Stars at Noon (2022)

NACKT IN NICARAGUA

5/10


starsatnoon© 2022 Ad Vitam Distribution


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

REGIE: CLAIRE DENIS

DREHBUCH: CLAIRE DENIS, ANDREW LITVACK, LÉA MYSIUS

CAST: MARGARET QUALLEY, JOE ALWYN, DANNY RAMIREZ, BENNY SAFDIE, JOHN C. REILLY, NICK ROMANO U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Reden wir nicht über Politik. Reden wir über die Liebe. Oder die Leidenschaft. Die Sexuelle Begierde, die in zerknüllten feuchten Laken und dampfenden Körpern – mein Gott, ist das schwülstig formuliert – ihren Ausdruck findet. Doch ob schwülstig hin oder her: in letzter Zeit ist mir kein anderer Film untergekommen, der die Definition von romantischem Abenteuer so sehr in eine Groschenroman-Ästhetik verpackt wie Stars at Noon. Die französische, sich quer durch alle Genres durchkostende Vielfilmerin Claire Denis hat sich eines Romans aus den Achtzigern angenommen, der in den Wirren des Nicaragua-Krieges spielt und sehr viel mit CIA, waghalsigem Journalismus und zwielichtigen Nutznießern aus der Wirtschaft zu tun hat. Alles Faktoren, die großes internationales Kino versprechen, so episch, als wären Catherine Hepburn und Spencer Tracy oder Lauren Bacall und Humphrey Bogart traumwandelnde Gestalten inmitten politischer Umbrüche und derlei gesellschaftlicher Spannungen, die damit einhergehen.

Traumwandlerisch ist wohl das Adjektiv, das am besten zu Stars at Noon passt. Ins Zentrum setzt Claire Denis Margaret Qualley, die Tochter Andie McDowells und seit Tarantinos Once Upon a Time… in Hollywood einem breiteren Publikum wohlbekannt. Sie gibt eine amerikanische Journalistin, die unangenehme Fragen gestellt und einen Artikel veröffentlicht hat, den allerlei mächtige Leute als bedenklich einstufen. Das hat zur Folge, dass die junge, durchaus promiskuitive Dame ohne Geld und ohne Pass in Nicaragua festsitzt und darauf hofft, durch Sex in die Gunst mancher Männer zu gelangen, die Beziehungen haben. Nicht selten lässt sie sich dafür auszahlen, darunter auch von Geschäftsmann Daniel (Joe Alwyn), der den Reizen der zugegeben hocherotischen Trish naturgemäß erliegt. Dieser Geschäftsmann aber hat sich mit den falschen Leuten eingelassen, und zwar mit jenen der costa-ricanischen Polizei und natürlich auch mit der CIA, und allesamt sind sie hinter ihm her, während Trish, immer noch darauf aus, ihre Papiere zurückzuerlangen, Daniel zur romantischen Zweisamkeit nötigt, wann immer sich dazu die Gelegenheit bietet. Letztendlich beschließen sie, sich gemeinsam Richtung Costa Rica abzusetzen. Auch ohne Pass und Geld.

Was an Stars at Noon am meisten fasziniert, ist das Gesicht von Margaret Qualley. Claire Denis kann sich daran nicht sattsehen. Wenn das liebreizende Konterfei nicht reicht, gibt’s Qualley auch im Evakostüm vor dem Fenster, vor dem Spiegel, auf dem Bett oder im Badezimmer. Es ist, als hätte Richard Hamilton lediglich seinen Weichzeichner vergessen, doch die eingefangene, schweißtreibende Schwüle tut ihr Übriges, um Konturen aufzuweichen. Stars at Noon ist schön anzusehen, keine Frage. Diese stellt sich aber umso mehr, betrachtet man den offensichtlichen Anachronismus des Films. Denis liegt weder daran, eine komplexe politische Geschichte zu erzählen noch daran, all die Umstände, die Trish und Daniel dorthin gebracht haben, wo sie sind, näher zu erläutern. Nicht mal die Zeit scheint von Bedeutung, Referenzstücke, um ein bestimmtes Jahrzehnt zu eruieren, fehlen gänzlich. Also vermischt sie Versatzstücke der modernen Gegenwart wie Smartphones und Chipkarten mit den politischen Unruhen der Reagan-Ära. Indizien, die nicht zusammenpassen.

Überhaupt nutzt Stars at Noon seinen fadenscheinigen Plot lediglich als abstrahiertes Konstrukt, als simplifizierte Verzerrung eines relevanten Politikums. Wie ein hohles Gefäß, in das Claire Denis ihre Zeit totschlagende Romanze bettet, eine Art Kulisse ohne Tiefe, eine austauschbare Variable für Thrillerdramen aller Art. In diesem kafkaesken Mysterium stört Margaret Qualley rein gar nichts, ihr breites Lächeln entschädigt für vieles, jedoch nicht für das langweilige Spiel von Joe Alwyn, zwischen beiden sprüht kein Funke. All die übrigen Figuren sind Staffage rund um Qualleys einnehmender Entrücktheit, der man die Rolle der investigativen Journalistin keine Sekunde abnimmt. Wer sind sie dann, diese beiden? Kolportierte Antihelden einer Stil-Hommage an den amerikanischen Film Noir, deren Plots manchmal so undurchschaubar waren, dass man sich am liebsten gar nicht damit auseinandersetzen, sondern nur mit den schmachtenden Momenten der Liebenden Vorlieb nehmen wollte. Diese Diffusion gelingt Claire Denis dann doch. Ob schwülstige Tropennächte das Soll erfüllen? Wie bei so vielen anderen Filmen bleiben bei diesem hier ohnehin nur Fragmente in Erinnerung. Es sollen die richtigen sein.

Stars at Noon (2022)

Die Theorie von Allem (2023)

DAS TRAURIGE LOS VERKANNTER PHYSIKER

6/10


dietheorievonallem© 2023 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH, SCHWEIZ 2023

REGIE: TIMM KRÖGER

DREHBUCH: TIMM KRÖGER, RODERICK WARICH

CAST: JAN BÜLOW, OLIVIA ROSS, HANNS ZISCHLER, GOTTFRIED BREITFUSS, PHILIPPE GRABER, DAVID BENNENT, IMOGEN KOGGE, EMANUEL WALDBURG-ZEIL, PAUL WOLFF-PLOTTEGG, PETER HOTTINGER U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Johannes Leinert (Jan Bülow), seines Zeichens Physikstudent und unter der Fuchtel eines herrischen Doktorvaters, wäre wohl ein Kandidat für das Goldene Brett vorm Kopf gewesen. Pseudowissenschaftlicher Unfug, reinste Spekulation, nichts Handfestes; nicht mal eine Theorie, vielleicht eine Hypothese, doch mit Hypothesen kann niemand etwas anfangen. Was wohl den Inhalt seiner Arbeit darstellt: Nichts Geringeres als eine Formel zur Erbringung der Theorie von Allem – den mathematischen Schlüssel zur Welt, den Zahlenstairway to Heaven, und wenn das nicht hinhaut, dann zumindest der Beweis für die Existenz von Multiversen, die nicht nur neben, sondern innerhalb der uns bekannten existieren. Dieser Leinert, dem wird nicht nur einmal gesagt, er soll die Klappe halten und rechnen, denn Mathematik ist schließlich die Sprache der Wissenschaft. Sein Mentor, Dr. Julius Strathen (Hanns Zischler), hat den eifrigen Jungspund in die Schweizer Alpen mitgenommen, zu keinem futurologischen, aber physikalischen Kongress, an welchem bahnbrechende Erkenntnisse offengelegt werden sollen, die womöglich die Welt verändern könnten.

