Der Teufel trägt Prada 2 (2026)

EXORZISMUS IN DER MODEBRANCHE

3/10


Anne Hathaway, Meryl Streep und Stanley Tucci in Der Teufel trägt Prada 2© 2026 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DAVID FRANKEL

DREHBUCH: ALINE BROSH MCKENNA

KAMERA: FLORIAN BALLHAUS

CAST: MERYL STREEP, ANNE HATHAWAY, EMILY BLUNT, STANLEY TUCCI, TRACIE THOMAS, TIBOR FELDMAN, KENNETH BRANAGH, LUCY LIU, JUSTIN THEROUX, B. J. NOVAK, SIMONE ASHLEY, PATRICK BRAMMALL, RACHEL BLOOM, LADY GAGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Die Leibhaftige der Modebranche trägt zwar immer noch sündteure Markenware, und die Frisur sitzt – sie selbst aber hat an Biss verloren. Warum? Weil Frau zwanzig Jahre später einfach nicht mehr so herumgiften darf wie Frau gern würde. Weil es ganz plötzlich Compliance-Richtlinien und einen Verhaltenscodex selbst für die Chefetage gibt, die auch auf Miranda Priestly abfärben. Einerseits: natürlich korrekt so. Keiner braucht Redaktionsdrachen, die einen unentwegt auf den Kopf kacken.

Ein Klassiker des strebsamen Karriere-Kinos

Diese ausgelebte, verachtende Verhaltensweise war das Salz in der Suppe eines komödiantischen und selten klugen Karriere-Knüllers, der 2006 über die Leinwände flimmerte: Der Teufel trägt Prada. Ein Film war das, der sogar Glamour-Banausen und Modemuffel ins Kino lockte. Ein Film, dem Thema und Branche egal war, der diese abgehobene Welt des eitlen Wahnsinns als etwas verkauft hat, was uns alle angeht: Als gewaltige Baustelle für Ethik, Akzeptanz und Wertebewusstsein.

Worauf, so hat sich Anne Hathaways Figur der Andrea Sachs damals gefragt, kommt es eigentlich an, wenn man Karriere machen will? Auf das Geld? Auf die Bussi-Bussi-Gesellschaft? Auf Ellenbogen? Vielleicht sogar auf die eigenen Prinzipien, die man dann doch nicht aufgeben möchte. Meryl Streep bekam dafür eine ihrer vielen Oscar-Nominierungen, Anne Hathaway und Emily Blunt waren ideal besetzt als die zwei Seiten der Erfolgsmedaille.

Lange nicht gesehen, wie geht’s?

Und jetzt? Was ist alles passiert, nach so langer Zeit? Fühlt sich an, als würde man im Supermarkt alten Bekannten über den Weg laufen, die aber auf die Frage hin, was es denn Neues gäbe, nur milde lächelnd mit den Achseln zucken, und darauf, wie es denn selbst so gehe, lediglich meinen: Wie die anderen wollen. Wie es der Zeitgeist eben will, biedert sich in Der Teufel trägt Prada 2 eine Geschichte an, die all die Veränderungen der letzten zwei Dekaden passiv wie ein Schwamm in sich aufsaugt, um auf diese dann in gestellter Praxis zu reagieren.

Darüber hinaus gibt es kaum noch Interessantes zu erzählen. Streep, Hathaway und Blunt haben sich völlig auseinandergelebt und müssen nun um Kopf und Kragen den Modedrachen reiten, der eigentlich gar nicht mehr aus seiner Höhle will. Während ich diesem dahinplätschernden Treiben eher gelangweilt zusehe, wird deutlich, warum Pretty Woman, Und täglich grüßt das Murmeltier und andere Komödienklassiker um eine Fortsetzung nur um des Mammons willen herumgekommen sind.

Geht’s der Wirtschaft gut…

Der Teufel trägt Prada 2 ist verdünnter Prosecco, ein zwangsbeglückend kapitalistischer Epilog, den man getrost auslassen kann, wenn man sich nicht für mit Glamour durchsetzte Firmenpolitik interessiert. Viel wird geredet, drumherum knapp geschnitten, ohne Luftholen und Wirkung, als hätten alle zu wenig Zeit, um den Plot durchzubringen, und zwar in einer Dauer von zwei Stunden, die sich anfühlen wie mehrere Episoden von Sex and the City hintereinander aus der Sicht eines Quereinsteigers.

Nur geht es nicht um Sex und auch nicht um die City, sondern um ein Verlagshaus, das alle retten müssen, weil ohne Luxus die Welt ja untergeht. Und um Sasha Barnes (Lucy Liu), deren Bekanntheitsgrad der Plot voraussetzt, von der aber niemand weiß, wer das sein soll.

Dem Zeitgeist geschuldete Vorhersehbarkeit

Was bringen wir noch alles in einen so zeitgeistigen Film über die Reichen und Schönen und noch nicht Reichen, aber Schönen und trotzdem zu wenig Beachteten? Alles, was die Zeit eben so hergibt: Tech-Milliardäre, Konzerndenken, digitale Medien statt Print, Equality (davon kann es nie genug geben) und den immer strahlenden Materialismus, dem Emily Blunts Figur auf zynische (und leider auch nervige) Weise erliegt. Streeps geschaffene Ikone ist müde und zahm geworden – Anne Hathaway lässt sich immer noch gerne quälen, während Stanley Tucci als ewige Konstante den Faden hält, den alle verloren haben.

Der Teufel trägt Prada 2 (2026)

Michael (2026)

MEILENSTEINE EINES MOONWALKERS

7/10


Jaafar Jackson als Michael Jackson im Film Michael
© 2026 Universal Pictures Austria


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ANTOINE FUQUA

DREHBUCH: JOHN LOGAN

KAMERA: DION BEEBE

CAST: JAAFAR JACKSON, JULIANO VALDI, COLMAN DOMINGO, NIA LONG, MILES TELLER, LAURA HARRIER, JAMAL R. HENDERSON, TRE HORTON, RHYAN HILL, JOSEPH DAVID-JONES, JESSICA SULA, KENDRICK SAMPSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN



Lange haben alle darauf gewartet: Auf das Biopic eines der größten – wenn nicht den größten – Solo-Performer aller Zeiten. Das, was die Beatles zu viert hinbekommen hatten, schuf Michael Jackson im Alleingang. Dieser Mann – oder das, was letztens von ihm übrigblieb – hat nicht nur, aber vor allem, die Popmusik verändert. Er brachte den Soul, den Funk, den Ausdruckstanz auf einen Nenner. Er setzte Trends in der Optik, in der Mode, im Wirken eines Superstars, der überall auf Gottes Erden bekannt sein wird. Wie gestaltet man also eine Origin-Story über so eine Größe, die letztlich so erbärmlich zugrunde ging wie manch andere, vorallem historische, der Menschheitsgeschichte? Worauf fokussiert man sich, was will man erzählen? Alles? Oder nur einen Auszug? Welche Art von biografischem Konzept funktioniert am besten?

Der unerfüllbare Anspruch auf Vollständigkeit

Niemals ein gesamtes Leben. Das dauert, das wird zäh und lang, und dann fehlt es, wenn man schon den Anspruch hat, nichts auszulassen, erst recht am Detail. Man kann einen Episode aus dem Leben einer Berühmtheit aus der Sicht eines anderen erzählen, wie zum Beispiel My Week with Marylin (Marylin Monroe), Priscilla (Elvis Presley) oder Life (James Dean). Man kann ganz bewusst ein Kapitel aus einer Biographie heraussezieren und genau dort allen Fokus und alles Herzblut hineinlegen wie in Bob Marley: One Love, Bohemian Raphsody (Freddy Mercury) oder Like A Complete Unknown (Bob Dylan). Es lässt sich aber auch ein Künstlerleben als Show gestalten; als lockerflockigen, gesungenen Streifzug wie Rocketman (Elton John).

Alles nur Show!

