Train Dreams (2025)

NICHT ZU WISSEN, WIE DER BAUM FÄLLT

7/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CLINT BENTLEY

DREHBUCH: CLINT BENTLEY, GREG KWEDAR, NACH DEM ROMAN VON DENIS JOHNSON

KAMERA: ADOLPHO VELOSO

CAST: JOEL EDGERTON, FELICITY JONES, WILLIAM H. MACY, KERRY CONDON, NATHANIEL ARCAND, CLIFTON COLLINS JR., SEAN SAN JOSE, ALFRED HSING, WILL PATTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Holzfällen mal anders. Und gar nicht so, wie Thomas Bernhard es konzipiert hat, der in seinem kontroversen Portrait, dessen Titel jene mitunter gefährliche und hemdsärmelige Schwerstarbeit beschreibt, eine Wiener Abendgesellschaft mit Wörtern zur Strecke bringt anstatt mit Äxten, Sägen und „Baum fällt!“-Rufen. Die  hört man allerdings, wenn man in die Welt von Robert Grainier eintaucht – einem introvertierten, fast schon phlegmatischen, stets nach Antworten suchenden Typ Mensch, der immer dort steht, wo keine Schienen liegen, wo keine Weichen gestellt und kein Zug jemals halten würde. Kurz gesagt: im Nirgendwo einer Existenz. Hier würde man sagen: Wie bestellt und nicht abgeholt. Für die Flucht nach vorn, um dem Leben eine Ordnung zu geben, will Robert anpacken. Zur Säge greifen, Bäume fällen, die Zivilisation per Schiene noch weiter in den Westen führen oder dorthin, wo es sonst nichts gibt außer Wildnis.

Das Lebensglück wärt zumindest für eine kurze Zeit, als Robert auf Gladys trifft – auf ähnlich vulnerable Weise ergänzt Felicity Jones (Oscarnominierung für The Brutalist) das wortkarge, in sich gekehrte Wesen ihres Geliebten, beide gründen eine Familie, am Fluss steht bald ein Holzhaus. Und als wäre alles viel zu schön, um wahr zu sein, quält den Waldburschen dann doch immer wieder der Abschied, wenn es heisst, für einige Monate abberufen zu werden, um weit weg von Heim und Familie Geld zu verdienen. Irgendwann wird es, wir ahnen es schon, zu einem Abschied auf ewig – als Robert zurückkehrt und Wald und Haus lichterloh in Flammen stehen.

Schauplatzreport als Heimatfilm

Train Dreams von Clint Bentley, der beim Drehbuch für das Gefängnisdrama Sing Sing mitgewirkt hat, ist jene Sorte des uramerikanischen Heimatfilms, den Chloé Zhao mit ihren impressionistischen Arbeiten Songs My Brothers Taught Me und The Rider neu interpretiert und definiert hat. Während Zhao aber mehr oder weniger Geschichten aus der ruralen Gegenwart erzählt, im traditionellem und ganz anders tickenden Kosmos fernab eines urbanen Fortschritts, mit dem der Rest der Welt die Vereinigten Staaten assoziiert, nimmt sich Bentley ein ganzes Leben zur Brust, eine Wegstrecke weg von den Zehnerjahren des 19ten Jahrhunderts bis in die späten Sechzigerjahre hinein. Die Bilder jedoch, die der oscarnominierte Kameramann Adolpho Veloso dafür findet, huldigen einer ähnlich reportagehaften True-Story-Poesie wie es Zhao stets tut, um dabei hingebungsvoll von Wildnis, der Weite und den Wäldern ergriffen zu werden, während die Sonne zu den dramatischsten Tageszeiten auf unkitschige Weise die Szene nuanciert. Dazwischen ungefilterte, kontrastarme Bilder in 4 zu 3, frei von Studiolicht, nur mit dem arbeitend, was der Tag oder die Nacht auch hergibt. Da lässt sich schon eine Nähe spüren, die man in heillos überarbeiteten und mit allerlei Filtern nachgebesserten, ganze Dekaden umspannenden Epen niemals findet.

Der suchende Blick des Genügsamen

Mittendrin ein Joel Edgerton, von dem wir wissen, wie rätselhaft er wirken kann. Und je weniger er preisgibt von seinen darzustellenden Gefühlswelten, umso interessanter und faszinierender wird diese Figur. Umgeben von der Rauheit und Erbarmungslosigkeit eines Holzfällerlebens und vom eigenen verräterischen Schicksal drangsaliert, meistert Edgerton das Portrait eines immerwährend Geprüften. In dieser Beharrlichkeit, die er dabei an den Tag legt, ist dieser Hiob nicht alleine. Bentley schenkt ihm statt Isolation zumindest den Dialog, den Trost von den anderen; so manchen Wert, so manche Weisheit von Menschen, die auf ihre eigene Weise geprüft werden, die letzten Endes ein Gesamtbild dieses teils ungezähmten, unberechenbaren Amerikas ergeben, das wie ein umstürzender Baum nichts preisgeben will, in welche Richtung er fällt.

Train Dreams ist ein elegischer, prosaischer Naturalismus. Unaufgeregt und doch aufregend, bebilderte Literatur wie die eines John Steinbeck, zwischen Arbeiterchronik und dem wildromantischen Horror von Verlust, Loslassen und Neuanfang.

Train Dreams (2025)

Wuthering Heights – Sturmhöhe (2026)

VERLORENE LIEBESMÜH

7/10


© 2026 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: EMERALD FENNELL

DREHBUCH: EMERALD FENNELL, NACH DEM ROMAN VON EMILY BRONTË

KAMERA: LINUS SANDGREN

CAST: MARGOT ROBBIE, JACOB ELORDI, HONG CHAU, SHAZAD LATIF, ALISON OLIVER, MARTIN CLUNES, EWAN MITCHELL, AMY MORGAN, VICKI PEPPERDINE, PAUL RHYS, OWEN COOPER, CHARLOTTE MELLINGTON, VY NGUYEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 16 MIN



Emily Brontës einziger Roman hat es in sich. Es geht um Arm und Reich, um mögliche und unmögliche Liebe, um Arrangements und gescheiterte Existenzen. Um Machtmissbrauch, Verschmähungen und wütende Egotrips. Im Grunde ist der ganze Stoff alles andere als romantisch, weit weg von Jane Austen und Henry James, von Sinn und Sinnlichkeit, Gefühl und Verführung oder leicht ironischen Werken wie Emma. Und doch bezeichnen viele Sturmhöhe als den romantischen Schmöker schlechthin, während im Kino gerade recht zum Valentinstag ein theatralisches Epos die Leinwand erobert hat, dass glückselige Zweisamkeiten entweder mit Füßen tritt oder die Harmonie zwischen zwei Liebenden einfach nicht als etwas anerkennen will, das es auch tatsächlich gibt.

Nachhaltige Romantik tut weh

Man muss dazusagen: Einem Film wie Love Story, nun, dem war, nach gefühlt 100 Packungen Taschentüchern, ein glückliches Liebesleben genauso wenig vergönnt. Vielleicht sind Happy Ends genau nicht das, was glücklich vereinte Paare eigentlich sehen wollen. Vielleicht ist der Herzschmerz, der nicht getilgt werden will, genau das, um die eigene Beziehung in Relation zu setzen und dankbar dafür zu sein, dass man in einer solchen weilen darf. Da können sonstige RomComs nur der Zerstreuung dienen, ohne jeglichen Nachhall. Die wirklich bedeutenden Liebesfilme, die haben kein gutes Ende, sondern ziehen in den Abgrund, in den Tod, in die Ausweglosigkeit. Hach, wie herrlich vernichtend ist doch die Liebe. Und gerade weil sie das ist, tragisch und traurig und schmerzlich und vielleicht auch regelrecht gehässig und wütend, gerade deswegen findet die Romantik überhaupt erst Einzug in die Kunst. In die literarische, in die gestalterische, in die cineastische.