Nur: besagter Redner kommt nicht, die Veranstaltung verzögert sich, Leinert und Strathen entschließen sich zu warten. Ein Fehler? Ja und nein, zumindest für den Studenten verkompliziert sich die ganze Sache, denn nicht nur bekommt dieser seine Doktorarbeit zurückgeschmissen – er trifft auch auf eine rätselhafte junge Frau, die ihm seltsam bekannt vorkommt und die wiederum Dinge von ihm weiß, die sie nicht wissen kann. Der seltsamen Tatsache nicht genug, ziehen apokalyptisch anmutende Wintergewitter über Graubünden dahin, gesäumt von seltsamen Wolkenformationen. Das ließe sich vielleicht noch irgendwie erklären, aber nicht der Umstand, dass einer der Physiker, ein gewisser Dr. Blomberg, eines Tages tot aufgefunden wird, während er gleichzeitig andernorts aufschlägt. Wie kann das sein? Welche Anomalien sind da im Gange? Und was rumort denn so, unter dem Hotel?

Diese Mystery fängt so gut wie alle Motive ein, die in den letzten Jahren so im Dunstkreis trendiger Mindfuck-Science-Fiction Mode war. Portale in andere Welten, Multiversen, Zeitreisen und Personen, die doppelt oder gar dreifach verfügbar sind. Wer Dark gesehen hat, wird den Knoten im Kopf vielleicht noch gar nicht gelöst haben. Everything Everywhere All at Once trieb die Paralleluniversen-Hypothese bis zum ermüdenden Exzess, und das MCU lässt Loki und die TVA an den Zeitsträngen herumschrauben. Die beschauliche Kleinstadt Hawkins (Stranger Things) wiederum hat sich selbst als düstere Kehrseite zu bieten, mit allerlei Monstern darin. Timm Kröger ist aber nicht danach, xenomorphen Schrecken auf die Menschheit loszulassen. Ihm gefällt es, all diese Überlegungen lediglich anzudeuten und ein großes Mysterium daraus zu machen, dass als neoexpressionistischer Quantenkrimi im Sixties-Look klassische Paranoia-Motive bemüht, die in den Werken eines Franz Kafka zu finden wären. Seltsame Männer mit Hut, die grimmig dreinblicken, darunter ein dubioser Inspektor mit heller Stimme, dargestellt von Ex-Blechtrommler David Bennent, der bei Josef K‘s Prozess vermutlich dabei gewesen war. Ein bisschen Lovecraft, ganz wenig Lynch und ganz viel Conny & Peter-Albtraum in kontrastreichem, mitunter gruseligem Schwarzweiß, erdrückt vom dominanten Score eines Big Band-Orchesters, das mit der Tür ins Haus fällt.

Kröger liebt es, seiner Theorie von Allem diesen wilden Retro-Schliff zu verpassen und sich vor Alain Resnais Letztes Jahr in Marienbad auf die Knie zu werfen. Dieser zugegeben sperrige Kultfilm lässt sein Verwirrspiel ebenfalls in einem Hotel stattfinden, und auch dort sind so manche Identitäten längst nicht mehr mit sich allein. War der Stil dort aber von unterkühlter Ordnung geprägt, herrscht in diesem Film hier verwirrtes Chaos, und das Werk mag so tun, als trüge es die Offenbarung, die nicht mehr lange geheim gehalten werden kann, unter einem dicken, schwarzen Wintermantel. In Wahrheit aber sind all die gängigen Versatzstücke zu Zeit und Raum längst durchgewunken worden, während Kröger nicht wirklich viel davon mitbekommen hat. Ganz beglückt von seiner wuchtigen Bildsprache, in die er sein Herzblut leitet, merkt er kaum den Fahrtwind, den all die anderen Filme und Formate verursacht haben, die an ihm vorbeigerauscht waren. Was bleibt, ist ein nettes, atmosphärisch allerdings stimmiges Retrospektakel mit Film Noir-Romantik und schrägen Subjekten, viel zu dominanter Musik und einem kolportiertem Verständnis für Quantenphysik. Manch Mysteriöses scheint dabei weniger zu verbergen, als es den Anschein hat.

Die Schwurbeleien mal außen vorgelassen, könnte Die Theorie on Allem als Ballade vom verkannten Physiker noch viel besser funktionieren. Dieses traurige Los, der Wahrheit so nahe gekommen zu sein wie Ikarus der Sonne, und dabei nicht über den Tellerrand geblickt zu haben, ist vielleicht ein Umstand, den so einige Vertreter der Wissenschaft bisweilen schlaflose Nächte bereitet.

Die Theorie von Allem (2023)

Roter Himmel (2023)

DIE PRIORITÄTEN EINES KÜNSTLERS

6,5/10


Roter-Himmel© 2023 Christian Schulz / Schramm Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: CHRISTIAN PETZOLD

CAST: THOMAS SCHUBERT, PAULA BEER, LANGSTON UIBEL, ENNO TREBS, MATTHIAS BRANDT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Selbstzweifel und miese Laune. Fast könnte man meinen, diese beiden Eigenschaften gehören zum Künstlerdasein wie das Amen im Gebet. Fast könnte man meinen, die Selbstzweifel sind nur dazu da, um für Komplimente zu fischen: Dass das neue Werk sowieso gar nicht so schlecht ist, dass die bescheidene Selbstauffassung den Künstler nur sympathischer macht und devot gegenüber seiner gottgegebenen Gabe, Sätze stilvoll auszuformulieren und aneinanderzureihen. Nur keine falsche Bescheidenheit, könnte man meinen, um dann dem gemarterten Denker, der sich in die stille Oase eines Ferienhauses zurückzieht, um seinem Werk den letzten Schliff zu geben, auf die Schulter zu klopfen. Bei Leon, einem innerlich unrunden und von allem genervten Schriftsteller, ist das erhaschte Lob wohl genau der Motor, der ihn auf Vollgas bringt. Doch dieses Lob, das kommt nicht. Denn niemand hat seinen Zweitroman gelesen, abgesehen vom Verleger wohlgemerkt, der in den nächsten Tagen an die Nordseeküste kommen soll, um das Werk durchzugehen. Bis dahin heisst es arbeiten – doch wie soll das gehen, wenn die aus zwei Freunden bestehende Künstlerkommune (der andere, Felix, ist Fotograf und muss ein Portfolio fertigstellen) plötzlich durch eine dritte Person ergänzt wird, noch dazu durch eine attraktive junge Frau, die sich allnächtlich amourösen Vergnügungen hingibt und den armen, wirklich armen Leon um den Schlaf bringt?

