River (2023)

ZEIT IM (ÜBER)FLUSS

8/10


river© 2023 Tollywood Studio Project


LAND / JAHR: JAPAN 2023

REGIE: YUNTA YAMAGUCHI

DREHBUCH: MAKOTO UEDA

CAST: RIKO FUJITANI, YUKI TORIGOE, MANAMI HONJÔ, GÔTA ISHIDA, YOSHIMASA KONDÔ, SAORI, SHIORI KUBO, MASAHIRO KUROKI, KOHEI MOROOKA, MUNENORI NAGANO, HARUKI NAKAGAWA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Zwei Minuten vor, zwei Minuten zurück. Es sind immer zwei Minuten, mit denen Junta Yamaguchi machen kann, was er will. Unter Garantie sind diese Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft, da kommt noch mehr, viel mehr. Das wiederum werden wir erst in ein paar Jahren erfahren, diesmal aber hält sein herzallerliebster Mindfuck einige Zeit vor, denn was man aus River alles mitnehmen kann, ist erstens mal Feel-Good jede Menge, ein immer wiederkehrendes nachhaltiges Kichern auf den Lippen und obendrein die idyllische Romantik einer zarten Sympathie zwischen Mikoto und Taku, einem Koch, der unbedingt nach Frankreich auswandern will, weil die French Cuisine ihn ruft.

Die bezaubernde Riko Fujitani, bereits bekannt aus Yamaguchis Vorgängerfilm, gibt die in schickem Kimono gekleidete Hotelangestellte eingangs erwähnten Namens in einem Etablissement irgendwo in den Bergen Japans, an einem Fluss namens Kibune gelegen. Ein Ort der Ruhe und der Kraft – beschaulich, bescheiden, den Weltschmerz allüberall auf der Welt vergessen lassend. Mikoto ist aber dennoch nicht ganz zufrieden mit ihrem Leben – und erhofft sich vom Gott des Flusses (oder wer oder was hier auch immer den Laden schmeißt) zumindest einen Beistand, was die Zeit betrifft – möge der Moment so bleiben, wie er ist. Gebetet und erfüllt scheint der Wunsch. Mikoto findet sich nach zwei Minuten des Tuns plötzlich an derselben Stelle wieder, an der sie vorhin gestanden hat, direkt am gluckernden Bächlein. Was den Eindruck eines Déjà-vu vermittelt, ist letzten Endes mehr. Es betrifft alle – Mikoto, die Köche, die Gäste, das ganze Hotelpersonal. Alle zwei Minuten stellt sich die Welt auf Repeat, alle Charaktere „respawnen“ dort, wo sie vor zweimal 60 Sekunden gewesen sind. Was tun mit dieser Zeit? Und wie aus dieser hängengebliebenen Schallplatte des Lebens ausbrechen? Andererseits: Was lässt sich in diesen zwei Minuten alles bewerkstelligen, wie sehr könnte man in dieser Zeit seinen Status Quo überdenken? Und würde die Liebe Mikotos dann nicht ewig währen?

Seinem 2020 mit spielerischem Entdeckerdrang entworfenen Zeit- und Raumexperiment Beyond the Infinite Two Minutes ist der Platz in den Annalen des Science-fiction-Films sicher. Die Verknüpfung von humoristischer Neugier, Situationskomik und populärwissenschaftlicher Logik ist längst schon ein Subgenre, das man Yamaguchi nicht mehr nehmen kann. Mit dem Enthusiasmus von Zurück in die Zukunft und japanischer Boulevardkomödien wird der Blick in die zeit voraus allen Anwesenden fast zum Verhängnis. In River besteht in erster Linie nicht die Frage nach dem Warum, sondern erstmal viel mehr nach dem Was jetzt. Yamaguchi braucht in dieser warmherzigen und auf überwältigende Weise bezaubernden, weil so bescheidenen Komödie nichts weiter tun, als auf seinen zwei Minuten zu beharren. Was sein Ensemble daraus macht, ist voll von zum Niederknien komischen Momenten und leidenschaftlicher Situationskomik. Die beiden Geschäftspartner, die immer wieder ihre volle Reisschüssel vor sich haben. Der Produzent, der nicht aus seiner Dusche kommt. Dessen Schreiberling, ein Serienautor, der die zwei Minuten nützt, um alles Mögliche anzustellen, nur nicht seine Schreibblockade zu lösen.

Beschwingt und voller Ideen setzt Yamaguchi hier vermehrt auf das Zwischenmenschliche, auf die soziale Interaktion und das Herzliche. War in seinen Beyond the Infinite Two Minutes viel mehr die mathematisch-philosophische Schabernack im Mittelpunkt, ist der sogenannte Time Loop fast schon Nebensache, ganz so wie in Und täglich grüßt das Murmeltier, ein viel zitierter Genreklassiker als Mutter aller Zeitschleifenfilme. River aber variiert diese Prämisse so sehr, um sich längst nicht mehr den Vorwurf der Nachahmung anhören zu müssen. River lässt allesamt alles nochmal erleben, während Bill Murray der Einzige war, der immer wieder dieselben Stunden mit neuem Sinn füllen musste. Durch diese Änderung der Parameter ist River ein komplett eigenständiges, originäres kleines Kunstwerk der Mindfuck-Komödie, die man auch nur sehr schwer nachverfilmen kann. Zu sehr ist das Werk mit japanischem Lokalkolorit verbunden, zu sehr bilden seine Charaktere mit dem einmal verschneiten, einmal frühlingshaften Ort Kibune eine Einheit. Es ist ein Genuss, Minute für Minute diesen bestens aufgelegten Zeitschleifenbewältigern dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben trotz temporärer Einschränkung in den Griff bekommen wollen. Man könnte meinen – so kurz unsere Existenz auch sein mag: Der Spaß an der Sache lohnt sich selbst für zwei Minuten.

River (2023)

Kubi (2023)

KOPFSALAT À LA JAPONAISE

6,5/10


kubi© 2023 KADOKAWA T.N Gon Co., Ltd.


LAND / JAHR: JAPAN 2023

REGIE: TAKESHI KITANO

DREHBUCH: TAKESHI KITANO, NACH SEINEM EIGENEN ROMAN

CAST: TAKESHI KITANO, HIDETOSHI NISHIJIMA, RYO KASE, KENTA KIRITANI, NAKAMURA SHIDŌ II, TADANOBU ASANO, KENICHI ENDŌ, JUN SOEJIMA, KAORU KOBAYASHI U. A.

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Das kommt mir alles nicht nur spanisch, sondern auch japanisch vor. Hätte mich mein treuer Kino-Buddy, der, was die Geschichte Japans betrifft, so einiges am Kasten hat, nicht in groben Zügen über die Eckdaten der Geschehnisse unterrichtet, die sich im sechzehnten Jahrhundert so abgespielt haben, hätte ich mich noch weniger ausgekannt als ohnehin schon. Hätte nämlicher Kino-Buddy selbst mit einer geradezu jungfräulichen Ahnungslosigkeit geprahlt wie meinereiner, hätte es noch der ans Kinopublikum gewandte Erklärbär getan, der in ähnlichem Umfang über die Wirren zur Sengoku-Zeit so einige Klarheit schaffen konnte – die sich aber, nachdem dieser wieder Platz genommen hatte, schnell wieder eingetrübt hat.