Von Liebe kann man nicht leben, oder?

Und hier sind wir wieder, bei Emerald Fennell, die sich nur den halben Schmöker von Emily Brontë zu Gemüte geführt hat und auch nur diese eine Hälfte verfilmt hat – bis zu jenem Punkt, an dem die Zweisamkeit ihr Ende findet. Der Herzschmerz geht Fennell aber im Grunde ihr wisst schon wo vorbei. Sie hält nichts von all dem Regelwerk, den Geschlechterrollen, dem sozialen Korsett vor allem auch aus einer Zeit, in der zwei Liebende unterschiedlicher Klassen niemals den Jackpot knacken würden. In der Stallburschen niemals auf die Liebe einer Adeligen hoffen konnten und umgekehrt. In der sich Frau verhökern und verkaufen musste, wenn das Hab und Gut des herrischen Vaters durch die Finger sickert und dieser der schwer verliebten Catherine Earnshaw, dargestellt von Margit Robbie, nichts außer Leergut aus dem Suff eines alten Mannes hinterlassen kann. Ihr Traummann ist zu diesem Zeitpunkt schon die längste Zeit ihr Ziehbruder Heathcliff, aufgegabelt als verstoßener Junge, aufgezogen vom Vater und Kindermädchen Nelly und als Erwachsener nicht mehr als ein Knecht. Die Liebe aber ist eine schmachtende und schwülstige – nackte, verschwitze Oberkörper tun da ihr Übriges. Und dann das: Der wohlhabende Nachbar Edgar Linton eröffnet Catherine ein Leben an seiner Seite unter Wohlstand und Ansehen. Stellt sich die Frage: Der wahren Liebe frönen, von der man nicht leben kann? Oder in der Gesellschaft aufsteigen, ganz ohne Liebe, sondern nur mit Duldsamkeit? Es kommt wie es kommen muss, der verschmähte Heathcliff verschwindet für ein paar Jahre und taucht dann wieder auf als gemachter Mann. Dumm nur, dass Catherine nun fremdgehen muss. Denn, nun ja, Everlasting Love ist so eine Sache.

Nicht nur Herzen flattern im Wind

Wenn es doch nur um die wahre, einzige Liebe gehen könnte in diesem opulenten Requiem der romantischen Ideale! Perfide Intrigen, trotzige Handlungen, manipulative Charaktere auf dem Ego-Trip. Klingt irgendwie nach Saltburn? Nicht weit verfehlt – der Psychothriller mit Barry Keoghan und ebenfalls Jacob Elordi ließ am Ende einen nackt durch die Flure tanzenden Egomanen zurück. Hier, auf den Wuthering Heights, ist es zu stürmisch, um nackt zu tanzen. Da flattern höchstens die Roben, die Schleier, Margot Robbies Haar. Fennell setzt ihre beiden neckenden Liebenden, die irgendwie alles tun und nichts so richtig, um wieder zusammenzukommen, in ein üppiges, provokant kitschiges Kostümgemälde, das burgtheaterhaften Glamour versprüht und derweil so dick aufträgt, dass man nicht umhin kann, das Werk als ein Stück postmodernen Naturalismus zu bezeichnen, vermengt mit Salz und Wind und Erde auf der Haut, die nach Sex schmeckt.

Wuthering Heights wirkt wie die Antithese zu Barbie, mit deutlich weniger Rosa, aber schadenfrohen Verhöhnungen auf der Zungenspitze, als wäre das alles nicht der Liebesmühe wert, als würde Fennell das Genre der untröstlichen Romantik gleichsam parodieren und es zu einem schwarzen Loch werden lassen, von dem man zweifellos angezogen wird, egal ob man mit solch verschwurbelten Emotionen letztlich kann oder nicht.

Wuthering Heights – Sturmhöhe (2026)

No Other Choice (2025)

AM ARBEITSMARKT DA IST WAS LOS

7,5/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2025

REGIE: PARK CHAN-WOOK

DREHBUCH: PARK CHAN-WOOK, LEE KYOUNG-MI, LEE JA-HYE, DON MCKELLAR, NACH DEM ROMAN VON DONALD WESTLAKE

KAMERA: KIM WOO-HYUNG

CAST: LEE BYUNG-HUN, SON YEJIN, PARK HEE-SOON, LEE SUNG-MIN, YEOM HYE-RAN, CHA SEUNG-WON, YOO YEON-SEOK U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN



Warum nur widmet Park Chan-Wook diesen seinen neuen Film, der letztes Jahr schon auf der Viennale lief, einem Regiekapazunder wie Costa-Gavras, der seit den 70ern ausgesuchtes Politkino abliefert (stark in Erinnerung bleiben da Yves Montand in Das Geständnis und Jack Lemmon völlig untypisch als politisch Verfolgter in Vermisst)? Die Antwort: Einen Film wie No Other Choice gibt es bereits. Zumindest irgendwie. Es gibt ihn schon seit 2005 und nennt sich, unter der Regie von Costa-Gavras eben, Die Axt. Beide Filme sind keine Originaldrehbücher, sondern basieren wiederum auf Donald Westlakes schwarzhumorigem Sozialthriller aus der Arbeitswelt – ein Thema, das aktueller nicht sein kann. Und obendrein eine Story, die sich in der Umsetzung wohl so anfühlt, als hätten beide Filme, der von Costa Gavras und der von Park Chan-Wook, sowieso nichts gemeinsam.

Niemand macht’s wie Südkorea

Niemand macht Filme wie Park Chan-Wook. Niemand macht Filme außerhalb Südkoreas wie die Südkoreaner selbst. Hier findet sich ein Filmstil, den man entweder immer schon intus hatte oder den man einfach nicht erlernen kann, so sehr man sich auch anstrengt. Das ist das radikal Schöne, das radikal Interessante an diesen Filmen: Sie überraschen immer wieder und haben keinerlei Ambition, den Erwartungen ihres Publikums zu entsprechen, es sei denn, es gibt keine. Bei No Other Choice wissen wir nur, er handelt von einem Familienvater, wohnhaft in einem rustikal-modernen Anwesen nahe der Natur, dessen Hypothek schwer auf der Geldtasche der arbeitenden Erwachsenen liegt. Dieser Man-su hadert wie wir alle derzeit mit dem Finanziellen, und wie es das Schicksal eben will, reicht der Problemkontent zur Existenzkrise nicht aus: Der mehrere Jahrzehnte in der Papierherstellung arbeitende und erfahrene Kapazunder wird dank Firmenfusion ins Aus befördert. Kein Ding für einen erfahrenen Spezialisten, möchte man meinen. In drei Monaten könnte alles wieder unter Dach und Fach sein. Doch denkste: Der Traumjob offenbart sich nicht, stattdessen wittert Man-su die Chance, beim Konkurrenten neu anzufangen. Das aber nur, wenn die Mitbewerber überschaubar bleiben, im besten Fall gibt es keine. Man müsste nur ein bisschen nachhelfen, auf die unorthodoxe Art. Was Man-su auch tut. Und sich dabei in Turbulenzen verstrickt, die sich genau auf jenem schmalen Grat grotesk entfalten können, auf dem eben nur einer wie Park Chan-Wook seine Ideen balancieren kann.

