Kraken – Erwachen der Tiefe (2026)

SALZIGE UMARMUNGEN

5/10


Sara Khorami duckt sich vor dem Kraken
© 2026 Splendid Film


LAND / JAHR: NORWEGEN 2026

REGIE: PÅL ØIE, SJUR AARTHUN

DREHBUCH: VILDE EIDE, NATASHA ARTHUR, KJERSTI HELEN RASMUSSEN

KAMERA / SCHNITT: SJUR AARTHUN

CAST: SARA KHORAMI, MIKKEL BRATT SILSET, INGVILD HOLTHE BYGDNES, ØYVIND BRANDTZÆG, JENNY EVENSEN, HANS MORTEN HANSEN, SILJE BREIVIK U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Zeig dich doch!

Monster nur peripher oder gar nicht vor die Kamera zu holen – nun, da hat Ridley Scott bewiesen, dass so etwas geht. Seine Alien-Kreatur sieht man im Original gerade mal ein paar Minuten, wenn überhaupt. Und dennoch ist dieses Wesen omnipräsent, obwohl man gar nicht mal so genau weiß, wie es aussieht. Hinter jeder Ecke hätte es lauern können, und ja, genau so wars dann auch. Übrig blieb nur Sigourney Weaver als legendäre Ripley, und erst im Showdown wird klar, womit man es eigentlich zu tun hat.

Ridley Scott ist das deswegen gelungen, weil er die Idee eines unberechenbaren Monsters im Kopf der Zuseher aufbauen konnte. In der Fantasie ist schließlich alles umso schrecklicher, je weniger man weiß. Auch Gareth Edwards konnte in seinem fulminanten Extraterrestric-Wildlife-Drama Monsters zeigen, wie sehr es gelingen kann, eine potenzielle Gefahr in der Geschichte alles, den ganzen Schauplatz, einfach nur durch die Möglichkeit, dass es sie gibt, durchdringen zu lassen.

Keine Ruh‘ hat man als Weichtier!

In Kraken von Pål Øie und Sjur Aarthun geschieht das nicht. Und das, obwohl man weiß, wie Kraken aussehen. Dieser Koloss von einem Weichtier schlummert inkognito im Sognefjord vor sich hin, keiner weiß wie lange schon, doch vermutlich ist diese Kreatur wahnsinnig alt, was die Vintage-Nachrichten zu  Beginn des Filmes belegen sollen. Da hat ein Bursche namens Olav Kryptozoologisches zu berichten – von seltsamem Nebel und einem monströsen Schatten.

Jahrzehnte später wird dieses Tier gestört – von einer Erfindung, die sich Sonic Lice nennt und als Schallwaffe die Lachse einer Zuchtfarm von Läusen freihalten soll. Schlecht justiert, lässt dieses Geräusch alle mögliche Meereslebewesen durchdrehen, auch den Koloss in der Tiefe, der die Dauerbeschallung satt hat und die acht Ärmel hochkrempelt, um Tabula Rasa zu machen. Die Belegschaft der Farm versucht, dem Kollateralschaden zu vertuschen, während Meeresbiologin Johanne der Gefahr relativ nahe kommt.

So fummeln Kraken

So richtig Schwung kommt nicht in die Sache, Lachsläuse hin oder her. Der Krake mag im Wasser lauern, fühlt sich aber nicht präsent an. An diesem Fjord spielt sich so einiges ab, auch Umweltschützer sind drauf und dran, diese Geräuschbojen zu sabotieren. Doch der Krake kann nicht so recht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Seine Arme können das noch weniger, auch wenn sie jeweils eigene kleine Gehirne haben. Irgendwann, und das erst sehr spät, stochern jede Menge schleimige Extremitäten die schiffsähnlichen Gänge der Fabrik entlang, Saugnäpfe hier, Saugnäpfe da, doch das große Ganze war den Filmemachern dann doch zu viel Aufwand.

Szenenweise können durchaus Assoziationen zu The Abyss oder Underwater – Es ist erwacht erweckt werden, der Monsterhorror zieht dann auch – auf die möglichst generische Art und Weise. Und ist mal kein dicker Fangarm im Weg, tun‘s gigantomanische Läuse dann auch. Sie muten an wie Pfeilschwanzkrebse, haben aber einen anderen Sinn von Humor als diese.

Die Natur und ihre Moral

Kraken – nicht zu verwechseln mit einem anderen Film gleichen Titels, und zwar einem russischen, in dem ein U-Boot gegen ein anderes dieser Kreatürchens kämpft, der aber noch weniger kann als die norwegische Ausgabe – bietet klassisches „Wir schaden der Natur – die Natur schlägt zurück“-Kino, wo immer einer oder eine im Ensemble längst alles besser weiß. Den Profitgeiern steht das Wasser höher als bis zum Hals, Mutter Erde ist eben moralisch. Und so ergötzt man sich zumindest ein paar Sekunden lang an einem Monster im Licht der Leuchtraketen. H. P. Lovecraft würde sagen: „Ein dicker, fetter Cthulhu“. Vielleicht ist er das ja auch, vielleicht aber ist es nur ein Prozent von den vielen, die zu den unbekannten Regionen dieser Weltmeere zählen.

Kraken – Erwachen der Tiefe (2026)

Die Odyssee (2026)

DIE PRAKTISCHE WUCHT DER MYTHEN

7/10

 

Matt Damon als Odysseus in Christopher Nolans Die Odyssee© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

DREHBUCH: CHRISTOPHER NOLAN, NACH DEM EPOS VON HOMER

KAMERA: HOYTE VAN HOYTEMA

CAST: MATT DAMON, TOM HOLLAND, ANNE HATHAWAY, ROBERT PATTINSON, HIMESH PATEL, CHARLIZE THERON, ZENDAYA, BENNY SAFDIE, LUPITA NYONG’O, JON BERNTHAL, JOHN LEGUIZAMO, ELLIOT PAGE, SAMANTHA MORTON, MIA GOTH, RYAN HURST, COREY HAWKINS, ANDREW HOWARD, JAMES REMAR, BILL IRWIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 52 MIN



Das Warten hat ein Ende – nicht nur für Penelope. Endlich ist er da, der neue Film von Christopher Nolan, der Hit des Sommers und der wohl am heißesten erwartete Film des Jahres, bevor noch die Avengers den Doomsday einläuten.

Dabei aber ist eines klar: Nolan ist niemand, der sein Publikum in erster Linie in den Eskapismus führen will. Seine Filme haben stets Gewicht – sind sie nun intellektuell herausfordernd wie Inception oder Tenet – oder historisch und gleichzeitig gegenwartsrelevant wie Oppenheimer oder Dunkirk.

Fast schon intim und doch riesengroß

Eines macht Nolan nicht, und zwar niemals: Blockbuster. Eventfilme. All das im herkömmlichen Sinn, durch Studios fremdbestimmt und durch die letzten Worte schlecht aufgelegter Sanktusgeber verwässert. Nolan ist ein Independent- oder gar ein Autorenfilmer. Sein neuestes Werk, Die Odyssee, frei nach Homers Epos, ist genau das: Arthouse – mit dem einzigen Unterschied zu anderen unabhängigen Arthouse-Filmen, dass diesmal ordentlich Budget zur Verfügung stand, und Nolan nicht daran denken musste, groß zu improvisieren, um Defizite wettzumachen.

Nolan kann sich zurücklehnen. Für seine Vision bekommt er, was er verlangt. Warum das so funktioniert, ist eine andere Frage. Fakt ist: Hier kehrt das Kino zu einer reaktionären und zugleich progressiven Art von „New Wave“ zurück – zu einem Neo-Neo-Realismus, der so wenig wie möglich mit den Bequemlichkeiten und der fehlenden Echtheit von Studioproduktionen zu tun haben will.

