Under the Skin (2013)

DIE FRAU, DIE VOM HIMMEL FIEL

8,5/10


under-the-skin© 2013 Senator Home Entertainment


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2013

REGIE: JONATHAN GLAZER

DREHBUCH: JONATHAN GLAZER, WALTER CAMPBELL, NACH DEM ROMAN „DIE WELTENWANDERIN“ VON MICHEL FABER

CAST: SCARLETT JOHANSSON, JOE SZULA, KRYŠTOF HÁDEK, ADAM PEARSON, PAUL BRANNIGAN, MICHAEL MORELAND, GERRY GOODFELLOW, DAVE ACTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Der neue Film des Briten stürmt gerade eben die Nominierungslisten der Oscar-Academy: The Zone of Interest. Mit diesem verstörenden Perspektivwechsel auf den vergnüglichen Alltag einer nationalsozialistischen Vorzeigefamilie, die am Rande des Konzentrationslagers Auschwitz ihre Zelte aufgeschlagen hat, mag Jonathan Glazer in seinem erst vierten Spielfilm dem Subgenre des Holocaust-Films neue Aspekte hinzufügen. Nicht all die Opfer würden diesmal für Betroffenheit sorgen, sondern die mit dem Blut an den Händen. Dabei mag am meisten verstören, dass die Identifikationsfiguren diesmal gänzlich fehlen, die glückliche Familie in Braun aber wie der teufel in der Wüste sämtliche Schienen legen möge, um hineinzufinden in einen Alltag, der uns auf unheimliche Weise vertraut vorkommen mag.

Diesem Sichtwechsel, dieses Umstülpen einer narrativen Ordnung, lässt Glazer auch in seinem zehn Jahre zurückliegenden letzten Film alle möglichen Freiheiten, um sich auszutoben. Under the Skin ist Science-Fiction, wie man sie noch nicht gesehen hat. Wie man sie womöglich auch niemals wieder sehen wird. Und die eine diebische Freude daran hat, nichts erklären zu müssen. Im hoch budgetierten Studiofilm wäre so etwas undenkbar, viel zu unorthodox und um Gottes Willen kein bisschen massentauglich. Gut so, denn in dieser Unabhängigkeit eines Künstlers liegen jene Motoren, die die kreative Evolution im Film weitertreiben und nicht auf der Stelle treten lassen, wie es derzeit im Comicfilm zum Problem wurde. Under the Skin ignoriert Schablonen, Versatzstücke und gängiges Vokabular. Es scheint, als erfinde es eine neue, erzählerische Sprache, wie klingonisch oder elbisch – dafür aber in Bildern und einer gegen die Wuchsrichtung gebürsteten Anordnung. Mittendrin in dieser wortkargen Versuchsanordnung einer urbanen Alien-Ballade findet sich jemand, der längst im großen Studiofilm Furore gemacht hat: Scarlett Johansson. Ein Skript wie dieses ausschlagen? Gerade in solchen mutigen Werken liegt die eigentliche Freude am Schauspielern, wenn einem erlaubt scheint, den ganzen Star-Glimmer abzulegen, um die Mutprobe eines ungefälligen Kunststückes zu wagen, das Under the Skin klarerweise darstellt.

Wie schon David Bowie als vom Himmel gefallener humanoider Alien, der dem Mammon und sonstigen menschlichen Versuchungen erliegt, ist Scarlett Johansson ein ähnlich extraterrestrischer Besucher (oder Besucherin, ganz genau weiß man das nicht), der in Gestalt einer attraktiven Frau allerlei Männer anbaggert, diese nachhause abschleppt, seinem Willen unterwirft und in eine schwarze, ölige Flüssigkeit taucht. Dieses Innere der Wohnung ist ein Ort der undurchdringlichen Schwärze, während der Boden zwar nicht für das Alien, für den Menschen aber zu Treibsand wird. In diesem surrealen Nirgendwo möchte man selbst tunlichst nicht vorbeisehen müssen, es ist wie das Tor in eine andere Welt, die gefühlskalt und erbarmungslos als eine übergeordnete Entität dem Dasein des Mannes den Albtraum seiner Vergänglichkeit bereitet. Irgendwann jedoch findet Johanssons aparte Figur Gefallen an dieser Welt, an den Wesen, vor allem an einem unter Neurofibromatose erkrankten jungen Mann (Adam Pearson, A Different Man), der so anders aussieht als alle anderen. Der so anders empfindet, sich anders verhält, der selbst wie ein Alien fremd und ausgestoßen bleibt. Diese Gemeinsamkeit bringt Johansson zum Umdenken. Und in höchste Gefahr.

Was Jonathan Glazer aus dieser allen Gewohnheiten entkoppelten Geschichte macht, grenzt an Horizonterweiterung. Die Kunst der Reduktion, des Nicht-Erklären-Wollens, des Assoziierens und Nachempfindens weniger karger, uns bekannter Verhaltensmuster macht Under the Skin zu einer geheimnisvollen Begegnung mit einer dritten Art, schafft aber gleichermaßen die Studie einer Menschwerdung, angereichert mit humanistischen Überlegungen und die Hinterfragung von Akzeptanz und Würde. Glazers Film ist einer, in dem man sich fallen lassen muss, bei dem es sich lohnt, nichts ergänzen oder analysieren zu wollen. Den man auditiv und visuell erfahren kann, so, als würde man seinen von der Sonne bestrahlten und erhitzten Kopf in kühles Wasser tauchen. Dieser Sinneseindruck, der dabei entsteht, lässt sich mit Under the Skin vergleichen. Was man dann sieht, ist nichts, womit man rechnen wird. Und dann ist da diese seltsame Verstörung zwischen den Bildern, die keine Metaebenen preisgeben, und diese Poesie des Schmerzes, den eine Lebensform empfindet, die sich dem Mysteriösen eines Abenteuers stellt und die Frage aufwirft: Was ist der Mensch, und was ist er nicht?

Under the Skin (2013)

Spaceman: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt (2024)

DIE SPINNEN, DIE KOSMONAUTEN

2/10


SPACEMAN© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: JOHAN RENCK

DREHBUCH: COLBY DAY

CAST: ADAM SANDLER, PAUL DANO, CAREY MULLIGAN, KUNAL NAYYAR, LENA OLIN, ISABELLA ROSSELLINI, SINEAD PHELPS, PETR PAPÁNEK U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Hinter den Jupiter und darüber hinaus durfte schon Kosmonaut Dave in Stanley Kubricks Ewigkeits-Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum reisen, um eine gewisse Wahrheit über unsere Existenz und das ganze Universum zu finden. Und um selbst nochmal wiedergeboren zu werden, als Sternenkind. Nichts geht verloren in den Weiten des Alls, alles ist ein Zyklus aus Vergehen und Werden – da kommt man ins Sinnieren, vor allem dann, wenn der Bordcomputer zum Killer mutiert und alle Besatzungsmitglieder bis auf einen ausradiert. Ins Grübeln kommt auch der tschechische Kosmonaut Jakub Procházka während seines Alleingangs an den Rand unseres Sonnensystems, um eine pinkfarbene Wolke zu begutachten, die womöglich Sternenstaub enthält, der vom Anfang der Zeit stammt. Anders als bei Lovecraft wird diese Farbe aus dem All wohl nicht für physische Mutationen verantwortlich sein, doch wer weiß – das herauszufinden, dafür ist der werdende Vater ein ganzes Jahr lang unterwegs. Warum solo, weiß niemand. Vielleicht, weil Tschechien den Berufsstand des Kosmonauten nicht weiter ausgebaut hat. Vielleicht, weil man nicht einsehen wollte, dass dieses wissenschaftlich gesehen höchst brisante Unterfangen durchaus die Kooperation mit anderen Ländern hätte eingehen sollen. Warum sich „Major Tom“ dieser Challenge annimmt, bleibt ein großes Fragezeichen, auch bis zum Ende des Films hin, der seine entrückte Episode wie im Halbschlaf erzählt, als wäre Kollege Procházka eben aus einem Kryoschlaf erwacht und muss sich erst zurechtfinden in diesem klischeebedingten Ostblock-Raumschiff-Interieur aus Funktelefon, Billigsilikon und buntem Tastenparadies.