Stilistisches Freidrehen

Jeder andere wäre da schnell ausgerutscht, abgerutscht, abgestürzt. Dieser Herr hier, dem wir Oldboy und die ganze Vengeance-Trilogie zu verdanken haben, passiert sowas nicht. Obwohl – hat man schon länger kein koreanisches Filmwerk mehr am Radar gehabt, könnte der Einstieg in diesen Arbeitsplatzbeschaffungswahnsinn keine gemähte Wiese mehr sein. Sondern durchaus ein etwas härter zu erarbeitender Brocken an stilistisch völlig undefinierter Kinokunst. Worauf man sich dabei einlässt? Keine Ahnung. Eine gewisse süßlich-kitschige Verklärtheit, die aber nicht als Satire verstanden werden will, so scheint mir, lässt No Other Choice mal ordentlich Atem holen. Die von westlichem Kino Verwöhnten werden dabei keinesfalls an der Hand genommen. Sie schlittern – und so auch ich – in eine stilistisch völlig entmilitarisierte Zone. Wohl eher mühsam, denke ich mir. Da war Park Chan-Wook schon mal besser. Oder doch nicht?

Irgendwann rangeln drei Parteien am staubigen Boden eines fremden Wohnzimmers um Schießeisen und Fassung. Wie Chan-Wook die Skurrilität der Situation einfängt, ist so weltfremd wie packend. Übertrieben expressives Spiel begegnet kriminalkomödiantischem Slapstick. Der weicht irgendwann wieder ernsten Unter- und Obertönen, lässt so völlig nebenbei die eigene Tochter zu einem Mysterium erstarken, während Papierfabrikant Man-su in völliger Verzweiflung zu verstörenden Methoden greift, um sein perfides Werk zu vertuschen. Die Genialität in No Other Choice liegt mitunter auch im steten Aufgreifen narrativer Versatzstücke, die ins Wechselbad völlig konträrer Tonalitäten gelangen. Da ist der neu gepflanzte Baum, da sind die Hunde, da ist das Vorstellungsgespräch im Gegenlicht. Bizarre Lächerlichkeit trifft auf tiefschwarze Melancholie. Und letztlich auf eine traurige Zukunft, die zumindest das familiäre Glück wie ein Beatmungsgerät auf einer Intensivstation am Leben erhält.

Obwohl ich Die Axt nicht kenne, wird No Other Choice garantiert der ganz andere Film sein. Ein ambivalentes, herausforderndes Vergnügen, das keine Probleme damit hat, lieber Konventionen aufzubrechen als alles perfekt zu machen.

No Other Choice (2025)

Hedda (2025)

IT’S MY PARTY AND I CRY IF I WANT TO

7,5/10


© 2025 Amazon


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: NIA DACOSTA

DREHBUCH: NIA DACOSTA, NACH DEM BÜHNENSTÜCK VON HENRIK IBSEN

KAMERA: SEAN BOBBITT

CAST: TESSA THOMPSON, NINA HOSS, IMOGEN POOTS, TOM BATEMAN, MIRREN MACK, NICHOLAS PINNOCK, SAFFRON HOCKING, MARK OOSTERVEEN, FINBAR LYNCH, KATHRYN HUNTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 7 MIN



Ich beginne meine Reviews des Öfteren spontan und assoziativ. Bei Hedda fiel mir natürlich als erstes jener angestaubte Stammtischwitz ein, den schon die Spitzbuben zum Besten gegeben hatten. „Kennen Sie Ibsen?“ – „Leider nein. Ich kenn nur Schnapsen“

Den großen skandinavischen Dichter mit einem weiteren eher möglichen, aber unbekannten Tischkartenspiel zu verwechseln, mag letztlich ein Armutszeugnis sein, was das Allgemeinwissen betrifft, kommt doch die Literatur einfach nicht ohne diesen Herren aus, der das nordische Drama so wie August Strindberg wie kaum ein anderer geprägt hat. Einige seiner Stücke tragen recht sperrige Namen, zum Beispiel John Gabriel Borkman. Wie angenehm unwerblich – so ein Name holt niemanden vom Sofa oder lockt die Massen an. Gut so. Kunst muss nicht gefallen und sich schon gar nicht den Marketingtrends unterwerfen. Ein weiteres Stück Ibsens nennt sich Nora oder ein Puppenheim: Feminismus, Selbstwert, Kritik an der Ehe und dem Patriarchat – Ibsens wohl bekanntestes Werk. Und dann noch Hedda Gabler. Hedda ist da zugegeben schon schmissiger, und dennoch ist es wieder der Name einer völlig Unbekannten, die man aber, wenn man Ibsen und vielleicht schon Nora kennt, gerne kennenlernen würde, verbirgt sich doch dahinter meist ein Schicksal, das weite Kreise in der Gesellschaft zieht. Mit dieser hatte Ibsen stets ein Hühnchen zu rupfen. Mit dieser und den Erwartungen, den Normen und Regeln, die genau vorgaben, wer wann wo und wie jene Bedeutung erlangt, die von den anderen akzeptiert wird.

Ringen um Reputation

Frauen sind zu diesem  Zeitpunkt – wir schreiben das ausgehende Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts – zumeist hinter dem aristokratischen Göttergatten positioniert, deren Strahlkraft davon abhängt, welche Reputation er genießt. Hat man als Frau so einen Mann geheiratet, ist Selbstverwirklichung zwar kein Thema mehr, die freie Hand zum Lenken so mancher Geschicke aber bleibt – damit der Gatte sein Ansehen noch verbessern, damit er höher steigen kann, und damit auch die Frau dahinter. Klar kommt da Langeweile auf, und was tut man, wenn einem der Müßiggang in schönen Kleidern zusetzt? Man feiert Partys. Eine solche kommt gerade recht, als Heddas Ehemann George Tesman (Tom Bateman) die Chance erhält, eine löblich bezahlte Professur zu ergattern, die beiden das schmucke Eigenheim bezahlen könnte, für das sie sich verschuldet haben. Schließlich ist das etwas, wovon keiner wissen darf, denn nach außen hin hält die Fassade des Reichtums und des Einflusses, obwohl von beidem gar nichts mehr da zu sein scheint.

Wie es das Schicksal aber will, ist George nicht der einzige, der diesen Posten in Aussicht hat. Es bewirbt sich auch noch die resolute und selbstbewusste, weitaus intelligentere und scharfsinnige Eileen um diese Stelle. Was Hedda dazu veranlasst, ihr Spinnennetz an Lügen und Manipulation so sehr zu verdichten, dass keiner mehr hindurchkommt. Was folgt, ist ein Abend der geschickten, scharfen Zungen, die Leidenschaft, Wahrheit und Emotionen zur falschen Zeit am falschen Ort auf die Probe stellen.

Frischzellenkur für einen Klassiker

Ibsens Stücke sind eine Herausforderung, weil es darin selten um große klare Umwälzungen geht, sondern das Drama unscheinbare Fallhöhen schafft, die man erst nur am Ende als solche erkennt. Plakative Wendungen gibt es keine, sondern nur welche zwischen den Zeilen, die da gesprochen und von Nia DaCosta, die eben erst im Kino mit ihrem Zombie-Sequel 28 Years Later: The Bone Temple die Verantwortung von Danny Boyle für ein wirkungsvolles Franchise übertragen bekam, so punktgenau entrümpelt und in Form gebracht werden.

