The Secret Agent (2025)

UND DER HAIFISCH, DER HAT ZÄHNE

7/10


© 2025 Port au Prince Pictures


ORIGINALTITEL: O AGENTE SECRETO

LAND / JAHR: BRASILIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: KLEBER MENDONÇA FILHO

KAMERA: EVGENIA ALEXANDROVA

CAST: WAGNER MOURA, MARIA FERNANDA CÂNDIDO, GABRIEL LEONE, CARLOS FRANCISCO, ALICE CARVALHO, ROBÈRIO DIÓGENES, HERMILA GUEDES, IGOR DE ARAÚJO, ÍTALO MARTINS, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Die Hai-Angst greift um sich, im Brasilien der Siebzigerjahre. Einmal in den lokalen Geschichtsbüchern geblättert, markiert diese Dekade die Epoche einer Militärdiktatur, die vehement gegen Liberale und linksgerichtete Denker vorging. Alles, was den politischen Dogmen von damals nur ansatzweise widersprochen und sich zumindest so angefühlt hat, als wäre revolutionäres Denken im Gange, war letzten Endes dazu verurteilt gewesen, beseitigt zu werden – sei es weggesperrt auf ewig, umgebracht und verscharrt oder nur ermordet und liegen gelassen. Viele blieben verschollen, und jene, die man fand, konnten nur schwer identifiziert werden, so als wären sie von einem Raubtier zerfleischt worden; von einem Räuber, einer unberechenbaren Bedrohung, die ohne Vorankündigung kurzen Prozess gemacht hat.

Spielbergs Sommerhit als symbolisches Trauma

Dieser Knorpelfisch wird zur Metapher für eine satirisch-tragikomische Parabel; für einen bisweilen schrägen Thriller, der die politische Geschichte Brasiliens völlig anders aufdröselt und nichts damit anfangen kann, als herkömmliches Betroffenheitskino seine Informationspflicht in der notwendigen Sachlichkeit, ergänzt durch routiniertes Drama, abzuarbeiten. In diesem monströsen Meerestier, gespickt mit rasiermesserscharfen Zähnen, steckt das Bein eines unbekannten menschlichen Opfers – mit diesem Mordfall schickt sich ein höchst ungewöhnlich konzipiertes Charakterdrama an, über eine Person zu erzählen, die, von Palme-Preisträger Wagner Moura verkörpert, als Universitätsprofessor Marcelo von den Häschern der Militärjunta in die Küstenstadt Recife flüchtet. Die Gegend ist für den Witwer Marcelo kein unbekanntes Terrain, leben dort doch seine Schwiegereltern und sein eigener kleiner Sohn, der panische Angst vor Haien hat, dabei aber unbedingt Spielbergs Weißen Hai sehen möchte – vielleicht, um das kleine Trauma loszuwerden, welches ihn plagt.

Den Opfern auf der Spur

So geistert der Hai und das Bein durch die scheinbar umständlich erzählte Chronologie eines Schicksals, das erst Jahrzehnte später – der Film macht zwischendurch immer wieder Zeitsprünge in die Gegenwart – von Geschichtsstudentinnen aufgearbeitet wird. Dabei sind beide – das Bein und der Hai – symbolische Bausteine, die für einen zerstörerischen Machtapparat stehen, der verbrannte Erde hinterlässt und es so unmöglich macht, das Ausmaß der Tragödien zu erfassen. Filmemacher Kleber Mendonça Filho, der mit seiner politischen Alien-Parabel Bacurau denkwürdiges brasilianisches Kino schuf, lässt surrealen Spuk auch hier, wenn auch deutlich dezenter, durch Recife geistern. Allein die erste Szene von The Secret Agent mutet an, als hätten wir es hier mit einem schwarzhumorigen, lakonischen Gaunerstück zu tun; als hätte einer wie Vince Gilligan (Breaking Bad, Better Call Saul) eine neue Spielwiese entdeckt. Letztlich aber ist Filhos Film bisweilen weniger originell als das episch-bizarre Seriendrama, das kein Auge trocken lässt. The Secret Agent lässt sich massig Zeit, beobachtet und sondiert zuerst, um dann erst spät die Karten auf den Tisch zu legen. Lange ahnt man nur, was hinter Marcelos Versteckspiel verborgen liegt – fast schon reduziert der Film seine Geschichte zu sehr auf indirekt stattfindende Wendungen. Mehr zur fiktiven Biografie wird diese tragische Geschichte, wunderlich und vielschichtig, während sich gegen Ende die Dinge überschlagen und der klassische Politthriller, wie er in den Siebzigern gern inszeniert wurde, findet seine Hommage.

Politthriller mal anders

Subtil und doch nicht, metaphysisch und gleichzeitig ernüchternd real: Filhos Mixtur ist bemerkenswert. Den Verdacht, hier ganz großes Kino aus Brasilien zu erleben, das falsche Erwartungen provoziert und gleichermaßen einen melodramatischen Film Noir darin einbettet, mag man hegen. The Secret Agent ist nicht leicht zu fassen, weil er fast schon als dynamischer Genre-Hybrid funktioniert. Mittendrin dann tatsächlich noch Udo Kiers letzte Rolle als gezeichneter jüdischer Holocaust-Überlebender, als Orakel einer politischen Sackgasse, in der er sich einst befand, und die nun Brasilien auf eigene Art variiert.

The Secret Agent (2025)

A House of Dynamite (2025)

19 MINUTEN BIS ZUM ENDE DER HOFFNUNG

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: KATHRYN BIGELOW

DREHBUCH: NOAH OPPENHEIM

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: REBECCA FERGUSON, IDRIS ELBA, GABRIEL BASSO, JARED HARRIS, TRACY LETTS, ANTHONY RAMOS, MOSES INGRAM, JONAH HAUER-KING, GRETA LEE, JASON CLARKE, BRIAN TEE, GBENGA AKINNAGBE, WILLA FITZGERALD, KAITLYN DEVER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn dem Piloten in einem Flugzeug angesichts heftiger Turbulenzen die beschwichtigenden Worte ausgehen, und das Flugpersonal die spaßbefreite Miene aufsetzt, wird auch dem geeichtesten Vielflieger langsam anders. Wenn bei jenen, die an den Hebeln der Welt sitzen, die Kinnlade gen Erdmittelpunkt drängt, und sie alle gemeinsam nicht glauben können, was sich ereignen wird, dann wird der Mensch ungeachtet seiner Karriere und seiner Machtkompetenz, seines Standes, seines Erfolges oder seiner Wichtigkeit zu einem Häufchen fluchtinstinktivem Etwas, das mit Christian Morgensterns Zitat „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ die Übersprungshandlung zelebriert. Schließlich bahnt sich in A House of Dynamite eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes an, die, sollte man sie nicht verhindern können, wohl die gesamten Vereinigten Staaten und überhaupt die ganze Welt um den Verstand bringen wird.

Nicht danach, sondern davor

Filme, die ein Schreckensszenario sezieren und mit der allgegenwärtigen Bedrohung eines Atomkriegs den Horror tief ins Gemüt der Zusehenden versenken, gibt es nicht erst seit The Day After – Der Tag danach. Das Endzeitdrama von Nicholas Meyer schildert die Nachwirkungen eines verheerenden Atomschlags. Auch der an die Nieren gehende Trickfilm Wenn der Wind weht schildert wie kaum ein anderes Werk die Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gegenüber einer irreversiblen Zerstörung, welche ein Atomschlag an sich und dessen Folgen auslösen kann. Kathryn Bigelow dreht nun in ihrem neuesten Werk den Spieß um und will dabei nicht auswalzen, was man ohnehin schon kennt. Ihr geht es darum, die Zeit davor zu schildern, nämlich nur 19 Minuten, bevor die Bombe einschlagen wird. Ihr Ziel: Chicago, eine Millionenmetropole. Keine Zeit, um irgendwen zu evakuieren. Kein Grund, Panik zu verbreiten, indem man die Bevölkerung davon unterrichtet, dass diese ausgelöscht werden wird. 19 Minuten – entschieden zu wenig Zeit, damit der Mensch als kognitiv denkendes Wesen das Drama in seiner Gesamtheit fassen kann.