Ein Stoff, von dem wir alle was haben

Um das zu bekommen, mussten Nolan und sein Team wohl einen Stoff vorlegen, der diesen „New Wave“-Weg eigentlich erst rechtfertigt. Das funktioniert am besten mit alten Geschichten, die uns alle verbinden. Mit einem Epos, das in einer Zeit spielt, in der die Geschichte Amerikas lange noch in Europa liegt – wie eine Art Wiege, eine magische Identität, die die USA sonst vergeblich suchen würde und dabei in den Junk-Food-Beglückungen eines Percy Jackson-Abenteuers landen muss, in denen die griechische Götterwelt längst aus Europa auswandern und ins Exil hat müssen und der Olymp womöglich in New York liegt.

Und irgendwann bleib i dann dort…

Die Odyssee gibt einiges her. Gerade im Sommer, wenn das Schippern diverser Stars auf dem Mittelmeer Lust auf Griechenlandurlaub entfachen soll. So manche werden hoffen, dass sie, wenn sie schon nicht dort sind, zumindest ein paar Culture-Vibes aus dem Kinosaal als Souvenir mitnehmen können.

Den Wunsch erfüllt Nolans Version jedoch weniger. Keine exotische, liebliche, abenteuerlustige Mittelmeerkreuzfahrt. Sondern ein Apocalypse Now aus einer Zeit, die längst schon verklärt genug ist, um Schlachten wie die um Troja zu romantisieren.

Lieferengpass für Lotusblüten

Die ganze verdammte Reise des Odysseus, die in mosaikartiger Anordnung ähnlich wie in Homers Vorlage in das kollektive Gedächtnis des Publikums sickert und letztlich auch in den durch Kalypsos Lotusblüten umnebelten Geist des Protagonisten, lehnt den Tonus der feisten Helden-Apotheose strikt ab und schenkt dem listig-kreativen Krieger, dem Troja auch selbiges Pferd zu verdanken hat, einen psychologischen Irrweg der Reue und der Schmach.

Verfolgt von den Bildern eines brennenden und hingemetzelten Königreichs, treibt es ihn und seine Männer an wenig gastfreundliche Gestade – vom Zyklopen Polyphem über die kannibalischen Laistrygonen und der Zauberin Circe, die in einer völlig irren Body-Horror-Sequenz Odysseus‘ Kameraden in Schweine verwandelt, bis hin auf die Insel des Sonnengottes und seiner Kuhherde, an der sich kein Sterblicher vergreifen darf.

Einmal straffen und kürzen, bitte!

Nolan, der Homers Epos in der aktualisierten Version von Emily Wilson als Grundlage verwendet hat, nimmt sich so einige Freiheiten, die nicht dem klassischen Stoff, so wie wir ihn kennen, entsprechen möchten.

Zum Beispiel hier: Polyphem führt niemals einen Dialog mit Odysseus (schade um „Mein Name ist Niemand“). Circe wird im Grunde auf völlig andere Weise bezwungen und ein Floß, wie einst Tom Hanks in Castaway, baut Odysseus eigentlich auch nicht. Vielmehr stößt dieser nach seinem siebenjährigen Aufenthalt auf Kalypsos Insel auf Prinzessin Nausikaa, die ihn am Ende auch nach Ithaka bringt.

Zugegeben, Die Odyssee ist ordentlich Stoff, irgendwo muss Nolan auch kürzen, und irgendwo muss auch er seinen Schwerpunkt setzen, der beim Krieg, beim Verrat und bei einer abenteuerlich konnotierten Katharsis liegt. Da hat das Geplänkel mit dem Zyklopen keinen Platz, da ist Augenzwinkern nicht gefragt, da darf es durchaus bleischwer übers Meer gehen, denn auch die Antike war nichts, wohin man sich wünschen sollte, weil es da womöglich illustrer war.

Die Pflicht, Odysseus‘ Abenteuer abzuhaken

Mit dem Fokus auf den Krieg – am Ende, in einer schauspielerisch grandiosen, weil ruhigen und ausnahmsweise mal nicht wummernden Szene lässt Matt Damon, noch immer verkleidet als Bettler, vor Penelope die Schande mit dem Pferd nochmal Revue passieren – nimmt sich Nolan allerdings kaum Zeit, Odysseus‘ Abenteuer lustvoller zu feiern.

Diese werden, bis auf Kalypso (idealbesetzt: Charlize Theron) chronologisch geordnet, mehr abgehakt als ausgefochten. Kaum sind die Laistrygonen dran, sind sie auch schon weg. Viel mehr will sich Nolan mit Telemachos (blass: Tom Holland) auseinandersetzen, was ihm wieder die Wucht seiner Mythologie nimmt. Stattdessen poppt ab und an Zendaya als angebliche Athene auf – oder als begleitendes schlechtes Gewissen. Doch auch sie bleibt überraschend unscheinbar und maximal eine Fußnote.

Ein Filmdreh als Europareise

Weniger Querverweis, sondern der eigentliche Grund, warum man Nolans Odyssee sehen sollte, ist das streng auferlegte Credo der Authentizität und der exzessive Wille, alles, was nur möglich wäre, „on location“ gedreht zu haben.

Natürliches Licht, echtes Salzwasser, echte Schiffe; ein fast schon echter Polyphem und ein nahezu echtes Troja – Handwerk macht auch in der Welt des Films einen Unterschied. Schließlich fühlt es sich anders an, rauer, physischer, vom Ensemble einfach empfundener. Wenn mehrere Dutzend Statisten ein echtes trojanisches Pferd über den Strand ziehen, so ist das – mit all der Muskelraft, dem Schweiß und dem Sand – einfach geschehen.

Wenn Circes Schweine echte Schweine sind, das Wasser im Gesicht von Matt Damon tatsächlich das Mittelmeer, der dunkle Lavastrand, der den Hades markiert, auch wirklich Lava – so ist das epischer, auf spezielle Weise berührender Realismus, dem virtuell Erstelltes niemals entgegentreten kann. Der Unterschied ist schwer zu artikulieren, und daher eigentlich nur zu erfahren.

Audiovisuelle Stärken

Die Wucht der Bilder entsteht dann aus dieser Anforderung heraus: Wenn Zyklop Polyphem als gespenstischer Golem wie aus einer Zeichnung von Alfred Kubin im Gegenlicht des Höhleneingangs erscheint, wenn nur die Flammen des Feuers ihn erleuchten, dann sind das visuelle Interpretationen, die man so noch nicht gesehen hat. Mitunter ist diese Szene etwas ganz Besonderes, auch der Hades mit all den Toten oder Circes Zauber: düster und gespenstisch zwar, aber, ergänzt durch Ludwig Göranssons kreativem Score als Stimmungsmultiplikator, wegweisend gefilmt.

Gebändigte Impulsivität

So steht der visuelle Reiz gegen eine verpeilte Dramaturgie, die gerne impulsiver wäre, als sie eigentlich ist, stattdessen verblüffend rational und ernüchtert Odysseus Herausforderungen annimmt. Die Odyssee wirkt fast schon kontemplativ, weniger leidenschaftlich, obwohl die Bilder diese Leidenschaft ausleben möchten, es aufgrund einer verbissenen narrativen Vision aber einfach nicht können.

Matt Damon tut da sein bestes, er selbst verschwindet irgendwann hinter der Figur des Odysseus – und das, obwohl Matt Damon jeder kennt. Ist dieser Wendepunkt erreicht, ist das hohe Kunst. Auch Anne Hathaway ist stark, Robert Pattinson, fies wie noch niemals zuvor, ebenso. Und Elliot Page als Sinon muss wohl die bedauernswerteste Figur des ganzen Epos verkörpern.

Es lebe der praktische Realismus!

Was bleibt, unterm Strich? Nicht zwingend massentaugliches Independentkino mit Riesenbudget und großem ökologischem Fußabdruck, den Nolans Vision rechtfertigen will. Eine erstaunliche Optik, viele reise- und kriegsmüde Männer und ein Manifest auf den praktischen Realismus, der den computertechnologischen Bequemlichkeiten den Kampf ansagt. Bleibt nur die Frage, ob sich Die Odyssee vorrangig durch ihre Absichten und Ambitionen identifizieren will. Abgekoppelt von seiner Entstehung, ist der Film dann immer noch ein Meisterwerk?

