Frankenstein (2025)

DER WERT GANZ GLEICH WELCHEN LEBENS

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

DREHBUCH: GUILLERMO DEL TORO, NACH DEM ROMAN VON MARY SHELLEY

KAMERA: DAN LAUSTSEN

CAST: OSCAR ISAAC, JACOB ELORDI, MIA GOTH, CHRISTOPH WALTZ, FELIX KAMMERER, LARS MIKKELSEN, DAVID BRADLEY, CHRISTIAN CONVERY, CHARLES DANCE, NIKOLAJ LIE KAAS, LAUREN COLLINS, RALPH INESON, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Dass Netflix Guillermo del Toros überbordendes Frankenstein-Drama in Österreich nicht auf die Leinwand brachte, grenzt ja fast schon an Banausentum. Was in Deutschland und anderswo zumindest eine kurze Zeit lang gewährt wurde, hat man hierzulande nicht umgesetzt. Und das, obwohl Frankenstein hinter dem bald erscheinenden dritten Avatar wohl der visuell stärkste Film des Jahres ist. Doch wie die Release-Politik funktioniert, bleibt im Dunst der Unverständlichkeit verborgen. Wirtschaftliche Interessen hin oder her: der Kunst seinen Raum zu geben wäre nur natürlich.

Das Monster als visuelle Variable

So bleibt uns nur der Platz vor dem Fernseher, der zum Glück groß genug ist, um ein bisschen etwas von der Wirkung abzubekommen, die der Film noch hätte entfalten können. Die ist selbst im Kleinformat stark genug, um einen Wow-Effekt zu erzeugen. Denn einer, der Filme wie Hellboy, Pans Labyrinth oder The Shape of Water zustande brachte und der selbst mit der Mystery-Noir-Nummer Nightmare Alley visuell alle Stückchen gespielt hat, darf nun bei Mary Shelleys Schauerroman auffahren, was geht.

Die Latte liegt bei diesem Stoff natürlich hoch – einer wie Boris Karloff in Gestalt von Frankensteins Monster ist so sehr Teil der Filmgeschichte und der Popkultur, das es unmöglich scheint, eine denkwürdige Interpretation entgegenzusetzen, die den Quadratkopf Karloffs auch nur irgendwie verdrängt. Das hat schon Kenneth Branagh probiert. Seine Frankenstein-Verfilmung ist zweifelsohne ein gelungenes Stück Theaterkino, und Robert De Niro als das Monster keine schlechte Wahl, nur blieb der Oscarpreisträger abgesehen von seinem Erscheinungsbild auch als die künstliche Person, die erschaffen wurde, hinter dem möglichen Spektrum an Empfindungen zurück. Bei Dracula selbst liegen die Dinge schon etwas anders, Dracula hat die Variabilität für sich gepachtet, Frankensteins Monster nicht. Doch nun, so viele Jahre später, schlüpft Jacob Elordi in die Kreatur – und schenkt ihm ungeahntes, schmerzliches, mitleiderregendes Leben, wie man es bei Karloff, De Niro und sonstigen Darstellern, die diese Rolle innehatten, vergeblich sucht. Dabei entfernt sich del Toro radikal vom gedrungenen, schweren, unbeholfenen Körper eines denkenden Zombies. Dieser hier ist ein wie aus Lehm geformtes Patchwork-Wesen aus einer anderen Dimension – ein Mann, der vom Himmel fiel. Ein Körper mit dem Geist eines Kindes, das vor den Entdeckungen seines Lebens steht. Die Beschaffenheit der Figur, ihr zusammengeflickter Leib, strotzt vor Anmut, physischer Stärke und verbotener Schrecklichkeit. Kein Wunder, dass Mia Goth als des Wissenschaftlers Schwägerin fasziniert ist von dieser Erschaffung. Denn wir, oder zumindest ich selbst, bin es ebenso.