Es wäre alles eine fast schon banale, norddeutsche Beziehungsgeschichte im Dunst frühsommerlicher Vorfreuden auf trockenheisse Monate, würde Christian Petzold, der im Rahmen der Viennale womöglich stundenlang über seinen Film hätte referieren können, nicht wieder seine schwergewichtige Metaebene in den Plot geholt hätte. Aus der Konstellation genrebekannter Charaktere, die allesamt nicht überraschen und tun, was von ihnen erwartet wird, entsteht somit ein Schicksalsreigen, der sein Ensemble auf gar keinen Fall in Ruhe tun lassen will, was es tun möchte. Viel zu viel steht auf dem Spiel, viel zu viel ringsherum in dieser Welt, um die sich keiner mehr schert, geht da vor sich. Es lodern Waldbrände, die kaum mehr zu kontrollieren sind, und das im Juni. Der Himmel leuchtet rot in der Nacht, das donnernde Geräusch der Löschhubschrauber lenkt Leon von seiner Arbeit ab, während Felix nur an den Strand will, um dabei Leute zu fotografieren, die aufs Meer schauen. Diese Ursuppe, die könnte bald übergehen, wenn der Klimawandel irgendwann zu seinem Ende kommt. Noch blicken wir erstaunt auf das, was sich auf rätselhafte Weise so anfühlt, als wäre es ein Naturphänomen oder eine Selbstverständlichkeit. Wie die Biolumineszenz des Meeres. Wie unbedeutend erscheint da die Qual des Virtuosen, den nächsten Bestseller zu schreiben? Doch Thomas Schubert, bekannt aus Karl Markovics fulminantem Einstand Atmen, grantelt und zwidert herum wie ein Hans Moser des 21. Jahrhunderts – zynisch, herablassend und wehleidig. Ihm zuzusehen, vertreibt die Zeit in Windeseile, weil er oft sein darf, wie wir selbst oft sein wollen, dabei aber ganz vergessen, dass es noch andere und anderes gibt, wofür es den aufmerksamen Blick braucht. Thomas Schuberts schwarzer Mann im Strom der Begebenheiten ist das von der Seele des Kreativen geredete La Linea-Männchen, dem man den Strich zum Weitergehen wegradiert.

Insofern wagt Petzold, das Künstlerdasein als mitunter etwas Irrelevantes darzustellen, in Anbetracht höher gesetzter Koinzidenzen und merkwürdiger Konstellationen. Roter Himmel wirkt wie metaphysische Mystery, wie ein Sommernachtstraum zwischen rezitierten Gedichten und Ascheregen. Einerseits ist es das, andererseits auch wieder nicht. Niemandem gelingt dieses zarte Changieren zwischen den Ebenen so beiläufig wie Petzold. Und dennoch ist es diesmal so, als würde der schon seit ewigen Zeiten filmemachende Virtuose ausnahmsweise mal selbst ein bisschen unter Druck geraten sein. So geschmeidig und leichtfüßig sich das Stelldichein am Meer auch anfühlt, so vehement bricht Petzold mit der Entrücktheit seiner Fast-Künstlerkommune. Schicksalsschläge wie bei einer Soap Opera donnern hernieder – das ist fast schon zu direkt und zu rutschfest am Schlafittchen gepackt. Aufgesetzt, will ich fast meinen. Und dann doch wieder nicht, denn das, was kommt, das ist schließlich etwas, dass man fast schon erwarten muss. Natürlich ist Roter Himmel dann nichts mehr Belangloses mehr, kein Künstlerjammern, kein Blickezuwerfen durchs Haus und am Strand. Das ist schön und gut, und auch faszinierend sowie in äußerster (Dis)harmonie dargeboten. Die Notwendigkeit aber, erhellen zu müssen, nimmt dem Drama aufgrund des zu erwarteten Unerwarteten eine gewisse Spontaneität, die sich so gut aus dem sozialen Spannungsfeld entladen ließe.

Roter Himmel (2023)

River (2023)

ZEIT IM (ÜBER)FLUSS

8/10


river© 2023 Tollywood Studio Project


LAND / JAHR: JAPAN 2023

REGIE: YUNTA YAMAGUCHI

DREHBUCH: MAKOTO UEDA

CAST: RIKO FUJITANI, YUKI TORIGOE, MANAMI HONJÔ, GÔTA ISHIDA, YOSHIMASA KONDÔ, SAORI, SHIORI KUBO, MASAHIRO KUROKI, KOHEI MOROOKA, MUNENORI NAGANO, HARUKI NAKAGAWA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Zwei Minuten vor, zwei Minuten zurück. Es sind immer zwei Minuten, mit denen Junta Yamaguchi machen kann, was er will. Unter Garantie sind diese Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft, da kommt noch mehr, viel mehr. Das wiederum werden wir erst in ein paar Jahren erfahren, diesmal aber hält sein herzallerliebster Mindfuck einige Zeit vor, denn was man aus River alles mitnehmen kann, ist erstens mal Feel-Good jede Menge, ein immer wiederkehrendes nachhaltiges Kichern auf den Lippen und obendrein die idyllische Romantik einer zarten Sympathie zwischen Mikoto und Taku, einem Koch, der unbedingt nach Frankreich auswandern will, weil die French Cuisine ihn ruft.

Die bezaubernde Riko Fujitani, bereits bekannt aus Yamaguchis Vorgängerfilm, gibt die in schickem Kimono gekleidete Hotelangestellte eingangs erwähnten Namens in einem Etablissement irgendwo in den Bergen Japans, an einem Fluss namens Kibune gelegen. Ein Ort der Ruhe und der Kraft – beschaulich, bescheiden, den Weltschmerz allüberall auf der Welt vergessen lassend. Mikoto ist aber dennoch nicht ganz zufrieden mit ihrem Leben – und erhofft sich vom Gott des Flusses (oder wer oder was hier auch immer den Laden schmeißt) zumindest einen Beistand, was die Zeit betrifft – möge der Moment so bleiben, wie er ist. Gebetet und erfüllt scheint der Wunsch. Mikoto findet sich nach zwei Minuten des Tuns plötzlich an derselben Stelle wieder, an der sie vorhin gestanden hat, direkt am gluckernden Bächlein. Was den Eindruck eines Déjà-vu vermittelt, ist letzten Endes mehr. Es betrifft alle – Mikoto, die Köche, die Gäste, das ganze Hotelpersonal. Alle zwei Minuten stellt sich die Welt auf Repeat, alle Charaktere „respawnen“ dort, wo sie vor zweimal 60 Sekunden gewesen sind. Was tun mit dieser Zeit? Und wie aus dieser hängengebliebenen Schallplatte des Lebens ausbrechen? Andererseits: Was lässt sich in diesen zwei Minuten alles bewerkstelligen, wie sehr könnte man in dieser Zeit seinen Status Quo überdenken? Und würde die Liebe Mikotos dann nicht ewig währen?

Seinem 2020 mit spielerischem Entdeckerdrang entworfenen Zeit- und Raumexperiment Beyond the Infinite Two Minutes ist der Platz in den Annalen des Science-fiction-Films sicher. Die Verknüpfung von humoristischer Neugier, Situationskomik und populärwissenschaftlicher Logik ist längst schon ein Subgenre, das man Yamaguchi nicht mehr nehmen kann. Mit dem Enthusiasmus von Zurück in die Zukunft und japanischer Boulevardkomödien wird der Blick in die zeit voraus allen Anwesenden fast zum Verhängnis. In River besteht in erster Linie nicht die Frage nach dem Warum, sondern erstmal viel mehr nach dem Was jetzt. Yamaguchi braucht in dieser warmherzigen und auf überwältigende Weise bezaubernden, weil so bescheidenen Komödie nichts weiter tun, als auf seinen zwei Minuten zu beharren. Was sein Ensemble daraus macht, ist voll von zum Niederknien komischen Momenten und leidenschaftlicher Situationskomik. Die beiden Geschäftspartner, die immer wieder ihre volle Reisschüssel vor sich haben. Der Produzent, der nicht aus seiner Dusche kommt. Dessen Schreiberling, ein Serienautor, der die zwei Minuten nützt, um alles Mögliche anzustellen, nur nicht seine Schreibblockade zu lösen.

