The Housemaid – Wenn sie wüsste (2025)

DAS ZAHNPASTALÄCHELN DER NEUREICHEN

8/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: PAUL FEIG

DREHBUCH: REBECCA SONNENSHINE, NACH DEM ROMAN VON FREIDA MCFADDEN

KAMERA: JOHN SCHWARTZMAN

CAST: SYDNEY SWEENEY, AMANDA SEYFRIED, BRANDON SKLENAR, INDIANA ELLE, MICHELE MORRONE, ELIZABETH PERKINS, MARK GROSSMAN, HANNAH CRUZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Zugegeben, die Erwartungshaltungen waren nicht sehr hoch und hatten sich bereits justiert, als ich mich fragen musste, wer oder was denn ein BookTok sei. Nun, nettes Wortspiel: ein Book Talk, was denn sonst, und zwar auf TikTok, einer Plattform, die ich nicht nutze. Hat man mal das Glück, als Autorin oder Autor hier Leute zu finden, die dein Werk besprechen und es dabei auch in höchsten Tönen loben, hat man bereits ausgesorgt. Wie gut man auf Social Media Werbung machen kann, zeigt nun die Verfilmung eines auf dem Zenit des Zeitgeistes befindlichen belletristischen Thrillers, der auf den ersten Blick so scheint, als wäre er gefällige Massenware mit allen Parametern, die notwendig sind, um vor allem Young Adult-Leserinnen zum e- oder Analogbuch greifen zu lassen.

Man könnte meinen, Thriller wie diese gibt es wie Sand am Meer. Geht man in die Buchhandlung, kippt man aus den Schuhen angesichts der Tatsache, wie sehr sich so mancher generische Titel auf irgendeinem Paperback jenem danebenliegenden auf den Trendtischen nahe des Eingangs gleicht. The Housemaid – Wenn sie wüsste: Wie seifenopernhaft kann dieses Buch, und auch der Film, nur sein?

Sex, Eifersucht, Geheimnisse – alles da

Ich habe mich dennoch darauf eingelassen, schließlich schätze ich auch generische Actionfilme, generische Science Fiction, einfach mal so zum Drüberstreuen aus Ermangelung anderer Genre-Formate, die nicht und nicht daherkommen, weil sich die Produktionen selbiger verschleppt haben. Ein Thriller für Zwischendurch – mal sehen, was diesen Trend und diesen Hype eigentlich begründet. Dabei haben wir zum einen Amanda Seyfried in der Besetzungsliste. Die junge Dame ist längst mainstreamerprobt und kann auch auf so manchen Psychothriller in ihrem Repertoire zurückgreifen, zum Beispiel Things Heard & Seen um paranormale Begebenheiten im neu bezogenen Eigenheim.

Seyfried gibt das exaltierte „Desperate Housewife“ Nina, die ganz dringend für den Haushalt und Töchterchen Cecilia ein Hausmädchen benötigt. Einen guten Geist des Domizils sozusagen, der von Bodenschrubben bis hin zu Kochen und sowieso allem, was im Haushalt zu tun ist, alles mit Leichtigkeit übernimmt und obendrein noch den Nachwuchs sittet. Dafür wohnt sie auch in diesem stattlichen Gemäuer dieser neureichen Haute Volee-Familie, während Göttergatte Andrew, ausgestattet mit allem, was schon MacDreamy hatte und einem Zahnpastalächeln, für das man gerne des Öfteren zum Dentisten geht, den charmanten Frauenversteher gibt. Ein solcher bleibt stets gelassen, während Nina, die zuvor mit wenig authentischer Überschwänglichkeit Sidney Sweeneys Figur der Millie in ihr Herz geschlossen hat, nur Tage später als unerbittliche Furie die neue Angestellte zur Sau macht.

Irgendwas ist hier faul in diesem Haus, mit diesen Leuten, mit diesen veröffentlichten Biographien selbiger. Vielleicht stimmt auch was mit Sidney Sweeney nicht? Schließlich hat sie ihr Curriculum Vitae geschönt, indem sie verschwiegen hat, dass sie frisch aus dem Knast kommt, wo sie wegen Totschlags lange Zeit einsaß.

Türspaltbreit fällt Licht ins Dunkel

So gefällig The Housemaid – Wenn sie wüsste in seiner Aufmachung auch sein mag: Gelungen ist dabei ein kleines Filetstück der filmischen Suspense. Auf eine Weise, die so mancher Meister des Genres wohl nicht besser hinbekommen hätte. Paul Feig, der schon Blake Lively und Anna Kendrick in Nur ein kleiner Gefallen auf augenzwinkernde Weise ins Spiel der Schatten befördert hat, setzt diesem Mysterium um Identität und Wahrheit noch eines drauf. Autorin Freida McFadden wird in ihrem Buch schon punktgenau hinters Licht geführt haben. Wie man das macht, ist eine Sache. Wie man diese Geheimnisse auch auf der Leinwand würdig umsetzt, eine andere. Das Timing ist hier der Punkt. Auch die Dosis der Dinge, die langsam ans Licht kommen, eine Herausforderung, für die man Fingerspitzengefühl braucht. Jedes Detail muss stimmen, nichts darf banal erscheinen oder unglaubwürdig. Nichts zu dick aufgetragen. Was zeige ich also, was zeige ich nicht? Und vorallem: Wann eröffne ich die ganze kaputte Wahrheit?

Twist and Shout!

The Housemaid macht dabei wirklich alles richtig. Und schüttelt dabei in der zweiten Halbzeit seine Asse aus dem Ärmel. Aus dem Psychospiel wird eine hochgradig feministische Groteske, die nach Genugtuung schreit und sich sofort dafür instrumentalisieren lässt, gesellschaftlich prekäre Zustände, mit denen wir uns derzeit herumschlagen müssen, mit streitsüchtiger, selbstbewusster Vehemenz in die Gosse zu treten. Wie Feig das arrangiert, ist so kurios wie bizarr. Die schleichende Mystery wird zum blutigen Duell, wie es das seit dem Rosenkrieg nicht mehr gegeben hat. Viel mehr zu verraten, davor möchte ich mich hier an dieser Stelle in Acht nehmen. Denn gerade das Wechselspiel der Vermutungen sollte nicht gestört werden, macht es doch einen Riesenspaß, die Dinge zu deuten.

Was vielen Filmen dieser Art passiert, ist, nachdem die Katze aus dem Sack gelassen wurde, den Rest der Geschichte dramaturgisch schleifen zu lassen. In The Housemaid – Wenn sie wüsste aber wird die Wahrheit erst zum Turbo Boost für bitterbösen Indoor-Thrill, der keine Sekunde langweilt, der so spannend ist, dass man an den Nägeln kaut, und bei dem man mitfiebert, als wäre man bei einem Spiel seiner Lieblingsmannschaft welcher Sportart auch immer. The Housemaid – Wenn sie wüsste überrascht, weil man die Virtuosität nicht kommen sieht und alle Antennen auf Mittelmaß ausgerichtet sind. Dem aber ist Feigs gar nicht feige „Ecstasy of Feminism“, frei nach Sergio Leones Mexican Standoff am Ende von The Good, the Bad and the Ugly, wirklich und wahrhaftig erhaben. Tja, wenn wir wüssten!

