Rocketman

DURCH DIE ROSAROTE BRILLE

7/10

 

null© 2019 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: DEXTER FLETCHER

CAST: TARON EGERTON, JAMIE BELL, RICHARD MADDEN, BRYCE DALLAS HOWARD, STEVEN MACKINTOSH U. A.

 

Was haben Freddy Mercury und Elton John eigentlich gemeinsam? Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick sehr vieles. Ein unglaubliches, musikalisches Talent, das absolute Gehör und das Zeug zu einer Repräsentanz, die die Dimensionen einer One-Man-Show oft schon mal durchbrochen hat. Beide sind schwul, haben markanten Zahnwuchs und einen Hang zu exzentrischen Outfits, Elton John vorzugsweise Brillen und Mercury hautenge Trikots. Und noch etwas haben sie gemeinsam, man möchte meinen ein gemeinsames Leid, nämlich ihren Manager John Reid. In Bohemian Rhapsody durfte „Kleinfinger“ Aidan Gillen in die Rolle der profitgierigen rechten Hand seiner hörigen Superstars schlüpfen. In Rocketman darf das Richard Madden, ebenfalls aus Westeros übersiedelt, in die Welt der Biopics und der Aufs und Abs legendärer Bühnenkünstler, die sich durch die Schattenseiten des Ruhms nun mal durchwühlen müssen, mit all ihren sirenengleichen Versuchungen, die dann gottlob abendfüllend überwunden werden können.

Der Mensch ist für das permanente Reiten am Wellenkamm grundsätzlich nicht gemacht, das geht an die Substanz, und fordert folglich Substanzen, die das Defizit wettmachen sollen. Hinzu kommt mitunter elterliches Versagen aus der Kindheit wie bei Reginald Dwight der Fall, und fertig ist der Mix aus mangelnder Selbstliebe und die Sehnsucht, geliebt zu werden. Da bei einem Star meist nur die Fassade geliebt wird, ist sowas selten erfüllend. Elton John hat aber, wie man unlängst in Cannes gesehen hat, wirklich die Kurve gekriegt. Schön, sich sowas im Kino anzusehen. Denn das ist die lose Storyline, die quasi als straffes Libretto Dexter Fletchers Musical-Chartshow dramatisches Rückgrat verleiht. Womit wir wieder bei der nächsten Gemeinsamkeit mit Bohemian Rhapsody wären. Fletcher hat auch beim Oscar-geadelten Musikfilm der Queen-Band Hand angelegt, nachdem Bryan Singer aus uns bekannten Gründen gebeten wurde, das Handtuch zu werfen. Fletcher hat es aufgefangen, und die Sache zu einem guten Ende gebracht. Im Zuge dieses Erfolges, und da wohl nur der halbe Film unter seinen Fittichen stand, war etwas Ähnliches in der Art nur das Weiterführen einer gemähten Wiese. Wenn schon gerade warmgelaufen, muss man die Energie auch irgendwie weiter nutzen – für die Schicksalssymphonie eines kaum weniger kultisch verehrten Großmeisters der Pop-Komposition. Und da Dexter Fletcher diesmal von Anfang an dabei war, und die quirlige Leichtigkeit seiner Sportlerdramödie Eddie the Eagle weiteres in der Art verspricht, beginnen deshalb auch hier trotz aller Gemeinsamkeiten zum Queen-Film langsam Differenzen hochzusickern.

Während Bohemian Rhapsody als prosaisches Drama all seine fetzigen Ohrwürmer vom dargestellten Künstlerteam erarbeiten ließ und sie Teil des chronologischen Geschehens waren, baut Rocketman das musikalische Erbe Elton Johns als erzählerisches Mittel ein: Voila, wir haben ein Musical. Und was für eines. Natürlich, Ohrwurm-Bühnenshows sind schnelle Abkassierer, regelrechte Crowdpleaser, die das große Geld garantieren, und das auf sehr einfachem Weg. Da geht’s gar nicht um die Geschichte dahinter, da geht es um den Rhythmus und den Groove, und den schmachtenden Abnicken wohlbekanner Evergreens. Das war so bei Falco, beim We Will Rock You-Musical, bei Mamma Mia oder bei I am from Austria. Zuerst waren da die Songs, und das Drumherum bekommen wir schon hin. Das ist natürlich Instant-Kultur, wie das Aufgießen einer Päckchensuppe – aber den Leuten gefällt’s. Also darf und soll auch Rocketman das Gleiche tun. Nicht leiden, nicht Probleme wälzen, sondern gefällig aufspielen wie beim Crocodile Rock, wo alles, was keine Flügel hat, fliegt.

Fletchers Filmoperette ist eine schillernde Rampensau, und wie hier Drama mit Bühnenshow kombiniert wird, einfach virtuos. Taron Egerton, der seit Fletchers Eddie-Hommage nie mehr wieder so gut war, taumelt in erfolgstrunkenem Zustand vom luxuriösen Wohnzimmer auf die Bühne, vom Krankenhaus an den Flügel, vom Flanieren auf einer Party in seinen nächsten Song. Wie Egerton sie bringt, hat eine ganz eigene Färbung, ist nicht Elton Johns Timbre, aber das macht nichts, ganz im Gegenteil – so lernt man bekannte Melodien plötzlich neu kennen. Keine Szene, die nicht ein paar Takte seiner Stücke anspielt, und seien sie auch noch so unplugged, noch so verborgen zwischen den Textzeilen. Rocketman schippert ganz eindeutig im Erfolgsfahrwasser von Bohemian Rhapsody, legt seine Songs aber ganz anders auf. Sie sind wichtiger als der ganze biographische Rest, doch greifen sie umschmeichelnd auf Stationen eines Lebens zurück, die fast schon generisch sind für das Ruhm-Handling eines Weltstars. Elton John war dafür bestens geeignet.

Rocketman

Werk ohne Autor

VOM KLAGEN DER BILDER

7,5/10

 

werkohneautor© 2018 Walt Disney Company

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN 2018

REGIE: FLORIAN HENCKEL VON DONNERSMARCK

CAST: TOM SCHILLING, PAULA BEER, SEBASTIAN KOCH, SASKIA ROSENDAHL, OLIVER MASUCCI, LARS EIDINGER, BEN BECKER U. A.

 

