eine sprunghafte Abfolge schnell durchdachter Initiativen, die in völlig unrealistischen Zeiträumen in die 828-Realität umgesetzt werden. Hier hapert es gewaltig mit inhärenter Plausibilität und Timing, hapert es mit dem Fehlen einer Vorgeschichte und einer Storyline, die einer grob zusammengezimmerten Inhaltsangabe gleichkommt, die man vielleicht auf Wikipedia liest.

Visuell ist The Fantastic Four: First Steps erste Sahne, nebenher jedoch will der Film zu viel erzählen und erreicht damit genau das Gegenteil. Im Endeffekt ist man zwar informiert, aber emotional kaum beteiligt.

The Fantastic Four: First Steps (2025)

Zikaden (2025)

LAUTER ZIRPEN ALS DIE ANDEREN

4,5/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: INA WEISSE

KAMERA: ANNETTE FOCKS

CAST: SASKIA ROSENDAHL, NINA HOSS, VINCENT MACAIGNE, THORSTEN MERTEN, CHRISTINA GROSSE, ALEXANDER HÖRBE, BETTINA LAMPRECHT U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Bei den Zikaden sind es ausschließlich die Männchen, die mit voller Dröhnung ihr Zirpen durch Wald und Wiese erklingen lassen. Das tun sie, um entweder Weibchen anzulocken oder ihr Revier zu markieren. Interessant, dass Ina Weisse gerade diese Gattung der Insekten zum Titel ihres Films gemacht hat, da doch zwei Frauen im Zentrum des Geschehens agieren. Vielleicht ist es dann doch nur eine Metapher darauf, sich selbst zu behaupten und aus dem Dickicht eines gemeinsam mit anderen Menschen geführten Lebens, in das man mehr oder weniger geworfen wird, hervorzutreten. Sei es nun akustisch oder auf andere Art. Ich nehme mal hin, dass mit diesen Zikaden wohl Nina Hoss und Saskia Rosendahl (u. a. Sterben) gemeint sind, auch wenn sie eben weiblich sind. Ihr Zirpen ist anfangs noch recht verhalten, man hört es vielleicht nur, wenn alles andere um sie herum verstummt. Irgendwann im Laufe des Films, der sich anfühlt, als würde er drei Stunden dauern, bleibt Zeit genug, um den Lautstärkepegel etwas aufzudrehen. Hoss und Rosendahl zirpen also, doch sie zirpen aneinander vorbei und scheinen nur kurze Zeit der falschen Annahme zu erliegen, dass dieses Geräusch der jeweils anderen gilt.

Oder zirpt vielleicht jemand ganz anderer – und die beiden Frauenfiguren in diesem sommerlichen Dilemma aus Schicksalen aller Art dürfen die Allgegenwart der Insekten als akustischen Richtungsweiser in sich aufnehmen? Beide laufen sich nämlich im ländlichen Brandenburg über den Weg, wo es ganz viel Wald und Wiese gibt. Die eine, Isabella, ist gescheiterte Architektin und kümmert sich um das elterliche Landhaus, das der eigene Papa, kein gescheiterter Architekt, damals eigenhändig aufgebaut hat. Jetzt ist der Patriarch ein Pflegefall und andauernd gibt es Zores mit den Heimhilfen. Die andere, Anja, ist überhaupt ein Mysterium. Alleinerziehend, in Untermiete bei anderen wohnend, die ihr die kalte Schulter zeigen. Und noch dazu gerade gekündigt. Mehr scheitern geht wohl kaum, doch da kann Isabella auch nochmal mitziehen, denn ihre Ehe steht kurz vor dem Aus. Beide haben nichts zu lachen, doch lächeln sich an, weil sie irgendetwas aneinander entdecken, das sie Leidensgenossinnen im Geiste werden lässt.

Ich hingegen kann diese Gemeinsamkeiten nicht entdecken. Vielleicht ist das Gemeinsame doch nur das Scheitern am Leben. Vielleicht ist es der Trotz der beiden, das Aufmüpfige, doch auch diese Verhaltensmuster sind nur vage konturiert. Womit Zikaden aber am meisten überfordert zu sein scheint, ist die Ambition, zwei parallele Existenzzustände zu entwerfen, die ihrer eigenen Biografie ausweichen. Ina Weisse, die schon in Das Vorspiel mit Nina Hoss zusammengearbeitet hat, verankert ihre Figuren bewusst nicht. Sie treiben durch ihre Leben ohne viel Bodenhaftung, vor allem Rosendahls Charakter der Anja ist ein einziges Fragezeichen, findet weder Ursachen noch wagt sich Weisse an das Innenleben dieser vielschichtigen, ambivalenten Person, deren Hintergründe wert gewesen wären, sie näher zu betrachten. Es scheint, als wolle dieser Sommer mit seinen Problemen und schicksalhaften Wendungen nicht enden, überall blickt Weisse nur ungenau hin, es fällt kaum möglich, sich zu fokussieren. Das Publikum wird von einer Tristesse in die nächste geschickt, alles Mögliche findet Erwähnung, nur nicht das Wesentliche – die Personen selbst.

