There’s Something in the Barn (2023)

ZORN DER WICHTEL

5/10


TheresSomethingInTheBarn© 2023 capelight pictures


LAND / JAHR: NORWEGEN 2023

REGIE: MAGNUS MARTENS

DREHBUCH: ALEKSANDER KIRKWOOD BROWN

CAST: MARTIN STARR, AMRITA ACHARIA, KIRAN SHAH, ZOE WINTHER-HANSEN, TOWNES BRUNNER, CALLE HELLEVANG LARSEN, HENRIETTE STEENSTRUP, PAUL MONAGHAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Kurz vor Weihnachten ein neues Leben zu beginnen ist kein gut gewählter Zeitpunkt. Zu Weihnachten ist das Vertraute gerade recht, da will man’s gemütlich haben, will sich besinnen, und nicht die Zeit mit Unerwartetem verbringen, das plötzlich ins geerbte Haus schneit. Diese Unterkunft besaß einst der Onkel des nach Amerika ausgewanderten Bill (Martin Starr), der einem Brand in seiner Scheune zum Opfer fiel. Am Anfang des Films wird uns Zusehern sofort klar: Was da in dieser Bretterbude bereits den Oheim zur Weißglut trieb, soll auch der nächsten Generation zum Verhängnis werden. Irgendetwas ist da in der Scheune, so der übersetzte Titel dieser Horrorcomedy, die sich auf ganz gemütliche Weise den Mythen und Legenden Skandinaviens widmet und diese mit einem Home Invasion-Szenario in Verbindung bringt, welches wir alle aus den Gremlins-, Critters– und Zombie-Franchise kennen. Ob There’s Something in the Barn auf irgendeine Weise Althergebrachtes auf neue Wege bringt? Mitnichten.

Dieses neu erworbene Domizil samt Scheune liegt inmitten einer verschneiten Mutter Natur – etwas Schöneres kann man sich rund um Weihnachten gar nicht wünschen. So meinen es zumindest Mama und Papa – die pubertierende Teenager-Tochter sehnt sich nach dem urbanen Jet-Set und verbarrikadiert sich todunglücklich in ihrem Zimmer, der jüngere Sohn aber hat ein Händchen fürs Paranormale – und knüpft Kontakt mit einem wichtelartigen Elf, der in besagter Scheune haust. Mit etwas Geschick und Einfühlungsvermögen lassen sich Wesen wie diese leicht manipulieren und zu gutmütigen Heinzelmännchen abrichten – wenn man darauf achtet, gewisse Parameter einzuhalten. Natürlich geht das schief. Gerade zu Heiligabend, wenn Papa aufgrund eines misslungeneren Festtagsmenüs die vom Sohn vorbereitete Hafergrütze verputzt, die eigentlich für den Elf bestimmt war, setzt es statt Süßem eben Saures. Wie wütend Wichtel dabei werden können, ist bereits aus dem Märchen Schneeweißchen und Rosenrot bekannt, wenn der Bart einer ganz ähnlichen, zwergenähnlichen Gestalt im Stamm eines gefällten Baumes festhängt. So richtig rabiat wird auch dieser kleine Knilch hier, und wenn schon der Hass auf die undankbare Menschheit groß genug ist, lässt sich dieser auch mit anderen teilen. Es dauert nicht lange und mordlüstern schnaufende Zipfelmützenträger stürmen das traute Heim.

Bei den Gremlins wäre es ein leichtes gewesen, die kleine grüne Apokalypse aus schabernaktreibenden Langohren zu vermeiden. Auch in Magnus Martens alles anderen als stillen Nacht ist der Zorn der Wichtel nur der Quotient aus fehlendem Respekt und mangelnder Anpassungsfähigkeit in einem Land, in welchem manche Dinge eben anders laufen als in Übersee.

Exzentrische Fantasy, die mit dem Horror kokettiert und sich in das streng saisonale Genre des Weihnachtsfilms einschleicht, sind ein gefundenes Fressen für Leute, die der schönsten Zeit des Jahres gerne auch noch eine metaphysische Ebene abgewinnen wollen, die weniger mit Nächstenliebe und Familiensinn zu tun hat. Hier mag das nicht ganz ungerechte Finstere, das sich allerdings dazu bekennt, ohne Licht nicht zu existieren, mangelnde Tugend bestrafen, wie Knecht Ruprecht oder der gute alte Krampus. Des Menschen Gier, des Menschen Unachtsamkeit – sie sind die Beweggründe für manch Monströses aus missachteten Legenden, das die uns bekannte Realität heimsucht. Krampus zum Beispiel wird zum schneestöbernden Mindfuck, die skandinavische Weihnachtsgeschichte Rare Exports – einer meiner Lieblinge – lässt den Ur-Weihnachtsmann auf lakonische und schwarzhumorige Art und Weise von der Leine. Viel mehr gibt’s da eigentlich nicht, alles weitere gerät zu profaner Action. There’s Something in the Barn ergänzt zwar das Subgenre der sinistren Weihnachtsfantasy auf unmissverständliche Weise, bleibt aber hinter den Erwartungen zurück. Wichtel wüten zu lassen ist eine Sache – wie der Mensch darauf reagiert eine andere. So ist der Konflikt zwischen magischer und realer Welt zwar anfangs mit reichlich Suspense ausgestattet, meidet später aber die feine Klinge. In grobem Hickhack werden die Wichtel übers Feld geschickt, zähes Schauspiel und banale Drehbuchseiten lassen das gewisse Etwas vermissen. Als schales Wintergemetzel vielleicht brauchbar, die geliebten Deko-Elfen im eigenen Heim haben letztendlich aber mehr Seele als jene, die zum Hammer greifen.