Die Odyssee (2026)

Nightborn (2026)

WENN MUTTER UND KIND EIN BÄUMCHEN PFLANZEN

6/10

 

Seidi Haarla und Rupert Grint in Nightborn von Hanna Bergholm© 2026 Polyfilm / Crossing Europe

 

ORIGINALTITEL: YÖN LAPSI

LAND / JAHR: FINNLAND, LITAUEN, FRANKREICH, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: HANNA BERGHOLM

DREHBUCH: ILJA RAUTSI, HANNA BERGHOLM

KAMERA: PIETARI PELTOLA

CAST: SEIDI HAARLA, RUPERT GRINT, PAMELA TOLA, PIRKKO SAISIO, REBECCA LACEY, JOHN THOMSON, SILVIA SALORANTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN



Väter haben keine Ahnung davon, wie es ist, Mutter zu sein. Umgekehrt wiederum haben Mütter keine Ahnung, wie es ist, Vater zu sein. Dessen Bindung zum Kind ist weniger körperlich, denn Väter tragen ihren Nachwuchs auch nicht 9 Monate in ihrem Leib herum. Väter müssen in dieser Zeit auch nicht ein zweites Leben miternähren, kein Kind aus sich herauspressen und dann auf schmerzhafte Weise erfahren, wie es ist, den eigenen Körper als Nahrungsquelle zur Verfügung zu stellen. An gesunden Schlaf können Väter schon viel früher denken, um untertags wieder arbeiten zu gehen – Papamonat hin oder her.

Kleinkindpädagogik aus dem Wald

Dieses Überschreiten natürlicher Grenzen und das Aufgeben der eigenen Bedürfnisse für ein neues Leben – das hat vor zwei Jahren schon Amy Adams in der mysteriösen Horrorkomödie Nightbitch demonstriert. Auch hier der Vater nur einer, der leicht reden kann und vorne bis hinten nicht versteht, was die Mutterrolle für Entbehrungen verlangt. Hanna Bergholm geht einen ähnlichen Weg, entfernt sich aber von urbanen Gefilden und siedelt ihre wuchernde Reinigung von gesellschaftlichem Regelwerk, obwohl in Litauen gedreht, zumindest storytechnisch im finnischen Forst an.

Wer dort leben will? Mitunter könnte man dort, wo Saga und Jon sich ansiedeln, auf die Dauer mieselsüchtig werden. Auch ist der Wald ringsum kein einladendes Stück Natur, eher ein Gesamtbewusstsein mit seltsamem Eigenleben und knorrigen Bäumen, die so aussehen, als steckten in ihnen Dämonen, die gerne befreit werden wollen. Das Kind, das Saga auf die Welt bringt, würde dorthin ganz gut passen, weist es doch körperliche Anomalien auf, die sich auch noch im Verhalten widerspiegeln.

Der konstruktive Schrecken

Jede Mutter sollte die Möglichkeit, haben, eine für sie eigene, ideale Art der Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, die sich für beide Seiten richtig anfühlt. Diese Botschaft ist Hanna Bergholm ein Anliegen – und sie weiß: leicht wird es nicht. Der Weg dorthin ist hart, sie schickt Schauspielerin Seidi Haarla (großartig in Abteil Nr. 6) auf einen bizarren Weg, auf dem es keine Umkehr gibt. Die Natur spielt hierbei eine große Rolle, weiters Vermächtnis, Bestimmung und das Eingestehen selbiger.

Was Bergholm dabei gerne macht, ist, den Prozess der Entwicklung als einen Horror darzustellen, vor dem man eigentlich nicht flüchten sollte; der einem letzten Endes nicht schadet, sondern den es anzunehmen gilt, so schauerlich er auch sein mag. Mit ihrem Vorgängerfilm Hatching hat sie ähnliches getan: Das seltsame Ei, dass die junge Tinja im Wald findet, birgt einen zwar bedrohlichen, aber wichtigen Bestandteil auf dem Weg zum Erwachsenwerden. In Nightborn wiederum ist die Annahme und Akzeptanz auch des Rätselhaften im wahrsten Sinne des Wortes ein Stolperpfad über Wurzeln und zwischen Bäume. Es modert und wuchert, der Appetit nach Fleisch und Blut untermauert die Phrase „Mein Fleisch und Blut“ nochmal neu.

Die Mythen gehen Väter nichts an

Rupert Grint als Vater Jon bleibt da der Fremdkörper, als hätte dieser Teil der Familie nichts zu sagen – weil Väter, so die Prämisse, nicht verstehen, worauf es ankommt. In dieser Phase der Bindung sieht Bergholm für diese Rolle etwas ganz anderes vor, eine ganz andere Opferbereitschaft – und vereinigt dies mit nordeuropäischer Mythologie, über deren versteckte Existenz sich schon Ali Abbasi in Border seine Gedanken gemacht hat.

Schon sehr früh wird klar, was es mit diesem Nachtgeborenen auf sich hat, welches Geheimnis hier über allem schwebt wie ein düsteres Omen. Marielle Heller sucht in Nightbitch nach der archaischen Bedeutung von Mutterschaft genauso wie Bergholm. Nur Bergholm hat den Vorteil, die Natur noch viel deutlicher zu einem Verbündeten werden zu lassen, weg von der Zivilisiertheit.

Blutdurst und simple Symbolik

Was ihr dabei aber immer wieder in die Quere kommt, und ihr Vorhaben auch erschwert, ist eine allzu offensichtliche, simpel konnotierte Symbolsprache, die, oftmals aufgewärmt, selten fasziniert. Die unausweichliche Eskalation wäre in diesem Ausmaß entbehrlich gewesen, andererseits aber unterstreicht sie eingangs erwähnte Ambition, die Vaterrolle im Kontext einer kompromisslosen Natur zu hinterfragen.

Nightborn (2026)

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

WICKELKINDER DER ANDEREN ART

4/10


Natalie Grace als Mumie Katie in Lee Cronin's The Mummy
© 2026 Blumhouse / Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE & DREHBUCH: LEE CRONIN

KAMERA: DAVID GARBETT

CAST: JACK REYNOR, LAIA COSTA, MAY CALAMAWY, NATALIE GRACE, SHYLO MOLINA, BILLIE ROY, VERONICA FALCÓN, HAYAT KAMILLE, MAY ELGHETY U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN



Das alles wegen Ruhestörung

Was war nochmal gleich der Fluch des Pharao? Stimmt, die Sache mit Tut-Ench-Amun und die Aushebung seines Grabes. Wenn das bei uns wer macht, regnet es Anzeigen, damals aber, in den Pionierzeiten der archäologischen Feldforschung, war die Störung der Totenruhe wohl keine große Sache. Aus diesem Sakrileg hat sich ein gewisser Widerstand entwickelt, die Idee einer Bestrafung all jener, die hier rücksichtslos plünderten im Zeichen der Wissenschaft: Mumien erhoben sich aus geöffneten Sarkophagen und brachten Tod und Verderben mit sich.

Bei Boris Karloff (Die Mumie, 1932) hatte man noch das Glück, dass dieser eingetrocknete Pharao zumindest nur auf eine Gespielin für die Ewigkeit aus war, während Dwayne Johnson als Skorpion King (Die Mumie kehrt zurück) dann doch die Finsternis über ganze Landstriche bringen wollte und Sofia Boutella als tätowierte Revenge-Queen (Die Mumie, 2017) dem Genre so gut wie das Licht ausblies.