Drehbuchautor Noah Oppenheim macht aus diesem furchtverbreitenden Notstand kurz vor dem Unmöglichen einen Episodenfilm und teilt diesen in drei Akte. So gesehen wäre A House of Dynamite, konzipiert als Dialogfilm an drei Orten, auch dafür geeignet, auf Bühnen zu reüssieren. Akt Eins findet im White House Situation Room statt – hier ringt Rebecca Ferguson um Fassung und versucht, das Richtige zu tun, während sie ihren Ehemann nochmal ans Telefon holen will und zeitgleich mit allen hohen Tieren der Regierung eine Videokonferenz abhält. Akt Zwei findet an einer Air Force Basis in Nebraska statt. Dort versucht man, die Langstreckenrakete unbekannter Herkunft abzufangen, bevor sie einschlägt. Der letzte Akt zeigt den Präsidenten, in diesem Fall, wie schon zuvor in der klamaukigen Actionkomödie Heads of State, Idris Elba, der herausfinden will, welche von den Staaten dieser Welt das Zeug, den Hass und den Willen dazu hat, die Welt aus ihren Angeln zu heben.

Wer es fassen kann, der fasse es

A House of Dynamite mag als weiteres toughes Meisterwerk einer akkuraten und stark auf militärische Themen fokussierten Filmemacherin gelten. Gesellschaft, Krieg, die Grenzen exekutierter Politik und selbige an sich sind Themen, die sie seit 2008, nach ihrem Erfolg mit The Hurt Locker über einen Us-Minenentschärfer im Irak, nicht mehr loslassen, schließlich gibt es aus diesem Dunstkreis eine Menge zu erzählen, und zwar nicht nur über beängstigende Szenarien, sondern vorwiegend über die Psyche jener Menschen, die in solchen Extremsituationen die Kontrolle behalten wollen: Jeremy Renners Figur ebendort, Jessica Chastain in Zero Dark Thirty oder John Boyega in Detroit. Nun aber ist A House of Dynamite ganz deutlich ein Ensemblestück mit vielen verschiedenen Charakteren, die alle Verantwortung tragen und in einem Umstand wie diesen bis zur völligen Überforderung an ihre Grenzen stoßen. Die Bildschirme alleine, die den Raketenflug zeigen; die Uhr, die tickt; der Nervenkrieg, der entsteht, wenn die Abfangraketen versuchen, ihr Ziel zu treffen: Statt reißerischer Action und einem ausladenden Katastrophensetting, das wohl Roland Emmerich gerne gesehen und umgesetzt hätte, ist A House of Dynamite reinste Reduktion, dafür aber so sehr Schauspielkino, dass das unvermeidliche Chaos bereits schon vorab in den Köpfen der Menschen ausbricht.

Bigelows Film ist ein seltener Hybrid zwischen Polit- und Psychothriller, ein beklemmendes Psychogramm der Ausweglosigkeit, der unterdrückten Panik und der Verdrängung des Unvermeidlichen. Ein Film, der mit allen expliziten Bildern der Welt niemals so nahe an die eigene Empfindung herandringen hätte können, als er es tut, indem er nichts zeigt, nur die völlige Fassungslosigkeit aller.

A House of Dynamite (2025)

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten (2025)

MATRIARCHIN DER NÄCHSTENLIEBE

7/10


© 2025 Vuelta Germany / Constantin Film Österreich


ORIGINALTITEL: MOTHER

LAND / JAHR: BELGIEN, DÄNEMARK, NORDMAZEDONIEN, SCHWEDEN, BOSNIEN UND HERZEGOWINA 2025

REGIE: TEONA STRUGAR MITEVSKA

DREHBUCH: TEONA STRUGAR MITEVSKA, GOCE SMILEVSKI, ELMA TATARAGIĆ

KAMERA: VIRGINIE SAINT-MARTIN

CAST: NOOMI RAPACE, SYLVIA HOEKS, NIKOLA RISTANOVSKI, EKIN CORAPCI, MARIJKE PINOY, LABINA MITEVSKA, AKSHAY KAPOOR, VALA NOREN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN 



Kein einziges Mal fällt in diesem biografischen Drama der Name Teresa. Stets wird die mit bürgerlichem Taufnamen genannte Agnes Gonxha Bojaxhiu als Mutter Oberin oder gar nur Mutter bezeichnet. Dementsprechend lässt Regisseurin Teona Strugar Mitevska, die mich mit ihrem feministischen Powerwerk Gott existiert, ihr Name ist Petrunya schwer beeindruckt hat, ihr neuestes Werk schlicht und einfach mit Mutter betiteln. Nur: Mutter verkauft sich an den Kinokassen ob seiner Austauschbarkeit so gut wie gar nicht, also muss es für ein gutes Marketing anders laufen. Mit Teresa kann schließlich eine jede und ein jeder etwas anfange, denn mit diesem Namen verbindet man schließlich eine einzige Person: den guten Menschen von Kalkutta, Mutter Teresa, von den Katholiken heiliggesprochen und oft als umgangssprachlicher Begriff dafür verwendet, wenn man einen Altruismus lebt, der über eine allvorweihnachtliche Pflichtbesinnung hinausgeht.

Ihr Gewissen allein wollte die mit 18 Jahren dem Loreto-Orden beigetretene Nonne nicht erleichtern. Vielleicht aber, so Teonar Strugar Mitevska, war es Mutter Teresa ja doch nur um die Verwirklichung ihres Selbst gegangen. Eine wagemutige Unterstellung, die in ihrem Film aber dennoch Einzug findet – zumindest als Zweifel, die Teresa herausfordern – kurz, bevor sie die Erlaubnis des Vatikan erhält, aus ihrem Orden auszutreten und einen eigenen, neuen zu gründen, den der Missionarinnen der Nächstenliebe. Von da an wird man sie im blauweißen Baumwollsari durch die Armenviertel Kalkuttas streifen sehen, doch bis dahin bleiben noch, so das Skript, sieben Tage Zeit, um das Innerste zu ordnen, einen neuen Fokus zu setzen und die Beweggründe des Handelns zu erforschen.

Sister Act mit Stromgitarre

Fans, Verehrerinnen und Verehrer der Heiligen, die im Alter von 87 Jahren verstarb, mag dieses unkonventionelle Machwerk gelinde gesagt sauer aufstoßen. Traditionalisten und Konservative werden schon gleich zu Beginn mit den wenig sakralen Klängen von Heavy Metal ihre Probleme haben. Doch Mitevska setzt den Kontrapunkt gleich am Anfang, um allen im Vorhinein klarzumachen: Das hier wird keine sentimentale Reise, kein melodramatisches Biopic mit Chorgesängen, geistig-kitschigem Herzjesu-Esprit und gefälliger Sichtweisen. Hier bricht der Film schon mal mit den Ordensregeln für einen Kirchenfilm, um dann noch mit Noomi Rapace als eben jener Ikone des Altruismus eins draufzusetzen. Die Schwedin entdeckt dabei einen ganz eigenen, harschen Zugang zu ihrer Figur. Sie zeigt sich stoisch, prinzipientreu, eifersüchtig, und fanatisch. Ohne Fanatismus würde eine derart extreme Lebensweise gar nicht funktionieren. In dieser starren und höchst sonderbaren Welt des Ordens hegt Teresa eine besondere Beziehung zu ihrer potenziellen Nachfolgerin als Mutter Oberin, der Polin Agnieszka. Die aber trägt bald ein Geheimnis unter ihrer Gewandung, was die Heilige von Kalkutta völlig vor den Kopf stößt – und sie dazu bringt, über sich selbst und ihr Tun nachzudenken, und darüber, welche Art Mutter sie überhaupt sein will.