Ich weiß nur: Kubi – was so viel heißt wie Genick, denn es fliegen die Häupter wie Schneebälle bei einer Schlacht gleichen Bezugs – setzt den Grandmaster Beat Takeshi Kitano (u. a. Hana-Bi) ins Zentrum des Geschehens, basierend auf seinem eigenen Roman. Er mimt dort den Samurai und Feldherrn – und jetzt kommt der erste von vielen, vielen teils unaussprechlichen Namen – Hashiba Hideyoshi, auch genannt der Affe, was wenig schmeichelhaft klingt, doch er nimmt es hin, wie alle anderen, die dem mächtigen Oda Nobunaga zu Diensten sein müssen und um die Gunst des Herrschers buhlen, da sie alle seine Nachfolge antreten wollen und dafür sogar Harakiri hinnehmen würden, was allerdings wenig bringt angesichts des letalen Ausgangs. Alles beginnt mit der gescheiterten Rebellion eines anderen Feldherrn, Araki Murashige (jetzt könnte man anfangen, die Namen zu notieren). Der hat eine Liaison mit noch einem anderen Feldherrn, nämlich Akechi Mitsuhide, was ihm zugutekommt, denn Murashige wird überall gesucht und findet bei seinem Liebhaber ein passendes Versteck. Dass alle gemeinsam auf irgendeine Weise diesen völlig durchgeknallten Nobunaga stürzen wollen, ist sowieso von vornherein klar. Am geschicktesten bekommt dies eben Hideyoshi hin, der all die Gemetzel, die plötzlich über einen hereinbrechen, aus sicherer Distanz vom Feldherrnhügel bewundert, während wieder einem anderem, nämlich Tokugawa Ieyasu, späterer Shōgun (der ist wichtig, unbedingt aufschreiben), langsam die Doppelgänger ausgehen, so sehr haben es andere auf dessen Leib und Leben abgesehen.

Gegen die Dramatis personae dieses ganzen Feudal- und Feldherrnspiel mutet Game of Thrones an wie ein Zwei-Personenstück. Wer da wem wie und warum ans Leder will, dafür reicht es wirklich nicht, nur rudimentär mit der japanischen Geschichte, insbesondere mit der Zeit der streitenden Reiche, vertraut zu sein. Hat man sie nicht selbst erlebt, bleibt vieles im Unklaren. Insbesondere die Frage, warum so mancher Feldherr handeln musste, wie er letztlich gehandelt hat, zog bereits rund 50 Theorien nach sich – Takeshi Kitano hat eine 51ste verfasst. Und aus der wird man letztendlich aber auch nicht klüger. Natürlich ist es beeindruckend, mitanzusehen, wie stattlich gerüstete Krieger die Schwerter und Lanzen schwingen, natürlich wird der abgetrennte Kopf bald schon zur inflationären Trophäe. Sowieso weiß niemand mehr, welches Haupt wohin gehört – wenn Takeshi Kitano auf süffisante Art, auf dem Stuhl kauernd und sich belustigt vorbeugend, im vor ihm abgelegten, deformierten Konterfei das Gesicht des gesuchten Nobunaga erkennen will (oder war es Mitsuhide?), dann ist das schwarzer Humor vom Feinsten.

Genauso selbstironisch geht Kitano in seiner Regiearbeit auch ans Werk. Die monumentale, granitharte Bitterkeit anderer Intrigen-Epen lässt Kubi im Grunde völlig vermissen. Es ist gar so, dass manche Szene an den respektlosen Humor der Monty Pythons heranreicht. Später lässt sich das geschäftige Theater kaum mehr ernst nehmen. Man wundert sich ob all der Namen und Personen. Man fühlt sich befremdet ob so mancher, an Moral verlustig gegangener Charaktere, die den Tod ihrer eigenen Familie als günstigen Umstand hinnehmen.

Im historischen Japan Takeshi Kitanos sind all die Mentalitäten der streitenden Parteien so fern wie Alpha Centauri. Wäre dieser garstige Zynismus nicht, wäre Kubi verwirrende Kost für ein spezialisiertes Publikum, bei dem jeder andere womöglich bald das Handtuch wirft. Der locker-flockige Stil allerdings macht es aus, dass diese zwei Geschichtsstunden stets frisches Blut vergießen. Langweilig wird’s somit nie. Und auch wenn so manches Detail im Nirvana des Kurzzeitgedächtnisses verschwindet und nicht immer alle Querverbindungen klar sind, bleibt immer noch die verblüffende Chronik eines leidenschaftlich ausgelebten Faustrechts.

Kubi (2023)

Moon Garden (2022)

MIT GUTEM KARMA DURCHS KOMA

6,5/10


moongarden© 2022 Oscilloscope Laboratories


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE / DREHBUCH: RYAN STEVENS HARRIS

CAST: HAVEN LEE HARRIS, AUGIE DUKE, BRIONNE DAVIS, MARIA OLSEN, TIMOTHY LEE DEPRIEST, PHILLIP E. WALKER, MORGANA IGRIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Ist das, was Alice im Wunderland alles erlebt hat, Wirklichkeit – oder „nur“ eine imaginäre Reise ins dunkle Herz der eigenen Psyche? Ist das ganze nur ein Traum – oder ist Lewis Carrolls Geschichte eine grundlegend irreale, in einer Welt spielend, die Wunderländer eben möglich macht? Wie auch immer – Kinder sind im Vorhinein dazu auserkoren, ihre eigene Welt nach ganz unbewusst entworfenen, eigenen Gesetzen entstehen zu lassen, allerdings meist notgedrungen, weil die Realität sich einiges anschauen lässt und zu viel Tribut fordert, um ihr ohne schützendes Narrativ entgegenzutreten. In Guillermo del Toros Pans Labyrinth führt ein Faun die kleine Ofélia durch allerlei Aufgaben, während draußen der spanische Bürgerkrieg tobt. In Sieben Minuten nach Mitternacht fordert ein gigantisches Baumwesen den 13jährigen Connor dazu auf, sich mit dem baldigen Ableben seiner Mutter auseinanderzusetzen. Und in I Kill Giants wird die Idee hinter Monster Hunter zum einzigen Halt im Leben. Immer sind es Reisen ins eigene Vorstellungsvermögen. Es sind Geschichten, die variantenreich erzählt werden können, ohne sich jemals zu gleichen. Doch immer sind es Wege durch die Finsternis, durch unwegsames Gelände und an Ungeheuern vorbei, die aber bezwingbar sind, im Gegensatz zur Realität, die sich viel monströser und größer darstellt, als es der kindliche Geist jemals so weit zurechtstutzen könnte, um diese unkalkulierbaren Dämonen von außen in Schach zu halten.

Der amerikanische Soundtechniker und Cutter Ryan Stevens Harris, der das eben in Wien laufende Slash Filmfestival mit seiner Anwesenheit beehrt hat und für Frage und Antwort zur Verfügung stand, hat zwar schon für manchen Blockbuster, vorwiegend für Roland Emmerich (Moonfall, Midway), die eine oder andere Szene gestutzt, nun aber selbst die kreative Luft des Filmemachens geschnuppert – und ein Regiedebüt vorgelegt, an dem er ohne Druck von außen und immer mal zwischendurch, ganz so wie Phil Tippett bei Mad God, an mehreren Ecken und Enden, von der Idee über’s Drehbuch bis hin zur Soundkulisse, herumwerkeln durfte. Seine Geschichte ist die der siebenjährigen Emma, die sich zwischen den Fronten von Mutter und Vater wiederfindet, deren Ehe kurz davorsteht, in die Brüche zu gehen, womöglich aufgrund unüberwindbarer Depressionen von Mama, die freudlos in die Welt starrt oder nicht aus dem Bett kommt, während Papa, der immer mal den Eindruck vermittelt, als wäre er gewalttätig, sein Bestes tut, um der Situation Herr zu werden. In einer Nacht gipfelt der Disput zwischen den Elternteilen in ein die Grundfesten des Hauses erschütterndes Streitgespräch. Auf der Flucht vor so viel negativer Energie stürzt die Kleine die Treppe hinab – und fällt ins Koma.