Was Spaceman: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt eigentlich soll, würde sich in der literarischen Vorlage von Jaroslav Kalfar womöglich besser erschließen als unter der Regie des schwedischen Chernobyl-Regisseurs Johan Renck. Der bei der heurigen Berlinale uraufgeführte Streifen ist weder das eine, also Beziehungsdrama, noch das andere, nämlich eine erkenntnisgewinnende Weltraum-Odyssee. Wenn, dann letzteres wohl deutlich mehr, und das schon allein dadurch, dass Procházka erkennen muss, dass extraterrestrisches, intelligentes Leben nicht zwingend auf zwei humanoiden Beinen daherstolzieren muss. In diesem Fall entert eine gigantische große Arachnide die engen Räumlichkeiten des Schiffes, ohne aber dem weit von Terra entfernten Homo sapiens ans Leder zu wollen. Diese Spinne, die so gespenstisch danach klingt, als wäre HAL 2000 wieder rebootet worden, weiß anscheinend alles über die Menschheit und den Planeten Erde, hat obendrein Tschechisch gelernt und lockt Procházka mit bedeutungsschwerer Melancholie aus der Reserve. Es fragt sich natürlich: Ist die Spinne nur die Manifestation von Procházkas Geist aufgrund der langen Isolation – oder ist dieses Wesen tatsächlich da? Es fragt sich auch: Wie ist es an Bord gekommen? Und warum schwurbeln die beiden als ungleiche Buddies in eine depressive Stimmung hinein, in der man sich angesichts der rosaroten Wolke besser nicht suhlen sollte?

Wir haben nun den mehr- und glupschäugigen Achtbeiner mit der Stimme von Paul Dano – und den rauschebärtigen Adam Sandler, der einmal mehr und nach seinem Klunker-Thriller Der schwarze Diamant auf Nummer Sicher gehen will, dass ihn keiner mehr für einen oberflächlichen Kalauer-Knaben hält. Die Art und Weise aber, wie er in seiner Rolle als einsamer Abenteurer hineinfindet, hält außer einer tranigen Trauermiene, die zum Ausdruck bringt, das Huhn (in dem Fall wars die Spinne) hätte ihm das Brot weggefressen, keine Variationen in petto. Auf der anderen Seite, auf der Erde nämlich, tut Carey Mulligan genau das gleiche. Sie gibt Procházkas schwangere Partnerin, die zum denkbar unpassendsten Zeitpunkt die Beziehung beendet. Ihre Figur ist ein Sammelsurium verdrießlicher Symptome, die eine Beziehungskrise mit sich bringt. Was Mulligan tut, ist, unergiebige Gespräche mit Lena Olin zu führen und gedankenverloren gen Himmel zu starren. Was Adam Sandler tut, ist gedankenverloren dröge Gespräche mit dem Alien am Laufen zu halten, die, so scheint es, niemanden erquicken. Spaceman ist trotz des vielen leuchtenden Staubs, der bald das Schiff durchdringt, erdrückend substanzlos. Wie ein halbherziges Seufzen ins interplanetare Nirgendwo hinein fühlt sich Rencks Film an, der so tut, als müsse er all die Emotionen, die scheinbar Sandler und Mulligan heimsuchen, mit pseudophilosophischer Bedeutungsschwere analysieren. Die Monotonie des Films killt aber letztlich alles. Weder erschließt sich das Wunder einer mehrfachen Entdeckung noch der Wille zur Zweisamkeit, die Millionen Kilometer überbrücken soll. Bei Spaceman ist es wie am äußeren Rand unseres Sonnensystems: nichts dahinter. Zumindest so lange, bis die mit Ach und Weh heruntergebogenen 108 Minuten vorüber sind.

Spaceman: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt (2024)

Die Farbe aus dem All (2019)

ALLES SO SCHÖN BUNT HIER

7/10


diefarbeausdemall© 2019 Plaion Pictures


ORIGINAL: COLOR OUT OF SPACE

LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: RICHARD STANLEY

DREHBUCH: SCARLETT AMARIS, RICHARD STANLEY, NACH DER KURZGESCHICHTE VON H. P. LOVECRAFT

CAST: NICOLAS CAGE, JOELY RICHARDSON, TOMMY CHONG, MADELEINE ARTHUR, BRENDAN MEYER, JULIAN HILLIARD, ELLIOT KNIGHT, Q’ORIANKA KILCHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


In Wahrheit ist die Welt unbunt. Das merkt man vor allem nachts, wenn das, was wir gerade noch wahrnehmen können, in diffusem Grau versinkt. Das Licht gibt den Dingen dann ihre farbige Besonderheit, je nachdem, wie dieses von der Materie reflektiert wird. Doch selbst dann ist es längt nicht selbstverständlich, das satte Spektrum von Grün und Rot und Blau auch wahrzunehmen. Schließlich gibt es auch Farben, die wir gar nicht sehen können, andere Lebewesen aber schon. Und dann gibt es Farben, zumindest in der Literatur und in den Köpfen dem Phantastischen zugeneigter Kunstschaffender, die, wie der Tscheche Leo Perutz, im Krimi Der Meister des jüngsten Tages exzentrisches Coleur wie das sogenannte Drometenrot erschaffen, das alle in den Wahnsinn treibt, sobald man es erblickt. Der Schriftsteller H. P. Lovecraft gibt sich in seiner Kurzgeschichte Die Farbe aus dem All ebenfalls einem Farbenrausch hin, der weitaus mehr bewirkt, als nur Menschen um den Verstand zu bringen. Näher benannt wird dieses rosarote Leuchten nicht, dafür fehlt den Betroffenen schier die Zeit und die Lust, angesichts des eskalierenden Dilemmas auch noch das Kind des Grauens beim Namen zu nennen.

Lovecraft ist längst Kult, und nicht weniger als Edgar Allan Poe. Der gerade mal 47 Jahre alt gewordene Amerikaner – es starb an Krebs – gilt als der Begründer des Kosmischen oder gar Lovecraft’schen Horrors, dessen Bedrohung sich aus höheren, unerklärlichen und unergründbaren Mächten speist. Der Cthulhu-Mythos, einhergehend mit dem fiktiven Buch namens Necronomicon, wird zum Beispiel eines frühen Franchise, zum erschaffenen Themen-Universum, dem sich zahlreiche Werke unterordnen. Und wenn einem der Name des Buches bekannt vorkommt: Jawohl, dee Schmöker aus Tanz der Teufel heisst ganz genauso – und zweckentfremdet wurde dieser ja auch nicht ganz, denn was das Buch entfesselt, wissen wir.