Wo kein Richter, da kein Wohlgefallen: mit Florian Henckel von Donnersmarcks neuem und für den Auslands-Oscar nominierten, episch-biographischen Streifen hatte der Maler eingangs erwähnten Namens keine Freude. Warum? Nun, weil sich der Künstler in Werk ohne Autor ganz anders nennt – nämlich Kurt Barnert. Auf die Frage hin, warum denn von Donnersmarck nicht gleich und völlig aufrichtig Richter selbst erwähnt, gab es die Antwort, dass vorliegender Film lediglich eine Anlehnung an dessen Biografie sei, und nicht die Biografie selbst. Das allerdings macht vielleicht wütender als die Tatsache, das Kind nicht beim Namen nennen zu wollen. Denn Werk ohne Autor ist bis ins Detail und völlig offensichtlich sehr wohl die Biografie von Gerhard Richter. Selbst die Bilder sind inhaltlich ident, selbst Dresden als die Stadt, in welcher die Lebensgeschichte ihren Lauf nimmt, ist dieselbe. Somit ist das Drama eindeutig eine True Story, nichts Fiktives. Dafür aber trotz seiner sitzfleischfordernden Dauer von 3 Stunden so dermaßen straff und fesselnd inszeniert, dass diese wie im Flug vergehen. Dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts so punktgenau auf relevante Eckdaten heruntergestrichen wurde, dass man dennoch das Gefühl hat, die Zeit in all seinen Tagen vorüberziehen zu sehen. Das klingt, als wäre der Film epische Langeweile – mitnichten! Trotz der formalen Perfektion sind die unerwähnten Tage dazwischen Zwischenbilder im Kopf, scheinbar lückenlos, wie ein ganzes, volles Leben. In welchem viel passiert ist, viel Düsternis zwar, viel unbarmherziges Schicksal, aber auch die Chance, die Dinge in ihrem Zusammenhang zu begreifen, wie Barnert selbst sagt. Und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Was ist Wahrheit? oder besser gesagt – wie ist Wahrheit? Wahrheit ist schön, das sagt zumindest der künstlerisch hochbegabte Junge, dargestellt von Tom Schilling, der mit seiner Aussage gut und gerne einen Platz in Stefan Sagmeisters MAK-Ausstellung Beauty seinen Platz hätte finden sollen. Warum aber ist sie so schön? Schmerzt Wahrheit nicht viel mehr? Oder ist damit nur die Wahrheit der Kunst gemeint? Werk ohne Autor beginnt mit eben dieser – einer vermeintlich falschen Wahrheit, im Rahmen einer Kunstausstellung entarteter Schöpfer des Jahres 1937. Da waren die Maler der Brücke oder des Blauen Reiter künstlerische Missgeburten, verachtet und für krank befunden. Die Wahrheit ist hier auf das groteskeste verzerrt, und damit meine ich nicht die der Bilder, sondern das generische Gesetz eines faschistoiden Geschmacks. In dieser Welt wächst Kurt Barnert auf, ist sichtlich fasziniert von den entarteten Formen, die nur im Kopf geboren sind. Und von seiner Tante, die dem Jungen Weisheiten auf den Weg gibt, und ihn anhält, niemals wegzusehen. In Folge der Säuberung minderwertigen Lebens unter der NS-Herrschaft fällt auch die schizophren veranlagte Verwandte zum Opfer – durch die Hand des SS-Arztes Seeband, der darüber urteilt, was weiterleben darf und was nicht. Erschreckende Szenen, nicht zu begreifen. In seinem Grauen aber pietätvoll, soweit es geht, in Szene gesetzt. Der kleine Kurt ahnt all die Vorfälle, zieht sich zwar nicht zurück, aber verankert sich zusehends in seiner eigenen Realität, seiner Wahrheit, die eines Künstlers, der in einer gewissen Übersensibilität vermeint, mehr zu verstehen als andere, dafür aber nur spricht, wenn Bedarf besteht. Bis es allerdings soweit kommt, bis sich das Portal zum Ausdruck seiner Wahrheit öffnet, vergehen Jahre, Jahrzehnte, passieren seltsame Zufälle, die den Verdacht auf eine deterministische Welt schüren.

Die Wahrheit der Kunst ist die Prämisse von Donnersmarcks schillernden, bravourös erarbeiteten Film, in dem der künstlerische Umbruch der 60er Jahre mit sehr viel Affinität und Aufmerksamkeit nachgestellt ist. Die Kunstakademie Düsseldorf wird zum Schmelztiegel unterschiedlichster Weltsichten, nicht mehr unterdrückter Messages und schwer zugänglicher, befreiender Aufschreie. Hinsehen muss erstmal weniger der Kunstkonsumierende, sondern der Künstler selbst, der zu dieser Zeit den Krieg mit der Muttermilch mitbekommen und die Nachkriegszeit erlebt hat, eine Kindheit voller Entbehrung und Bitternis. Von diesen Umständen längst angewidert, müssen innere Wahrheiten ans Licht, und schwere Schuld getilgt werden. Zum Beispiel die Schuld eines Monsters in Weiß, das noch nach dem Krieg das Erbgut der Elite arisiert sehen will. Sebastian Koch legt als arroganter Übermensch eine beeindruckende schauspielerische Arbeit vor – so furchterregend rausgeputzt war rechthaberischer Trotz noch selten. Schilling aber, stets mit dem Blick aufs Wesentliche, findet in seiner Wahrheit jene dunkle des anderen. Und lässt Kunst entstehen, unscharf und verwaschen wie die Erinnerung. Doch was steckt dahinter, hinter all diesen Bildern? Vielleicht gar nichts, nur der Deckmantel des erkennenden Blickes. Keine Biografie, kein Trauma. Ist das zu wenig? Soll ein Künstler nicht sich selbst verarbeiten? Als man Samuel Beckett gefragt hat, was seine Werke eigentlich sollen, wusste er es selbst nicht. Auch David Lynch trägt wenig Erhellendes zu seiner Arbeit bei. In Werk ohne Autor hat das Werk letzten Endes tatsächlich keine Geschichte. Sondern nur die Geschichte des Betrachters, der sich ertappt fühlt.

Werk ohne Autor

Der Moment der Wahrheit

EIN KNÜLLER UM JEDEN PREIS

7,5/10

 

momentderwahrheit© 2015 SquareOne/Universum Film

 

LAND: USA, AUSTRALIEN 2015

REGIE: JAMES VANDERBILT

CAST: CATE BLANCHETT, ROBERT REDFORD, STACY KEACH, DENNIS QUAID, TOPHER GRACE, BRUCE GREENWOOD U. A.

 

Was ist Wahrheit? Das hat schon vor mehr als 2000 Jahren ein römischer Statthalter gefragt. Und das fragen sich Journalisten seit Anbeginn ihrer Zunft: Wem oder was genau jage ich nach? Die Wahrheit – das ist etwas, das ans Licht kommen muss, wie auch immer. Der Nazarener ist die Antwort auf die Frage schuldig geblieben. Jene, die gegenwärtig für Aufklärung unter uns Otto Normalverbrauchern sorgen, bemühen sich aber, sie zu beantworten. Und beschaffen sich diese mit teils unlauteren Mitteln, verheimlichen Quellen, um diese zu schützen. Kommen dann mit der Wahrheit ans Licht, wenn die Umstände es verlangen. Jüngstes Beispiel: Ibiza. Die Art und Weise, wie Gesagtes in kürzester Zeit zum meinungspolitischen Zitatenschatz wurde, ist selbstredend eine zweifelhafte. Wenn aber das prognostizierte öffentliche Interesse größer ist als das Vergehen bei der Wahl der Mittel, tritt letzteres in den Hintergrund. Vorausgesetzt, das, was diese Mittel ans Tageslicht befördern, ist authentisch genug, um keine Zweifel an der Wahrheit zu schüren. Das scheint den Pseudo-Oligarchen wohl gelungen zu sein, denn jene Medien, die Mitte Mai die Bombe haben platzen lassen, konnten sich, nach sorgfältiger Prüfung, auch beruhigt zurücklehnen, um die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Anderen wiederum war das heiße Eisen wohl zu heiß. Nicht dass sie es nicht angepackt hätten. Doch heißes Eisen kühlt rasch aus, brennt in der Hand, hinterlässt Wunden. Zu früh fallengelassen ist jedenfalls nicht probiert. Allerdings aber auch nicht zu Ende gedacht.

Diese anderen, das waren die Journalistinnen und Journalisten einer renommierten Nachrichtensendung bei CBS. Für die investigative Reporterin Mary Mapes, die mit ihrem Bericht über die Foltermethoden im irakischen Gefängnis Abu Grab 2004 für Aufsehen sorgte, nahmen mutmaßliche Hinweise schön langsam Gestalt an. Und: sie könnten Einfluss haben auf die bevorstehende Wiederwahl von Präsident Goerge W. Bush. Diese Hinweise deuten an, dass der politisch stets mit der Tür ins Haus fallende Texaner Anfang der 70er Jahre gezielt vom Militäreinsatz in Vietnam abgezogen wurde. Besser noch – Bush wurde der Nationalgarde unterstellt, unter Protektion wohlgemerkt. Konsequentes Nichtwahrnehmen seiner Pflicht wurde unter den Teppich gekehrt. einer wie Bush, der musste, wie es aussieht, schon damals so gut wie gar nichts. Die Frage: stimmt das? Ist das die Wahrheit? Zwei Memos belegen das – sofern sie echt sind. Eigentlich egal, raus damit, wenn die Quellen sich schon sicher sind, was braucht es da noch für Überprüfungen. Ein fahrlässiger Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Und ein Skandal, der plötzlich weite Kreise zieht, sogar alteingesessene Hasen wie Dan Rather (eine Art US-Armin Wolf) mit sich reißt und die berufliche Existenz so mancher gutmeinender Journalisten zerstört.