Dort, im Innern ihrer Selbst, erwacht Emma in einer surrealen Traumwelt, verfolgt von einer nachtschwarzen, gierigen Kreatur ohne Gesicht, dafür mit einem klappernden Gebiss inmitten unendlicher Schwärze, gekleidet wie ein Bürgerkriegssoldat und die, mit nackten Füßen über den Boden schwebend, nach den Tränen des kleinen Mädchens giert. Was für eine düstere, bedrohliche Geschichte, ein Dark Fantasy-Psychomärchen, das auch diesmal Assoziationen zu Michael Ende in Erinnerung ruft, nur noch eine Stufe dunkler, mechanischer, experimenteller. Denn Harris, der schickt nicht nur seine eigene Tochter Haven durchs schaurige Geschehen, sondern lobpreist überdies die sich auf Herzblut, Ausdauer und Fingerfertigkeit besinnende analoge Technik der Stop-Motion-Animation, des Kulissenbaus und der Szenenmontage, welche der Handicraft-Optik aus 80er-Klassikern wie Willow, Flash Gordon oder Poltergeist ein zeitgemäßes Revival beschert. Die Sprache des Films ist dabei zeitgenössisch genug, um nicht von gestern zu wirken, denn mitunter könnte die Gefahr bestehen, ein Live Act-Werk wie dieses auf eine Hommage an die gute alte Zeit zu reduzieren. Mit Moon Garden ist man auf der sicheren Seite. Denn Moon Garden kehrt ganz bewusst jener Technik den Rücken, mit welchem der Cast nicht unmittelbar, während des Spiels, in Dialog treten könnte. Wie wohltuend ist es doch, hier eine Chance auf eine Rückbesinnung zu entdecken; auf die Lust, aus wenigen Mitteln ganze Welten zu improvisieren.

Gerade aufgrund dieser Unmittelbarkeit des Phantastischen gelingt Harris, durchaus zu berühren. Begleitet von der tieftraurigen, durch Mariah Carey erst so richtig bekannt gewordenen Song Cant’ live if living is without you, das in der filmischen Interpretation für Gänsehaut sorgt, transportiert das bizarre Drama eine ganz eigene, verträumte Stimmung, wie verfremdete Erinnerungen an ein magisches Früher, als man selbst noch fähig genug war, seine eigenen Welten zu errichten, um Alltagskatastrophen bewältigen zu können.

Erstaunlich dabei ist nach wie vor, und für mich immer noch nicht ganz geklärt, wie sich Kinder, die in eigentlich kaum kindertauglichen Filmen einem Schrecken ausgesetzt sind, dennoch schadlos halten können. Vor allem, wenn sie sich, wie Emma in diesem Film, zu bitterem Schluchzen hinreißen lassen müssen.

Moon Garden (2022)

Tiger Stripes (2023)

AUS DEM DSCHUNGELBUCH DER ADOLESZENZ

7/10


tigerstripes© 2023 Jour2Fête


LAND / JAHR: MALAYSIA, TAIWAN, SINGAPUR, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, NIEDERLANDE, INDONESIEN, QATAR 2023

REGIE / DREHBUCH: AMANDA NELL EU

CAST: ZAFREEN ZAIRIZAL, DEENA EZRAL, PIQA, SAHEIZY SAM, JUNE LOJONG, KHAIRUNAZWAN RODZ, FATIMAH ABU BAKAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Filme aus Malaysia sind selten. Und wenn man sie zu Gesicht bekommt, meist Koproduktionen mit Ländern, die sonst auch so einiges im internationalen Kinogeschehen mitzureden haben. Das ist gut für Amanda Nell Eu, die mit ihrem Langfilmdebüt Tiger Stripes auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes den Hauptpreis der Kritikerwoche abräumen konnte. Gratulation, ein gewinnbringender Einstand, der hoffentlich so einige weitere Koproduktionen nach sich ziehen wird. Mit Tiger Stripes begibt sich die junge Filmemacherin in die malaysische Provinz irgendwo am Rande des Dschungels – was überall sein kann in diesem Land, denn es wuchert und gedeiht hier, wohin man auch nur blickt. Leicht kann es passieren, und nicht nur Nutztiere queren die Straßen, sondern auch mal ein Tiger, was wiederum den Verkehr zum Erlahmen bringt und das Volk aus den fahrbaren Untersätzen holt, damit diese ihren Tiktok-Account mit knackigen Reels füllen dürfen, den später junge Mädchen, in den Schulpausen auf den Mädchentoiletten versammelnd, abrufen können. Social Media hat dort längst das Zepter in der Hand, ein Smartphone hat fast eine jede, die Trends sind gefundenes Fressen, die Selbstinszenierung alles, wofür man den Rest des Tages opfern will. Doch wie das bei jungen Frauen eben so ist, sind manche früher dran in ihrer Adoleszenz als all die anderen. Die, die früher dran sind, haben die Arschkarte gezogen – sie müssen allen anderen vorleben, was später passieren wird. Größere Brüste sind nur ein Merkmal, die Monatsblutung das andere.

Dass die Geschichte der Menstruation eine Geschichte voller Missverständnisse gewesen sein soll, erklärte uns bereits schon in den 90ern das instruierte o.b.-Testimonial durch den Bildschirm in unsere Wohnzimmer hinein. Huch, was war das damals für ein Tabuthema. Und ist es immer noch, ganz egal, ob im Westen oder Osten oder sonst wo. „Wir müssen dich saubermachen, du bist schmutzig“, sagt Zaffans Mama, als diese das erste Mal in der Nacht zu bluten beginnt und ihr Laken wechseln muss. Ab diesem Zeitpunkt wird das junge Mädchen, das eben zu jenen gehört, die sowohl körperlich als auch geistig um einiges weiterentwickelt sind als ihre Kolleginnen, dieses gesellschaftliche Stigma nicht mehr los. Monatsblutung ist igitt, das wird so gelehrt, das wird so vermittelt. Wenn Zaffan unter der Dusche steht, ist das Blut nicht rot, sondern schwarz wie Dreck. Das Natürliche wird zum Unnatürlichen. Das „Opfer“, das die biologische Uhr fordert, ist nicht nur die Abstoßung der Gebärmutterschleimhaut, sondern auch die soziale Ausgrenzung. So passiert es, und Zaffan wird nicht nur aufgrund ihres frei ausgelebten Frau-Seins skeptisch beäugt, sondern auch aufgrund ihres periodischen Umstands gehänselt, gemobbt und links liegengelassen. Vieles ändert sich, im und am Körper eines Mädchens. Tiger Stripes macht daraus einen subtilen, fast schon ans Naive grenzenden Body-Horror, der allerdings keinen ekligen, fast schon verstörenden Schrecken verursacht wie zum Beispiel Julia Ducournaus Raw, sondern vielmehr einer metaphorischen Legendenbildung beiwohnt, die eng mit den Mythen Malaysiens verbunden zu sein scheint und einen fauchende, zähnefletschenden Hauptcharakter ins Feld führt, dessen Augen rosafarben glühen und der sich entweder den archaisch anmutenden Parametern einer wilden Natur hingeben muss oder durch die Distanz zu eben selbiger zugrunde geht.

Die junge Zafreen Zairizal liebt es in diesem Film, die junge Wilde zu geben. Ihre Lust am Tierischen ist ansteckend; ihr Drang, die Hijab abzulegen, das schwarze Haar offen zu tragen und ins rohe Fleisch eines Waldtieres zu beißen, scheinbar getrieben von impulsiver Improvisation. Amanda Nell Eu gab ihr hier mit Sicherheit so einige Freiheiten. Tiger Stripes überhöht auf dem narrativen Niveau einer Graphic Novel den biologischen Coming of Age-Aspekt zu einer Chronologie der Mutation vom Menschen zum Tier. Das Zugeständnis zur Natur des Menschseins wird gleichermaßen eine Abkehr davon, es ist eine Zwickmühle, in der die jungen Mädchen stecken, denn es wird sie alle ereilen, diese Verlockung, dieses Bewusstsein, dieser Drang, sich von den lächerlichen Konventionen der Gesellschaft abzukoppeln, bevor sie diese sowieso wieder mittragen müssen. Ja, es ist auch Pubertät, die da mitspielt. Und nein, es ist nicht Stephen Klings Carrie – Zaffan hat keine telekinetischen Fähigkeiten, findet ihr Heil nicht in der Rache, sondern in der eigenen Selbstbestimmung.

