Herz aus Eis (2025)

IM BANNE DES IDOLS

7/10


© 2025 Filmgarten


ORIGINALTITEL: LA TOUR DE GLACE

LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ

DREHBUCH: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ, GEOFF COX

KAMERA: JONATHAN RICQUEBOURG

CAST: MARION COTILLARD, CLARA PACINI, AUGUST DIEHL, GASPAR NOÉ, MARINE GESBERT, LILAS-ROSE GILBERTI U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN



Wenn Oscarpreisträgerin Marion Cotillard das Set betritt, friert ringsherum die ganze Belegschaft ein. Bei dieser Divenhaftigkeit sehen sogar Liz Taylor und Angelina Jolie blass aus. Denn die Französin gibt hier den Inbegriff einer erhabenen Schauspielikone, die aus unerfindlichen Gründen so viel Einfluss und Macht besitzt, dass alle anderen vor ihr buckeln. Natürlich stellt sich die Frage, wieso man mit so jemandem die sowieso schon mühsamen Produktionsabläufe eines Filmdrehs erschweren muss – doch Filmstar ist eben Filmstar und sollte alle Erschwernisse mit der Wirkung aufs Publikum wieder wettmachen. Cristina, so nennt sich Cotillard im Film, ist Königin des Kinos und Königin in diesem Märchen, das in Herz aus Eis gerade nachgestellt wird. Dabei handelt es sich um eine relativ werkgetreue und man möchte fast schon sagen biedere Adaption der Geschichte von Hans Christian Andersen: Kunstschneelandschaften, graublauer Winterhimmel, in der Mitte des Szenarios ein Turm als Palast der eiskalten Adeligen, die unbedarfte Kinder bezirzt, um sie in ihr Refugium einzuladen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Dieser Schneekönigin wollen sich alle unterwerfen, weil sie strahlt bis über alle Maßen.

Ein Märchen wird real

Das sieht auch das Waisenmädchen Jeanne so, die genug hat von ihrem ereignislosen Leben im Heim und über Berge und Täler wandert, um in der Stadt nach ihrem Idol zu suchen, nach Andersens glitzernder Figur. Das Schicksal will es, dass die Kleine durch Zufall an besagtes Filmset gerät, auf welchem sie Bekanntschaft mit dieser aparten Diva macht, die Jeanne von oben herab als ein Individuum wahrnimmt, das ihr vollends verfällt. Diese Unterwürfigkeit, Abhängigkeit, dieses Schmachten nach der Gunst einer Königin sowohl in der realen als auch in der inszenierten Welt, beschert Cristina einem Vampir gleich Nahrung und folglich Vitalität, lässt sie größer erscheinen und in ihrer Machtgier wachsen. Jeanne schlittert immer mehr in eine ungesunde Abhängigkeit, die so weit geht, dass die Diva bald alles von ihrem Günstling verlangen kann. Vielleicht sogar den Tod.

Hörigkeit und Missbrauch

Andersens Märchen über Abhängigkeit und Machtmissbrauch fährt unter der Regie von Gaspar Noés Lebensgefährtin Lucile Hadžihalilović auf zwei Ebenen dahin – erstens ist es die im Film stattfindende konventionelle Inszenierung des Klassikers, andererseits hebelt die Dimension, in dem der Filmdreh und die Beziehung zwischen Kind und Erwachsener stattfinden, die Kernaussage der Parabel nochmal aus, um sie an diesem erschütternd düsteren Beispiel eines Missbrauchs anzuwenden. Wie der Pakt mit dem Teufel fühlt sich dieser Weg in die Finsternis an, an welchem es schon bald einen Point of No Return geben könnte. Doch Herz aus Eis (im Original The Ice Tower) sieht in dem jungen Mädchen eine Protagonistin, die nicht auf einen Weg in die Verdammnis, sondern in die Erkenntnis geschickt wird. Das moralische Leuchtfeuer ist in dieser filmischen, klirrend kalten Winternacht unschwer zu erkennen, und auch Jeanne kann es wahrnehmen, wenn auch anfangs nur vage, weil die Verlockungen der Königin allzu betörend sind.

Ein Film wie eine Winternacht

Hadžihalilovićs Film ist langsam, schleichend und sperrig. Als wären es Bruchstücke einer zu Boden geschmetterten Eisskulptur, setzt die Filmemacherin diese Mär zu einem gespenstischen Mosaik zusammen, das nicht ganz passt, weil dazwischen Elemente fehlen, die den Erzählfluss geschmeidiger machen könnten. Doch genauso scharfkantig wie Eissplitter und so schneidend wie Kälte ist dieses Tauziehen zwischen Macht und Ohnmacht aus Bruchstücken zusammengesetzt. Das Fragmentarische lässt die Geschichte wie ein Traum in einem Traum wirken, bedrohlich entrückt und schwer rekapitulierbar. Kann sein, das manchen Herz aus Eis zu träge erscheint, doch diese Schwermut hat ihren Zweck. Als Winterschlaf eines heimatlosen Individuums, in dem selbiges einer Willkür erliegt, lässt sich diese Vision betrachten. Der Wunsch, Jeanne möge erwachen, drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Cotillard als die Mächtige scheint dabei als ewig existierende Entität dem Kind auf unbewusste Weise zu lehren, sich im Leben zurechtzufinden und Gefahren zu erkennen.

Herz aus Eis ist das magische und zugleich ungefällige Konstrukt eines sozialen Gleichnisses, fast schon jenseits der Spielwiesen von Politik und Showbusiness und universell zu betrachten. Jungschauspielerin Clara Pacini begegnet in ihrem zerbrechlich-sinnlichen Spiel der längst versierten Cotillard auf Augenhöhe – beiden gelingt in ihrem schleichenden Duell, das Eis dieser fröstelnden Sachlichkeit aufzubrechen. Der Funke flackert spät, aber doch. Und klingt nach wie manches Märchen, dessen Metaebene man als Kind nur unbewusst mitgenommen hat. Um es dann, im Unterbewusstsein, reifen zu lassen.

Herz aus Eis (2025)

After the Hunt (2025)

DIE QUADRATUR DES MEINUNGSKREISES

6,5/10


© 2025 Sony Pictures


LAND / JAHR: USA, ITALIEN 2025

REGIE: LUCA GUADAGNINO

DREHBUCH: NORA GARRETT

KAMERA: MALIK HASSAN SAYEED

CAST: JULIA ROBERTS, AYO EDEBIRI, ANDREW GARFIELD, MICHAEL STUHLBARG, CHLOË SEVIGNY, LÍO MEHIEL, DAVID LEIBER, THADDEA GRAHAM, WILL PRICE U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Alle sind sie sowas von klug. Studierend, studiert, auf der Höhe der Zeit und ihrer Bedürfnisse: Akademiker eben, und davon nehme man die intellektuellste und wortgewandteste Elite, und davon wieder die Liga des Ruhms. Angelangt sind wir dann bei einer wie Julia Roberts, einem wie Andrew Garfield und vielleicht auch noch einem wie Michael Stuhlbarg, der aber nicht den Philosophen, sondern den Psychologen gibt, den subversiv-süffisanten Attitüden eines weisen Klassik-Hörers ergeben, dem es nur um sich selbst geht. Die anderen sind da aber auch nicht besser, wenn nicht gar noch schlimmer, denn Stuhlbargs Figur ist immerhin die eines treuen, manchmal fürsorglichen Ehemanns, der wirklich liebt, nämlich Julia Roberts. Die scheint fast aus Gewohnheit eine jahrzehntelange Beziehung zu führen, neben ihrer eigentlichen als Universitätsprofessorin in Yale mit ihren Studentinnen und Studenten. Protegé von Roberts Figur der Alma Imhoff ist die scheinbar ehrgeizige Maggie Resnick (Ayo Edebiri), die für ihre Professorin mehr empfindet als man empfinden sollte. Störfaktor ist dabei Almas liebgewonnener Arbeitskollege Hank, gespielt von Andrew Garfield, ein eitler Geck von einem Professor, blitzgescheit, charmant, aufdringlich. Dieses Aufdringliche, Notgeile, das ihn umgibt, wird ihm zum Verhängnis, als er nach einer von Alma geschmissenen Houseparty für die Uni-Elite besagte Maggie nicht nur nachhause bringt, sondern, sturzbesoffen, gleich noch hochkommt in ihre Wohnung und dort, wie kann es anders sein, sexuell übergriffig wird.