Der Moment der Wahrheit ist mit Robert Redford, Cate Blanchett und „Mike Hammer“ Stacy Keach schon mal prominent besetzt. James Vanderbilt hat ein Journalismus- und Mediendrama inszeniert, dass die Qualitäten eines Adam McKay erreicht. Wohl überlegt, nicht überhastet und geduldig rollt der Film eine Chronik der Tatsachen auf, die zwar jedweden Sarkasmus vermissen lassen, aber mit den Fakten alleine schon, und wenn sie auch noch so detailliert in die dramatisierte Version eines Skandals gestreut sind, zu fesseln weiß. Mag es nur ein hochgestelltes th sein, über das sich kritische Stimmen äußern. Mag es nur die Möglichkeit sein, die im Raum steht, dass besagte Beweislast politisch schöngefärbt ist – in diesem klugen Drama bekommt der Ehrenkodex des Journalismus fundamentzerstörerische Risse. Was darf man, was soll man, und wofür – stellt sich die Frage. Schlampigkeit ist fehl am Platz, Meinungsmache auch – und politische Mission sowieso. Aber wo ist die Grenze gezogen? Was ist richtig und was falsch? Zurückkommend auf Ibiza: in einem Moment der polemischen Euphorie bezeichnet unser Ex-Vizekanzler „Journalisten als die größten Huren unseres Planeten“. Mary Mapes und ihr Team wurden ähnlich beschimpft. In Der Moment der Wahrheit ist die Suche nah selbiger das Ziehen der Arschkarte, ist der Übereifer, dem Rest der Welt keine Tatsachen schuldig zu bleiben, das anscheinend Niederträchtigste, was es gibt. Allerdings – der Wille zum nächsten Knüller trägt die rosarote Brille des medialen Jagdinstinkts. Vanderbilt erzählt anhand dieses Beispiels von schwerwiegenden Fehlern, Gesichtsverlust und dem Ringen um Anstand. Blanchett gibt die verzweifelte, leidenschaftliche und unter Hochspannung stehende Reporterin gewohnt glaubwürdig, Redford an ihrer Seite gibt den letzten Schliff. In brisanten Zeiten wie diesen, wo Beeinflussung, (Neu)wahlkampf und politische Grabenkämpfe alles sind, ist die moralische Frage des journalistischen Auftrags dringender denn je. Dieser Film stellt sie, ohne Antworten finden zu wollen. Ohne ein Resümee zu ziehen. Dieses bleibt nämlich uns Sehern – und Wählern überlassen.

Der Moment der Wahrheit

Stan & Ollie

NICHT OHNE MEINEN BUDDY

5,5/10

 

Unit stills photography© 2019 SquareOne Entertainment / capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA, KANADA 2019

REGIE: JON S. BAIRD

CAST: STEVE COOGAN, JOHN C. REILLY, DANNY HUSTON, NINA ARIANDA, SHIRLEY HENDERSON U. A.

 

Es gibt Beziehungen, die sind in so heißem Feuer geschmiedet, da reichen weder familiäre Bindungen noch ein Ehegelübde heran. Sie sind sogar schon mehr als nur eine innige Freundschaft, das ist sogar schon so etwas wie eine Symbiose – eine Existenz, die nur doppelt gemoppelt gelebt werden kann. Im fiktionalen Kulturkreis findet sich da einiges, wie zum Beispiel Don Camillo und Peppone oder Asterix und Obelix. Oder könntet ihr euch Obelix ohne Asterix vorstellen? Oder umgekehrt? Fix ohne Foxi? Peterson ohne Findus? Dinge der Unmöglichkeit. Bud Spencer oder Terence Hill waren im Alleingang bei weitem nicht so gut. Genauso verhält es sich auch mit Stan Laurel und Oliver Hardy. Ihre Beziehung war genauso, nämlich die eines dynamischen Duos, das ohne den anderen niemals konnte und wenn doch, dann war das eine Schmach für beide. Stan & Ollie oder Dick & Doof, wie sie im deutschen Sprachraum auch hießen, waren nicht auseinanderzudividieren, waren wie Dean Martin & Jerry Lewis, Farkas & Waldbrunn und wie sie noch so alle hießen, diese Buddies, die sich ihre Pointen zuwarfen wie treffsichere Pässe beim Volleyball. Wo einer die Scherze auflegt, und der andere hineinsteigen muss. Das war wohl witzig damals, das war Slapstick mit Niveau, perfekt getimt und minutiös vorbereitet. Da saß jede Geste, jede Mimik. Sogar das Schälen von Eiern wurde zur Lachnummer. Das musste man können, so clownesk aufzutreten, dass es nicht peinlich wirkt, sondern pointiert und von lässiger Jovialität, trotz oder gerade wegen der hingebungsvoll nervenden Blicke von Oliver Hardy, der den achselzuckenden und kopfkraulenden Stan Laurel stets maßregeln musste, um kurzerhand Torten oder ähnliches ins Gesicht zu bekommen. Es lassen sich die Klassiker wie Die Wüstensöhne tatsächlich noch genießen – diese Nummernrevuen haben ein Kolorit und eine paraverbale Palette an komischer Performance, die heutzutage noch ihresgleichen sucht.

Und nun, da sind sie wieder, begleitet vom musikalischen Intro des Cuckoos Dance und nach einem Drehbuch von Jeff Pope (Oscarniminierung für Philomena), der die Fakten zu den letzten Dekaden des Komikerduos gewissenhaft zusammengetragen hat. Handverlesene Momente, hinter den Kulissen hervorgeholt. Was da zum Vorschein kam? Der Plan zu einem Film über Robin Hood. Veralbernd natürlich und aus der Feder von Stan Laurel, sowieso stets der Mastermind hinter dem Erfolg, wie Blitzgneisser Asterix, dem Obelix in blindem Vertrauen stets folgt. Nur – die Zeiten haben sich geändert, wir schreiben Anfang der 50er Jahre. Da fährt das Publikum doch eher auf die Eskapaden von Abbot & Costello ab, und weniger auf den lakonischen Fettnäpfchenreigen, wie sie Chaplin, Lloyd oder Keaton auch so an den Tag gelegt hatten. Die Investoren zieren sich, die Bühnenversion ihrer Filmsketches sind im Rahmen einer England-Tournee nur spärlich besucht. Und Ollie, der hat Knieprobleme. Beide aber können es nicht lassen. Sie müssen weitermachen, denn was wären sie ohne einander. Und ohne ihren Sinn für Humor, der die Massen doch bis jetzt begeistert hat. Alles hat aber ein Ende. Und irgendwann müssen auch die beiden ihre viel zu kleinen und zu großen Melonen an den Haken hängen.