In Die Farbe aus dem All gibt es kein Buch und kein näher bestimmtes Artefakt. Doch es gibt einen Meteoriten, der mit Karacho in den Garten der fernab urbanen Trubels lebenden Familie Gardner kracht und dabei einen kaum übersehbaren Krater hinterlässt, dem diese eigentümliche, geschmackvolle, rosarote bis lila Farbe entströmt, die alles durchdringt, bedeckt und zu höherem und andersgeartetem Wachstum antreibt. Es mutiert die Botanik, es mutieren die Alpakas in der Scheune. Man darf erwarten, dass das seltsam strahlende Licht so einiges im Bauplan mehrzelligen Lebens durcheinanderbringt. Wie das geht, ist nicht von Belang. Die Frage nach dem Wie und Warum stellt sich nicht. Stattdessen ist Schadenbegrenzung die oberste Agenda von Nicolas Cage, der zusehen muss, wie seine Liebsten bizarren Metamorphosen unterworfen werden – nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Klar ist Papa nicht immun gegen diesen ganzen Zauber. Das Overacting greift um sich, der vielbeschäftigte Neffe Francis Ford Coppolas darf seine Figur endlich einmal ohne Scham überzeichnen, was zwischendurch aber leider ins Lachhafte kippt. Abgesehen davon, dass Cage locker als Schuspielprofi durchgeht, sofern er entsprechend gefordert wird: zu seinen Nieten zählt ein Auftritt wie dieser hier – was der unheilvollen und bizarren Wirkung der wüsten Science-Fiction aber keinen Abbruch tut.

Die Farbe aus dem All wäre das Ergebnis, wenn man John Carpenters The Thing mit Jeff VanderMeers Annihilation (kongenial verfilmt von Alex Garland) kreuzt. Fans von beidem kämen auf ihre Rechnung, der Bodyhorror trägt dabei pink, der Verstand nichts zur Lösung eines verheerenden Problems bei, welches eine Familie in den Abgrund stürzt und wir dabei zusehen sollen. Lovecraft ist schließlich nie einer, der will, dass das mystische wie mythische Verderben dank der Praktizierung menschlicher Werte gebannt wird. Der Mensch bleibt das Opfer und völlig machtlos. Und reicht nicht die Resignation, regiert der Wahnsinn. Der einzige Zustand, um sich mit dem Unerklärlichen zu arrangieren.

So gesehen ist Die Farbe aus dem All von Richard Stanley geradezu erquickend, ich will nicht sagen erfrischend, aber in seiner ausufernden psychedelischen und metaphysischen Bildgewalt ein launiger Horror mit staunenswerten Seltsamkeiten, stets immer nahe zur Groteske, die den Schrecken fast schon verballhornt – wäre da nicht der Erzähler aus dem Off, der wiederum an Poe erinnert und wie ein Gruselgeschichtenerzähler am Lagerfeuer dann doch noch die richtige Stimmung macht.

Die Farbe aus dem All (2019)

Wonka (2023)

IN DER SCHOKO LIEGT DIE KRAFT

7/10


wonka© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: PAUL KING

DREHBUCH: PAUL KING, SIMON FARNABY

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, CALAH LANE, OLIVIA COLMAN, KEEGAN-MICHAEL KEY, JIM CARTER, PATERSON JOSEPH, MATT LUCAS, MATHEW BAYNTON, HUGH GRANT, ROWAN ATKINSON, SALLY HAWKINS, TOM DAVIS, NATASHA ROTHWELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Musicals sind nicht so mein Ding, es sei denn, sie sind von Leonard Bernstein oder Andrew Lloyd Webber. Was Wonka betrifft, so war mir anfangs gar nicht mal bewusst, es hier mit einem Singspiel zu tun zu haben, denn wäre es so gewesen, hätte ich sicher gezögert, den Film auf die Watchlist zu setzen. Timothée Chalamet als jugendlich-hübscher Chocolatier mit magisch-alchemistischen Fähigkeiten wäre an sich schon genug des Zuckergusses, da müsste dieser doch nicht noch zu singen anfangen. Letzten Endes aber war die Lust am Eventkino mit einem seit Call Me By Your Name für Kultcharaktere etablierte Schauspieler und Olivia Coleman als schreckschraubige Hotel-Diktatorin größer als meine Abneigung zu zwanghaft intonierten Drehbuchtexten, die sich oftmals sträuben, gesungen zu werden.

Wonka von Paul King startet sogleich volle Dröhnung mit einem an Jack Sparrow erinnernden Auftakt, in dem der heimatlose Willy Wonka mit voller Motivation und nur wenigen Geldstücken in der Tasche seinem Lebenstraum nur wenige Trippelschritte entfernt scheint: In einer womöglich als London durchgehenden Großstadt will er ein Schokoladengeschäft eröffnen – mit Produkten, die das gewisse Etwas besitzen sollen. In den Galeries Gourmets – dem piekfeinen kulinarischen Zentrum der urbanen Gefilde steht gar eine Lokalität zum Verkauf, sehr zum Missfallen der Konkurrenz, die aus drei irrwitzig überzeichneten Unternehmern besteht, die nicht davor zurückschrecken, unlautere Mittel anzuwenden, um den hageren Virtuosen im auberginefarbenen Mantel zu vertreiben. Zum vorübergehenden Verhängnis wird dem Träumer das Etablissement der grätzigen Mrs. Schrubbes, nachdem dieser das Kleingedruckte in seinem Mietvertrag nicht gelesen hat. Der Schuldenberg ist enorm, also muss er in die Waschküche, wo bereits andere Schuldnerinnen und Schuldner für Jahre ihr Dasein fristen müssen, um sich freizukaufen. Wonka verliert sein Ziel aber nicht aus den Augen und tut sich mit dem Waisenmädchen Noodle zusammen, um sein Schoko-Konfekt so lange unters Volk zu bringen, bis das Geld zumindest reicht, um den süßen Laden zu eröffnen.

Beim Song Nummer eins tauche ich noch mit gutem Willen unter die halbgare Musik hindurch, um bei der nächsten dann doch eines gewissen eingehenden Rhythmus gewahr zu werden, der nicht anders als ansatzweise mitreißend bezeichnet werden kann. Schön, das macht Laune, und diese steigert sich mit den Filmminuten, die mit originellen Ideen selten sparen und klarerweise übers Ziel hinausschießen, wobei man mitunter vermuten und befürchten würde, dass Wonka nicht doch noch ein Griff zur billigen Kochschokolade werden könnte wie vor einigen Jahren das unsägliche Sequel zu Mary Poppins. Obwohl so mancher dem Süßen zugeneigter Bürger die Bodenhaftung verliert, bleibt der Fremdschämfaktor aus. Paul King, der mit Paddington bereits genug Erfahrung im Verfilmen von Kinderbüchern sammeln konnte, hat Roald Dahl eingehend studiert und kennengelernt, um zu wissen, wie dieser wohl ein Sequel wie Wonka verfasst hätte. Und er bringt es auf den Punkt: Sein Film mag zwar an der einen oder anderen Stelle sowohl visuell (die viel zu dünne Flüssigschokolade) als auch dramaturgisch (wie kann sich Wonka plötzlich so ein Geschäft leisten?) ein bisschen auslassen, weil dieser seinen Ambitionen selbst nicht ganz hinterherkommt, in den meisten Fällen aber regiert der Spirit eines unverwechselbaren Schriftstellers, der die Themen von autoritärer Erziehung, Unterdrückung, Freiheit und Willenskraft in liebevoll-bizarre Grotesken verpackt hat. Auch Wonka wird zur Groteske – doch immer nur so weit, um sich nicht den Magen zu verderben bei so viel Süßem. Die drei Antagonisten Slugworth, Prodnose und Fickelgruber (eine Anlehnung an Schickelgruber – die Figur spricht Bände) sind vorzüglich skizzierte Karikaturen, die Mechanik ihrer Machenschaften schönste Verschwörungsliteratur für jüngere Semester und solche, die in knallbunt illustrierten Schnurren polemische Seitenhiebe auf unlauteren Wettbewerb nur zu gerne entdecken möchten.