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Damit gerät ein Stein ins Rollen, der alles mitzureißen scheint – vor allem Almas Integrität, ihre Souveränität und Glaubwürdigkeit. Denn schließlich ergibt sich jene Pattsituation, in der, wie Schirach es in seinem Stück Er sagt. Sie sagt ausführlich umschreibt, eine wie immer auch geartete Wahrheit unmöglich ans Licht dringen kann, es sei denn, eine der beiden Wahrheiten (denn Hank betört seine Unschuld) kommt der sozialphilosophischen Bestrebung zugute, dem weißen Patriarchat ein für alle Mal den Teufel auszutreiben. Dass dabei persönliche, natürlich egoistische Interessen dabei nutznießen wie nicht blöd, mag eine willkommener Nebeneffekt sein.

Julia Roberts steht also zwischen den Fronten und weiß nicht wohin mit ihrer Meinung, geschweige denn ihrer bezogenen Stellung. Es beiden Parteien recht zu machen, geht nicht. Fragt sich nur: Auf welcher Seite lässt sich der eigene Erfolg denn am wenigsten trüben, steht doch eine der heißbegehrten Anstellungen ins Haus, die auch Hank bekommen könnte. Der jedoch ist diskreditiert bis auf alle Ewigkeit, das woke Meinungssystem zieht ungehindert seine vorverurteilenden Kreise.

Kluger Rede kurzer Sinn

Kreise, die man als Zuseher langsam aus den Augen verliert oder aber man kann ihnen nicht ganz folgen, wenn Luca Guadagnino sein Ensemble hochgradig philosophische Ansichten rezitieren lässt, die nah an der Unverständlichkeit einen Nichtstudierten wie mich ziemlich blöd dasitzen lässt. Am liebsten würde man zurückspulen und das eine oder andere Gespräch nochmal hören, es fragt sich auch, wohin die hochtrabende Wortklauberei führen soll, wenn nicht dort hin, Akademiker und solche, die es werden wollen, als Geistesriesen zu etablieren, deren Niveau einen eigenen Olymp pchtet, auf welchem gottähnliche Philosophen ihren Scharfsinn schleifen wie ein Schwert, um daraufhin die Klingen zu kreuzen. After the Hunt sonnt sich damit natürlich in gesellschaftspolitischer Brisanz und umkreist das Dilemma der woken manipulativen Zweckentfremdung, mit der siegessicher brandmarkiert wird, wer in die entsprechende Clique passt.

Ja, Männer sind Schweine, sehr viele sogar. Frauen müssen zusammenhalten, wenn es um Missbrauch geht, auch wenn der Verdacht nur im Raum steht. Oder nicht? Guadagnino hinterfragt dieses bewährte Konstrukt der unbewiesenen Ächtung – oder er hinterfragt es gleichzeitig auch nicht. Er hinterfragt Erfolg, Eitelkeit und die Aufrichtigkeit im Willen zur Veränderung der Welt, wie sie die studierende Elite besserwisserisch vorantreibt – und er hinterfragt es gleichzeitig auch nicht.

Julia Roberts hält die Zügel

After the Hunt bezieht selbst keine Stellung. Die wahren Identitäten seiner Figuren, deren Beweggründe und deren Aufrichtigkeit – sie bleiben unentdeckt, unerforscht, alle sind verdächtig, sich selbst nur im Vorteil zu sehen. Abgehoben ist das richtige Adjektiv für einen intriganten Gesellschaftsthriller, der wahnsinnig viel Diskussionsstoff aufs Tapet bringen will, ohne ihn auszuarbeiten. Bündel an Akten, Fotos und Schriften sind das, egal wo und wie man blättert, splittern fiktive biografische Fragmente ab, die nur ansatzweise irgendwo hinführen, wo man Antworten vermutet. Mit gekonnter, kinematographischer Kraft, kühler, fast schon abweisender Bildsprache und intellektueller Kaltschnäuzigkeit rührt Guadagnino in seinem Krisenspiel ordentlich um, und ja, Julia Roberts ist wiedermal ein As, eine Rolle, in der sie sich während es Spiels sichtlich erst selbst entdecken hat müssen, so sehr kämpft sie sich durchs Dickicht subjektiver Befangenheit. Messerscharfe Dialoge wechseln mit vehementer Suspense, es ist düster, die Figuren berechnend und allesamt klugschwätzend in diesem Uni-„Dallas“ aus einem Zeitalter ereifernder, moralgesteuerter Manipulation.

After the Hunt (2025)

Sorry, Baby (2025)

STÖRUNGEN IM FLOW DES LEBENS

7/10


© 2025 Viennale

LAND / JAHR: USA, SPANIEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: EVA VICTOR

KAMERA: MIA CIOFFI HENRY

CAST: EVA VICTOR, NAOMI ACKIE, LOUIS CANCELMI, KELLY MCCORMACK, LUCAS HEDGES, JOHN CARROLL LYNCH U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Kürzlich erst hatte ich die Gelegenheit, bereits vorab einen Film aus dem Programm der eben gestarteten Viennale zu sichten, initiiert von nonstop, der äußerst erfolgreichen Kinoabo-Innovation hier in Österreich, die an uns Filmfreaks immer wieder mal genüssliche cineastische Extra-Zuckerl verteilen, von Filmpremieren über Talks bis hin zu Überraschungsabenden, an denen man natürlich nicht weiß, wie die nächsten zwei Filmstunden wohl werden. In diesem Fall – und jetzt ist die Katze ja sowieso längst aus dem Sack – bescherte uns nonstop für den Ausklangs einer Arbeitswoche eine auf den ersten Blick nicht unbedingt leichte Kost, würde man die Synopsis von Eva Victors Filmprojekt zu lesen bekommen. Denn Sorry, Baby beschäftigt sich mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs.