In diesem komplexen, aber zunehmend langatmigen Wirrwarr aus aufeinanderfolgenden kurzen Szenen, die von Nina Hoss zu Saskia Rosendahl wechseln und wieder zurück und dabei vieles offen lassen, fragt man sich, warum hier zwei parallele Geschichten erzählt werden, die sich nur manchmal kreuzen, und nicht das Abenteuer einer beginnenden Freundschaft, die letztlich viel zu kurz kommt.

Zikaden (2025)

Brick (2025)

DAS TRAUMA VOM LOCKDOWN

6/10


© 2025 Sasha Ostrov / Netflix


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: PHILIP KOCH

KAMERA: ALEXANDER FISCHERKOESEN

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, RUBY O. FEE, FREDERICK LAU, MURATHAN MUSLU, SALBER LEE WILLIAMS, SIRA-ANNA FAAL, ALEXANDER BEYER, AXEL WERNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Wir können uns alle noch gut daran erinnern, wie Corona die Welt in ihrer Mangel hatte und der eine oder andere Lockdown über uns kam wie das Schwert es Damokles. Ein Spaß war das keiner. Einschränkungen, sinnvoll oder nicht, wo es nur ging. Ab 21 Uhr gab’s Ausgangssperre, Besuchsverbot sowieso und so weiter und so fort. Und manchmal, da überkam einem doch das Gefühl, eingemauert zu sein, isoliert von aller Welt. Der Mysterythriller Brick mit Matthias Schweighöfer und Frederick Lau in den Hauptrollen lässt das Gefühl des Eingesperrtseins auf plakative Weise Gestalt annehmen. Was das Ensemble in diesem Film am Weiterkommen hemmt, ist eine geheimnisvolle Mauer, die Fenster und Türen umgibt – das ganze Haus also, in dem Tim mit seiner Freundin Olivia wohnt. Letztere will sich nach einem unaufgearbeiteten Schicksalsschlag von ihrem Partner, einem verbissenen IT-Nerd, gerade trennen, da scheint ihr gar nicht mal der Wille, es durchzusetzen, im Wege zu sein, sondern eben etwas Physisches – eine anthrazitgraue, in unterschiedlich große Segmente gegliederte Wand, die ihr den Weg versperrt. Und nicht nur ihr: Auch die Nachbarn sind zumindest innerlich aus dem Häuschen und tun sich zusammen, um herauszufinden, wie man diese Sperre im wahrsten Sinne des Wortes unterwandern kann. Zwischen Trial und Error offenbart sich eine Art Escape Room, der seine Opfer fordert und nicht jeden so erscheinen lässt, wie er wirklich ist.

Beschützer oder Aggressor?

Matthias Schweighöfer arbeitet gern für Netflix. Das tut Philipp Koch auch. Der hat vor einigen Jahren die vielversprechende postapokalyptische Serie Tribes of Europa mit Henriette Confurius und Oliver Masucci aus dem genretechnisch nicht unbedingt flexiblen deutschen Filmboden gestampft, Perlen wie Dark sind da wohl eher eine Ausnahme. Die durchaus gelungene Staffel endete mit einem Cliffhanger – und wird auch nie wieder fortgesetzt werden. Eine Methode, mit der Netflix seine Abonnentinnen und Abonnenten gerne sekkiert. Zum Glück ist Brick keine Serie, sondern ein Film, und ja, vom Plot her wären mehrere Episoden auch gar nicht vonnöten. Kochs Film ist, was es ist. Und Schweighöfer? Lässt sich von einem wie Murathan Muslu die Stirn bieten – der österreichische Schauspiel-Export darf in dieser Science-Fiction-Mystery die gehaltvollste Rolle verkörpern. Einen undurchschaubaren Bären von Mann mit graumelierter Mähne und unangenehm beobachtendem Blick. Ein John Goodman, der von der großen Katastrophe spricht und in 10 Cloverfield Lane Mary Elizabeth Winstead zum Ausharren in seinem Bunker verdonnert. Unterm Strich agiert das Ensemble durchaus situationsadäquat, das Skript strengt sich zwar nicht an, lässt aber, was das Tempo betrifft, nicht allzu viel anbrennen. Straight nennt man so eine Inszenierung. Und ein bisschen naiv, wenn man glaubt, die Wände und Böden eines Altbaus wären so widerstandsfähig wie Papiermaché. Nimmt man diese adaptierte physikalische Tatsache als Basis, könnte man sich die Kiste Bier für die unter der Hand engagierten Renovierer demnächst sparen. Mit Bohrmaschine und Vorschlaghammer geht schließlich alles.