Was die neue Hedda von Henrik Ibsens Original unterscheidet, sind die Rollen, sind die verbogenen Beziehungen und gesellschaftlichen Problemzonen, die sich in den gegenwärtigen Zeitgeist integrieren. Homosexualität, Rassismus, Feminismus – obwohl letzteres von Ibsen schon vorweggenommen, hat DaCosta ihre Stück-Adaption dermaßen aufgefrischt, dass zwar immer noch Ibsens tragischer, dunkler Stil erhalten bleibt, sich das Setting aber fast schon in einer zeitlosen, chronologisch schwer deutbaren und sprachlich äußerst eloquenten Modernisierung verorten lässt. So sollte, so muss Theater für die Leinwand adaptiert werden, vor allem klassische Dramen wie dieses. Gelungen ist dabei auch die Besetzung von Tessa Thompson in einer äußerst schwierigen Rolle, die sich, wie viele Rollen in Ibsens Stücken, nicht gerade trivialen Gefühlszuständen hingibt. Was also bleibt hinter der Fassade der Reichen und Schönen verborgen, was darf ausbrechen und vor allem wann?

Alles dreht sich schwindelerregend um die zurecht für diese Rolle Golden-Globe-nominierte Hauptdarstellerin, die dieser undurchschaubaren Charakterstudie atemberaubendes Charisma verleiht und in Nina Hoss einem Konterpart begegnet, der zwischen brüchiger und intakter Fassade gefahrvoll switcht. Hedda entwickelt sich als edel gefilmtes, üppiges Psychospiel und schenkt ihrer Kämpferin deutlich mehr Chancen als Ibsen ihr jemals zugestanden hätte.

Hedda (2025)

Momo (2025)

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

6/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: CHRISTIAN DITTER

DREHBUCH: CHRISTIAN DITTER, NACH DEM ROMAN VON MICHAEL ENDE

KAMERA: CHRISTIAN REIN

CAST: ALEXA GOODALL, ARALOYIN OSHUNREMI, KIM BODNIA, CLAES BANG, LAURA HADDOCK, MARTIN FREEMAN, DAVID SCHÜTTER, JENNIFER AMAKA PETERSON, LINA MARUYAMA, RITAKAHN CHEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN



Den Cast hätte Michael Ende wohl abgenickt. Vor allem mit dem bezaubernd sympathischen Martin Freeman – einem Mann, dem man einfach nicht böse sein kann. Der ehemalige Hobbit und die rechte Hand eines modernen Sherlock Holmes versprüht als Meister Hora den magischen Esprit eines Charakters, den Ende so geschrieben haben muss. Freeman changiert zwischen jovialer Weisheit und kindlicher Verschmitztheit wie einst der gute Heinz Rühmann, der den Meister der Stunden wohl ähnlich dargeboten hätte. Die rotgelockte britische Schauspielerin Alexa Goodall ist ebenfalls ein Glücksgriff – wie einst Radost Bockel steht ihr die verpeilte Lummerland-Attitüde, vermengt mit dem sie umgebenden Mysterium ihrer Herkunft (wie so oft bei Michael Ende) ausnehmend gut. Die Szenen, in denen sie sich direkt konfrontiert sieht mit dem obersten Zeitdieb Claes Bang sind die besten, vor allem auch, weil auch jener, der ein bisschen so aussieht wie Christopher Lee in jungen Jahren, den grauen Anzugträger diabolisches Charisma verleiht, scheinbar unantastbar, allem erhaben, und so falsch wie der Teufel selbst.

Ein Upgrade für den Klassiker

Mit diesem Trio hat die Neuverfilmung von Momo schon eine Menge in trockenen Tüchern. Stellt sich natürlich die Frage: Wie diese parabelhafte Betrachtung der modernen Welt, geschrieben in den Siebzigern, für die heutige Zeit adaptieren, die schon so viel weiter ist als jene aus den Achtzigern, in denen sich Johannes Schaaf an die erste Verfilmung herangewagt hat?

Statt an Zigarren zu ziehen geben sich die Zeitdiebe diesmal den entspannenden temporären Sprühnebel mit dem Inhalator. Ein High-Tech-Armband gibt den Leuten diesmal vor, wann sie wo wieviel Zeit sparen können, es wäre wegen der Prozessoptimierung – mittlerweile ein geflügeltes und durchs Dorf getriebene Fachwort zur Effiziensteigerung. Und schon sind wir angekommen in der schönen neuen Arbeits- und Lebenswelt, die sich, wie kann es anders sein, genauso grau, gehetzt und verkniffen anfühlt wie unsere tatsächliche urbane Welt. Statt Armband haben wir die Apple Watch oder das Smartphone, viele Unterschiede gibt’s da nicht. Hätten wir Momo, würde sie erkennen: Es sind wir selbst, die auf die große Erfüllung hinsteuern, die niemals kommen wird, weil sich auch dort, wo der vermeintliche Silberstreifen am Horizont auftaucht, nur unsere gehetzte Gegenwart spiegelt. Was wollen wir denn damit erreichen, mit all dieser Effizienz? Mehr Profit. Wofür eigentlich?

Weder Hommage noch originär

Michael Endes Allegorie ist so zeitlos und treffend, dass sie sich wie eine perfekte Blaupause für spätere Generationen eignet; ein narratives Template, um die veränderbaren Variablen des Fortschritts ganz einfach zu ersetzen. So variabel wie diese Vorlage erscheint allerdings auch die Umsetzung von Momo für das Zeitalter der Sozialen Medien – vielleicht, weil uns ohnehin jede Menge substanzloser, generischer Content umgibt, der durch den KI-Slop, der im Film ja noch nicht mal berücksichtigt wird, Lebens- und Arbeitsqualität zusehends entwertet. Regisseur Christian Ditter (Vorstadtkrokodile, Biohackers) kann sich kaum für eine visuelle Tonalität entscheiden, mal gerät sein Film als dystopische Achtziger-Science-Fiction, mal als Hommage an Schaafs altem, weitaus stilsicheren Film mit mechatronischer Schildkröte und deutlichen Kulissen, mal als CGI-optimierter Kitsch, wie ihn Peter Jackson in The Lovely Bones gerne hatte. Die Momo-Version 2025 kann sich schwer entscheiden, welchen Weg sie gehen soll, um ihre Geschichte zu erzählen – das bremst den Erzählfluss, passt sich zwischendurch dem Schritttempo der Schildkröte an. Vielleicht sollte man diesen entschleunigten Rhythmus ja gerade deswegen aussitzen, weil die Prämisse ja schließlich jene ist, in Eile langsam zu gehen, wie schon Konfuzius gesagt haben soll.

Das wäre ja schön und gut, aber vielleicht liegt es auch daran, dass der Plot mittlerweile längst allzu bekannt ist und man hauptsächlich bei den Bildern hängenbleibt, die zusammengenommen eine generische Mixtur ergeben.