Kein Film über Babys

Jetzt ist es gesagt, jetzt könnten manche natürlich denken: Nein, das muss ich mir nicht unbedingt antun, da gibt es in der Realität genug davon, das ist nichts, wofür ich mich auch noch ins Kino setzen muss, um mich zu unterhalten. Doch bevor man voreilig seine Schlüsse zieht, wäre es höchst ratsam, sich auf dieses besondere kleine Werk einzulassen. Schließlich hat Victor zu einem gewichtigen Thema mit ihrem Regiedebüt einen alles andere als knieschweren Pfad erschlossen, dessen Beschaffenheit erst mitten im Film so richtig klar wird. Das liegt auch teilweise daran, dass Eva Victor, die man vielleicht aus der Serie Billions mit Paul Giamatti kennt, die einem aber, auch wenn man sie nicht kennt, seltsam bekannt vorkommt, ihr im besten Sinne genügsames Werk achronologisch zusammensetzt und in einzelne Kapitel unterteilt. Anfangs lässt sich ein gesprächsfreudiger Freundinnenfilm vermuten – Victors Charakter der Agnes begrüßt an einem Winterabend Naomie Ackie als Lydia, die, wie sich vermuten lässt, hier, in diesem Haus in der Provinz von New England, früher mal gewohnt haben könnte. Beide haben sich viel zu erzählen, die Stimmung ist gut, viel tut sich nicht, doch das muss es auch nicht, es ist ein Beisammensein, von dem man nicht weiß, wohin die Episode unter dem Titel „The Year with the Baby“ letztlich führen soll. Dann aber springt Victor in die Vergangenheit – Agnes, Uni-Studentin im letzten Semester, wird von ihrem Literaturprofessor bewundert, unterstützt und im Zuge eines Hausbesuchs letztlich sexuell genötigt. Das Verbrechen zeigt Sorry, Baby zum Glück, aber nicht weniger eindringlich, nur aus der Distanz, wir bleiben vor dem Haus, sehen Licht in der Wohnung, sehen, wie der Tag zu Ende geht, und irgendwann, in der Dunkelheit des Abends, stürmt Agnes aus des Professors Wohnsitz, völlig verstört, desorientiert, bis sie in ihr Auto steigt und losfährt.

Was wirklich erzählt werden will

Ab da wissen wir, worum Sorry, Baby schließlich wirklich handelt: Von den ganz unerwartet hereinbrechenden schlechten Dingen, die gleich einer Naturgewalt ganz plötzlich über ein gezielt ausgerichtetes Leben hereinbrechen und von da an bis auf gefühlt ewig völlig ungebeten den Flow erschwerend beeinflussen können. Wie Agnes nun mit dieser schlimmen Sache, wie Victor sie nennt, folglich umgeht, ist so unerwartet leichtfüßig, ironisch und humorvoll erzählt, dass man vermuten könnte, sie nehme die Sache nicht ernst. Doch das tut sie mehr, als hätte sie das Narrativ eines bleischweren Betroffenheitskinos gewählt, aufgeladen mit unerträglichen Emotionen und reißerischen Bildern. Sorry, Baby ist Reduktion auf versiertem, klugen Niveau, begegnet dem Schrecken mit ihrer unnachahmlich lakonischen Performance, und man sieht, in Eva Victor steckt eine Komödiantin, die imstande ist, jedes noch so heikle Thema eloquent und alles andere als vor den Härten des Lebens resignierend, anpacken zu können. Zwischendurch gelingt es dem Film sogar, das Bedrohliche von Agnes Ängsten im Stile einer knarrenden, windumtosten Mystery dazwischenzuschieben, doch stets wohldosiert, aufgeweckt, schlagfertig.

Sorry, Baby ist schließlich ein gelungener Einstand für das diesjährige Festival, ein geschicktes psychologisches Portrait, das auf unorthodoxe Weise das Zugestoßene niemals kleinredet und das Leben, wie auch immer, auf schelmische Weise akzeptiert.

Sorry, Baby (2025)

Her Will Be Done (2025)

BETEN AUF TEUFEL KOMM RAUS

5,5/10


© 2025 WTFilms


ORIGINALTITEL: QUE MA VOLONTÉ SOIT FAITE

LAND / JAHR: FRANKREICH, POLEN 2025

REGIE / DREHBUCH: JULIA KOWALSKI

KAMERA: SIMON BEAUFILS

CAST: MARIA WRÓBEL, ROXANE MESQUIDA, WOJCIECH SKIBIŃSKI, KUBA DYNIEWICZ, JEAN-BAPTISTE DURAND, RAPHAËL THIÉRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Warum ich lieber in der Stadt lebe als am Land? Abgesehen davon, dass ich nicht ein bis zwei Stunden mit dem Auto fahren muss, um in ein Kino zu gelangen, wird das Urbane zum Schmelztiegel allerlei gesellschaftspolitischer Strömungen, die natürlich nicht immer progressiv sind, die sich aber mit all dem Regressiven die Waage halten und wo das Morgen nicht nur mit dem Hahnenschrei assoziiert wird. Gut, das mag vielleicht etwas polemisch sein, aber nicht von ungefähr greifen Filmemacher in der Darstellung ruraler Umstände auf einen Status Quo zurück, der in längst vergangene und niemals zu hinterfragende Traditionen tief einzementiert jegliche Progression als etwas Schädliches erachtet, während das Schädliche und Diskriminierende einfach, weil es „immer schon so wahr“ die Ewigkeit überdauern muss. Beharrlichkeit und Konservativismus ist Gift für den psychosozialen Fortschritt – kein Wunder, dass die Landflucht in Andreas Prohaskas neuem Gesellschaftshorror Welcome Home Baby, in welchem störrische, altvaterische Mystik auch gerne den Opfertisch bereitet, zur unheilvollen Metapher und das Aussterben dörflicher Mikrokosmen als Albtraum inszeniert wird. Kein Wunder auch, dass Ari Aster in Midsommar zum sonnenhellen Horror ruft oder Brigitte Hobmeier in Elisabeth Scharangs Wald als heimkehrende Städterin vor allem auf toxische, männliche Skepsis trifft. In solchen Gemeinden ist bis zum heutigen Tag die patriarchale Ordnung immer noch jene, gegen die sich niemand aufzulehnen hat. Rollenbilder sind klar verteilt, die Macht liegt beim physisch Stärkeren, und das sei der Mann.

Angstfiguren der Selbstbestimmung

Dem „starken“ Geschlecht, selbst seinem Sexualtrieb unterworfen, war die Unterwerfung der Frau nur genehm. Widerworte oder andere Weltsichten mussten schließlich verteufelt werden, womit wir bei den Hexen wären. Forderte eine Frau ihre Rechte, und willigte nicht ein, zu tun, was der Vater, der Bruder oder der Mann befahl, brach die dörfliche Ordnung zusammen, die Inquisition trat an den Richtertisch, die Ächtung schritt fort. Alles nur schreckliche Vergangenheit? In dieser Systematik vielleicht, nicht aber in der übergriffigen Selbstüberschätzung derber Trunkenbolde, die in Her Will Be Done mit Tunnelblick und erbsengroßem Hirn während den letzten Zuckungen folklorer Feierlichkeiten den Geschlechtsakt gewaltsam einfordern wollen. Doch das ist ein Moment in Julia Kowalskis Coming of Age-Mystery, der bereits schon, irgendwo in der Mitte des Films, den Wendepunkt markiert, den Anfang vom Umsturz verknöcherter Strukturen.

Unterdrückung des Ausbruchs

Im Zentrum des Geschehens, irgendwo in der französischen Provinz an einem Bauernhof, muss die junge Nawojka (Maria Wróbel) damit klarkommen, das Erbe ihrer Mutter in sich zu tragen – nämlich das Böse, den Teufel, den Antichrist – kurz: alles Hexische, was letztlich zu deren Tod geführt hat. Was tut man schließlich, um diese ketzerischen Impulse zu unterdrücken? Man betet und kniet auf Teufel komm raus, muss unter Krämpfen und muskelzehrenden Anfällen dagegen ankämpfen, damit die Dunkelheit den juvenilen Geist nicht übermannt. Alles nur Einbildung oder ist da tatsächlich was dran? Die Brüder und der Vater achten schon darauf, das Nawojka ihre Pflichten erfüllt – schließlich ist dieses Familie eine patriarchal geführte, und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen – an die lässt sich gar nicht denken. Bis Sandra auftaucht, die Erbin des Nachbarhofs – unkonventionell, verführerisch, selbstbestimmt. Ein No-Go für alle Männer, die Frauen gerne unter ihrer Kuratel haben wollen. Zwischen Sandra und Nawojka entstehen Synergien, die das unvermeidliche Verhängnis heraufbeschwören, allerdings auch einen Befreiungsakt, der nicht unblutig vonstatten geht.