Rehydration eines Kultmonsters

Alle Hoffnung steckt nun in Lee Cronin – jenem Visionär, der ganz gut verstanden hat, wie man Sam Raimis garstige Dämonen aus Tanz der Teufel in die Gegenwart befördert: Evil Dead Rise war ein Knüller, bald folgt hier die Fortsetzung. Cronins Selbstbewusstsein hat dazu geführt, dass das Schicksal dieser angestaubten und nur schwer einer Frischzellenkur zu unterziehende Antagonist in dessen Hände gelegt werden sollte – unter der Bedingung, den ganzen Leinenbinden-Grusel sogar nach ihm zu benennen: Lee Cronin’s The Mummy.

Doch dieser Anstrich, der verwendet Farben, die früher vielleicht ganz in waren – zu Zeiten von Friedkins Der Exorzist oder Das Omen. Vielleicht hat Cronin seinen wütenden Teenager ein bisschen mit Puppe M3GAN verwechselt – oder beide kombiniert, um eine zweite Linda Blair ans Bett zu fesseln (was er dann nicht tut, warum auch immer), die aber, statt dem schleimspuckenden Mädel, vorher noch acht Jahre probeliegen durfte – in einem Sarkophag irgendwo im Südosten Ägyptens  und mit einem Dämonen intus, der sich psychosozial ordentlich reinsteigern würde, würde man ihn gewähren lassen.

Muterliebe ist die beste Medizin

Die Eltern der kleinen Katie, die in Kairo entführt wird, um eben besagte Zeit später wieder aufzutauchen – die ist ordentlich gezeichnet. Was niemanden daran hindert, genau nichts dafür zu unternehmen, damit diese traumatisierte junge Frau irgendwann auch wirklich wieder mit beiden Beinen im Leben stehen kann. Mutterliebe, so meint die Mama, muss reichen – was noch schlimmer klingt als die Prinzipien der Zeugen Jehovas, wenn ums Medizinische geht.

Dem Vater ist ohnehin alles egal – sogar ein satter, schleimiger Blutfleck im trauten Eigenheim, schließlich erinnert dieser an den Canterville Ghost, der wohl das kleinere Übel gewesen wäre als das wiedergefundene Töchterchen. Perfekt kombinierbar mit pubertären Verhaltens-Eskapaden, sollten ihre spukhaften Anwandlungen gar nicht mal so auffallen.

Logiklöcher als der Dämonen liebste Nahrungsquelle

Nun, sie tun es doch. Doch Mutterliebe reicht immer noch, kombiniert mit Vorhangschlössern, damit niemandem was passiert. Der zu Rate gezogene Historiker, die investigierende ägyptische Polizistin – sie alle versuchen zwar, zu erklären, was mit Katie nicht stimmt, doch die grobe Fahrlässigkeit in Sachen Nachwuchsgesundheit wird dadurch nicht abgemildert.

Wir wissen: In Horrorfilmen verhält sich auffallend oft niemand so wie im realen Leben, gäbe es Situationen wie diese. Als Publikum, nämlich aus dem realen Leben, ist man da schon tolerant geworden – doch irgendwann reißt auch hier der antike Leinenfaden, wenn alle ihre Pflichten vergessen oder Cronin selbst versucht, mit dekorativem Geisterbahn-Hokuspokus, der ganz plötzlich random erscheint, von seinen groben dramaturgischen Schnitzern abzulenken. Da ist die zahnlos grinsende Zombie-Oma Kukident-Werbetestimonial Nummer eins für alle Gruftis und Cronin selbst hoffnungslos daran gescheitert, von den abgedroschenen Evil Dead-Zutaten die Finger zu lassen.

Den Flow hat nur der Sandsturm

Lee Cronin’s The Mummy hat eine gute Grundidee. Der Mumie eben keinen Liebeskummer angedeihen zu lassen, sondern sie in einen familiären Drama-Kontext zu setzen, das passt. Allerdings bremst sich das narrative Konzept so ziemlich aus, weil es durch den Orts- und Szenenwechsel andauernd seinen Flow unterbricht und zwischen Okkult-Thriller und Besessenheitshorror keinen Rhythmus findet. In einer Szene sitzt Jack Reynor (Midsommar) wie betäubt vor dem Fernseher, nachdem ihm klar wird, was seiner Katie wiederfahren ist. Diese verzögerte Reaktion lässt sich schauspielerisch auch auf fast alle hier Beteiligten übertragen, denn niemand kann mit ihrer oder seiner Rolle wirklich viel anfangen. Nicht mal Natalie Grace findet ihre Spur, die sie anfangs erlangt zu haben scheint. Dadurch gerät ihr Spiel auch unfreiwillig komisch.

Ekelszenen sind einfach zu geil

Die Optik selbst hat ihren Reiz, schließlich vereint sie jene Stilmittel, mit denen Sam Raimi bei seinen Evil Dead-Filmen schon experimentiert hat (extreme Nahaufnahmen, Elemente im Vordergrund, andere weit hinten) – die flatternde Mumien-Megan am Ende wirkt fast schon wieder elegant und inspiriert mit Sicherheit den einen oder anderen Teenie fürs nächste Halloween-Outfit.

Unterm Strich aber bleibt Lee Cronin’s The Mummy mehr Frankenstein-Stückwerk als innovatives Dämonenszenario mit Hang zur Antike. Boris Karloff würde sich dabei wieder in seinen Sarkophag legen und auf eine spätere Reanimation warten, der Skorpion King seine verfütterten Skorpione bemitleiden. Ich selbst würde die selbe Grundprämisse vielleicht nochmal etwas anders umgesetzt sehen wollen – schlüssiger, plausibler. Und nicht so wild zusammengetragen, weil so bemüht, jede erdachte Ekelszene, die nicht mal neu ist, unterbringen zu wollen, einfach weil Cronin sie geil findet.

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

Omukade (2025)

DAS GROSSE KRABBELN

7/10


© 2025 Fatcat Studios


LAND / JAHR: THAILAND 2025

REGIE: CHALIT KRILEADMONGKON, PAKPHUM WONGJINDA

DREHBUCH: PAKPHUM WONGJINDA, METHUS SIRINAWIN

KAMERA: MANEERAT SRINAKARIN

CAST: NARILYA GULMONGKOLPECH, DAUNG, JAMES LAVER, YASAKA CHAISORN, HIDEKI NAGAYAMA, RYOTA OMI U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Was kreucht und fleucht denn da? Sagen wir: Jede Menge wäre dabei noch untertrieben. Denn Omukade liefert genau das, was Liebhaber des astreinen Insektenhorrors bei anderen, vielleicht schaumgebremsten Vertretern ihrer Art noch vermissen möchten. Hier bedrängt das parallele Krabbel-Universum eine uns bekannten Welt, die allerdings dort schon endet, wo das zum Freiwild erklärte, gesinnungsmäßig durchmischte Ensemble ihren ersten Schritt in die Finsternis eines Höhlensystems wagt, in dem, wie kann es anders sein, Gesetze herrschen, die man lieber niemals hätte lernen wollen.

Kriegswirren unter Tage

Was Ōmukade bedeutet? Nichts anderes als Riesentausendfüßler. Und das ist in diesem Fall auch nicht irgendeines dieser schmucken, sich schlängelnden Beinchenklopfer, sondern ein mythologisches Wesen, ein Terrorgeschöpf ersten Ranges, eine japanische Legende, auch genannt Yōkai, die sich aber warum auch immer in den Bergen Thailands eingenistet hat – vielleicht, weil es den Umtrieben der Japaner folgt, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ganz Thailand überrannt haben. Seit David Leans Klassiker Die Brücke am Kwai wissen Filminteressierte schon längst, dass Japan zu dieser Zeit drauf und dran war, ein ganzes Bahnnetz in die Landschaft zu stampfen, eben auch von Bangkok nach Burma. Es finden sich Szenen in dem Film, die tatsächlich an den Klassiker mit Alec Guinness erinnern, doch diese sind spärlich gesät, denn es dauert nicht lange, da geht es in die Tiefen kalksteinerner Kavernen, Gänge und Stollen, sprich: in eine Mine des Grauens.