Beschwingt und voller Ideen setzt Yamaguchi hier vermehrt auf das Zwischenmenschliche, auf die soziale Interaktion und das Herzliche. War in seinen Beyond the Infinite Two Minutes viel mehr die mathematisch-philosophische Schabernack im Mittelpunkt, ist der sogenannte Time Loop fast schon Nebensache, ganz so wie in Und täglich grüßt das Murmeltier, ein viel zitierter Genreklassiker als Mutter aller Zeitschleifenfilme. River aber variiert diese Prämisse so sehr, um sich längst nicht mehr den Vorwurf der Nachahmung anhören zu müssen. River lässt allesamt alles nochmal erleben, während Bill Murray der Einzige war, der immer wieder dieselben Stunden mit neuem Sinn füllen musste. Durch diese Änderung der Parameter ist River ein komplett eigenständiges, originäres kleines Kunstwerk der Mindfuck-Komödie, die man auch nur sehr schwer nachverfilmen kann. Zu sehr ist das Werk mit japanischem Lokalkolorit verbunden, zu sehr bilden seine Charaktere mit dem einmal verschneiten, einmal frühlingshaften Ort Kibune eine Einheit. Es ist ein Genuss, Minute für Minute diesen bestens aufgelegten Zeitschleifenbewältigern dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben trotz temporärer Einschränkung in den Griff bekommen wollen. Man könnte meinen – so kurz unsere Existenz auch sein mag: Der Spaß an der Sache lohnt sich selbst für zwei Minuten.

River (2023)

Fallende Blätter (2023)

DAS SCHÖNE ZWISCHEN DEN WIDRIGKEITEN

8/10


FallendeBlaetter© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FINNLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: AKI KAURISMÄKI

CAST: ALMA PÖYSTI, JUSSI VATANEN, JANNE HYYTIÄINEN, NUPPU KOIVU, ALINA TOMNIKOV, MARTTI SUOSALO, SAKARI KUOSMANEN, MATTI ONNISMAA U. A.

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Sowieso ist alles hoffnungslos? Gut, zumindest erweckt es den Anschein. Doch was Aki Kaurismäki niemals zulassen würde, ist, seine Figuren in den bodenlosen Abgrund zu werfen. Sie straucheln zwar, sie verlieren ihre Jobs, sie sind einsam und versoffen; sie haben kein Geld und keine Lobby. Doch resignieren, das tun sie nicht. Oder zumindest nicht mehr. Kaurismäki ist seit seinem Cabriolet-Klassiker Ariel hoffnungsvoller geworden. Seine Liebe zur Arbeiterklasse und all jenen, die im Grunde das System erhalten, jedoch nichts dafür bekommen, ist ungefähr so stark wie bei seinem britischen Fachkollegen Ken Loach. Doch wo dieser mit blankem Realismus soziale Defizite aufzeigt, erstellt Kaurismäki lakonische Alltagstableaus voller sprödem Charme. Bevölkert mit Gestalten, die sich das bisschen Glück aus einem sonst ereignislosen Leben picken, das aufgrund höherer Umstände nicht viel anders sein kann. Dieses Glück kann darin liegen, auf die Karaoke-Bühne zu gehen und blumige finnische Balladen zu schmettern, während dem Hochprozentigen zugetane Freitagabend-Melancholiker mit stoischer, aber dennoch verzückter Miene dem Möchtegern-Bariton lauschen.

Um jenen, der gerne jünger wäre, als er ist und darauf wartet, von einer Plattenfirma entdeckt zu werden – um den geht’s hier gar nicht primär. Sondern vielmehr um dessen Arbeitskollegen und Freund, dem Alkoholiker Holappa (Jussi Vatanen). Der bekommt so gut wie nichts auf die Reihe, weil er so viel säuft und dadurch andauernd seine Jobs verliert. Obendrein raucht er noch wie ein Schlot und ist deprimiert. Weil er eben so viel trinkt. Und weil er deprimiert ist, trinkt er. Ein Teufelskreis, dem man sich in Kaurismäkis urbanen Miniaturen mit stoischem Trotz gerne hingibt. Die ganze ernüchternde Monotonie könnte sich ändern, als dieser Holappa auf die hübsche Ansa (Alma Pöysti, zuletzt als Künstlerin Tove auf der Leinwand) trifft. Zuerst ist es nur Blickkontakt. Dann, später, ein erstes gemeinsames Kaffetrinken mit anschließendem Kinobesuch – dort läuft Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die, eine kleine Verbeugung des Finnen vor einem Bruder im Geiste, dessen Filme wohl manchmal in einen ähnlich lakonischen Erzählstil abgleiten wie die eigenen. Diese beiden einsamen, aber niemals verlorenen Seelen sollten sich bald wiedertreffen, würde Holappa nicht Ansas Telefonnummer verlieren. So sucht die eine den anderen und umgekehrt, so harren sie vor dem Kino, in welchem gestandene Klassiker am Programm stehen, von Die Maske des Dr. Fu Manchu bis hin zu Godards Die Verachtung. Vielleicht klappt es ja, und aus dem bisschen Zuneigung könnte mehr werden. Nur nicht mehr Alkohol, denn das mag Ansa gar nicht. Im Zuge dieses Wartens und Vorbeigehens an Gelegenheiten müssen beide ihre Lage überdenken, ihr Leben ändern, soweit es in ihrer Macht steht. Eigeninitiative ergreifen dort, wo sonst der Abgrund folgt. Und dafür sind sich Kaurismäkis Liebende dann doch zu stolz, weil sie dennoch, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, einen Sinn im Leben sehen. Der dann noch stärker wird und wichtiger in Anbetracht eines in Europa tobenden Krieges, der sich in nüchterner Berichterstattung rund um Tod und Zerstörung in einen dem Weltgeschehen scheinbar fernen Alltag mischt.

Kaurismäkis Bilder erreichen zwar nicht dieses akkurate Farbenspiel wie in seinem Meisterwerk Le Havre, aber dennoch ist das Komplementäre ein enorm wichtiges Element, das bereits vorab visualisiert, was zusammengehört und was nicht. Bescheidenes Interieur, enge Bars, längst nicht mehr neues, aber immer noch funktionstüchtiges Drumherum, in welchem pragmatische Lebensführung ihre Verwirklichung findet – so und nicht anders möbliert Kaurismäki sein Universum jenseits des Reichtums und der Gier. Sein Besinnen auf Werte, deren Streben danach im Angesicht noch viel schlimmerer Umstände – nämlich die des Krieges – von Szene zu Szene wichtiger werden, ist das, was der stilsichere Finne ausdrücken will. Die Arbeiterklasse der Gewerkschaften ist dabei immer noch ein Must-Have, Ansas Schuften in der Fabrik ein klassisches Zitat und eine Reminiszenz an seine früheren Werke. Den passenden Sound liefert dabei neben herrlich schwermütigen Chansons das reduktionistische und daher saucoole Musikduo Maustetytöt, das die ironische Melancholie dieser Tragikomödie auf den Punkt bringt.