Über Leichen gehender Ehrgeiz

Ihm gegenüber der Zynismus in Reinkultur – ein vom Ehrgeiz getriebener Möchtegerngott namens Viktor Frankenstein. Überheblich, getrieben, rastlos. Ein Visionär als Metapher für eine vor nichts haltmachenden Wissenschaft, die keine Moral, keine Ethik und kein Mitgefühl kennt, sondern nur sich selbst, den eigenen Ruhm und nicht mal das Wohl aller, welches durch eine Erkenntnis wie diese erlangt werden könnte. So wohlbekannt die Geschichte, so ausstattungsintensiv die Bilder dazu, und zwar von einer farblichen, strahlenden Intensität, dass man es schmecken, riechen und greifen kann. Frankenstein ist ein waschechter del Toro, getunkt in seine Farbpalette aus schwerem Rot, Aquamarin und giftigen Grüntönen. In diesem Bildersturm gelingt aber vor allem genau das, was Filme, die auf Schauwerte setzen, gerne hinter sich lassen: Die Tiefe der Figuren, die Metaebenen der Geschichte. Oscar Isaac kehrt Victor Frankensteins Innerstes nach außen, Jacob Elordi lässt das scheinbar gottlose Wesen als Konsequenz von Diskriminierung und Ablehnung in Rage geraten – als hätte es die Macht, sein eigener Gott zu sein. Frankenstein beginnt und endet im ewigen Eis, in einem Niemandsland ohne Zivilisation. Der richtige Ort, um über das Menschsein zu sinnieren. Dann passiert es, und im Licht der Polarsonne wird das Phantastische zum Welttheater.

Frankenstein (2025)

Wenn der Herbst naht (2024)

DIE MORAL DER SÜNDIGEN TAT

7,5/10


© 2025 Weltkino


ORIGINALTITEL: QUAND VIENT L’AUTOMNE

LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: FRANÇOIS OZON

DREHBUCH: FRANÇOIS OZON, PHILIPPE PIAZZO

KAMERA: JÉROME ALMÉRAS

CAST: HÉLÈNE VINCENT, JOSIANE BALASKO, LUDIVINE SAGNIER, PIERRE LOTTIN, GARLAN ERLOS, MARIE-LAURENCE TARTAS U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Endlich kein Sommer mehr – obwohl, das muss ich sagen, dieser gerade so ausfiel, als wäre er meinetwegen einige Kompromisse eingegangen. Natürlich Unsinn, Sommer muss auch sein, keine Frage, doch wie in so vielen Fällen ist die Betrachtung dieser Umstände, dass es nun kühl und windig und verregnet ist, eine, die ambivalente Emotionen erzeugt. Der goldene Herbst ist derzeit nicht greifbar, der düstere, trübe allerdings schon. Und beides ist dennoch Herbst in seiner reinsten Form. Schön, wenn man etwas nicht so genau bestimmen kann, davon könnte sich die Moral ein Stückchen abschneiden. Was ist rechtschaffen, was ist niederträchtig oder gar sündig?

Von Pilzen bekommt man Bauchweh

In diesem breiten Spektrum ist für François Ozon die Jahreszeit natürlich als meteorologisches Sinnbild für eine Zwischenwelt schlechthin zu finden – äußerlich wie auch im Inneren eines Menschen, diesmal insbesondere in der Psyche einer älteren Dame namens Michelle, die im wunderschön herbstlichen Burgund ihren Lebensabend verbringt. In Rufweite ihre beste Freundin Marie-Claude (Josiane Balasko), und der geliebte Enkel wird auch bald in die traute Provinz hineinschneien, schließlich sind Herbstferien und beide sind schon seit jeher auf einer Wellenlänge. Anders verhält es sich mit Tochter Valérie (Ludivine Sagnier). Vom Bruch, den die beiden nicht überwinden können, erfährt man anfangs reichlich wenig – ein Grund mehr, um diese ganze familiäre Konstellation in ein schwer deutbares Licht zu rücken, das wie eine tiefstehende Sonne eine nicht unbedingt eiskalte Dunkelheit ankündigt. Erahnen lässt sich hier schon etwas, doch die herbstliche Diffusität lässt keine klaren Verhältnisse zu. Gut so – Ozon, der auch das ausgeklügelte Drehbuch schrieb, gönnt sich, um den Stein ins Rollen zu bringen, den Verdacht eines vielleicht gar vorsätzlichen Mordanschlags, als das Pilzgericht von Oma nicht jedem bekommt – in diesem Fall ausschließlich Tochter Valérie. Natürlich ein Versehen, beteuert die Dame, ihre Verzweiflung ob der unglücklichen kulinarischen Verwechslung wirkt durchaus ehrlich. Zurück aus dem Spital, reist die Tochter, ohnehin schon distanziert, diesmal erbost ab – ihren Sohn im Schlepptau, der aber noch bleiben will. Gar nicht gut für Michelle, ihre Freundin steht ihr bei. Diese wiederum hat einen Sohn, gerade frisch aus dem Knast entlassen, der seit jeher mit Michelles Familie verbunden ist und den Unfrieden ein für alle Mal klären will.