Warum alle dort hinein flüchten, ist schnell erklärt, denn das Regieduo Chalit Krileadmongkon und Pakphum Wongjinda (die Namen muss man sich zum Glück nicht auswendig merken, es reicht, wenn man es irgendwann geschafft hat, zumindest Apichatpong Weerasethakul im Gedächtnis zu verankern) hält sich nicht lange mit narrativem Schnickschnack auf. Dafür, dass beide danach streben, so schnell als möglich ihr Creature-Feuerwerk zu zünden, gelingt ihnen trotz einer ganzen Menge an Figuren das inszenatorische Kunststück, relativ zügig für klare Verhältnisse zu sorgen. Es gibt die Japaner, es gibt die Zwangsarbeiter, es gibt die Rebellen, alles kleine Grüppchen, die sich alsbald und dank eines Bombenangriffs der Briten in einer ausweglosen Situation unter Tage befinden. Wir haben also Jäger und Gejagte in diesem spärlich erhellten Universum aus Stein, in dem es schon bald in allen dunklen Ecken und Nischen anfängt, geräuschvoll zu knacken, zu schmatzen, zu trippeln, wie es eben so trippelt, wenn zum Beispiel Kakerlaken in nicht ganz stubenreinen Etablissements irgendwo in den Tropen unter dem Bett fröhliche Urständ feiern. Diese Geräuschkulisse alleine erzeugt schon Unbehagen – und dann sind sie auch schon da, diese zarten Geschöpfe der Gattung Scolopender, die aber um einiges größer sind als gewohnt. Nun gut, sagt man sich, Anomalien wie diese können schon sein, noch ist alles im Bereich des Möglichen, doch auch das Unmögliche bedrängt sehr bald auf tricktechnisch ausgesuchte Weise die Physis gänzlich unvorbereiteter Zweibeiner. Es geht sogar so weit, dass die tierische Übergiffigkeit einen Effekt erzeugt, der John Carpenters Horrorschocker Das Ding aus einer anderen Welt alle Ehre macht.

Creature Horror ohne Reue

Doch während Kurt Russel im Schneetreiben der Antarktis Freund von Feind unterscheiden hat müssen, bleiben hier nur Taschenlampen, Fackeln und Feuer, um zu erkennen, zu welch monströsen Ausmaßen der Alptraum hier mutiert. Dabei wird wieder mal deutlich, wie sehr und wie gerne sämtliche Filmemacher Thailands ostasiatischen Mythen den roten Teppich ausrollen, wie sehr das Subgenre des Monsterslashers, gepaart mit genüsslichem Bodyhorror, das Publikum wohl stets erfreut. The Lake war 2022 die smarte Süßwasser-Version von Godzilla. Orang Ikan zum Beispiel verbeugte sich 2024 vor den Arbeiten eines Jack Arnold, der sein Fischwesen bekannterweise in den südamerikanischen Regenwald abtauchen hat lassen. Mit Creepy Crawly hat das eingangs erwähnte Regieduo bereits einen kuriosen Kreaturenwahnsinn vorgelegt, Omukade soll in diesem Fall als Prequel dieses Filmes herhalten, was aber nicht zwingend so gesehen werden muss, denn dieser hier funktioniert und steht ganz für sich alleine.

Erstaunlich sind vor allem die Effekte zwischen praktisch-analogem Design und wenigen digitalen Kniffen. Zusammengenommen und vermengt mit dem geschickt beleuchteten Setting gelingt der Eindruck eines niemals billig wirkenden Szenarios voller surrealer Schreckensmomente, die den oft überzeichnet aufspielenden Helden auf augenzwinkernde Weise so einiges abverlangen. Ein Spaß ist das, ohne Reue, ohne Hemmungen – ein richtiges Guilty Pleasure. Dabei ist das Abenteuer so schmissig erzählt, dass die Story hinter dem Wahnsinn geifernder Insekten-Zombies niemals auf der Strecke bleibt. Spannend bleibt es bis zum Schluss, vielleicht auch, weil myriaphobische Anwandlungen sogar jene heimsuchen, die bislang nie ein Problem damit hatten, einen Scolopender über ihre Hand laufen zu lassen. Igitt, wie eklig.

Omukade (2025)

Kazakh Scary Tales (2025)

KRABBELSPUREN IM STEPPENSAND

5/10


© 2025 Short Brothers


LAND / JAHR: KASACHSTAN 2025

REGIE / DREHBUCH: ADILKHAN YERZHANOV

KAMERA: YERKINBEK PTYRALIYEV

CAST: KUANTAI ABDIMADI, ANNA STARCHENKO, DINARA BAKTYBAYEVA, AZIZ BEISHENALIEV, SHAKH MURAT ORDABAYEV U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Man könnte ja meinen, man stehe in der kasachischen Steppenlandschaft, weit und breit kein Berg, und würde, sofern man den Rundumblick innehält, nichts auch nur annähernd übersehen, was vielleicht auf einen zukommen oder das monotone Landschaftsbild stören könnte. In dieser Steppe, in der mangelnder Regen das Gras verdorren lässt und der graue Staub zwischen den Zähnen knirscht, auch dann, wenn kein Wind weht; in dieser Steppe fühlt sich Filmemacher Adilkhan Yerzhanov wie zuhause. Schließlich ist es sein Land und es sind seine Bedingungen. Als Verfasser eines Manifests zum kasachischen Partisanenkino liegt dem Künstler wohl sehr daran, dem gängigen staatlichen Mainstreamfernsehen und auch dem ähnlich gelagerten, unverfänglichen und einlullenden Themenkino zu entsagen und stattdessen lieber, ohne jegliche staatliche Förderung, seine eigenen Visionen umzusetzen. Das mögen welche sein, die nicht allen schmecken, doch noch ist es nicht so weit wie im Iran, in dem Filmemacher eben längst nicht mehr mitteilen können, was auf deren Zunge brennt.

Dale Cooper und der Schamanismus

Yerzhanov, längst in der Branche bekannt, kann sich’s leisten. Er pfeift aufs Geld und auf den Einfluss von Behörden, die ausschließlich politisch, aber nicht künstlerisch und schon gar nicht progressiv denken. Er macht Filme wie zum Beispiel Steppenwolf – einen knallharten, dystopischen Actionthriller über eine Mutter auf der Suche nach ihrem Sohn. Begleitet wird sie dabei von einem Ex-Polizisten, der keine halben Sachen macht und gerne den Hammer schwingt. Yerzhanov macht aber auch Fernsehen, und dabei ist der Entwurf einer mehrteiligen, paranormalen Kriminalgeschichte entstanden, deren erste drei Folgen zu einem spielfilmlangen Triple-Feature zusammenmontiert wurden. Verschmolzen und neu geschnitten für die Leinwand, trägt das Konstrukt nun den Titel Kazakh Scary Tales – was ein bisschen nach Arbeitstitel klingt, allerdings aber auch ein gewisses Versprechen für Grusel und Horror gibt. Vor allem dann, wenn man weiß, womit der fantastische Reigen eigentlich beginnt. Denn dem Erscheinen des abgehalfterten Klischee-Kommissars aus der Stadt, der wie eine Mischung als FBI-Agent Dale Cooper aus Twin Peaks und Inspektor Columbo wirkt, gehen schockierende Todesfälle in einer Geburtsklinik voraus. Birzhan, so der Name des Polizisten, der samt Familie in die öde Provinz Kataras versetzt wurde, muss sich mit den lokalen Ordnungshütern herumschlagen, die überhaupt nicht bereit sind, dem übereifrigen Fremden unter die Arme zu greifen. Ganz im Gegenteil – die Fälle seltsamer Kindstode sollen lieber nicht weiter verfolgt werden, schließlich sind hier, und das weiß die unmotivierte Gruppe streitsüchtiger Polizisten, ganz andere Mächte im Spiel. Mächte, die nicht von dieser Welt sind. Zum Glück stößt Birzhan auf eine Hellseherin, einem Medium, das sich in der Mythologie des Ortes auskennt, und bald den Verdacht hegt, es könnte alles mit einem Fluch zu tun haben – dem Fluch von Albasty.