There’s Something in the Barn (2023)

Sick of Myself (2022)

DIE SYMPTOME DER GELTUNGSSUCHT

6/10


sickofmyself© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN 2022

BUCH / REGIE: KRISTOFFER BORGLI

CAST: KRISTINE KUJATH THORP, EIRIK SÆTHER, FANNY VAAGER, FREDRIK STENBERG DITLEV-SIMONS, SARAH FRANCESCA BRÆNNE, INGRID VOLLAN, STEINAR KLOUMAN HALLERT, ANDREA BRAEIN HOVIG U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


So mancher und so manchem wird dieses Gefühl vielleicht fremd sein – ich selbst aber kenne das von früher, als ich noch nicht wusste, worum es im Leben eigentlich gehen sollte: Das Gefühl einer selbstwertgefährdenden Niederlage, die daraus resultiert, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Alles dafür getan zu haben, aber doch nicht wichtig genug zu sein. In einer Gesellschaft, in der man den Wert des Menschen eigentlich nur über seine Leistung definiert, und wenn nicht darüber, dann über das Geld, sollte man sich selbst genug sein. Das schützt vor so mancher Schmach oder dem Umstand, dass einem beim Versuch, alle Blicke auf sich zu ziehen, die Puste ausgeht. Andere wollen um jeden Preis – und wirklich um jeden Preis – die Aufmerksamkeit aller. Wollen bewundert, und wenn nicht bewundert, dann bemitleidet werden, weil sie ein Opfer bringen oder Opfer von irgend etwas anderem geworden sind. Das ist schon pathologisch. Und diese Art krankhafte Geltungssucht, die hat nun ein Gesicht. Und zwar ein entstelltes.

In der norwegischen Psychosatire Sick of Myself kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn klar wird, dass dieser betriebene Exzess zugunsten eines zweifelhaften Ruhms durchaus realistisch sein kann. Im Mittelpunkt – und dieser wird ihr den ganzen Film hindurch nicht genommen – steht eine junge Frau namens Signe, die mit ihrem Freund zusammenlebt, der in der Kunstszene schon zu einigem Renommee gekommen ist. Das schmeckt Signe, die „nur“ in einer Bäckerei arbeitet und sonst kaum Hobbys hat, gar nicht. Auch sie will gesehen, gehört und bewundert werden, so wie ihr Freund. Und sobald sich alles um ihn dreht, findet sie Mittel und Wege, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das beginnt noch mit kleinen, perfiden Spielereien, wie zum Beispiel dem Vortäuschen einer Lebensmittelallergie. Als das auch nicht mehr zieht, beschafft sie sich auf illegalem Wege obskure russische Medikamente, die bei kontinuierlicher Einnahme zu horrenden körperlichen Schäden führen. Sprich: Der Weg zum Quasimodo ist geebnet, Signe macht sich, wie der Titel schon prophezeit, selbst krank und tut so, als käme diese Pein aus heiterem Himmel. Ihr Gesicht ist vernarbt, der Körper voller Flecken. Der Freundeskreis ist, so wie wir im Publikum, abgestoßen und fasziniert zugleich. Zeigt Mitleid und Bewunderung, wie Signe es meistert, damit umzugehen. Bald schon erscheint ein Artikel in der Zeitung, doch das ist unserer „Patientin“ nicht genug. Sie will noch mehr Aufmerksamkeit. Sie will den Ruhm und die Wichtigkeit, die andere haben, nur nicht sie. Wohin das führt? Zur Frau im Essigkrug.

Die Idee des bei den letztjährigen Cannes Filmfestspielen in der Kategorie Un Certain Regard gezeigten Werks des Autorenfilmers Kristoffer Borgli ist eine, deren filmische Umsetzung recht reizvoll erscheint, ist doch das Thema eines, das den Zeitgeist trifft und das Phänomen Social Media auf seine Grundmotivationen herunterbricht. Die Freakshow um einen Minderwertigkeitskomplex und seine Folgen zieht in seinen Bann, man kann nicht wegschauen, man kann nur verblüfft staunen, wie sehr ein flüchtiger Wert wie Ruhm ein Leben ruinieren kann. Und dennoch ist Sick of Myself etwas einseitig geraten. Wir beobachten Signes selbstkreierten Leidensweg lediglich aus ihrer Sicht, ihr Lebensentwurf ist der einzige, der im Film zur Verfügung steht. Somit sucht die Satire keinen Diskurs, sondern wirkt selbst wie ein Beipackzettel für ein Medikament, dass hochgradig suchtgefährdend ist. Auf die Dauer wird die Chronik der Ereignisse redundant, und nur vereinzelt gibt es erhellende Spitzen. Im ähnlich positionierten Satiredrama Not Okay von Quinn Shephard mit Zoey Deutch als Lügenbaronesse findet der moralische Konflikt viel effizienter statt, während Sick of Myself kaum Wert auf ein Echo legt. In Not Okay gibt eine alternative Weltsicht kontra und lädt zur vehementen Auseinandersetzung mit den Prioritäten des Lebens. Das mag vielleicht gefälliger sein, dafür aber eingängiger. In der norwegischen Groteske allerdings entbehrt die Gesellschaft keine helfende Hand, und auch den Unterschied zwischen Realität und Fiktion muss man erst erlernen, führt die Mixtur aus beiden anfangs zu einiger Konfusion. Später hat man den Dreh raus, nur Signe nicht. Für Erkenntnis bleibt kein Platz, doch immerhin hat der Freak seine Blase gefunden.

Sick of Myself (2022)

The Middle Man – Ein Unglück kommt selten allein (2021)

ZUERST DIE SCHLECHTE NACHRICHT

6,5/10


the-middle-man© 2020 BULBUL FILM / THE MIDDLE MAN FILMS INC / PANDORA FILM


LAND / JAHR: NORWEGEN, DEUTSCHLAND, DÄNEMARK, KANADA

REGIE: BENT HAMER

BUCH: BENT HAMER, NACH DEM ROMAN SLUK VON LARS SAABYE CHRISTENSEN

CAST: PÅL SVERRE HAGEN, TUVA NOVOTNY, ROSSIF SUTHERLAND, KENNETH WELSH, PAUL GROSS, TROND FAUSTA, NINA ANDRESEN BORUD, BILL LAKE, AKSEL HENNIE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Renovierungsbedürftige Fassaden, bröckelnder Verputz. Schimmel, Wasserflecken und vergilbte Tapeten. Ein Inventar wie vom Flohmarkt, Aktenordner, die das Chaos in einem Büroraum bestimmen, der wohl mehr als Notlösung für ein heruntergekommenes Archiv herhalten kann als für ein zum Wohlbefinden der Mitarbeiter evaluierter Arbeitsplatz. In dieser von sozialer wie finanzieller Unterstützung benachteiligten Kleinstadt Karmack inmitten des größten Industriegebietes der USA, dem sogenannten Rust Belt, ist der wortwörtliche Rost, der Siff und der Verfall fast schon eine Art Sehenswürdigkeit – nämlich auf eine Weise, wie Bent Hamer sie zelebriert. Als dekoratives Element zur Versinnbildlichung einer lange an der seelischen Gesundheit seiner Figuren kratzenden Vergänglichkeit. Denn Karmack ist ein Ort des Schreckens. Oder besser gesagt: ein Epizentrum des Unglücks. So hat diese leicht kafkaeske Kleinstadtbürokratie auch den Platz eines Middle Man vorgesehen, der die unangenehme Aufgabe übernehmen soll, an den Türen der Bürger zu läuten, um diesen das Ableben ihrer Angehörigen zu verklickern. 