Mit Konservativem gegen das Konservative

Julia Kowalski, längst nicht fertig mit den erzkonservativen Strukturen ihrer elterlichen Heimat, nämlich Polen, hat mit ihrer feministischen Mystery notwendige Akzente gesetzt – ganz klar müssen solche Filme richtig interpretiert werden, eine konservative Zielgruppe kann mit solchen Werken wohl gar nichts anfangen und fühlt sich im Handeln des traditionellen Mobs wohl in den eigenen Ansichten bestätigt. Für alle anderen, die den Paradigmenwechsel in unserer Geschlechtergesellschaft befürworten, mag Her Will Be Done nicht nur offene Türen einrennen – die Idee, der Aufbau und die narrative Struktur der Geschichte gerät mitunter etwas zögerlich, situationsverliebt, der Stimmung und des Settings verhaftet.

Aller Anfang ist bei Filmen stets schwer, nicht weniger als das Finden eines runden Abschlusses. Kowalski muss sich bemühen, um ihre Parabel des Aufbegehrens und der Identitätsfindung auf die richtigen Schienen zu setzen. Wie die Verhältnisse stehen, wird bald klar, eher noch, als Kowalski sich dabei gemüßigt fühlt, die Sondierung der Umstände als vollendetes erstes Kapitel abzuschließen und die Essenz des Ganzen freizulegen. Dabei ist selbst in der Darstellung des Abgesangs auf den Konservativismus eben genau das Konservative zu finden; klassische bildliche Allegorien, viel Hexenspuk und die finsteren Mächte der Natur. Das wirkt letztlich allzu bieder, das Konfrontieren der Alteingesessenen mit nackten Tatsachen wird der Höhepunkt eines milden, grobkörnigen Gesellschaftsthrillers, der zwar aufschreit, aber nur leise – damit niemand den Hahnenschrei überhört, der den falsch verstandenen Morgen einkräht.

Her Will Be Done (2025)

Wunderschöner (2025)

DIE TRUGBILDER WEIBLICHER FREIHEIT

7,5/10


© 2025 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: KAROLINE HERFURTH

DREHBUCH: KAROLINE HERFURTH, MONIKA FÄSSLER

CAST: KAROLINE HERFURTH, NORA TSCHIRNER, ANNEKE KIM SARNAU, EMILIA SCHÜLE, EMILIA PACKARD, DILARA AYLIN ZIEM, ANJA KLING, GODEHARD GIESE, FRIEDRICH MÜCKE, MALICK BAUER, MAXIMILIAN BRÜCKNER, LEVY RICO ARCOS, SAMUEL SCHNEIDER U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Wenn sich ein Mann als Frauenversteher deklariert, ist ja das alleine schon ein überheblicher und gleichsam herablassender Begriff – als wären Frauen ein Rätsel, das Mann knacken muss, um von einer Frau das zu bekommen, was diesem vorschwebt ergattern zu müssen. Wenn schon Frauenversteher, dann wären es Frauen selbst, die sich dieses „Prädikat“ aneignen könnten. Und im ganz besonderen Karoline Herfurth. Dabei interessiert sie gleichermaßen, wenn nicht brennender, wie ein Mann vielleicht tickt. Was ihn bewegt, was ihn erregt, was ihn scheitern lässt. Wunderschöner, die Fortsetzung von Wunderschön, lässt sich auch ganz ohne Vorkenntnis des ersten Teils betrachten, schließlich sind es ganz andere Fallbeispiele, die hier erörtert werden. Wunderschöner ist bei Weitem nicht nur ein Frauenfilm, was das Werk in eine Nische drängen würde, wo es gar nicht und vor allem nicht ausschließlich hingehört. Genauso gut will Herfurth alles von Männern wissen und vor allem von dieser Diskrepanz zwischen beiden Geschlechtern, die zu überbrücken proaktive Anstrengungen erfordert – von beiden Seiten, dabei deutlich mehr von Seiten der Frau, denn die ist immer noch die Unterdrückte, Missbrauchte, Diskriminierte, während sich der Mann in seiner Machtposition gefällt.

Während Frauen sich längst schon repositionieren und dabei versuchen, aus ihrem Rollenklischee herauszukommen, haben Männer gehörig viel Aufholbedarf. Das Bequemliche an diesem Patriarchat, dieses Ruhekissen, zieht Herfurth den Männern unter dem Hintern weg. Und veranschaulicht auf schmerzliche, liebenswürdige und tragikomische Weise, und ohne jemals mit dem Finger zu zeigen, dass es in auf- und umbruchsbereiten Zeiten wie diesen keine Selbstverständlichkeiten mehr gibt, dass im Grunde alles, was die geschlechterbezogene Gesellschaft betrifft, obsolet erscheint. Dieses Miteinander wird in Wunderschöner zu einer komplexen Baustelle im Zeitstrahl der sozialen Entwicklung – eine Baustelle, die nicht mal noch als Fundament wahrgenommen werden kann. Was existiert, mag vielleicht ein Team sein. Ein Ensemble aus Schauspielerinnen und Schauspielern, so wie in diesem Fall, um einen Film zu verwirklichen, der die Grenzen dieser Baustelle absteckt. Der zumindest ersichtlich macht, woran gearbeitet werden muss. Um queere Verhältnisse geht es dabei diesmal nicht.

Wunderschöner erzählt in episodenhaften Sequenzen, deren Erzählfäden aber miteinander verflochten sind, von fünf Frauen unterschiedlichen Alters, die selbst erst erkennen müssen, welche Rollen genau sie in diesem System erstens gerade einnehmen und zweitens einnehmen sollten. Sie positionieren sich, erklären sich, behaupten sich – und begreifen erst so richtig, woran es krankt. Fremddefiniert durch den Mann ist der einzige Weg der der Emanzipation, jedoch nicht auf eine kämpferische Art und Weise, die gerne belächelt wird, sondern auf eine ganz natürliche, fast schon geschlechtsunabhängige. Karoline Herfurth als Familienmutter Sonja, die von ihrem Mann getrennt lebt, von welchem sich aber, aus beiderseitigem Interesse, kein Abstand gewinnen lässt, stellt das Zentrum der mannigfaltigen Erzählung. Nora Tschirner als Lehrerin Vicky wartet, bis ihr Partner von einem Selbstfindungstrip endlich heimkehrt. Anneke Kim Sarnau als die wohlsituierte Politikergattin Nadine muss das Fremdgehen ihres Mannes verkraften und setzt sich mit dem Thema Prostitution auseinander. Emilia Schüle als Julie, die gerne beim Fernsehen arbeitet, muss sich einer toxischen Männlichkeit im Betrieb erwehren, die frappant an Weinstein erinnert. Und schließlich Schülerin Lilly, die sich als junge Frau zwar frei fühlt, den Begriff weiblicher Selbstbestimmung aber erst noch überdenken muss. Alle zusammen, und dazu noch einige tragende und wichtige Randfiguren, erschaffen das komplexe und vielschichtige Bild eines Ist-Zustandes, der nicht darauf aus ist, sein Publikum mit neuen Erkenntnissen zu erhellen. Wunderschöner hat keinen Aha-Effekt, allerdings aber, und das ist viel wichtiger, ruft er geduldete Verhältnisse in Erinnerung, die im Argen liegen. Herfurth führt ihr Ensemble mit Sorgfalt, sie weiß im Vorhinein, was und wie sie es sagen will, ohne plattes Betroffenheitskino zu veräußern.