The Housemaid – Wenn sie wüsste (2025)

Der Tiger (2025)

IM PANZER HÖRT DICH NIEMAND SCHREIEN

7,5/10



© 2025 Amazon MGM Studios


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, TSCHECHISCHE REPUBLIK 2025

REGIE: DENNIS GANSEL

DREHBUCH: DENNIS GANSEL, COLIN TEEVAN

KAMERA: CARLO JELAVIC

CAST: DAVID SCHÜTTER, LAURENCE RUPP, LEONARD KUNZ, SEBASTIAN URZENDOWSKY, YORAN LEICHER, TILMAN STRAUSS, ANDRÉ HENNICKE, ARNDT SCHWERING-SOHNREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Kriegsfilme sind so eine Sache. Leicht ist es passiert, und das ganze Szenario gerät verherrlichend, chaotisch oder in Anbetracht der Wahl der Protagonisten durchaus problematisch. Wenn Feuergefechte, Explosionen, Schießereien und massenhaft Tote in Summe zu Kriegsaction werden, kann vielleicht einer wie Chuck Norris oder Sylvester Stallone damit klarkommen. Mittlerweile ist diese Art von Actionfilm ohne begleitender Metaebene obsoleter und regressiver als sonst wie.

Suicide Squad im Russlandkrieg

Krieg ist ein Übel, die im Krieg Befindlichen arme Schweine, schuldlose Opfer oder – wie General Kurtz aus Apocalypse Now – psychotische Fanatiker, die Krieg einzig zu dem Zwecke betrachten, einst zugestandene Macht auszuüben. Die armen Schweine, die sichtlich keine andere Wahl hatten, als an die Front zu gehen, weil sie sonst, wie im Fall Jägerstätter (Ein verborgenes Leben), am Schafott ihr Leben gelassen hätten, während im Kriegseinsatz die Hoffnung, zu überleben, nicht sofort gestorben wäre, sind vor allem in den Filmen rund um den ersten und zweiten Weltkrieg jene Sorte von Mensch, um den es auch hier geht. In Der Tiger ist die Besatzung eines Panzers selbiger Klasse alles andere als freiwillig im Einsatz, haben die doch vor dem Krieg ganz andere Leben geführt. Der eine war Winzer, der andere Lateinprofessor, wieder ein anderer überhaupt erst mit der Schule fertig. Nun aber, weit entfernt von daheim, im Jahre 1943, nachdem die Schlacht von Stalingrad dem Deutschen Reich eine verheerende Niederlage beschert hat, muss die Crew jenseits der Frontlinie eine Person ausfindig machen: Major von Hardenberg – Panzerkommandant Gerkens scheint ihn nicht nur zu kennen, sondern auch eine Rechnung offen zu haben. Welche genau, bleibt lange unklar. Dieses Mysterium gerät auch zu einer Methode, den Film von Philipp Gansel (u. a. Die Welle) mehr sein zu lassen als nur ein martialischer Kriegsfilm. Dieses Vage, Unklare, diese Fahrt ins Nichts – natürlich erinnert der Plot in seinen Grundzügen an Francis Ford Coppolas unnachahmbarem Meisterwerk. Dort, im kriegsgebeutelten Vietnam, reist Martin Sheen mit seinem Team den Mekong hinauf, um General Kurtz zu finden, irgendwo im Dschungel. Was er entdeckt, ist längst Filmgeschichte. Hier sitzen die auf Mission Befindlichen in einem Kettenfahrzeug aus Stahl und durchqueren russische Wildnis, stets im Ausnahmezustand, und stets Gefahr laufend, den Feinden in die Hände zu fallen.

Wir sind keine Helden

Philipp Gansel konzentriert sich dabei weniger auf akkurat gefilmte Gefechtsszenen. Es geht auch weniger darum, Geschichte aufzuarbeiten oder gar Helden zu ermitteln. Die gibt es nicht, und es gibt auch kaum Geschichte. Die versteckt sich auf den Uniformen als vages Hakenkreuz unter aufgesticktem Reichsadler. Letztlich rückt der Feind, der, in vielen anderen Kriegsfilmen, vorzugsweise der amerikanischen, den gesichtslosen Schwarm-Antagonisten markiert, in den psychosozialen Fokus eines Kriegsdramas, das nicht zwingend in Stalingrad hätte spielen müssen, sondern fast schon universell funktioniert. Ähnlich hielt es Wolfang Petersen mit seinem Frühwerk Das Boot – und machte daraus einen nervenzerrenden Survivalthriller, der die Entbehrungen jedes einzelnen ganz im Sinne eines Antikriegsszenarios als letztlich sinnlos erachtet.

Wenn der Abgrund den Blick erwidert

Der Tiger funktioniert ähnlich – und je weiter das Kettenfahrzeug vordringt, umso mehr entfernt sich der Film von seinem Genre, um auf anderer Ebene weiterzuspielen – auf der Ebene eines mit Mystery-Elementen angereicherten Psychothrillers. Zugegeben, eine Ahnung hatte man schon zuvor, dass nichts hier mit rechten Dingen zugehen dürfte. Diese Wende, diesen Twist, den haben Filme wie Fury – Herz aus Stahl zum Beispiel nicht. Das Werk von David Ayer ist geradlinige Kriegsfilmkost: hart, schmutzig, ungeschönt, wie sich Krieg eben anfühlen muss. Gansel setzt aber noch eine Dimension drauf, und schickt seine Verlorenen in ein gespenstisches Fegefeuer, in die seltsame Stasis einer Zwischenwelt der letzten Worte, möglicher Gedanken und alternativer Taktiken. Laurence Rupp, David Schütter und Sebastian Urzendowsky lassen in ihrem Spiel sehr viel Nähe zu – dadurch wird der Trip zwischen Leben und Tod zu einem schmerzlichen, nihilistischen Brocken rettungsloser Verdammnis.

Der Tiger (2025)

Herz aus Eis (2025)

IM BANNE DES IDOLS

7/10


© 2025 Filmgarten


ORIGINALTITEL: LA TOUR DE GLACE

LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ

DREHBUCH: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ, GEOFF COX

KAMERA: JONATHAN RICQUEBOURG

CAST: MARION COTILLARD, CLARA PACINI, AUGUST DIEHL, GASPAR NOÉ, MARINE GESBERT, LILAS-ROSE GILBERTI U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN



Wenn Oscarpreisträgerin Marion Cotillard das Set betritt, friert ringsherum die ganze Belegschaft ein. Bei dieser Divenhaftigkeit sehen sogar Liz Taylor und Angelina Jolie blass aus. Denn die Französin gibt hier den Inbegriff einer erhabenen Schauspielikone, die aus unerfindlichen Gründen so viel Einfluss und Macht besitzt, dass alle anderen vor ihr buckeln. Natürlich stellt sich die Frage, wieso man mit so jemandem die sowieso schon mühsamen Produktionsabläufe eines Filmdrehs erschweren muss – doch Filmstar ist eben Filmstar und sollte alle Erschwernisse mit der Wirkung aufs Publikum wieder wettmachen. Cristina, so nennt sich Cotillard im Film, ist Königin des Kinos und Königin in diesem Märchen, das in Herz aus Eis gerade nachgestellt wird. Dabei handelt es sich um eine relativ werkgetreue und man möchte fast schon sagen biedere Adaption der Geschichte von Hans Christian Andersen: Kunstschneelandschaften, graublauer Winterhimmel, in der Mitte des Szenarios ein Turm als Palast der eiskalten Adeligen, die unbedarfte Kinder bezirzt, um sie in ihr Refugium einzuladen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Dieser Schneekönigin wollen sich alle unterwerfen, weil sie strahlt bis über alle Maßen.