Womit wir bei jener Art Biografie wären, die alle gerne sehen wollen – und die Hand in Hand geht mit dem musikalischen Vermächtnis. Nichts bringt mehr Reibach als genau das: Shows, die das Leben einer Ikone streifen, den Aufstieg notwendigerweise positiv konnotieren und dabei nur (wenn überhaupt) die dunklen Seiten eines Lebens ansprechen, die diese Ikone nicht selbst verschuldet hat. An den großen Bühnen und Konzerthallen aller Art quer durch den Westen frohlocken gefällige Imitatorinnen und Imitatoren als Tina Turner, Elvis, Falco, als die Beatles und auch als Michael Jackson. Das sind Revueparaden, die jeden Fan von den Sitzen holt.

Von Tribute-Biografien und kritischem Arthouse

Was auf den Bühnen funktioniert und den Veranstaltern die Kassen füllt, gelingt auch im Kino: entstanden ist Michael (ohne Jackson) – ein recht simpler Titel, nicht zu verwechseln mit dem „Engel“ John Travolta. Dieses Werk namens Michael ist jener Film, über den so einige klagen, dass er kein Sterbenswörtchen über die dunkle Seite des Stars verliert. Allen voran Paris Jackson, die Tochter des King of Pop, äußert sich kritisch über ihren Vater, der tatsächlich gerne Kinder auf seine Neverland-Paradies eingeladen hat, um ihnen (wie auch immer) eine schöne Zeit zu bescheren.

Klar wirft sowas Fragen auf, klar färbt so ein Verhalten ab, doch letzten Endes gelten zwei Fakten: Erstens reicht dieser Lebensabschnitt lediglich bis ins Jahr 1988 – wir enden mit der Nachstellung einer Bühnenshow und dem Knaller Bad. Die ersten Anschuldigungen kamen Anfang der Neunzigerjahre hoch. Zweitens wurde Michael Jackson von jedem Vorwurf freigesprochen. Man könnte meinen, das sollte reichen. Doch andererseits: Jemanden, der alleine schon mit dem Verdacht der Pädophilie in Berührung kommt, wird dieses Stigma nie wieder los.

Was bleibt vom Superstar?

Oder soll von ihm bleiben? Erinnerungen an die eigene Kindheit, da geht es nicht nur mir so. Ich weiß noch genau, wann und wo ich zum ersten Mal das Musikvideo zu Thriller gesehen habe. Sowas vergisst man nicht. Jahrzehnte später dann ein Film, der sehr darauf bedacht ist, nicht in die Tiefe zu gehen, kein Portrait zu liefern, keine Psychostudie und auch keinen Kriminalfall. Sondern einen Showfilm, der sich neben der chronologischen Präsentation all der Achtziger-Klassiker nur auf einen einzigen anderen Aspekt konzentriert: Auf das Verhältnis des Vaters Joseph (großartig: Colman Domingo) zum Sohn. Den verkörpert Neffe Jaafar Jackson – und macht dabei ungefähr so viel richtig wie Rami Malek mit seiner Interpretation von Freddy Mercury: Nämlich alles.

Die verlorene Kindheit als Antrieb

Szenenweise vergisst man auch hier, dass dieser Mann nicht wirklich Michael Jackson ist. Er wird greifbar, menschlich, aber in seinem Tun nicht immer nachvollziehbar. Der größte Star der Welt zu werden: Warum nur? Antoine Fuqua gibt über diese Intention keinerlei Auskunft. Vieles blendet er aus, manches reißt er an und meint es als relevant zu erachten, um vor allem die verlorene Kindheit kompensiert zu sehen – mit Peter Pan, den wilden Tieren und dem Hang zum Materiellen.

Keine dieser Biographien, die ich eingangs erwähnte, erzählen alles – genauso wenig tut dies Michael. Es ist ein wohlgesonnenes, geschmeidiges, keinesfalls kreatives Stück Blockbuster-Kino. Idealistisch? Ja, Beschönigend? Nicht unbedingt, sondern auf etwas ganz Bestimmtes fokussiert, wie eine Hommage, eine Art Nachruf, eine Tribute-Show für ein nachhallendes Schaffen.

Gerne mag es andere Filmemacherinnen oder Filmemacher geben, die Michael Jackson von ganz anderer Seite aufdröseln und analysieren wollen. Sollen die das machen, warum auch nicht – Stoff gibt’s dafür noch jede Menge. Dieser hier, Michael, macht es nicht. Er liefert, was die Erinnerung an eine einst erlebte Achtziger-Dekade gerne aufgefrischt sehen will: Nostalgie pur. Und Musikgeschichte obendrein. Alles andere ist ein ganz anderer Film.

Michael (2026)

Gelbe Briefe (2026)

DIE MACHBARKEIT DER IDEALE

7,5/10


Özgü Namal und Tansu Biçer in Gelbe briefe von İlker Çatak
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, TÜRKEI 2026

REGIE: İLKER ÇATAK

DREHBUCH: İLKER ÇATAK, AYDA MERYEM ÇATAK, ENIS KÖSTEPEN

KAMERA: JUDITH KAUFMANN

CAST: ÖZGÜ NAMAL, TANSU BIÇER, LEYLA SMYRNA CABAS, İPEK BILGIN, AYDIN ISIK, AZIZ ÇAPKURT, ŞIIR ELOGLU, YUSUF AKGÜN, UYGAR TAMER, JALE ARIKAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



İlker Catak macht es sich nicht einfach. Warum denn auch, denn das kann schließlich ein jeder. Sich selbst mit dem Unbequemen und Komplexen auseinandersetzen – in welchem Dunstkreis lässt sich das am besten und gleichzeitig auch am Schwierigsten bewerkstelligen? Natürlich in der zivilisierten Gesellschaft. Dort verhält es sich, als hätte man ein eigenes Universum entdeckt, mit all der dunklen und der erfassbaren Materie. Mit Gravitation und Masse, mit Masse und Macht. Und letztere, die schafft an, weil sie die Existenzen der Individuen, die danach streben, sorglos zu existieren, in jede Richtung steuern kann.

Wie politische Macht wirkt

Wir kennen aus Film, Fernsehen und allen anderen möglichen Medien, wie Machtinstrumente funktionieren und wer dahinter die Strippen zieht. Wie funktioniert so ein Uhrwerk, wer lässt den anderen machen und wer stellt sich quer? Zuletzt hat Olivier Assayas versucht, mit Der Magier im Kreml das System Russland von der Maschekseite aufzudröseln. Mit beachtlichem Erfolg. Doch diese Seite – wie gesagt – die hat das Publikum schon sehr oft sehr ausgiebig erfahren und erleben müssen. Ändern kann es daran doch nichts.

Mit dem oder gegen das System?

Wie aber sieht es von der anderen Seite aus? Hier, in diesem FIlm, geht es weg von den Mächtigen, weg von der Politik hin zu den greifbaren, fassbaren, auf unserer Augenhöhe befindlichen Menschen, zu den normalen Bürgerinnen und Bürgern, die von diesem Machtgefüge namens Staat leben müssen. Doch ist das so? Müssen sie das? Woher und wie lassen sich die Ressourcen dafür nehmen, einer den eigenen Idealen zuwiderlaufenden Ist-Situation entgegenzutreten wie Don Quixote den Windmühlen. Wie Sam Lowry aus Brazil dem kafkaesken Totalitarismus? Oder – um in der realen Geschichte verankert zu bleiben: Sophie Scholl oder Franz Jägerstätter (Ein verborgenes Leben) gegen den Nationalsozialismus?

Die Praktikabilität des Idealismus

Dem Idealismus wird im Kino stets ehrfurchtsvoll begegnet, man verbeugt sich vor der Opferbereitschaft einzelner Personen, die sich selbst, die Ihre Existenz aufgeben für ein großes Ganzes, für all die anderen, die es später vielleicht irgendwann besser haben sollen. Diese Selbstvergessenheit und Opferbereitschaft ist aber nicht die Norm. Diese ist nämlich auf gesunde Weise und am besten in einer Familie, in einer Partnerschaft zu finden, in der es Verantwortung gegenüber anderen gibt, in der es aber auch eine Liebe oder eine Leidenschaft zum eigenen Leben gibt. Wie zum Beispiel bei Derya und Aziz.

Berlin darf Ankara werden!