Wunderschöner distanziert sich auch von den aalglatten Tragikomödien eines Schweighöfers oder Schweigers, sogar von den Ensemblestücken eines Simon Verhoeven oder Wortmann. Am ehesten noch erinnert ihre Arbeit an Doris Dörrie zu ihren besten Zeiten, und dennoch ist Herfurths Film noch immersiver, weil sie Emotionen abbildet, die sonst nur innerhalb der vier Wände bleibt. Das ist charmant und aufrichtig, und auch wenn manchmal der Imperativ zur Veränderung fast schon so präsentiert wird wie ein Werbespot für Frauenrechte, so kann es, genauer betrachtet, selbst davon nicht genug geben. Letztlich will auch Herfurth, das alles gut wird, und man fragt sich, ob angesichts dieser offenen Wunden und Problemzonen im Rahmen eines abendfüllenden Spielfilms jemals irgendetwas davon auf heilsame Bahnen gerät. Herfurth gelingt das Kunststück, ihre Ambitionen nicht überzustrapazieren und auch nichts unter Zeitdruck zu überladen. Letztlich staunt man, wie es ihr gelingt, zumindest Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen. Und nein, es ist gar nichts gut, das Happy End ist nur ein neuer Status Quo, die Romantik die Vergessenheit eines Moments. Die Probleme bleiben, denn alles andere wäre ein Affront zur Realität.

Wunderschöner (2025)

Memory (2023)

DIE DUALITÄT DES ERINNERNS

7,5/10


memory© 2024 MFA+ Filmdistribution


LAND / JAHR: MEXIKO, USA 2023

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION: MICHEL FRANCO

CAST: JESSICA CHASTAIN, PETER SARSGAARD, BROOKE TIMBER, MERRITT WEVER, ELSIE FISHER, JESSICA HARPER, JOSH CHARLES U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Die einen wollen vergessen und können nicht. Die anderen vergessen und wollen nicht. Selten ist es so, dass jene, die vergessen wollen, es auch tatsächlich tun. Zu tief stecken hier traumatischen Erfahrungen in der eigenen Biografie fest, zu sehr beeinflussen diese die Gegenwart. Jene, die vergessen, obwohl sie jede Erinnerung behalten möchten, leiden vermutlich an kognitiven Störungen, die zur Demenz führen. Oft wird diese Erkrankung mit älteren Menschen in Verbindung gebracht, doch Filmemacher Michel Franco sieht das anders. Er wirft Peter Sarsgaard als Saul in einen vernebelten Alltag, der allein nicht mehr zu meistern ist. Abhängig vom eigenen Bruder, erlebt er mal helle Momente, dann wieder Phasen der völligen Desorientierung. Und: Der Mann steht mitten im Leben. Auf der anderen Seite muss Sylvia (Jessica Chastain) als ehemalige Alkoholikerin, die schon seit dreizehn Jahren trocken ist, ein Trauma mit sich herumtragen, welches sich einfach nicht wegsperren lässt. Das hat auch starken Einfluss auf die eigene Tochter, die weder mit Freunden abhängen noch zu Partys gehen darf. Francos Romanze will es, dass sich beide – Chastain und Sarsgaard – auf einem Klassentreffen über den Weg laufen. Oder anders gesagt: Saul sucht Sylvias Nähe und folgt ihr aus welchen Gründen auch immer (später erfährt man auf einer geschickt eingeflochtenen Meta-Ebene, warum) bis vor ihre Haustür – wo er, bei Sturm und Regen, Wurzeln schlägt. Sylvia ahnt, dass mit dem Kerl etwas nicht stimmt, allerdings nichts, was ihr bedrohlich werden könnte. Nächsten Morgen stellt sich heraus: Der Mann leidet an dementen Schüben, die ihn völlig aus der Bahn werfen. Ohne Betreuung geht es nicht, also nimmt Sylvia auf Bitten von Sauls Bruders den Job an, sich um ihn zu kümmern. Während also Erinnerung und Vergessen aufeinandertreffen, ziehen sich diese Gegensätze sehr bald an.

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach Wie ein einziger Tag oder sentimentalem Taschentuchdrama, wenn ich nicht wüsste, dass Michel Franco hier nicht nur die Story ersonnen, sondern eben auch inszeniert hat. Dessen letzter Film – Sundown – Geheimnisse in Acapulco – kann, wenn man sich einlässt, zu einer speziellen Filmerfahrung werden – mit der dramaturgischen Taktik, fast die gesamte Laufzeit des Films seine Zuseher im Unklaren zu lassen, was Tim Roth wohl antreibt, um aus seinem bisherigen Leben auszusteigen und alle Verbindungen zu kappen. Dieses Mysterium steht und fällt mit der hypnotischen Gelassenheit und stillen Melancholie des Hauptdarstellers, den ruhigen, fast ereignislosen Szenen und dem vielen Platz, den Franco lässt, um eigene Ideen hineinzuinterpretieren. Bei Memory macht er es ähnlich. Die Art, wie Franco seine Filme reduziert, und wie er dabei nach eigenem System die Kamera einsetzt, mag bereits zu seiner unverkennbaren Handschrift geworden sein. Was dabei auffällt: Sobald seine Figuren in einen Konflikt geraten, zieht er sich zurück – wir sehen die Szene in der Totalen, distanziert und als stiller Beobachter. Sind die Gefühle im Reinen, hat Franco auch den Wunsch, sich zu nähern. Menschen, die negative Emotionen auslösen, stehen vorrangig mit dem Rücken zur Kamera oder werden erst gleich gar nicht gezeigt. Ein haarfeines, akkurates, psycho-symbolisches Konzept liegt hier vor, während – wie bei Sundown – all die Szenen in unerzwungener Konsequenz fast schon fragmentarisch aneinandergereiht werden. Nie werden diese auserzählt, sondern enden an dem Punkt, an dem wir selbst als Zuseher, ob wir wollen oder nicht, das Geschehen gedanklich ergänzen. Trotz der Bruchstücke – wie beim assoziativen Erinnern – entsteht so ein Ganzes, eine unaufgeregte, nicht karge, aber pietätvolle Erzählung, die mit lamentierender Schwermut nichts anzufangen weiß. Memory widmet sich einschneidenden Schicksalsschlägen, ohne die Schwere auszunutzen. Er erzählt sie anders, und probt damit das symptomatische Empfinden seiner eigenen Themen. Wie Film und Inhalt sich dabei ergänzen, ist wie Vergessen und Erinnern. In der Mitte liegt eine pragmatische Balance für ein gutes Leben.