Das Böse meint es gut

Wenn der Herbst naht spinnt ein taufrisches, beängstigend kaltes wie auch nachmittagwarmes Geflecht an Schicksalsfäden, die ineinanderlaufen und niemals lose enden. Während viele Figuren in diesem sensenschwingenden Theater des melancholischen Untergangs ganz klar ihre Ambitionen darlegen, bleibt die innere Welt von Oma Michelle, herrlich undurchschaubar dargeboten von Hélène Vincent, der man im Grunde überhaupt gar nichts oder ungefähr so wenig vorwerfen kann wie Miss Marple, moralisches Moorgebiet. Nichts weiß man jemals genau, und dennoch ist die subversive Metaebene dieser ausgesuchten französischen Suspense eine, die Schwarz und Weiß niemals vorsieht. Das Niederträchtige, ich will gar nicht sagen Böse, meint es gut, das Gute sucht sich den harmvollen Weg der zumindest psychischen Gewalt. Die Frage bleibt dabei – und nimmt die Antwort eingangs mit der Rezitation aus dem Neuen Testament rund um Maria Magdalena bereits vorweg: Wo beginnt der gute Mensch und wo endet er? Oder: Wie viel Gewicht hat die Sünde, und wann ist Amoral jemals durch andere definierbar, außer durch einen selbst?

Auch wenn Ozons meisterlich durchdachter Schicksalsreigen auf laubraschelnden Schritten daherkommt, ist dessen innerstes Wesen ein hochgradig provokantes und zum Nachdenken anregendes. Sozialphilosophisch lässt sich einige Male darüber diskutieren, und genauso wie der Herbst, der niemals nur so ist, wie er scheint, mag auch dieses komplexe Werk in all seiner formalen Schönheit letztlich als schummernde, aber in sich ruhende Grauzone wahrgenommen werden.

Wenn der Herbst naht (2024)

Die Wärterin (2024)

WIEVIEL SCHULD BLEIBT DEM GEFANGENEN?

7,5/10


© 2024 24 Bilder

ORIGINALTITEL: VOGTER

LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN 2024

REGIE: GUSTAV MÖLLER

DREHBUCH: GUSTAV MÖLLER, EMIL NYGAARD ALBERTSEN

CAST: SIDSE BABETT KNUDSEN, SEBASTIAN BULL, DAR SALIM, MARINA BOURAS, OLAF JOHANNESSEN, JACOB LOHMANN, SIIR TILIF, RAMI ZAYAT, MATHIAS PETERSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Im Kino kann man das Wort Rache schon bald nicht mehr hören. Aus Hollywood wird der asoziale, verbrecherische Amoklauf aus Trauer, Frust und Wut immer dafür instrumentalisiert, den roten Faden eines Actionthrillers zu rechtfertigen, der mit Verbrechern kurzen Prozess macht. Rache hat da meistens die banale, für alle Gesellschaftsschichten verständliche, niedere Instinktgetriebenheit, die im Moment existiert und keinesfalls vorausschauende Gedanken hegt. Rache ist die Befriedigung eines emotionalen Ausnahmezustands und hat keinerlei nachhaltige Wirkung. Im Fatih Akins Terrordrama Aus dem Nichts quält sich Diane Kruger mit dem Impuls, unbedingt Rache nehmen zu müssen an jenen, die ihre Familie ausgelöscht haben. Wofür? Für nichts. In The Amateur, dem neuen Film mit Rami Malek, wird Selbstjustiz gar vom Geheimdienst geduldet, ohne Konsequenzen. Eiskalt serviert sie auch Marvel-Antiheld The Punisher (Jon Bernthal), der sich ballernderweise dem organisierten Verbrechen entledigt. Diese Schemata wiederholen sich in regelmäßiger Reihenfolge wie das Amen im Gebet. Doch wenn man meint, in diesem Sektor des Rachefilms alles schon gesehen zu haben, dürfte wohl die Rechnung ohne die lieben Dänen gemacht worden sein. Denn die haben Gustav Möller, und Möller hat bereits mit seinem hochspannenden und dichten Kammerspiel The Guilty die Sehgewohnheiten des Publikums auf Hörspielebene gehoben. Was dort ans Ohr dringt, sind raffinierte akustische Bildwelten und ein Dialog, der so viele Fragen aufwirft, das diese an den Grundfesten menschlichen Verhaltens rütteln.