Die beiden leben in Ankara – als die Hauptstadt der Türkei fungiert Berlin, Hamburg wird dabei zu Istanbul. Ein kluger, simpler Schachzug, denn eine Staatsform wie unter Erdoğan – da kann man gar nicht so schnell anders wählen, schon ist sie da. Mit anderen Worten: Ankara kann überall sein.

Und so sind Derya und Aziz – sie Schauspielerin, er Schriftsteller – mit dem Big Brother-Regime überhaupt nicht einverstanden und vermitteln ihre Meinungen lautstark in den sozialen Medien. Doch der Machtapparat schläft nicht, nirgends, überall hat er seine Augen, die alles sehen und weitertragen. So kommen die Gelben Briefe ins Spiel – existenzgefährdende Schreiben, die der Staat als Mobbing einsetzt, um Leute wie eben Derya und Aziz mundtot zu machen.

Aziz, der an der Uni einen Lehrstuhl für Literatur hat, verliert seinen Job, Derya kann nicht mehr auftreten, denn das gemeinsam erarbeitete Stück wird gecancelt. Das Geld wird knapp, und dummerweise gibt es da noch zwei Kinder, die ihr Leben erst leben müssen. Was also tun in so einer Situation, in so einer akuten Existenzkrise? Den Idealen weiter folgen und sich dabei selbst vernichten – oder die familiäre Verantwortung wahrnehmen und ein Arrangement mit dem Staat annehmen?

Ein Grundsatzdiskurs als Film

Gelbe Briefe ist filmgewordene Diskussion – aber kein puristisches Dialogkino. Çatak passiert dabei ebenso wenig das Ungeschick, seinen Film zu verkopftem Arthouse zu transformieren. Das Gesellschaftsdrama, das diesmal keine Lust dazu hat, das politische Gefüge näher zu analysieren, bleibt am Boden, und zwar auf jenem, auf dem wir selbst wandeln – der uns bekannt vorkommt, den wir fühlen können. Umso spürbarer wird dann das Dilemma. Und mit Dilemmas kennt sich Çatak aus.

Sein hochgelobter Erfolg Das Lehrerzimmer sucht ebenfalls den Konflikt, die Unlösbarkeit eines Problems; die Schwere der Entscheidung zwischen Ideal und Achtsamkeit anderen gegenüber. Da fällt es schwer, zu sagen, was das richtige Verhalten wäre. Doch anders als im Lehrerzimmer, in welchem Çatak selbst am Ende nicht so ganz weiß, wie er einen Konsens finden kann, bleiben die Gelben Briefe nicht unbeantwortet.

Um dort hinzugelangen, wo am Ende die Quadratur des Kreises entsteht, geht der Filmemacher in die Tiefe – da hin, wo die Nerven liegen. Er löst da Dilemma mit verbaler Konfliktbereitschaft und narrativen Eckpunkten, die das Existenzdrama vorantreiben und lenken – von der öffentlichen Demonstration über den Willen zur Selbstverwirklichung, dem Umgehen des Selbstverrats bis hin zum Kompromiss. Das große Ganze wird dabei zum Gefüge einer Familie und nicht zu einem ganzen Volk.

Mit den eigenen Werten diplomatisch umgehen

Zwischen Ego, Liebe und der Pflicht des Widerstands setzt Çatak sein Ensemble glaubhaft in Szene – vorallem Özgu Namal trägt den Film mit schauspielerischer Kraft und der Ruhe einer kühlen Denkerin, die ihren Bedürfnissen weniger Raum lässt als Ehemann Tansu Biçer es tut. Letztlich finden sich selbst hier Betrachtungen der Geschlechterrollen und ihre Position in einem aufgeklärten Umfeld, das droht, in einer autoritären Gegenreformation zu ersticken.

Çatak holt aber Luft, bis zuletzt. Ob der Strohhalm, durch den am Ende alle atmen, der richtige ist, mag nicht von der Moral jener beurteilt werden, die, gut behütet, diesen Film sehen können.

Gelbe Briefe (2026)

Normal (2025)

WER ZUM SCHWERT GREIFT…

3,5/10

 

Bob Odenkirk als Sheriff im Actionfilm Normal von Ben Wheatley© 2026 Leonine Studios

 

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BEN WHEATLEY

DREHBUCH: DEREK KOLSTAD

KAMERA: ARMANDO SALAS

CAST: BOB ODENKIRK, LENA HEADEY, HENRY WINKLER, BRENDAN FLETCHER, JESS MCLEOD, BILLY MACLELLAN, RYAN ALLEN, PETER SHINKODA U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN



Es gibt kaum eine bessere Serie seit es das Fernsehen gibt: Breaking Bad. Und es gibt kaum ein Spin Off, das dieser Qualität des Erzählens so dermaßen nahe kommt: Better Call Saul. In beiden Formaten spielt Bob Odenkirk eine tragende Rolle, er ist der Winkeladvokat, das eloquente Schlitzohr, der blitzgescheite Tausendsassa, der es sich lange Zeit so richtig richtet. Was für eine Ambivalenz Sympathie und Verbrechen unter einem Hut entfachen können,  muss man tatsächlich gesehen haben.

Vom Winkeladvokaten zum Nobody

Doch jetzt, jetzt ist Odenkirk von seinen Serienverpflichtungen entbunden. Von dort ist es ein vielleicht gar nicht so weiter Weg ins Spielfilmfach. Doch Obacht: Schnell wird man in eine Genre-Schublade verfrachtet, weil vielleicht die Kassen nur dort ausreichend klingeln. Mit Nobody stellt sich Odenkirk als Otto Normalverbraucher mit Jason Statham-Vergangenheit richtig bösen Buben entgegen. In Nobody 2 macht er das schon wieder, und in beiden Fällen bleibt der von ihm dargestellte Charakter wenig plausibel.

Nicht, dass es dabei an seinem schauspielerischen Können liegt. Odenkirk ist ein sympathischer Kerl, doch eine Actiongranate würde man hinter diesem einnehmend gefälligen Blick nicht vermuten. Gut, vielleicht liegt darin ja der Witz, dass dieser Normalo alles andere als normal ist – eine unterschätzbare, wandelnde Mysterybox.

Was bewegt Ben Wheatley?

Womit wir bei Normal wären, einer etwas anderen Projektil- und Pyrotechniksause, die weniger mit Fäusten und geerdetem Martial Arts daherkommt wie eben Nobody, sondern sich fast nur auf Fernwaffen verlässt, die allesamt gezückt werden, wie im Lagerhallen-Gemetzel Free Fire mit Brie Larson und Armie Hammer. Womit wir bei Ben Wheatley wären – einem Filmemacher, dessen Projektwahl ich nach wie vor nur schwer einschätzen kann und der sowohl die Neuverfilmung von Rebecca zu verantworten hat als auch den Mega-Hai-Nonsens Meg 2: Die Tiefe mit Jason Statham. Wie jetzt? Bewusst im Edeltrash fischend, weil man mit dem Händchen eines Autorenfilmers etwas Besonderes daraus machen könnte? Wäre eine Option gewesen, zumindest klang sie originell, das Refreshing ist aber nicht passiert: Meg 2 war maximal solide und dabei völliger Durchschnitt. Hat Wheatley denn überhaupt irgendwelche besonderen Vorlieben an Themen, die er umsetzen möchte?

Vom Nobody zum Normalo?

Schwer zu sagen, doch etwas scheint ihn dann doch nicht ganz loszulassen: Der Waffenwahnsinn. Neben bereits erwähntem Free Fire, der immer noch und vergeblich nach seiner eigenen Existenzberechtigung sucht, ist die neueste Eskapade wohl ein Film, der Bob Odenkirk nun vom Nobody zum Normalo werden lässt – an sich ja schon ein Aufstieg, mit dem man zufrieden sein kann. Und Odenkirks Figur, die ist es.

Er mimt einen Interims-Sheriff in einem verschneiten Kaff im mittleren Westen, welches tatsächlich den titelgebenden Namen trägt und auch so tut, als wäre es nichts anderes als das. Auch er selbst achtet möglichst darauf, die Füße still zu halten und sich mit jedem zu arrangieren. Vorallem eines ist da ganz wichtig: Freundlichkeit und Harmoniebedürfnis.