Stan & Ollie ist ein wehmütiges Farewell für Fans und Kenner dieser Urgesteine aus einer längst vergangenen, analogen Ära. Steve Coogan und John C. Reilly sind phänomenal – nicht nur dass sie so aussehen wie die beiden darzustellenden Kindsköpfe. Sie bewegen sich auch genauso, haben dieselbe Mimik. Machen immer wieder mal vergessen, dass es sich hierbei gar nicht um die echten Stars handelt. Darüber hinaus aber bleibt das Porträt einer innigen künstlerischen Verbundenheit in schaumgebremster Zurückhaltung seltsam blass. Und das nicht wegen des grauen Schnauzers von Ollie. Sondern, weil das Abendrot ihres Erfolges nicht die ganze Geschichte ist – die ich aber gerne gesehen hätte. Der Film hebt zwar am Höhepunkt ihrer Karriere an, springt aber sofort 16 Jahre weiter. Was bleibt, ist ein Abgesang. Rührend zwar, aber verdünnt auf Spielfilmlänge. Reilly und Coogan legen sich ins Zeug, füllen mit ihren Konterfeis vorwiegend die Kamera aus und machen schon deutlich, was beide damals wirklich verbunden hat. Das hat als Psychogramm einer Freundschaft schon Hand und Fuß, leidet aber schnell unter Atemnot, wie Oliver Hardy, dessen Herz bald nicht mehr mitmacht. So ist das ganze biografische Fragment: langsam, irgendwie schwächelnd, wenn geht rastend. Das passt natürlich zum Befinden von Stan & Ollie, lässt aber deren unverwüstlichen komödiantischen Esprit der beiden auf Dauer vermissen, auch wenn die Vision eines letzten gemeinsamen Films wehmütig macht.

Stan & Ollie

The Favourite

A SHAME OF THRONES

7/10

 

favourite© 2018 20th Century Fox GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, IRLAND, USA 2018

REGIE: GIORGOS LANTHIMOS

CAST: OLIVIA COLMAN, RACHEL WEISZ, EMMA STONE, NICHOLAS HOULT, JOE ALWYN, MARK GATISS U. A.

 

Endlich, mein erster Film von Giorgos Lanthimos, dem exzentrischen Griechen, der mit seinen eigenwilligen Gesellschaftstableaus die Grenzen zum Surrealen sprengt. Dessen Filme man als Cineast eigentlich gesehen haben muss, oder nicht? Wenn, dann spätestens nach dem medialen Wind um das Historiendrama The Favourite, auch selbiger bei den Oscars 2019. Und Sprungbrett für die Britin Olivia Colman in den Olymp der Goldjungen, wo sie nun Platz nimmt neben Rami Malek, der bald James Bond-Bösewicht sein wird. Und Colman? Vielleicht die neue M? Wer weiß.

Lanthimos, der ist, zumindest seiner jüngsten Arbeit nach zu schließen, auch nicht exzentrischer als der gute alte Theaterbrite Peter Greenaway. Und ja, The Favourite erinnert stark an die Opulenz der Filme wie Das Wunder von Macon oder Der Kontrakt des Zeichners. Greenaway liebäugelte ja stets mit dem orgiastisch Dekorativen des Barock. Das macht Lanthimos auch. Und noch etwas macht Lanthimos, was aber Greenaway nie getan hat – er lässt die Kamera nicht dem Publikum gleich auf eine Bühne blicken, die maximal ausladende horizontale Schwenks erlaubt. In The Favourite orientiert sich Kamerafrau Robbie Ryan erstens an der zeitgeistigen Spielerei von Google Maps – nämlich am 380° Rundumblick, um mittendrin statt nur dabei zu sein. Und zweitens an der altniederländischen wie manieristischen Malkunst. Dieser Bildstil beschreibt nun ein sehr breites Spektrum – von der Gotik bis an die Schwelle des Barock. Dabei meine ich hier nicht den Stil an sich – vielmehr das Experiment mit dem erweiterten Blickwinkel – der Integration konvexer kleiner Spiegel. Der Flame Jan van Eyck hat sich hier erstmals, in manchen Details seiner Bilder, der Brennweite eines – wie wir heute sagen würden – „Fisheye“ bedient. Später dann, im besagten Manierismus, hat der Italiener Parmagianino mit seinem berühmten Selbstportrait in gewölbter Reflexion Kunstgeschichte geschrieben. Diese Wahl der Mittel, um in die Tiefe eines Bildes einzutauchen, die wählt auch Lanthimos. Und schafft damit eine aufgeblasene, kathedralenhohe, isolierte Sphäre elitärer Gesellschaften, die zwar wissen, dass Erbfolgekrieg herrscht, sich selbst aber davon ausnehmen.

Dieses ausschweifende, schwindelerregende Bilderkarussell mutiert durch seine unnatürlichen Raumkrümmungen und verzerrten Figuren, die allesamt als grotesk gepuderte Marionetten durch den Königshof staksen, zu einer Blickerevue durch Schlüssellöcher und ist für jene, die sich optisch gerne verwöhnen lassen, eine üppige Augenweide, ein brokatgetragenes, mitunter eiliges Scharwenzeln durch Flure, Gänge und Zimmer. Zwischendurch wird es finster, flackert maximal ein gegen die Dunkelheit des Intrigenspuks ankämpfendes Kerzenlicht, dass hinter den edelholzgetäfelten Wänden eine dunkle Dimension vermutet, fast wie bei David Lynch. Nur ins Metaphysische gleitet The Favourite niemals ab, das täuscht das Werk alleine durch seine Verfremdung gemäldeartigen Bilder vor, die das Buhlen zweier Damen zum Thema haben, die wie zwei Furchengängerinnen vor der Obrigkeit um den Thron buckeln, um einer scheinbar debilen und schwer an der Gicht leidenden Monarchin ihre eigenen Machtgelüste aufzuoktroyieren. Queen Anne selbst – die ist schwer traumatisiert, hat 17 Kinder verloren und statt ihrer genauso viele Kaninchen, die alle so heissen wie ihre verstorbenen Sprösslinge und tiertherapeutisch zumindest oberflächlich das Verlustgefühl etwas mildern. Dieser Kaninchenbau ist wie ein Sinnbild der Ränke, die hier geschmiedet werden, nur gerammelt wird nicht so viel, obwohl sexuelle Machtspiele hier trotzdem ihre Relevanz haben. Rachel Weisz als weiblicher Thomas Cromwell macht ihre Sache ausgesprochen gut, überhaupt war sie selten so perfide wie hier. Allerdings kann Emma Stone ihr da auf Auflagenhöhe den Gifttrunk reichen. Dadurch, dass sich beide scheinbar auf gleichem Level patt setzen, ist schwer absehbar, wie die königlichen Schandtaten rund um der Kaiserin gichtiger Waden ihr Ende finden – und macht das ganze Drama gleichsam spannend wie faszinierend, wenn auch das barocke Zeitalter etwas ist, das man nicht gerne erleben wollen würde, ob der ganzen ekelhaften Dekadenz, die irgendwann später wieder zum Absolutismus führen wird.

The Favourite ist ein Intrigenspiel, wenn auch kein allzu fein gewobenes. Viel zu früh wird mit offenen Karten gespielt, und viel zu sehr werden jene unterschätzt, die im wahrsten Sinne des Wortes das Zepter in der Hand halten – und diese Hand hat einen langen Arm, an dem jene baumeln, die glauben, all diese aufgerüschten Affen durch eigenes Zutun unter spartanischen Zupfgeräuschen oder pompösen Orgelklängenn zum Tanzen gebracht zu haben. Das ist schön seziert, wenn auch nicht so raffiniert wie gedacht. Dafür scheint die Optik mit uns selber als Mittelpunkt die Tauben abzuschießen. Die bis zum Platzen gedehnte Seifenblase mit endlosem Rundumblick, in der sich das an epischen Räumlichkeiten satte Anwesen der Königin befindet, schwebt über europäischer Geschichte dahin in eine wüste Zukunft. Das ist das wirklich Beeindruckende, diese fehlende Bodenhaftung von Film, die von einer nach Schwerelosigkeit gierenden, erschöpfenden Entwürdigung einer Königin erzählt.