Zu viel Science-Fiction, zu wenig Mystery?

Hat man mit dieser Prämisse aber dennoch Probleme, bleibt immerhin noch der Vergleich, der uns sicher macht. Vor Jahren lief auf dem Slash Filmfestival der Horrorstreifen Lockdown Tower. Ähnliche Ausgangssituation, andere – radikalere – Lösung. Menschen in einem Hochhaus werden zwar nicht von einer Mauer, sondern lediglich von einem schwarzen Nichts daran gehindert, ihre vier Wände zu verlassen. Brick ist da wesentlich harmloser, obwohl auch blutig. Wohl eher lässt sich das Netflix-Zuckerl als Mieterschutzversion von Cube betrachten – nur statt den Würfeln sind es Wohnungen, durch die man sich ackert und immer wieder auf neue Leute trifft, darunter Opa Axel Werner als jemand, der erfrischen nuanciert den Altersdurchschnitt hebt.

Man kann von der Auflösung halten, was man will. Die Tendenz geht eher in Richtung Ernüchterung, da Koch weder mit den Wahrnehmungen spielt noch ans Unterwandern von Erwartungen denkt. Den Twist verkraftet man ebenfalls ganz gut, denn es gibt keinen. Zumindest ich habe keinen entdecken, doch vielleicht sehe ich den Durchgang vor lauter Wänden nicht.

Brick (2025)

M3GAN 2.0 (2025)

ROBO-LOLITA GIBT SICH DIE HANDKANTE

6,5/10


© 2025 Universal Pictures

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: GERARD JOHNSTONE

KAMERA: TOBY OLIVER

CAST: ALLISON WILLIAMS, VIOLET MCGRAW, AMIE DONALD, IVANNA SAKHNO, ARISTOTLE ATHARI, JEN VAN EPPS, BRIAN JORDAN ALVAREZ, TIMM SHARP, JEMAINE CLEMENT U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Wenn die KI der Zukunft keine Terminatoren mehr hat, um sie in die Vergangenheit zu schicken, plündert sie womöglich den einen oder anderen Spielzeugladen, um einer Puppe habhaft zu werden, die genauso austeilen kann wie Alita, the Battle Angel. Die Rede ist von M3GAN, mit herzerweichend großen Augen und Knutschmund, weißen Strümpfen und Lolita-Mini, ein Hingucker für ältere Geilspechte, aber auch für junge Mädels, die in der falschen Welt von Social Media Idealmaßen und sonstigen kruden Stereotypen nacheifern. Da wärs doch gut, in Zeiten juveniler Egomanie eine toughe Freundin an der Seite zu haben, die so aussieht, als wäre sie von einer TikTok-KI zusammengeschustert. M3GAN 1.0 hat diese Aufgabe im erfolgreichen Einstand von Blumhouse noch viel zu ernst genommen. Um die neunjährige Cady, die ihre Eltern verloren hat und nun bei ihrer technikaffinen Tante wohnt, zu beschützen, tut Megan alles, und zwar wirklich alles. Auch anderen Lebewesen tut sie einiges an.

Vom Science-Fiction-Horror ist drei Jahre später nichts mehr zu sehen. Was bleibt, ist Science-Fiction, und eine relativ brandaktuelle obendrein. Da uns alle die Geißel der KI global zum Fortschritt drängt, um unser Leben einfacher zu machen als möglich und gesund wäre, kann der Paradigmenwechsel natürlich nicht spurlos am Filmbiz vorbeiziehen. Hier gibt es bereits einiges, das noch weit vor dem KI-Zeitalter pessimistische Vorausbetrachtungen auf Schiene setzen konnte. Das beginnt schon bei Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum, wenn ein menschenmordender Computer doch nur seine Pflicht erfüllen muss und dabei über Leichen geht. M3GAN 2.0 verbindet mit Bord-Intelligenz HAL 2000 zumindest die Denkweise. Genau das kann uns vielleicht irgendwann gefährlich werden. M3GAN allerdings, anfangs als körperlose KI im Elektronikhaushalt von Gemma (Allison Williams, Get Out) herumgeisternd, dürfte aus ihren Fehlern gelernt haben und auf die gute Seite wechseln, ganz so wie Arnold Schwarzenegger in Terminator 2: Tag der Abrechnung, der allerdings nicht sein eigenes Tun reflektierte, um ein besserer Roboter zu werden, sondern mit gänzlich anderen befehlen im Oberstübchen Mr. Flüssigmetall die Hölle heiß macht. Megan muss in filmischen zeiten wie diesen gegen eine metallene Antagonistin antreten, die noch mehr so aussieht wie ein Mensch und so kämpft wie Kristanna Loken in Terminator 3: Rebellion der Maschinen. Ist das Ganze also eine Parodie auf Filmreihen wie diese?