Memory (2023)

The Dead Don’t Hurt (2023)

ALLEIN MIT DEN MÄNNERN DES WESTENS

5,5/10


thedeaddonthurt© 2023 Marcel Zyskind_Alamode Film


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, MEXIKO, DÄNEMARK 2023

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION / MUSIK: VIGGO MORTENSEN

CAST: VIGGO MORTENSEN, VICKY KRIEPS, GARRET DILLAHUNT, SOLLY MCLEOD, DANNY HUSTON, NADIA LITZ, W. EARL BROWN, JOHN GETZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Seit Der seidene Faden von Paul Thomas Anderson, wo sie an der Seite des großen und längst in Schauspielrente gegangenen Daniel Day Lewis gestanden hat, ist die Luxemburgerin Vicky Krieps eine begehrte, weil extravagante Schauspielerin, die sich schwer in irgendein Schema einordnen lassen will und einen ganz eigenen Charme versprüht, ohne dabei irgendwelchen Vorbildern, sofern es welche gäbe, nacheifern zu müssen. Diese Besonderheit wollte „Aragorn“ Viggo Mortensen in seiner zweiten Regiearbeit gewährleistet wissen, völlig beeindruckt von dieser unkonventionellen Ausstrahlung und diesem extra für diesen Film einstudierten französischen Akzent. Ein feministischer Western sollte es werden, rund um Hoffnung, Grauen, Schicksal und Tod. Legenden der Leidenschaft im Format einer rustikalen Farmhouse Story, einer Lebensgeschichte ohne kitschiges Pathos. Fackeln im Sturm im Spin Off, ein Hauch von Eastwoods Erbarmungslos und sonst auf autorenfilmischen, weil emanzipierten Künstlerpfaden unterwegs. Mortensen sollte niemand vorschreiben, wie er seine Vision umzusetzen hat. Keine großen Studios, kein Über-die-Schulter-blicken, sondern die freie Idee eines romantischen Klageliedes im Staub natürlicher Landschaften, die Mortensen in atemberaubenden Kalenderbildern einfängt. Zwischendurch jedoch sind die toxischen Stereotypen von Männlichkeiten aller Art jene Bürden, die Vicky Krieps als selbstbestimmte, smarte Frankokanadierin Vivienne auferlegt werden. Sie werden ihr nacheinander den Traum eines guten Lebens nehmen. Und sie so weit herausfordern, bis gar nichts mehr geht.

Mortensen selbst, der Regie, Skript und auch die Produktion übernommen hat, sieht sich selbst sehr oft und gerne in der Rolle eines eigenbrötlerischen Außenseiters, eher ungepflegt, von der Sonne gegerbt, doch männlich, charmant, auf ruppige Art liebevoll. Ein Gesamtpaket, das Vivienne, die eines Tages zufällig an diesem Mann vorbeispaziert, sofort überzeugt. Es folgt ein Szenenwechsel, und das zerzauste Landei hat bereits die Gunst der selbstbewussten Dame gewonnen, wacht er doch nächsten Morgen gleich in ihrer Bettstatt auf. Die Figur des Holger Olsen ist die erste Ausgestaltung eines Männlichkeitsbildes, das zwischen Progressivität und konservativem Pflichtbewusstsein versucht, eine Balance zu finden. Letztlich obsiegt der Drang, als Mann tun zu müssen, was man als Mann eben tun muss: Während der Sezessionskriege sieht Olsen schließlich keinen anderen Weg, als einzurücken – und lässt Vivienne, die sich längst damit abgefunden hat, gemeinsam mit ihrer großen Liebe im Nirgendwo auf einer verstaubten Farm ihr Dasein zu bestreiten, allein zurück. Man weiß: In diesen Zeiten ist weibliche Selbstbestimmtheit nichts, was Frau ausleben können. Vivienne tut aber ihr Bestes, will ihr eigenes Geld verdienen, will ihre Meinung sagen und sich nichts gefallen lassen. Vicky Krieps ist die Avantgarde einer späteren, resoluten Weiblichkeit. Auch wenn Olsen die Sache eher skeptisch sieht.

Die andere Seite der Männlichkeit ist die verheerende. Da gibt es diesen Weston Jeffries, psychopathischer und gewaltaffiner Sohn eines reichen Landbesitzers, der gerne Leute krankenhausreif prügelt und Kinder über den Haufen schießt. Das Recht, alles haben zu dürfen, wonach ihm der Sinn steht, schließt die aparte Vivienne mit ein. Und so kommt es zu einer verheerenden Tragödie, die das Leben der Zurückgelassenen um hundertachtzig Grad in eine Richtung dreht, welche den Anfang vom Ende einläuten wird. Vom Ende einer Idee, was es heisst, ein glückliches Leben als Frau zu führen.

Viggo Mortensen will um seine Chronik des Scheiterns einer Frau im Wilden Westen keinen klassischen Erzählbogen spannen. Er beginnt mit dem Dahinscheiden seiner Protagonistin, um dann die Geschichte weiterzuerzählen, während sich in längeren Intervallen zwischendurch eine Lovestory zu verankern versucht, die in ihren eigentlich kurzatmigen Szenen nicht jene Gestalt annehmen kann, für welche sich Vicky Krieps offensichtlich vorbereitet hat. Mortensen weiß nicht so recht, in welchem Rhythmus und nach welcher narrativen Logik er seine Zeitebenen durchmischt, die Struktur des Films erscheint daher beliebig. Was The Dead Don’t Hurt fehlt, ist sein Fokus auf das Wesentliche. Die Garnitur klassischer Westernszenen und -charaktere umrahmt den ambitionierten Kern des Films in klischeehafter Dicke, irgendwann hat man das Gefühl, Mortensen will zu viel und alles gleichzeitig. Viel Drama, viel Schicksal, viel Gut und Böse auf simple Weise. Was bleibt, ist Vicky Krieps gehemmtes Spiel und viel Landschaft.

The Dead Don’t Hurt (2023)

Catch the Fair One – Von der Beute zum Raubtier (2021)

DEN ABSCHAUM AUF DIE MATTE SCHICKEN

7/10


catchthefairone© 2021 Drop Out Cinema


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: JOSEF KUBOTA WLADYKA

CAST: KALI REIS, TIFFANY CHU, MICHAEL DRAYER, DANIEL HENSHALL, KIMBERLEY GUERRERO, LISA EMERY, KEVIN DUNN, ISABELLE CHESTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Redest du mit mir? Kann es sein, dass du mich meinst? Die Szene, in welcher Robert de Niro, bereits mit kampfestauglichem Irokesenschnitt vor dem Spiegel sein Vokabular für den Ernstfall probt, hat Filmgeschichte geschrieben: Taxi Driver ist ein dreckiges, düsteres Meisterwerk, in welchem ein Mann von der Straße dem urbanen Abschaum den Kampf ansagt. Einige Jahrzehnte später ist Joaquin Phoenix in A Beautiful Day auf ähnlichen Spuren unterwegs, wieder geht es um Mädchenhandel, Zwangsprostitution und sexuellen Missbrauch. Ekelhafter kann’s kaum werden. In diesen Abgrund taucht der ohnehin selbst höchst traumatisierte Kämpfer, um ein junges Mädchen zu befreien.