Dass der Weg zum Tigermädchen das eine oder andere Mal unfreiwillig komisch wirkt, ist nicht Zufall, sondern Absicht. Die spielerische Leichtigkeit des metaphysischen Gleichnisses, die ironische Darstellung der Erwachsenenklischees (der träge Vater, der besserwisserische Guru) und überhaupt der ganzen Situation entspricht auch den gekritzelten Lettern im Vorspann. Tiger Stripes ist eine energetische Satire auf das altbekannte Dilemma des Erwachsenwerdens – es bringt zwar nichts Neues aufs Tapet, hat aber eine Freude daran, die Gesellschaftsfähigkeit der weiblichen Natur aus südostasiatischer Sicht als genauso obsolet zu deklarieren wie anderswo auf der Welt. Auch im Westen.

Tiger Stripes (2023)

Mad God (2021)

DES HANDWERKERS INFERNO

9/10


madgod© 2021 Tippett Sudios Inc.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION: PHIL TIPPETT

MUSIK: DAN WOOL

LIVE ACT CAST: ALEX COX, NIKETA ROMAN, SATISH RATAKONDA, HARPER & BRYNN TAYLOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Hier bracht es keinen Ring, um sie zu knechten, um sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. Es reicht ein über Leichen gehender Fortschritt, die gnadenlose Industrialisierung und technologische Übermannung arg- und ahnungsloser Seelen, die manipuliert und gehirngewaschen werden für die Gier der Wenigen. In dieser ungebändigten Geister- und Grottenbahnfahrt in die Tiefe des Menschenverstands ist ein sogenannter Sauron – wenn wir schon bei Tolkien bleiben wollen – die Summe vieler Teile, eine intrinsisch entstandene, gestaltlose Aura, die als Deus ex Machina eine Maschinenwelt antreibt, die die Gekechteten vor sich hertreibt. Es wird düster, in Phil Tippetts Opus Magnum, an dem er rund 30 Jahre lang, natürlich mit Pausen, gearbeitet hat. Immer wieder kamen andere Projekte dazwischen, darunter auch Steven Spielbergs Jurassic Park. Doch vor 30 Jahren, da waren die goldenen Jahre für den Gott der Stop-Motion schon vorbei. Vor 30 Jahren, da kam eben genannter Dino-Blockbuster ins Kino und läutete das Zeitalter der computeranimierten Special Effects ein – die größte Niederlage für einen Analogkünstler wie Tippett, einem akribischen und von seiner Leidenschaft fürs Kreative besessenen Meisterklassler, der seine liebevoll geformten Dinosauriermodelle nun anderswo aufstellen durfte, nur nicht vor der Kamera. Phil Tippett – er ist schließlich ein Begriff für all jene, die mit der Originaltrilogie von Star Wars groß geworden sind. Für all jene, die niemals vergessen können, wie es sich angefühlt hat, als Luke Skywalker auf seinem Tauntaun über die Eiswüste von Hoth galoppiert war, die vierbeinigen AT-ATs angegriffen haben oder das Rancor-Monster in Jabbas Grube zum Angriff überging. Tippett und das Team von Industrial Light & Magic waren es auch, welche die Effekte für Polstergeist oder Ghostbusters kreierten – im Grunde so gut wie alles, was damals an Phantastischem auf die Leinwand kommen sollte. Bis heute hat Tippett die Freude am Reiz der Stop-Motion nicht verloren. Aus Liebe zu seiner Arbeit, als devotes Geständnis und hingebungsvolle Verbeugung vor dem, was ohne CGI alles möglich ist; aus Liebe zu allem Monströsen in unseren Köpfen entstand das hier: Mad God – ein elektrisierendes Unikum, ein bizarres Denkmal, ein so wunderschönes wie erschreckendes filmisches Evangelium über den Albtraum der Neuzeit.

Es reicht nicht, Mad God einfach nur zu sehen und dabei vielleicht völlig unsinnigerweise darauf zu achten, Distanz zu wahren. Mad God muss man erfahren, man muss sich ihm hingeben und vor allen Dingen: sich darauf einlassen, ohne groß mitzudenken oder während des Erfahrens herausfinden zu wollen, was uns diese finstere Oper eigentlich sagen will. Dass es etwas zu vermitteln gibt, scheint immer wieder mal klar, doch dann auch wieder nicht. Dann stößt uns Tippett noch viel tiefer in Dantes technologisierte Hölle, es geht nach unten, immer nur nach unten.

Einer, der sich The Assassin nennt – ein Krieger mit Atemmaske, Stahlhelm und einem Koffer – steckt in einer Kapsel, die an den Schichten der Erdzeitalter vorbeikommt, durch eine riesige Kaverne aus allen möglichen, von Menschen erdachten Gottheiten, an gequälten und quälenden Ungeheuern und eigentümlichen Wesen, die, in ihrem Tun gefangen, ihre Ausweglosigkeit grunzend, schreiend oder in unverständlichem Gebrabbel in die Düsternis zetern. Dieser Krieger hat eine Mission. Doch er beobachtet erstmal nur, wartet auf den richtigen Zeitpunkt. Kann vielleicht selbst nicht fassen, was er sieht oder sehen muss. Gigantische Kreaturen unter Strom gebären die Masse, aus der wie von Prometheus aus Lehm geformte Humanoide entstehen, die als schuftende Sklaven meist mit grausamen Toden bestraft werden oder Unfällen zum Opfer fallen, wenn kubrick’sche Monolithen in Kopfhöhe dahinrasen.

Leicht könnte man sich einen von Pink Floyd ersonnenen Score dazu vorstellen, eingestreut deren Klassiker We don’t need no Education. Symbolsprache und Zitate aus Klassikern fantastischer Literatur häufen sich. Später erinnert so manches ans abgründig Surreale eines Michael Ende (Der Spiegel im Siegel), wenn ein entstellter Zwerg das kreischende Monsterbaby aus David Lynch’s Eraserhead entgegennimmt, um dieses seiner Bestimmung zuzuführen. Nebenher prügeln sich zwei Oger und vernachlässigen dabei ihre Arbeit, denn sie müssen schaufeln, schuften, arbeiten, werden mit Elektroschocks gequält, um dann wieder aufeinander einzudreschen, weil Triebe immer noch stärker sind als der Gehorsam. Michael Ende hätte diese surreale Welt wohl gemocht, er hätte sich und seine Kreaturen darin wiedergefunden. Doch auch das ist nicht alles. Mad God bricht all die verrückten Götter, die der Mensch seit dem Holozän errichtet hat, auf eine entfesselte Phantasmagorie herunter, ausgestattet mit enormem Detailreichtum und einer Soundkulisse, die den Wahnsinn aus unzähligen Miniaturen und Modellen so richtig zum Leben erweckt. Sogar Live-Act als ergänzendes Tool findet in diesem Experimentalfilm seine Notwendigkeit, wenn ein klauenbewährter Magier, erinnernd an Terry Gilliams Visionen, seine Krieger ausschickt, um den Kreislauf der immerwährenden Knechtschaft zu durchbrechen.