Vielleicht hat Kaurismäki hier doch sein letztes Werk geschaffen, bevor er gedenkt, sich wieder zurückzuziehen. Und wenn es so wäre? Dann hätte er vielleicht alles gesagt. Alles zur Leidenschaft Kino und seiner Liebe dazu. Alles zum Weltschmerz und der Relativierung des eigenen Status Quo. Immer mehr wird Fallende Blätter zu seiner eigenen Flucht aus der Realität, zu einer Romanze, die Ansa und Holappa wohl im Kino gesehen hätten, könnte der Traum auf der Leinwand nicht doch noch Wirklichkeit werden.

Fallende Blätter (2023)

Der göttliche Andere (2020)

DER ALLMÄCHTIGE ALS NEBENBUHLER

6/10


diegoettlicheandere© 2020 X Filme Creative Pool GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ITALIEN 2020

DREHBUCH & REGIE: JAN SCHOMBURG

CAST: MATILDA DE ANGELIS, CALLUM TURNER, PINO AMMENDOLA, ANNA BONAIUTO, MARK DAVISON, BARBARA RICCI, GIANNI MEURER, EDDIE OSEI U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Damit hat schon der gute alte Moses klarkommen müssen: Von Gott auserwählt worden zu sein. Das ist nicht immer spaßig, obgleich man auf Skills zurückgreifen kann, die anderen die Sprache verschlägt oder 2000 Jahre später im Rahmen agnostischer Bibelexegesen in Zweifel gezogen werden. Von Gott als dessen rechte Hand auserkoren zu sein, ist mitunter auch recht nervtötend. Immer wieder manifestiert sich das Ewige als brennender Dornbusch oder – wenn man die Verfilmung Ridley Scotts hernimmt – als Unterstufen-Gymnasiast, der einem die Leviten liest. Anderen wiederum könnte Gott begegnen, nachdem sie versucht haben, eine Ordensschwester in spe von ihrem Kurs abzubringen, den fleischlichen Gelüsten zu entsagen. Geht gar nicht, wird sich der weißbärtige Mann, kauernd in seinem Wolkenthron, wohl gedacht haben. Und rollt dem unglücklich verliebten Romeo alle möglichen Steine in den Weg, die unmöglich alle umgangen werden können. Strafverschärfend kommt hinzu, dass dieser Romeo – also eigentlich Gregory, ein US-amerikanischer Journalist – dem Atheismus frönt. Und wie es die Ironie des Schicksals eben so will, nach Rom abberufen wird, um für seinen Fernsehsender die nächste Papstwahl zu kommentieren. Seine Beiträge geraten eher zynisch als informativ. Tag für Tag steigt schwarzer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle, das Enklave kommt zu keinem Ergebnis. Doch all die Wartezeit hat auch etwas Gutes: Gregory trifft auf die bildhübsche Maria. Einer Affäre steht nichts im Wege, da es auf beiden Seiten zu funken scheint. Und doch ist da der gewisse Haken: die junge Dame will Nonne werden. Und steht kurz davor, in ihren Orden einzutreten. Gregory versucht, sie davon abzubringen. Maria hingegen versucht, sich nochmal aus der Affäre zu ziehen. Womit sie nicht gerechnet haben: Gott höchstselbst – natürlich gestaltlos und als ungreifbare Entität, ganz so wie der Tod in Final Destination – will seine Kandidatin nicht verlieren. Und mischt kräftig mit, indem er den Zufall strapaziert und Gregory so richtig leiden lässt, als wäre er Hiob, der zwar nicht seinem Glauben treu bleiben, sondern vielleicht gar zu ihm finden muss.

Wären wir in den frühen Achtzigerjahren, müsste die metaphysische Romanze Der göttliche Andere zweifelsohne mit Adriano Celentano und Ornella Muti besetzt werden. Gut, vielleicht nicht Celentano, denn der ist ja Italiener. Vielleicht aber mit Michael J. Fox oder Steve Guttenberg – mit irgendeinem dieser sympathischen Publikumslieblinge. Mehrere Jahrzehnte später haben die Macher des Films mit Matilda de Angelis einen fulminanten Ersatz für die ewig Schöne an der Seite des gezähmten Widerspenstigen gefunden. Ihr Charisma ähnelt jenem von Muti, ihre Auftritte sind bezaubernd. De Angelis – diesen Namen sollte man sich merken. Mit Callum Turner, der vor allem als Newt Scamanders Bruder aus dem Phantastische Tierwesen-Franchise bekannt ist, hat der gequälte Atheist ebenfalls seinen treffenden Live Act gefunden. Verschmitzte Blicke, eleganter Sarkasmus, ein bisschen Macho-Gehabe und den Charme eines ewigen Studenten.

Doch anders als erwartet schlägt die fantasievolle Komödie von Jan Schomburg, der mit Maria Schrader die Drehbücher zu Vor der Morgenröte und Ich bin dein Mensch verfasst hat, keine wirklich leisen, vielleicht gar tiefergehende Töne an wie in Schraders zuletzt genannten Film über künstliche Intelligenzen, die zum Partner taugen. Die Auseinandersetzung mit dem Glauben und anderen Lebenskonzepten sucht man vergeblich, dem Spiel mit der Allmacht eines einzigen Gottes, der, wenn ihm danach ist, den freien Willen seiner Untertanen nicht entziehen, aber einschränken kann, gibt man sich hin. Doch auch da ist die Leidenschaft eher eine verhaltene. Das kuriose Pech des Verliebten, der gefälligst die Finger vor den Gläubigen lassen soll, lässt den in seiner durchaus tragikomischen, fast ernsten Prämisse startenden Film immer mehr in Richtung Absurdität abgleiten. Was Gregory widerfährt, sind kleine Katastrophen, denen mit unverhältnismäßiger Beiläufigkeit begegnet wird. Das vermindert den Biss einer Idee, die gerne scharfzüngig sein will oder gar satirisch. Beides entgleitet, Gott wird zum Arsch, der nur seine Interessen verfolgt, doch die romantischen Momente auf einer Parkbank in Rom haben zumindest noch die spritzige Qualität einer Nora Ephron-Komödie, die Der göttliche Andere dank seiner Akteure doch noch sehenswert macht.

Der göttliche Andere (2020)

Falcon Lake (2022)