Jein. Gelegentlich wühlt M3GAN 2.0 im Schrottplatz für wiederverwertbare Robotik-Versatzstücke, jedes Mal mit einem „Wow! – Was hab ich da gefunden!“ unterlegt. Nicht hörbar zwar, aber von entsprechender Tonalität. MEGAN rauscht bald wieder, diesmal etwas größer, durch geheime Laboratorien, gelenkig wie immer und scheinbar kurz davor, die Seiten zu wechseln, denn was weiß man: auch KIs sind launisch. Der augenzwinkernde Humor kommt diesmal nicht zu kurz, und ja, es ist eine Komödie, knallbunt, chromglänzend und vor allem eines: äußerst entspannt. Diese launige Lust am Triezen von allem, was glaubt, am Ende der Fortschrittskette zu stehen und es besser zu wissen, wird auf triviale Weise zum Guilty Pleasure – ohne aber wie die Netflix-Serie Black Mirror tief im verstörenden Horror einer möglichen Zukunft zu wühlen. Gerard Johnstones Film, stark eingefärbt mit dem Kolorit der digitalen Zerstreuung, fühlt sich an wie ein Smalltalk zu brisantem Thema, der in anspruchsloser Spiellaune diverse Worts-Case-Szenarien karikiert. Das passiert völlig unangetrengt und entwischt dabei einem Genre, in dem es thematisch nichts mehr zu holen gibt. M3GAN 2.0 steht dazu – und zuckt nur mit den künstlichen Schultern.

M3GAN 2.0 (2025)

The Old Guard 2 (2025)

DIE ZEIT HEILT KEINE WUNDEN

3/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: VICTORIA MAHONEY

DREHBUCH: GREG RUCKA, NACH SEINER GRAPHIC NOVEL

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: CHARLIZE THERON, KIKI LAYNE, UMA THURMAN, MATTHIAS SCHOENAERTS, HENRY GOLDING, CHIWETEL EJIOFOR, MARWAN KENZARI, VERONICA NGO, LUCA MARINELLI U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Im Wartezimmer für Dummverkaufte sitze ich hier und kann es kaum glauben, dass The Old Guard 2 mich hier einfach so mir nichts dir nichts aus dem Couch-Auditorium wirft. Nach bescheidenen 104 Minuten ohne Schmackes, sehr viel serientypischem Gerede und einer in die Länge gezogenen Handlung komplettieren Netflix und Skydance einen halbfertigen Film, der nichts anderes zuwege bringt als den Unmut der Betrachter auf sich zu ziehen. Ist das nun die neue Methode zur Kundenbindung? Zur Geldmacherei? Um kreative Defizite zu einem Thema zu übertünchen, indem man ein Abenteuer so dermaßen ausdünnt, dass es für zwei Filme reichen soll? The Old Guard 2 fühlt sich so an, als würde man einen verlängerten Verlängerten bestellen, mehr Wasser als Kaffee, ein Gschloder auf gut wienerisch, weil sonst nichts mehr da ist von dem guten gemahlenen Bohnenzeugs.