Mal ist Mad God psychedelischer Experimentalfilm, mal blutrünstiger Horror aus der Puppenstube, dann wieder Steampunk mit Schlachtenszenarien aus dem ersten Weltkrieg, Schläuchen und Sekreten, Flüssigkeiten und organischem, undefinierbaren Leben, das sich irgendwo und irgendwie räkelt, dabei aus vielerlei Augen beobachtet wird, als Symbole des Erkennens und Wahrnehmens prekärer Umstände. Dann ist Mad God wieder wunderschön und berauschend, und ganz plötzlich nachdenklich, philosophisch, an Terrence Malicks Tree of Life und seinen Darstellungen von den Anfängen des Lebens erinnernd. Tippett taucht dann ein ins Universum, distanziert sich von dem Wahnsinn aus Monstern, Mutanten und grimmigen Gutenachtgeschichten mit Trauma-Garantie. Mad God erklärt mehr, als man vermuten würde. Krallt sich den auseinanderdriftenden roten Faden eines Fiebertraums und biegt ihn, nicht mit Gewalt, aber mit dem Willen, seine Komposition einer Conclusio zuzuführen, zu einer Endfrage über Leben und Sterben, über Anfang, Ende und Bestimmung zusammen.

Phil Tippetts dreißig Jahre Arbeit haben sich ausgezahlt. Sowas entsteht, wenn man machen kann, was man will. Dieses Werk ist ein Erlebnis, ein wilder Ritt für die Mutigen, für alle Freunde des Phantastischen, die überrascht und überwältigt werden wollen. Die Stop-Motion lieben und neben Aardman, Laika und dem tschechischen Trickfilm-Virtuosen Jan Svankmajer (u. a. Little Otik) noch einen anderen Weg out of the box finden wollen. Dieser führt eben durch die Finsternis, womöglich aber ans Licht.

Mad God (2021)

The Expendables 4 (2023)

DER LETZTE REST VOM SCHÜTZENFEST

5/10


expend4bles© 2023 Leonine Distribution


ORIGINAL: EXPEND4BLES

LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: SCOTT WAUGH

DREHBUCH: KURT WIMMER, TAD DAGGERHART & MAX ADAMS

CAST: JASON STATHAM, SYLVESTER STALLONE, MEGAN FOX, DOLPH LUNDGREN, RANDY COUTURE, 50 CENT, ANDY GARCIA, IKO UWAIS, LEVY TRAN, TONY JAA, EDDIE HALL U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Weihnachten kommt früher, als man denkt. Und zwar in Gestalt des mimisch auf Nummer sicher gehenden Actionhelden Jason Statham, der seit Sylvester Stallones vor vielen Jahren ins Leben gerufenen 80er-Reminiszenz The Expendables als Lee Christmas sets in Erscheinung tritt, wenn er nicht gerade mal für Guy Ritchie im Tweed gute Figur macht oder Riesenhaie mit Füßen tritt. Als Gespielin, mit der er zu Anfang des Films Zoff hat, darf die mit sowohl dauergeschürzten als auch aufgeschminkten Lippen bewaffnete Megan Fox herumzetern, was ihr leidlich gelingt, denn für Größeres geschaffen zu sein als den freizügigen Vamp zu geben – das ist dem Ex-Transformers-Hingucker, der sich entweder selbst sexualisiert oder sexualisiert wird, leider nicht vergönnt. Statham tut sein Bestes, um darauf mit allerlei Klischees des verständnislosen Adonis zu reagieren – eine Rolle, die noch dazu cool genug sein muss, damit Sylvester Stallone auch noch was davon abbekommt. Der ist als 77jähriger und mehrfach unterm Messer gelegener Barney Ross Zugpferd der Söldnertruppe titelgebenden Namens, und das bereits zum vierten Mal. Als er bei Stathams an die Tür klopft, lässt sich schon irgendwie erahnen, dass das für den 80er-Haudegen das letzte Mal sein wird. Lang genug hat er den Rambo- und Rocky-Drachen schließlich geritten oder als Glücksschwein vor sich her gepeitscht. Für diesen Barney bleibt kaum mehr über als die Rolle eines Conférenciers, der einen generischen Actionfilm einläuten darf, um dann wieder, am Ende, den Final Curtain fallen zu lassen. Dazwischen ist Platz für Gastauftritte aus dem Osten: Ong Bak-Haudrauf Tony Jaa als Kampfkunstguru, der genug vom Töten hat. Und Iko Uwais – bekannt geworden als zähe Nuss, die sich in The Raid in feinster Martial Arts-Choreografie durch ein Hochhaus voller Böslinge schnetzelt.

Mittlerweile sind fast alle größeren und kleineren Actionhelden der Achtziger und Neunziger-Dekade zum Handkuss gekommen. Wir hatten Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Wesley Snipes, Jean-Claude van Damme oder Antonio Banderas. Wir hatten Harrison Ford, Mel Gibson, Mickey Rourke und sogar Chuck Norris! Geblieben sind Dolph Lundgren und der Wrestler Randy Couture, das Zusammentragen eines ebenso starken Ensembles wie in den Vorgängerfilmen fiel diesmal sichtlich schwerer. Na gut, 50 Cent ist dabei und eingangs erwähnte Megan Fox, die in das Ensemble natürlich reinpasst. Levy Tran kennen allerdings nur Fans der McGyver-Neuauflage, sonst ist dieser Star wohl eher auf mittleren Comic Cons zu finden. Die Luft ist draußen, die Gästeliste kurz. Ach ja, Andy Garcia mischt mit. Doch der hat auch schon mal bessere Filme erlebt. Denn The Expendables 4 ist die Molke einer durchraffinierten Idee zur Mobilisation junggebliebener Kinder der Achtziger, die Arnie, Stallone und Co mit der Muttermilch abbekommen haben. Ein Who is Who gut gealterter Jahrgänge, mit Selbstironie vollgepumpt statt mit Anabolika, und agierend inmitten rustikaler Action, die vor allem mit einer Vielzahl an Waffen und satter Pyrotechnik punkten durfte. Darüber hinaus war das ganze pures Adrenalinkino – weibliche Ikonen wie Brigitte Nielsen, Cynthia Rothrock, Linda Hamilton oder Sigourney Weaver hätten das Starensemble noch mehr Nuancen verliehen – doch zumindest jetzt, im Finale Grande, gibt’s ein kleines Zugeständnis.

Sieht man aber von der kleinen Möchtegern-Selbsthilfegruppe genötigter Actionstars ab, die ihre Genre-Highlights, die sie großgemacht haben, kaum mehr zitieren können, darf die Angelegenheit als routiniertes Auslaufmodell betrachtet werden. Als ein durch pflichtbewussten Applaus zurück auf die Bühne geholtes Ensemble, das, längst schon müde vom heutigen Abend, nochmal eine Nummer schiebt. Das große Gähnen bleibt jedoch aus. Vielleicht liegt das daran, dass man The Expendables 4 (nach eigener Erfahrung) genau dann konsumieren sollte, wenn nach einer harten Woche wirklich nichts mehr geht, wenn das Blödschauen im Kino besser funktioniert als das Fernsehschlafen daheim, ersteres ist schließlich exklusiver. Und so folgt der sympathisierende Actionfan einem austauschbaren, von Kurt Wimmer (u. a. Equilibrium) mitverfassten Plot rund um Zündkapseln und Atombomben, um einen fiesen Mr. X, der sich Ozelot nennt und einen gekaperten Frachter auf hoher See, dessen Szenen, die darauf abgehen, klar unterschieden werden können zwischen Greenscreen und einigen wenigen Outdoor-Minuten. Das wirkt billig, und ist es auch. Doch High Quality ist schließlich nicht das, was auf den Expendables draufsteht. Meine Güte, es ist Trash. Es bietet nichts sonst, außer vorgestrige männliche Stereotypen, die dem Franchise geschuldet sind (denn so müssen sie schließlich auftreten) und dem Willen, den dritten Weltkrieg zu verhindern. Das ist ja immerhin etwas.