Ein Märchen wird real

Das sieht auch das Waisenmädchen Jeanne so, die genug hat von ihrem ereignislosen Leben im Heim und über Berge und Täler wandert, um in der Stadt nach ihrem Idol zu suchen, nach Andersens glitzernder Figur. Das Schicksal will es, dass die Kleine durch Zufall an besagtes Filmset gerät, auf welchem sie Bekanntschaft mit dieser aparten Diva macht, die Jeanne von oben herab als ein Individuum wahrnimmt, das ihr vollends verfällt. Diese Unterwürfigkeit, Abhängigkeit, dieses Schmachten nach der Gunst einer Königin sowohl in der realen als auch in der inszenierten Welt, beschert Cristina einem Vampir gleich Nahrung und folglich Vitalität, lässt sie größer erscheinen und in ihrer Machtgier wachsen. Jeanne schlittert immer mehr in eine ungesunde Abhängigkeit, die so weit geht, dass die Diva bald alles von ihrem Günstling verlangen kann. Vielleicht sogar den Tod.

Hörigkeit und Missbrauch

Andersens Märchen über Abhängigkeit und Machtmissbrauch fährt unter der Regie von Gaspar Noés Lebensgefährtin Lucile Hadžihalilović auf zwei Ebenen dahin – erstens ist es die im Film stattfindende konventionelle Inszenierung des Klassikers, andererseits hebelt die Dimension, in dem der Filmdreh und die Beziehung zwischen Kind und Erwachsener stattfinden, die Kernaussage der Parabel nochmal aus, um sie an diesem erschütternd düsteren Beispiel eines Missbrauchs anzuwenden. Wie der Pakt mit dem Teufel fühlt sich dieser Weg in die Finsternis an, an welchem es schon bald einen Point of No Return geben könnte. Doch Herz aus Eis (im Original The Ice Tower) sieht in dem jungen Mädchen eine Protagonistin, die nicht auf einen Weg in die Verdammnis, sondern in die Erkenntnis geschickt wird. Das moralische Leuchtfeuer ist in dieser filmischen, klirrend kalten Winternacht unschwer zu erkennen, und auch Jeanne kann es wahrnehmen, wenn auch anfangs nur vage, weil die Verlockungen der Königin allzu betörend sind.

Ein Film wie eine Winternacht

Hadžihalilovićs Film ist langsam, schleichend und sperrig. Als wären es Bruchstücke einer zu Boden geschmetterten Eisskulptur, setzt die Filmemacherin diese Mär zu einem gespenstischen Mosaik zusammen, das nicht ganz passt, weil dazwischen Elemente fehlen, die den Erzählfluss geschmeidiger machen könnten. Doch genauso scharfkantig wie Eissplitter und so schneidend wie Kälte ist dieses Tauziehen zwischen Macht und Ohnmacht aus Bruchstücken zusammengesetzt. Das Fragmentarische lässt die Geschichte wie ein Traum in einem Traum wirken, bedrohlich entrückt und schwer rekapitulierbar. Kann sein, das manchen Herz aus Eis zu träge erscheint, doch diese Schwermut hat ihren Zweck. Als Winterschlaf eines heimatlosen Individuums, in dem selbiges einer Willkür erliegt, lässt sich diese Vision betrachten. Der Wunsch, Jeanne möge erwachen, drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Cotillard als die Mächtige scheint dabei als ewig existierende Entität dem Kind auf unbewusste Weise zu lehren, sich im Leben zurechtzufinden und Gefahren zu erkennen.

Herz aus Eis ist das magische und zugleich ungefällige Konstrukt eines sozialen Gleichnisses, fast schon jenseits der Spielwiesen von Politik und Showbusiness und universell zu betrachten. Jungschauspielerin Clara Pacini begegnet in ihrem zerbrechlich-sinnlichen Spiel der längst versierten Cotillard auf Augenhöhe – beiden gelingt in ihrem schleichenden Duell, das Eis dieser fröstelnden Sachlichkeit aufzubrechen. Der Funke flackert spät, aber doch. Und klingt nach wie manches Märchen, dessen Metaebene man als Kind nur unbewusst mitgenommen hat. Um es dann, im Unterbewusstsein, reifen zu lassen.

Herz aus Eis (2025)

Black Phone 2 (2025)

KEIN ANSCHISS UNTER DIESER NUMMER

5/10


© 2025 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: SCOTT DERRICKSON

DREHBUCH: SCOTT DERRICKSON, C. ROBERT CARGILL, NACH DER KURZGESCHICHTE VON JOE HILL

KAMERA: PÄR M. EKBERG

CAST: MADELEINE MCGRAW, MASON THAMES, ETHAN HAWKE, JEREMY DAVIES, MIGUEL CAZAREZ MORA, DEMIÁN BICHIR, ARIANNA RIVAS, MAEV BEATY, ANNA LORE U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN



Was war Scott Derricksons paranormaler Serienkillerthriller nicht für ein akkurater Filmleckerbissen, dahingleitend auf der Mystery-Schiene des Horror-Genres: Ein schwarzes Telefon im Keller eines Psychopathen, das, längst nicht mehr ans Netz angeschlossen, schauderhaft oft die Nerven des entführten Mason Thames kitzelt. Speziell in einem Punkt macht The Black Phone die erfrischende Wende: Nicht die Geister sind es diesmal, die die Lebenden quälen. Sie unterstützen diese, um der Bestie Mensch das Handwerk zu legen. Der von Thames verkörperte Finn ist der letzte einer ganzen Reihe ermordeter Kinder, die noch gar nicht wissen, dass sie überhaupt gestorben sind. Als spukhafte Vision manifestieren sie sich vor den Augen des Entführten und in den Visionen von dessen Schwester, die, daheim um ihren Bruder bangend, als Medium Hinweise genug erhält, um den Ort des Verbrechens letztlich ausfindig zu machen. Derricksons geradliniger Nägelbeisser besitzt ganz schön viel Atmosphäre, hat eine originelle Optik und das Herz am rechten Fleck. Zwar gerät die Sache ganz schon düster, doch letztlich ist The Black Phone zwar kein Feel Good-Horror, aber immerhin ein Feel-Better, je mehr sich die Dinge zuspitzen. Der verzweifelte Kampf Kind gegen Killer, der noch dazu eine so schaurige Maske trägt, weil sich die Mimik darauf auf geheimnisvolle Weise ändert, lässt sich wohl kaum eins zu eins auf ein Sequel übertragen, ohne dass sich dieses den Vorwurf gefallen lassen muss, einfach nur das Erfolgsrezept des Erstlings zu kopieren.

Ist so kalt der Winter

Eben da muss etwas Neues her. Oder eben etwas Altes, neu aufgegossen. Wie zum Beispiel die Idee von einem Psychopathen, der es geschafft hat, den Tod zu überwinden, um in den Träumen anderer aufzutauchen. Natürlich drängt sich da Nightmare – Mörderische Träume mit Antagonist Freddy Krüger auf, der sich mit gesottenem Gesicht, rotgrün gestreiftem Pulli und Klingenfingern durch die Träume argloser Teenies metzelt. Gut kopiert wird fast schon zum Original? In Black Phone 2 kehrt Ethan Hawke wieder zurück, doch anders als Freddy hat der Greifer nur dann freie Fahrt, wenn das Opfer den sechsten Sinn hat. In diesem Fall steht die Schwester des aus Teil eins entführten Finn im Mittelpunkt. Visionen von übel zugerichteten Kindern, die  Jungschauspielerin Madeleine McGraw in ein tief verschneites Wintercamp nach Colorado locken, machen bald deutlich, dass der totgeglaubte „Greifer“ noch lange keine Ruhe findet. Und seit Shining wissen wir: Die Isolation eines Ortes durch Schnee und Eis, diese für einen Thriller dramaturgisch eingegrenzte Spielfläche, auf der nur wenige Parameter über Sieg und Niederlage entscheiden, funktioniert als wohlige Zutat fast schon unter Garantie. Umso bedauerlicher, wenn die Story, die sich in dieses Setting zwängen will, plötzlich deutlich zu viel will.