The Favourite

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

ICH SEHE, WAS DU NICHT SIEHST

8/10

 

vangogh© 2019 DCM

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2019

REGIE: JULIAN SCHNABEL

CAST: WILLEM DAFOE, OSCAR ISAAC, EMANUELLE SEIGNER, MADS MIKKELSEN, RUPERT FRIEND, MATTHIEU AMALRIC U. A.

 

Der Maler Julian Schnabel, der sieht die Welt, wie wir wissen, ohnehin mit eigenen Augen. Wer seine Buchverfilmung Schmetterling & Taucherglocke gesehen hat, wird wissen, was ich meine. Die andere Sicht auf Dinge, die uns umgeben, die sind für den 68jährigen Filmemacher und Vertreter des Neoexpressionismus ein kryptisches Phänomen, das er versucht, zu lüften. Warum die Welt, in der wir leben, so unzählige unterschiedliche Realitäten besitzt und wie diese individuelle Realität am besten festgehalten werden kann – das sind experimentelle Versuche, in die sich Schnabel Hals über Kopf zu stürzen scheint. In seinem Film über den am Locked-In-Syndrom leidenden Jean-Dominique Bauby verweilt die Kamera stets oder immer wieder in der Perspektive des Erkrankten. Die Sicht auf die Existenz, auf das ihn Umgebende, die überrascht uns. Und sie überrascht uns auch in Schnabels aktuellem Film, in einer Biografie, die bei Weitem nicht neu ist: das Leben des Künstlers Vincent van Gogh, mitsamt Strohhut und Staffelei.

Zu diesem posthumen Superstar der Avantgarde mit all seinen Darstellungen diverser französischer Landschaften und natürlich mit Vasen voller Sonnenblumen gibt es bereits allerlei filmische Statements. Kirk Douglas hat den Mann verkörpert, Tim Roth – sogar Martin Scorsese. Und erst 2017 gab es diesen Animationsfilm Loving Vincent, der die Hintergründe seines gewaltsamen Todes (von welchem ich eigentlich gar nichts wusste) in Form bewegter Pinselstriche aufzuarbeiten versucht. Bis dato habe ich diesen Film noch auf meiner Liste, vielleicht, weil mich der dekorative Fokus auf den Bildstil des Künstlers in anstrengender Spielfilmlänge bislang doch etwas abgeschreckt hat. Womöglich werde ich das aber jetzt nachholen, einfach, um das etwas verschlafene  Interesse an der Kunstgeschichte wieder wachzurütteln, und um danach wieder mal ins Museum zu gehen, weil Lust auf Kunst, die entfacht Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit zumindest bei mir auf eine Weise, die über das gestaltete Werk an der Wand hinausgeht.

Die vorliegende Annäherung an Van Gogh erwähnt zwar sehr wohl all die einschneidenden Wendepunkte innerhalb der letzten Jahre des Malers, und ist handlungstechnisch klar als das Fragment einer Biografie zu betrachten. Allerdings – Schnabel will eigentlich etwas ganz anderes. Er hat sich den rothaarigen Visionär erwählt, um an einem ganz anderen Ende anzusetzen, um ein Philosophikum aus den Angeln zu heben, das all jenen Ichs gewidmet ist, die ihrer Zeit weit voraus waren. Schnabel wagt einen berauschenden Exkurs über das Wesen des Schöpferischen und geht anhand eines imaginären Interviews mit Vincent van Gogh der Frage nach, was dem obsessiven Akt des Erschaffens eines Werks eigentlich vorausgeht. Ist es eine labile Psyche, sind es Traumata? Ist es die Angst vor etwas? Vielleicht Kummer oder Leid? Van Gogh sagt in einer Szene selbst, das jedwede menschliche Qual das Beste sei, um Kunst zu schaffen. Dass Genesung etwas ist, dass dem Prozess des Kreativen eigentlich nur in die Quere kommen kann. Der ewig Leidende, larmoyante Fremdkörper innerhalb einer den impressionistischen Gefälligkeiten eines Renoir, Monet oder Degas gesinnten Gesellschaft steht Rede und Antwort, manchmal sich selbst, manchmal Künstlerkollegen wie Paul Gauguin, Doktoren und Geistlichen – über Tod, dem Göttlichen und der Wahrnehmung. Willem Dafoe verleiht dem Gehetzten und aus der Zeit Gefallenen eine entrückte wie bedrückende Intensität. Sein Blick verliert sich in der Weite der Landschaft, für Van Gogh die Schwelle zur Ewigkeit. Dafoe gibt sich trotzig, mutig, verschüchtert – und bleibt vor allem einsam und allein mit sich und seiner Fähigkeit, mehr zu sehen als andere. Eine schauspielerische Wucht ist das, diese fahrige Suche nach Nähe, der Julian Schnabel entgegenkommt – und wie selten in einer Künstlerbiografie das Publikum die alles ertragen müssenden Seufzer eines Außenseiters spüren lässt, dessen intime Zwiesprache gestört wird, die aber, so seltsam es klingt, gestört werden will.

Kameramann Benoît Delhomme folgt wie schon zuvor Janusz Kaminski den visuellen Ideen Schnabels auf Schritt und Tritt – das Auge trottet in stetiger Unruhe zwischen traumwandlerischer Ekstase und begreifen wollendem Wachzustand einem Drang hinterher, eins zu werden mit dem Natürlichen, um dann das Erlebte auf Leinwand und Papier zu bannen. Irrlichternd hetzt der Film über Äcker, Felder und durch verwachsene Wälder Richtung Sonne, findet maximal Ruhe in alten Gemäuern, die von früher erzählen oder Blackouts, und in denen sich ein Diskurs über das Wesen kreativer Kräfte in gehaltvollen Gleichnissen Bahn bricht. Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist eine cineastische Erfahrung, bereichernd, nachvollziehbar und glücklich verloren in den abstrakten Gedanken eines Genies.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Willkommen in Marwen

MINIMUNDUS FÜR DIE SEELE

6,5/10

 

Untitled Robert Zemeckis Project© 2019 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: ROBERT ZEMECKIS

CAST: STEVE CARRELL, LESLIE MANN, DIANE KRUGER, MERRITT WEVER, GWENDOLINE CHRISTIE, ELZA GONZÁLES U. A.

 

Einem Schulfreund von mir, dem ist ähnliches passiert. Wurde zu später Stunde an einer Imbissbude von seltsamen Typen bedrängt, die ihn auf einen Pfefferoni einladen wollten. Nach dankender Ablehnung dann eine wie aus heiterem Himmel ungebändigte Entladung hasserfüllter Aggression. Die Folge: Gesichtsfrakturen, Spitalsaufenthalt, Gerichtstermine und ein Trauma, das lange nachhält. Und überwunden werden kann, wenn man nicht allein bleibt. Therapie, Familie und Freunde, das alles kann vieles wieder gut machen, auf dem Weg zurück in den Alltag. Manch einer aber scheint so sehr zu verzweifeln, so sehr erniedrigt und gebrochen worden zu sein, dass die Erschaffung einer erdachten Reserve-Welt das einzig probate Mittel scheint. Wie bei Mark Hogencamp. Der ist einer, der war mal Illustrator mit begnadetem Talent. Und einer, der gerne Frauenschuhe trug, am liebsten High Heels. Genau weiß Hogencamp das auch nicht mehr. Aber was weiß er schon, oder besser gesagt was weiß er noch, nachdem ihm Neonazis auf offener Straße das Gedächtnis aus dem Kopf geprügelt haben. Kellnerin Wendy hat ihn dann gefunden. Und das Leben wurde ein anderes, ganz anders als zuvor.