The Expendables 4 (2023)

Bird Box: Barcelona (2023)

DEN BLICK RISKIEREN

6,5/10


birdboxbarcelona© 2023 Netflix Inc.


LAND / JAHR: SPANIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: ÁLEX & DAVID PASTOR

CAST: MARIO CASAS, GEORGINA CAMPBELL, ALEJANDRA HOWARD, NAILA SCHUBERTH, LEONARDO SBARAGLIA, LOLA DUEÑAS, DIEGO CALVA, GONZALO DE CASTRO, MICHELLE JENNER U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Da brauchen wir nicht lange überlegen: Gegner, die man nicht ansehen kann, haben zumindest mal die Pole Position. Solche Kreaturen gibt es seit der Antike, nehmen wir doch nur mal die Medusa. In den Altwiener Sagen trieb der potthässliche Basilisk in den Gewölben unter der Stadt sein Unwesen – der direkte Blick auf diese obskure Mischung aus Reptil und Gockelhahn ließ so manchen Möchtegernhelden zu Stein erstarren, es sei denn, die ganz cleveren unter den Mutigen hatten einen Spiegel dabei. In Nikolai Gogols Wij-Alptraum gibt es ein Monster mit todbringenden Augen, auch das von Plinius dem älteren erstmals erwähnte Wesen namens der Katoblepas hatte diesen in die Knie zwingenden Blick. Die Conclusio lautet: Ansehen ja, vorausgesetzt, es merkt sonst keiner.

Treibt man diese Sehgewohnheiten an die Spitze, landet man eventuell bei jenem verheerenden Endzeitszenario, das aus Susanne Biers Netflix-Horror Bird Box – Schließe deine Augen bekannt ist. Lethale Entitäten haben die Erde bevölkert – erblickt man diese, will man umgehend Selbstmord begehen, am besten mit den Mitteln, die gerade zur Hand sind. Effektive Gegenmaßnahmen gibt es keine, präventiv gesehen lässt sich aber auf einige Anomalien in der Umgebung achten. Wenn sich an kaum zugigen Tagen kleine Windhosen emporzwirblen, dann kann schon um die nächste Ecke das Verderben lauern, das noch dazu mit den Stimmen der Toten redet und die Gefühle so manch panisch agierender Menschleins derart manipuliert, dass diese schließlich die Augen öffnen. Bird Box nennt sich das ganze deshalb, weil Vögel eine ganz besondere Sensibilität für Aggressoren dieser Art entwickelt haben. Sie flattern wie verrückt, wenn das Böse naht. Doch ist es das wirklich, das Böse? Jene, die sehen können, meinen: Nein.

Doch warum können sie das? Und warum beseelt sie der Drang zur Missionierung so derart stark, dass sie die letzten Überlebenden aus ihren Häusern zerren, um sie unter Anwendung von Gewalt sehen zu lassen. Allein die Vorstellung, etwas erblicken zu müssen, was ich nicht will, scheint endlos grausam. Natürlich ist das Folter.

Und so lebt die Menschheit im Blindflug vor sich hin und ist nur in den eigenen vier Wänden sicher, doch selbst dort sind blickdichte Vorhänge ein guter Rat. Vor fünf Jahren konnten Invasionsfilm-Interessierte den verzweifelten Versuchen von Sandra Bullock beiwohnen, mit ihren beiden Kindern eine als Festung aufgezogene Insel der Seligen zu erreichen, dabei bestand Bird Box zum Großteil nur aus Rückblenden und hielt überdies keinerlei Erkenntnisse parat, was diese Wesen angeht. Schadensminimierung und Survival als Film, jedoch unbefriedigend resignativ. Das sollte mit dem europäischen Spin-off Bird Box: Barcelona nun anders werden.

Zeitgleich zum Original, aber sonst mit keinem Bezug zum Schicksal Bullocks und ihrer Schützlinge, bricht auch in Spanien die Hölle los – wie überall auf der Welt. Leute killen sich, wo es nur geht. Entweder werfen sie sich vors Auto, bauen Totalschäden oder massakrieren sich, wenn das nicht schon genug war, mit den scharfkantigen Resten ihrer Fahrzeugtrümmer. Einige Zeit später – der beklemmende Zustand gehört bereits zum Alltag – streunt Sebastián (Mario Casas) gemeinsam mit seiner Tochter durchs zusammengebrochene, verwüstete Barcelona fernab jeglicher Sehenswürdigkeiten. Wie sich bald herausstellen wird, bedient sich dieser perfiden Tricks, um Mitbürger aus ihren Verschlägen zu locken, denn Sebastián ist einer, der sehen kann. Er und viele andere seiner Sorte sind als sektenhafte Prediger unterwegs, die militant ihr Ziel verfolgen. Klar ist es schwierig, einen Film wie diesen um einen Protagonisten herum zu errichten, der eigentlich auf der anderen Seite stehen sollte, doch das ist genau der Clou an der Sache, die Bird Box: Barcelona zu einem im Vergleich zum Erstling inhaltlich weitaus ergiebigeren und ambivalenteren Science-Fiction-Trip konvertiert, der so einige allseits bekannte Tropen aus dem Genre invertiert.

Die Gebrüder Álex und David Pastor, die bereits 2009 mit ihrem Pandemie-Roadmovie Carriers Erfahrungen mit dystopischen Szenarien sammeln konnten, werfen so einiges in ihren Skript-Pool, dem sie habhaft werden können. Und dass ihrer Meinung nach so manche Erwartungen des Publikums unterwandern soll. Der Schrecken ist allerdings nach wie vor nicht sichtbar – diesen Freiraum zu sichern, um die eigene Fantasie anzustrengen, mag nun ein unverrückbares Merkmal dieses Franchise sein, sollte es noch einen dritten Teil geben, der sich letztendlich damit beschäftigen wird, wie man diesen Kreaturen beikommt. Diesmal aber ist es das Sehen und Nicht-Sehen, die Läuterung eines Auserwählten, gar schlimmen Fingers, der am Ende des Tages den moralischen zu Gesicht bekommen wird. Das mag zwar auch vorhersehbar sein – und ist es auch – doch packt Bird Box: Barcelona seinen Trip in ein kompaktes Handlungsnetz, aus dem kaum etwas dramaturgisch Essenzielles durch die Maschen schlüpft.

Bird Box: Barcelona (2023)

Fallende Blätter (2023)

DAS SCHÖNE ZWISCHEN DEN WIDRIGKEITEN

8/10


FallendeBlaetter© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FINNLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: AKI KAURISMÄKI

CAST: ALMA PÖYSTI, JUSSI VATANEN, JANNE HYYTIÄINEN, NUPPU KOIVU, ALINA TOMNIKOV, MARTTI SUOSALO, SAKARI KUOSMANEN, MATTI ONNISMAA U. A.

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Sowieso ist alles hoffnungslos? Gut, zumindest erweckt es den Anschein. Doch was Aki Kaurismäki niemals zulassen würde, ist, seine Figuren in den bodenlosen Abgrund zu werfen. Sie straucheln zwar, sie verlieren ihre Jobs, sie sind einsam und versoffen; sie haben kein Geld und keine Lobby. Doch resignieren, das tun sie nicht. Oder zumindest nicht mehr. Kaurismäki ist seit seinem Cabriolet-Klassiker Ariel hoffnungsvoller geworden. Seine Liebe zur Arbeiterklasse und all jenen, die im Grunde das System erhalten, jedoch nichts dafür bekommen, ist ungefähr so stark wie bei seinem britischen Fachkollegen Ken Loach. Doch wo dieser mit blankem Realismus soziale Defizite aufzeigt, erstellt Kaurismäki lakonische Alltagstableaus voller sprödem Charme. Bevölkert mit Gestalten, die sich das bisschen Glück aus einem sonst ereignislosen Leben picken, das aufgrund höherer Umstände nicht viel anders sein kann. Dieses Glück kann darin liegen, auf die Karaoke-Bühne zu gehen und blumige finnische Balladen zu schmettern, während dem Hochprozentigen zugetane Freitagabend-Melancholiker mit stoischer, aber dennoch verzückter Miene dem Möchtegern-Bariton lauschen.