DIE SCHRECKEN EINES SOMMERS

8/10


falconlake© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, KANADA 2022

REGIE: CHARLOTTE LE BON

DREHBUCH: CHARLOTTE LE BON, FRANÇOIS CHOQUET, NACH DER GRAPHIC NOVEL VON BASTIEN VIVÈS

CAST: JOSEPH ENGEL, SARA MONTPETIT, MONIA CHOKRI, ARTHUR IGUAL, KARINE GONTHIER-HYNDMAN, THOMAS LAPERRIERE, ANTHONY THERRIEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Es ist ein Sommer wie damals. Zumindest fühlt es sich so an, auch wenn Smartphones oder andere mobile Endgeräte der Zerstreuung dienen. Es fällt nicht schwer, diese Dinge zu übersehen. Man will sie in dieser anregenden Zeitkapsel gar nicht als inhärent wissen – man will nur den beiden jungen Menschen zusehen, die sich anscheinend gefunden haben und sich gegenseitig faszinierend finden. Da gibt es Bastien, gerade mal Teenager, der bald seinen 14. Geburtstag feiert und mit Eltern und jüngerem Bruder irgendwo in Kanada an einem See Urlaub macht. Da gibt es Chloe, ein 16jähriges Mädchen mit langem dunklem Haar und gern auf Partys. Die Eltern der beiden sind befreundet, beide Familien teilen sich eine Hütte, und bald teilen die beiden Teenies auch die meiste Zeit des Tages miteinander, indem sie um den See strawanzen, sich Geschichten erzählen und Fotos machen, die den Geist eines ertrunkenen Jungen abbilden, der an den Ufern und verhüllt in weißes Laken immer wieder erscheint, da er selbst noch nichts davon weiß, eigentlich gestorben zu sein. Diese Idee beruht auf keinen wahren Begebenheiten, Chloe hat sich das einfach ausgedacht. Und dennoch verlässt einen nicht das Gefühl, dass der Ort ein Geheimnis birgt, welches, von der Zeit losgelöst, irgendwann in Erscheinung treten könnte. Wie das nun mal so ist bei jungen Menschen, erlebt der junge Bastien seine erste Romanze, seine ersten sexuellen Erfahrungen und erste Eifersucht. Probiert Verbotenes, fühlt noch nie Dagewesenes. Lässt die Nähe zu einem Menschen zu, der sie sucht.

Charlotte Le Bon, die man bislang nur als Schauspielerin zu schätzen gelernt hat, wagt sich mit dieser bittersüßen Ballade über die Gefühle junger Menschen an die Verfilmung einer Graphic Novel von Bastien Vivès heran. Dabei gelingt ihr das Kunststück einer stimmungsvollen Romanze, die sich niemals mit oberflächlichen Klischees abgeben will, sondern durch die greifbaren Bedürfnisse der Protagonisten hindurch bis auf ihre verborgenen Ängste stößt. Da ist viel Sorge, alleingelassen zu werden oder nirgendwo dazuzugehören. Da ist viel Angst vor Peinlichkeiten oder dem Umstand, dem anderen nicht zu genügen. Wie Joseph Engel als Bastien es meistert, so unverkrampft und wahrhaftig diesen Sommer so zu erfahren, als wäre er tatsächlich Teil seiner Biografie, bildet das Herzstück des Films, gemeinsam mit der inspirierenden Chemie zwischen ihm und Sara Montpetit, die an Ali McGraw erinnert und einen ungestümen Lebens- und Leidensdrang mit sich bringt.

Es passiert nicht viel am Falcon Lake. Es passieren Dinge, die wir alle auf eine ähnliche Weise selbst schon erlebt haben, die auch einfach so passieren, weil es eben Sommer ist, und der Tag lang genug für Müßiggang, Philosophieren und kindlichen Wagemut. Und dennoch ist der letztes Jahr in Cannes erstmals gezeigte Geheimtipp mehr als nur Stimmungsbild und Beobachtung. Hier liegt etwas Metaphysisches zugrunde – eine Dimension, die keiner so recht greifen kann, die Bastien und Chloe aber umgeben, als wären sie Teil einer höheren Bestimmung. Diese geheimnisvolle, impressionistische Welt lässt den See als Tor in eine andere Welt erscheinen, den Wald drumherum als Ereignishorizont. Hier ist vieles im Gange, dass zwischen den gesprochenen Zeilen liegt und sich meist nur in der Haltung der Figuren oder im malerischen Naturalismus eines Ortes so richtig andeutet. In seiner von Licht und Wärme, Regen und Gewitter durchdrungenen Weise erinnert Falcon Lake dabei an das intensive Erwachen Timothée Chalamets aus Call Me By Your Name.

Die Schrecken eines Sommers sind alles andere als banaler Horror – sie sind die unerwarteten Gefühle, die man zulassen muss, sich ihnen aber nicht gänzlich hingeben darf. Sie sind der Glaube an Dinge, die man nicht sehen kann. Wie die eigene Zukunft.

Falcon Lake (2022)

The Five Devils (2022)

DIE NEUGIER DER UNGEBORENEN

8/10


thefivedevils© 2022 F Comme Film / Trois Brigands Production


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

REGIE: LÉA MYSIUS

BUCH: LÉA MYSIUS, PAUL GUILHAUME

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, SALLY DRAMÉ, SWALA EMATI, MOUSTAPHA MBENGUE, DAPHNE PATAKIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Seit der legendären deutschen Mindfuck-Serie Dark wissen wir, dass die Zukunft Vergangenes beeinflusst und umgekehrt. Dass die Schicksale in jeder Zeitphase wie ein Stoßmich-Ziehdich unverrückbar ihre Positionen einnehmen, weil das eine nicht ohne den anderen existieren kann. Weil die Zeiten einander bedingen. Und was war, wird gewesen sein. Was noch nicht ist, begründet vielleicht gar sich selbst. Diesen Knoten im Hirn muss man erst mal entwirren können. Das Ganze mutet an wie ein Zauberwürfel, dessen Algorithmus zur Lösung des Problems nur die wenigsten kennen. Denis Villeneuve hat in Arrival die Zeit als Kreislauf erklärt, ebenso das kongeniale Regie-Duo Jantje Friese und Baran Bo Odar, das nun leider mit ihrem neuen Abenteuer 1899 scheitern musste. Man kann auch zu weit gehen, und zwar so weit, dass man den eigenen Plot nicht mehr versteht.

Vor dieser Gefahr weiß sich Léa Mysius zu schützen. Ihr zweiter Spielfilm nach Ava will hier ähnlich die Zeit durcheinanderbringen und noch nicht Geschehenes zu längst Passiertem machen. Wie sie diesen phantastischen Umstand in ihre bittersüße Romanze integriert, und wie sie dabei noch einen philosophischen Diskurs wie Salz in die Suppe einstreut, ist so berauschend komponiert, dass einer wie Krysztof Kieslowski, würde er noch leben, glücklich die Hände zusammenschlagen würde, da er nun beruhigten Gewissens die zarte Erzählweise der Mystery vererbt sehen kann. Seine Zwei Leben der Veronika bleiben unvergessen. The Five Devils bleiben ebenfalls in Erinnerung. Und das aus vielerlei Gründen.

Mysius schenkt ihrem Publikum anfangs nur wenige Puzzleteile, die vielleicht zueinanderpassen könnten, aber ganz sicher ist man sich da nicht. Man wartet geduldig, was sie einem sonst noch zuwirft. Zu Beginn haben wir Adelé Exarchopoulos, die vor einem Flammenmeer steht und sich uns verzweifelten Blickes zuwendet. Dann folgt der Cut – und wir sehen die seit Blau ist eine warme Farbe längst für herausfordende Rollen etablierte Schauspielerin gemeinsam mit ihrer Filmtocher an einem See, mitten im Winter. Die junge Vicky ist in der Schule nicht sehr beliebt, ein gewisser Alltagsrassismus prägt ihr Dasein in der Gesellschaft. Allerdings hält sie diese Erfahrungen vor ihren Eltern geheim – genauso wie den Umstand, dass sie einen außergewöhnlichen Geruchssinn besitzt. Erinnerungen an Grenouille aus Das Parfum werden wach, aber keine Sorge: Das Mädel ist keine Psychopathin, nur etwas eigenwillig, was das Sammeln von Duftstoffen in Einmachgläsern betrifft, die jeweils einen anderen Menschen olfaktorisch erfassen sollen. Da passiert es, und Tante Julia, die Schwester ihres Vaters, kommt zu Besuch. Mit ihr verbindet Mutter Joanne eine unangenehme Vergangenheit, sie will sie am liebsten gar nicht hier haben. Vicky geht der Sache nach und die Neugier obsiegt, während sie die Habseligkeiten der Unbekannten durchwühlt. Ein seltsames Fläschchen erregt ihr Interesse. Kaum daran geschnüffelt, fällt die Kleine durch die Zeit – bis zu einem Moment in der Vergangenheit, der das Tor zu einer Tragödie öffnet, an der selbst sie nicht ganz unbeteiligt scheint.