Biografie als assoziatives Psychogramm

Mitevska hat sich bewusst keiner faktentreuen Biografie hingegeben – diese letzten sieben Tage von Teresa im Loreto-Konvent haben zwar einen tatsächlichen, grob verankerten Hintergrund, verstehen sich aber mehr als frei interpretiertes Psychodrama, das sich einer unantastbaren Ikone annähert, ohne diese aber zu diskreditieren. Der Blick in Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten fängt menschliche Fehler und Vorzüge ein, innere Konflikte und eigennützige Verhaltensweisen. Diese Vermenschlichung ist ein bewundernswertes Beispiel dafür, wie man sich durch die Hintertüre einem weit über die Person hinausgehenden Begriff annähern kann – was sonst, eben wie bei Mutter Teresa, ja fast gar nicht möglich wäre. Auf diese Weise hat aber Mitevska freie Hand – und entwirft mit Agnieszka – gespielt von Silvia Hoeks – einen fiktiven Sparringspartner des Glaubens, der Lebensentwürfe und Prinzipien. Das Hinterfragen nach der Verheiratung mit Gott ist ebenfalls Thema genauso wie der Grad der Hingabe an das Geistliche und dem Ausschluss allen Weltlichen warum auch immer, dem störenden Faktor eines möglichen eigenen Kindes und überhaupt der Fleischeslust. Teresa hätte die Möglichkeit gehabt, mit allem aufzuräumen. Doch sie tut es nicht, selbst gefangen im Konservativismus, und nur innerhalb einer Strenge, so glaubt sie, zur Nächstenliebe fähig.

Bildsprache aus Chaos und Ordnung

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten ist kein Film, in den man sich fallen lassen kann. Mit Ecken, Kanten und einem verwirrenden Tages-Countdown beobachtet dieser die emotionale Stasis einer inneren Dysbalance, die zwar keine nennenswerte Handlung offenbart, aber mit symbolträchtigen Bildern, kargen Settings und wie schon erwähnt irritierend kontraindizierten Klängen die Anti-Heiligenverehrung liefert, ohne Respekt vermissen zu lassen. Erwähnenswert auch die teils schwindelerregend mobile und dann wieder statische Kameraführung, die auf intuitive Weise den emotionalen Zuständen der Protagonisten entspricht. Freunde macht sich Mitevskas Film in Glaubenskreisen keine – für Agnostiker und jene, die bereit sind, Persönlichkeiten wie diese aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, ein inspirierender filmischer Ausflug in selten betretenes Terrain.

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten (2025)

Das Verschwinden des Josef Mengele (2025)

WIE DAS BÖSE DIE WELT SIEHT

8/10


© 2025 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2025

REGIE: KIRILL SREBRENNIKOW

DREHBUCH: KIRILL SEREBRENNIKOW, NACH DEM ROMAN VON OLIVIER GUEZ

KAMERA: VLADISLAV OPELYANTS

CAST: AUGUST DIEHL, MAX BRETSCHNEIDER, DANA HERFURTH, FRIEDERIKE BECHT, MIRCO KREIBICH, DAVID RULAND, ANNAMÁRIA LÁNG, TILO WERNER, BURGHART KLAUSSNER U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Muss man, will man, kann man denn überhaupt einen Film über einen bösen Menschen ansehen? An dieser Stelle wäre es angebracht, über die Begrifflichkeit des Schlechten nachzudenken. Das Böse, so möchte man meinen, existiert, ohne dass es in dem Moment, indem es sich offenbart, weiß, dass es das tut. Reue nennt sich der Effekt, wenn sich das Böse selbst erkennt. Umso erschreckender, wenn es das nicht tut – wenn diese Finsternis auf ewig glaubt, sie wäre strahlend hell wie die Sonne. Das ist dann das inhärente Destruktive einer globalen Gesellschaft, das unter unsagbarer Anstrengung Tag für Tag klein gehalten werden muss, wenn es schon nicht zur Gänze getilgt werden kann. Ist das nicht dieser ewige Kampf des Guten gegen das Böse, dieses oft zitierte Yin und Yang? Ist diese Balance nicht essenziell für die Existenz an sich? Dieser Überlegung widmet sich auch der Japaner Hamaguchi Ryusuke in seinem Gleichnis Evil Does Not Exist.

Der Trotz des Falschen

Die Banalität des Bösen hatte schon Jonathan Glazer in seinem ernüchternd schrecklichen „Familienfilm“ The Zone of Interest dokumentiert – und dabei versucht, die Welt so darzustellen, wie sie aus Sicht des Bösen wohl aussehen möge. Der Holocaust wird dabei zur Nebensache, die so weltbewegend erscheint wie die tägliche Müllabfuhr. Niemand aus dieser Familie Höß hat jemals begriffen, dass sie Falsches tat – bis auf die Schwiegermutter, deren Erkenntnis ob der Gräuel in einer nokturnen Schlüsselszene diese zur panischen Abreise bewegt. In Schindlers Liste ist die Welt des Amon Göth eine, in welcher Macht und Mord einander bedingen müssen, während Psychopathen wie dieser darin ihren Nährboden finden. Und jetzt auch er: Josef Mengele, eine Schreckensgestalt und Verbrecher gegen die Menschlichkeit und die Menschheit an sich, der Todesengel von Auschwitz, dessen Taten schwer zu dokumentieren sind, so vielfältig verheerend lassen sie sich darlegen. Während The Zone of Interest das unmöglich Auszudenkende hinter den Backsteinmauern als dunklen Rauch aufsteigen lässt und den Nazi-Alltag semidokumentarisch betrachtet, geht Kyrill Serebrennikow einen Schritt weiter und gibt diesem Mengele die Möglichkeit, seine Taten und Motive zu reflektieren.

Was gast du nur getan?

Eines vorweg: Es wird ihm nicht gelingen. Es wird auch nicht seinem Sohn Rolf gelingen, der seinen Vater Ende der Siebzigerjahre, zwei Jahre vor seinem Tod beim Schwimmen an der südamerikanischen Atlantikküste, dazu bewegen möchte, seine Taten als falsch einzugestehen. Nichts davon passiert, denn das Böse sieht sich im Recht, es sieht sich als das einzig Logische. Gerechtigkeit wird aus Sicht Mengeles zur scheinbar grundlosen Jagd auf einen im Selbstmitleid ertrinkenden Choleriker, den Klaus Kinski hätte darstellen können. August Diehl ist aber nicht weniger gut dafür geeignet. Der Herausforderung für einen Schauspieler besteht darin, völlig vorbehaltlos in die Rolle eines monströsen Menschen zu schlüpfen, der bis zum Ende glauben wird, dass das Unrecht auf der anderen Seite liegt. Sie anzunehmen, wird seine Spuren hinterlassen, denn egal kann einem wie Diehl so ein Mindset sicher nicht sein. Und dennoch hängt sich der Deutsche hinein in dieses Psychogramm, und meistert dabei mehrere Jahrzehnte der Paranoia, der Verzweiflung, der trotzigen Beharrlichkeit einer kranken Weltsicht, der puren Essenz radikalen, nationalsozialistischen Gedankenguts.