Momo (2025)

Das Verschwinden des Josef Mengele (2025)

WIE DAS BÖSE DIE WELT SIEHT

8/10


© 2025 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2025

REGIE: KIRILL SREBRENNIKOW

DREHBUCH: KIRILL SEREBRENNIKOW, NACH DEM ROMAN VON OLIVIER GUEZ

KAMERA: VLADISLAV OPELYANTS

CAST: AUGUST DIEHL, MAX BRETSCHNEIDER, DANA HERFURTH, FRIEDERIKE BECHT, MIRCO KREIBICH, DAVID RULAND, ANNAMÁRIA LÁNG, TILO WERNER, BURGHART KLAUSSNER U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Muss man, will man, kann man denn überhaupt einen Film über einen bösen Menschen ansehen? An dieser Stelle wäre es angebracht, über die Begrifflichkeit des Schlechten nachzudenken. Das Böse, so möchte man meinen, existiert, ohne dass es in dem Moment, indem es sich offenbart, weiß, dass es das tut. Reue nennt sich der Effekt, wenn sich das Böse selbst erkennt. Umso erschreckender, wenn es das nicht tut – wenn diese Finsternis auf ewig glaubt, sie wäre strahlend hell wie die Sonne. Das ist dann das inhärente Destruktive einer globalen Gesellschaft, das unter unsagbarer Anstrengung Tag für Tag klein gehalten werden muss, wenn es schon nicht zur Gänze getilgt werden kann. Ist das nicht dieser ewige Kampf des Guten gegen das Böse, dieses oft zitierte Yin und Yang? Ist diese Balance nicht essenziell für die Existenz an sich? Dieser Überlegung widmet sich auch der Japaner Hamaguchi Ryusuke in seinem Gleichnis Evil Does Not Exist.

Der Trotz des Falschen

Die Banalität des Bösen hatte schon Jonathan Glazer in seinem ernüchternd schrecklichen „Familienfilm“ The Zone of Interest dokumentiert – und dabei versucht, die Welt so darzustellen, wie sie aus Sicht des Bösen wohl aussehen möge. Der Holocaust wird dabei zur Nebensache, die so weltbewegend erscheint wie die tägliche Müllabfuhr. Niemand aus dieser Familie Höß hat jemals begriffen, dass sie Falsches tat – bis auf die Schwiegermutter, deren Erkenntnis ob der Gräuel in einer nokturnen Schlüsselszene diese zur panischen Abreise bewegt. In Schindlers Liste ist die Welt des Amon Göth eine, in welcher Macht und Mord einander bedingen müssen, während Psychopathen wie dieser darin ihren Nährboden finden. Und jetzt auch er: Josef Mengele, eine Schreckensgestalt und Verbrecher gegen die Menschlichkeit und die Menschheit an sich, der Todesengel von Auschwitz, dessen Taten schwer zu dokumentieren sind, so vielfältig verheerend lassen sie sich darlegen. Während The Zone of Interest das unmöglich Auszudenkende hinter den Backsteinmauern als dunklen Rauch aufsteigen lässt und den Nazi-Alltag semidokumentarisch betrachtet, geht Kyrill Serebrennikow einen Schritt weiter und gibt diesem Mengele die Möglichkeit, seine Taten und Motive zu reflektieren.

Was gast du nur getan?

Eines vorweg: Es wird ihm nicht gelingen. Es wird auch nicht seinem Sohn Rolf gelingen, der seinen Vater Ende der Siebzigerjahre, zwei Jahre vor seinem Tod beim Schwimmen an der südamerikanischen Atlantikküste, dazu bewegen möchte, seine Taten als falsch einzugestehen. Nichts davon passiert, denn das Böse sieht sich im Recht, es sieht sich als das einzig Logische. Gerechtigkeit wird aus Sicht Mengeles zur scheinbar grundlosen Jagd auf einen im Selbstmitleid ertrinkenden Choleriker, den Klaus Kinski hätte darstellen können. August Diehl ist aber nicht weniger gut dafür geeignet. Der Herausforderung für einen Schauspieler besteht darin, völlig vorbehaltlos in die Rolle eines monströsen Menschen zu schlüpfen, der bis zum Ende glauben wird, dass das Unrecht auf der anderen Seite liegt. Sie anzunehmen, wird seine Spuren hinterlassen, denn egal kann einem wie Diehl so ein Mindset sicher nicht sein. Und dennoch hängt sich der Deutsche hinein in dieses Psychogramm, und meistert dabei mehrere Jahrzehnte der Paranoia, der Verzweiflung, der trotzigen Beharrlichkeit einer kranken Weltsicht, der puren Essenz radikalen, nationalsozialistischen Gedankenguts.

Wenn der Mörder lächelt

Das Verschwinden des Josef Mengele, in expressionistischem Schwarzweiß gedreht und in den verstörenden und an die Nieren gehenden Szenen sogar in Farbe, um die niemals verjährende Aktualität von Verbrechen viel eher in die Gegenwart zu bringen, ist schauspielerischer Brutalismus, das Lamento eines in die Enge getriebenen Unbelehrbaren; eines rechthaberischen, arroganten, zutiefst abstoßenden Patriarchen, dem nicht mal beim Töten Unschuldiger das Grinsen vergeht. Jetzt aber, in den Jahrzehnten nach dem Krieg, ist dieses quälende Versteckspiel eines Flüchtigen nur gut und recht, wenn dieser in seinem Leid genauso feststeckt wie in seiner Weltsicht. Bei jedem Zeter und Mordio ob der Ungerechtigkeit, die Mengele seiner Meinung nach widerfährt, stellt sich jedoch längst nicht diese Genugtuung ein, die man erfährt, wenn ein Antagonist seine Strafe erhält. Ganz klar liegt es an dieser Uneinsicht eines Widerlings.

Warum also so einen Film ansehen? Ist so ein Mensch die Mühe wert, Millionen an Gelder dafür zu verwenden, ihn ins Rampen- und Leinwandlicht zu rücken? Ja, das ist sie. Weil man benennen sollte, wovor man sich wappnen muss. Wie bei The Zone of Interest ist es der Versuch, sich auf die andere Seite zu stellen, nicht direkt in die Dunkelheit, sondern daneben, um zu sehen, was das Böse sieht. Um ein bisschen mehr zu verstehen, wie die Welt tickt. Und es ist die Faszination für Monster wie dieses, die klarmachen, wo ich, wo wir, niemals hinwollen. Dass es das gibt, ist erschreckend und belehrend, zugleich aber auch ernüchternd hoffnungslos, weil es so scheint, als hätten Geister wie Mengele in dieser Welt immer ihren Platz.

Das Verschwinden des Josef Mengele (2025)

Black Phone 2 (2025)

KEIN ANSCHISS UNTER DIESER NUMMER

5/10


© 2025 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: SCOTT DERRICKSON

DREHBUCH: SCOTT DERRICKSON, C. ROBERT CARGILL, NACH DER KURZGESCHICHTE VON JOE HILL

KAMERA: PÄR M. EKBERG

CAST: MADELEINE MCGRAW, MASON THAMES, ETHAN HAWKE, JEREMY DAVIES, MIGUEL CAZAREZ MORA, DEMIÁN BICHIR, ARIANNA RIVAS, MAEV BEATY, ANNA LORE U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN



Was war Scott Derricksons paranormaler Serienkillerthriller nicht für ein akkurater Filmleckerbissen, dahingleitend auf der Mystery-Schiene des Horror-Genres: Ein schwarzes Telefon im Keller eines Psychopathen, das, längst nicht mehr ans Netz angeschlossen, schauderhaft oft die Nerven des entführten Mason Thames kitzelt. Speziell in einem Punkt macht The Black Phone die erfrischende Wende: Nicht die Geister sind es diesmal, die die Lebenden quälen. Sie unterstützen diese, um der Bestie Mensch das Handwerk zu legen. Der von Thames verkörperte Finn ist der letzte einer ganzen Reihe ermordeter Kinder, die noch gar nicht wissen, dass sie überhaupt gestorben sind. Als spukhafte Vision manifestieren sie sich vor den Augen des Entführten und in den Visionen von dessen Schwester, die, daheim um ihren Bruder bangend, als Medium Hinweise genug erhält, um den Ort des Verbrechens letztlich ausfindig zu machen. Derricksons geradliniger Nägelbeisser besitzt ganz schön viel Atmosphäre, hat eine originelle Optik und das Herz am rechten Fleck. Zwar gerät die Sache ganz schon düster, doch letztlich ist The Black Phone zwar kein Feel Good-Horror, aber immerhin ein Feel-Better, je mehr sich die Dinge zuspitzen. Der verzweifelte Kampf Kind gegen Killer, der noch dazu eine so schaurige Maske trägt, weil sich die Mimik darauf auf geheimnisvolle Weise ändert, lässt sich wohl kaum eins zu eins auf ein Sequel übertragen, ohne dass sich dieses den Vorwurf gefallen lassen muss, einfach nur das Erfolgsrezept des Erstlings zu kopieren.