Dabei war 2020 noch alles relativ eitel Wonne. The Old Guard lieferte während der Covid-Lockdowns Eventkino für die eigenen Mattscheiben-Quadratmeter, mit einer überzeugend sportlichen und agilen Charlize Theron, die sich in die Rolle der Jahrtausende alten Andromache so gut wiederfand, als wäre sie tatsächlich älter als sie vorgibt zu sein. Sie war eine der Unsterblichen, einer Handvoll Auserwählter, die im Laufe der Menschheitsgeschichte dem Wohl unserer Spezies dienen und als Aufpasser fungieren, natürlich mit dem Benefit, jeden noch so gearteten Todesfall heillos zu überstehen. Die Comics von Greg Rucka, die als Vorlage dienten, sind dabei explizit gewalttätig, intensiv und akkurat konzipiert, Regisseurin Gina Prince-Bythewood (The Woman King) brachte das martialische Ensemble, das gerne auch mit mediävalen Waffen um sich wirft, souverän in den Live Act. Mit von der Partie auch Matthias Schoenaerts und KiKi Layne (If Beale Street Could Talk) sowie Chiwetel Ejiofor – bekannte Gesichter also, die ähnlich den Eternals aus dem MCU so manche Geschicke lenken. The Old Guard handelt von Leben, Tod und dem Geschäft mit der Wunderheilung, es geht um Liebe und Vertrauen und der Unmöglichkeit, das Werte wie diese tatsächlich die Jahrhunderte überdauern können. Im folgenden Aufguss, wofür auch diesmal wieder Greg Rucka das Drehbuch lieferte und keiner weiß, warum auf diese Art, mag der von den USA gerne bediente niedere  Motivator der Rache das Feld dominieren. Uma Thurman, die sich nur zaghaft zurück ins Filmbiz bewegt, darf als erste Unsterbliche nichts aus ihrer langen Lebenszeit gelernt und wiedermal bewiesen haben, dass Erfahrung noch keinen weisen Menschen macht. Ihr Ego-Trip wird für alle zum Verhängnis, einstmalige Verräter werden wieder zu Verbündeten und eine lange verschollene Bekannte von Andromache, unfähig zur Aussprache, kocht ihr eigenes Süppchen. Stereotype Verhaltensweisen also in einem gedehnten Stück Fantasy-Action, in dem lange Rede kurzen Sinn ergibt.

Wie hätte man den Film nicht straffen können. Was wäre falsch daran gewesen, das Finale Grande der Storyline nicht auch noch in The Old Guard 2 zu packen? Man sieht, wie konstruiert und bemüht das Fragmentieren eines Filmes wirkt. Heruntergekürzt auf 104 Minuten, wären hier locker zweieinhalb Stunden drin gewesen, eine normale Länge heutzutage für einen hochbudgetierten Blockbuster. Weniger Leerlauf, mehr Spannung und das dramatische Ende obendrauf – fertig eine abgeschlossene Geschichte zur Befriedigung aller. Ein ganzer, kompakter Film, vielleicht nicht ganz perfekt, aber rund – und nicht so, als hätten andere absichtlich getrödelt, um das Zeitfenster zu verpassen. Den Trend der mutwilligen Dehnung sieht man schon bei 28 Years Later, der einem Rausschmiss des Publikums nach der Halbzeit gleichkommt. Erfüllend ist das nicht, und noch weniger, wenn keiner mehr einen Hehl daraus macht, aus keiner Notwendigkeit heraus einen Film zu stückeln, dessen Fortsetzung sowieso, wie bei Netflix üblich, ungewiss scheint. Schlimmstenfalls hätte man ein Fragment, das keiner braucht, eine Unsitte in der Filmbranche. Vom großen Kino ist man da weit entfernt.

The Old Guard 2 (2025)

Deep Cover (2025)

NUR NICHT AUS DER ROLLE FALLEN

7/10


© 2025 Amazon Prime Video


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: TOM KINGSLEY

DREHBUCH: BEN ASHENDEN, ALEXANDER OWEN, DEREK CONNOLLY, COLIN TREVORROW

CAST: BRYCE DALLAS HOWARD, ORLANDO BLOOM, NICK MOHAMMED, PADDY CONSIDINE, SEAN BEAN, IAN MCSHANE, SONOYA MIZUNO, OMID DJALILI U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Vom Elben Legolas ist nicht mehr viel übrig: Orlando Bloom hat sich längst von seiner ikonischen Rolle aus Der Herr der Ringe entfernt und in Filmen mitgemischt, die meist blutig, todernst und kriminell zur Sache gehen. Nach einigen Auftritten im Fluch der Karibik-Franchise als William Turner (nicht der Maler) findet der Brite nun prompt in einem situationskomischen Frontalangriff seine neue jüngste Paraderolle. Denn Komödie, die kann er. Erstaunlich gut sogar. Das aber gelingt ihm vorallem deswegen, weil er sich selbst parodiert, auf die Schaufel nimmt, sein Image des distinguierten Beau mit der selbstironischen Handkantenqualität eines Bad Guy kreuzt und durch eine übertriebene Ernsthaftigkeit so viel Sinn für Humor entwickelt, dass sich selbst Bryce Dallas Howard, die längst schon Erfahrungen im Komödienfach gesammelt hat (darunter Argylle), schwertut, um mitzuhalten. Doch es gelingt ihr, auch dem dritten im Bunde – es ist Nick Mohammed, den einige vielleicht noch nie am Schirm hatten, den Fans der Serie Ted Lasso aber wiedererkennen werden. Alle drei sind in Deep Cover ausgesuchte Außenseiter, verkannte Loser und vom Leben delogiert.