Albträume in Super 8

Was an Black Phone 2 in Erinnerung bleibt, ist der Sound. Wenn Madeleine McGraw träumt, kippt die Geräuschkulisse in ein unheimliches Rauschen, Knistern und Knacken, der Bildstil gefällt sich als einer, den man von den Super 8-Filmen aus der Frühzeit des Home-Videos kennt. Schaurig ist das ausiovisuelle Experimentieren allemal, wenngleich Verpackung nicht alles ist. Um anders zu sein als das Original, erfinden Derrickson und  C. Robert Cargill ein bemühtes, komplexes Szenario und ziehen dabei die ganze Familie der Protagonisten mit hinein – inklusive Vergangenheitsbewältigung und jeder Menge Cold Case-Fälle, die der Reihe nach auftauen. Der gemeinsame Nenner von allem ist besagter Greifer, der plötzlich mehr ist, als er jemals war. Eine Figur wie diese braucht aber keine Biografie, sie nimmt ihr so manches Mysterium. Das Grauen, das in The Black Phone noch nach dem Zufallsprinzip zuschlägt, erhält in seiner Fortsetzung zu viel an Vorbestimmung und kollektiver Bewältigungspflicht, zu viel des Phantastischen und eine aufgesetzte Mystery, die nicht nur unter der Anstrengung leidet, den direkten Erzählfluss des Vorgängers beizubehalten, sondern sich selbst im Streben nach Originalität deutlich verkopft und verkonstruiert. Da helfen auch immer wieder die gleichen Visionen aus Blut und entstellten Gesichtern nichts, auch nicht Hawkes üppige Zombie-Visage. All das ist nur noch Brimborium mit zu vielen Charakteren, die alle wichtig sein und dem genre-eigenen Credo „Keep it simple“ nicht zuhören wollen. Was bleibt, ist der kämpferische Drang des Guten, dem Bösen die Leviten zu lesen. Die gesunde Wut auf den „Greifer“ ist nach wie vor befreiend – der Rest engt sich zu sehr selbst ein.

Black Phone 2 (2025)

Mother’s Baby (2025)

DA IST WAS FAUL IM WINDELSTAAT

7/10


© 2025 Freibeuter Film


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: JOHANNA MODER

DREHBUCH: ARNE KOHLWEYER, JOHANNA MODER

KAMERA: ROBERT OBERRAINER

CAST: MARIE LEUENBERGER, HANS LÖW, CLAES BANG, JULIA FRANZ RICHTER, JUDITH ALTENBERGER, CAROLINE FRANK, NINA FOG, JULIA KOCH, MONA KOSPACH U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Es schreit nicht, es weint nicht, es schläft so still, dass Mutter meinen könnte, der Allmächtige hätte es zu sich genommen: Babys, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Eltern, die, auf das Schlimmste in der frühen Kindschaft vorbereitet, plötzlich völlig entstresst gar eine Verschwörung vermuten. So könnte man Johanne Moders neuen Film synoptisch übers Knie brechen, der sich vom revolutionsmüden Hipster-Parship aus Waren einmal Revoluzzer verabschiedet hat, um mit dem Genrekino anzudocken. Ganz so wie Andreas Prochaska, der diesjährig mit Welcome Home Baby ganz ähnlich, und doch wieder ganz anders, die Themen der Mutterschaft in einen dörflichen Albtraum verpackt. Das österreichische Horrorkino pulsiert mit diesen beiden Filmen durch den Kino-Herbst, wobei Johanna Moder deutlich weniger ihr Heil im Nachinterpretieren bereits etablierter Versatzstücke sucht. Mother’s Baby will sich bewusst nicht zu blankem Horror bekennen – Verdacht, Paranoia und eine postnatal belastete Psyche sind die Hauptingredienzien für einen Suspense voller Indizien, in dem Marie Leuenberger (Verbrannte Erde, und eben auch mit Stiller im Kino) zwischen ratloser Jungmutter und mutiger Hobby-Detektivin in eigener Sache den gesamten Film auf ihren Blickwinkel reduziert. Das macht uns, ob wir wollen oder nicht, zu Verbündeten, und auch wenn wir uns wundern, was Jungmutter Julia alles vermutet – wir können diesem zusammenfabulierten Netz nur schwer entschlüpfen, schon gar nicht, wenn sich die ganze Welt gegen ein einziges Individuum stellt, dem, wie Kassandra aus der Antike, niemand Glauben schenkt. Auszuhalten ist das nicht – dieser Zustand, allein mit der möglichen Wahrheit.

Das Rundum-Sorglos-Baby

Leuenbergers Figur der misstrauischen Mutter ist jedoch keine gebrochene, kümmerliche, vulnerable Seele ohne Resilienz, sondern ihr eigener Fels in der Brandung, wenn schon Gatte Hans Löw nichts von Julias Verdächtigungen wissen will. Diese fußen aber alle auf klar erkennbaren, seltsamen Verhaltensmustern, die Gynäkologe Claes Bang (genial als Dracula in der zweiteiligen Bram Stoker-Interpretation auf Netflix) und Hebamme Gerlinde an den Tag legen. Als Gerlinde ist hier Julia Franz Richter zu sehen, die in Welcome Home Baby ihrerseits eine werdende Mutter verkörpert, die ähnlich wie Mia Farrow in Rosemary’s Baby wie die Jungfrau zum Kind kommt.

Denn zu Beginn, da ist alles noch froher Erwartung, als Dr. Vilfort seiner Patientin verspricht, das es mit dem Mutterglück diesmal auch wirklich klappen wird. Als es dann nach neun Monaten endlich soweit ist, und die Geburt schwieriger wird als gedacht, entschwindet das Baby ganz plötzlich in den Armen des Arztes dem Blickfeld seiner Mutter – bis auf weiteres. Frühgeburt, Atemnot, Sauerstoffgehalt, all das hört Julia sehr viel später als Begründung. Daheim dann sind die Auffälligkeiten, was das Kind selbst betrifft, unübersehbar. Es ist, als würde sich der Spross den Bedürfnissen der Erwachsenen anpassen, wie eingangs erwähnt tut er all das, um den Eltern eben nicht die schwierigste Zeit des Familienlebens zu bescheren – sondern verhält sich unerwartet geräusch- und bedürfnislos. In Julia keimt der Verdacht, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass das Baby vielleicht gar nicht das ihre ist? Die aufdringliche Hebamme und die Sache mit dem Axolotl als ideales Haustier bestärken nur den Horror im Kopf der Mutter, die dann, auf sich allein gestellt, Ermittlungen auf eigene Faust anstellt.