Dieses menschliche Verhalten wird auch zum irrationalen Faktor eines Nervenkriegs zwischen einer Vollzugsanstaltsbediensteten und einem verhaltensauffälligen Mörder, dessen unkontrolliertes Impulsverhalten diesem eine mehrjährige Haftstrafe in einem Hochsicherheitstrakt eingebracht hat. Soweit so klassisch. Doch dann kommt das: Dieser Gewaltverbrecher namens Mikkel hat den Sohn von Wärterin Eva auf dem Gewissen, der selbst wegen diverser Delikte gesessen hat und dort, im Knast, damals auf diesen Mikkel traf – mit tödlichem Ausgang. Der Zufall will es anfangs nicht, dass Eva, tätig im milden Strafvollzug, direkt mit Mikkel konfrontiert wird. Doch sie weiß: Wenn sie sich verlegen lässt, wäre ihr der Mörder ihres Sohnes ausgeliefert. Sie könnte ihm nach Strich und Faden das Leben zur Hölle machen.

So einfach, wie sich Eva dieses unreflektierte Unterfangen vorstellt, wird es allerdings nicht werden. Mikkel ist schließlich nicht auf den Kopf gefallen, und bald wird ihm klar, dass es diese hasserfüllte Wärterin ganz besonders auf ihn, und nur auf ihn abgesehen hat. Dieses Geheimnis der trauernden Mutter trägt Eva schließlich mit sich herum, ohne das irgendjemand etwas davon weiß. Somit erreicht der Psychokrieg zwischen den beiden eine Eigendynamik, die beide nicht werden kommen sehen.

Weit weg von den Banalitäten eines trivialen Unterhaltungskinos, das Ambivalenzen großräumig umschifft, setzt Die Wärterin zwei unbequeme, ungemütliche und keinesfalls schwarzweißgemalten Charaktere ins Zentrum. Was Sidse Babett Knudsen (Nach der Hochzeit, Club Zero) in vorzüglicher Rollenbeherrschung an Amoral und Niedertracht zulässt, ist für eine Protagonistin wenig sympathiefördernd. Und dennoch entwickelt sich keine Ablehnung gegen diesen Charakter, genauso wenig wie für den vorbestimmten Antagonisten, in diesem Fall Sebastian Bull als Straftäter und asozialen Problemcharakter Mikkel. Möller dröselt die Ordnung von Schwarz und Weiß soweit auf, dass nur noch eine Grauzone vorherrscht, in der beide Opfer und Täter zugleich sind. Die anfangs moralisch vertretbare Rache wird zum Mobbing, diese zur nackten Gewalt. Umgekehrt missbraucht Mikkel seine Rolle als Gedemütigter, um auf Eva seinerseits Druck auszuüben. Dieses Kräftevakuum lässt Die Wärterin zu einem starken, expliziten Schlagabtausch anschwellen, der nichts beschönigt, romantisiert oder dafür nutzt, um die christlich-sozialen Werte der Vergebung zu exemplifizieren.

Möller will gar nicht so weit gehen, den guten Umgang mit Verlust, Trauer und Genugtuung zu predigen, aus dem man gestärkt hervorgeht, weil die Kraft der Vergebung nur durch einen einzigen, akkuraten Prozess zu erlangen ist. Dem widerspricht Möller in jedem Fall. Seine Geschichte packt das Dilemma an der Wurzel und enttarnt vor allem die Rolle der Eva, die mit ihrer wütenden Rache nur sich selbst betrügt und von der eigentlichen Problematik in dieser Sache ablenkt. Letztendlich ist der Faktor des Erkennens die Basis für alles, um sich selbst weiterzuentwickeln und aus einer selbstverschuldeten Verlorenheit auszubrechen. Die Wärterin schildert dies mit düsterer Stimmung, unschöner Momente, aber mit sehr viel Ehrlichkeit und einem bewussten Fokus auf Sidse Babett Knudsens verhärmtes Gesicht, in dessen Mimik sich immer wieder Zweifel um die Art und Weise der eigenen Katharsis widerspiegeln.