Um jenen, der gerne jünger wäre, als er ist und darauf wartet, von einer Plattenfirma entdeckt zu werden – um den geht’s hier gar nicht primär. Sondern vielmehr um dessen Arbeitskollegen und Freund, dem Alkoholiker Holappa (Jussi Vatanen). Der bekommt so gut wie nichts auf die Reihe, weil er so viel säuft und dadurch andauernd seine Jobs verliert. Obendrein raucht er noch wie ein Schlot und ist deprimiert. Weil er eben so viel trinkt. Und weil er deprimiert ist, trinkt er. Ein Teufelskreis, dem man sich in Kaurismäkis urbanen Miniaturen mit stoischem Trotz gerne hingibt. Die ganze ernüchternde Monotonie könnte sich ändern, als dieser Holappa auf die hübsche Ansa (Alma Pöysti, zuletzt als Künstlerin Tove auf der Leinwand) trifft. Zuerst ist es nur Blickkontakt. Dann, später, ein erstes gemeinsames Kaffetrinken mit anschließendem Kinobesuch – dort läuft Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die, eine kleine Verbeugung des Finnen vor einem Bruder im Geiste, dessen Filme wohl manchmal in einen ähnlich lakonischen Erzählstil abgleiten wie die eigenen. Diese beiden einsamen, aber niemals verlorenen Seelen sollten sich bald wiedertreffen, würde Holappa nicht Ansas Telefonnummer verlieren. So sucht die eine den anderen und umgekehrt, so harren sie vor dem Kino, in welchem gestandene Klassiker am Programm stehen, von Die Maske des Dr. Fu Manchu bis hin zu Godards Die Verachtung. Vielleicht klappt es ja, und aus dem bisschen Zuneigung könnte mehr werden. Nur nicht mehr Alkohol, denn das mag Ansa gar nicht. Im Zuge dieses Wartens und Vorbeigehens an Gelegenheiten müssen beide ihre Lage überdenken, ihr Leben ändern, soweit es in ihrer Macht steht. Eigeninitiative ergreifen dort, wo sonst der Abgrund folgt. Und dafür sind sich Kaurismäkis Liebende dann doch zu stolz, weil sie dennoch, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, einen Sinn im Leben sehen. Der dann noch stärker wird und wichtiger in Anbetracht eines in Europa tobenden Krieges, der sich in nüchterner Berichterstattung rund um Tod und Zerstörung in einen dem Weltgeschehen scheinbar fernen Alltag mischt.

Kaurismäkis Bilder erreichen zwar nicht dieses akkurate Farbenspiel wie in seinem Meisterwerk Le Havre, aber dennoch ist das Komplementäre ein enorm wichtiges Element, das bereits vorab visualisiert, was zusammengehört und was nicht. Bescheidenes Interieur, enge Bars, längst nicht mehr neues, aber immer noch funktionstüchtiges Drumherum, in welchem pragmatische Lebensführung ihre Verwirklichung findet – so und nicht anders möbliert Kaurismäki sein Universum jenseits des Reichtums und der Gier. Sein Besinnen auf Werte, deren Streben danach im Angesicht noch viel schlimmerer Umstände – nämlich die des Krieges – von Szene zu Szene wichtiger werden, ist das, was der stilsichere Finne ausdrücken will. Die Arbeiterklasse der Gewerkschaften ist dabei immer noch ein Must-Have, Ansas Schuften in der Fabrik ein klassisches Zitat und eine Reminiszenz an seine früheren Werke. Den passenden Sound liefert dabei neben herrlich schwermütigen Chansons das reduktionistische und daher saucoole Musikduo Maustetytöt, das die ironische Melancholie dieser Tragikomödie auf den Punkt bringt.

Vielleicht hat Kaurismäki hier doch sein letztes Werk geschaffen, bevor er gedenkt, sich wieder zurückzuziehen. Und wenn es so wäre? Dann hätte er vielleicht alles gesagt. Alles zur Leidenschaft Kino und seiner Liebe dazu. Alles zum Weltschmerz und der Relativierung des eigenen Status Quo. Immer mehr wird Fallende Blätter zu seiner eigenen Flucht aus der Realität, zu einer Romanze, die Ansa und Holappa wohl im Kino gesehen hätten, könnte der Traum auf der Leinwand nicht doch noch Wirklichkeit werden.

Fallende Blätter (2023)

Mittagsstunde (2022)

HIGH NOON MIT DEM DAMALS

7,5/10


mittagsstunde© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2022

REGIE: LARS JESSEN

DREHBUCH: CATHARINA JUNK, NACH DEM ROMAN VON DÖRTE HANSEN

CAST: CHARLY HÜBNER, GRO SWANTJE KOHLHOF, PETER FRANKE, HILDEGARD SCHMAHL, GABRIELA MARIA SCHMEIDE, RAINER BOCK, LENNARD CONRAD, JULIKA JENKINS U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Gerade erst hat Schauspieler Charly Hübner sein Regiedebüt hingelegt – die Verfilmung von Thees Uhlmanns postmoderner Jedermann-Version: Sophia, der Tod und ich. Nur lebt und stirbt hier kein reicher Mann, sondern ein durch den Rost des Lebens gefallener Taugenichts, der selbst gegen den Sensenmann kaum Argumente gegen sein Ableben ins Feld führen kann. Die Idee einer Bad Batch aus Ex-Freundin, Mutter und Tod mag zwar witzig klingen, gerät aber zum Frosch im Hals. Weniger schwer schlucken muss Hübner allerdings als Schauspieler, und zwar ganz besonders um die Mittagsstunde, wenn es heißt, bei den Altvorderen nach dem Rechten zu sehen.

Mudder und Vadder, wie er sie nennt, leben mehr schlecht als recht in einem nordfriesischen Kaff fast schon jenseits der Zivilisation, in welchem die besten Zeiten längst vorbei sind, die Läden alle dicht gemacht haben und das Wirtshaus am Rande der Straße nur noch das Echo vergangener Full House-Abende erklingen lässt. Dieses gehört schließlich dem alten, geistig noch nicht ganz verwirrten Sönke Feddersen, seines Zeichens eben besagter Vadder von Ingwer (Charly Hübner), der sich eine Auszeit von seinem Job als Archäologieprofessor nimmt und vorübergehend ins für die Ewigkeit recht schlecht konservierte Nirgendwo zieht. Die leere Gaststube beherbergt jede Menge Erinnerungen, die Fassade des Kreislers, bei dem’s früher Eis am Stiel gab, vermittelt lediglich wehmütige Gedanken an eine Kindheit, in der eine junge Frau namens Marret (Gro Swantje Kohlhof) eine ganz gewisse Rolle innehatte. Nur welche, ist bis heute nicht klar. Ingwers Mutter (Hildegard Schmahl) wiederum leidet an hochgradiger Demenz und ist kaum mehr ansprechbar. Nicht nur, aber auch deshalb, will der wortkarge Professor eine gewisse unausgesprochene Schuld begleichen, deren Ursache sich erst nach und nach und viele Rückblenden später auch für den Zuseher erschließt.