Verdacht alleine hält lange vor

Mother’s Baby ist wohldosierte Mystery, die lange in der Schwebe bleibt, dabei aber nicht schwurbelt oder ich in unheilvollem Indiziensalat verliert wie Andreas Prochaska in seinem Folk-Grusel. Das Unheimliche hier ist wohl eher schleichende Skepsis und Argwohn, Moder spielt mit der Sorge der Vernachlässigung, der Wucht der Verantwortung und der maternalen Identität. Übertragen wird das Ganze aber nicht, so wie in Die My Love probiert und gescheitert, auf die innere Psyche der Mutterfigur, sondern hinterfragt als bröckelnde Rundumwahrnehmung die Sicht auf die Welt und deren Werte nach einem Paradigmenwechsel, den jede werdende Familie erlebt. Moder hätte beim Psycho- und Gesellschaftsdrama bleiben können, doch die Lust am Kleinkind-Horror, den es nicht erst seit Das Omen gibt, ist einfach zu groß, um nicht darin wühlen zu wollen. So bleibt Mother’s Baby stets greifbar und bodenständig, bürdet sich auch nicht zu viel auf, sondern setzt seinen perfiden, leisen Albtraum als zielorientierte Kritik auf eine Optimierungsgesellschaft in Szene, die vor nichts mehr zurückschreckt.

Mother’s Baby (2025)

Bring Her Back (2025)

STÖRE MEINE KREISE NICHT

7/10


© 2025 Sony Pictures / A24


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, USA 2025

REGIE: DANNY & MICHAEL PHILIPPOU

DREHBUCH: DANNY PHILIPPOU, BILL HINZMAN

KAMERA: ARON MCLISKY

CAST: SALLY HAWKINS, BILLY BARRATT, SORA WONG, JONAH WREN PHILLIPS, SALLY-ANNE UPTON, MISCHA HEYWOOD, STEPHEN PHILLIPS U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Danny und Michael Philippou, bekanntgeworden auf Youtube unter dem Label RackaRacka, können es abermals nicht lassen, die menschliche Seele nach dem Tod ins Diesseits zu bemühen. Sowas hat man früher gern gemacht, mit Séancen, hierzulande als „Tischerlrücken“ bekannt. Die beiden sind nicht etwa interessiert, zu wissen, was nach dem Ableben noch auf uns zukommt; wie das Sterben selbst sich anfühlt. Das ist eine Dimension, diese zu erforschen überlassen sie gerne anderen Leuten. Was die Philippous wollen, ist, die gestorbene Identität, sofern es denn noch eine gäbe, wieder in die uns eigene Realität zurückzuholen. Die Neugier, ob dies gelänge, siegt über die Achtung der Totenruhe, heiligt aber dennoch die Mittel zum Zweck, um ganz deutlich zu signalisieren, dass man an diesen Tabus nicht rütteln soll.

Dem Tod ins Handwerk pfuschen

In Talk to Me, ihrem Regiedebüt, das erfrischend kreativ und demnach auch mit entsprechender Härte an den Horror herangeht, dient ein okkultes Artefakt, in diesem Fall eine mumifizierte Hand, als Sprachrohr für tote Seelen. Dafür schlüpfen sie in den Körper eines lebenden Individuums, um sich zu artikulieren. Solche Spielereien haben natürlich einen Pferdefuß, das ganze geht schief, der Schrecken bricht sich Bahn. Interessant dabei: Hier haben wir es nicht mit bösen Dämonen, dem Teufel oder anderen finsteren Gesellen aus der Hölle zu tun, die uns wie in Conjuring einfach nur quälen wollen. Bei den Philippous sind die Toten die Toten, und sie benehmen sich auch wie solche – abgekoppelt und dahintreibend in eine andere Welt, von der sie nicht wissen, was sie verspricht, weil das Licht sie angeblich noch nicht erreicht hat, und die daher eine brennende Sehnsucht danach verspüren, wieder in ihr altes Leben zurückzugelangen. Ganz normale Behaviours für Verstorbene, in Versuchung geführt von jenen, die sie eigentlich nichts mehr angehen. Auch in Bring Her Back sind okkulte Praktiken relativ funktionabel – in der paranormalen Welt der Philippous ist das Know-How zur Überbrückung der Dimensionen längst praxiserprobt.

Das Thema der Selbstverletzung

Was es dazu noch braucht, ist Trauer. Bittere, unheilbare, irreversible Trauer, die keinen Trost findet, es sei denn, wie der Titel schon sagt: die Verstorbene kehrt zurück. Bis zum Hals in diesem Nährboden der Erschütterung steckt Sally Hawkins als überbordend liebevolle Pflegemutter, welche die beiden elternlosen Geschwister Piper und Andy bei sich aufnimmt. Überrumpelt von all der Gastfreundschaft, wundern sich beide vorerst nur wenig ob des seltsamen Verhaltens ihres Patchwork-Bruders Ollie, der sichtlich Schwierigkeiten hat, zu kommunizieren und generell recht apathisch wirkt. Der Zuseher weiß aber längst, dass der Grund dafür in der Pervertierung von Naturgesetzen liegt, die selbst dem Paranormalen inhärent sind. Diese zu verbiegen oder gar zu brechen, davor mahnt Bring Her Back mit expliziten Bildern, die weniger versierten und geübten Horrorkinogängern durchaus aufs Gemüt schlagen könnten, ist der Bodyhorror hier doch absolut State of the Art und das Realistischste, was man seit Langem zu sehen bekam. Auffallend ist dabei, dass die Philippous schon bei ihrem Vorgänger ihren Horror in der manischen Selbstverletzung orten, ein Thema, das andere Horror-Franchises lediglich als Selbstzweck auf die Spitze treiben. Apropos: Wären diese Gewaltspitzen nicht, wäre die enorm düstere Tragödie in seiner Tonalität mühelos gleichzusetzen mit Nicholas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen. Nur der Spuk hält sich in Grenzen, der lässt sich, anders als in Talk to Me, diesmal nur erahnen. Viel eher brilliert die sowieso immer famose Sally Hawkins, diesmal völlig gegen ihr Image gebürstet, in einem Psychothriller, der die Klaviatur des Suspense mit variierender Wucht nachzuspielen weiß.

Regenschwerer Psychothriller

Viel schlimmer als das Okkulte wiegt dann doch die Dreistigkeit der Manipulation und der Intrige, in der die Figur des fast achtzehnjährigen Bruders Andy (Billy Barratt) immer mehr versinkt. Vermengt mit der wahrlich erschreckenden Performance des jungen Jonah Wren Phillips ergibt das einen zwar weitaus geradlinigeren und weniger komplexeren Film als Talk to Me, dafür aber lücken- wie atemloses Schauspielkino unter nicht nur emotionalem Dauerregen. Der ideale Film also für den Übergang von Halloween zu Allerheiligen – keine leichte Kost, gnadenlos morbid, andererseits aber unerwartet emotional, melancholisch und am Ende ungemein poetisch, als hätte Del Toro (The Shape of Water mit Sally Hawkins) letztlich noch seine Finger mit im Spiel.