Alle weiteren Songs tun dann nicht mehr weh, sie sind Teil der Abstrahierung ins Realitätsferne. Mit Hugh Grants Umpa-Lumpa-Auftritt ist die Fantasie komplett, nichts ist mehr real oder lässt sich in die Realität uminterpretieren. Wie ein verschrobenes Zauberspiel von Ferdinand Raimund und all den Versatzstücken, die zukünftig in Roald Dahls Charlie und die Schokoladenfabrik eintauchen werden wie das Marshmallow in den Schokobrunnen, hält Wonka sein Abenteuer dank eines durchwegs gut aufgelegten und synergetischen Ensembles die Story bei der Stange. Vieles hat Witz, manches Detail ist zum Brüllen, Paul Kings tiefe Verbeugung vor einem Star der Kinderliteratur ist wie das Stückchen Schokolade, lässt man sich gemütstechnisch etwas gehen, leichte Glücksgefühle beschert, um wieder auf Spur zu kommen. Die Lust am Süßen muss dabei nicht zwingend damit einhergehen, denn dafür bleibt Wonka auffallend frei von gesetzten Impulsen. Im Gegenteil: Süßes macht dick, Keegan-Michael Kaye als Polizeichef macht die Probe aufs Exempel.

Wonka (2023)

A Great Place to Call Home (2023)

DAS UNIVERSUM HAT NOCH WAS VOR

6,5/10


agreatplacetocallhome© 2023 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: JULES

LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: MARC TURTLETAUB

DREHBUCH: GAVIN STECKLER

CAST: BEN KINGSLEY, JADE QUON, HARRIET SANSOM HARRIS, JANE CURTIN, ZOË WINTERS, TEDDY CAÑEZ, JOSHUA MOORE, ANDY DALY U. A.

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Beim guten alten ALF war es ähnlich. Da krachte das UFO des pelzigen Sprücheklopfers in die Scheune von Willy Tanner, der samt Familie mehrere Staffeln hindurch täglich aufs Neue versuchen wird, erstens den Fremdweltler vor neugierigen Blicken zu verbergen und zweitens den Alltag trotz und mit Gordon Shumway, wie er sich nennt, zu meistern. Ein Heidenspaß auf ganzer Länge. Nimmt man aber Steven Spielbergs E.T. zur Hand, sieht die Sache schon melancholischer aus. Der knorrige Trapezkopf war der beste Freund des kleinen Elliot, und hätte da nicht die Nationale Sicherheit von diesem außergewöhnlichen Besuch Wind bekommen, wäre der Film für jüngere Semester erstens nicht so verstörend und dann auch nicht so tieftraurig gewesen, nämlich so, als würde jemand nicht nur fortgeflogen, sondern eher noch gestorben sein. Ein Kassenschlager war das sensible Düstermärchen dennoch. Und wenn das Ganze schon mit Kindern und Aliens funktioniert – warum dann nicht auch mit jenen, die im Herbst des Lebens stehen und sich so fühlen, als wären sie irgendwo in einer Zwischenwelt, deren nächstes Türchen ins Jenseits führt. So kann man, muss man aber nicht leben, mit über Achtzig und immer noch Lust am Dasein.

Dass Marc Turtletaubs herzige Science-Fiction-Komödie das Rad damit neu erfunden hat, ist allerdings nicht ganz wahr. Kinder der Achtziger erinnern sich sicher noch an Ron Howards Jungbrunnen-Märchen Cocoon: Senioren erhalten ihre innere Jugendlichkeit zurück, nachdem sie in einem Schwimmbecken baden, indem ein extraterrestrisches Artefakt schlummert. Ein wunderschöner, ein kluger und nicht minder herzzerreißender Film, wohl ein Genre-Highlight aus einer Zeit, in der Die unheimliche Begegnung der Dritten Art noch nicht lange zurückliegt und gleißende Lichteffekte dazu beigetragen haben, die richtige Stimmung fürs Außergewöhnliche herbeizuzaubern. Nicht zu vergessen auch Das Wunder in der 8. Straße – kleine Alien-Roboter mischen ein Wohnhaus auf, darunter eben auch betagte Mieter, die tiefe Freundschaft mit dem für Menschen äußerst fremden Lebensformen schließen. A Great Place to Call Home (im Original Jules – warum man hier den Titel hat verändern müssen, bleibt mir schleierhaft) schließt als weiteres, wohltuendes und nur selten weinerliches Werk an die Mysterienspiele rund ums Altwerden und Altsein an, und diesmal ist das Alien kein Trapezkopf, kein leuchtendes Ei im Wasser und kein freches Fellknäuel, sondern ein kleines humanoides Wesen aus den Tiefen des Alls, das leider das Pech und gleichzeitig das Glück hatte, in den von allen neugierigen Blicken abgeschirmten Garten von Milton Robinson bruchzulanden. Die Azaleen, wie der Alte später mehrmals erwähnen wird, sind aufgrund dieses Crashs alle nur noch Kompost, und auch wenn der Witwer beim Gemeinderat sein ungewöhnliches Erlebnis zur Sprache bringt: Es glaubt ihm keiner. Nicht mal die eigene Tochter, die ihren Vater dringend zum Neurologen schickt und mehr genervt zu sein scheint als liebevoll. Nach dem Prinzip, dass nicht sein kann was nicht sein darf, nämlich ein Besuch vom anderen Stern (und daran wird sich meines Erachtens so lange nichts ändern bis Steven Spielbergs Lichtorgel-Szenario wirklich mal eintritt), werden die seltsamen Verhaltensweisen und Ansichten Miltons als Folgen des hohen Alters verbucht. Zwei Damen aus der Nachbarschaft sehen das anders, sehen auch das Alien, wie es auf der Couch im Wohnzimmer Miltons sitzt, durch die Gegend guckt und Apfelspalten schnabuliert, und erfreuen sich zu dritt an diesem Wunder des plötzlichen Abenteuers und der knisternden Spannung, die sich daraus ergibt.

Offen für Neues zu sein, dazu ist es nie zu spät. Da kann man gut und gerne die Gebrechen des Zellverfalls vergessen, da ist nichts mehr wichtig außer der Spaß an der Freude und das Interesse an etwas, das als exklusives Erlebnis den Kreislauf ankurbelt. Ein gemächlicher, manchmal betulicher, aber jedenfalls wohltuender Film ist A Great Place to Call Home geworden. Ben Kingsley als grauhaariger, vielleicht etwas verschrobener Normalo spielt so pointiert wie schon lange nicht, mit kleinen Gesten, der Länge des gelebten Lebens geschuldeten, einstudierten Verhaltensmustern und knautschiger Mimik. Das kleine Wesen aus dem All – und das ist die Stärke in diesem Film – bewahrt sich stets das Geheimnisvolle, Fremde. Da es kein Wort spricht und womöglich über telepathische Kommunikationsformen verfügt, bleibt seine Existenz ein Rätsel, es bewahrt sich das Mirakel des Unerklärbaren, das sich selbst genügt. Marc Turtletaub gelingt es, trotz sichtlicher Verlockungen den Fuß vom Gas zu nehmen. Mag sein, dass sich dadurch sein Film etwas unter Wert verkauft, dass manches beschaulich dahinplätschert und dort, wo Handlungsspitzen sitzen, das Mehr an dramaturgischer Unterfütterung fehlt. Den in sich ruhenden Jules selbst – und vielleicht ist genau das der Punkt worauf es ankommt: Zuhören, ruhen, schweigen, entschleunigen – hat man am Ende trotz aller inszenierter Beiläufigkeit liebgewonnen, man fragt sich am Ende selbst, ob es in Miltons Alter vielleicht tatsächlich überlegenswert wäre, das gelebte Leben hinter sich zu lassen und ins UFO zu steigen. Würde ich das tun? Doch, womöglich schon. Auf zu neuen Ufern, dafür wäre es nie zu spät.