Blooms Figur des Marlon ist ein von allen unterschätzter Schauspieler, der sich gerne mit De Niro und Pacino vergleicht und das Method Acting liebt, will heißen: Niemals aus der Rolle zu fallen. Doch keiner hat auf einen wie ihn gewartet, außer vielleicht Impro-Künstlerin Kat, die schon seit Jahrzehnten im stillen Kämmerlein ihr Kabarettprogramm schreibt und ansonsten bühnenaffines Freizeitvolk im Improvisieren unterrichtet. In diesen Theaterkeller verirrt sich auch der gemobbte It-Experte Hugh, einer mit Null Ahnung, was Pointen überhaupt sind und stets zur richtigen Zeit das Falsche sagt oder umgekehrt. Die drei finden sich bald in einem verdeckten Polizeieinsatz wieder, angeführt von mit Sterberollen gesegneten Sean Bean, der auf unorthodoxe Weise illegalen Zigarettenhandel aufdecken will. Die drei sehen also ihre Chance gekommen, endlich mal zu zeigen, was in ihnen steckt. Und da am wenigsten Orlando Bloom seine andere Identität aufgeben will und die anderen beiden mitziehen, stecken sie bald bis über beide Ohren in den Machenschaften einer Unterwelt, die mit Drogen handelt und unliebsames Gesocks gerne über die Klinge springen lässt.

Den Text studieren oder improvisieren?

Es sei dabei noch einmal erwähnt, wie selbstironisch sich Orlando Bloom durch den Kakao zieht – kaum zieht er seine Show ab, lässt sich das Lachen kaum verkneifen. Im Grunde hätte er den Film auch im Alleingang gerockt, doch vielleicht wäre dann sein üppig präsentiertes Ego gar zu viel des Guten gewesen. Angenehm nüchtern und erst nach mehrmaligem Hinsehen in seiner Darstellung versiert ist Nick Mohammeds introvertierter Komplexler, den alle nur „den Knappen“ nennen. Deep Cover feiert die kreative Spontaneität, ohne aber sein Ensemble selbst improvisieren zu lassen. Wäre es nicht interessant gewesen, Tom Kingsley hätte ein Drehbuch verfilmt, das völlig offen gelassen hätte, wohin die Improvisation die Handlung geführt hätte? Zu viel Experiment, zu unsicher, aber zumindest ansatzweise avantgardistisch. Man hätte unterschiedliche Versionen filmen und interaktiv aussuchen können, wie die drei reagieren. Doch egal, das sind nur Überlegungen.

Das Skript war zwar strikt vorgegeben, wirkt aber dennoch nicht so, als hätten Bloom, Howard und Mohammed alles penibel auswendig gelernt. Die Pointen sind gut gesetzt, die Lust an der traditionellen Kriminalkomödie, die in den Achtzigern ihre Hochzeit feierte, spürbar. Selbstredend darf man sich keine großen inhaltlichen Sprünge erwarten, auch keine Metaebene oder irgendeinen Tiefgang. Deep Cover ist Unterhaltung für Schenkelklopfer und Hirnauslüfter, zeigt Komödie der Komödie wegen und schenkt Bloom den goldenen Clown für den draufgängerischen Mut und einen unerschütterlichen Glauben, mit falschen Identitäten vor den Gefahren dieser Welt gewappnet zu sein.

Deep Cover (2025)

Final Destination 6: Bloodlines (2025)

DETERMINISMUS MIT SIPPENHAFTUNG

6/10


© 2024 Warner Bros. Pictures, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: ZACH LIPOVSKY, ADAM B. STEIN