Im düsteren, sehr physischen Thriller von Josef Kubota Wladyka (u. a. The Terror, Manos Sucias) knöpft sich diesmal eine junge Frau in ähnlicher Manier das organisierte Verbrechen vor. Auch sie arbeitet im Alleingang, auch sie versucht, komplett ohne Starthilfe und aus eigener Motivation heraus, wirklich üblen Gesellen den Garaus zu machen, obwohl dies lediglich Kollateralschäden sein werden, während Ex-Junkie und Profiboxerin Kaylee nur ein Ziel verfolgt: ihre jüngere Schwester aus den Fängen illegaler Zuhälter zu befreien. War „Taxi Driver“ Travis Bickle nur Chauffeur fürs Fußvolk ohne spezielle Skills, ist Kaylee bis in die Fingerspitzen durchtrainiert; ihr Körper ist gestählt, ihre Zähigkeit sagenhaft. Gute Voraussetzungen also, heil aus dieser Mission wieder herauszukommen. Nur: so ganz allein? Wenn das Credo eines Kreuzzuges wie dieser und jener von Bickle den eigenen höchsten Zielen entspricht, wirkt der Wille wie Wunder. Und so forscht Kaylee erstmal nach, lässt sich in das verbrecherische Milieu einschleusen und gibt selbst vor, von der Straße weg entführt worden zu sein. Das Ganze wird natürlich sehr bald unschön. Drogen sind im Spiel, Gewalt und sexuelle Nötigung. Die Hoffnung, ihre geliebte Schwester wiederzufinden, stirbt zwar zuletzt, aber die Agonie dieses Umstands hat bereits eingesetzt.

In grobkörnigen, finsteren Bildern legt es Catch the Fair One – Von der Beute zum Raubtier unbedingt darauf an, als pessimistischer Film Noir den Geboten hollywood’scher Thriller-Stereotypen nur mehr Verachtung zu schenken. Sieht man Kali Reis – gepierct, tätowiert und muskelbepackt – zum ersten Mal, ist das die Personifikation grimmiger Entschlossenheit. Die tatsächliche Profi-Boxerin ist Weltmeisterin in zwei Gewichtsklassen und hat auch fürs Schauspiel so einiges übrig, denn ihre Performance kann sich sehen lassen. Dabei braucht sie gar nicht viel um den heißen Brei reden, da reichen Blicke und ihr ganzes Gehabe, um die seelische wie körperliche Anspannung beinahe mitzuempfinden. Mit animalischer Wucht und der Bereitschaft, selbst Schmerzen zu ertragen, gehört der Film ganz ihr.

Auf eine komplexe Storyline darf man aber nicht hoffen. Und die wäre auch fehl am Platz oder würde den Thriller ausbremsen. Wo Taxi Driver oder A Beautiful Day noch mehrere Sidestories am Laufen hatten, rückt hier der Fokus nicht von seiner mit Respekt betrachteten Nemesis des Schmerzes ab. Und so geradlinig und effizient, wie es klingt, ist der knapp 80 Minuten lange Film dann auch. Erfrischend ist der Mut, die nicht aufgrund von Moral angetriebene Anti-Heldin in einer ungerechten Welt auszusetzen, die auch nicht besser wird, wenn die Bösen ihre Rechnung mit Blut bezahlen. Gewalt dreht sich hier nur in einer Spirale, die alle mitnimmt. Das ist kompromisslos, aber in letzter Instanz erfreulich ungefällig.

Catch the Fair One – Von der Beute zum Raubtier (2021)

She Said

DURCH DIE MAUER DES SCHWEIGENS

7/10


shesaid© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: MARIA SCHRADER

BUCH: REBECCA LENKIEWICZ

CAST: CAREY MULLIGAN, ZOE KAZAN, PATRICIA CLARKSON, ANDRE BRAUGHER, JENNIFER EHLE, SAMANTHA MORTON, ANGELA YEOH, MAREN HEARY, SEAN CULLEN, TOM PELPHREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Der Despot ist immer und überall, ganze zwei Stunden lang. Er durchdringt die Geschehnisse, die Schicksale und den Widerstand gegen Machtwillkür wie eine körperlose Entität – und dennoch haben wir ihn immer vor Augen, diesen beleibten, ekelhaften Riesen, der nur ein Wort zu sprechen braucht, schon würden alle nach seiner Pfeife tanzen. Bei so viel Macht liegt die Schuld auch bei denen, die diese Macht überhaupt erst zuließen. Wie bei jedem Tyrannen. Dieses Mal ist es Harvey Weinstein, ein zu 23 Jahren Haft verurteilter Frauenschänder, der nichts mehr genossen hat als seine Macht auf sexueller Ebene auszuspielen. Das so jemand Filme wie Pulp Fiction oder Shakespeare in Love ermöglicht hat, würde man am liebsten verdrängen. So wie Maria Schrader die physische Präsenz des Miramax-Imperators bis auf ganz wenige Szenen ausspart, weil es vollends genügt, einfach nur die Möglichkeit anzudeuten, einer wie er treibt überall sein Unwesen.

Dass sich durch den Verzicht des Abbildens diese Präsenz noch mehr verstärkt als durch schnöde Nachahmung, ist eines der Hattricks in diesem präzise ausformulierten Drehbuch von Rebecca Lenkiewicz, welches Maria Schrader genauso präzise in Szene setzt. Und wahrlich: Im Gegensatz zu ihrem letzten Film, den sehenswerten Androiden-Philosophikum Ich bin dein Mensch ist She Said ungleich komplexer – eine inszenatorische Abschlussprüfung, ein aus unzähligen Einzelteilen und ebenso vielen Gesichtern bestehendes Recherche-Puzzle, das sehr viel Fingerspitzengefühl erfordert, um keinen Faden zu verlieren oder in Erklärungsnotstand zu geraten. Schrader war sich ihrer Aufgabe bewusst – und steht in ihrer Sorgfalt Regiekollegen wie Alan J. Pakula (Die Unbestechlichen), Adam McKay oder Tom McCarthy (Spotlight) in nichts nach, wenn es heißt, die Chronik weltverändernder Geschehnisse aufregend genug auf die Leinwand zu bringen.

Der erste kluge Schachzug in der Inszenierung ist die Vorwegnahme eines Einzelschicksals in wortloser Klarheit und in wenigen Szenen: Wenn Laura Madden nach anfänglicher Euphorie, an einem Filmset zu arbeiten, in der nächsten Szene plötzlich verzweifelt weinend die Straße runterläuft, ihre Kleider unter dem Arm, dann sagt das alles: Hier passiert jede Menge Unrecht, und zwei New York Times-Journalistinnen, die sich auf investigative Recherchen verstehen, nehmen sich dieses Themas an. Erstmal geht es nur im Allgemeinen um sexuelle Belästigung in der Filmbranche, später dann wird es konkret: Besagter Harvey Weinstein dürfte einigen Dreck am Stecken haben, davon können nicht nur Promis wie Rose McGowan, Gwyneth Paltrow und Ashley Judd (Chapeau vor so viel Engagement – sie spielt sich nämlich selbst) ein Klagelied singen, sondern auch unzählige Assistentinnen, die als verstörtes Lustobjekt Weinsteins mit Geld und Verschwiegenheitsklauseln mundtot gemacht wurden. Dabei ist Weinstein vielleicht nur die Spitze des Eisberges, während gerade in dieser Branche Nötigung und Missbrauch scheinbar überall als Teil der Firmenpolitik gebilligt werden.

Wir wissen, wie es bislang ausgegangen ist. Wie es aber dazu kam, und mit welchem Eifer und welchem Teamgeist die New York Times – gedreht wurde an Originalschauplätzen wie tatsächlich in der Zeitungsredaktion – hier am Ball geblieben war, weiß zu faszinieren. Carey Mulligan und Zoe Kazan als das Ermittlerduo Jodi Kantor und Megan Twohey ordnen sich schauspielerisch dem großen Ganzen unter. Sie transportieren ihre Rollen mit genügend Persönlichkeit, aber nicht zu viel, um ihre eigene Biografie daraus zu machen. Dabei stechen speziell die kleinen Nebenrollen aus der Fülle an Namen hervor, wie Weinsteins Sprachrohr Lenny oder Samantha Morton als Zelda Perkins, die mit einem bewegenden Dialog die Zeit stillstehen lässt.