Erst schießen, dann fragen

Das endet abrupt, als eines Tages die Alarmsirenen läuten, weil jemand die örtliche Bank überfällt. Und dann passiert das, womit wirklich keiner rechnet – am wenigsten der Normalo-Sherriff: Man versucht ihn zu töten. Doch wer ist „man“? Die gesamte Belegschaft des Ortes, denn jede und jeder einzelne hat, obwohl sicher keine Lizenz dafür, das nötige Know-how, um das Feuer zu eröffnen. Es wird darauflos geballert, was das Zeug hält. Und Odenkirk, nicht blöd, schließt sich mit den Bankräubern zusammen, um dieser Übermacht Paroli zu bieten.

Pseudoschnee und nervöse Finger

Ein simpler Plot, der sich irgendwann ad absurdum führt. Eine überschaubare Kulisse, auf der sehr viel Kunstschnee liegt, der selten so wirkt, als wäre er auch wirklich gefrorenes Wasser.
Lässt sich das mittlerweile nicht besser hinbekommen? Die Eigenschaft von Seifenschaum ist in Normal manchmal viel zu offensichtlich, um durchgängig das Gefühl zu vermitteln, hier beißt die Kälte, während alle anderen ins Gras beißen.

Wheatley gelingt eine gewisse Stimmung, die aber, sehnsüchtig nach dem Verschrobenen Ausschau haltend, bei weitem nicht an jene aus Fargo heranreicht. Das liegt mitunter an den austauschbaren Figuren, um die sich Drehbuchautor Derek Kolstad, der für John Wick und auch für Nobody verantwortlich zeichnet, überhaupt nicht bemühen will. Die Bürger der Kleinstadt Normal werden zur Lieblingsfangmeinde der US-Waffenlobby und agieren, als wären sie in einem Promotion-Werbespot für Smith & Wessons oder Remington. Da mag ja schön die Post abgehen, und Wheatley das Ganze satirisch finden.

Mit dem Elch den Ort verlassen

Die maue Story selbst kann die fehlende Intention der Schießwütigen aber nicht lange kaschieren. Die gewissenlosen Tötungsabsichten der Stadtgemeinde (warum tun sie das?) wirkt so aufgesetzt wie einfallslos, und auch Odenkirk fällt zu seiner Figur bald auch nichts mehr ein. Man hätte ja meinen können, dass Lena Headey (die Szene im Pub zählt da noch zu den differenziertesten) mehr aus ihrer Rolle macht, doch auch sie reiht sich nahtlos ein in den platt skizzierten Mob und bleibt uninteressant.

Hinzu kommt die vermaledeite Yakuza. Und ein Elch, der sich dann wieder in den Schneesturm verirrt, weil ihn hier, in Normal, sowieso nichts hält. Dem geht’s wie mir.

Normal (2025)

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

WICKELKINDER DER ANDEREN ART

4/10


Natalie Grace als Mumie Katie in Lee Cronin's The Mummy
© 2026 Blumhouse / Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE & DREHBUCH: LEE CRONIN

KAMERA: DAVID GARBETT

CAST: JACK REYNOR, LAIA COSTA, MAY CALAMAWY, NATALIE GRACE, SHYLO MOLINA, BILLIE ROY, VERONICA FALCÓN, HAYAT KAMILLE, MAY ELGHETY U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN



Das alles wegen Ruhestörung

Was war nochmal gleich der Fluch des Pharao? Stimmt, die Sache mit Tut-Ench-Amun und die Aushebung seines Grabes. Wenn das bei uns wer macht, regnet es Anzeigen, damals aber, in den Pionierzeiten der archäologischen Feldforschung, war die Störung der Totenruhe wohl keine große Sache. Aus diesem Sakrileg hat sich ein gewisser Widerstand entwickelt, die Idee einer Bestrafung all jener, die hier rücksichtslos plünderten im Zeichen der Wissenschaft: Mumien erhoben sich aus geöffneten Sarkophagen und brachten Tod und Verderben mit sich.

Bei Boris Karloff (Die Mumie, 1932) hatte man noch das Glück, dass dieser eingetrocknete Pharao zumindest nur auf eine Gespielin für die Ewigkeit aus war, während Dwayne Johnson als Skorpion King (Die Mumie kehrt zurück) dann doch die Finsternis über ganze Landstriche bringen wollte und Sofia Boutella als tätowierte Revenge-Queen (Die Mumie, 2017) dem Genre so gut wie das Licht ausblies.

Rehydration eines Kultmonsters

Alle Hoffnung steckt nun in Lee Cronin – jenem Visionär, der ganz gut verstanden hat, wie man Sam Raimis garstige Dämonen aus Tanz der Teufel in die Gegenwart befördert: Evil Dead Rise war ein Knüller, bald folgt hier die Fortsetzung. Cronins Selbstbewusstsein hat dazu geführt, dass das Schicksal dieser angestaubten und nur schwer einer Frischzellenkur zu unterziehende Antagonist in dessen Hände gelegt werden sollte – unter der Bedingung, den ganzen Leinenbinden-Grusel sogar nach ihm zu benennen: Lee Cronin’s The Mummy.

Doch dieser Anstrich, der verwendet Farben, die früher vielleicht ganz in waren – zu Zeiten von Friedkins Der Exorzist oder Das Omen. Vielleicht hat Cronin seinen wütenden Teenager ein bisschen mit Puppe M3GAN verwechselt – oder beide kombiniert, um eine zweite Linda Blair ans Bett zu fesseln (was er dann nicht tut, warum auch immer), die aber, statt dem schleimspuckenden Mädel, vorher noch acht Jahre probeliegen durfte – in einem Sarkophag irgendwo im Südosten Ägyptens  und mit einem Dämonen intus, der sich psychosozial ordentlich reinsteigern würde, würde man ihn gewähren lassen.

Muterliebe ist die beste Medizin

Die Eltern der kleinen Katie, die in Kairo entführt wird, um eben besagte Zeit später wieder aufzutauchen – die ist ordentlich gezeichnet. Was niemanden daran hindert, genau nichts dafür zu unternehmen, damit diese traumatisierte junge Frau irgendwann auch wirklich wieder mit beiden Beinen im Leben stehen kann. Mutterliebe, so meint die Mama, muss reichen – was noch schlimmer klingt als die Prinzipien der Zeugen Jehovas, wenn ums Medizinische geht.

Dem Vater ist ohnehin alles egal – sogar ein satter, schleimiger Blutfleck im trauten Eigenheim, schließlich erinnert dieser an den Canterville Ghost, der wohl das kleinere Übel gewesen wäre als das wiedergefundene Töchterchen. Perfekt kombinierbar mit pubertären Verhaltens-Eskapaden, sollten ihre spukhaften Anwandlungen gar nicht mal so auffallen.

Logiklöcher als der Dämonen liebste Nahrungsquelle

Nun, sie tun es doch. Doch Mutterliebe reicht immer noch, kombiniert mit Vorhangschlössern, damit niemandem was passiert. Der zu Rate gezogene Historiker, die investigierende ägyptische Polizistin – sie alle versuchen zwar, zu erklären, was mit Katie nicht stimmt, doch die grobe Fahrlässigkeit in Sachen Nachwuchsgesundheit wird dadurch nicht abgemildert.

Wir wissen: In Horrorfilmen verhält sich auffallend oft niemand so wie im realen Leben, gäbe es Situationen wie diese. Als Publikum, nämlich aus dem realen Leben, ist man da schon tolerant geworden – doch irgendwann reißt auch hier der antike Leinenfaden, wenn alle ihre Pflichten vergessen oder Cronin selbst versucht, mit dekorativem Geisterbahn-Hokuspokus, der ganz plötzlich random erscheint, von seinen groben dramaturgischen Schnitzern abzulenken. Da ist die zahnlos grinsende Zombie-Oma Kukident-Werbetestimonial Nummer eins für alle Gruftis und Cronin selbst hoffnungslos daran gescheitert, von den abgedroschenen Evil Dead-Zutaten die Finger zu lassen.