Fernsehen ist nicht gleich Kino

Zugegeben, das klingt alles sehr schön rätselhaft, auch skurril, man lernt Neues über Mythen aus einem Teil der Welt kennen, der sich in den Nachrichten rar macht. Der Einblick in die zentralasiatische Twilight-Zone beschert neuen Input für Liebhaber des Übernatürlichen, und mit Yerzhanovs Ambition, sowohl Kino als auch Fernsehen zu bedienen, mag das staubgeborene Wunderding eines horrorhaften, bizarren Thrillers eine sichere Bank sein. Letztlich aber entwickelt sich Kazakh Scary Tales zu einem nicht unanstrengenden, weil angestrengten Unterfangen. Dem Werk ist deutlich anzusehen, dass der narrative Aufbau deutlich den Regeln einer Fernsehserie folgt. Und wir wissen längst: Geschichten im Kino oder eben im Fernsehen zu erzählen – das sind zwei Paar Schuhe. Yerzhanov will alle zwei Paar anprobieren, letztlich passt nur jenes Paar für das Kleinformat daheim. Bei einer Serie kann sich die Geschichte Zeit lassen – vor allem dann, wenn nach drei Episoden noch längst nicht das Ende kommt. In Kazakh Scary Tales ist irgendwann des Rätsels Lösung zwar gefunden, öffnet aber weitere Türen in die Zwischenwelt, und ja, es wird klar, da kommt noch was.

So gesehen mag der Film eine gestreckte Pilotfolge sein, alleine, um Charaktere einzuführen und die Parameter erst einmal zu setzen, bevor man tiefer vordringt in das Unheilvolle dieser Provinz. Dabei entstehen, am Stück genossen, vertrödelte Nebensächlichkeiten, Entschleunigung dort, wo Yerzhanov dringender hätte vorwärtskommen sollen. Der absurde Witz, der an den im deutschen Sprachraum wohlbekannten österreichischen Ermittler Kottan von Peter Patzak erinnert, hat zwar sein eigenes Kolorit und verträgt sich gut mit dem Aberglauben und der Verschrobenheit der lokalen Bevölkerung, doch der Spannung tut das keinen Gefallen. Als Thriller plätschert Kazakh Scary Tales vor sich hin, bleibt selten am Punkt, verstrickt sich in kausalen Zusammenhängen, die den morbiden, wenig kinderfreundlichen Spuk nur noch mehr ausbremsen. Kompliziert erzählt ist also halb verloren, so reizvoll sich die Synopsis auch anhört, so eintönig zieht sie sich hin, passend zum grasbewachsenen Nirgendwo, in das man starren kann. Und vielleicht spielen die Sinne dabei ja Streiche. Doch das setzt nur bedingt versprochene Reize.

Kazakh Scary Tales (2025)

Nightbitch (2024)

EIN JAMMER MIT DER MAMA

4,5/10


nightbitch© 2024 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: MARIELLE HELLER

CAST: AMY ADAMS, SCOOT MCNAIRY, MARY HOLLAND, JESSICA HARPER, KERRY O’MALLEY, ZOE CHAO U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Das alles ist schneller vorbei als uns Eltern lieb ist: Kaum sind unsere Schützlinge auf der Welt, steuern sie der Abnabelung zu. Die Phase des Kleinkindalters fühlt sich zwar wie eine Ewigkeit an, doch rückblickend war es nur ein Moment voller Entbehrungen für einen guten Zweck, nämlich das, was man über alles liebt, für ein ungeschriebenes Leben vorzubereiten. Wenn es hochkommt, sind es nur ein paar Jahre, dann kann sich der kleine Knopf schon selbst orientieren. Es geht schließlich ums Gesamtpaket einer werdenden Persönlichkeit, da sind schlaflose Nächte und kaum eigene Freizeit nur etwas, das man fürs große Ganze opfert. In dieser Zeit – und gegen alle Bemühungen, die Rollen neu zu verteilen – ist nach wie vor das „Muttertier“ aus dem gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Leben vorübergehend ausgeschlossen, schließlich geht es rein biologisch betrachtet um die Arterhaltung der Spezies Mensch. Als solcher will man schließlich alles haben – Karriere, Freunde, Freizeit, und nebenbei ein Kind. Geht doch. Betreuungen sind ohnehin buchbar, wenn es das Budget erlaubt. Wozu hat man dann aber Kinder? Aus Prestigegründen? Um sich selbst zu beweisen, alles hinzubekommen? Oder, um sich dem natürlichen zweck des Daseins zu besinnen?

In einer immer noch und leider Gottes patriarchalen Gesellschaft, die mit Trumps Wahlsieg wohl wieder mal erstarken wird, ist die Frau immer noch jene, die ungefragt zuhause bleibt. Schließlich ist sie Mutter, und daher wichtiger fürs Kind? Eine falsche Prämisse, die Amy Adams als wochentags alleinerziehendes Paradebeispiel einer Frau am Rande der Selbstaufgabe langsam erkennt. Der in sich zerrissenen, ehemaligen Künstlerin wird auch klar, dass Selbstverwirklichung kein Thema mehr sein darf, dass Ich-AG, Selbstfürsorge und Interessenspflege erst dann zum Zug kommen, wenn die Familie mal durch ist. Das jedoch findet nie statt. Unzufriedenheit macht sich breit, trotz Liebe zum Nachwuchs. Mama muss sich neu orientieren, neu justieren. Dem Ehemann in seinen veralteten Ansichten zur Ressourcenverteilung mal ordentlich die Leviten lesen. Und das innere, urtümliche Muttertier entdecken, die Wahrheit hinter dem ganzen Dilemma, ein Kind großzuziehen.

Dass die Amis auch Filme machen können, die der deutschen Wohlstandskomödien-Kinowelt entsprungen sein könnten, beweist Marielle Heller (Can You Ever Forgive Me?) mit dem Mutterschafts-Lamento Nightbitch – dem letzten Film aus meiner persönlichen Viennale-Auswahl. Amy Adams tut dabei alles, um an den Rand der Erschöpfung zu gelangen. Natürlich ist es anstrengend, entbehrungsreich, eine Grenzerfahrung – und obendrein nicht neu. Nightbitch liefert Erkenntnisse, die an einen Werbefilm für elterliche Gleichberechtigung erinnern. Es darf auch mal Papa zuhause bleiben, wie wäre es mit Väterkarenz? Und so weiter und so fort. Inspirierend ist das nicht, inspirierend ist vielleicht in Ansätzen jene fantastische Ebene, die womöglich nur in den Vorstellungen von Amy Adams Figur existiert. Der Werwolf-Mythos stellt sich ein, ein dick aufgetragener, eher plumper Symbolismus für ein animalisches Gefühl, das Schwangerschaft, Entbindung und die ersten Jahre eines neuen Lebens umspannen, und das Frau nicht verdrängen sollte. Ist es also mütterliche Pflicht, sich selbst aufzugeben, um zum Muttertier zu werden? Was genau will Heller mit ihrer satirischen Komödie uns normalsterblichen Eltern mit auf den Weg geben?

Dass die Gebärende lediglich gebärt, während der Rest des ganzen Projekts auch auf das Vatertier übertragen werden kann? Die Zugänge zu gleich mehreren Ansätzen sind schulmeisterlich bis banal. Binsenweisheiten und eine missglückte Metaebene, die gleichzeitig Freiheit vor den Konventionen und Rückbesinnung auf die Urtümlichkeit bedeuten. Nightbitch kann als archaisches, aber haareraufend unschlüssiges Familienabenteuer mit herkömmlicher Problemstereotypie betrachtet werden. Der radikale Rundumschlag, die mutige Avantgarde, sie bleiben verwehrt. Vielleicht auch, weil der Film unbedingt will, dass das Publikum sich wiederfindet. Mehr als Themenkabarett ist das manchmal aber nicht.