A Great Place to Call Home (2023)

White Zombie (1932)

ZOMBIEMÜHLEN MAHLEN LANGSAM

5,5/10


white-zombie© 1932 Edward Halperin Productions


LAND / JAHR: USA 1932

REGIE: VICTOR HALPERIN

DREHBUCH: GARNETT WESTON

CAST: BELA LUGOSI, MADGE BELLAMY, ROBERT FRAZER, JOSEPH CAWTHORN, BRANDON HURST, CLARENCE MUSE U. A.

LÄNGE: 1 STD 9 MIN


Zombies gibt es wirklich. Ein wissenschaftlich genauer untersuchter Fall aus Haiti soll ausreichend belegen, dass Clairvius Narcisse Anfang der Sechzigerjahre von den Toten wiederauferstand, um als willenloser Sklave über Jahre hinweg Zuckerrohr zu schneiden. Die Möglichkeit, dass hier das Gift des Kugelfisches in entsprechenden Dosen wohl verantwortlich dafür war, dass Narcisse der Tod attestiert wurde, obwohl dieser nur paralysiert war, hat dem Mythos bis heute keinen Abbruch getan. Ganz im Gegenteil: The Walking Dead ist aus der Popkultur nicht mehr wegzudenken, George A. Romeros Schwarzweiß-Klassiker Night of the Living Dead zählt seit 1999 zum erhaltenswerten Kulturgut. Dabei hat White Zombie von Victor Halperin den obskuren karibischen Falls vom auferstandenen Toten bereits in den Dreißigern vorweggenommen. Anscheinend sind der regionalen Legende nach Umtriebe wie diese immer schon gang und gäbe gewesen. Wer also Zombies liebt, sollte dorthin reisen, vielleicht trifft man den einen oder die andere, die schleppenden Schrittes und kaum ansprechbar ihrer Wege ziehen. Doch die klassischen Parameter von den aus den Gräbern kriechenden Toten zur Geisterstunde hat sich längst verwässert. Oft ist es mittlerweile ein Virus, sind es Pilzsporen oder eben reine Chemie, die in diesem nicht unbedingt gut gealterten Klassiker, nach welchem gar eine Hardrock-Band benannt wurde, zum Einsatz kommt. Liest man in der Besetzungsliste Bela Lugosi, lässt sich bereits denken, wer hier Sinistres im Schilde führt. Lugosi hatte schließlich ein Jahr zuvor das Privileg, die Gestalt des perfiden transsilvanischen Blutfürsten Dracula für einige Jahrzehnte zu prägen – bis Christopher Lee kam.

Es ist nicht so, als würden einem die Augen des Schauspielers noch bis nach Ende des Films verfolgen – obwohl sie das eine oder andere Mal formatfüllend ins Bild gerückt werden, nämlich so, als wollten diese ihr Publikum bannen. Das mag zur damaligen Zeit im dunklen Lichtspielhaus vermutlich recht beklemmend gewesen sein, mittlerweile hat der Zahn der Zeit am Furchtfaktor genagt. Unbequem bleibt dieser suggestive Blick, als Überblendung der eigentlichen Szene, aber dennoch. Vielleicht liegt das auch an den unheimlichen, knarzenden, jammernden und klickenden Klängen, die für Unwohlsein sorgen. Mit diesem Score macht White Zombie akustisch gesehen alles richtig. Diese Klangkulisse hat bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren. Wenn dann noch im Restlicht des endenden Tages torkelnde Silhouetten den Studiohügel erklimmen, füttert White Zombie das unbestimmte Gefühl eines nahenden Unheils, dessen letztendliches Wirken unberechenbar bleibt.

Haiti ist auch hier Schauplatz, und Lugosi ein mit sämtlichen Talenten ausgestatteter Landwirt, der mit Zuckerrohr sein Geld macht. Warum er bare aussteigt, liegt vermutlich an all seinen willenlosen Sklaven, die unter Einwirkung eines Gifts zur posthumen Arbeit gerufen werden. Selbst die Protagonistin des Films, Madge Bellamy als Madeleine Short, die auf dem karibischen Anwesen eines Bekannten ihre Hochzeit feiern möchte, wird Opfer dieser Schandtaten, die der Nebenbuhler ihres Zukünftigen in Auftrag gibt. Der Verlobte versucht nun, im Laufe von knappen 70 Minuten, mithilfe eines alternden Professors dem Treiben Lugosis ein Ende zu bereiten und seine Geliebte wieder zurückzugewinnen (was bei herkömmlichen Wiedergängern eigentlich nicht möglich wäre). Vorbei müssen sie an schlecht geschminkten Zombies, die allesamt keine innere Kraft mehr haben, um wirklich in die Offensive, geschweige denn in die Defensive zu gehen. Dass das ganze Brimborium ernstzunehmen wäre, kann ich nicht wirklich behaupten. White Zombie mag zwar kulturgeschichtlich seinen Platz gefunden haben – handwerklich perfekt ist das Werk mitnichten. Dabei sind weniger die technischen Komponenten als vielmehr das enorm zurechtgestutzte Skript und das überzogene Schauspiel eigentlich aller Beteiligten ausschlaggebend. Gut, Bela Lugosi kann man aus seinem heillos überzeichneten, diabolischen Finsterblick keinen Strick drehen – der war schließlich sein Markenzeichen.

White Zombie (1932)

Poor Things (2023)

KINDLICHE NEUGIER AUF DIE FREIE WELT

7/10


poorthings© 2023 Searchlight Pictures All Rights Reserved.


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: YORGOS LANTHIMOS

DREHBUCH: TONY MCNAMARA

CAST: EMMA STONE, WILLEM DAFOE, MARK RUFFALO, RAMY YOUSSEF, CHRISTOPHER ABBOTT, MARGARET QUALLEY, HANNA SCHYGULLA, SUZY BEMBA, JERROD CARMICHAEL, KATHRYN HUNTER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 21 MIN


Ob ein Film gefällt oder nicht, ist stets das Resultat aus momentaner Befindlichkeit, Geschmack und Interesse. Manchmal stört an einem Film auch nur eine Kleinigkeit, und schon kann man sich nur noch schwerlich am Gesehenen erfreuen. Manchmal aber entspricht eine Emotion genau der eigenen und das Werk wird liebgewonnen, ungeachtet unzähliger Unkenrufe aus der breiten Masse. Wie steht es aber um mediale Beeinflussung und Vorschusslorbeeren für ein Werk, das im Mainstream einhellig über den grünen Klee gelobt, von den Medien hofiert und laut allen nur erdenklichen Pressestimmen als phänomenal befunden wird – lässt sich da selbst noch eine eigene Meinung bilden oder ist diese dann, sollte sie nicht in den Tenor einfallen, das Resultat eines künstlerischen Unverständnisses; ein nicht ernstzunehmendes Urteil, da ein Film wie Poor Things sowieso nur gut, wenn nicht gar sehr gut – nein, lieber nur ausgezeichnet sein kann, weil es eben alle sagen. Unbeeinflusst lässt sich Yorgos Lanthimos neuer Film einfach nicht konsumieren. Was Großes wird über die Leinwand flirren, ein feministisches Meisterwerk allererster Güte, ein Bildersturm, dem man sich nicht entziehen kann, mit einer fabelhaften Emma Stone, die alle Stücke spielt und so weiter und so fort.