Bring Her Back (2025)

Honey Bunch (2025)

GASLIGHT STATT CANDLELIGHT

7,5/10


© XYZ Films


LAND / JAHR: KANADA 2025

REGIE / DREHBUCH: MADELEINE SIMS-FEWER, DUSTY MANCINELLI

KAMERA: ADAM CROSBY

CAST: GRACE GLOWICKI, BEN PETRIE, KATE DICKIE, JIMI SHLAG, JASON ISAACS, INDIA BROWN U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Der Autounfall muss so schwer gewesen sein, dass Diana jede Erinnerung daran verloren hat. Und nicht nur das: Auch all die Erinnerungen an eine Zeit der romantischen Zweisamkeit mit Ehegatten Homer, der aus tiefster Verzweiflung seine ziemlich lädierte bessere Hälfte in eine Spezialklinik verfrachtet, deren Ärzte Koryphäen auf dem Gebiet sind, Unfall-Amnesien wie diese wieder zu kurieren. Dass die Physis nebenbei bemerkt dabei auch noch ihre Rehabilitation vollständig erlangt, eine gern gegebene Garantie. Was Kennern der Geschichten von Edgar Allan Poe, Lovecraft oder Dennis Lehane wohl sofort in den Sinn kommen würde bei Erstbetrachtung der Einrichtung: Hier geht ganz sicher nichts mit rechten Dingen zu. Kann gar nicht sein, darf gar nicht sein. Die süßelnde Oberschwester (Kate Dickie) oder was immer die Dame auch verkörpern soll, die Diana und Homer freundlich empfängt, wiegt die beiden In Sicherheit und Zuversicht, auch wenn die Methoden zur Heilung so aussehen, als wären sie noch in der Testphase. Erklärend müsste ich vielleicht noch erwähnen, dass diese ganzen Geschehnisse zu einer Zeit spielen, in der man von smarter Elektronik noch nicht mal geträumt hat.

Alles in Ordnung, Honey

Es sind die Siebziger, und jedes Bild und jede Szene fängt den Stil von damals ein, inklusive des visualisierten Muffs, den Retro-Nostalgie nun mal von sich gibt. Roman Polanski hätte dieses Drehbuch mit Freude wohl verfilmen mögen, doch der gab sich damals wohl lieber, erfahrbar in Der Mieter oder Ekel, den Psychosen hin. Das Regieduo Madeleine Sims-Fewer und Dusty Mancinelli – für mich eine gänzlich neue Bekanntschaft  – drückt das Gemüt aber längst nicht so weit in den destruktiven Schlamm wie der polnische Starregisseur. Das alleine sagt schon der Titel Honey Bunch, denn das liebliche Honigtöpfchen muss, wie es scheint, für den scheinbar fürsorglichen Homer das Zentrum seiner Welt sein. Natürlich fragt man sich: Ist dem wirklich so? Zweifel kommen auf, als Diana albtraumhafte Visionen hat, die sie an etwas erinnern, was scheinbar nie stattgefunden hat. Und warum, so fragt sie sich, geistert immer wieder die längst verstorbene Gründerin der Klinik durch den Garten, als wäre das Paranormale in diesen alten Gemäuern längst nicht nur die Folge von Dianas geistigem Zustand.

Albtraum mit Situationskomik

Vieles ist in Honey Bunch nicht so, wie es scheint. Dieser gespenstische Umstand erinnert an Scorseses Shutter Island, nur längst nicht in dieser verwinkelten, regennassen Ernsthaftigkeit. Romantik bleibt in diesem Spiel aus Rätseln, Vermutungen und Heimsuchungen stets großgeschrieben, Grace Glowicki und Ben Petrie haben einen Zustand zueinander, der ist schon mal die halbe Miete für eine Geschichte, die mit viel Herz, Verstand und vorallem naiver Neugier umgesetzt wurde. Gerade dieses Naive, dieses verschmitzte Lust am resolut eingeforderten Abenteuer, die Diana bald überwältigt, führt schließlich zu einem ersten großen Twist, den man ohnehin schon einige Zeit vorher erahnen kannt. Als es dann soweit ist, und die Karten neu gemischt werden, die Wahrnehmung am Kopf steht, und zwar so, ohne dass einem dabei schwindelig wird, weicht der Suspense einem turbulenten, durchaus auch freakigen Thriller, der wissenschaftliche Dystopien in eine durchwegs schrullige Komödie packt, die, anstatt Kraft und Energie zu verspielen, in der narrativen Zielgeraden so viel Spaß am Tun entwickelt, dass er wohl sich selbst genügen würde, ganz ohne  Publikum. Ein Faktor ist das, der Filme so richtig selbstbewusst macht. Und das gelingt auch Sims-Fewer und Mancinelli.

Schön aber, dass man trotzdem dabei sein kann. Und schön, zu sehen, wie beide das höchste Gut einer harmonischen Zweisamkeit mit süffisanter Ironie unterspicken und daraus eine Vision zaubern, die sich herrlich verpeilt und verschroben gibt, wie eine Independent-Perle eben sein muss, deren Glanz bis zur letzten Szene eine ganze Palette von Gefühlen widerspiegelt, mit zwischendurch Chancen auf ein Happy End. In der Liebe ist schließlich alles möglich. Vorallem im Film.

Honey Bunch (2025)

The Holy Boy (2025)

DEN SCHMERZ UMARMEN

9/10


© 2025 Vision Distribution

ORIGINALTITEL: LA VALLE DEI SORRISI

LAND / JAHR: ITALIEN, SLOWENIEN 2025

REGIE: PAOLO STRIPPOLI

DREHBUCH: JACOPO DEL GIUDICE, PAOLO STRIPPOLI, MILO TISSONE

KAMERA: CRISTIANO DI NICOLA

CAST: MICHELE RIONDINO, GIULIO FELTRI, PAOLO PIEROBON, ROMANA MAGGIORA VERGANO, SERGIO ROMANO, ANNA BELLATO, SANDRA TOFFOLATTI, GABRIELE BENEDETTI, ROBERT CITRAN, DIEGO NARDINI U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN 


Man kann nur hoffen. Hoffen und beten, dass The Holy Boy demnächst die Chance bekommt, das Licht der großen Leinwand zu erblicken. Ein Jammer, wenn dem nicht so wäre, schließlich sollte ein Wunderwerk nicht nur das Nischenpublikum des Slash-Filmfestivals in seinen Bann gezogen haben, sondern auch alle darüber hinaus, die sich mit den großen Fragen des Menschseins beschäftigen. Was The Holy Boy (Original: Im Tal des Lächelns) erörtert, ist nichts, was sich zwischen Tür und Angel in einem Smalltalk erledigen lässt. Hier dringen die bohrenden Fragen nach dem Sinn und Zweck von allem tief in die Dunkelheit vor, um am Ende einen leuchtenden Funken Erkenntnis zu erblicken, den damals schon der Mann aus Nazareth entzündet hat. In diesem Funken steckt das essenzielle Credo einer weltumspannenden Glaubensgemeinschaft, es ist die Rede vom Leiden in dieser Welt, das es zu ertragen gilt.

Fühlt sich gut an 

Nun gut, ich ahne schon, spätestens jetzt dürfte ich wohl alle meine Leserinnen und Leser verloren haben, die mit den Themen Kirche und Religion so gut wie gar nichts anfangen können. Das würde dann , so hoffe ich, nicht jene betreffen, die eine agnostische Herangehensweise an diese Krux zu ihrem Modus Operandi erklären, sprich: die gerne die Kirche ums Kreuz treiben und, wenn es schon der Pabst nicht versucht, die Gegenwart mit den leider gar nicht zeitlosen Dogmen in Einklang bringen wollen. Der beste Stoff, den es da zu inhalieren gibt, dürfte eben jener Film sein, der durch die Hintertüre die Bühne streithafter Exegesen entert. Bibelfest muss man dabei aber wahrlich nicht sein, viel eher reicht das Bewusstsein, dass Glaubensgruppierungen in jedweder Form dazu missbraucht werden können, zum Opium für das Volk zu werden, zur Droge, die Tür und Tor öffnet für Manipulation und Gehirnwäsche. Irgendwann erkennt man sich dabei selbst nicht mehr, so, als wäre man gesteuert durch ein machtvolles System, das beim Triggern die ganze Klaviatur der Perfidität beherrscht. Doch was soll man tun, wenn der inszenierte Glaube die ersehnte Entlastung bringt, den Kummer wegbläst und den Geist ganz still werden lässt.