Den Flow hat nur der Sandsturm

Lee Cronin’s The Mummy hat eine gute Grundidee. Der Mumie eben keinen Liebeskummer angedeihen zu lassen, sondern sie in einen familiären Drama-Kontext zu setzen, das passt. Allerdings bremst sich das narrative Konzept so ziemlich aus, weil es durch den Orts- und Szenenwechsel andauernd seinen Flow unterbricht und zwischen Okkult-Thriller und Besessenheitshorror keinen Rhythmus findet. In einer Szene sitzt Jack Reynor (Midsommar) wie betäubt vor dem Fernseher, nachdem ihm klar wird, was seiner Katie wiederfahren ist. Diese verzögerte Reaktion lässt sich schauspielerisch auch auf fast alle hier Beteiligten übertragen, denn niemand kann mit ihrer oder seiner Rolle wirklich viel anfangen. Nicht mal Natalie Grace findet ihre Spur, die sie anfangs erlangt zu haben scheint. Dadurch gerät ihr Spiel auch unfreiwillig komisch.

Ekelszenen sind einfach zu geil

Die Optik selbst hat ihren Reiz, schließlich vereint sie jene Stilmittel, mit denen Sam Raimi bei seinen Evil Dead-Filmen schon experimentiert hat (extreme Nahaufnahmen, Elemente im Vordergrund, andere weit hinten) – die flatternde Mumien-Megan am Ende wirkt fast schon wieder elegant und inspiriert mit Sicherheit den einen oder anderen Teenie fürs nächste Halloween-Outfit.

Unterm Strich aber bleibt Lee Cronin’s The Mummy mehr Frankenstein-Stückwerk als innovatives Dämonenszenario mit Hang zur Antike. Boris Karloff würde sich dabei wieder in seinen Sarkophag legen und auf eine spätere Reanimation warten, der Skorpion King seine verfütterten Skorpione bemitleiden. Ich selbst würde die selbe Grundprämisse vielleicht nochmal etwas anders umgesetzt sehen wollen – schlüssiger, plausibler. Und nicht so wild zusammengetragen, weil so bemüht, jede erdachte Ekelszene, die nicht mal neu ist, unterbringen zu wollen, einfach weil Cronin sie geil findet.

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

Is This Thing On? (2025)

ANLEITUNG ZUM GEMEINSAM UNGLÜCKLICHSEIN

8/10

 

Laura Dern und Will Arnett in Is This Thing On?© 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BRADLEY COOPER

DREHBUCH: BRADLEY COOPER, WILL ARNETT, MARK CHAPPEL

KAMERA: MATTHEW LIBATIQUE

CAST: WILL ARNETT, LAURA DERN, SEAN HAYES, BRADLEY COOPER, CIARÁN HINDS, AMY SEDARIS, CHRISTINE EBERSOLE, ANDRA DAY, PEYTON MANNING U. A.

LÄNGE: 2 STD 4 MIN



Erst neuerdings hat der bayrische Kabarettist Michael Mittermeier in der von ihm wohl sehr geschätzten Wienerstadt einen Comedy-Keller eröffnet. Dieser hier, genannt Lucky Punch, dürfte die paar Etablissements, die es schon gibt, ganz gut ergänzen. So wie es scheint, lassen manche dieser Clubs einen das Mikro schnappen und drauflos improvisieren. Stand-Up Comedy nennt sich das. Fast sowas wie eine Stegreifbühne für Leute, die denken, sie wären lustig und eloquent genug, um damit ein ganzes Kellerpublikum zu begeistern.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Wie schwer sowas ist – eben lustig zu sein, die Leute zum Lachen zu bringen; den Humor an sich (denn jede und jeder hat einen anderen Sinn dafür) aus den Gedanken zu kitzeln – kann man sich denken. Umso mehr Hut ab, wenn sich da manche auf die Bühne zu stellen und losplaudern. So, wie es Alex Novak macht, dargestellt von Will Arnett, der das Zerbrechen seiner Ehe zum Anlass nimmt, um sich alles von der Seele zu reden, was eigentlich niemandem etwas angeht, was er aber so verpackt, dass es dann doch seine Relevanz hat, um vorgetragen zu werden. Ehefrau Laura Dern weiß davon zuerst nichts. Und zwar lange nicht. Was aber ist passiert?

Wenn man glaubt, sich verloren zu haben

Bradley Coopers neuer Film beginnt mit einer emotional erstaunlich aufgeräumten Alltagsszene eines Ehepaares im Badezimmer. Beim Zähneputzen stellen beide fest: es ist aus. Ob nur vorübergehend, ist nicht ganz klar. Kein Streit, keine Tränen, rein gar nichts. Als wäre die Liebe tatsächlich erloschen. Doch in Wahrheit trügt hier der Schein, und ganz andere Dinge sind hier am Querlaufen, deren Pfade geradegerückt werden müssen. Das geht nur, wenn beide sich selbst wieder finden. Schließlich haben sie sich verloren, in einem diffusen, allerdings funktionierenden Miteinander, in dem die eigene Persönlichkeit nicht mal in der anderen aufgeht, sondern in der Annahme, dieser keine Priorität mehr einräumen zu dürfen.

Ein konstruktiverer Woody Allen

Is This Thing On?, stellt der Film bereits im Titel die Frage. Läuft da noch was, oder nichts mehr? Bradley Cooper und Will Arnett, die mit Mark Chappel gemeinsam das Skript verfassten, lassen sich für die Beantwortung dieser Frage lange Zeit, doch es lässt sich schon erahnen: Arnetts Figur ist diese Trennung jedenfalls nicht gleichgültig, wuchtet er doch immer wieder, da er im Stand-Up seine neue Leidenschaft entdeckt hat, das Thema auf die Bühne.

Klar dreht sich viel ums eigene Ego, doch erstaunlicherweise nicht so viel wie in den Beziehungsfilmen von Woody Allen. Der legt seine meist psychisch etwas in Mitleidenschaft gezogenen Figuren auf die imaginäre Couch, analysiert sie und macht sich daraus seinen tragikomischen Spaß aus Worten und Skurrilitäten. Gelingt natürlich, wir alle kennen die Stärken seiner Psychokomödien. Coopers Beobachtung einer Ehe aber ist weniger Psychoanalyse als Verhaltenstherapie, als proaktive, konstruktive Lehr- und Lernstunde in Sachen Wahrnehmung, Wertschätzung und Selbstbetrachtung.

Was soll das mit dem Beziehungs-Soll?

Beziehungen, die schon lange existieren, haben meistens einen guten Grund, warum sie das tun. Vielleicht, weil man sich aneinander gewöhnt hat. Weil man Veränderungen nicht schätzt, nur weil man zu bequem ist, um diese herbeizuführen. Weil ein neues Leben sehr aufwändig ist. Oder: weil man sich ganz einfach selbst vergessen hat.

Laura Dern und Will Arnett erarbeiten sich in Is This Thing On? ihr eigenes Leben, ihre eigene Leidenschaft zurück. Für sich selbst, und für ihr Gegenüber. Mehr Abstand klärt die Sicht auf die Dinge? In diesem Fall ja. In diesem Fall setzt Cooper auf fokussierte Weise seine charmant-witzige, gefühlvolle Reise ins gar nicht dunkle Herz einer scheinbar gescheiterten Beziehung Schritt für Schritt und Auftritt für Auftritt in die richtige, vielleicht einzig richtige Richtung, ohne sich mit oberflächlichem Klamauk aufzuhalten oder sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, die die ganze Geschichte aufpeppen sollen. Er setzt sich zwar selbst als schräger Künstler in Szene, doch diese Nebenfigur hat Grund genug, um ein Teil des Spiegels zu sein, in den Will Arnett blickt.

Letztlich durchfährt ihn eine unglaublich weise Erkenntnis, die man selbst als Zuseherin oder Zuseher nutzen und mitnehmen kann. Für die eigene Zweisamkeit. Für das eigene Glück des Miteinanders, welches mehr aushält, als man glauben möchte. Sogar jede Menge Unglück.