Nightbitch (2024)

Exhuma (2024)

HEITE GROB MA TOTE AUS

5,5/10


Exhuma© 2024 Splendid Film


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2024

REGIE / DREHBUCH: JANG JAE-HYUN

CAST: KIM GO-EUN, CHOI MIN-SIK, LEE DO-HYUN, YOO HAE-JIN, JEON JIN-KI U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass kein einziger koreanischer Film jemals kürzer sein darf als zwei abendfüllende Stunden. Am liebsten sind Filme wie diese noch länger, am liebsten hängen sie noch eine halbe Stunde dran. Das bedeutet Sitzfleisch – und einen wachen Geist. Denn die Koreaner, die geben sich nicht damit ab, nur einen singulären Erzählstrang abzuarbeiten – mit anderen Worten: banales, simples Kino, das von Alpha bis Omega schön stringent seine Geschichte erzählt. Geradlinig darf sie sein, jedoch niemals nur eine Dimension besitzen. Da gibt es Meta-Ebenen und Stile, die sich gegenseitig übertrumpfen. Da gibt es Wendungen, Twists und kuriose Begebenheiten, kurzum: womöglich bleibt alles da, wo es drehbuchtechnisch sein soll. Andernorts hätte man schon das Publikum unterfordert und den Rotstift angesetzt, Passagen gestrichen und all die knackige Originalität eingekürzt. Eine Methode, wie es in der US-Filmbranche, zum Leidwesen eines unterschätzten und gähnend gelangweilten Publikums, immer wieder geschieht. Das stets geforderte koreanische Publikum indes ist schon von Kindesbeinen an mit Filmen großgeworden, die stets für Überraschung sorgen und keinen Publikumsparametern folgen wollen. Koreanisches Kino bleibt stets erfrischend. Bleibt immer anders. Und kann sich eben auch Filme wie Exhuma erlauben, die viel zu lange geraten, weil sie viel zu viel erzählen wollen.

Wenn man glaubt, bereits am Ende angelangt zu sein, ist schließlich erst eine Stunde verstrichen, was bedeutet, dass der vollgestopfte Schamanen-Thriller nicht mal noch Halbzeit erreicht hat. Dabei ist die Story schon erzählt, der Geist entfesselt, der Fluch getilgt. Nichts da – Regisseur Jang Jae-hyun weckt die Totenruhe nicht nur einmal, stört die metaphysische Ordnung im magischen Wäldchen auf ein neues. Bringt Unfrieden und will vom Bösen durchsetzte Grabstätten umbetten. Exhuma erzählt eine Menge, lässt beschwören, bekämpfen und besessen sein. Die zweieinhalb Stunden hängen sich rein.

Dabei ist es faszinierend, dabei zuzusehen, wie so ein schamanistisches Ritual abläuft, wenn tote Schweine aufgebahrt und eine bunt gewandete Spiritistin die Messer schwingt. Schließlich geht es darum, böse Mächte abzulenken, damit der schmuck verzierte Sarg des Ur-Patriarchen einer wohlhabenden koreanischen Familie, die längst in die Vereinigten Staaten ausgewandert ist, ausgehoben werden kann. Denn deren Opa, der spukt schließlich herum und belegt den jüngsten Spross seiner Dynastie mit Flüchen, quält die Lebendigen mit Alpträumen und stänkert so richtig auf paranormaler Existenzebene durch die Gegend. Feng-Shui-Meister Kim ist bei dieser Aktion alles andere als wohl bei der Sache, die beiden Schamanen Lee und Oh können den alten, erfahrenen Experten aber davon überzeugen, diesen Auftrag durchzuführen. Dass dabei noch ganz andere Mächte zurück ins Diesseits beordert werden, damit hätte wohl niemand gerechnet. Die Welt der Götter wird gestört, noch viel Älteres betritt die Bühne der Gegenwart, dessen Existenz bis in die Zeit der japanisch-koreanischen Kriege zurückreicht.

Das Ensemble der Spezialisten steht bald mit dem Rücken zur Wand, es geistert und spukt, das Phantastische ist Jang Jae-Hyun aber näher als der schreckgespenstische Horror. Hätte Neil Gaiman ein Austauschjahr in Südkorea verbracht und dort so manche seiner magischen Anderswelt-Geschichten geschrieben, er hätte Exhuma entwickeln können. Und obwohl hier kaum Leerlauf herrscht in diesem Abenteuer, es immer was zu tun gibt und niemand wirklich zum Durchatmen kommt – Exhuma ist ein anstrengendes, wie bereits erwähnt überlanges und unruhiges Werk, welches knapp vor Filmmitte seinen bisher so geschmeidigen Erzählfluss verliert. Was dann folgt, ist eine fast schon neu erzählte, ganz andere Geschichte, die mit der vorangegangenen nur noch wenig zu tun hat. Zwei Schamanen-Stories im Doppelpack? Nach einer Laufzeit von einer Stunde und fünf Minuten lässt sich der Rest des Films gut vertagen.

Exhuma (2024)

Wolfsnächte (2018)

SO FINSTER DIE WILDNIS

6,5/10


wolfsnaechte© 2018 A24 / Netflix


ORIGINALTITEL: HOLD THE DARK

LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: JEREMY SAULNIER

DREHBUCH: MACON BLAIR, NACH DEM ROMAN VON WILLIAM GIRALDI

CAST: JEFFREY WRIGHT, RILEY KEOUGH, ALEXANDER SKARSGÅRD, JAMES BADGE DALE, MACON BLAIR, JONATHAN WHITESELL, JULIAN BLACK ANTELOPE, ERIC KEENLEYSIDE, SAVONNA SPRACLIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Dass in den Wäldern Nordamerikas längst finstere Mächte ihre Spiele spielen und den vulnerablen Geist der den Gesetzen der Natur unterworfenen Bewohnern ordentlich zusetzen, ist nicht erst seit dem Mystery-Serienjuwel Twin Peaks bekannt. Dass Homo sapiens in der Einschicht des Waldes und der Wildnis zu Entsetzlichem fähig ist, durfte Burt Reynolds am eigenen Leib erfahren, da er unter John Boormans Regie beim Sterben der erste war. Im Fahrwasser dieser finsteren Backwood-Ausgeburten ächzen mittlerweile jede Menge geistige wie körperliche Missgeburten seelenquälend durchs Gehölz, auch das Necronomicon findet sich in einer Hütte im Wald. Es zu lesen, entfesselt nichts Gutes. In dieser Finsternis aus allerlei Abgründen und bedrohlicher Waldesruh darf man als Wanderer durch den Tann natürlich nicht vergessen, dass auch die lokale Tierwelt gerne mal zu Eskapaden neigt. In diesem Fall sind es Wölfe, und ja, Isegrim ist auch in Österreich wieder auf dem Vormarsch, sehr zum Leidwesen diverser Viehhöfe, die gar nicht mehr damit nachkommen, ihre Schafe und Lämmer zu Grabe zu tragen. Der Wolf tut dabei nur das, was er tun muss. Ihn abzuschießen, ist längerfristig wohl keine gute Lösung – es wäre wegen dem Arterhalt. Wenn sich dann aber – wie in Jeremy Saulniers Horrorthriller Wolfsnächte – der Wolf an einem Menschen vergreift, ist es Schluss mit lustig. Ein kleiner Junge wird vermisst, der Spross der sonderbaren Medora Sloane, die den Wolf-Experten Russel Core (Jeffrey Wright) inständig darum bittet, der Sache nachzugehen und ihren Jungen wiederzufinden, wurde er doch zuletzt beim Spielen am Fluss gesehen, um kurz darauf vom Erdboden verschluckt zu werden. Für Core ein sonderbarer Umstand, doch er erklärt sich bereit, den „Maneater“ aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Was er dabei entfesselt, sind eingangs erwähnte archaische Mächte, das Öffnen eines Tores in eine metaphysische Welt, in der Mensch und Tier plötzlich gar nicht mehr so verschieden sind, in welcher der Instinkt und nicht der Verstand über Taten entscheidet. Die überdies erschreckend sind.