Big Hugs als Schmerzmittel

Ein Wunder ist also nicht nur der Film, sondern auch die seltsame Begebenheit in dieser punktgenauen Betrachtung einer Gesellschaft, die, stellvertretend für die gesamte Menschheit, die Schwermut des Lebens gegen eine Umarmung tauscht. Dabei reicht nur eine einzige, um zumindest eine Zeit lang sorgenfrei und unbekümmert und mit einem Lächeln auf den Lippen Gott einen guten Mann sein zu lassen. Diesen „Big Hug“ holen sich die Bewohner einer norditalienischen Kleinstadt bei einem blutjungen Jesus-Ableger, der gerade mal 15 Lenze zählt und unter elterlicher Strenge tagtäglich seine Wundertaten vollbringen muss. Einmal berührt, schon erstrahlt das Rundherum heller. Diese seltsame Erfahrung macht auch Sportlehrer Sergio (Michele Riondino), der nur vorübergehend einen Job in der örtlichen Schule annimmt, allerdings schwer an ganz eigenen privaten Problemen zu kauen hat. Sobald er aber bei Matteo in den Armen liegt, scheint die Bibel doch recht gehabt zu haben. Oder doch nicht? Gilt es nun doch nicht, den Schmerz zu umarmen, sondern sich dessen zu entledigen, ohne jemals damit durch zu sein und neu daraus zu erwachsen? Wo bleibt die Katharsis?

Seelenheil um jeden Preis

Was dann folgt, ist ein Twist, der das Sinnbild des barmherzigen Samariters so sehr demontiert wie Martin Luther den Ablasshandel, bevor die Reformationskriege begannen. Was die Ignoranz nicht nur der biblischen Weisheit gegenüber, gepaart mit Bigotterie, Selbstsucht und Missbrauch, gemixt als toxisches Potpourri, zuwege bringt, eröffnet eine Apokalypse im Kleinen, ein grimmiges Gleichnis in pompösen, geradezu mächtigen Bildern – sakral, expressiv wie ein Tanztheater, abgründig wie eine Alien-Invasion, die man nicht kommen sieht und erst dann begreift, wenn alles zu spät ist. Dabei fischt Regisseur Paolo Strippoli nicht nur im Genre des Horrors, sondern vorwiegend im Tragödienhaften epischer Stoffe. Durch die dramatische Dichte an Wendungen bäumt sich The Holy Boy zu einem gespenstischen, hochintelligenten Lehrstück auf, das die Leidensfähigkeit des Menschen gleichsam hinterfragt und verfechtet. Ein radikales Wunder von Film ist hier gelungen, unerbittlich, hochemotional und durchdacht bis zum Ende.

The Holy Boy (2025)

Dragonfly (2025)

EIN HUND KAM IN DIE KÜCHE

8/10


© 2025 AMP International


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: PAUL ANDREW WILLIAMS

KAMERA: VANESSA WHYTE

CAST: ANDREA RISEBOROUGH, BRENDA BLETHYN, JASON WATKINS U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Die ausgewählten Features im Rahmen des Slash Filmfestivals in Wien haben wirklich alles zu bieten – und kein Werk gleicht dem anderen. Das ist das Besondere an diesen elf Tagen, da man nie genau weiß, was man denn nun vorgesetzt bekommt, da auch Autorenfilmerinnen und -filmer auf der großen Leinwand reüssieren können, von denen man noch gar nichts weiß, zuvor vielleicht nur peripher etwas gehört hat und die das Zeug, die Ideen und vor allem die Narrenfreiheit haben, um wirklich und wahrhaftig für Überraschungen zu sorgen. Einer dieser Arbeiten ist Dragonfly des Briten Paul Andrew Williams, der seinem Wiener Genrepublikum auch leibhaftig alle Ehre erwiesen hat und es sich nicht nehmen ließ, uns seinen Film zu präsentieren – und das, obwohl Dragonfly gar nicht mal als typischer Genrefilm betrachtet werden kann. Oder vielleicht gerade deswegen?

Zwei, die sich gefunden haben

Wir haben es hier weder mit reinem Horror, noch mit einem Thriller, noch mit Fantasy oder Science-Fiction zu tun. Was bleibt dann noch – und wo ist der Slash-Faktor? Nun, es bleibt, was den Feature Film im Essenziellen ausmacht:  das große, erzählte Drama, die Substanz zwischen dem Spiel der Protagonistinnen. Dragonfly lässt anfangs völlig unklar, wie beide Charaktere einzuschätzen wären. Die eine nämlich, das ist Brenda Blethyn, eine Klasse für sich seit Mike Leighs Lügen und Geheimnisse und oscarnominiert für ihre exaltierte Darstellung im intensiven Talentedrama Little Voice. Die andere nicht weniger eine Koryphäe, die Vielseitigkeit in Person, authentisch bis ins Mark und so nuanciert, dass die eine Rolle und sonst keine, und zwar jene, die gerade auf der Leinwand zu sehen ist, die einzige sein mag, die Andrea Riseborough je gespielt hat. Mit weitem Spielraum zur freien Interpretation ihrer Figur gibt sie in Dragonfly die desillusionierte, mit sich selbst und der Welt arrangierte Colleen, der ihr tristes, durch Sozialhilfe finanziertes Dasein wohl vorwiegend für die stattliche Hündin an ihrer Seite bestreitet, ein ehrfurchtgebietender Vierbeiner, vor dem Nachbarin Elsie zuerst zurückschreckt, bevor sie sich an die Tatsache gewöhnt, dass Colleen und ihr Anhang wohl von nun an zu ihrem Leben gehören. Die ständigen Heimhilfen, die keine Ahnung von Elsies Bedürfnissen haben und wohl auch wenig persönliche Beziehung in ihre automatisierte Pflege einfließen lassen, hat die alte, gehbehinderte Dame endgültig satt. Welch ein Glück, dass die wortkarge, etwas zynische, aber aufopferungsvolle Nachbarin die Zügel in die Hand nimmt und rund um die Uhr genau das macht, was vor allem zur Corona-Zeit während des Lockdowns agilen Hausparteien angeraten wurde für ihr vulnerables Umfeld zu tun.

Leigh, Fassbinder und die Mystery dazwischen

Corona ist aber längst vorbei, das Tribute fordernde Alter aber bleibt – und so entwickelt sich zwischen den Beiden nicht nur eine Zweckgemeinschaft, sondern auch so etwas wie eine Freundschaft, von der man aber nie so genau weiß, wie tief sie geht, wie ehrlich sie ist, wie eigennützig. Lange Zeit ist Dragonfly kein Genrekino, sondern immersives Autorenkino im Realismus eines Mike Leigh, dass dank seiner beeindruckenden Schauspielerinnen die Routine eines scheinbar monotonen Alltags zu einer psychosozialen Revue der Gesten, Momente und Blicke werden lässt. So faszinierend kann emotionale Annäherung sein, so fesselnd der zaghafte Seelenstriptease, der immer tiefer vordringt und sich gerne auch im Dunkeln verläuft, bis es dann doch so weit ist und der gespenstische Terror einer Fremdbestimmung über dieses unscheinbare Zweiparteienhaus am Rande der Industrie durch die verschlissenen Zwischenräume eines Werteverständnisses bricht und in gallig-bitterem Zynismus fast schon eine Fassbinder’sche Geschichte erzählt, die den Trost in der Autonomie findet, jenseits davon aber vergeblich danach sucht.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf, Wegsehen geht nicht, das Schauspiel der beiden ist so mächtig, da sehnt man sich kein bisschen nach dem großem Knall oder altbekannten Elementen, welche die Eskalation eines Psychothrillers markieren. In der Eintracht des Kaffeekränzchens, der mildtätigen Helping Hand und dem Zweck der entkommenen Einsamkeit liegt der Suspense, das erschütterliche Vertrauen, das so leicht in einen missverstandenen Horror kippen kann. Der symbolische Titel Dragonfly mag zwar nur schwer interpretierbar sein, das grandiose Schauspielkino um den Störfall in einem sozialen System bei weitem nicht.