Frank Farelli ist der einzige Bewerber für diesen Job. Seine phlegmatische Ausstrahlung und das rationale Verhalten, welches er an den Tag legt, könnten der Sache dienlich sein. Doch vor allem ist endlich wieder Arbeit angesagt, und noch dazu macht ihm Sekretärin Blenda schöne Augen. Doch wie es der Zufall will, scheint Karmack plötzlich von Unheil verschont zu bleiben. Zumindest vorerst. Um dann mit Anlauf zuzuschlagen und eine Kettenreaktion auszulösen, die damit beginnt, dass sein bester Freund Steve im Rahmen einer Auseinandersetzung unglücklich stürzt und so ins Koma fällt. Nun muss er die traurige Nachricht dessen Vater überbringen. Auch kein leichtes Unterfangen. Und der asoziale Irre, der das ganze Schlamassel verursacht hat, läuft frei herum, ohne dafür belangt werden zu können.

Über Bent Hamers skurriler 50er Jahre-Schrulle Kitchen Stories ist zwar auch schon etwas Gras gewachsen, doch zumindest ist mir diese noch in Sachen Stimmung und Setting gut in Erinnerung geblieben. Man kann also meinen, Norwegen ist überall, wenn man nur genauer hinsieht. So ist es diesmal besagtes Industrieviertel – und selten noch ist es einem Film wirklich gelungen, Amerika nicht so aussehen zu lassen wie Amerika, sondern wie eine völlig autarke, in Brauntönen kolorierte Örtlichkeit. All die Figuren, die da auftreten, erinnern mitunter an die starren Pop-Up-Individuen aus Roy Anderssons bühnenhaften Kunstwerken. Bei Hamer ist die Geschichte aber nicht episodenhaft, sondern durchgehend und lebendiger, vielleicht auch weniger schräg als vermutet, dafür umso kummervoller. Der Fokus liegt auf dem sozial etwas ungelenken Unglücksraben Frank, dargestellt von Pål Sverre Hagen, der vor allem durch seine Performance als Thor Heyerdahl in Espen Sandbergs und Joachim Rønnings Kon-Tiki Insidern des Euro-Kinos bekannt sein könnte. Ein bisschen was von Rita Falks Eberhofer könnte er auch aufgeschnappt haben, und wie bei den bayrischen Provinzkrimis geht es auch in The Middle Man – Ein Unglück kommt selten allein vorrangig um soziale Absonderlichkeiten des Alltags, um gesellschaftliche Automatismen und einer gewissen, allen Anwesenden inhärenten Unaufgeräumtheit. Daraus entstehen seltsame Situationen und kuriose Zufälle, die aber alle neben der Spur passieren. The Middle Man ist Tragikomik mit versponnenem Lokalkolorit, ist mit penibel arrangierten Versatzstücken urbaner Verwahrlosung ausgestattet und recht langsam erzählt. Letzten Endes könnte fast schon ein Thriller daraus geworden sein, doch so weit würde ich nicht gehen. Dafür ist das Frustpotenzial in diesem lakonischen Film doch eher endenwollend, was The Middle Man aber nicht schlechter, sondern vielleicht nur sympathischer macht. Und weniger schadenfroh.

The Middle Man – Ein Unglück kommt selten allein (2021)

Troll (2022)

DER BERG KOMMT ZUM PROPHETEN

4,5/10


troll© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: NORWEGEN 2022

REGIE: ROAR UTHAUG

BUCH: ROAR UTHAUG, ESPEN AUKAN

CAST: INE MARIE WILMANN, KIM S. FALCK-JØRGENSEN, MADS SJOGARD PETTERSEN, GARD B. EIDSVOLD, ANNEKE VON DER LIPPE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Alle, die mich kennen, wissen womöglich: Ich liebe Monster. Und alles, was sich als phantastisches Wesen deklarieren lässt. Von den Gremlins bis zu Godzilla, von Tinkerbell bis Thanos. Ehrfurchtsvoll verbeuge ich mich vor den mythologischen Wesen der alten Welt, wo es von Orks, Riesen, Zwergen und auch Trollen nur so wimmelt. Apropos Trolle: Der erste, bereits im Sommer in Umlauf gebrachte Trailer von Roar Uthaugs Giganten-Event zündete bei mir die Vorfreude: Ein aus Felsen und Erde geformte Naturgewalt schält sich auch dem norwegischen Fjell. Was für eine Optik. Und endlich wieder Trolle, lange nachdem Der Hobbit-Hype verklungen war und André Øvredals Trollhunter die Filmaufnahmen ihres Lebens – oder Ablebens – gemacht hatten. Nicht zu vergessen: Die metaphysische Mystery Border von Ali Abassi gewann den stampfenden, großnasigen Waldschraten plötzlich ganz andere Blickwinkel ab, wenngleich auch etwas zu eigenwillig, um vollends zu begeistern. Nun allerdings ist die Urform wieder zurück: Mächtiger, lautstärker und brachialer denn je. Wo der Riese hintritt, bleibt kein Grashalm mehr auf dem anderen, und so manches Haus in der Einschicht könnte Pech haben, nach des Wesens Durchmarsch nur mehr zur Hälfte aufzuragen.