Wenn der Mörder lächelt

Das Verschwinden des Josef Mengele, in expressionistischem Schwarzweiß gedreht und in den verstörenden und an die Nieren gehenden Szenen sogar in Farbe, um die niemals verjährende Aktualität von Verbrechen viel eher in die Gegenwart zu bringen, ist schauspielerischer Brutalismus, das Lamento eines in die Enge getriebenen Unbelehrbaren; eines rechthaberischen, arroganten, zutiefst abstoßenden Patriarchen, dem nicht mal beim Töten Unschuldiger das Grinsen vergeht. Jetzt aber, in den Jahrzehnten nach dem Krieg, ist dieses quälende Versteckspiel eines Flüchtigen nur gut und recht, wenn dieser in seinem Leid genauso feststeckt wie in seiner Weltsicht. Bei jedem Zeter und Mordio ob der Ungerechtigkeit, die Mengele seiner Meinung nach widerfährt, stellt sich jedoch längst nicht diese Genugtuung ein, die man erfährt, wenn ein Antagonist seine Strafe erhält. Ganz klar liegt es an dieser Uneinsicht eines Widerlings.

Warum also so einen Film ansehen? Ist so ein Mensch die Mühe wert, Millionen an Gelder dafür zu verwenden, ihn ins Rampen- und Leinwandlicht zu rücken? Ja, das ist sie. Weil man benennen sollte, wovor man sich wappnen muss. Wie bei The Zone of Interest ist es der Versuch, sich auf die andere Seite zu stellen, nicht direkt in die Dunkelheit, sondern daneben, um zu sehen, was das Böse sieht. Um ein bisschen mehr zu verstehen, wie die Welt tickt. Und es ist die Faszination für Monster wie dieses, die klarmachen, wo ich, wo wir, niemals hinwollen. Dass es das gibt, ist erschreckend und belehrend, zugleich aber auch ernüchternd hoffnungslos, weil es so scheint, als hätten Geister wie Mengele in dieser Welt immer ihren Platz.

Das Verschwinden des Josef Mengele (2025)

Eddington (2025)

AMERIKA SCHAFFT SICH AB

5/10


© 2025 Leonine Studios / Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: ARI ASTER

KAMERA: DARIUS KHONDJI

CAST: JOAQUIN PHOENIX, PEDRO PASCAL, EMMA STONE, AUSTIN BUTLER, DEIRDRE O’CONNELL, LUKE GRIMES, CLIFTON COLLINS JR., AMÉLIE HOEFERLE, MICHAEL WARD U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Am Ende ist Amerika, sind die Vereinigten Staaten am Beispiel der fiktiven Kleinstadt Eddington zwar ein Pflegefall, aber ein regierungsfähiger. Was sagt uns das? Dass dieses Konglomerat an teilautonomen Territorien von Leuten angeführt wird, die man nicht alleine lassen kann. Einen wie Trump, einer wie Musk, sie alle zelebrieren und exekutieren den Wahnsinn, den man längst geglaubt hat hinter sich gelassen zu haben. Nationalismus, Faschismus, brutale Globalisierung – denkt man länger darüber nach, muss man mit Erschrecken feststellen, dass das Pflegepersonal für Egomanen längst Reißaus genommen hat. Was bleibt, ist die Hoffnung auf bessere Zeiten – die laut Ari Aster niemals kommen werden. Denn der hat seine ganz eigene, persönliche Abrechnung mit den USA auf Papier gebracht – als ausladendes, selten gekürztes und impulsives Drehbuch, das gleich noch eine ganz andere Schwierigkeit mit auf die Spielfläche nimmt, nämlich die Corona-Pandemie.

Wie Covid die Gesellschaft spaltet

Drehen wir also ein paar Jahre zurück in die Anfänge der Zwanzigerjahre des neuen Jahrtausends und tauchen ein in den Gesellschaftsspiegel einer Kleinstadt namens Eddington, angeführt von einem korrekten, integren Bürgermeister, gespielt von Pedro Pascal, der ohne zu hinterfragen die Verordnungen der Behörden umsetzen will und daher auch stets die obligate FFP2-Maske trägt, dieses Stück Filterstoff vor dem Riech- und Sprechorgan, von welchem wir noch wissen, wie sehr uns das Tragen selbiger gespalten hat. Die Nerven lagen blank, es gab selbsterklärte Experten, Besserwisser mit Hausverstand und Schwarzseher, Realisten und Schönredner. Alles war da, und so konnten Querdenker noch gleich die ganze Welt als Endprodukt diverser Verschwörungen erklären. Diesen ganzen Wulst an halbgaren Fakten und verbogenen Wahrnehmungen spült Aster in ein schrecklich nebensächliches Wüstenkaff, um auf der vordersten Welle Joaquin Phoenix und dessen neben der Spur befindliche Ehefrau Emma Stone reiten zu lassen. Phoenix gibt als Sheriff die Opposition, da Covid in Eddington gar nicht mal umgeht. Beide, Pascal und Phoenix, gehen sich an die Gurgel, wettern und stänkern und streiten, bis der eine, eben der Sheriff, plötzlich die smarte Hirnidee aufreißt, sich selbst für die bevorstehende Bürgermeisterwahl aufstellen zu lassen.

Viel Aufstand im Nirgendwo

Das wunderbare Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat auch unbegrenzt Probleme, die Aster nicht unter den Tisch kehren will. Da wäre noch die Sache mit der rassistischen Polizeigewalt gegen Schwarze, hier der reale Konnex zu Opfer George Floyd, dessen Tod zu heftigen Unruhen führte. Die schwappen auch nach Eddington, und wenn man da auch noch Covid mitnehmen kann und den ganzen Ekel gegenüber der staatlichen Ordnung, warum nicht? Also wissen Phoenix und Pascal bald gar nicht mehr, wo sie ansetzen müssen, um alles in den Griff zu bekommen. Nichts geht mehr in Eddington, Aster lässt sein Amerika den Bach runtergehen und wendet sich im Laufe des stark ausufernden Szenarios einer Polit-Kasperliade hin, die mitunter manchmal so verschroben wirkt wie ein Film der Coen-Brüder. Tatsächlich ist der schwarze Humor manchmal richtig treffsicher, und würde auch länger nachwirken, würde Aster seine Schwarzseherei nicht so sehr auf die Leinwand erbrechen.

Ein Film mit Schneeball-Effekt

Leicht von der Hand geht ihm der Film nicht. Hält man sich seinen Vorgänger Beau is Afraid vor Augen, ist vor zwei Jahren ähnliches passiert. Der surreale, teils komödiantische, perfide Psychohorror gebärdet sich wie eine schwere Mahlzeit vor dem Schlafengehen. Ähnlich schwerverdaulich ist Eddington, aber nicht, weil das Drama einen mitnimmt. Sondern weil Wut-Regisseur Aster alle dazu bewegt, auf die Straße zu gehen, um den Unmut in eine Welt zu schreien, die jenseits dieser Kleinstadt ohnehin nicht gehört wird. Bis alle ihren Auftritt hatten, erlangt Eddington auch die obligate Überlänge und wird wie ein rollender Schneeball immer erdrückender und voluminöser. Vieles darin wären gelungene Pointen, doch Aster lässt die Köpfe schwirren, indem er den Zusehern nichts vorenthält. Ja, in Amerika, da ist einiges im Argen. Lösen lässt sich das in Eddington nur mit durcheinanderschreiender Polemik.