Die Zeit ist in diesem Film übrigens ein Trugschluss. Bei einer Länge von zwei Stunden mutet der Film viel länger an, was aber nicht zum Nachteil gereicht. Grund dafür ist die Fülle an Wendungen, Puzzleteilchen und Intermezzi, die diesen Journalismus-Thriller nie langweilig werden lassen, sondern am Köcheln halten. Dabei bleibt das Streben nach erzählerischer Klarheit stets vorrangig. Vielleicht verdrängt diese Methode mitunter die Emotionalität, will aber auch Menschen wie Kantor und Twohey ebenso danken wie dem Umstand, dass Frauen angesichts solch erlittener Schmach niemals mehr ihre Stimme verlieren müssen.

She Said

Die Aussprache

DIE ENTBEHRLICHKEIT DER MÄNNER

6/10


womentalking© 2022 Orion Releasing LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: SARAH POLLEY

BUCH: SARAH POLLEY, NACH DEM ROMAN VON MIRIAM TOEWS

CAST: ROONEY MARA, CLAIRE FOY, JESSIE BUCKLEY, BEN WISHAW, FRANCES MCDORMAND, JUDITH IVEY, SHEILA MCCARTHY, KATE HALLETT, LIV MCNEIL, EMILY MICTHELL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Alle Männer sind böse. Zumindest hat das Jessie Buckley zuletzt in Alex Garlands surrealem Kunsthorror Men so erlebt. Jeder Mann, dem Buckley da begegnet war, hat das selbe Gesicht getragen. Wie gruselig. Und beklemmend obendrein. Jetzt ist Jessie Buckley wieder dieser Testosteron-Hydra ausgesetzt. In Sarah Polleys Regiestück Die Aussprache (im Original: Women Talking) ist aber dann doch nicht jeder einzelne innerhalb dieses genitalgesteuerten Patriarchats so richtig schlecht. Ben Wishaw zumindest nicht. Doch der ist aus seiner Sicht ein Verlierer, ein ehemaliger Verstoßener, der nur deswegen zu seiner mennonitischen Gemeinde irgendwo in Bolivien zurückkehren durfte, weil er für jene als Lehrkraft von Nutzen sein kann. Er ist es auch, der Protokoll führt, sitzend auf einem Ballen Stroh, das Notizbuch vor sich liegend und als einziger des Alphabets mächtig. Die Frauen sind das nicht, aber zumindest dem Willen Gottes unterworfen oder besser gesagt jenem Willen, denn die evangelische Freikirche den Männern zugestanden hat. Man sieht wieder: Religion und Gleichheit vertragen sich nicht. Und haben es niemals getan. 

Und eines Nachts ist es dann passiert: Einer der Männer aus der Gemeinde wird während eines sexuellen Übergriffs ertappt – um sich aus der Sache rauszuwinden, verpfeift er alle anderen, die dasselbe getan haben – jahraus, jahrein. Der Glaube sagt: duldet nur, dafür kommt ihr ins Himmelreich. Die Frauen meinen: Mumpitz, so geht das natürlich nicht weiter. Also werden all die Männer angeklagt, die übrigen versuchen, eine Kaution für all die Verbrecher zusammenzubekommen, also bleiben nur die Frauen in der Gemeinde zurück, um zu beraten, was sie nun tun sollen. Da gibt es drei Möglichkeiten: Alles so belassen wie es war und den Männern vergeben (was die Freikirche auch verlangt), zu bleiben und zu kämpfen oder alles Notwendige zusammenzupacken und wegzuziehen. Irgendwohin, wo keine Männer sind, denn die sind ohnehin entbehrlich. Über das Für und Wider zur kommenden Entscheidung wird diskutiert, geredet und geweint, geschrien und gelacht. Dann wieder vorgeworfen und um Verzeihung gebeten. Am Ende wird der Schlussstrich in welcher Form auch immer gezogen werden. Hoffentlich aber im Sinne der Menschlichkeit, der Gleichheit und der Freiheit für das weibliche Geschlecht.

Woher die Kraft beziehen, um die Konventionen zu brechen? Woher den Mut zur Selbstbestimmung? Sarah Polley (u. a. Take this Waltz) will Antworten und hat sich dem auf Tatsachen beruhenden Roman von Miriam Toews angenommen, der sich aber weniger nach Prosa sondern vielmehr nach Bühne anfühlt. Kann sein, dass im Roman die Vorgeschichten der dargestellten Frauen ebenfalls geschildert werden, doch man kann sich insofern glücklich schätzen, in Polleys Film fast keinen Gewaltdarstellungen ausgesetzt zu sein. Auf Vergewaltigung, Missbrauch von Minderjährigen und Schlägen ist man ohnehin nicht neugierig. Es ist mehr als genug, zu sehen, welche Narben und Wunden all die Frauen zu ihrer Aussprache mitbringen. Das reicht von der ungewollten Schwangerschaft bis zum womöglich aus Inzest entstandenen, missgestalteten Kind. Dazwischen Blessuren und blutende Unterleiber. Die wenigen Momente, in denen wir Zeuge von solchem Gräuel werden, reichen, um sowieso einen Hass auf alles Männliche (mit Ausnahme von Ben Wishaw) zu entwickeln, umso mehr auch deswegen, weil Männer ansonsten in diesem Film gesichtslos bleiben und auch keine Chance bekommen, sich zu äußern. Ist das aber nicht eine viel zu einseitige Darstellung? Könnte man meinen – doch kein einziges Wort würde solche Gewalt rechtfertigen. Missstände wie diese lassen sich in einer erzkonservativen Männerwelt leicht für möglich halten. Demnach hätte dem Film auch daran gelegen sein müssen, mit den erstarrenden Dogmen einer Freikirche aufzuräumen, von denen es viele gibt in den Vereinigten Staaten, und die reaktionärer nicht sein könnten. Doch Gott weist hier immer noch den Weg, die Frauen wollen ihm näher sein, hinterfragen aber viel zu wenig ihre eigene Position innerhalb ihres Glaubens. Was sie bewegt, ist die Frage des Befreiens, weg vom Mann. Die Abstimmung um die Ausgliederung aus einer Paargesellschaft gestaltet sich in entsättigten, dunklen Bildern und mutet an wie das Dialogdrama der Zwölf Geschworenen von Reginald Rose – nur im #MeToo-Kontext. Bis alle einer Meinung sind, vergehen Stunden des Diskurses, doch vieles dreht sich auch im Kreis. Wirklich in die Tiefe gehen die Gespräche nicht.

Doch was zählt, ist das aufgebrochene, verkrustete Machtsystem. Polley hilft ihren gezeichneten Gestalten behutsam aus dem Sumpf des Leidens und sucht den Neuanfang; mal panisch, mal resignierend, mal zuversichtlich. Die Aussprache scheint vieles, was zur #MeToo-Thematik filmisch bereits dargestellt wurde, zusammenzuzählen und auf gleichen Nenner zu bringen. Die Konsequenz daraus mag vielleicht nicht unbedingt die richtige Lösung sein. Aber zumindest eine, die auf idealistische Weise etwas verändern kann.

Die Aussprache