DREHBUCH: GUY BUSICK, LORI EVANS TAYLOR, JON WATTS

KAMERA: CHRISTIAN SEBALDT

CAST: KAITLYN SANTA JUANA, TEO BRIONES, RICHARD HARMON, OWEN JOYNER, RYA KIHLSTEDT, ANNA LORE, BREC BASSINGER, TONY TODD, GABRIELLE ROSE, APRIL TELEK, ALEX ZAHARA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Grüß Gott, ich bin der Tod: Wenn Gevatter dich auf dem Kieker hat, reicht es womöglich nicht, wenn man ihm, ganz so wie die legendäre EAV es besingt, einen Jagatee kredenzt. Doch der Sensenmann macht sich in Wahrheit gar nichts aus Hochprozentigem, dafür aber will er, dass die ganzen hundert Prozent derer, die auf seiner Liste stehen, auch über die Klinge springen. In der Horrorfilm-Reihe Final Destination hat der Tod auch nie ein Gesicht. Das, was die ganze Zeit so aussieht, als wären es unglückliche Zufälle, scheint eine höhere Macht, die das Leben und Ableben steuert. Der freie Wille ist nur Illusion. Diesem Determinismus zu entgehen, der uns alle gefangen hält, mag ein Ding der Unmöglichkeit sein. Das geht nur dann, wenn man Gevatter austrickst. Wie die alte Frau in ihrem Häuschen – wir alle kennen den Witz – die, auf die Tränendrüse drückend, einen Deal mit ihrem Schicksal eingeht und den Tod auch schwören lässt, er soll sie doch erst am nächsten Tag nochmal holen. Zur Erinnerung heftet sie den Vertrag an die Tür – und lebt womöglich heute noch.

Damals, 25 Jahre ist es her, sorgte der Horrorthriller Final Destination für schweißnasse Hände – der vorausgeahnte Flugzeugcrash ist mir in Erinnerung geblieben. Diese Katastrophe, vom Schicksal so vorausgeplant, bildete im Jahr 2000 den Auftakt für allerlei bizarre Ideen, wie ein Mensch auf die noch so absurdeste Art und Weise das Zeitliche segnen kann. Dabei zeichnete sich bereits ab: Hat man wohl einen Teil dieser Filmreihe gesehen, kennt man alle. Somit haben wir es hier mit reinstem Effektkino zu tun, das aber auch dazu steht, nichts anderes zu wollen außer den Effekt, den Kick, die blutige Schadenfreude, die Sensation, wenn junge Menschen abnippeln und dabei nicht selten den Kopf, das Rückgrat oder alle Extremitäten verlieren. Zumindest beim Original war die Idee eines vorbestimmten Plans einer alles steuernden Entität ein prickelndes, auch unbequemes Gedankenspiel. Doch was anfangs schon durch war, dient wohl des Weiteren kaum als inhaltliches Füllmaterial. Macht aber nichts. Filme, in denen der Zweck des garstigen Entertainments die Mittel heiligt, und wenn sie auch immer ähnlich sind, taugen zumindest so viel wie eine Achterbahnfahrt am Rummel. Auch die will man immer und immer wieder genießen, sofern schwindelfrei.

Nicht ganz so schwindelfrei mag wohl der eine oder andere Besucher eines dem Donauturm ähnlichen, schicken Luxus-Restaurants sein, genannt Skyview Tower. In den Sechzigern lässt sich Iris von ihrem Freund Paul zur Eröffnung dieser sensationellen Lokalität liebend gerne einladen, mulmiges Gefühl beim Einsteigen in den Fahrstuhl hin oder her. Und natürlich hat die junge Dame sogleich die Vision einer verheerenden Katastrophe, ausgelöst durch eine Münze, die in den Lüftungsschacht gerät. Wie Zach Lipovsky und Adam B. Stein die Materialschlacht mit zahlreichen Todesopfern inszenieren, kann sich sehen lassen. Das beste dabei: Wenn man glaubt, spektakulärer wird es wohl nicht, braucht man sich nur vorstellen, was passiert, wenn ein MRT-Gerät im nächstgelegenen Krankenhaus verrückt spielt. Das tut weh, höllisch weh. Abermals durften sämtliche kreative Köpfe im Ideenpool plantschen, damit es auch diesmal wieder Unfälle gibt, die man so noch nicht gesehen hat. Es verhält sich wie mit den Filmen der Saw-Reihe: Selbes Prinzip, selbes Muster, auch hier sollte sich bestenfalls keine der Foltermethoden wiederholen.

Final Destination 6: Bloodlines meldet sich also nach Jahren wieder zurück aus dem Scheintod und will diesmal auch mehr Story liefern. Mit Bloodlines ist sowieso schon alles gesagt: Folglich trifft es diesmal die Erben der dem Tode Entwischten. Auf kuriose Weise ist das nur logisch und auch durchdacht, wenngleich die Stringenz dabei im Laufe der Handlung verlorengeht und der Tod bald selbst seine eigenen Regeln nicht mehr befolgt. Anyway, bei Filmen wie diesen ist das egal. Blut muss fließen, Schädel müssen brechen, und Baumstämme sind schwer. Dass das ganze mehr zum körpersaftigen Hoppala-Overkill mutiert als zum unheilvollen Horror ausartet, ist auch kein Geheimnis. Wer’s mag, ist hier nicht fehl am Platz. Gesehen, schadenfroh grinsend geekelt und vielleicht vergessen. Es sei denn, man muss bald zum MRT.