Eddington (2025)

Frankenstein (2025)

DER WERT GANZ GLEICH WELCHEN LEBENS

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

DREHBUCH: GUILLERMO DEL TORO, NACH DEM ROMAN VON MARY SHELLEY

KAMERA: DAN LAUSTSEN

CAST: OSCAR ISAAC, JACOB ELORDI, MIA GOTH, CHRISTOPH WALTZ, FELIX KAMMERER, LARS MIKKELSEN, DAVID BRADLEY, CHRISTIAN CONVERY, CHARLES DANCE, NIKOLAJ LIE KAAS, LAUREN COLLINS, RALPH INESON, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Dass Netflix Guillermo del Toros überbordendes Frankenstein-Drama in Österreich nicht auf die Leinwand brachte, grenzt ja fast schon an Banausentum. Was in Deutschland und anderswo zumindest eine kurze Zeit lang gewährt wurde, hat man hierzulande nicht umgesetzt. Und das, obwohl Frankenstein hinter dem bald erscheinenden dritten Avatar wohl der visuell stärkste Film des Jahres ist. Doch wie die Release-Politik funktioniert, bleibt im Dunst der Unverständlichkeit verborgen. Wirtschaftliche Interessen hin oder her: der Kunst seinen Raum zu geben wäre nur natürlich.

Das Monster als visuelle Variable

So bleibt uns nur der Platz vor dem Fernseher, der zum Glück groß genug ist, um ein bisschen etwas von der Wirkung abzubekommen, die der Film noch hätte entfalten können. Die ist selbst im Kleinformat stark genug, um einen Wow-Effekt zu erzeugen. Denn einer, der Filme wie Hellboy, Pans Labyrinth oder The Shape of Water zustande brachte und der selbst mit der Mystery-Noir-Nummer Nightmare Alley visuell alle Stückchen gespielt hat, darf nun bei Mary Shelleys Schauerroman auffahren, was geht.

Die Latte liegt bei diesem Stoff natürlich hoch – einer wie Boris Karloff in Gestalt von Frankensteins Monster ist so sehr Teil der Filmgeschichte und der Popkultur, das es unmöglich scheint, eine denkwürdige Interpretation entgegenzusetzen, die den Quadratkopf Karloffs auch nur irgendwie verdrängt. Das hat schon Kenneth Branagh probiert. Seine Frankenstein-Verfilmung ist zweifelsohne ein gelungenes Stück Theaterkino, und Robert De Niro als das Monster keine schlechte Wahl, nur blieb der Oscarpreisträger abgesehen von seinem Erscheinungsbild auch als die künstliche Person, die erschaffen wurde, hinter dem möglichen Spektrum an Empfindungen zurück. Bei Dracula selbst liegen die Dinge schon etwas anders, Dracula hat die Variabilität für sich gepachtet, Frankensteins Monster nicht. Doch nun, so viele Jahre später, schlüpft Jacob Elordi in die Kreatur – und schenkt ihm ungeahntes, schmerzliches, mitleiderregendes Leben, wie man es bei Karloff, De Niro und sonstigen Darstellern, die diese Rolle innehatten, vergeblich sucht. Dabei entfernt sich del Toro radikal vom gedrungenen, schweren, unbeholfenen Körper eines denkenden Zombies. Dieser hier ist ein wie aus Lehm geformtes Patchwork-Wesen aus einer anderen Dimension – ein Mann, der vom Himmel fiel. Ein Körper mit dem Geist eines Kindes, das vor den Entdeckungen seines Lebens steht. Die Beschaffenheit der Figur, ihr zusammengeflickter Leib, strotzt vor Anmut, physischer Stärke und verbotener Schrecklichkeit. Kein Wunder, dass Mia Goth als des Wissenschaftlers Schwägerin fasziniert ist von dieser Erschaffung. Denn wir, oder zumindest ich selbst, bin es ebenso.

Über Leichen gehender Ehrgeiz

Ihm gegenüber der Zynismus in Reinkultur – ein vom Ehrgeiz getriebener Möchtegerngott namens Viktor Frankenstein. Überheblich, getrieben, rastlos. Ein Visionär als Metapher für eine vor nichts haltmachenden Wissenschaft, die keine Moral, keine Ethik und kein Mitgefühl kennt, sondern nur sich selbst, den eigenen Ruhm und nicht mal das Wohl aller, welches durch eine Erkenntnis wie diese erlangt werden könnte. So wohlbekannt die Geschichte, so ausstattungsintensiv die Bilder dazu, und zwar von einer farblichen, strahlenden Intensität, dass man es schmecken, riechen und greifen kann. Frankenstein ist ein waschechter del Toro, getunkt in seine Farbpalette aus schwerem Rot, Aquamarin und giftigen Grüntönen. In diesem Bildersturm gelingt aber vor allem genau das, was Filme, die auf Schauwerte setzen, gerne hinter sich lassen: Die Tiefe der Figuren, die Metaebenen der Geschichte. Oscar Isaac kehrt Victor Frankensteins Innerstes nach außen, Jacob Elordi lässt das scheinbar gottlose Wesen als Konsequenz von Diskriminierung und Ablehnung in Rage geraten – als hätte es die Macht, sein eigener Gott zu sein. Frankenstein beginnt und endet im ewigen Eis, in einem Niemandsland ohne Zivilisation. Der richtige Ort, um über das Menschsein zu sinnieren. Dann passiert es, und im Licht der Polarsonne wird das Phantastische zum Welttheater.

Frankenstein (2025)

Stiller (2025)

WIE MAN JEMAND NICHT IST

4/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: STEFAN HAUPT

DREHBUCH: STEFAN HAUPT, ALEXANDER BURESCH, NACH DEM ROMAN VON MAX FRISCH

KAMERA: MICHAEL HAMMON

CAST: ALBRECHT SCHUCH, PAULA BEER, MARIE LEUENBERGER, SVEN SCHELKER, MAX SIMONISCHEK, STEFAN KURT, SABATA SAFET, MARTIN VISCHER, GABRIEL RAAB, MARIUS AHRENDT, INGO OSPELT U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



„Ich bin nicht Stiller!“, versucht sich mehr schlecht als recht der diesem Stiller so frappant ähnlich sehende mittelalte Mann aus der Affäre zu ziehen. Das Problem dabei: Man glaubt ihm nicht. Wie, so Albrecht Schuch in zwar nicht verzweifeltem Tonfall, aber schulbühnenartiger Inbrunst, könne man denn beweisen, dass man jemand nicht ist? Heutzutage alles kein Problem, liegen die notwendigen Papiere griffbereit. Im Zeitalter des Internets und einer sozialen Lebensweise, wo dich zumindest immer eine Handvoll Leute kennt, sind Identitäten meistens bewiesen. Auch der hauseigene Zahnarzt kann da weiterhelfen, liegt man mal irgendwann als verkohlter Überrest unter den abgebrannten Trümmern einer Wohnung. Bei diesem hier aber, bei Max Frischs völlig unidentifizierbarer Figur, scheinen die Parameter eines gesellschaftlichen Wesens, wie der Mensch nun mal eines ist, nicht zu ziehen.

Identifikation ist nicht alles

Jene, die Stiller vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen haben, denen könnte der Lauf der Zeit durchaus auch einen Streich spielen, das Erinnerungsvermögen ein bisschen hinterherhinken. Wie sehr kann sich eine Person in so vielen Jahren schon verändern, es sei denn, er hat sich unters Messer legen lassen? Der Unbekannte und doch Bekannte hat das scheinbar nicht – in den 50er Jahren, in denen Stiller spielt, sind Methoden wie diese zur Unkenntlichmachung des eigenen Ichs wohl noch nicht so in Mode. Also macht der gute Mann wohl keinen auf Udo Proksch, sondern lässt sich während einer Zugfahrt durch die Schweiz erwischen. Man fragt sich, weswegen? Womöglich war Stiller in einem politischen Attentat verwickelt, das nur nebenbei angerissen wird, und da ihn ein mitfahrender Gast als jenen Mann, der er angeblich nicht ist, identifiziert hat, wird dieser in polizeiliches Gewahrsam genommen. Zur Identifizierung muss Tänzerin Julika aus Paris antanzen, sie muss es ja schließlich wissen, war sie doch mit Anatol Stiller verheiratet. Natürlich weigert sich dieser, seine Ehefrau zu erkennen, und während das Gänseblümchen gerupft wird – ist er es, ist er es nicht – erfahren wir, wie es denn überhaupt dazu kommen hatte können, dass man James Larkin White  verhaftet hat.