Wenn also Paläontologin Nora mit ihrem verpeilten und esoterisch angehauchten Papa staunend in der Landschaft steht und dabei zusieht, wie sich aus dem Nichts ein von wirbelnden Gesteinsbrocken umkreister Hüne sein Haupt aus der niederen Botanik hebt, so ist das eine Szene, für die es sich tatsächlich lohnt, Troll auf dem Schirm zu haben. Nur… das wars dann aber auch. In diese eine Szene hat Uthaug (u. a. Tomb Raider mit Alicia Vikander – oder eben The Wave) all das hineingesteckt, was den Reiz eines Filmes wie diesen ausmachen kann. Dabei ist das Creature Design besonders gelungen, wenn nicht gar ein Meisterstück leidenschaftlicher Monstermacher, die den sympathischen Koloss nahtlos in die unwirtliche Umgebung betten, ohne eine falsche Schattierung zu setzen, das Wesen zu blass wirken zu lassen oder gar ungelenk. Der Troll ist so lebendig wie all die kleinen staunenden Menschleins um ihn herum. Und birgt doch so viel Geschichte aus lang vergangenen Epochen. So ein Schrat, der macht Märchen wahr und schlägt das rationale Denken der Besserwisser ins Koma.

Was dann aber mit diesem Film passiert, wird der grandiosen Kunst der Creature Artists leider nicht gerecht. Oder anders gefragt: Was genau lässt sich am Mythos Troll denn so sehr missverstehen? Es fängt damit an, dass die leisen Töne, dass die geheimnisvolle Existenz solcher Wesen, vorschnell zugunsten routinierter Action verdrängt werden. Den Inhalt dieses Films muss man daher auch nicht sonderlich lang erklären. Monster ist da, bewegt sich auf Hauptstadt zu. Menschen setzen alles ein, um Monster zu töten. Paläontologin Nora weiß es besser, hat aber im Grunde auch keine Ahnung, was der Troll hier soll. Das ist der Plot, und dieser ist so hanebüchen erzählt, dass selbst die krude Story aus Godzilla II: King of Monsters wie eine literarische Vorlage wirkt. Uthaug gibt sich mit einer Geschichte zufrieden, die sich lediglich aus Formeln zusammensetzt, die für dieses Genre üblich sind. Dabei passieren Logikfehler, die der Troll gar nicht alle niedertreten kann. Klassische Bell-Helikopter mit tonnenschweren Glocken durch die Gegend zu schicken ist nur einer davon.

Mit den nordischen Mythen und den Erwartungen zu spielen wie Andre Øvredal es getan hat, mit dem Troll auf Tuchfühlung zu gehen und seine wahren Beweggründe auszukundschaften: Das wäre der Sinn eines Films wie diesen gewesen, zwischen Düsternis, Magie und schlummernden Geheimnissen. So aber verhökert Troll alles, was einen Mehrwert gehabt hätte, vorschnell und unter militärischem Dauerfeuer. Das ist langweilig, und ergibt am Ende auch keinen Sinn mehr.

Doch immerhin: Diese eine eingangs erwähnte Szene, die bleibt im Gedächtnis. Und inspiriert mich auch für mein eigenes gezeichnetes Bestiarium. Man muss nur auf Netflix zu Minute 34 gehen – und die wenigen Sekunden wirklich guten Monsterkinos genießen. Bevor es wieder vorbei ist.

Troll (2022)

Wild Men

EIN MANN FÜR ALLE FELLE

5/10


wildmen© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, NORWEGEN 2021

BUCH / REGIE: THOMAS DANESKOV

CAST: RASMUS BJERG, ZAKI YOUSSEF, BJØRN SUNDQUIST, SOFIE GRÅBØL, MARCO ILSØ, JONAS BERGEN RAHMANZADEH, HÅKON T. NIELSEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Wo, wenn nicht in Norwegen, lässt sich die Rückkehr des archaischen Männerbildes besser zelebrieren? Man nehme zum Beispiel die beeindruckend in Szene gesetzte Legende von Ragnar Lodbrok her: ein Wikinger durch und durch. In der höchst erfolgreichen Serie Vikings dürfen tätowierte Kahlköpfe mit Rauschebart die Axt und sonst was schwingen. Es fließt Blut jede Menge, Ehre und Verrat wechseln sich auf verlässliche Weise immer wieder ab. Da weiß man wieder, was das für Männer waren. Männer, die es heutzutage nicht mehr gibt. Denn heutzutage zwängen sich Männer viel lieber in ihren Slim Fit-Anzug, schlüpfen in ihre Designerschuhe und schmeißen stundenlange Meetings. Oder aber sie ackern scheinbar endlos als Workaholic vor irgendwelchen Bildschirmen und sind zwar Meister der Informatik, haben aber sonst ganz vergessen, wie es sich anfühlt, in einen Ameisenhaufen zu steigen, einen Speer zu schnitzen oder eine Flamme zu entfachen, und zwar mit Zunder und Feuerstein.

Konnte das Ragnar Lodbrok auch? Vermutlich – wir wissen es nicht, und Martin, der gerade bis über beide Ohren in einer Midlife Crisis steckt, weiß es auch nicht, will aber der Sache auf den Grund gehen. Also lässt er Frau und Kind einfach im Stich und zieht von Dänemark nach Norwegen in die Wildnis. Dorthin, wo ihn niemand findet. Er wechselt seine Kleidung gegen Felle und lässt fast alles, was ihn sonst auch nur irgendwie an die müde Alltagsblase erinnert, hinter sich (außer seines Mobiltelefons: das ist für den Notfall, versteht sich). Womit er jagt, das sind Pfeil und Bogen. Doch das Besitzen dieser Dinge heißt nicht gleich, dass Mann damit umgehen kann. Martin kann es nicht und würde sonst verhungern, würde er nicht ab und an in den nächsten Tankstellenshop einfallen und Essbares rauben wie seinerzeit die vorbildlichen Männer aus grauer Vorzeit. Wenig später findet er in den Wäldern den verletzten Musa – einen Kriminellen, dem nicht wohlgesonnene Drogenschmuggler auf den Fersen sind. Die folgen dem Duo bald über die Berge, und auch die Polizei ist bald hinter Martin her, genauso wie dessen desperate Ehefrau, die dem Gatten ordentlich die Leviten lesen will.