The Five Devils schafft ein Mysterium, ohne herausfinden zu wollen, warum Dinge geschehen, die unmöglich scheinen. Viel wichtiger scheint es dem Film, das, was ans Licht kommt, als schmerzvoll-intensives Beziehungsdrama ins Zentrum zu stellen und sich dabei dem Phantastischen als Mittel zum Zweck zu bedienen. Das Paranormale, Metaphysische ist nur ein Zugang. Doch es wirft auch die Frage auf, wie sehr die eigene Geburt nur Zufall gewesen sein kann. Jeder dürfte diese Tatsache selbst schon erörtert haben: Was, wenn im Laufe der Vergangenheit Wendepunkte des Lebens der Eltern ganz anders verlaufen wären? Wie leicht wäre man selbst nicht vorhanden. Und doch unterliegt unsere Existenz einem gewissen Determinismus, und dem Recht auf ein Dasein, das sich selbst verursacht hat. Die Angst davor, im besten Falle eigentlich gar nicht existieren zu dürfen, findet in The Five Devils zwar Trost, aber zum Glück keine erlösenden Antworten, denn die wären vermutlich banal.

Mysius stattet diese Ratlosigkeit, unterlegt von einem wohlklingenden, melodiösen Soundtrack aus diversen zeitgenössischen Musikstücken, zu einer von kindlicher Neugier überrumpelten Expedition aus, auf welcher man mitreisen und von welcher man sich mitreissen lassen sollte, allen emotionalen Gefahren zum Trotz.

The Five Devils (2022)

Sterne unter der Stadt (2023)

MIT LÖWENZAHN GEGEN DAS SCHICKSAL

6,5/10


sterneunterderstadt02© 2023 Interspot Film/Foto: Christoph Tanhoffer


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2023

BUCH / REGIE: CHRIS RAIBER

CAST: VERENA ALTENBERGER, THOMAS PRENN, MARGARETHE TIESEL, HARALD WINDISCH, SELINA GRAF, SIMON HATZL, PETER KNAACK, ERWIN LEDER, HOLGER SCHOBER U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Tatsächlich gehen die Wiener U-Bahnen unter der Woche zumindest für fünf Stunden schlafen. Das ist die Zeit, zu welcher so manchen Gestalten des Untergrunds die Welt unter der Wienerstadt gehört. Es sind dies der Nachtwächter, der Angst vor der Dunkelheit hat. Es ist dies der phlegmatische Alexander, der den Bahnsteig der U2-Station Universität zum privaten Kino werden lässt und es ist dies die Hutverkäuferin von vis a vis des Fundbüros, die sich von schwebenden blauen Federn beeindruckt zeigt, die scheinbar in ihrem Flug einen eigenen Willen besitzen. Fährt man in Wien offenen Auges per Rolltreppe in die Tiefe, kann man schon mal ins Staunen kommen. Manche Anlage hat etwas Künstlerisches, fast schon Zeitloses oder ist seit seiner Entstehungszeit auf wunderbare Weise konserviert. Mosaike, vergoldetes Metall, kleine, intime Boutiquen mit aus der Zeit gefallenem Sortiment. Zu empfehlen wäre für Nichtkenner jedenfalls der Knotenpunkt Karlsplatz mit seinem unterirdischen Rondeau, der sogenannten Opernpassage. Inspiriert von diesem Mikrokosmos und dem in der Stadt an der Donau so liebevoll gefeierten Image der verträumten Morbidität ist eine im Kern klassische Romanze entstanden, die ihre Originalität in setzkastenartige Miniaturen bettet, die von verschrobenen Außenseitern erzählen, welche die Erfüllung ihres Alltags einer von niemanden sonst nachvollziehbaren Logik unterwerfen. Zugrunde liegt ihnen allen die Hoffnung, Verlorenes wiederzufinden.

Der Mann mit dem Glasauge erzählt stets davon, wie ihm dieses mindestens fünfmal abhanden kam. Ein anderer sucht seine Aktentasche, welches ein Sammlerstück birgt, das dem Leiter des Fundbüros nur gelegen kommt – es ist dies die Erstausgabe des ersten Bandes der Perry Rhodan-Heftreihe. Jenseits der öffentlich zugänglichen Bahnsteige aber wohnt Alexanders entrückter Vater, der nach dem Tod seiner großen Liebe dieser näher sein will, indem er selbst in den Untergrund zog. Alexander tut’s ihm gleich – nur weniger radikal, also arbeitet er von nun an für die Wiener Linien, nachdem er sich selbst und der Welt versprochen hat, sich niemals zu verlieben, damit ihm das Unglück seines alten Herrn nicht selbst widerfährt. Es wäre nicht das Kino mit seinen Möglichkeiten, würde Verena Altenberger als Hutverkäuferin Caro dem ganzen Vorhaben nicht einen Strich durch die Rechnung machen. Die blonde, aufgeweckte Schönheit zeigt sich einerseits wütend und irritiert, andererseits unendlich fasziniert von Alexanders unbeholfenen Methoden, ihr näherzukommen. Einerseits will er, andererseits nicht. Doch statt die obligate Margarite, deren Blütenblätter man auszupft, um herauszufinden, ob man geliebt wird oder nicht, sind es die Flugsamen des Löwenzahns, die durch die Anlage wehen und sich schützend vor unliebsamen Umständen zu einem Helm formieren. Den braucht Caro dringend, denn ihr Geheimnis passt so gar nicht in eine Welt voller Fantasie und naiver Hoffnungen.

Wenn Verena Altenberger in einem Film mitwirkt, dann nur, wenn sie hundertprozentig vom Konzept und ihrer Rolle überzeugt ist – so zumindest im Interview bei Sterman und Grissemann. Es mag ihr dabei vielleicht manches mit lukrativem Potenzial durchrutschen – die Methode aber führt dazu, dass sie in ihren Filmen wirklich Vollgas gibt. Sterne unter der Stadt zählt zu ihrer bislang eindrucksvollsten Paraderolle. Als Mischung aus Audrey Tautou, dem Wiener Schmäh und Ali MacGraw aus Love Story will sie ihr Publikum glücklicherweise nicht um Preise spekulierende Wucht umhauen, sondern probiert leise Töne, charmanten Sarkasmus und lässt auch, wenn ihr danach ist, herzliches Lachen nicht außen vor. Improvisation ist Teil ihrer Methode. Verbunden mit den Anweisungen Chris Raibers, einem Debütanten in Sachen Spielfilm, entsteht so eine lebendige Großstadtheldin zwischen Mut und Schwermut. Und auch mit ein bisschen Angst. Im Vergleich dazu bemüht sich Thomas Prenn sichtlich, aus sich herauszugehen. Mitunter wirkt er ein bisschen zu phlegmatisch, doch am Ende reißt es auch ihn aus seiner Introvertiertheit, um mit seinem Co-Star gleichzuziehen. Zu guter Letzt darf man Simon Hatzl (u. a. Taktik) nicht vergessen, der für eine Hommage an eine Science-Fiction-Kultserie steht, die Kennern und Fans Tränen der Rührung in die Augen treibt. Welcher Film hat sowas schon in petto? Raiber muss – so wie ich – damit aufgewachsen sein. Und verbeugt sich tief vor dem Privileg, ein Nerd sein zu dürfen.