Ist Poor Things alles andere als gut? Oder doch genauso sensationell? Letzteres käme gelegen, dann wäre man kein nonkonformer Außenseiter, der das anders empfindet. Was bin ich froh, nicht gegen den Strom schwimmen und mit der Möglichkeit umgehen zu müssen, den Film nicht verstanden zu haben. Ihn nicht zu verstehen ist schließlich fast unmöglich, denn wirklich komplex ist weder der Plot noch die zu überbringende Botschaft des Ganzen. Poor Things gestaltet sich wie ein Pop-Up-Märchenbuch für Erwachsene, denn ganz viel Sex darf erwartet werden, der noch dazu vollzogen wird in prächtig ausgestatteten Hotelzimmern oder Kajüten – stehend, liegend, wild herumreitend. Emma Stone gibt sich einer ungenierten, erfrischend frechen Freizügigkeit hin und wirkt dabei niemals obszön oder vulgär. Als wohl eine der besten Schauspielerinnen des aktuellen Filmschaffens – und das kann ich getrost sagen, da bin ich unisono mit den Publikumsstimmen – erobert sie die Herzen, nicht zwingend aber die sexuelle Traumwelt. Vielleicht, weil es vorrangig gar nicht um Wollust geht, sondern einfach und allein um den paradiesischen, endlosen Blumengarten der Freiheit und Selbstbestimmung.

Poor Thing ist – und jetzt ist es draussen – tatsächlich ein guter Film. Neben all der erlesenen, bis ins kleinste Detail opulenten und auch bizarren Ausstattung, die an die frühen Werke Jean-Paul Jeunets oder Tim Burton erinnern (dazu gehört auch zumindest bei Jeunet extremer Weitwinkel oder eben Fischauge) liegt das goldglänzende Kernstück der Fabel in seiner Prämisse, die mit den Stereotypen der Wissenschaft jongliert und dabei manchmal einen der Bälle verliert, denn das ist Absicht. Anfangs ist Yorgos Lanthimos Guckkasten-Operette ohne Gesang noch in Schwarzweiß, denn Bella Baxter – so nennt sich die künstlich geschaffene Figur – kennt die Welt da draußen, jenseits der Räumlichkeiten ihres Ziehvaters Godwin Baxter, überhaupt noch nicht. Wie denn auch – noch bewegt sich Emma Stone wie Pinocchio in seinen ersten Minuten, bringt kaum Wörter über die Lippen, muss alles erst erlernen. Warum das so ist? Als schwangere Wasserleiche aus der Themse gefischt, hat der alte Baxter sie wiederbelebt, indem er der Unbekannten das Gehirn ihres Fötus einsetzt. So hampelt das Kind im Frauenkörper anfangs noch durch die Welt, bis sie von Szene zu Szene immer selbstbestimmter werden, alles entdecken und erleben will. Poor Things ist eine Ode an die Neugier am Leben, auf das Lebenswerte, das sich nur leben und erfahren lässt, wenn man frei ist von Zwängen, Unterdrückung und Besitzergreifung – kurz: frei eben. Nicht mehr, nicht weniger. Lanthimos hat im Grunde eine Coming of Age-Parabel ersonnen, die mit den Klischees einer Mann-Frau-Koexistenz ähnlich umspringt wie Greta Gerwig in Barbie. Während beim zuckerlrosa Geschlechterkrieg-Musical der Mann dazu angehalten wird, sich selbst zu überdenken, will das Frausein hier einfach nur nicht in einem Patriarchat stattfinden müssen. Der Mann – in seiner unzulänglichen Romantik, seiner Eifersucht und seinem absurden Drang zu Besitz und Macht – bekommt die kalte Schulter, an der einer wie Macho Mark Ruffalo immer mehr verzweifelt. Ein schadenfroher Spaß, ihm dabei zuzusehen.

So wirklich traurig ist Willem Dafoe als von seinem eigenen Vater zu Erkenntniszwecken entstellter Mann des Wissens – ein „Almöhi“ des pseudoviktorianischen Englands, gutmütig und unbeholfen nüchtern. Zwischen ihm und Emma Stone entfaltet sich die stärkste Bindung. Hier findet statt, was sonst nur so scheint, als wäre sie da: Das Miteinander, das Geben und Nehmen. Baxter ist sich letztlich selbst genug, und wie geschmeidig und kaum merkbar, wobei letzten Endes aber doch, entwickelt sich das ungebändigte Kind zur selbstbewussten Frau. Es stimmt, Poor Things ist lebens- und wertebejahend, räumt mit dem gebrandmarkten Gewerbe der Prostitution auf und ist vor allem auch, neben all der Gleichnisse, ein Augenschmaus im Arthouse-Kitsch zwischen Steampunk, Pluderärmel und monströsem Kinderbuch. Das Artifizielle allerdings lässt große Gefühle nicht zu. Poor Things gefällt, berührt aber nicht. Bella Baxter und all ihre Männer bleiben in ihrer Blase, und wir in der unseren. Was Poor Things zu sagen hat, ist nicht neu, dafür aber neu bebildert. Wie viel Wirkung hätte der Film noch entfalten können, hätte Lanthimos sein Werk in einer uns bekannten Realität verortet – authentisch, vielleicht naturalistisch und weniger gekünstelt? Er wäre uns damit nähergekommen, Emma Stone hätte den Draht zwischen ihr und uns zum Knistern gebracht. Letzten Endes ist das Blättern in einem prunkvoll ausgestatteten, ledergebundenen Leinwandportfolio ein Genuss, jedoch einer, der sich, genau wie Bella Baxter, einfach selbst genügt.

Poor Things (2023)

Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (2023)

BAUCHFLECK AUF KOSMISCHER URSUPPE

2/10


REBEL MOON© 2023 Netflix


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ZACK SNYDER

DREHBUCH: SHAY HATTEN, KURT JOHNSTAD & ZACK SNYDER

CAST: SOFIA BOUTELLA, CHARLIE HUNNAM, MICHEL HUISMAN, ED SKREIN, DJIMON HOUNSOU, JENA MALONE, RAY FISHER, COREY STOLL, FRA FEE, CLEOPATRA COLEMAN, STAZ NAIR U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


George Lucas wollte sie nicht: Zack Snyder und sein selbst verfasstes Drehbuch zu einer Star Wars- Episode, die einfach gedreht werden musste, weil das Skript so gut sei. Als Arbeitstitel könnte auf dessen Deckblatt auch Die Sieben Samurai im Weltraum gestanden haben, doch das Konzept der zusammengewürfelten Selbsthilfegruppe zur Verteidigung von was weiß ich was allem ist eine gefühlt tausende Male schon interpretierte und letztlich ausgelutschte Sache. Die Saat hätte unter Zack Snyder allerdings neu aufgehen können. Wir wissen, welch ein Visionär der Mann sein kann. Ich schätze seine Ausflüge ins DC-Universum – die Sprache, die er dabei zum Ausdruck brachte, klingt nach jener aus den Comics. Dem Director‘s Cut seiner Justice League räume ich an guten Tagen gar den Status eines Meisterwerks ein. Und 300 – der spartanische Widerstand gegen die Perser: Ein Stück Action-Avantgarde. Doch Snyder ist vermutlich einer, der, angeleitet, Großes vollbringen mag. Der aber, mit sich selbst alleingelassen, nicht so recht weiß, wo er ansetzen und wo er absetzen soll. Bestes Beispiel, nicht zu wissen, mit welchen Dosen er hantieren muss, ist Rebel Moon. Mit Abstand der schwächste Film des eben erst vergangenen Jahres.