Is This Thing On? (2025)

Shelter (2026)

JEMAND IST EINE INSEL

5/10


Jason Statham und Bodhi Rae Breathnach sind im Actiondrama Shelter auf der Flucht© 2026 Black Bear


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

DREHBUCH: WARD PARRY

KAMERA: MARTIN AHLGREN

CAST: JASON STATHAM, BODHI RAE BREATHNACH, BILL NIGHY, NAOMIE ACKIE, DANIEL MAYS, ANNA CRILLY, HARRIET WALTER, CELINE BUCKENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Wie ist das jetzt eigentlich genau mit Jason Statham? Soll er, darf er, kann er verlieren? Die Gerüchteküche brodelt, wenn es heisst, der Actionstar wolle sich vertraglich schadlos halten, wenn es darum geht, seiner Filmfigur, die er gerade spielt, ein Leid zuzufügen oder diese gar – Gott behüte – sterben zu lassen. Dieses Gerücht ist nicht bestätigt, wenngleich es offensichtlich ist, dass diverse Filmemacher und Drehbuchautoren, die ihre Werke womöglich mit Hinblick auf Statham entsprechend konzipieren, diesen bis dato niemals unterliegen ließen.

Der neue Chuck Norris?

Dieser Umstand schränkt die Bandbreite der Charaktere, die Statham immer wieder gerne spielt, deutlich ein. Das Spektrum ist überschaubar, wir haben den Actionhelden maximal als Antihelden, mit dem Herzen am rechten Fleck, tierlieb und gut zu Kindern und all den Schwachen, die sich nicht so zur Wehr setzen können wie Statham. Selbst vor Riesenhaien macht er nicht halt, wobei man hier sehr wohl eine gewisse Selbstironie verorten kann, die sich der drahtige Glatzkopf irgendwann hat angedeihen lassen. Aber verlieren? Das will er nicht. Niemals.

Könnte man im Hinblick darauf nicht ihn als Erben des kürzlich verstorbenen Chuck Norris einsetzen? Unweigerlich denkt man bei Sichtung seines neuen Werkes mit dem Titel Shelter an Gevatter Tod, der nicht den Mut aufbringt, Jason Statham mitzuteilen, er habe zumindest als Filmfigur längst ins Gras gebissen. Kann es denn wirklich so sein, dass der Mann nichts anderes spielen will als den wortkargen Einzelgänger, der seine Karriere als Elitekämpfer, Profi-Killer oder Agenten-Tausendsassa an den Nagel gehängt hat, um ein stilles, einsames und von der Welt abgewandtes Leben zu führen, nur um dann, wenn eben Hunde, Kinder oder die besagten Schwächeren in Gefahr sind, wieder aus sich herauszugehen und ganze Armeen profilschwacher Finsterlinge, die nicht mehr sind als NPCs, über die Klinge springen zu lassen oder sie mit effektiver Handkante zu vermöbeln? Kann es denn sein?

Seemann, lass das Träumen

Nein. Auch in Shelter unter der Regie von Ric Roman Waugh, der unlängst erst einen anderen Recken, nämlich Gerard Butler, durch Greenland 2 geschickt hat, um ihn aber am Ende ins besagte Gras beißen zu lassen (denn Butler hat kein Problem damit), ist Statham wieder Statham, allerdings um eine Nuance differenzierter.

Fast scheint es, als würde er beim ersten Mal Hinsehen schauspielerisch fast schon aus sich herausgehen und Neues wagen. Die Stoppelglatze ist obligatorisch, Dreitagebart und Mütze ergeben das knorrige Bild eines Seemanns, der als Einsiedler mit Vergangenheit auf einer Insel der Hebriden ein Mädchen aus stürmischen Fluten rettet. Um bald darauf Besuch von einer nicht ganz offiziellen Staatsgewalt zu bekommen, die er natürlich aufmischt, als hätten all jene, denen er Mores lehrt, maximal einen Abendkurs an der Volkshochschule in Sachen Kriegsführung absolviert.

Der Sidekick als Sparringpartner

Doch auch hier: So ganz ohne Schrammen kommt Statham diesmal nicht davon, und vielleicht liegt diese Liebe am kantigen Detail wohl auch an der jungen Schauspielerin Bodhi Rae Breathnach, die eben erst an der Seite von Oscargewinnerin Jessie Buckley in Hamnet zu sehen war. Ein aufgewecktes, kluges Mädchen, mit einer Mimik, da könnte Statham noch etwas dazulernen, was er tatsächlich auch tut. Denn bei diesem Sidekick muss selbst ein Routinier wie er entsprechend reagieren – an die Wand spielen ist nicht, das wäre ja fast eine dieser Niederlagen, die er nicht will.

Oder doch der nächste Action-Opa?

Mit dieser jungen Bodhi Rae Breathnach (den Namen muss und sollte man erst mal auswendig lernen, denn diese Dame wird im Kino noch ordentlich mitmischen) hat Shelter aber seine besten Karten ausgespielt. Alles andere ist Schema F, auch wenn man glauben könnte, nach dem Tod eines gewissen besten Freundes ginge der John Wick mit Statham durch. Das passiert aber nicht, weder übertreibt Waugh noch findet sich eine gewisse Selbstironie in diesem abgemühten Szenario. Was Statham wohl dämmert, ist, das er langsam in Richtung Liam Neeson zieht, der schon längst den Action-Opa macht. Zugegeben, der Unwille zum Shootout steht ihm gut, und wenn der ganze Plot dann noch etwas mehr zwischenmenschliches Drama gehabt hätte, wäre auch der Rest vielleicht sogar richtig sehenswert.

Shelter (2026)

They Will Kill You (2026)

EIN OPFERLAMM LÄSST DIE SAU RAUS
7/10



© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: KIRILL SOKOLOW

DREHBUCH: KIRILL SOKOLOW, ALEX LITVAK

KAMERA: ISAAC BAUMAN

CAST: ZAZIE BEETZ, MYHA’LA, PATRICIA ARQUETTE, PATERSON JOSEPH, TOM FELTON, HEATHER GRAHAM, DARRON MEYER, GABE GABRIEL, CHRIS VAN RENSBURG U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



„Da hat wohl jemand Schwein gehabt“, könnte man nach Sichtung dieses überdrehten Streifens behaupten. Ein Spoiler wäre das aber jedenfalls keiner. Der Weg zum großen Ganzen in dieser Sause bedarf etwas mehr als knackige 90 Minuten, und das ist genau die Dosis, die ein Film wie They Will Kill You sehr gut aushält, bevor sich so manches gar wiederholt oder selbst zitiert, nur weil das Filmteam nicht genug davon bekommt, wie Zazie Beetz sich im Pyjama durch die Gegend schlachtet.

Was für eine nette Wohngemeinschaft

Die meisten kennen die Schauspielerin wohl schon seit Todd Philipps Joker, nun aber hat sie endlich ihren eigenen Film, wo sie gar nicht mal einen grellgelben Trainingsanzug zur Schau stellen muss wie seinerzeit Uma Thurman in Kill Bill, sondern wo Schlabberhose und T-Shirt absolut reichen, um das um ihre Nachtruhe beraubte und daher auch recht wütende Dienstmädchen absolut stylish in Szene zu setzen. Dabei befinden wir uns in einem recht abgesteckten Setting, das Kenner unweigerlich an einen Klassiker des okkulten Grusels erinnert: Rosemarys Baby.

Inmitten eines verregneten und ungastlichen Manhattan ragt also dieser brutale Massivbau eines Wohnblocks in die Düsternis, ein nobles Etablissement, alles sehr Retro und geschmackvoll. Auch die Bewohner und Bewohnerinnen überaus freundlich, und wir wissen sofort: So süßliche Verhaltensweisen bedeuten meist nichts Gutes, da steckt stets etwas Dunkles dahinter. Und ehe man es sich versieht, können all die netten Leute gar nicht mehr bis auf den nächsten Morgen warten, um Zazie Beetz ihre Gunst zu erweisen. Was ihre Figur an diesem Ort verloren hat? Die kleine Schwester. Grund genug, um sich mit einer ganzen Schar eigentümlicher Satanisten anzulegen, die, verpackt in dunkelgrüne Regenmäntel und getarnt mit Schweinemasken (da haben wir es wieder, das Schwein) die Dame gerne opfern möchten.