Mit einer psychologisch durchdachten Komödie über das Scheitern eines überzeugten Aussteigers ist Wild Men vom Dänen Thomas Daneskov nur bedingt zu vergleichen. Oder aber auch gar nicht. In den ersten Szenen, in welchen ein bewusst unfreiwillig komischer Rasmus Bjerg nicht nur mit der Krise eines ereignislosen Alltagslebens hadert, sondern auch mit dem Vorhaben, dem Ideal des harten Mannes nahe zu sein, spielt Daneskov bereits die höchsten Karten aus. Der Einbruch in den Supermarkt ist das ironische Zeugnis eines Selbstbetrugs – aus dieser Situation hätte man ein tragikomisches Survivaldrama bergauf und bergab jagen können. Doch leider will der Regisseur etwas anderes. Er will eine kauzige Krimikomödie drehen, die sich trotz der ungewöhnlichen Ausgangssituation dem normalen Genrealltag des Kinos mehr anbiedert als für diese Thematik zu empfehlen gewesen wäre. Da jagen stereotype Verbrecher hinter Martin und seinem Schützling her, von der anderen Seite kommt die Staatsgewalt mit unmotivierten Polizisten, die zu Feierabend daheim sein wollen. Alles schön und gut, und ja – ganz nett. Aber dafür, dass der Film so klingt, als wäre er eine komödiantische Mischung aus Beim Sterben ist jeder der Erste und City Slickers, angereichert mit dem eigentümlichen und gerne sarkastischen Humor Skandinaviens, fällt Wild Men viel zu gezähmt aus. Oder soll genau das der ironische Witz sein?

Wild Men

The Innocents

NEHMT DEN KINDERN DAS KOMMANDO

6,5/10


theinnocents© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN, DÄNEMARK, GROSSBRITANNIEN 2021

BUCH / REGIE: ESKIL VOGT

CAST: RAKEL LENORA FLØTTUM, ALVA BRYNSMO RAMSTAD, MINA YASMIN BREMSETH ASHEIM, SAM ASHRAF, MORTEN SVARTVEIT, KADRA YUSUF, LISA TØNNE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Schön, dass Kinder bereits in jungen Jahren ihrer Talente offenbaren. Da können Eltern gleich einhaken und mit dem Fördern beginnen, vorausgesetzt, der Nachwuchs legt wert darauf. In der Welt des fiktionalen Kinos gibt es aber schon seit jeher auch Fähigkeiten, die aus normalen Menschen letzten Endes Superhelden machen – oder die Geißel unserer Zivilisation. Das sind dann die klassischen Antagonisten, gegen die Superman, Batman oder die Avengers losziehen können – erwachsene Menschen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Die auch nicht nur ans Jetzt denken, sondern auch an all die Konsequenzen, die sie vom Zaun brechen, würden sie über die Stränge schlagen.

Alles beginnt aber mit dem juvenilen Entdecken der eigenen Skills. Und wir können froh sein – wirklich heilfroh sein, dass das, was es im norwegischen Horrordrama The Innocents zu sehen gibt, nicht wirklich passieren kann. Denn wenn doch, wären Kinder an der Macht, die die Welt, so wie wir sie kennen, abschaffen könnten. Da bliebe uns nur noch zu hoffen, dass jemand, der ähnliche Kräfte besitzt, als Menschenfreund durchgeht und ein gewisses gesundes Verständnis für Gerechtigkeit und das Gute hat. Im Science-Fiction-Thriller Brightburn passiert das genau nicht. Ein Junge mit extraterrestrischen Superkräften hat Spaß am Bösen, und das scheinbar grundlos. Die Macht über alle anderen ist das einzige, was ihn antreibt. Helden auf der guten Seite bleiben hier aus. Und auch eine Schule wie die von Professor Xavier gibt es nicht. Das wäre zumindest mal ein Ansatz, um all jene, die nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft, im Umgang mit diesen zu unterrichten. In The New Mutants zum Beispiel fristen elternlose Teenager in einem ominösen Waisenhaus ihr Dasein zwischen imaginären Albträumen und ärztlicher Kontrolle. Doch auch als Teenager ist man schon einen Schritt weiter, um ein gesünderes Verständnis für den Umgang mit anderen zu haben als hier, in diesem eiskalten Kinderfilm, der die illustren Fähigkeiten sämtlicher Mutanten aus sämtlichen Comicserien nur belächeln kann. All das scheint wie ein Kindergeburtstag, während das echte Leben kleine Teufel gebiert, die Damien aus Das Omen das Wasser reichen können, ohne dabei aber auf den Leibhaftigen selbst zurückgreifen zu müssen.

The Innocents von Eskil Vogt, Drehbuchautor von Der schlimmste Mensch der Welt und Thelma von Joachim Trier, bleibt zumindest letzterem thematisch treu, begibt sich aber auf den unschönsten und unwirtlichsten Pfad, den man nur einschlagen kann, will man von paranormalen Fähigkeiten und deren Nutzern berichten, die noch weit davon entfernt sind, Verantwortung für sich und ihre Umwelt zu übernehmen. Dabei stoßen nicht alle Kinder, die hier zwischen den Wohnhäusern einer Siedlung nahe am Waldrand gemeinsam die Zeit verbringen, auf seltsame Veränderungen ihrer geistigen Motorik. Da gibt es Ida und ihre autistische ältere Schwester Anna, die keinerlei Worte artikulieren kann und nur so vor sich hin stöhnt. Da gibt es Aisha, die mit Anna, die über telekinetische Fähigkeiten verfügt, in mentaler Verbindung steht. Und da ist Ben, ein von den Eltern misshandelter, emotional verwahrloster Junge, der nicht nur ebenfalls die Kraft beherrscht, Gegenstände allein mit dem Willen zu bewegen, sondern eben auch Menschen dazu bringt, Dinge zu tun, die sie niemals tun würden. Anfangs scheint dieses Kuriosum allen Freude zu bereiten. Die Kids experimentieren und probieren, Autistin Anna blüht geradezu auf. Bis es zu einem tragischen Vorfall kommt, der daraus resultiert, dass Kinder auf dem Weg der Erkenntnis über sich selbst nicht allein gelassen werden können.