Zack Snyder hat jede Menge Potenzial, darüber lässt sich meiner Ansicht nach gar nicht streiten. Was er allerdings nicht kann, zeigt der Auftakt eines Franchise, welches, ist der erste Teil mit einer Länge von knapp zweieinhalb Stunden mal durchgestreamt, zumindest bis zu diesem Punkt nichts und niemanden bereichert. Weder das Genre des Science-Fiction-Films noch die dem Phantastischen zugetane Zielgruppe. Dass da so einiges nicht rund läuft, lässt sich bereits in einer der ersten Einstellungen erkennen. Sofia Boutella, Ex-Mumie und Star Trek-Alien, beackert auf dem Mond Veldt auf vorsintflutliche Weise ein Feld, hinter ihr ein aubergineroter Sonnenuntergang. Irgendeine Bodenfrucht gräbt unsere spätere Heldin dabei aus, während sie Besuch aus dem Dorf bekommt, das eher einer Siedlung gleicht. Das alles hat den Touch einer schlecht beleuchteten Bühne. Sets wie diese ohne Tiefenwirkung unterliegen artifiziellen Effekten, die keine Stimmung vermitteln – nur eine von mehreren Unzulänglichkeiten, die der prognostizierten Epik von Snyders persönlichem Vorhaben im Wege stehen. Die Problematik beginnt zeitgleich mit der Wahl seiner Mittel auch mit dem zugrundeliegenden Plot.

Die ehemalige Elitesoldatin Kora dürfte vor einiger Zeit mit ihrem Raumschiff auf Veldt abgestürzt und von der Gemeinschaft der autarken Bauern aufgenommen worden sein. Ein besserer Weg, um aus einer tyrannischen Maschinerie wie jene des Regenten Basilarius auszusteigen, wird sich wohl kaum finden. Und dennoch reicht der Arm der Mutterwelt sogar so weit, um der archaischen und stark an Nordländer erinnernden Gemeinschaft ein Komitee zu schicken. Admiral Noble nämlich, gespielt von Ed Skrein und seiner Uniform sowie überhaupt dem ganzen Gehabe nach stark an einen gehirngewaschenen Psychopathen aus dem Nazi-Regime erinnernd, sucht wie seinerzeit im Star Wars-Universum der Großinquisitor und seine Handlanger nach Rebellen, die sich hier versteckt halten. Die Bösen verbreiten naturgemäß Angst und Schrecken, während Kora und Gunnar mithilfe des an Han Solo erinnernden Vagabunden Kai entwischen können, um quer durch die Galaxis zu fliegen und Leute zu rekrutieren, die sich später, Seite an Seite mit Zugpferd Boutella, dem Regime in den Weg stellen sollen.

Ein paar bemühte Story-Twists sollen der schalen Geschichte ein bisschen Würze verleihen – leider vergebens. Rebel Moon schmeckt nach nichts. Hat weder Atmosphäre noch Charme noch Wirkung. Eine verdünnte kosmische Ursuppe, die sich frei heraus und mit unverhohlener Dreistigkeit bei gefühlt allen Klassikern des Genres auf eine Weise bedient, die auffälliger nicht sein könnte. Natürlich mischt Star Wars ganz vorne mit, des weiteren Blade Runner, Snyders eigene DC-Filme und Matrix. Snyders gewählter Stil passt vorne und hinten nicht zusammen. Ackerbau und Viehzucht aus stromlosen Zeiten, Mittelalter gepaart mit Steampunk-Monarchismus, griechischen Heldensagen, Harry Potter und antiquarischem High-Tech. Was für ein Hybrid, ein filmisches Kuckuckskind, das überall mitnascht, um nur nichts Eigenes zu entwickeln. In diesem Stückwerk aus angerissenen Welten und mauen Effekten: ein ganzes Ensemble wenig interessanter, geradezu flacher Charaktere, deren Biographien man nicht kennen will, deren Schicksale einem egal sind; die so lieblos aufs Spielbrett gesetzt werden wie Bauernopfer beim Schach. Noch ein Seitenblick auf Star Wars gefällig? Da sind Luka, Leia, Han, Obi Wan und Chewbacca Seelen, die dank ihres Charismas ein ganzes galaktisches System aus ihren Angeln heben können. Blickt man wieder zurück auf Rebel Moon, bleibt nur Schmuck ohne Körper. Langweilig und generisch – fast so, als käme das Drehbuch aus dem Hexenkessel einer KI.

Spätestens, wenn sich Möchtegern-Waterloo Staz Nair mit nacktem Oberkörper allen Zweifeln erhaben auf einen pechschwarzen Greifen schwingt, übertüncht die unfreiwillige Komik letztlich all die halb ausgebackenen Versatzstücke. Die leicht erworbene Selbstgerechtigkeit einer jeden einzelnen Figur steht vielleicht Bat- oder Superman, aber keiner und keinem einzigen in dieser Truppe. Ed Skrein mag da noch wahren, was es zu wahren gibt, als verbissener, aber eindimensionaler Schurke. Dem Rest mag bei der Fahrt durch ein Asteroidenfeld der Parcour gelingen oder auch nicht – die Sorge darüber hält sich in Grenzen.

Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (2023)

There’s Something in the Barn (2023)

ZORN DER WICHTEL

5/10


TheresSomethingInTheBarn© 2023 capelight pictures


LAND / JAHR: NORWEGEN 2023

REGIE: MAGNUS MARTENS

DREHBUCH: ALEKSANDER KIRKWOOD BROWN

CAST: MARTIN STARR, AMRITA ACHARIA, KIRAN SHAH, ZOE WINTHER-HANSEN, TOWNES BRUNNER, CALLE HELLEVANG LARSEN, HENRIETTE STEENSTRUP, PAUL MONAGHAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Kurz vor Weihnachten ein neues Leben zu beginnen ist kein gut gewählter Zeitpunkt. Zu Weihnachten ist das Vertraute gerade recht, da will man’s gemütlich haben, will sich besinnen, und nicht die Zeit mit Unerwartetem verbringen, das plötzlich ins geerbte Haus schneit. Diese Unterkunft besaß einst der Onkel des nach Amerika ausgewanderten Bill (Martin Starr), der einem Brand in seiner Scheune zum Opfer fiel. Am Anfang des Films wird uns Zusehern sofort klar: Was da in dieser Bretterbude bereits den Oheim zur Weißglut trieb, soll auch der nächsten Generation zum Verhängnis werden. Irgendetwas ist da in der Scheune, so der übersetzte Titel dieser Horrorcomedy, die sich auf ganz gemütliche Weise den Mythen und Legenden Skandinaviens widmet und diese mit einem Home Invasion-Szenario in Verbindung bringt, welches wir alle aus den Gremlins-, Critters– und Zombie-Franchise kennen. Ob There’s Something in the Barn auf irgendeine Weise Althergebrachtes auf neue Wege bringt? Mitnichten.

Dieses neu erworbene Domizil samt Scheune liegt inmitten einer verschneiten Mutter Natur – etwas Schöneres kann man sich rund um Weihnachten gar nicht wünschen. So meinen es zumindest Mama und Papa – die pubertierende Teenager-Tochter sehnt sich nach dem urbanen Jet-Set und verbarrikadiert sich todunglücklich in ihrem Zimmer, der jüngere Sohn aber hat ein Händchen fürs Paranormale – und knüpft Kontakt mit einem wichtelartigen Elf, der in besagter Scheune haust. Mit etwas Geschick und Einfühlungsvermögen lassen sich Wesen wie diese leicht manipulieren und zu gutmütigen Heinzelmännchen abrichten – wenn man darauf achtet, gewisse Parameter einzuhalten. Natürlich geht das schief. Gerade zu Heiligabend, wenn Papa aufgrund eines misslungeneren Festtagsmenüs die vom Sohn vorbereitete Hafergrütze verputzt, die eigentlich für den Elf bestimmt war, setzt es statt Süßem eben Saures. Wie wütend Wichtel dabei werden können, ist bereits aus dem Märchen Schneeweißchen und Rosenrot bekannt, wenn der Bart einer ganz ähnlichen, zwergenähnlichen Gestalt im Stamm eines gefällten Baumes festhängt. So richtig rabiat wird auch dieser kleine Knilch hier, und wenn schon der Hass auf die undankbare Menschheit groß genug ist, lässt sich dieser auch mit anderen teilen. Es dauert nicht lange und mordlüstern schnaufende Zipfelmützenträger stürmen das traute Heim.