Die Wärterin (2024)

Babygirl (2024)

SEXUELLE BEFREIUNG AM ARBEITSPLATZ

7/10


© 2024 Constantin Film / Niko Tavernise


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: HALINA REIJN

CAST: NICOLE KIDMAN, HARRIS DICKINSON, ANTONIO BANDERAS, SOPHIE WILDE, ESTHER MCGREGOR, VICTOR SLEZAK, ANOOP DESAI, MAXWELL WHITTINGTON-COOPER U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Alle sprechen von Künstlicher Intelligenz. Doch niemand, wirklich niemand, von Emotionaler Intelligenz. Betrachtet man das Weltgeschehen, schmilzt dieser Skill genauso zügig davon wie die vereiste Nordpolkappe, die bald nicht mehr existieren wird, weil 20 Grad zu warm. Von dieser Emotionalen Intelligenz spricht Romy, CEO eines Robotikunternehmens, die genau weiß, was für Vorteile Automatisierungen am Arbeitsplatz und überhaupt in der Logistikbranche mit sich bringen – die aber auch genau weiß, wie wichtig es gerade in Zeiten wie diesen ist, sich selbst nicht automatisieren zu lassen. Wer diktiert also wem die Zukunft? Der Fortschritt uns Menschen – oder umgekehrt?

Derlei ungewöhnliche Gedanken spinnt Halina Rejin in ihren Film, der beim schnellen Hinsehen so wirkt, als wäre er die Neuauflage eines Streifens aus den Neunzigern mit Demi Moore und Michael Douglas, nämlich Enthüllung. Man könnte auch meinen, bei Babygirl an eine Business-Version von Fifty Shades auf Grey geraten zu sein. Nichts dergleichen ist der Fall. Reijn, die zuletzt mit dem One-Night-Horrorthriller Bodies Bodies Bodies für gewitzte, aber oberflächliche Unterhaltung sorgte, hat etwas ganz anderes im Sinn: Weniger eine Parabel um Macht und Ohnmacht, sondern ein genau beobachtetes Gesellschaftsdrama über Individualität, Bedürfnisse und Prioritäten. Über Werte, Konsens und Konsequenzen. Natürlich erotisch aufgeladen, natürlich spielt der Sex dabei die größte Rolle überhaupt. Klar, Sex ist wichtig in einer Beziehung, egal wie, egal was, Hauptsache einvernehmlich. Sex mag Motor, Kitt und Garant für eine langlebige Beziehung sein, mag entspannen, erforschen und näherbringen. Dumm nur, wenn der eine Partner nichts von den Bedürfnissen und Vorlieben des anderen weiß.

In Babygirl ist die Menschheit im Begriff, ohne Rücksicht auf Verluste so schnell voranzuschreiten, dass sie sich beinahe selbst abschafft. Im Gegensatz zur technologischen Intelligenz kämpft die soziale nach wie vor mit Tabus, unter Kapazundern wie Trump, Musk und Co erfährt sie den Niedergang des Jahrhunderts. Nicole Kidman macht da nicht mit. Sie als integre, toughe Romy wittert, auch wenn sie es sich selbst nicht zugesteht, die sexuelle Befreiung und die eigene Akzeptanz in der geheimen Affäre mit einem weitaus jüngeren Praktikanten, der ausgeschlafen genug ist, um seinen Boss zu manipulieren und aus der Reserve zu locken. Du willst es doch auch, hört man ihn sagen. Und ja, sie will es. Es stellt sich die Frage: Wie lange kann dieses verbotene sexuelle Abenteuer denn geheim bleiben? Und überhaupt: Was ist mit der Moral in Zeiten wie diesen? Ist es überhaupt eine Frage derselben? Oder muss sie neu definiert werden?