Ein Buch sperrt sich der Verfilmung

Max Frisch ist stets eine gute Bank für vielschichtige Dramen, moralische Metaphern und gesellschaftskritische Gedankenspiele. Die Sache mit der Notlage eines jeden, unentwegt Rollen spielen zu müssen, die man von anderen zugeteilt bekommt, ohne sich selbst oder jemand anderes sein zu können, kumuliert in Frischs Roman Stiller zu einer Identitätskrise bar excellence, zu einem sachlich-klaren, reduktionistischem Psychospiel über den Versuch eines Neuanfangs, der letztlich scheitert, weil die Fesseln der Vergangenheit nicht abgeschüttelt werden können. Als prachtvoller Plot in literarischer Form mag Stiller den Status als moderner Klassiker verdienen, als filmische Interpretation wird wohl nichts davon in die Filmgeschichte eingehen. Der Schweizer Stefan Haupt, der unter anderem dem Reformator Zwingli eine Biografie geschenkt hat, verlässt sich zu sehr auf die Wirkung eines Titels, der jeder auch nur halbwegs versierten Leseratte geläufig sein muss. Dahinter erkämpft sich ein relativ starrer Albrecht Schuch sein Recht auf freie Identitätswahl, während eine noch eindimensionalere Paula Beer, die nicht nur in Filmen von Christian Petzold mitspielt, ihrem Charakter keinerlei Profil verleiht. Stiller hin, Stiller her – im Schatten einer möglichen Verleugnung ist auch die Hintergrundgeschichte selbst, Stillers künstlerisches Schaffen und seine Beziehungen, mitunter auch eine Liaison mit Marie Leuenberger (Mother’s Baby), die wenig empfundene fiktive Biografie eines verschlossenen Mannes, den man nicht unbedingt kennen muss und dessen Versäumnis, ihn kennenzulernen, auch nicht bedauert.

Der Mann mit den zwei Gesichtern

Dem Psychodrama fehlt es an Psychologie, dem Justizdrama an packenden Indizien, die Literaturverfilmung hingegen leidet dabei an zu viel Routine. Einzig wirklich interessant, irgendwie verblüffend und auch richtig geglückt ist die subversive Idee, Stillers Figur zu Beginn des Rückblicks mit zwei Schauspielern zu besetzen. Will heißen: Nicht nur Schuch spielt Stiller, sondern auch der ihm ähnlich sehende Sven Schelker, und so weiß man nie genau, ob man sich nur einbildet, Stiller mit anderem Gesicht zu sehen oder auch nicht. Irgendwann, in einem unmerklichen Moment, wo man längst auf anderes konzentriert ist, übernimmt Schuch dann vollends. Dieses Spiel mit der Wahrnehmung ist Haupts bester Moment, während die übrige Umsetzung in seinem Pragmatismus reichlich schal wirkt.

Stiller (2025)

Dracula – Die Auferstehung (2025)

DER LÄNGSTE LIEBESKUMMER ALLER ZEITEN

7/10


© 2025 Shanna Besson / LBP – EUROPACORP – TF1 FILMS PRODUCTION – SND/ LEONINE Studios


ORIGINALTITEL: DRACULA: A LOVE TALE

LAND / JAHR: FRANKREICH, FINNLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: LUC BESSON

DREHBUCH: LUC BESSON, NACH DEM ROMAN VON BRAM STOKER

KAMERA: COLIN WANDERSMAN

CAST: CALEB LANDRY JONES, ZOË BLEU SIDEL, CHRISTOPH WALTZ, MATILDA DE ANGELIS, EWENS ABID, DAVID SHIELDS, GUILLAUME DE TONQUÉDEC, HAYMON MARIA BUTTINGER U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


An Caleb Landry Jones hat das französische Film-Urgestein Luc Besson einen Narren gefressen. Der Schauspieler mit den markanten Gesichtszügen brillierte zuletzt als ein Mensch unter vielen Hunden im Thrillerdrama DogMan – und hat vermutlich genug Synergien zwischen sich und dem Regisseur entfacht, um im nächsten Projekt wieder mit dabei zu sein. Diesmal, da ist er nicht einer, der so manchen Vierbeiner durch urbane Gefilde schickt, um unbequemen Gesellen die Gurgel durchzubeissen – diesmal setzt er selbst dort an, als wohl berühmtester Untoter der Literatur- und Filmgeschichte: Als Graf Dracula, vormals Vlad Tepes, der Pfähler – von Bram Stoker mit den Schandtaten einer Gräfin Báthory vermischt und zum charmantesten Blutsauger aller Zeiten auf ewig zum Nonplusultra einer unstillbaren Sehnsucht beschworen. Vergleiche mit Francis Ford Coppolas üppigem Budenzauber Bram Stokers Dracula aus den 90ern sind durchaus erwünscht, gibt es doch tatsächlich in Machart und Optik so einige Parallelen. Dabei mag Luc Besson überhaupt keinen Horror. Wir wissen, dass ein Thriller mit aparten Killerqueens, die die Unterwelt nicht selten mit dem Laufsteg verwechseln, wohl in erster Linie das ist, womit der Mann sein Geld verdient. Was bisher niemals war, wird diesmal zur sogenannten Blutsprobe: Dracula – Die Auferstehung nennt sich der nicht wenig üppige Schinken, und da Besson keinen Horror mag, ist sein Film wohl eher auch im Segment der schwülstigen Fantasy zu verorten, mit einigen wenigen blutigen Szenen, die schließlich sein müssen, sonst müsste man erst gar nicht von Vampiren erzählen.

Der Liebe auf ewig nachjammernd

Auferstehung ist als übersetzter Titel-Appendix deutlich schwächelnd. Im Original deklariert sich der Film deutlich als Liebesgeschichte, womit zumindest im deutschsprachigen Raum das potenzielle Publikum wohl eher gewusst hätte, ob es sich Caleb Landry Jones als Eckzahn-Graf antun sollte oder nicht – gerade dann, wenn man selbst schon nicht so sehr auf Horror steht. Meine Meinung ist: ja, für Hasenfüße, die das eine oder andere Mal in Kauf nehmen können, die Hand vor Augen zu halten, wenn einer untoten Dame der Kopf abgerissen wird, ist Bessons besonderer Blickwinkel ein empfehlenswerter. Denn anders als erwartet weiß Besson die richtigen Schrauben anzuziehen und ein aufgeräumtes Tempo vorzugeben, das den Staub altbekannten Schmuses, der unter dem Teppich gekehrt bleibt, nicht aufwirbelt.