Die triste Wohnbausiedlung, erinnernd an Krysztof Kieslowskis Zehn-Gebote-Dekalogie, bietet den Schauplatz für einen garstigen und nahe an der Grenze zum Erträglichen ausgetragenen Krieg der Knöpfe. Hier ist das Phantastische so nahe an der schmerzlichen Realität wie möglich, und dennoch zeigt sich Vogt auf vertrauliche Weise fasziniert von der Wechselwirkung so mancher paranormaler Fähigkeiten, die manchmal auch zum humanistischen Benefit gereichen. Kinder, denen die weitreichende Bedeutung ihres Handelns selten bewusst ist, die im Jetzt existieren und im sozialen Überleben oder in emotionalem Chaos zu drastischen Mitteln greifen, sind mit Superkräften wie diesen nicht weniger gefährlich als bis an die Zähne bewaffnete Kindersoldaten in der Anarchie eines Dritteweltlandes. Nach Bennys Video von Michael Haneke ließ bislang selten ein Film den Notstand so verstörend widerhallen wie das unbequeme, hässliche Psychogramm kindlicher Sonderlinge, die im fröhlichen Spiel eines sonnigen Nachmittags den stillsten Showdown aller Zeiten entfesseln.

The Innocents

Der schlimmste Mensch der Welt

DAS LEBEN IM KONJUNKTIV

7/10


schlimmstemenschderwelt© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: NORWEGEN, FRANKREICH, SCHWEDEN, DÄNEMARK 2021

REGIE: JOACHIM TRIER

BUCH: JOACHIM TRIER, ESKIL VOGT

CAST: RENATE REINSVE, ANDERS DANIELSEN LIE, HERBERT NORDRUM, MARIA GRAZIA DIE MEO, HANS OLAV BRENNER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Kennt ihr den Begriff Hättiwari? Ist natürlich was typisch Österreichisches. Ein Wort, dass sich zusammensetzt aus „Hätte ich“ und „Wäre ich“. Ein Hättiwari ist jemand, der sichtlich Schwierigkeiten damit hat, sich für die eine oder andere Sache zu entscheiden und entweder gar nichts tut oder das, was er tut, ganz plötzlich abbricht. Auf diese Art kommt man im Leben kaum vorwärts, denn entschließt man sich mal für eines, bleibt das andere auf der Strecke. Was aber, wenn das andere besser gewesen wäre als das eine? So stehen diese Menschen vor geöffneten Türen, die alle recht einladend wirken, die sich jedoch, sobald eine Schwelle übertreten wird, für immer schließen. So ein Mensch ist auch das Fräulein Julie – eine gerade mal 30 Lenze zählende junge Frau, die verschiedene Dinge bereits ausprobiert hat – vom Medizinstudium über Psychologie bis hin zur Fotografie und dazwischen ein bisschen bloggen. Julie steht oft neben sich, crasht mitunter sogar Partys, zu denen sie gar nicht eingeladen wurde und liebt einen Comiczeichner, der es mit der Sprunghaftigkeit seiner Partnerin allerdings gut aushält. Der viel weiß und gerne erklärt. Der irgendwann aber auch nicht mehr tun kann, als zuzusehen, wie Julie den Entschluss fasst, auch in Sachen Beziehung die Schwelle zu wechseln. Kann ja sein, dass Frau etwas versäumt.

Wenn Cannes Preisträgerin Renate Reinsve (Beste Darstellerin 2021) als Julie nach dem Einwerfen von Magic Mushrooms den Boden unter den Füssen verliert, sagt das sehr viel über ihr Leben aus. Warum, fragt sich Joachim Trier, und nimmt seine charmant und gewinnend lächelnde Protagonistin unter die Lupe. Dabei hat seine Julie, anders als Thelma in seinem gleichnamigen, etwas anderen Coming of Age- Mysterydrama, keinerlei anomalen Fähigkeiten, stattdessen aber viele Eigenschaften, die sie fahrig und unentschlossen machen. Eine Figur, wie sie zum Beispiel Greta Gerwig gerne verkörpert hat – als herzensgut, freundlich, unaufdringlich intellektuell und ordentlich verpeilt. Und nicht nur Renate Reinsve erinnert an die US-amerikanische Schauspielerin, die nunmehr lieber Regie führt: Der schlimmste Mensch der Welt entscheidet sich für einen Stil, der sehr an Noah Baumbach erinnert. Es wird viel geredet und diskutiert; die soziale Inkompetenz, die sich aus dem Widerstand gegenüber gesellschaftlichen Trends ergibt, entscheidet über Ende und Anfang von Beziehungen. Zwischen hippen Bobos, die sich im Mansplaining ergehen, und den Selbstverwirklichungen anderer hängt Julie als jemand, der nicht fähig ist, Selbstvertrauen zu entwickeln, in den Seilen. Für dieses Psychogramm nimmt sich Joachim Trier Zeit und entwickelt Geduld, ohne jene des Publikums zu strapazieren. Auch wenn sich in diesem Beziehungsdrama vieles im Kreis bewegt und nicht wirklich im Sinn hat, eine Geschichte vorwärtszubringen, die einen Wandel beschreibt, bleibt Julie als eine kleine Ikone nachstudentischer junger Erwachsener attraktiv und interessant genug, um tatsächlich und wirklich erfahren zu wollen, was genau sie zögern lässt.

Der schlimmste Mensch der Welt ist pointiert geschrieben, unaufgeregt und spontan. Mit kleinen inszenatorischen Spielereien und sanfter Symbolik illustriert er Julies Leben ein bisschen wie eine Graphic Novel. Mit mehr als einer Prise erotischer Freiheit, die wiederum mit dem französischen Erzählkino der Novel Vague kokettiert, beobachtet Triers Portrait eines Lebens im Konjunktiv einen Zustand, aus dem es mit eigener Kraft kein Entkommen gibt. Was bleibt, ist, wie am Ende des Films lakonisch illustriert, die Fähigkeit, sich vorzustellen zu können, was gewesen wäre.