Im Gegensatz zu Wolfsnächte sind The Grey mit Liam Neeson oder Mörderischer Vorsprung mit dem legendären Sidney Poitier ja fast schon wie winterliche Pauschalabenteuer. Jeremy Saulniers Verfilmung des Thrillers von William Giraldi ist zwar längst nicht so verspielt albtraumartig wie das, was in David Lynchs Kleinstädtchen Twin Peaks passiert, dafür aber sind die Bandagen um einiges fester angelegt – und konkreter. Alexander Skarsgård will dabei ähnlichen Schrecken verbreiten wie sein Bruder Bill als Pennywise. Dieser Vernon Sloane ist zwar nicht das Böse höchstselbst, dafür aber besessen von archaischen Dämonen. Und nicht nur er: Riley Keough, Enkelin von Elvis und Priscilla Presley, begegnet der feuchtkalten Winterstimmung Alaskas mit unheilvollen Maskenmotiven aus uralten indianischen Mythologien. Vieles ist finster und bedrohlich in dieser vollmundigen, phantastisch angehauchten Mystery. Und dennoch lässt die manische Überlegenheit – wenn nicht gar Überheblichkeit – der mit den Schattenseiten der Natur im Bunde stehenden Figuren eine gewisse Unzufriedenheit hochkommen. Demgegenüber steht die bedauernswerte Ohnmacht einer desillusionierten, mit allen Mitteln eine gewisse Ordnung gewährleistenden Provinz-Gesellschaft, die dem verheerenden Zynismus krimineller Ausgeburten wenig entgegensetzen kann. Man selbst als Zuseher fände das eine oder andere Mal weitaus effizientere Lösungen mit weniger Kollateralschäden, und die Gewissheit, es letztlich besser gemacht haben zu können, und verbunden mit der Wut auf diese Arroganz der Bösen, die glauben, mehr zu wissen als der Rest der Welt, bleibt die Faszination für diesen durchaus nihilistischen Düsterthriller endenwollend. Man würde sich wünschen, die Finsternis eines besseren zu belehren. Eine Sehnsucht, die leider nicht gestillt wird.

Wolfsnächte (2018)

There’s Something in the Barn (2023)

ZORN DER WICHTEL

5/10


TheresSomethingInTheBarn© 2023 capelight pictures


LAND / JAHR: NORWEGEN 2023

REGIE: MAGNUS MARTENS

DREHBUCH: ALEKSANDER KIRKWOOD BROWN

CAST: MARTIN STARR, AMRITA ACHARIA, KIRAN SHAH, ZOE WINTHER-HANSEN, TOWNES BRUNNER, CALLE HELLEVANG LARSEN, HENRIETTE STEENSTRUP, PAUL MONAGHAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Kurz vor Weihnachten ein neues Leben zu beginnen ist kein gut gewählter Zeitpunkt. Zu Weihnachten ist das Vertraute gerade recht, da will man’s gemütlich haben, will sich besinnen, und nicht die Zeit mit Unerwartetem verbringen, das plötzlich ins geerbte Haus schneit. Diese Unterkunft besaß einst der Onkel des nach Amerika ausgewanderten Bill (Martin Starr), der einem Brand in seiner Scheune zum Opfer fiel. Am Anfang des Films wird uns Zusehern sofort klar: Was da in dieser Bretterbude bereits den Oheim zur Weißglut trieb, soll auch der nächsten Generation zum Verhängnis werden. Irgendetwas ist da in der Scheune, so der übersetzte Titel dieser Horrorcomedy, die sich auf ganz gemütliche Weise den Mythen und Legenden Skandinaviens widmet und diese mit einem Home Invasion-Szenario in Verbindung bringt, welches wir alle aus den Gremlins-, Critters– und Zombie-Franchise kennen. Ob There’s Something in the Barn auf irgendeine Weise Althergebrachtes auf neue Wege bringt? Mitnichten.

Dieses neu erworbene Domizil samt Scheune liegt inmitten einer verschneiten Mutter Natur – etwas Schöneres kann man sich rund um Weihnachten gar nicht wünschen. So meinen es zumindest Mama und Papa – die pubertierende Teenager-Tochter sehnt sich nach dem urbanen Jet-Set und verbarrikadiert sich todunglücklich in ihrem Zimmer, der jüngere Sohn aber hat ein Händchen fürs Paranormale – und knüpft Kontakt mit einem wichtelartigen Elf, der in besagter Scheune haust. Mit etwas Geschick und Einfühlungsvermögen lassen sich Wesen wie diese leicht manipulieren und zu gutmütigen Heinzelmännchen abrichten – wenn man darauf achtet, gewisse Parameter einzuhalten. Natürlich geht das schief. Gerade zu Heiligabend, wenn Papa aufgrund eines misslungeneren Festtagsmenüs die vom Sohn vorbereitete Hafergrütze verputzt, die eigentlich für den Elf bestimmt war, setzt es statt Süßem eben Saures. Wie wütend Wichtel dabei werden können, ist bereits aus dem Märchen Schneeweißchen und Rosenrot bekannt, wenn der Bart einer ganz ähnlichen, zwergenähnlichen Gestalt im Stamm eines gefällten Baumes festhängt. So richtig rabiat wird auch dieser kleine Knilch hier, und wenn schon der Hass auf die undankbare Menschheit groß genug ist, lässt sich dieser auch mit anderen teilen. Es dauert nicht lange und mordlüstern schnaufende Zipfelmützenträger stürmen das traute Heim.

Bei den Gremlins wäre es ein leichtes gewesen, die kleine grüne Apokalypse aus schabernaktreibenden Langohren zu vermeiden. Auch in Magnus Martens alles anderen als stillen Nacht ist der Zorn der Wichtel nur der Quotient aus fehlendem Respekt und mangelnder Anpassungsfähigkeit in einem Land, in welchem manche Dinge eben anders laufen als in Übersee.

Exzentrische Fantasy, die mit dem Horror kokettiert und sich in das streng saisonale Genre des Weihnachtsfilms einschleicht, sind ein gefundenes Fressen für Leute, die der schönsten Zeit des Jahres gerne auch noch eine metaphysische Ebene abgewinnen wollen, die weniger mit Nächstenliebe und Familiensinn zu tun hat. Hier mag das nicht ganz ungerechte Finstere, das sich allerdings dazu bekennt, ohne Licht nicht zu existieren, mangelnde Tugend bestrafen, wie Knecht Ruprecht oder der gute alte Krampus. Des Menschen Gier, des Menschen Unachtsamkeit – sie sind die Beweggründe für manch Monströses aus missachteten Legenden, das die uns bekannte Realität heimsucht. Krampus zum Beispiel wird zum schneestöbernden Mindfuck, die skandinavische Weihnachtsgeschichte Rare Exports – einer meiner Lieblinge – lässt den Ur-Weihnachtsmann auf lakonische und schwarzhumorige Art und Weise von der Leine. Viel mehr gibt’s da eigentlich nicht, alles weitere gerät zu profaner Action. There’s Something in the Barn ergänzt zwar das Subgenre der sinistren Weihnachtsfantasy auf unmissverständliche Weise, bleibt aber hinter den Erwartungen zurück. Wichtel wüten zu lassen ist eine Sache – wie der Mensch darauf reagiert eine andere. So ist der Konflikt zwischen magischer und realer Welt zwar anfangs mit reichlich Suspense ausgestattet, meidet später aber die feine Klinge. In grobem Hickhack werden die Wichtel übers Feld geschickt, zähes Schauspiel und banale Drehbuchseiten lassen das gewisse Etwas vermissen. Als schales Wintergemetzel vielleicht brauchbar, die geliebten Deko-Elfen im eigenen Heim haben letztendlich aber mehr Seele als jene, die zum Hammer greifen.

There’s Something in the Barn (2023)