Womit der Kultregisseur wohl den richtigen Riecher gehabt hat, ist sein Hauptdarsteller. Als Vlad Tepes in der Drachenrüstung, der im 15. Jahrhundert eigentlich nur existiert, um sich seiner großen Liebe Elisabeta gewiss zu sein, kämpft er am Schlachtfeld gegen die Osmanen. Als er dann die Hiobsbotschaft erhält, seine Geliebte würde nicht mehr unter den Lebenden weilen, wird aus dem leidenschaftlichen Recken eine zwischen untröstlichem Selbstmitleid und unstillbarem Liebeskummer gebeutelte Ikone des Jammertals und der Wehmut. Durch die Abkehr vom christlichen Glauben findet der zähnefletschende Dämon seinen Weg in die Welt, diesmal auch bei Tageslicht. Gnade wird ihm nach dem Aufspießen der bischöflichen Eminenz nämlich keine gewährt, also muss er ewig leben – schmachtend, hungernd, wartend darauf, dass Elisabeta wiedergeboren wird. Tatsächlich findet er sie – irgendwann im 19. Jahrhundert, und zwar nicht, wie in Bram Stokers Roman, in Yorkshire, sondern in Paris, im Schatten des Eiffelturms, der viel größer erscheint, als er eigentlich ist.

Zwischen Grunge und Märchenbühne

Mit von der Partie ist diesmal auch Christoph Waltz als emotional unterentwickelter Priester, der sich auf das Jagen von Vampiren versteht und diesem Grafen schon seit längerem auf der Spur war. Was Waltz aber an langweiligem Spiel aus der Soutane zaubert, macht Landry Jones wieder wett. Sein Schmachten und Gieren nach Erfüllung und Liebe ist geradezu hinreißend, wenn auch dick aufgetragen. Die feine Klinge mag man bei Dracula – die Auferstehung vermissen, doch das wiederum wäre ohnehin nur Perlen vor die Säue. Dieser Film ist so gleichsam nachtschwarz wie zuckerlrosa, als würde man eine Cremetorte verkosten, die ein bisschen nach Eisen schmeckt. Landry Jones ist auch nicht Gary Oldman aus Coppolas Streifen, sondern die strähnige Grunge-Version auf einer überlebensgroßen Märchenbühne für romantische Erwachsene, die Dracula mal als das sehen wollen, was er vielleicht wirklich immer schon war: Ein verzweifelter Verliebter, als Topf ohne Deckel, als einer, für den die Liebe kein chemischer Prozess ist, sondern eine Philosophie der Unendlichkeit. Was sie letztlich bedeutet, und welche Konsequenzen das hat, mag in diesem Film zu einem überraschenden Outcome führen, sodass der emotional mit sicherer Hand geführte Trip dann doch noch die zarten Töne einer untröstlichen Tragik anklingen lässt.

Dracula – Die Auferstehung (2025)

Mother’s Baby (2025)

DA IST WAS FAUL IM WINDELSTAAT

7/10


© 2025 Freibeuter Film


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: JOHANNA MODER

DREHBUCH: ARNE KOHLWEYER, JOHANNA MODER

KAMERA: ROBERT OBERRAINER

CAST: MARIE LEUENBERGER, HANS LÖW, CLAES BANG, JULIA FRANZ RICHTER, JUDITH ALTENBERGER, CAROLINE FRANK, NINA FOG, JULIA KOCH, MONA KOSPACH U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Es schreit nicht, es weint nicht, es schläft so still, dass Mutter meinen könnte, der Allmächtige hätte es zu sich genommen: Babys, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Eltern, die, auf das Schlimmste in der frühen Kindschaft vorbereitet, plötzlich völlig entstresst gar eine Verschwörung vermuten. So könnte man Johanne Moders neuen Film synoptisch übers Knie brechen, der sich vom revolutionsmüden Hipster-Parship aus Waren einmal Revoluzzer verabschiedet hat, um mit dem Genrekino anzudocken. Ganz so wie Andreas Prochaska, der diesjährig mit Welcome Home Baby ganz ähnlich, und doch wieder ganz anders, die Themen der Mutterschaft in einen dörflichen Albtraum verpackt. Das österreichische Horrorkino pulsiert mit diesen beiden Filmen durch den Kino-Herbst, wobei Johanna Moder deutlich weniger ihr Heil im Nachinterpretieren bereits etablierter Versatzstücke sucht. Mother’s Baby will sich bewusst nicht zu blankem Horror bekennen – Verdacht, Paranoia und eine postnatal belastete Psyche sind die Hauptingredienzien für einen Suspense voller Indizien, in dem Marie Leuenberger (Verbrannte Erde, und eben auch mit Stiller im Kino) zwischen ratloser Jungmutter und mutiger Hobby-Detektivin in eigener Sache den gesamten Film auf ihren Blickwinkel reduziert. Das macht uns, ob wir wollen oder nicht, zu Verbündeten, und auch wenn wir uns wundern, was Jungmutter Julia alles vermutet – wir können diesem zusammenfabulierten Netz nur schwer entschlüpfen, schon gar nicht, wenn sich die ganze Welt gegen ein einziges Individuum stellt, dem, wie Kassandra aus der Antike, niemand Glauben schenkt. Auszuhalten ist das nicht – dieser Zustand, allein mit der möglichen Wahrheit.

Das Rundum-Sorglos-Baby

Leuenbergers Figur der misstrauischen Mutter ist jedoch keine gebrochene, kümmerliche, vulnerable Seele ohne Resilienz, sondern ihr eigener Fels in der Brandung, wenn schon Gatte Hans Löw nichts von Julias Verdächtigungen wissen will. Diese fußen aber alle auf klar erkennbaren, seltsamen Verhaltensmustern, die Gynäkologe Claes Bang (genial als Dracula in der zweiteiligen Bram Stoker-Interpretation auf Netflix) und Hebamme Gerlinde an den Tag legen. Als Gerlinde ist hier Julia Franz Richter zu sehen, die in Welcome Home Baby ihrerseits eine werdende Mutter verkörpert, die ähnlich wie Mia Farrow in Rosemary’s Baby wie die Jungfrau zum Kind kommt.

Denn zu Beginn, da ist alles noch froher Erwartung, als Dr. Vilfort seiner Patientin verspricht, das es mit dem Mutterglück diesmal auch wirklich klappen wird. Als es dann nach neun Monaten endlich soweit ist, und die Geburt schwieriger wird als gedacht, entschwindet das Baby ganz plötzlich in den Armen des Arztes dem Blickfeld seiner Mutter – bis auf weiteres. Frühgeburt, Atemnot, Sauerstoffgehalt, all das hört Julia sehr viel später als Begründung. Daheim dann sind die Auffälligkeiten, was das Kind selbst betrifft, unübersehbar. Es ist, als würde sich der Spross den Bedürfnissen der Erwachsenen anpassen, wie eingangs erwähnt tut er all das, um den Eltern eben nicht die schwierigste Zeit des Familienlebens zu bescheren – sondern verhält sich unerwartet geräusch- und bedürfnislos. In Julia keimt der Verdacht, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass das Baby vielleicht gar nicht das ihre ist? Die aufdringliche Hebamme und die Sache mit dem Axolotl als ideales Haustier bestärken nur den Horror im Kopf der Mutter, die dann, auf sich allein gestellt, Ermittlungen auf eigene Faust anstellt.

Verdacht alleine hält lange vor

Mother’s Baby ist wohldosierte Mystery, die lange in der Schwebe bleibt, dabei aber nicht schwurbelt oder ich in unheilvollem Indiziensalat verliert wie Andreas Prochaska in seinem Folk-Grusel. Das Unheimliche hier ist wohl eher schleichende Skepsis und Argwohn, Moder spielt mit der Sorge der Vernachlässigung, der Wucht der Verantwortung und der maternalen Identität. Übertragen wird das Ganze aber nicht, so wie in Die My Love probiert und gescheitert, auf die innere Psyche der Mutterfigur, sondern hinterfragt als bröckelnde Rundumwahrnehmung die Sicht auf die Welt und deren Werte nach einem Paradigmenwechsel, den jede werdende Familie erlebt. Moder hätte beim Psycho- und Gesellschaftsdrama bleiben können, doch die Lust am Kleinkind-Horror, den es nicht erst seit Das Omen gibt, ist einfach zu groß, um nicht darin wühlen zu wollen. So bleibt Mother’s Baby stets greifbar und bodenständig, bürdet sich auch nicht zu viel auf, sondern setzt seinen perfiden, leisen Albtraum als zielorientierte Kritik auf eine Optimierungsgesellschaft in Szene, die vor nichts mehr zurückschreckt.