Ist so kalt der Winter

Eben da muss etwas Neues her. Oder eben etwas Altes, neu aufgegossen. Wie zum Beispiel die Idee von einem Psychopathen, der es geschafft hat, den Tod zu überwinden, um in den Träumen anderer aufzutauchen. Natürlich drängt sich da Nightmare – Mörderische Träume mit Antagonist Freddy Krüger auf, der sich mit gesottenem Gesicht, rotgrün gestreiftem Pulli und Klingenfingern durch die Träume argloser Teenies metzelt. Gut kopiert wird fast schon zum Original? In Black Phone 2 kehrt Ethan Hawke wieder zurück, doch anders als Freddy hat der Greifer nur dann freie Fahrt, wenn das Opfer den sechsten Sinn hat. In diesem Fall steht die Schwester des aus Teil eins entführten Finn im Mittelpunkt. Visionen von übel zugerichteten Kindern, die  Jungschauspielerin Madeleine McGraw in ein tief verschneites Wintercamp nach Colorado locken, machen bald deutlich, dass der totgeglaubte „Greifer“ noch lange keine Ruhe findet. Und seit Shining wissen wir: Die Isolation eines Ortes durch Schnee und Eis, diese für einen Thriller dramaturgisch eingegrenzte Spielfläche, auf der nur wenige Parameter über Sieg und Niederlage entscheiden, funktioniert als wohlige Zutat fast schon unter Garantie. Umso bedauerlicher, wenn die Story, die sich in dieses Setting zwängen will, plötzlich deutlich zu viel will.

Albträume in Super 8

Was an Black Phone 2 in Erinnerung bleibt, ist der Sound. Wenn Madeleine McGraw träumt, kippt die Geräuschkulisse in ein unheimliches Rauschen, Knistern und Knacken, der Bildstil gefällt sich als einer, den man von den Super 8-Filmen aus der Frühzeit des Home-Videos kennt. Schaurig ist das ausiovisuelle Experimentieren allemal, wenngleich Verpackung nicht alles ist. Um anders zu sein als das Original, erfinden Derrickson und  C. Robert Cargill ein bemühtes, komplexes Szenario und ziehen dabei die ganze Familie der Protagonisten mit hinein – inklusive Vergangenheitsbewältigung und jeder Menge Cold Case-Fälle, die der Reihe nach auftauen. Der gemeinsame Nenner von allem ist besagter Greifer, der plötzlich mehr ist, als er jemals war. Eine Figur wie diese braucht aber keine Biografie, sie nimmt ihr so manches Mysterium. Das Grauen, das in The Black Phone noch nach dem Zufallsprinzip zuschlägt, erhält in seiner Fortsetzung zu viel an Vorbestimmung und kollektiver Bewältigungspflicht, zu viel des Phantastischen und eine aufgesetzte Mystery, die nicht nur unter der Anstrengung leidet, den direkten Erzählfluss des Vorgängers beizubehalten, sondern sich selbst im Streben nach Originalität deutlich verkopft und verkonstruiert. Da helfen auch immer wieder die gleichen Visionen aus Blut und entstellten Gesichtern nichts, auch nicht Hawkes üppige Zombie-Visage. All das ist nur noch Brimborium mit zu vielen Charakteren, die alle wichtig sein und dem genre-eigenen Credo „Keep it simple“ nicht zuhören wollen. Was bleibt, ist der kämpferische Drang des Guten, dem Bösen die Leviten zu lesen. Die gesunde Wut auf den „Greifer“ ist nach wie vor befreiend – der Rest engt sich zu sehr selbst ein.

Black Phone 2 (2025)

Frankenstein (2025)

DER WERT GANZ GLEICH WELCHEN LEBENS

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

DREHBUCH: GUILLERMO DEL TORO, NACH DEM ROMAN VON MARY SHELLEY

KAMERA: DAN LAUSTSEN

CAST: OSCAR ISAAC, JACOB ELORDI, MIA GOTH, CHRISTOPH WALTZ, FELIX KAMMERER, LARS MIKKELSEN, DAVID BRADLEY, CHRISTIAN CONVERY, CHARLES DANCE, NIKOLAJ LIE KAAS, LAUREN COLLINS, RALPH INESON, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Dass Netflix Guillermo del Toros überbordendes Frankenstein-Drama in Österreich nicht auf die Leinwand brachte, grenzt ja fast schon an Banausentum. Was in Deutschland und anderswo zumindest eine kurze Zeit lang gewährt wurde, hat man hierzulande nicht umgesetzt. Und das, obwohl Frankenstein hinter dem bald erscheinenden dritten Avatar wohl der visuell stärkste Film des Jahres ist. Doch wie die Release-Politik funktioniert, bleibt im Dunst der Unverständlichkeit verborgen. Wirtschaftliche Interessen hin oder her: der Kunst seinen Raum zu geben wäre nur natürlich.

Das Monster als visuelle Variable

So bleibt uns nur der Platz vor dem Fernseher, der zum Glück groß genug ist, um ein bisschen etwas von der Wirkung abzubekommen, die der Film noch hätte entfalten können. Die ist selbst im Kleinformat stark genug, um einen Wow-Effekt zu erzeugen. Denn einer, der Filme wie Hellboy, Pans Labyrinth oder The Shape of Water zustande brachte und der selbst mit der Mystery-Noir-Nummer Nightmare Alley visuell alle Stückchen gespielt hat, darf nun bei Mary Shelleys Schauerroman auffahren, was geht.

Die Latte liegt bei diesem Stoff natürlich hoch – einer wie Boris Karloff in Gestalt von Frankensteins Monster ist so sehr Teil der Filmgeschichte und der Popkultur, das es unmöglich scheint, eine denkwürdige Interpretation entgegenzusetzen, die den Quadratkopf Karloffs auch nur irgendwie verdrängt. Das hat schon Kenneth Branagh probiert. Seine Frankenstein-Verfilmung ist zweifelsohne ein gelungenes Stück Theaterkino, und Robert De Niro als das Monster keine schlechte Wahl, nur blieb der Oscarpreisträger abgesehen von seinem Erscheinungsbild auch als die künstliche Person, die erschaffen wurde, hinter dem möglichen Spektrum an Empfindungen zurück. Bei Dracula selbst liegen die Dinge schon etwas anders, Dracula hat die Variabilität für sich gepachtet, Frankensteins Monster nicht. Doch nun, so viele Jahre später, schlüpft Jacob Elordi in die Kreatur – und schenkt ihm ungeahntes, schmerzliches, mitleiderregendes Leben, wie man es bei Karloff, De Niro und sonstigen Darstellern, die diese Rolle innehatten, vergeblich sucht. Dabei entfernt sich del Toro radikal vom gedrungenen, schweren, unbeholfenen Körper eines denkenden Zombies. Dieser hier ist ein wie aus Lehm geformtes Patchwork-Wesen aus einer anderen Dimension – ein Mann, der vom Himmel fiel. Ein Körper mit dem Geist eines Kindes, das vor den Entdeckungen seines Lebens steht. Die Beschaffenheit der Figur, ihr zusammengeflickter Leib, strotzt vor Anmut, physischer Stärke und verbotener Schrecklichkeit. Kein Wunder, dass Mia Goth als des Wissenschaftlers Schwägerin fasziniert ist von dieser Erschaffung. Denn wir, oder zumindest ich selbst, bin es ebenso.