Es ist spannend, dabei zuzusehen, was Halina Reijn aus diesem ganzen relevanten Stoff letztlich macht: Allen voran schickt sie eine bereits für Jahrzehnte im Filmbiz kontinuierlich arbeitende Kidman auf die Bühne ihres Lebens. Zumindest scheint es so, als würde die bereits mit dem Oscar ausgezeichnete Allrounderin völlig neue Aspekte an ihrem schauspielerischen Tun entdeckt haben. Ihre Figur der Romy ist mutig, eloquent, gleichzeitig schamhaft, schüchtern, unsicher und verletzlich. In deren Kindheit dürfte Relevantes passiert sein, das womöglich nicht unwesentlich daran beteiligt ist, sie so agieren zu lassen, wie sie es in diesem Film tut. Reijn erachtet Details dabei aber nicht für wichtig. Einzig ausschlaggebend ist das Handeln im Jetzt – und hier zeigt sich Kidman von einer zerrissenen, sehnsüchtigen und selbstbewussten Seite, die wie KI alles in den Griff bekommen will. Nur: Das eine geht nicht ohne den menschlichen Faktor. Und der bleibt fehlerhaft, impulsiv, unüberlegt – wie Individuen eben sind. Diese Menschlichkeit, auf geradezu klassisch retrospektive Art, bringt Kidman in diesen Film ein, und überzeugt auf ganzer Länge. Dass die Academy sie dabei nicht berücksichtigt hat, ist ein fahrlässiger Fehler.

Sie allein stemmt das Ensemble, das einen aufschlussreich intelligenten Film garantiert, nicht im Alleingang. Antonio Banderas ist so untypisch Antonio Banderas, dass man fast zweimal hinsehen muss, um den Weltstar auszumachen. Sein Schauspiel hat ebenfalls, wie Kidman, eine Menge an Facetten, die ihn trotz der knappen Spielszenen so greifbar werden lassen, als kenne man ihn persönlich. Harris Dickinson ist der experimentierfreudige Jungspund einer Zukunftsgesellschaft – dominant, egozentrisch, doch kein Christian Grey, sondern viel unberechenbarer. Babygirl wird zum schauspielerischen Genuss und setzt den Preis für die Erfüllung geheimer Wünsche recht hoch. Sex ist dabei nicht alles, der Konsens ist die Lösung – und so ist Babygirl weder ein Thriller noch ein lasziver 9 1/2 Wochen-Schmachtfetzen, sondern eine neu durchdachte Nachjustierung quer durch die verschiedenen Vertrauenszonen der Gegenwartsgesellschaft.

Babygirl (2024)

The Apprentice – Die Trump Story (2024)

MAN MUSS EIN SCHWEIN SEIN IN DIESER WELT

7/10


theapprentice© 2024 Filmladen


LAND / JAHR: USA, KANADA 2024

REGIE: ALI ABBASI

DREHBUCH: GABRIEL SHERMAN, ALI ABBASI

CAST: SEBASTIAN STAN, JEREMY STRONG, MARIJA BAKALOWA, MARTIN DONOVAN, CHARLIE CARRICK, EMILY MITCHELL, PATCH DARRAGH, MARK RENDALL U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Ebenezer Scrooge hatte immerhin noch den Anstand, seine Abneigung vor den Menschen zuzugeben. Der Misanthrop wird eines Besseren belehrt werden, und zwar von drei Geistern, die Scrooge dazu bringen, über sein Tun zu reflektieren. Diese weisen Wesen wünscht man sich sehnlichst angesichts eines Wahltriumphes, der sich wie Realsatire anfühlt und von welchem man am liebsten glauben möchte, dass alles wäre nur ein sehr verspäteter Aprilscherz. Angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte folgt die Ernüchterung auf dem Fuß, denn so viel Fantasie lässt sich maximal bei den Simpsons als bizarre Zukunftsvision erleben. Tatsächlich aber ist der Mensch ein wahnsinnig leicht manipulierbares Herdentier, welches sich wie Wollvieh gerne in ein Geviert sperren lässt, damit man ihm das Blaue vom Himmel lügen kann. Passt die Verarsche schließlich in die eigene Convenience-Blase, sind alle glücklich.