Sofern man nicht zum Fanatismus neigt, ist das wohl eine Gefälligkeit, der man eigentlich nicht nachgeben will. Zum Glück für diese sympathische und zugleich wildgewordene Furie kann sie auch noch verdammt gut kämpfen. Wäre da nicht ein gewisser Faktor, mit dem die sinistre Belegschaft den Heimvorteil hat, und somit die Aussicht auf einen Erfolg des Guten in weite Ferne rücken lässt.

Blaxploitation heisst das Zauberwort

Sieht man sich die mit der Machete herumschwingende, rabiate Beetz an, so wird schnell klar, welchem Genre Regisseur Kirill Sokolow (Why Don’t You Just Die) hier huldigen möchte: Dem Exploitationkino – oder auch Blaxploitation, denn Zazie Beetz ist farbig, und Blaxploitation unterscheidet sich genau um diesen Umstand von erstgenannter Art. Wie man solche Filme macht, wissen auch Quentin Tarantino und Robert Rodriguez, die mit ihrem Label Grindhouse das mitternächtliche Bahnhofskino würdigten.

Machete, Death Proof oder Planet Terror sind mustergültige Kandidaten, die längst jedes Filmlexikon ergänzt haben. Und jetzt auch They Will Kill You. Überzogene, explizite Gewalt, abstruse Plots, trashiger Style, derber bis tiefschwarzer Humor, über allem oftmals eine starke Heldin (früher zum Beispiel Pam Grier, die sehr viel später in Jackie Brown nochmal ein Da Capo hingelegt hat), die in völliger Ignoranz gegenüber physikalischen Gesetzen und sonstiger Logik die Nemesis für all das finstere Gesocks macht, das gerne auch mal verstörend psychopathische Verhaltensweisen an den Tag legt.

In Dreiteufels Namen

Unter diesen stilistischen Voraussetzungen lässt Sokolow in seinem fürs Spätkino ideale Gustostückchen vielleicht auch im wahrsten Sinne des Wortes die Sau raus, und zwischendurch, man kommt nicht umhin, blitzt die verspielte Phantastik eines Terry Gilliam durch, obwohl der Herr damit nicht das Geringste zu tun hat. Gilliam und Polanski, vermengt mit den wüsten Anwandlungen einer Bahnhofskino-Groteske: Das ist They Will Kill You. Und dabei weit entfernt von Genreverwandten wie Ready Or Not, die im Grunde eine ganz ähnliche Geschichte erzählt: Junge Frau wird notgedrungen zum Freiwild, weil sie dem Leibhaftigen geopfert werden muss, sonst verlieren all jene, die das Dunkel anbeten, ihre Privilegien.

Während Ready or Not zwar Spaß macht, aber in geordneten Bahnen bleibt und zwar schon auch übertreibt, nur etwas verhalten, purzeln bei They Will Kill You die bizarren Ideen nur so von des Beelzebubs Schoß. Dabei macht es Spaß, auch das Retro-Design der Inserts mit der übrigen Reminiszenz an das Alles-erlaubt-Kino in Einklang zu bringen.

Sokolows spaßiger Splattertrip mag zwar nicht Spaß für die ganze Familie sein – für den cineastischen Junk Food Liebhaber aber ein knackig angebratener, gepfefferter Burger – vom Schwein.

They Will Kill You (2026)

Rose (2026)

VON DEN ANFÄNGEN INDIVIDUELLER FREIHEIT
7,5/10


Sandra Hüller im Film Rose von Markus Schleinzer
© 2026 Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARKUS SCHLEINZER

DREHBUCH: MARKUS SCHLEINZER, ALEXANDER BROM

KAMERA: GERALD KERKLETZ

CAST: SANDRA HÜLLER, CARO BRAUN, MARISA GROWALDT (ERZÄHLERIN), GODEHARD GIESE, ROBERT GWISDEK, MARIA DRAGUS, SVEN-ERIC BECHTOLF, RAINER EGGER, AUGUSTINO RENKEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



Danke, Toni Erdmann. Seit damals ist die mittlerweile weltbekannte Sandra Hüller trotz ihres damit einhergehenden fulminanten Erfolges und der Möglichkeit, an der Seite von Ryan Gosling bei einem US-Blockbuster (Der Astronaut – Project Hail Mary) mitzumischen, nach wie vor an Bodenständigkeit kaum zu überbieten. Hüller macht nach wie vor das, was sie interessiert, und biedert sich niemandem an.

Sie sieht auch, so kommt mir vor, den „Walk of Fame“ längst nicht als einzig erstrebenswerte Form von Ruhm an. Sie ist Handwerkerin und Virtuosin durch und durch, und dabei lässt sie sich auch gern mal das Gesicht entstellen, so wie jetzt, im bei der Berlinale 2026 reüssierten Historiendrama Rose, inszeniert von Markus Schleinzer, vormals Castingdirektor bei gefühlt allen nennenswerten österreichischen Filmproduktionen, angefangen von Haneke über Seidl bis Ruzowitzky, nun aber konzentrierter Selbermacher mit nur nach wenigen Arbeiten herauskristallisiertem eigenen Stil, der konzentriert, geordnet und dennoch lebendig wirkt.

Die Vorteile des Patriarchats

Hüller durfte heuer für ihre Leistung den silbernen Bären entgegennehmen. Keine Frage, diese Auszeichnung wäre für keine andere Rolle so wohlverdient. Als Rose setzt sie ihre eigene Latte noch etwas höher, und womöglich war ihr die Darstellung einer Frau als Mann gar nicht mal so viel Arbeit, gibt die Figur doch jede Menge an Substanz her, um damit einen Charakter lebendig werden zu lassen, der seiner Zeit weit voraus war, indem er weder eine Agenda verfolgt noch ihm der höhere Sinn für eine gesellschaftspolitische Aufgabe nahegelegen wäre. Das Vergehen dieser Rose, die als vermeintlicher Erbe eines Guts als Herr und Kriegsheld auftaucht, besteht wohl im Gerichtsfall eines Betrugs und der Dreistigkeit, die Rolle eines Mannes einzunehmen, um im Leben weitermachen zu können.

Eine Zeit lang hält der Schein, doch irgendwann braucht es nur eine Kleinigkeit, wie die Erzählerin dieser Geschichte festhält, um die Dinge neu zu ordnen. Und das Schicksal seiner Zeit und seiner Normen zu unterwerfen.

Historische Akkuratesse

Wie ein Film von Andrej Tarkovskij beginnt Schleinzers zarte Erzählung: rauchende Schlachtfelder, düstere Witterung über einem nach dreißig Jahren Krieg ausgezehrten Land – ganz so, wie Daniel Kehlmann die Welt in seinem bewundernswerten Roman Tyll umschreibt. Schleinzer verstärkt diese Stimmung allein dadurch, ihm jede Farbe zu nehmen – als gäbe es Fotos von damals, die diese weit mehr als 300 Jahre zurückliegenden Existenzen eingefangen haben.

Schleinzer hat von allen gelernt, vorrangig von Haneke und auch von Seidls strenger Tableauhaftigkeit. Formal ist Rose ein Meisterstück in Akkuratesse und Authentizität, was sich vor allem auch in der einfachen, lakonischen Sprachfärbung widerspiegelt. Genau so, denkt man sich, haben Menschen damals gesprochen. Der Plural in der Anrede gibt den Ausschlag. Hohe Hüte, wattierte Gambesons, Rüschenkrägen und Leinenhauben. Es ist schwer, sich sattzusehen in diesem erlesenen Bilderbuch, das aber nicht nur abbilden, sondern auch einiges ansprechen möchte, was das damalige Welt- und Rollenbild betrifft, um damit einen Bogen zu spannen in ein Jetzt, Hier und Heute, das mancherorts auf diesem Planeten nach wie vor die selbe Ordnung pflegt.

Feminismus ohne Revolte

Einen Diskurs spart Rose aber aus. Diesen Bogen spannt der Film auch nicht bewusst. Das Denken darüber mag dem Publikum obliegen. Ob es nun Analogien zum Heute zieht oder froh ist, dass diese Zeit vorbei ist: Ambitionen in diese Richtung hat Schleinzer nicht. Und er gönnt seiner selbstbewussten Heldin der individuellen Freiheit auch mit dem Medium Film keinerlei phantastisch anmutenden Lösungsweg. Rose ist nicht so wie The Bride! – Es lebe die BrautThe Housemaid – Wenn sie wüsste oder andere feministische Filme, die am Ende eine Frau setzen wollen, die sich gegen das Patriarchat durchsetzt. So viel Kinorealismus der österreichischen Schule hat Schleinzer intus, um nicht seine eigene, ernüchternde und historisch gefärbte Philosophie zu verraten.