Über Leichen gehender Ehrgeiz

Ihm gegenüber der Zynismus in Reinkultur – ein vom Ehrgeiz getriebener Möchtegerngott namens Viktor Frankenstein. Überheblich, getrieben, rastlos. Ein Visionär als Metapher für eine vor nichts haltmachenden Wissenschaft, die keine Moral, keine Ethik und kein Mitgefühl kennt, sondern nur sich selbst, den eigenen Ruhm und nicht mal das Wohl aller, welches durch eine Erkenntnis wie diese erlangt werden könnte. So wohlbekannt die Geschichte, so ausstattungsintensiv die Bilder dazu, und zwar von einer farblichen, strahlenden Intensität, dass man es schmecken, riechen und greifen kann. Frankenstein ist ein waschechter del Toro, getunkt in seine Farbpalette aus schwerem Rot, Aquamarin und giftigen Grüntönen. In diesem Bildersturm gelingt aber vor allem genau das, was Filme, die auf Schauwerte setzen, gerne hinter sich lassen: Die Tiefe der Figuren, die Metaebenen der Geschichte. Oscar Isaac kehrt Victor Frankensteins Innerstes nach außen, Jacob Elordi lässt das scheinbar gottlose Wesen als Konsequenz von Diskriminierung und Ablehnung in Rage geraten – als hätte es die Macht, sein eigener Gott zu sein. Frankenstein beginnt und endet im ewigen Eis, in einem Niemandsland ohne Zivilisation. Der richtige Ort, um über das Menschsein zu sinnieren. Dann passiert es, und im Licht der Polarsonne wird das Phantastische zum Welttheater.

Frankenstein (2025)

Stiller (2025)

WIE MAN JEMAND NICHT IST

4/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: STEFAN HAUPT

DREHBUCH: STEFAN HAUPT, ALEXANDER BURESCH, NACH DEM ROMAN VON MAX FRISCH

KAMERA: MICHAEL HAMMON

CAST: ALBRECHT SCHUCH, PAULA BEER, MARIE LEUENBERGER, SVEN SCHELKER, MAX SIMONISCHEK, STEFAN KURT, SABATA SAFET, MARTIN VISCHER, GABRIEL RAAB, MARIUS AHRENDT, INGO OSPELT U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



„Ich bin nicht Stiller!“, versucht sich mehr schlecht als recht der diesem Stiller so frappant ähnlich sehende mittelalte Mann aus der Affäre zu ziehen. Das Problem dabei: Man glaubt ihm nicht. Wie, so Albrecht Schuch in zwar nicht verzweifeltem Tonfall, aber schulbühnenartiger Inbrunst, könne man denn beweisen, dass man jemand nicht ist? Heutzutage alles kein Problem, liegen die notwendigen Papiere griffbereit. Im Zeitalter des Internets und einer sozialen Lebensweise, wo dich zumindest immer eine Handvoll Leute kennt, sind Identitäten meistens bewiesen. Auch der hauseigene Zahnarzt kann da weiterhelfen, liegt man mal irgendwann als verkohlter Überrest unter den abgebrannten Trümmern einer Wohnung. Bei diesem hier aber, bei Max Frischs völlig unidentifizierbarer Figur, scheinen die Parameter eines gesellschaftlichen Wesens, wie der Mensch nun mal eines ist, nicht zu ziehen.

Identifikation ist nicht alles

Jene, die Stiller vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen haben, denen könnte der Lauf der Zeit durchaus auch einen Streich spielen, das Erinnerungsvermögen ein bisschen hinterherhinken. Wie sehr kann sich eine Person in so vielen Jahren schon verändern, es sei denn, er hat sich unters Messer legen lassen? Der Unbekannte und doch Bekannte hat das scheinbar nicht – in den 50er Jahren, in denen Stiller spielt, sind Methoden wie diese zur Unkenntlichmachung des eigenen Ichs wohl noch nicht so in Mode. Also macht der gute Mann wohl keinen auf Udo Proksch, sondern lässt sich während einer Zugfahrt durch die Schweiz erwischen. Man fragt sich, weswegen? Womöglich war Stiller in einem politischen Attentat verwickelt, das nur nebenbei angerissen wird, und da ihn ein mitfahrender Gast als jenen Mann, der er angeblich nicht ist, identifiziert hat, wird dieser in polizeiliches Gewahrsam genommen. Zur Identifizierung muss Tänzerin Julika aus Paris antanzen, sie muss es ja schließlich wissen, war sie doch mit Anatol Stiller verheiratet. Natürlich weigert sich dieser, seine Ehefrau zu erkennen, und während das Gänseblümchen gerupft wird – ist er es, ist er es nicht – erfahren wir, wie es denn überhaupt dazu kommen hatte können, dass man James Larkin White  verhaftet hat.

Ein Buch sperrt sich der Verfilmung

Max Frisch ist stets eine gute Bank für vielschichtige Dramen, moralische Metaphern und gesellschaftskritische Gedankenspiele. Die Sache mit der Notlage eines jeden, unentwegt Rollen spielen zu müssen, die man von anderen zugeteilt bekommt, ohne sich selbst oder jemand anderes sein zu können, kumuliert in Frischs Roman Stiller zu einer Identitätskrise bar excellence, zu einem sachlich-klaren, reduktionistischem Psychospiel über den Versuch eines Neuanfangs, der letztlich scheitert, weil die Fesseln der Vergangenheit nicht abgeschüttelt werden können. Als prachtvoller Plot in literarischer Form mag Stiller den Status als moderner Klassiker verdienen, als filmische Interpretation wird wohl nichts davon in die Filmgeschichte eingehen. Der Schweizer Stefan Haupt, der unter anderem dem Reformator Zwingli eine Biografie geschenkt hat, verlässt sich zu sehr auf die Wirkung eines Titels, der jeder auch nur halbwegs versierten Leseratte geläufig sein muss. Dahinter erkämpft sich ein relativ starrer Albrecht Schuch sein Recht auf freie Identitätswahl, während eine noch eindimensionalere Paula Beer, die nicht nur in Filmen von Christian Petzold mitspielt, ihrem Charakter keinerlei Profil verleiht. Stiller hin, Stiller her – im Schatten einer möglichen Verleugnung ist auch die Hintergrundgeschichte selbst, Stillers künstlerisches Schaffen und seine Beziehungen, mitunter auch eine Liaison mit Marie Leuenberger (Mother’s Baby), die wenig empfundene fiktive Biografie eines verschlossenen Mannes, den man nicht unbedingt kennen muss und dessen Versäumnis, ihn kennenzulernen, auch nicht bedauert.