Mother’s Baby (2025)

Amrum (2025)

FÜR EINE HANDVOLL HONIG

8/10


© 2025 Warner Bros. / mathiasbothor.com


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: FATIH AKIN

DREHBUCH: FATIH AKIN, HARK BOHM, NACH DESSEN ERINNERUNGEN

KAMERA: KARL WALTER LINDENLAUB

CAST: JASPER BILLERBECK, KIAN KÖPPKE, LAURA TONKE, DIANE KRUGER, DETLEV BUCK, LISA SAGMEISTER, STEFFEN WINK, LARS JESSEN, TONY CAN, MAREK HARLOFF, DIRK BÖHLING, JAN GEORG SCHÜTTE, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Erst vor wenigen Tagen verstarb Hark Hermann Bohm im Alter von 86 Jahren. Ich muss gestehen: bevor Fatih Akin mit seinem neuen Film über die Kindheit desselbigen in den Kinos startete, konnte ich diesen Namen nur relativ ungenau zuordnen. Mittlerweile habe ich auch diese Wissenslücke in Sachen deutscher Filmgeschichte geschlossen: Das Allroundgenie war nicht nur Filmemacher mit der dichtesten Schaffensperiode in den Siebzigern, sondern auch Schauspieler seit den Sechzigern (unter anderem bei Rainer Werner Fassbinder) und später Drehbuchautor für Fatih Akins Werke Tschick oder Aus dem Nichts. Sein wohl bekanntester Film: Nordsee ist Mordsee. Gut, wieder was dazugelernt. Und was wir bei Amrum noch dazulernen, ist, wie es sich als Kind angefühlt hat, das Ende des Zweiten Weltkriegs mitsamt seiner Nazi-Despotie nur peripher, aber vor allem im Spiegel der Eltern, mitzuerleben.

Krieg und Frieden durch Kinderaugen

Dieser Dreikäsehoch war Hark Bohm, da haben wir ihn wieder, und er hätte wohl selbst diesen Film über sich selbst inszeniert, hätte er nicht angesichts seines fortgeschrittenen Alters klein beigeben müssen. Fatih Akin, Bohms guter Freund, hat sich dieser Sache angenommen und selbst Regie geführt, im Beisein Bohms und nach dessen Drehbuch. denn niemand sonst hätte all diese Details im Kopf gehabt, um einen Umbruch zu beschreiben, der mit Magie, Neugier, Tradition und kindlichem Pragmatismus so sehr einhergeht, dass man glauben könnte, die gute Christine Nöstlinger, die mit Maikäfer flieg! ähnliche Erinnerungen zu Papier gebracht hat, ließe sich von einem wie Taika Waititi inszenieren, auf dessen Kappe das wiederum ganz andere, aber von der Tonalität her durchaus verwandte Meisterwerk Jojo Rabbit geht.

Die Erwachsenen verstehen lernen

Amrum reiht sich in diese verspielten, allerdings ernsthaften, aber niemals im Kummer endenden Betrachtungen auf Augenhöhe junger Heranwachsender so nahtlos ein, dass man diesen hier als inoffizielle Themenfortsetzung von Waikiki und Nöstlinger betrachten könnte, nur eben mit dem inseldeutschen Kolorit jener Menschen, die tagein tagaus mit dem Salz, den Wellen, dem Sand und den Gezeiten leben, die sich mitunter im friesischen Dialekt namens Öömrang unterhalten und eine lakonische Zähigkeit und Resilienz an den Tag legen, dass es zum gestandenen menschelnden Erlebnis wird. Allerdings haben nicht alle ihren stolzen Überlebenswillen hier draußen auf der friesischen Insel – Nannings Mutter hat ihn nicht. Die war Zeit ihres Lebens davon überzeugt, dass Adolf Hitler stets das richtige getan hat. Und als dann das Ende des Krieges und das Ende des Diktators kam, brach für die gute Frau (gespielt von Laura Tonke) eine Welt zusammen. Wie denn den Kummer der Erwachsenen tilgen, fragt sich der kleine Nanning (so Bohms Alter Ego), und findet letztlich die Konklusio, dass nur ein Weißbrot mit Butter und Honig wieder ein Lächeln auf die Lippen von Mama zaubern könnte. So stürzt er sich ins Abenteuer, um das zu beschaffen, was in Zeiten wie diesen rarer nicht sein kann. Vom Bäcker geht’s zum reichen Onkel, von dem zur Imkerin, querfeldein, über Wege, über Äcker und durchs Inseldorf mit dem prägnanten Kirchturm. Der Vater als Obersturmbannführer weit weg im Krieg, der Onkel (Matthias Schweighöfer) in Amerika die Illusion einer besseren Welt. Das Glück der Mutter das Ziel aller Bestrebungen.

Planet Amrum

Fatih Akin ist auch nicht unbedingt einer, der nur ein Thema kann. Vom leichten Sommerroadmovie Im Juli geht’s bis zum verstörenden Serienkillerhorror Der goldene Handschuh, dazwischen fährt Sebil Kekili Gegen die Wand und wird Diane Kruger zum Racheengel. Akin verliert sich dabei aber nie in klebriger Schwermut, sondern hält seine Arbeiten stets in Bewegung, damit sie Raum zum Atmen haben. Frische Luft tanken alle seine Filme, und ganz besonders Amrum. Für diese tiefe Verbeugung vor seinem Mentor, Lehrer und Freund schuf der Filmemacher ein faszinierend unbekümmertes und zugleich berührendes und die Geschichte niemals ignorierendes Abenteuer eines kindlichen Reifungsprozesses von verträumter Weltanschauung bis zur ergriffenen Initiative, bis zum Projekt des Überlebens und der Nächstenliebe. Amrums Charaktere sind jeder für sich unverkennbare Figuren, wettergegerbte Fischer; aufmüpfige, aber herzensgute Bauern, nach vorne blickende Überlebenskünstlerinnen und künstler, die den Krieg als eine Erscheinung erkennen, die ein Weitermachen niemals in Frage stellen würde – auch wenn es bedeutet, alles hinter sich zu lassen. In diesem Spannungsfeld läuft der ungestüme Jasper Billerbeck durch eine denkwürdige Zeitenwende, um für eine Handvoll Honig sein eigenes, liebevoll ausgestaltetes und weniger dämonisches Pans Labyrinth zu schaffen, voller Proben aufs Exempel, Erfahrungen und Weisheiten fürs Leben, die sich erstmal nicht als solche offenbaren.

Erinnerungen als Grundstein des Ichs

Amrum ist ein Werk voll Leichtigkeit und Schwere zugleich, verpackt in rustikalen, wunderschönen Bildern eines rauen, aber ehrlichen Fleckens Sand, Schlamm und Erde. Tragikomisch wäre aber fast zu einfach, viel mehr ist die Improvisationsgabe eine aufgeweckten jungen Geistes, der so gut wie alles mit anderen Augen sieht, so erfrischend, als wäre Nostalgie und Erinnerung essentiell dafür, nach vorne zu blicken, zuversichtlich, egal was kommt. In diesem Fall auf ein schillerndes (erfülltes) Leben wie das des Hark Bohm.

Amrum (2025)