Der schlimmste Mensch der Welt

The North Sea

ROHSTOFFJUNKIES AUF ENTZUG

5/10


northsea© 2022 Koch Films


LAND / JAHR: NORWEGEN 2022

REGIE: JOHN ANDREAS ANDERSEN

CAST: KRISTINE KUJATH THORP, HENRIK BJELLAND, ROLF KRISTIAN LARSEN, BJORN FLOBERG U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Diesmal ist es nicht das Verschulden eines multinationalen Ölkonzerns wie BP, der im Falle der Katastrophe von Deepwater Horizon bis heute ganze Küstenstriche Nordamerikas auf dem Gewissen hat. Diesmal ist es die Erde selbst, die sich räuspert – in spürbaren Bad Vibrations tief unterhalb des Meeresspiegels, und genau dort, wo norwegische Ölplattformen das Gebiet bereits durchlöchert haben wie einen Schweizer Käse. Bei so viel Perforation mag Gaia die lästigen Kletten gerne abschütteln – was sie auch tut. Das große Krachen beginnt, Öl sprudelt hoch und zeigt sich brennbar, während der Stahlbeton ächzt und knarrt und alles irgendwann irgendwie explodiert. Bevor es aber so weit kommt, gelingt dem fiktiven Konzern Ekofisk, seine Belegschaft per Helikopter in Sicherheit zu bringen – bis auf einen Mann, natürlich selbstloser Familienvater mit ehrbarem Gewissen, der im letzten Moment noch das letzte Bohrloch dicht machen will, bevor Schlimmeres passiert. Nun: es passiert Schlimmeres, Wasser dringt in den Schacht, die Helis sind längst weg. Geht natürlich nicht, dass genau die Bezugsperson für uns Zuseher hier eines frühzeitigen Todes stirbt. Diese verschanzt sich und hofft auf Rettung, die gegen jedwede Vernunft auch in die Wege geleitet wird.

Einige haben’s schon immer gewusst, dass dieses getriebene Schindluder mit den maritimen Ressourcen irgendwann nicht mehr ungestraft bleiben kann. Regisseur John Andreas Andersen (The Quake) lässt den fossilen Brennstoff auf eine Weise über die kräuselnden Wellen schwappen, dass einem fast mulmig wird. Und es wird klar: eine so verheerende Ölpest kann uns jederzeit blühen, das ist keine krude Science-Fiction, sondern ein greifbares Szenario, ungefähr so wie der allseits bereits prophezeite Blackout, der uns bald wieder mit Feuerstein und Zunder hantieren lassen wird.

Abgesehen von diesen mahnenden und durchaus finsteren Blicken in die Zukunft, die ebenfalls und nicht zuletzt auch den radikalen Pragmatismus diverser Konzernverantwortlicher abmahnt, findet Andersen sehr schnell den Abschneider von der unangenehmen globalen Thematik auf den effektiv-abenteuerlichen Trekkingpfad eines ganz persönlichen Survivaltrips. Dabei greift The North Sea tief in die Trickkiste. Einige Szenen können in ihrer Opulenz durchaus mit Emmerichs Desastermovies mithalten, da braucht sich niemand verstecken. Wenn die Bohrinsel in sich zusammenstürzt, entbehrt das nicht eines gewissen Showeffekts, der einsetzt, wenn kontrollierte Sprengungen desolater Wohntürme zum urbanen Publikumsrenner werden. Beeindruckend, dieses viele Feuer und der ganze Schutt. Weniger beeindruckend: die relativ banale-Escape-Room-Formel, wenngleich sich der pathetische Öko-Reißer zu einigen wenigen Spannungsspitzen hinreissen lässt, die zum Nägelbeissen einladen. Dabei stellt sich nie die Frage, ob die Helden es schaffen oder nicht, denn in den Werteparametern eines Mainstreamkinos auch aus Europa kann nämlich nicht sein, was nicht sein darf.

The North Sea

Die Königin des Nordens

GAME OF THRONES IN ECHT

8,5/10

 

koenigindesnordens© 2021 Zuzana Panská / SF Studios

 

LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN, DÄNEMARK, ISLAND, TSCHECHIEN 2021

REGIE: CHARLOTTE SIELING

CAST: TRINE DYRHOLM, MORTEN HEE ANDERSEN, SØREN MALLING, JAKOB OFTEBRO, BJORN FLOBERG, THOMAS W. GABRIELSSON, AGNES WESTERLUND RASE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Nein, bei dieser Königin des Nordens handelt es sich nicht um Sansa Stark – Kenner und Freunde der High-Fantasy-Reihe von George R. R. Martin wissen, wen ich damit meine. Doch man braucht längst keine entrückten Welten mehr, will man ähnliche Charaktere in der europäischen Geschichte finden. Natürlich sind historische Persönlichkeiten, noch dazu aus dem dunklen Mittelalters, nur fragmentarisch umschrieben. Also werden die Lücken gefüllt – wie bei der Restauration eines altertümlichen Artefakts, mit der Billigung künstlerischer Freiheit.

Statt Sansa Stark behauptet sich also Margarethe I. über große Teile Skandinaviens – es ist dies die Kalmarer Union, bestehend aus Dänemark, Schweden und Norwegen. Jemals was von Margarethe I. gehört? Ich jedenfalls nicht, und umso dringender schien es mir, mein Allgemeinwissen in Sachen europäischer und dezentraler Geschichte aufzufüllen. Es ist zwar ungefähr klar, was zu dieser Zeit rund um Deutschland und Österreich alles passiert ist – der Norden hingegen stand zumindest bei vielen Gelegenheiten nicht am Programm. Die charismatische Erscheinung der Königin – einnehmend, differenziert und in ihrem Verhalten vollkommen nachvollziehbar dargestellt von Trine Dyrholm – hinterlässt also beim nordischen Adel einen gehörigen Eindruck. Und selbst die Briten denken darüber nach, einer Heirat mit Thronfolgerin Philippa und Margarethes Adoptivsohn Erik zuzustimmen. Als das Bündnis zwischen Briten und der Kalmarer Union kurz davor steht, besiegelt zu werden, taucht plötzlich ein Mann auf, der steif und fest behauptet, Margarethes tatsächlicher Sohn Olav zu sein. Dieses scheinbar inszenierte Schicksal wird die gesamte nordische Politik durcheinanderbringen, während der deutsche Orden bereits die Zähne fletscht.