Dragonfly (2025)

Welcome Home Baby (2025)

NICHT NUR DIE KIRCHE IM DORF LASSEN

5/10


© 2025 Lotus Film / Petro Domenigg


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: ANDREAS PROCHASKA

DREHBUCH: CONSTANTIN LIEB, DANIELA BAUMGÄRTL, ANDREAS PROCHASKA

KAMERA: CARMEN TREICHL

CAST: JULIA FRANZ RICHTER, REINOUT SCHOLTEN VAN ASCHAT, GERTI DRASSL, MARIA HOFSTÄTTER, GERHARD LIEBMANN, INGE MAUX, LINDE PRELOG U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Es ist wieder soweit! Nach einem kurzen Vorgeschmack im Frühling, der sich Slash ½ nennt, senken sich mit der herbstlichen Düsternis auch allerlei bizarre Visionen, krude Ideen und verrückte Innovationen aus der Filmbranche auf die Wienerstadt hernieder. Für zehn Tage beschert das Filmcasino und das METRO Kinokulturhaus Genreliebhabern und solchen mit Hang zu Schrecklichem Gustostückerln aus der Independent-Sparte, darunter auch manches, dass nicht ganz so nischig ist, sich aber genauso anfühlt. Wie zum Beispiel der neue Film von Andreas Prochaska, österreichischer Vorreiter und Experte, was vor allem Filme betrifft, die nicht nur auf Subventionen aus der Filmförderung angewiesen sind, weil sonst keiner ins Kino geht.

Bei Prochaska schrauben sich Besucherzahlen in die Höhe, was vielleicht auch daran liegen mag, dass in seinen Filmen Emotionen getriggert werden, die nicht gleich in erster Linie einen auf gesellschafts- und weltpolitische Betroffenheit machen. Was Prochaska kann, das ist Entertainment, das ist griffig-spektakuläres Mainstreamkino mit Hand zum Autorenfilm, bestes Beispiel wohl Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott – ein Knaller unter den österreichischen Komödien, böse, schelmisch und auf intellektuelle Weise infantil genug, um ordentlich abzukassieren. Neben diesem Ausflug ins Komödienfach musste man Jahre zuvor nur bis drei zählen, schon war man tot: Ein Horrorthriller und sein Sequel sorgte damals, in den 10er Jahren des neuen Jahrtausends, für Furore. Nicht zu vergessen Tobias Moretti und Sam Riley in der Corbucci-Westernhommage Das finstere Tal. Alles Genrefilme: klar konturiert, famos strukturiert, und handwerklich sowieso erste Liga.

Landfluch gegen Landflucht

Sein neuestes Werk, Eröffnungsfilm des eingangs erwähnten herbstlichen SLASH Festivals, kommt dabei deutlich vom Weg ab und holt sich die dörfliche Diabolik aus In 3 Tagen bist du tot wieder ans Set – nur diesmal geht Prochaska noch einen Schritt weiter und orientiert sich an Parametern, die in Stephen Kings Pennywise-Kleinstadt Derry, Lynchs Twin Peaks und in Zach Creggers neuestem Streich Weapons – Die Stunde des Verschwindens zu finden sind. Eine gute Überdosis Mystery injiziert der Filmemacher seinem undurchschaubaren, schleichenden Alptraum, der sich über weite Strecken nicht erklären lässt und der sich, je weiter Schauspielerin Julia Franz Richter (u. a. Rubikon) darin versinkt, immer unmöglicher scheint, dass dieser jemals entwirrt werden könnte. Von der ersten Sekunde an setzt Prochaska auf eine phlegmatische, skeptische Düsternis, die noch durch die desolate Ohnmacht einer durch eine Autobahnbrücke unterjochte Dörflichkeit unterstrichen wird.

Hier, im österreichischen Nirgendwo, soll die im Kindesalter weggegebene Judith den Nachlass ihres verstorbenen, aber unbekannten Vaters übernehmen – ein altes, mehrstöckiges Jagdhaus, in dem es zu spuken scheint und doch auch wieder nicht, in dem so scheinbar gutmütterliche Gestalten wie Tante Paula darauf warten, das verloren geglaubte Dorfmitglied wieder in ihre Arme zu schließen. Doch Obacht: die phänomenale Gerti Drassl ist diesmal nicht so herzlich und aufopfernd, wie sie anfangs scheint. Selten zuvor hat Drassl eine so perfide Rolle verkörpert wie hier. Die Finsternis steht ihr gut, auch Maria Hofstätter schickt mitunter Seitenblicke, da läuft es einem kalt über den Rücken. Und Inge Maux – Ihr Grinsen ist gespenstisch. So tragen diese drei Frauen und noch viel mehr von der Sorte Mensch dazu bei, dass sich Judith zusehends unwohl fühlt, und mehr darüber wissen will, warum sie seinerzeit im Stich gelassen wurde. Das Stochern im Vergangenen bringt eine diffuse Verschwörung an die Oberfläche, die sich kein einziges Mal deklariert, sich niemals zur Gänze offenbart und in der Mutmaßung und reinen Theorie verharrt, ohne dass Welcome Home Baby jemals für Klarheit sorgt.

Symbolism Overkill

Ein Umstand, der als ein höchst unbefriedigender zumindest anfangs ein freudloses Mysterydrama prägt, angereichert mit traumartigen Visionen über Ertrinken, Schwangerschaft und Feuertode im Wald und mit der leisen Metapher auf drohende Landflucht. Mit Symbolik weiß Prohaska nicht wirklich umzugehen, lieber macht er Nägel mit Köpfen. Bei einem polanskischen Suspense-Horror wie diesem entgleiten ihm die Versatzstücke, poltern viel zu viele Genre-Imitate durchs Bild, und als wäre das nicht schon genug, füttert er sein unklares Treiben mit versteckten Gängen, Totenköpfen und hexischem Treiben. Dieses Zuviel an bigotter Tarnung, Verwunschenheit und symbolistischer Traumata beschert Prochaska keine eigene Handschrift mehr, das meiste wirkt auffallend arrangiert, wenig originär, sondern inspiriert durch andere Vorbilder wie Rosemary’s Baby oder Aris Asters Midsommar. Ein zuviel kann folglich auch übersättigen, und ist man übersättigt, wird man müde, und so zieht Welcome Home Baby in behäbiger, viel zu entschleunigter Bedrohlichkeit, die den Verve von In 3 Tagen bist du tot vermissen lässt, hin zu einem überladenen Folk-Horror-Brimborium, das sich in seiner behaupteten Metaphysik nur noch übernimmt.

„Wie ist es, auf der anderen Seite?“, fragt im Flüsterton die bettschwere Linde Prelog – einer der unheimlichsten Momente des Films. Nun, das werden wir nie erfahren. Alles hier schöpft doch nur aus diesseitigen Quellen.

Welcome Home Baby (2025)