Final Destination 6: Bloodlines (2025)

The Woman in the Yard (2025)

DIE PSYCHE IM SONNENLICHT

4/10


© 2025 Blumhouse


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAUME COLLET-SERRA

DREHBUCH: SAM STEFANAK

KAMERA: PAWEL POGORZELSKI

CAST: DANIELLE DEADWYLER, OKWUI OKPOKWASILI, PEYTON JACKSON, ESTELLA KAHIHA, RUSSELL HORNSBY U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Normalerweise beschäftigt sich Regisseur Jaume Collet-Serra eindeutig mehr mit hemdsärmeligen Actionthrillern, kunterbunten  Gehversuchen im DC-Universum oder halblustigen Dschungelfahrten. Auch der eine oder andere B-Movie-Horror geht auf seine Kappe – doch so etwas wie The Woman in the Yard ist im Grunde völlig fremdes Terrain. Was hat Collet-Serra also dort verloren, in diesem metaphysischen, spielfilmlangen Arthouse-Konstrukt, in dieser Homestory einer mysteriösen Heimsuchung, die sich trotz ihrer fantastischen Elemente ernüchternd profan gibt. Ein Psychothriller aus dem populärwissenschaftlichen Nachschlagewerk über psychologische Krankheitsbilder, gerne wohl einsortiert im wohnzimmerlichen Einbauschrank, falls mal irgendetwas mit Vater, Mutter oder Kind nicht stimmen sollte. Und ja, in diesen vier Wänden läuft vieles nicht mehr, wie es sollte, nachdem der gute Ehemann und Vater bei einem Autounfall ums Leben kam. Ramona (Danielle Deadwyler, u. a. Till – Kampf um die Wahrheit) stemmt mehr schlecht als recht den Haushalt und betreut ihre nun halbwaisen Kinder, Mädel und Bub, wobei letzterer seiner jüngeren Schwester immer wieder Angst einjagt.

Das aber wäre das geringste Problem, da die am Unfall beteiligte Mutter, selbst noch in der Rehabilitationsphase, den Alltag nur schwer auf die Reihe bekommt. Unbezahlte Rechnungen, ein desolates Auto und ein leerer Kühlschrank mobilisieren den Ausnahmezustand, Strom gibt’s auch keinen mehr und gerade in diesem Moment, wo man wirklich keine anderen Probleme mehr benötigt, bekommen die drei Besuch von einer Unbekannten. Unweit des Hauses, vor dem Zufahrtsweg, sitzt eine komplett in Trauerflor gehüllte Dame in einem eigens mitgebrachten Stuhl. Sie sitzt hier bei strahlendem Sonnenschein und wartet. Was das zu bedeuten hat, lässt sich nicht so recht in Erfahrung bringen. Ramona will die Verhüllte zur Rede stellen, doch diese spricht nur davon, dass dies nun endlich der Tag sei. Welcher Tag? Was wird passieren? Wie eine Prophetin aus einer anderen Dimension markiert sie als eine Botin des Schicksals den Wendepunkt einer Existenz voller Selbstvorwürfe, Schuldgefühle und ohnmachtsanfälliger Depressionsschübe.

Diese einer Ahnfrau nachempfundene Schreckensgestalt hat ein großes Problem: Sie ist nicht konsistent. Die Figur in ihrer Erscheinung passt nicht zu ihrem Handeln. Natürlich schaffen Drehbuchautor Sam Stefanak und Collet-Sera einen hohen Faktor des Unberechenbaren, doch genau darin wirkt The Woman in the Yard wenig durchdacht. Mal wirkt das Horrordrama wie moderner Gothic-Grusel, dann aber bemüht man psychologischen Surrealismus, der die bislang subtile Erzählweise in plakativer Bedeutungsschwermut übermalt und übertüncht. Als sinnbildliches Psychodrama will The Woman in the Yard zu viel abbilden und überlässt so gut wie nichts der eigenen Vorstellungskraft. Die generischen Charakterbilder einer vom Schicksal gebeutelten Familie genießen hier keinerlei Fine-Tuning, und so wird klar, dass Collet-Sera im Eigentlichen auf einer ganz anderen Klaviatur spielt, auf einer eher soliden, physisch und nicht psychisch starken. Die Schwäche in der Handhabung eines so schwerwiegenden Stoffs, für die es behutsame Dramaturgie braucht, verursacht ein vertracktes Durcheinander voller Budenzauber und langen Schatten – das ist weder neoromantisch noch empathisch, sondern vor allem verwirrend und allzu grob durch diverse Realitäten jagend.

The Woman in the Yard (2025)