Bei den Gremlins wäre es ein leichtes gewesen, die kleine grüne Apokalypse aus schabernaktreibenden Langohren zu vermeiden. Auch in Magnus Martens alles anderen als stillen Nacht ist der Zorn der Wichtel nur der Quotient aus fehlendem Respekt und mangelnder Anpassungsfähigkeit in einem Land, in welchem manche Dinge eben anders laufen als in Übersee.

Exzentrische Fantasy, die mit dem Horror kokettiert und sich in das streng saisonale Genre des Weihnachtsfilms einschleicht, sind ein gefundenes Fressen für Leute, die der schönsten Zeit des Jahres gerne auch noch eine metaphysische Ebene abgewinnen wollen, die weniger mit Nächstenliebe und Familiensinn zu tun hat. Hier mag das nicht ganz ungerechte Finstere, das sich allerdings dazu bekennt, ohne Licht nicht zu existieren, mangelnde Tugend bestrafen, wie Knecht Ruprecht oder der gute alte Krampus. Des Menschen Gier, des Menschen Unachtsamkeit – sie sind die Beweggründe für manch Monströses aus missachteten Legenden, das die uns bekannte Realität heimsucht. Krampus zum Beispiel wird zum schneestöbernden Mindfuck, die skandinavische Weihnachtsgeschichte Rare Exports – einer meiner Lieblinge – lässt den Ur-Weihnachtsmann auf lakonische und schwarzhumorige Art und Weise von der Leine. Viel mehr gibt’s da eigentlich nicht, alles weitere gerät zu profaner Action. There’s Something in the Barn ergänzt zwar das Subgenre der sinistren Weihnachtsfantasy auf unmissverständliche Weise, bleibt aber hinter den Erwartungen zurück. Wichtel wüten zu lassen ist eine Sache – wie der Mensch darauf reagiert eine andere. So ist der Konflikt zwischen magischer und realer Welt zwar anfangs mit reichlich Suspense ausgestattet, meidet später aber die feine Klinge. In grobem Hickhack werden die Wichtel übers Feld geschickt, zähes Schauspiel und banale Drehbuchseiten lassen das gewisse Etwas vermissen. Als schales Wintergemetzel vielleicht brauchbar, die geliebten Deko-Elfen im eigenen Heim haben letztendlich aber mehr Seele als jene, die zum Hammer greifen.

There’s Something in the Barn (2023)

Trolljäger: Das Erwachen der Titanen (2021)

KEIN MITTEL GEGEN TROLLWUT

6/10


Trollhunters: Rise Of The Titans© 2021 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ANDREW L. SCHMIDT, JOHANE MATTE & FRANCISCO RUIZ VELASCO

DREHBUCH: MARC GUGGENHEIM, KEVIN HAGEMAN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): EMILE HIRSCH, LEXI MEDRANO, KELSEY GRAMMER, CHARLIE SAXTON, TATIANA MASLANY, DIEGO LUNA, NICK FROST, ALFRED MOLINA, STEVEN YEUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Ich behaupte jetzt einfach: Zu den besten Animationsserien für die ganze Familie zählt Trolljäger, das über mehrere Staffeln immer weiter ausgebaute Abenteuer rund um das Städtchen Arcadia und allem, was darunter und darüber existiert. Ähnlich wie in Joss Whedons Sunnydale aus Buffy – The Vampire Slayer, unter welchem das Tor zur Hölle immer mal wieder aufgerissen wurde und alle möglichen Kreaturen, vor allem Vampire, fröhliche Urständ feierten, gibt’s unter dieser beschaulichen Kleinstadt hier das Reich der Trolle. Klingt vielversprechend – und ist es auch. Da gibt es die Guten und die Bösen, Möchtegern-Alleinherrscher und jene, die sich die uns bekannte Erde unter den Nagel reißen wollen. Um das zu vereiteln, dafür gibt’s den Auserwählten, eben wie bei Buffy. Diese(r) Auserwählte, er (oder sie) nennt sich Trolljäger. Und erfunden hat das Ganze niemand geringerer als Monster-Mastermind Guillermo del Toro, der sein detailreiches Universum bereits in Jugendbüchern erzählt und hier als Produzent seiner eigenen Adaption fungiert hat.

Dass der Mexikaner da mitmischt, das erkennt man alleine schon am Design der Kreaturen, die alle irgendwie an seine Gestalten aus Hellboy oder Pans Labyrinth erinnern, nur noch verspielter, experimentierfreudiger, natürlich auch dem deutlich jüngeren Publikum angepasst, welches da vor dem Homescreen nägelkauend so manch spannender, mitunter mit der Jugendfreigabe von 12 Jahren versehener Episode dem Schicksal des jungen Jim und seinen Freunden Claire, Toby und Blinky folgt und sich gar zum Binge-Watching hinreißen lässt, denn immer wieder gibt es Cliffhanger, die man einfach nicht so im Raum stehen lassen kann.

Ergänzt wurde die von Dreamworks kreierte Trolljäger-Serie durch Spin-Offs wie 3 von Oben oder Die Zauberer, doch spätestens da bin ich selbst schon ausgestiegen, war die ganze Story dann doch zu ausufernd und vielleicht auch zu zerfahren, mitunter sowieso noch viel turbulenter als die eigentliche, durchaus aber als meisterhaft zu bezeichnenden Serie, die ihren ganz eigenen Look gefunden hat und sowieso alles bietet, was Del Toro-Fans so lieben. Selbst Ron Perlman, der sowieso beste Hellboy ever, darf einen gehörnten Fiesling synchronisieren. Nach drei Staffeln und einem weitgehend offenen Ende war dann Schluss. Was drei Jahre nach Abschluss der primären Storyline dann folgte, war 2021 Trolljäger: Das Erwachen der Titanen.

Kennt man die Geschichten aus Arcadia, aber nicht die beiden Spin-Offs, ist das weiter kein Problem. Kennt man die Spin-Offs, aber die Kernstory nicht, kann das schon mal für Verwirrung sorgen. Kennt man nichts von alledem und hat’s nicht so mit Animationsserien, braucht man dieses Grande Finale gar nicht auf dem Schirm zu haben. Eine Grundkenntnis dieser Welt ist also Voraussetzung. Und hat man die, geht die Post ab. Mit wuchtigen Giganten, die wie in Del Toros Pacific Rim mit donnernden Schritten die Erdkruste dünner machen, sind Schauwerte, wie es sich für ein Finale gehört. Es kämpfen Ungeheuer und Menschen Seite an Seite gegen magische Antagonistinnen in Gestalt personifizierter natürlicher Elemente. In all den bereits gesichteten Episoden haben sie irgendwo ihren Ursprung. Bezwungen müssen sie werden, im Rahmen eines augenzwinkernden Trickfilmgewitters, in denen altbekannte Charaktere ihre Hämmer und Schwerter schwingen; alles in schmuckem Design und einem Farbspektrum Marke Regenbogen. Das kann auf die Dauer recht ermüdend werden, wenn in Stakkato eine Wendung die andere herumreißt. Gut ist es, wenn das ganze Projekt sein Ende findet, und tatsächlich ist das Ende vom Ende fast schon schwermütig – wenn da nicht diese pfiffige Wendung wäre, die diesem epischen Treiben noch eine gewisse Mindfuck-Note verleiht.

Trolljäger: Das Erwachen der Titanen (2021)