Klingt fast ein bisschen nach In Sachen Henry. Wer sich noch erinnern kann – Harrison Ford wurde da zwar nicht halbtot geschlagen, allerdings wurde ihm in den Kopf geschossen. Willkommen in Marwen hätte eine ähnliche Leidens- und Genesungsgeschichte werden können – bewegt sich aber auf ganz anderen Pfaden und lässt sich nur bedingt mit Mike Nichols Drama vergleichen. Dieser tatsächlich existierende Hogencamp, der wusste zwar noch, wer er war, doch die feinmotorischen Skills für seine Arbeit, die waren dahin. Stattdessen hielten Furcht, Schmerz und Ohnmacht Einzug in das Leben einer wie ausgewechselten Persönlichkeit. Und irgendwann waren sie dann da: Puppen. So groß wie Barbies und meistens weiblich. Und jede von ihnen ein Äquivalent zu real existierenden Frauen, die nach besagtem Tag X an seiner Seite blieben. Letztendlich auch die neue Nachbarin, die rothaarige Nicol. Diese Puppen – die sind aber längst mehr als nur der Ausdruck einer Leidenschaft fürs Sammeln. Sie sind die Bewohner einer fiktiven belgischen Stadt namens Marwen zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Marwen – das setzt sich zusammen aus Mar für Mark und Wen für Wendy, seiner Lebensretterin. Bedroht wird die dörfliche Idylle im Vorgarten von gewaltbereiten, fiesen Nazi-Schergen, die ungefähr das platte sinistere Charisma der Schurken aus Inglourious Basterds haben. Wer in dieser erträumten und auf Foto gebannten Parallelwelt aber zuletzt lacht, lacht am besten – Marks letztes Fünkchen Widerstand in Gestalt des mutigen US-Piloten Captain Hogie, eine Art John Wayne als Beschützer seiner selbst und all der Bewohner Marwens. Und dieses Minimundus für die Seele, dieser schreinartige Kurort, der zieht sich bis in die eigenen vier Wände und dominiert Hogencamps ganzes Dasein.

Allerdings – und das ist ein wichtiger Unterschied – nicht auf eine Weise, die mit einer Flucht vor der Realität gleichkommt. In Filmen wie Pans Labyrinth, Sucker Punch oder Mirrormask suchen vorwiegend junge Mädchen in einer von ihnen erdachten Welt als inhärenter Teil die Lösung für ihr Problem. Ebenso in Sieben Minuten nach Mitternacht oder I Kill Giants interagieren die psychisch Leidenden mit Wesen, die nur in ihrer Vorstellung existieren. Oder sagen wir so – sie sind überzeugt davon, dass sie existieren, für den Moment, ohne diese Realität hinterfragen zu wollen. Mark Hogencamp betrachtet seine Welt stets von außen, er ist Fotograf, ein Beobachter, er erdenkt das Abenteuer, welches wir sehen, als normalen kreativen Prozess, wie jeder andere Künstler auch, der Geschichten erfindet, um erlittene Kränkung zu bannen und auf eine verfremdete, simplifizierte Weise wiederholt durchzuspielen.

Robert Zemeckis, Schöpfer von Klassikern wie Forrest Gump, kennt sich mit realen Schicksalen und Grenzgängern auf alle Fälle gut aus. Und er hat eine Vorliebe dafür, mit Motion Capture zu experimentieren. Die Legende von Beowulf oder der Weihnachtsfilm Der Polarexpress waren erste Pionierarbeiten auf diesem mittlerweile ums x-fache verfeinerten Gebiet der Charakter-Animation. Mit dem Fotokünstler Hogencamp hat Zemeckis die Biographie eines Menschen aufgegriffen, der seine Katharsis selbst gewählt hat und sich so therapieren konnte. Interessant auch, wie Zemeckis sich selbst zitiert, vor allem seinen Klassiker Zurück in die Zukunft, als Wunschtraum dafür, Geschehenes ungeschehen zu machen. Im Ganzen ist die True Story für ihr Genre ungewohnt bunt, dabei durchaus berührend und irgendwie kurios, aber niemals belächelnd. Ein kleines Psychodrama aus der Vorstadt, mit einem sagenhaft guten Steve Carrell, der wie ein Protagonist aus einer Episode von Elisabeth T. Spiras Alltagsgeschichten mit seinem dackelgroßen Jeep voller Figuren die Straße entlangstolpert. Das sind an sich sehr persönliche, verletzliche Momente, die das animierte Puppentheater, das irgendwann sogar die Realität durchdringt, wie einen schützenden Vorhang umgibt. Dieser Vorhang, der mag, kennt man die Hintergründe nicht, relativ dick aufgetragen sein und nicht dem Zweck entsprechen. Mit dem trashigen Miniaturdrama, dass sich parallel oder als Teil von Hogencamps Psychogramm abspielt, kann man sich entweder identifizieren, es verstehen oder fragwürdig finden. Doch der Weg zur Befreiung von den eigenen Dämonen muss nicht gefallen. Sondern vor allem eines: er muss heilen.

Willkommen in Marwen

Der Junge, der den Wind einfing

MACGYVER IM MAISFELD

7/10

 

The Boy Who Harnessed the Wind© 2019 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: CHIWETEL EJIOFOR

CAST: MAXWELL SIMBA, CHIWETEL EJIOFOR, AÏSSA MAÏGA, JOSEPH MARCELL U. A.

 

„Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!“ Und wen das nicht als Kind zum restlosen Vertilgen unliebsamer Speisen bewogen hat, musste mit dem Apell ans eigene Gewissen klarkommen: „Denk doch an die Kinder in Afrika“. Abgesehen davon, dass der Nachwuchs dort nichts davon gehabt hätte, hätten wir unser Essen wirklich aufgegessen (was das eine oder andere Mal sicher passiert ist), sensibilisiert die Relation zum eigenen Wohlstand erst dann, wenn die Konfrontation mit der Armut aus erster Hand passiert. Meist ist das weit weg von daheim. Während eines Individualurlaubs in Dritte-Welt-Länder, wenn der eigene Horizont erweitert werden will, wenn sich das Leben der anderen zur exotischen Erlebniswelt entfaltet. Wie verkennend, denn so erlebenswert ist sie nicht. Vielmehr ein Grenzgang, dessen skandalöser Umstand es ist, ihm überhaupt begegnen zu müssen. Die Welt ist, wie einem dann klar wird, eine ungerechte, in der Ressourcen ungleich verteilt worden sind. Plötzlich wird die Sicht auf das eigene kleine Leben zumindest für kurze Zeit nachhaltig globaler, Zusammenhänge verständlicher, der Unmut gegen das Establishment größer. Denen, die am Ende unserer Reisen zurückbleiben, könnte mit dieser Erkenntnis ja zumindest aus einem gewissenhaften Good Will heraus geholfen werden. Allen anderen müssen, so wie es aussieht, selber klarkommen. Und improvisieren. Oder mal anfangen, die Welt, in der sie leben, besser zu verstehen. Um sie besser zu nutzen. Ganz so wie seit Anbeginn der Menschheit.