Der Mann mit den zwei Gesichtern

Dem Psychodrama fehlt es an Psychologie, dem Justizdrama an packenden Indizien, die Literaturverfilmung hingegen leidet dabei an zu viel Routine. Einzig wirklich interessant, irgendwie verblüffend und auch richtig geglückt ist die subversive Idee, Stillers Figur zu Beginn des Rückblicks mit zwei Schauspielern zu besetzen. Will heißen: Nicht nur Schuch spielt Stiller, sondern auch der ihm ähnlich sehende Sven Schelker, und so weiß man nie genau, ob man sich nur einbildet, Stiller mit anderem Gesicht zu sehen oder auch nicht. Irgendwann, in einem unmerklichen Moment, wo man längst auf anderes konzentriert ist, übernimmt Schuch dann vollends. Dieses Spiel mit der Wahrnehmung ist Haupts bester Moment, während die übrige Umsetzung in seinem Pragmatismus reichlich schal wirkt.

Stiller (2025)

Dracula – Die Auferstehung (2025)

DER LÄNGSTE LIEBESKUMMER ALLER ZEITEN

7/10


© 2025 Shanna Besson / LBP – EUROPACORP – TF1 FILMS PRODUCTION – SND/ LEONINE Studios


ORIGINALTITEL: DRACULA: A LOVE TALE

LAND / JAHR: FRANKREICH, FINNLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: LUC BESSON

DREHBUCH: LUC BESSON, NACH DEM ROMAN VON BRAM STOKER

KAMERA: COLIN WANDERSMAN

CAST: CALEB LANDRY JONES, ZOË BLEU SIDEL, CHRISTOPH WALTZ, MATILDA DE ANGELIS, EWENS ABID, DAVID SHIELDS, GUILLAUME DE TONQUÉDEC, HAYMON MARIA BUTTINGER U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


An Caleb Landry Jones hat das französische Film-Urgestein Luc Besson einen Narren gefressen. Der Schauspieler mit den markanten Gesichtszügen brillierte zuletzt als ein Mensch unter vielen Hunden im Thrillerdrama DogMan – und hat vermutlich genug Synergien zwischen sich und dem Regisseur entfacht, um im nächsten Projekt wieder mit dabei zu sein. Diesmal, da ist er nicht einer, der so manchen Vierbeiner durch urbane Gefilde schickt, um unbequemen Gesellen die Gurgel durchzubeissen – diesmal setzt er selbst dort an, als wohl berühmtester Untoter der Literatur- und Filmgeschichte: Als Graf Dracula, vormals Vlad Tepes, der Pfähler – von Bram Stoker mit den Schandtaten einer Gräfin Báthory vermischt und zum charmantesten Blutsauger aller Zeiten auf ewig zum Nonplusultra einer unstillbaren Sehnsucht beschworen. Vergleiche mit Francis Ford Coppolas üppigem Budenzauber Bram Stokers Dracula aus den 90ern sind durchaus erwünscht, gibt es doch tatsächlich in Machart und Optik so einige Parallelen. Dabei mag Luc Besson überhaupt keinen Horror. Wir wissen, dass ein Thriller mit aparten Killerqueens, die die Unterwelt nicht selten mit dem Laufsteg verwechseln, wohl in erster Linie das ist, womit der Mann sein Geld verdient. Was bisher niemals war, wird diesmal zur sogenannten Blutsprobe: Dracula – Die Auferstehung nennt sich der nicht wenig üppige Schinken, und da Besson keinen Horror mag, ist sein Film wohl eher auch im Segment der schwülstigen Fantasy zu verorten, mit einigen wenigen blutigen Szenen, die schließlich sein müssen, sonst müsste man erst gar nicht von Vampiren erzählen.

Der Liebe auf ewig nachjammernd

Auferstehung ist als übersetzter Titel-Appendix deutlich schwächelnd. Im Original deklariert sich der Film deutlich als Liebesgeschichte, womit zumindest im deutschsprachigen Raum das potenzielle Publikum wohl eher gewusst hätte, ob es sich Caleb Landry Jones als Eckzahn-Graf antun sollte oder nicht – gerade dann, wenn man selbst schon nicht so sehr auf Horror steht. Meine Meinung ist: ja, für Hasenfüße, die das eine oder andere Mal in Kauf nehmen können, die Hand vor Augen zu halten, wenn einer untoten Dame der Kopf abgerissen wird, ist Bessons besonderer Blickwinkel ein empfehlenswerter. Denn anders als erwartet weiß Besson die richtigen Schrauben anzuziehen und ein aufgeräumtes Tempo vorzugeben, das den Staub altbekannten Schmuses, der unter dem Teppich gekehrt bleibt, nicht aufwirbelt.

Womit der Kultregisseur wohl den richtigen Riecher gehabt hat, ist sein Hauptdarsteller. Als Vlad Tepes in der Drachenrüstung, der im 15. Jahrhundert eigentlich nur existiert, um sich seiner großen Liebe Elisabeta gewiss zu sein, kämpft er am Schlachtfeld gegen die Osmanen. Als er dann die Hiobsbotschaft erhält, seine Geliebte würde nicht mehr unter den Lebenden weilen, wird aus dem leidenschaftlichen Recken eine zwischen untröstlichem Selbstmitleid und unstillbarem Liebeskummer gebeutelte Ikone des Jammertals und der Wehmut. Durch die Abkehr vom christlichen Glauben findet der zähnefletschende Dämon seinen Weg in die Welt, diesmal auch bei Tageslicht. Gnade wird ihm nach dem Aufspießen der bischöflichen Eminenz nämlich keine gewährt, also muss er ewig leben – schmachtend, hungernd, wartend darauf, dass Elisabeta wiedergeboren wird. Tatsächlich findet er sie – irgendwann im 19. Jahrhundert, und zwar nicht, wie in Bram Stokers Roman, in Yorkshire, sondern in Paris, im Schatten des Eiffelturms, der viel größer erscheint, als er eigentlich ist.

Zwischen Grunge und Märchenbühne

Mit von der Partie ist diesmal auch Christoph Waltz als emotional unterentwickelter Priester, der sich auf das Jagen von Vampiren versteht und diesem Grafen schon seit längerem auf der Spur war. Was Waltz aber an langweiligem Spiel aus der Soutane zaubert, macht Landry Jones wieder wett. Sein Schmachten und Gieren nach Erfüllung und Liebe ist geradezu hinreißend, wenn auch dick aufgetragen. Die feine Klinge mag man bei Dracula – die Auferstehung vermissen, doch das wiederum wäre ohnehin nur Perlen vor die Säue. Dieser Film ist so gleichsam nachtschwarz wie zuckerlrosa, als würde man eine Cremetorte verkosten, die ein bisschen nach Eisen schmeckt. Landry Jones ist auch nicht Gary Oldman aus Coppolas Streifen, sondern die strähnige Grunge-Version auf einer überlebensgroßen Märchenbühne für romantische Erwachsene, die Dracula mal als das sehen wollen, was er vielleicht wirklich immer schon war: Ein verzweifelter Verliebter, als Topf ohne Deckel, als einer, für den die Liebe kein chemischer Prozess ist, sondern eine Philosophie der Unendlichkeit. Was sie letztlich bedeutet, und welche Konsequenzen das hat, mag in diesem Film zu einem überraschenden Outcome führen, sodass der emotional mit sicherer Hand geführte Trip dann doch noch die zarten Töne einer untröstlichen Tragik anklingen lässt.

Dracula – Die Auferstehung (2025)