Respekt und Zärtlichkeit statt visuelle Härte

Was er noch intus hat, ist die Kunst des Indirekten, des nur in den Worten oder in den Geräuschen bestehende Grauen. Eine Herangehensweise, die Ruzowitzky mit seinem Oscar-Film Die Fälscher schon gewählt hat. Rose hat vieles an Gewalt, Schmerz und Ungerechtigkeit zu bieten, dass es einen erschüttern kann. Doch Schleinzer schlachtet diese Umstände nicht aus, indem er sich an die Darstellung selbiger aufgeilt. Er macht daraus auch kein sensationslüsternes Betroffenheitskino, keinen Skandalfilm.

Die Wucht der Umschreibung, dass die Männer wieder mal gezeigt haben, „wer hier der Herr ist“, ist in seiner Nüchternheit scharfkantig genug. Die Gewalt an der Frau wird zum erschreckend gleichmütigen Alltag, das Blut und der Tod, nur Vorahnung und Erinnerung. Gerade deshalb lenkt nichts von Hüllers Darstellung der Rose, lenkt nichts von dieser kargen Opulenz eines Realismus ab, der melodischer und empfundener kaum sein kann.

Rose (2026)

Der Magier im Kreml (2025)

ERKLÄR‘ MIR RUSSLAND

6,5/10

 

Paul Dano im Politdrama Der Magier im Kreml von Olivier Assayas
© 2025 Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2025

REGIE: OLIVIER ASSAYAS

DREHBUCH: OLIVIER ASSAYAS, EMMANUEL CARRÈRE, NACH DEM ROMAN VON GIULIANO DA EMPOLI

KAMERA: YORICK LE SAUX

CAST: PAUL DANO, JUDE LAW, ALICIA VIKANDER, WILL KEEN, TOM STURRIDGE, JEFFREY WRIGHT U. A.

LÄNGE: 2 STD 36 MIN 



Ob Wladimir Wladimirowitsch Putin, im Film des Öfteren oder fast immer als „Der Zar“ bezeichnet, diesen Film schon gesehen hat? Er könnte die Sichtung dessen damit begründen, seine Kenntnis darüber ausbauen zu wollen, wie denn der Westen über Russland denkt. Nun, im Grunde weiß er das sowieso. Unterm Strich sind sie alle unfair, außer die FPÖ oder Trump. Oder Karin Kneissl. Weil der Westen wiederum selbst Russland als missratenen Staat empfindet. Wieso sollte er sich das also antun, weil die anderen sowieso und eh nichts wissen?

Die Macht der Macher

Der Magier im Kreml ist aber kein Schwerter schwingendes und scharfzüngiges Aggressionskino gegen das diktatorische Russland, dessen Führer gerne so sein möchte wie seinerzeit Stalin, mit diesem riesigen russischen Reich unter seiner Fuchtel. Dieses stille Drama, das sich lediglich in Worten und damit dokumentierten Berichten weiterbewegt als sonst wie, hat kein Interesse daran, auf irgendeine Weise zu hetzen. In nüchterner, analytischer Methodik arbeitet sich Filmemacher Olivier Assayas durch die literarische Vorlage des Schriftstellers und Politikwissenschafters Guiliano da Empoli, der augenscheinlich gewusst haben muss, wovon er in seinem Bestseller berichtet, nämlich von Struktur, Konzeption und die Umsetzung dessen, was man bekanntlich als autoritäre Machtausübung bezeichnet.

Als solch eine Aufdröselung diverser Mechanismen will Der Magier im Kreml gesehen werden, und dabei stellt sich wiederum die Frage, ob dieser Putin wohl, würde er den Film sehen, all die Methoden nachvollziehen, sich selbst und seinen Stab als entlarvt oder ertappt ansehen oder nur überheblich lächelnd das Ganze als naiven Versuch ansehen könnte, das Geheimnis hinter dem Machtmonster Russland herausfinden zu wollen. Ist das Werk also damit gescheitert oder nicht? Und wer ist überhaupt dieser Wadim Baranow, die rechte Hand Putins oder dessen Schatten?

Danos Figur gab es gar nicht

Es gibt ihn gar nicht. Und gab ihn auch nicht. Wenn es jemanden gab, der so ähnlich taktierte, dann war das Wladislaw Surkow, und tatsächlich wurde der auch als Zauberer bezeichnet, als dritter Mann im Staat. Aber Baranow, den gab es nicht. Nicht so, wie ihn Paul Dano darstellt. Womöglich deswegen, weil es vermutlich selbst für Autor Empoli unmöglich war, näheres über die Biografie dieses Mannes namens Surkow herauszufinden. Und bevor man sich anhören muss, schlecht recherchiert zu haben und sich damit in die Nesseln setzt, lässt man Surkow weg und erfindet eine gänzlich neue Figur.

Damit lässt sich auch besser erzählen, es lässt sich die politische Biografie dieses Machtmenschen Putin einfacher betrachten, wenn man mit einer Figur wie Baranow umgehen kann wie man will und diesen auch so platziert, dass er alles sehen kann, was hinter den Kremlmauern abgeht. Der Rest ist schließlich ohnehin Geschichte.

All die anderen gab es ja wirklich, auch diesen Oligarchen und Fernsehmogul Boris Beresowksi (famos: Will Keen) oder Dmitri Sidorow („Sandman“ Tom Sturridge) – zwei Machtmenschen, die man mittlerweile auch nicht mehr befragen kann. Der Verdacht auf politische Sterbehilfe kommt nicht von irgendwoher, denn Putins Machtapparat, das wissen wir aus den Nachrichten, kann, wenn er denn will, weit über die Staatsgrenzen hinaus noch nachwirken.

Schweigen ist silber, Reden ist gold

Kehren wir zurück zu Paul Dano, den Quentin Tarantino kurzzeitig irgendwie nicht leiden konnte, der aber hier, unter Olivier Assayas Regie, das pausbäckige Milchgesicht eines emotionslosen Denkers abgibt, der zweieinhalb Stunden durchgehend und obendrein den Erklärbären gibt. Da lohnt es sich wieder, Der Magier im Kreml in der synchronisierten Fassung zu sehen, sonst würde man, wie schon bei Haugeruds Oslo-Trilogie, an den Bildern vorbei die Untertitel begaffen, sofern man nicht perfekt Englisch versteht. So aber ist die angenehm kindliche und streichelweiche deutsche Übersetzung problemlos und auf längere Zeit hörbar, schließlich lässt sich ohne der Stimme aus dem Off der halbe Film nicht verstehen, sind all die Etappen der Laufbahn eines Putin in ihrer recht gleichförmigen Beschaffenheit kaum auseinanderzuhalten.

Für die nötige Abwechslung sorgt Alicia Vikander mit variablem Haircut, alle anderen ruhen in ihrem konsistenten Erscheinungsbild – und auch Jude Law, der die Herausforderung stemmen muss, weit jenseits einer aversiven Parodie den Mann bewusst vorurteilsfrei darzustellen, gelingt die reduzierte Annäherung mit lediglich einstudierter Mundpartie und schütter-blondem Haar.

Wenig Vodka, dafür Winter

Wie ein Film wie Der Magier im Kreml funktionieren kann, ausschließlich mit Dialogen, den Fokus starr auf die pulsierende Machtblase gerichtet, den Blickwinkel stets bei Paul Danos rezitierender Funktion belassend? Vielleicht ist die Beharrlichkeit in diesem Film genau das, was den Unterschied macht, was den eigenen Kopf anregt. Was das Unangreifbare zum kalkulierenden kleinen Menschen macht, der den Freibrief für alles ergattert. Assayas schafft einen speziellen Film zwischen McKays Vice und Oliver Stones Präsidentendramen, deutlich europäischer, samt Arthouse-Touch und unterkühltem Russlandwinter.

Der Magier im Kreml (2025)