Malawi, 2001: Der 13jährige William hat genau das vor. Denn das Wetter, das ist den Bewohnern des kleinen Dorfes Masitala und Umgebung nicht wirklich gewogen. Langanhaltender Regen überschwemmt das Land, und in der Trockenzeit wird wieder kaum ein Tropfen Feuchtigkeit für die Maisfelder verfügbar sein, die aber bares Geld wert sind. Und wer Geld hat, kann sich Essen kaufen und den Sohnemann in die Schule schicken, wissbegierig genug ist er ja. Und zum Glück für alle an der Nahrungsknappheit mitleidenden ist William jemand, der Zusammenhänge versteht, der sich inspirieren lässt und seines und das Schicksal der anderen selbst in die Hand nehmen wird. Anfänglich noch zum Missfallen des Vaters, welcher denkt, das Wunder einer guten Ernte noch mit Muskelarbeit herbeizuschwitzen. William gehört da schon einer anderen Generation an. Und ein schlaues Ingenieursköpfchen wie das eines MacGyver, das gibt es längst nicht nur im Fernsehen. Auf diese Ressourcen könnte ein jeder zurückgreifen, zumindest jeder, der eine gewisse Neugier besitzt und den Glauben, dass eigentlich alles möglich sein kann, dass der erste Schritt zu einem besseren Leben überall sein kann, auch unter der Erde. Das klingt jetzt makaber, stimmt allerdings. Denn William baut eine Pumpe für den Brunnen, angetrieben vom Wind, der unablässig weht, hier in den weiten Ebenen Südostafrikas.

Der Junge, der den Wind einfing ist die erste Regiearbeit des oscarnominierten Schauspielers Chwijetel Eijofor (12 Years a Slave) und gleichzeitig einer der geradlinigsten und erhellendsten Antworten auf die Frage, wie der Hunger in die Welt kommt – und wie man ihn schmälern kann. Nach dem Buch des echten William Kumbawake ist ein Film gelungen, der von Anfang an die Mechanismen und Umstände, die Hunger und Armut nach sich ziehen, konzentriert beobachtet, ohne aber in reißerische Betroffenheitsromantik abzugleiten. Ejofors Film ist sowohl emotional als auch nüchtern, edukativ, aber niemals belehrend. Firlefanz in Sachen Regie gibt es keinen, die Innovation steckt in der Geschichte. Der Regisseur hat hier kein statussymbolisches Ego-Werk gewollt, sondern ein herausposaunendes Anliegen verwirklicht, dass in seiner dramaturgischen Klarheit wirklich wert ist, gesehen zu werden. Vor allem auch, weil es letzten Endes keine Bad News sind, die uns erreichen, sondern Zuversicht, die ohnehin selten ins Kino findet. Vieles, was verfilmt wird, äußert seine Kritik an aktuellen Umständen mit der Vision eines Worst Case. Manifestiert sich das Gute aber als Tatsache, als die gute Nachricht, als einen Triumph menschlicher Anpassung, Improvisation und nachhaltiger Energie, erreicht es beim Publikum deutlich mehr und sollte nicht verschwiegen werden. Noch dazu könnte Der Junge, der den Wind einfing eine gewisse Begeisterung für Physik im Alltag wecken – wie seinerzeit MacGyver, allerdings mit dem bisschen mehr an globaler Relevanz.

Der Junge, der den Wind einfing

Der verlorene Sohn

SEELENGEISSELN MIT DEM BIBELGÜRTEL

6,5/1

 

BOY ERASED© 2018 Kyle Kaplan / Focus Features

 

ORIGINALTITEL: BOY ERASED

LAND: USA 2018

REGIE: JOEL EDGERTON

CAST: LUCAS HEDGES, NICOLE KIDMAN, RUSSEL CROWE, JOEL EDGERTON U. A.

 

Der liebe Gott will das alles gar nicht. Nicht diese Qual, nicht diese Verzweiflung. Menschen, die im mehrere Bundesstaaten umfassenden Biblebelt ihre Homosexualität entdecken, können sich glücklich schätzen, wenn es keiner merkt. Denn gleichgeschlechtliche Liebe, die ist im Südosten der USA etwas, das für all die anderen frommen Gläubigen nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Da muss die mittelalterliche Ahnung einer manipulativen Finsternis herhalten, die sich im Hexenwahn Europas und in der Manifestation des Teufels in den Dingen des Alltags schon Jahrhunderte zuvor austoben konnte, zum Leidwesen tausender unschuldiger Opfer. Erschreckend, dass sich diese Auslegung der heiligen Schrift im Pietismus der evangelikalen Kirche in zwar gesitteter, aber nicht weniger grausamen Form erhalten hat. Denn Homosexualität ist nichts, was den lieben Gott sauer aufstößt. Sondern Teil einer komplexen Biologie, die weder umgepolt, noch verdrängt, noch weggebetet werden kann.

Diese Erkenntnis hat der 19jährige Jared nach seinem Austreibungsseminar allerdings auch erlangt. Und noch etwas ist ihm klar geworden: Das die Reparativtherapie des bigotten (ebenfalls homosexuellen) Seminarleiters Victor Sykes nichts anderes als sektiererische Gehirnwäsche sein kann, in der Schwule und Lesben Sünden bekennen müssen, die sie bei Gott nicht getan haben. Schon wieder Gott, obwohl Vater unser in Joel Edgertons Film nur lediglich namentlich erwähnt wird – und sich ganz weit entfernt hat von Menschen, die die Weisheit mit dem letzten Abendmahl gegessen und keine Ahnung davon haben, wie das Wesen Mensch überhaupt funktioniert. Das sind auch die, die womöglich daran glauben, dass unsere Welt erst 6000 Jahre alt ist. So einem Schwachsinn sind junge Menschen wie Jared ausgeliefert. In Person des eigenen Vaters (schwerfällig: Russel Crowe), Victor Sykes und der Gesellschaft eines ahnungslos intoleranten Glaubens. Denn Glauben heißt doch nichts wissen. Und weiß man einmal mehr, ist man verdächtig. Jared, der fügt sich erstmal, macht gute Miene zum beschämenden Spiel. Und findet sich im Laufe des therapeutischen Programms in einem zermürbenden Umfeld aus Erniedrigung und den Abnötigungen absurder Geständnisse wieder. Und irgendwie, so erscheint es mir, gibt es Szenen in diesem auf wahren Begebenheiten beruhenden Drama, die mich an Stanley Kubricks Antikriegsfilm Full Metal Jacket erinnern. Auch in dieser seelenbrechenden Vorhölle haben Bestimmer jungen Menschen deren Identität geraubt – zwar nicht ihre sexuelle, aber sonst den ganzen Rest. Die Ideale, die nach diesem Flächenbrand zurückbleiben, sind jene, die zur erfolgreichen Vernichtung des anderen führen, und die bereits im Drill der Kadetten ihren Anfang nimmt. Da wie dort gibt es manche, die der psychischen Geißelung nicht standhalten können. Und bevor es zu spät ist, zieht Jared die Reißleine.

Joel Edgerton, der neben der Regie auch die Rolle des jovial-durchtriebenen Reparativtherapeuten übernommen hat, ist natürlich nicht ganz so gnadenlos perfide wie „Sergeant Hartmann“ R. Lee Ermey, aber jemand, dessen bekehrender Eifer Angst macht. Klar führt diese fragwürdige Indoktrinierung in einer Institution, die es nur gut für sich selbst meint, Erfolg maximal zur Leugnung von einem selbst. Das mitanzusehen, ist keine erquickende Bibelrunde zur Festigung der Gemeinde, und auch keine zwei Stunden entspannende Kinounterhaltung. Mit Der verlorene Sohn oder Boy Erased, wie der Film im Original heißt, arbeitet Edgerton Fakten auf, die Empörung fordern. Sein Film ist der erhellende Bildbericht eines Skandales, eine Reportage über verzweifelten Selbstverrat, über die Zensur der Freiheit, festgehalten in herbstlichen, fast ausgedörrten Bildern. Lucas Hedges, der mit Manchester by the Sea erstmals auf sich aufmerksam machte, bietet mit einer wieder mal famosen Nicole Kidman als hin und hergerissene, aber allen voran liebende Mutter überzeugende Schauspielkunst. In Rollen, die sicherlich nicht leicht zu interpretieren oder auszubalancieren sind. Die durchaus belasten können, wenn man beim Verstehen der filmischen Identität keine halben Sachen machen will.