Neben all dieser vielen, leider nur in der Peripherie der eigentlichen Story verweilenden Details, die man mehr mit dem roten Faden hätte verspinnen können, ist aus Sterne unter der Stadt eine schöne Liebesgeschichte geworden, die aber längst nicht so befreiend durchatmet wie Jean-Pierre Jeunets Die fabelhafte Welt der Amelie – ein Filmklassiker, der mit Sterne unter der Stadt gerne verglichen wird. Paris und Wien sind Städte, die ähnliche Metaebenen besitzen, die so düster wie verzaubernd sind. In Paris, der Stadt der Liebe, feiert die Exzentrik gesellschaftlicher Randfiguren ein ewiges Dasein – in der Stadt, in der der Tod ein hiesiger Bürger sein muss, endet die Flucht in poetische Traumwelten irgendwann doch. So offen für das Unmögliche und Schrullige Raibers Charme-Offensive für sonderbare Nischenwelten auch anfangs zu sein scheint, so sehr quält sich diese später mit einer unwillkommenen Realität herum, die den Phantasten in uns lediglich Dekoration für das sein lässt, was man nicht verändern kann.

Sterne unter der Stadt (2023)

Bones and All

ZUM FRESSEN GERN

6/10


bonesandall© 2022 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.  All Rights Reserved.


LAND / JAHR: ITALIEN, USA 2022

REGIE: LUCA GUADAGNINO

BUCH: DAVID KAJGANICH, NACH DEM ROMAN VON CAMILLE DE ANGELIS

CAST: TAYLOR RUSSELL, TIMOTHÉE CHALAMET, MARK RYLANCE, ANDRÉ HOLLAND, MICHAEL STUHLBARG, DAVID GORDON GREEN, JESSICA HARPER, CHLOË SEVIGNY U. A.

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Da lobe ich mir Hannibal Lecter: Zumindest hat sich dieser die Leber gebraten und fein gewürzt und dazu noch einen Chianti genossen. Das ist Kannibalismus mit Stil. Andererseits: Der belesene Feingeist mit Hang zur Bestie ist ein Psychopath und nicht von so genetisch bedingtem Zwang durchs Leben gepeitscht wie diese beiden jungen Endteenies hier in Luca Guadagninos neuem, gar auf der heurigen Viennale gezeigten Horrordrama Bones and All. Bei so viel unüberwindbarer Triebhaftigkeit haben Tischmanieren das Nachsehen. Kein italienischer Wein im Dekanter, und die Serviette steckt sich auch niemand in den Ausschnitt, denn Blut bekommt man selten gut raus, hat man nicht gerade Dr. Beckmanns zur Hand. Und so ist dieses Besudele mit dem Lebenssaft Menschen wie Taylor Russel oder Timothée Chalamet ein von Kindheitstagen an vertrauter Umstand. Die Gier auf Menschenfleisch hat deren Leben mit Hindernissen zugepflastert, dass es ärger nicht geht. Kaum beißt Maren ihrer besten Freundin den Finger ab, muss Papa mit Kind fluchtartig das Land verlassen. Vielleicht ließe sich diese Anomalie ja erklären – keine Ahnung, warum in diesem Fall nicht die Wissenschaft herangezogen wurde, denn nicht alle hätten vermutlich die Lösung für solche Extreme im 21. Jahrhundert auf dem Scheiterhaufen gesehen. Aber was sich nicht erklären lässt, will man sich auch nicht erklären lassen. So kommt es, dass Maren bald allein dasteht, weil der leidgeprüfte Vater das Handtuch wirft. Was tun, mit taufrischen achtzehn Jahren und keinerlei Schulpflicht? Sie trifft auf den seltsamen Sully, einem Eigenbrötler und Obdachlosen, der sie auf eine halbe Meile hin bereits gerochen hat, trägt er doch dasselbe Handicap mit sich herum wie Maren. Wenig später ist es dann Lee, wohl altersadäquater als die von Mark Rylance verkörperte Figur. Und wenig zimperlich, was die Beschaffung von Frischfleisch angeht. Mit dieser Hingabe aufgrund impulsiven Hungers und einer gestohlenen Karre bewegen sich die beiden quer durch die Vereinigten Staaten, weil Maren ihre verschollene Mutter finden und das Rätsel um diese äußerst unangenehme Veranlagung lüften will.

We are what we are – so nennt sich zumindest ein mexikanischer und später nachverfilmter amerikanischer Horrorfilm rund um eine kannibalische Familie, die mit Sicherheit lieber auf Grillhühner stehen würde als auf die eigene Spezies. Doch sie sind nun mal, was sie sind. Genauso sehen das Maren und Lee. Und vielleicht auch Sully. Basierend auf dem Jugendbuch (!) von Camille DeAngelis setzt Luca Guadagnino nach dem phänomenalen Liebesfilm Call Me By Your Name abermals den schlaksigen Chalamet in Szene. Der gibt einen James Dean-Outlaw mit gefärbter Lockenpracht, aber sonst wenigen schauspielerischen Extras. Der schöne Star spielt mittlerweile meist sich selbst, während Taylor Russel (Waves, Lost in Space) als introvertierte Vagabundin ihrem Co-Star, aber nicht Mark Rylance, die Show stiehlt. Vielleicht liegt‘s an der fehlenden Chemie zwischen den beiden. Das toxische Süppchen kocht lieber Spielbergs Lieblingsstar Rylance, der die verkappte Psycho-Nummer hochfährt, und am liebsten würde man ihm einen ganzen Film gönnen, würde er seine abstoßenden Attitüden nicht so sehr zelebrieren. Doch das ist gut so, diese Rolle gibt dem Film etwas Tiefe, während das übrige Szenario in den Tag, oder besser gesagt, in filmische zwei Stunden hineinlebt, ohne ein konkretes Ziel zu haben. Ja, gut, die Mutter in Minnesota. Aber in welchem Film sucht denn nicht irgendwer irgendwann seine Erzeuger, angetrieben von apokalyptischen Umständen im Rücken? Noch dazu weiß Guadagnino mit der Geißel des Fleisches nicht ganz so gut umzugehen. Als Metapher für ein Coming of Age-Roadmovie ist das Konzept zu vage, denn der Kannibalismus ist längst kein Ventil für das Erwachsenwerden wie in Julia Ducournaus viel einprägsamerem und sehr ähnlich gelagerten Drama Raw. Decournau wagt viel mehr Schritte hinaus aus der Box, während Guadagnino in gewisser Weise gutzuheißen gedenkt, dass Natural Born Killers wie diese, die nicht wie bei Oliver Stone erst durch dysfunktionale Medienpädagogik so gemacht wurden, ihr gesellschaftsschädigendes Verhalten nicht zwingend in den Griff kriegen müssen. Warum die Abkehr von der Gesellschaft? Vorwiegend dürfte es Scham sein. Oder die Lust am Anderssein.

Bones and All