Ridley Scott hat mit seinem ungewöhnlichen Mittelalterdrama The Last Duel schon alles richtig gemacht. Die Dänin Charlotte Sieling kann das sogar noch besser: Ihr historischer Politthriller könnte bereits jetzt schon eines der filmischen Highlights dieses Jahres sein und sich einen Platz in meinen Bestenlisten gesichert haben. In seiner Düsternis, seiner Intensität und in der Entwicklung der Charaktere, für die es normalerweise ganze Serienstaffeln braucht, Sieling dies aber innerhalb von zwei Stunden lückenlos hinbekommt, ist Die Königin des Nordens eines der besten historischen Dramen der letzten Jahre. Warum? Es gibt zuerst mal einen dicken, roten Faden – das ist die Charakterstudie der Margarethe, die zwischen Familiensinn und dem Wohl der Union so sehr zerrissen scheint, dass sie gar im stürmischen Regen gegen die tosenden Wellen anbrüllen muss. Es ist der etwas dünnere, aber sich ebenfalls durchziehende zweite rote Faden über König Erik – auch er kein Böser und kein Guter, eine gekränkte, aber ehrliche Persönlichkeit. Morten Hee Anderson bietet ganze Breitseiten an inneren und äußeren Konflikten. Um die beiden herum das Geflecht aus Intrigen und Feindseligkeiten, das Zerreißen politischer Lager und unvorstellbarste Konsequenzen, die eine Mutter nur ziehen kann. Unterlegt mit einem wohldosierten dramatischen Score gerät der Norden Europas zu einem unwirtlichen zweiten Westeros, zu einer shakespear’schen Bühne, auf deren Boden Opfer gebracht werden müssen, ohne die Politik anscheinend niemals funktionieren kann.

Die Königin des Nordens

The Trip – Ein mörderisches Wochenende

PAARTHERAPIE DURCH DRITTE

6/10


thetrip© 2021 Leonine Distribution


LAND / JAHR: NORWEGEN 2021

REGIE: TOMMY WIRKOLA

CAST: NOOMI RAPACE, AKSEL HENNIE, ATLE ANTONSEN, CHRISTIAN RUBECK, ANDRÉ ERIKSEN, STIG FRODE HENRIKSEN, NILS OLE OFTEBRO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Am Wochenende sucht man Ruhe und Entspannung. Wenn’s ohnehin schon stressig zugeht, drängt sich die traute Zweisamkeit irgendwo abgelegen an einem See und umgeben von Wald und Wiese richtig auf. An so einem Wochenende kann gar nichts – oder alles passieren. Plüschige Aliens können kommen, wie in Save Yourselves!. Oder ein Psychokiller treibt sein Unwesen und lässt die Zerstreuungswütigen über die Klinge springen, wie Dan Stevens und Sheila Vand in Tod im Strandhaus das gemacht haben. Selbst Comedian Kevin James als bemüht bösartiger Knastbruder nervt in Becky eine Patchworkfamilie, die ohnehin genug Probleme hat. 

Ihr seht, es gibt jede Mange Zeug zum Thema Wochenende in Schieflage, und auch The Trip – Mörderisches Wochenende vom Norweger Tommy Wirkola hat da gar nicht den Anspruch, anders sein zu wollen als all die eben erwähnten genretypischen Produktionen. Wirkola, nicht sehr zimperlich, was seine Filme angeht (Händel & Gretel: Hexenjäger, Dead Snow) bringt in seiner Splatterkomödie die Ehekrise zum Bluten, da sind ihm alle Mittel recht. Und noch schöner ist es, wenn Noomi Rapace, die bereits in seinem originellen Science-Fiction-Thriller What Happened To Monday? in siebenfacher Ausführung ums Überleben gekämpft hat, den Nerv hat, um einer wie aus heiterem Himmel hereinbrechenden Home Invasion handfeste Argumente entgegenzusetzen. Bevor es aber so weit kommt, will „Headhunter“ Aksel Hennie seiner Göttergattin ans Leder – dahinter mag stecken was will, das ist für den Film nicht relevant. Ebenso hegt eine erblondete Rapace wohldurchdachte Pläne, um ebenfalls das Witwendasein zu forcieren. Wenn man doch nur miteinander reden könnte – doch dieser Zug ist abgefahren. Die beiden hätten sich wohl gegenseitig ins Aus manövriert, wären da nicht drei wirklich miese Gesellen, die ordentlich Stunk machen. Frei nach dem Sprichwort Der Feind meines Feindes ist mein Freund muss das Paar wieder ihr eheliches Gelübde ausgraben, welches für schlechte Tage den Zusammenhalt predigt.

Auch wenn The Trip – Mörderisches Wochenende vorzugsweise als respektlose, derbe Komödie zu bezeichnen ist, bleibt dennoch der größte Anteil einem gewalttätigen Thriller geschuldet, der den Hass auf die wirklich bösen Jungs gehörig schürt – um dann in aller Genugtuung dem Blut beim Herumspritzen zuzusehen. Da werden Arme geschreddert und Bäuche aufgeschlitzt, Köpfe weggeschossen und was weiß ich noch alles, natürlich ist das ganze Handgemenge mit Ironie zu genießen und das richtige Quantum an flapsigem Zynismus und lakonischem Humor verleihen der Hämoglobin-Groteske sogar noch sympathische Zwischentöne, vor allem Aksel Hennies Film-Vater könnte der grantige Bruder vom Mann namens Ove sein, so nordländisch geistert die schräge Nebenfigur durch das gar nicht jugendfreie Szenario.

Wirkola liebt den augenzwinkernden Trash, richtet sich ans weniger zartbesaitete Publikum und bietet genau das, was in so einem Genremix auch zu holen ist. Will man sich allerdings wirklichen Hirnideen widmen, die das Töten auf originelle Bahnen hebt, sollte man vielleicht lieber beim Saw-Franchise bleiben. Bei The Trip kommt zum Einsatz, was in einem Ferienhaus mit Garten eben so rumliegt, Rasenmäher inklusive. Doch den gab‘s auch schon bei Becky. Demnach ist der Splatterspaß zwar kurzweilig, aber nicht die eigentliche Attraktion: die findet sich in den kleinen, zwischenmenschlichen Verschnaufpausen, in denen nichts und niemand gewillt ist, die Hoffnung auf eine gute Ehe aufzugeben.

The Trip – Ein mörderisches Wochenende