Der verlorene Sohn bespricht ein Thema, das natürlich bereits vorhandenes, notwendiges Interesse voraussetzt. Das ungeschönte, allerdings aber auch hoch emotionale Drama ist ein sehr spezieller Film, der vor allem jenen, die sich ebenfalls die eigene sexuelle Orientierung verbieten, und zwar aus religiösen Gründen, etwas mitgeben können auf den Weg zu mehr Eigenakzeptanz und einem festeren Boden unter den Füßen.

Der verlorene Sohn

Die Berufung

WELT VERÄNDERN IN VIER MINUTEN

5/10

 

dieberufung© 2019 eOne Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: MIMI LEDER

CAST: FELICITY JONES, ARMIE HAMMER, KATHY BATES, SAM WATERSTON U. A.

 

Gäbe es keine Menschen wie Ruth Bader Ginsburg, wäre die Welt eine trostlose. Vor allem eine regressive, statische, undynamische. Eine, die den Dingen nachhängt, die immer schon waren, die bestehende Ordnungen und Parameter nicht hinterfragt, sich einfach nur auf gesprochenen Wörtern ausruht, die irgendwann mal, vor unsagbar langer Zeit, gesagt wurden, als unsere Ahnen noch ganz anders tickten. Den Wandel muss sich der Mensch bewusst machen – und als Teil des kollektiven Metabewusstseins akzeptieren. Evolutionstechnisch auf der Schokoladenseite, zumindest kognitiv, sollten sich im Rahmen unserer Aussichten Ansichten erneuern. Evolutionstheoretisch betrachtet, gibt es immer einige wenige, die das Körnchen Weisheit im Rahmen der selektiven Anpassung in sich tragen. Ähnlich wie in der Welt der Tiere, in der Einzelne als neue Spezialisten unbesetzte Nischen erschließen, damit Erfolg haben und ihr Erbe weitergeben. Das Erbe des Verstands, des Umdenkens und der Vernunft, das haben in der jüngeren Geschichte Menschen wie zum Beispiel Emmeline Pankhurst, Martin Luther King oder eben Ruth Bader Ginsburg weitergegeben. Gegenwärtig: ein 15jähriges Mädchen namens Herta Thunberg. Es ist dieses Streben nach dem Guten, das sich durch die Geschichte der Menschheit zieht, wie ein roter Faden, der manchmal hauchdünn erscheint und kurz davor ist zu zerreißen. Bei den Worten und Taten dieser Einzelnen wird der Faden wieder dicker, die Gesellschaft hellhöriger. Zumindest ein guter Teil davon. Und die anderen? Die werden irgendwann verschwinden. Bis es soweit kommt, sind sie aber noch ein Bollwerk, gegen das aufgestanden werden muss. Gegen das Ruth Bader Ginsburg aufgestanden ist.

Der unscheinbare Fall, mit dem die blitzgescheite und eloquente Juristin letztendlich berühmt geworden ist, wäre fast zu übersehen gewesen. Eine Steuersache, nicht der Rede wert. Eher ein Fall für Ginsburgs Gatten, der sich in Finanzdingen eigentlich besser auskennt. Wäre da nicht, wenn man genauer hinsieht, diese Sache mit dem Unterschied zwischen Männern und Frauen. Und interessanterweise ist Ginsburg Präzedenzfall einer, der nicht das weibliche, sondern das männliche Geschlecht benachteiligt. In wenigen Worten: Kein Pflegegeld für ledige Männer, die daheimbleiben, um die eigene Verwandtschaft zu pflegen anstatt arbeiten zu gehen. Absurd, hier zu differenzieren, impliziert es doch ein statisches Rollenbild, das so eigentlich nicht existieren sollte. Diese sture Gesetzgebung sagt Ginsburg, einer der wenigen weiblichen Juristinnen zu dieser Zeit, den Kampf an. Es ist ein Kampf mit Worten und Argumenten. Und gerade zur richtigen Zeit im Kino, in der Lohngleichheit, Me too! und familiärer Resourcenpoker zur Chefinnensache wird. Und das Ganze noch mit Premiere am Internationalen Frauentag.

Hollywood folgt, stärker als jede andere Filmnation, einem energischen Trend, der sich auf drei Schwerpunkte auffächert. Erstens das – zu Recht – schlechte Gewissen gegenüber der schwarzen Bevölkerung Amerikas, zweitens die Integration der Homosexuellen und drittens die Egalität der Frau. Gefühlt jeder zweite Film aus Übersee hat sich eines dieser drei Themen zur Brust genommen. Damit wird die Traumfabrik zum medien- und massentauglichen Gewissen auf der Leinwand, zum Trendsetter eines Umdenkens, das womöglich nur jene abholen wird, die die Behebung jener Missstände ohnehin unterstützen. Mimi Leder, mir bislang durch das Katastrophenspektakel Deep Impact ein Begriff, folgt nun des Filmemachers Verpflichtung zur Aufklärung und bringt Auszüge aus der Biographie der mittlerweile im Supreme Court tätigen Rechtspionierin auf die Leinwand, mit Felicity Jones in der Hauptrolle, in der Hoffnung, ein True-Story-Drama zu entfesseln, dass alle mitreißt und noch mehr motiviert, irgendetwas Gutes zu tun. Nun, das Streben nach dem Guten hatte ich schon vorher auf der Agenda, da ist Die Berufung nicht wirklich der Auslöser. Überhaupt ist Leders Inszenierung gleich einem Stapel durchaus brisanter Akten, aber letztendlich Akten, die ungeachtet ihres Inhalts eben Papierkram sind – und ähnlich trocken bemüht sich die Story, sich kinotauglicher Eigenschaften zu bedienen. Daraus wird nur bedingt etwas bewegendes. Das Justizdrama ist ein sehr sachlicher Film, und mischt sich relativ wenig in die Privatangelegenheiten der biographischen Figur ein, und wenn, dann nur am Rande, wenn es zum Beispiel um das Leiden von Ehemann und Vater Martin Ginsburg geht, gespielt von Armie Hammer, der seinen Part zwar in souveräner Eleganz, aber oberflächlich anlegt. Oberflächlich ist in diesem Film relativ viel und vor allem das, was die Essenz der Geschichte, nämlich die – sagen wir mal so – „vier Minuten Ruhm“ dramaturgisch notwendig auspolstern. Aber was hat es mit den vier Minuten auf sich? Das ist der Zeitrahmen, der Ruth Bader Ginsburg für das Schlusswort während des Berufungsprozesses noch zur Verfügung stehen, und welches den Stein für weitere Reformen überhaupt erst ins Rollen bringen wird. Das ist schon grandios, was der ehrgeizige Workaholic hier vollbracht zu haben scheint, und der ganze Film läuft auf diese vier Minuten zu, übereifrig und mit dem Blick nach vorne. Was man leider sehr deutlich merkt, nämlich, dass Mimi Leder handwerklich solide, aber nicht mehr, die ersten eineinhalb Stunden abdreht, um endlich dort anzukommen, wo Geschichte geschrieben wird. Felicity Jones macht dabei vieles richtig, müht sich aber, die darzustellende, öffentliche Person charakterlich einzuordnen.

Fast, und das ist für einen inhaltlich so relevanten wie brisanten Film nicht zwingend keine Auszeichnung, lässt sich der Gesetzesexegese fast noch besser lauschen als zusehen, weil die Qualität von Mimi Leders Hommage in der zitierten Rede und Antwort liegt, und nur eher bedingt ein großes Drama daraus macht.

Die Berufung