Viel passiert nicht, in Lars Jessens Verfilmung von Dörte Hansens komplentativer Studie über Erinnerung und Vergänglichkeit. Die Zeit scheint dort oben im hohen Norden Deutschlands langsamer abzulaufen als sonst wo. Anfangs erscheinen Ingwers Eltern, insbesondere der Alte, störrisch, mürrisch und undankbar. Schwer, sich auch nur mit irgendeinem der Charaktere, die hier durch ein erschöpftes Leben schlurfen, anzufreunden oder den Drang zu verspüren, sich mit dieser Familie auseinandersetzen zu wollen. Doch Jessen lässt sich Zeit und weiß haargenau, welche Momente wann einen Einblick gewähren müssen. In Kombination mit einer längst vergangenen Zeit, einer wenig verklärten Siebziger-Zeitkapsel, die in immerwährenden narrativen Impulsen das Bild einer durchaus seltsamen Familie ergänzt, entsteht so eine unerwartete, fast schon überrumpelnde Nähe zu Menschen, die das Produkt ihrer Zeit, ihrer Pflichten und ihres sozialen Umfelds sind. Doch dieser realistische, völlig unverkrampfte Blick auf das Ungefällige, Introvertierte einer Gemeinschaft, birgt eine befreiende Ehrlichkeit, die fast schon zu intim scheint, um hier, in diesen Mikrokosmos, hineinblicken zu dürfen. Wie in Michael Hanekes gefeiertem Drama Liebe spiegelt das Alter nicht die Person wider, die mit dem körperlichen wie geistigen Zerfall umgehen muss, sondern nur deren verwittertes Fundament. Der Blick zurück auf die andere Zeitebene vollendet allerdings das Bild dieser Leute – und man beginnt zu verstehen.

Mittagsstunde ist pures, deutsches Kino, empfindsamer Heimatfilm und die trotzige Analyse einer Familie, die nicht so war, wie sie zu sein schien. Hinter all diesem vergilbten Fotoalbum voller sozialer Interaktionen führt das große Geheimnis geradewegs zu einem epischen, ganz großen Drama, doch immer noch still, unauffällig für andere, und gerne für sich. Kino, das niemanden braucht, aber wir es umso mehr.

Mittagsstunde (2022)

El Conde (2023)

DIKTATOR DER HERZEN

3,5/10


elconde© 2023 Netflix Inc. 


LAND / JAHR: CHILE 2023

REGIE: PABLO LARRAÍN

DREHBUCH: GUILLERMO CALDERÓN, PABLO LARRAÍN

CAST: JAIME VADELL, GLORIA MÜNCHMEYER, ALFREDO CASTRO, PAULA LUCHSINGER, STELLA GONET, CATALINA GUERRA, AMPARO NOGUERA, DIEGO MUÑOZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Was habe ich Pablo Larraín nicht dafür verehrt – und tue es immer noch – dafür, dass er mir und allen anderen einen Film wie Spencer vor die Füße gelegt hat. Rückblickend der für mich beste Film des Jahres 2022, der biographische Notizen mit einem frei interpretierten Psychogramm über das Leben und Leiden der allseits geliebten Lady Diana so anspruchsvoll miteinander verwoben hat, dass es einem den Atem raubt. Mir zumindest. Das bewusst wenig akkurate, Fakten weitgehend ignorierende Portrait bietet natürlich genug weite Fläche für Anti- und Sympathie. Für Wohlwollen oder Ablehnung. So zu polarisieren liegt Larraín im Blut. Ganz besonders gelingt ihm das bei seinen Portraits, allerdings auch bei schwer definierbaren, erotisch aufgeladenen, wüsten Liebesgeschichten, wie er sie mit Ema geschaffen hat. Erst kürzlich lief sein neuestes Werk bei den Filmfestspielen von Venedig – kaum ein, zwei Wochen später landet seine wiederum komplett anders geartete Satire auf Netflix.

Diesmal dreht sich sein Film um die ewig währende Diabolik eines berühmten Chilenen, der sein ganzes Land und insbesondere sein Volk ins Verderben gestürzt hat: Augusto Pinochet. Und nein, es ist keine Biografie. Auch keine Geschichtsstunde, kein Psychogramm (nicht wirklich), im Grunde eigentlich nur die sarkastische Verzerrung eines Diktators außer Dienst, der das Schwarzbuch der Menschheit um mehrere Kapiteln dicker gemacht hat. Larraín verformt diesen Diktator nicht etwa zur clownesken Witzfigur wie Charlie Chaplin oder Literat Timur Vermes (Er ist wieder da) es mit Adolf Hitler getan haben, wo einem dennoch das Lachen im Halse stecken bleibt bei so viel Wahrheit über das kollektive Menschsein, dass uns da entgegengeschleudert wird wie ein nasser Lappen. Larraín verformt ihn zu einer Art Christopher Lee; zu einem Vampir, der schon 250 Jahre auf dem Buckel hat und bereits Marie Antoinette im Frankreich der Revolution dabei zugesehen hat, wie sie den Kopf verliert. Diesen klemmt sich der damals noch auf den Rufnamen Claude Pinoche hörende Untote unter den Arm, um fast eineinhalb Jahrhunderte später in Chile beim Militär einzurücken – und vom stinknormalen Gefreiten zum supermächtigen General aufzusteigen, der Präsident Allende später stürzen wird. Dabei ist das Blut durch alle Schichten der Bevölkerung essenziell. Am besten aber sind immer noch die Herzen, die er den Opfern aus der Brust reißt, sie mixt und den Muskelshake dann hinunterkippt.

Dieser nun als Augusto Pinochet bereits offiziell verstorbene Tyrann lebt im Geheimen irgendwo am Arsch von Chile sein nun nicht mehr ganz so prunkvolles Leben weiter – an seiner Seite ein russischer Diener, den man durchaus mit Renfield vergleichen kann, und Gattin Lucia. Irgendwann hat auch ein Vampir genug von dem ganzen Morden, und so versucht er, das Zeitliche zu segnen – gegen den Willen seiner fünf nichtsnutzigen Kinder, die eines Tages antanzen und vor Papa darauf bestehen, doch seine geheimen Ersparnisse offenzulegen. Um diesem Chaos an Unterlagen Herr zu werden, die aus dem Keller befördert werden, betritt die reizende Carmencita die Szene – für alle anderen Buchhalterin, im Geheimen aber Exorzisten-Nonne, die dem Vampir den Garaus machen will.

Trotzdem El Conde (zu Deutsch: Der Graf) mit einer ausgesuchten Kameraführung und bestechenden Schwarzweißbildern punktet, die jeweils als Standbild der Kunstfotografie zuzuordnen wären, gelingt es Larraín weder, die Abrechnung mit dem Polittrauma pointiert in Worte und Bilder zu fassen, noch, sich in seiner Art des Erzählens verständlich zu artikulieren. Am deutlichsten erkennbar ist diese Konfusion genau dort, wenn das gesprochene Wort nicht zur folgenden Handlung passt. Die Figuren verkommen zu stereotypen Annahmen politisch-historischer Gestalten fern ihres Kontextes, der Mythos des Vampirs reduziert sich auf einen Flattermann in Uniform, der sonst keinen vampirischen Eigenschaften mehr unterliegt, außer dass das Kennzeichen als Blutsauger eine kaum originelle Metapher für den Raubbau am Volk darstellt. Nichts in El Conde folgt strikt einem geplanten Vorgehen, die Figuren machen, was sie wollen, insbesondere Paula Luchsinger als „Warrior Nun“ entzieht sich in ihrem Handeln jeglicher Nachvollziehbarkeit und tribt die Handlung wider Erwarten kein bisschen voran.

Die paar brutalen Spitzen, in denen nicht mal das Blutrot zur Geltung kommt, lassen die satirische Abrechnung mit dem Bösen auch nicht wirkungsvoller erscheinen. Genau dieser Umstand des allzu gewollt polemischen Auftretens aller, in dem kaum irgendwelche klugen Erkenntnisse stecken, macht El Conde zu einem der langweiligsten Filme des Jahres; zu einer schwer durchzubringenden Trübsal, für deren Twists ich womöglich nicht intellektuell genug bin, um sie zu verstehen.

El Conde (2023)