Um so eine Vorgehensweise als Politiker an den Tag zu legen, muss einer wie Donald Trump damit kein Problem haben, wider besseren Wissens falsche Fakten zu verbreiten. Und das nur, um Macht zu gewinnen oder besser gesagt: diese zu erhalten. Denn gewonnen hat dieser alte weiße Mann schon alles. Dass den Niederträchtigen die Welt gehört, war schon immer so. Man muss ein Schwein sein in der Gesellschaft, man darf sich nichts gefallen lassen. Und man muss mit unlauteren, illegalen Mitteln arbeiten, um auf schnellstem Wege das zu bekommen, was man will. Rechtschaffenheit ist dabei ein Fremdwort, das in Ali Abbasis The Apprentice (bezugnehmend auf Trumps ehemals eigene Casting-Show) ein einziges mal fällt. Rechtschaffenheit, Werte, Aufrichtigkeit. Dabei hat Donald Trump im alles verschluckenden Schatten seines Vaters Fred den Eifer eines gewissenhaften Wirtschafters vor sich hergetragen. Von Tür zu Tür ist er gegangen, um die Mieten der familieneigenen Immobilien zu kassieren. Doch für etwas Besseres hat sich der Blondschopf schon immer gehalten. Und landete so in elitären Clubs für ausgewähltes Klientel. Einer dieser Stammgäste war Roy Cohn. Des Teufels Advokat oder der Teufel als Advokat – wie man es nimmt. Der solariumgebräunte Tunichtgut, der mit Sicherheit als Vorbild für den Breaking Bad-Alleskönner Saul Goodman hergehalten hat, findet in Trump einen Schüler, den er zur mächtigen und unerschütterlichen Nemesis für das liberale Amerika formen kann.

Überraschenderweise verhält es sich bei The Apprentice so, dass Ali Abbasi (u. a. Border, Holy Spider) gar nicht vor hat, ein propagandistisches Schmähwerk zu errichten, angespornt durch linke Lager. Sein Donald Trump ist keine Parodie, keine Monstrosität, kein plakativer Finsterling. Seinem Weltmann begegnet der Film ohne Vorbehalte, vertraulich und offen genug, sich auch manchmal vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Eine finstere Farce ist das biographische Drama auch nicht, vielleicht eher eine Parabel, ein moralisches Gleichnis und eine kritische Abhandlung toxischer Methoden und Lehrsätze, die Verheerendes anrichten können. Mit Sebastian Stan und Jeremy Strong hat Abbasi ein ausgesucht ambivalentes Duo gefunden, das zur Gänze hinter ihren biographischen Figuren verschwindet. Stan ist im Übrigen kaum mehr wiederzuerkennen. Auch er will seinen zu spielenden Charakter nicht durch den Dreck ziehen. Er will ihn läutern, indem er die Wandlung vom nichtsahnenden Greenhorn zum ausgefuchsten Lügenbaron mit dem Riesenego an chronologischen Eckpunkten festmacht. Die Entwicklung stimmt, stolpert nur am Ende über sich selbst oder will gar zu sehr die Korrumpierung eines Charakters in deftigen Verhaltensabnormen seinem Publikum noch einprägsamer vor Augen führen als notwendig. Ja schon gut, wir erkennen ohnehin, welche Richtung Trump letztlich einschlagen wird. Da bleibt Cohn als schmächtige Schreckensgestalt noch die unberechenbarere Bedrohung. Der Dynamik von Meister und Schüler aber folgend, wird letzterer sein Vorbild irgendwann stürzen.

Alles bekämpfen, nur nichts zugeben, und stets gewinnen, auch wenn alles verloren scheint: Die Dreifaltigkeit des Machtkalküls dringt der Trump’schen Figur aus jeder Pore. Mit zunehmender Verkommenheit leidet auch die Bildqualität von Abbasis Versuchsanordnung, und das selbstverständlich absichtlich. Diese manchmal beängstigende Biografie macht einerseits Lust, sich mit der neu gewonnenen Ordnung in Übersee auseinanderzusetzen, andererseits weckt der beklemmende Werdegang den Widerstand, eine Welt wie diese unter dem Befehl eines Mannes wie diesen als gegeben zu akzeptieren. Zumindest zu diesem Werk hätte Trump ausnahmsweise mal stehen können. Womöglich schmeichelt es ihm mehr als uns lieb ist.

The Apprentice – Die Trump Story (2024)

Small Engine Repair

WOZU HAT MAN FREUNDE?

7,5/10


smallenginerepair© 2021 Vertical Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JOHN POLLONO, NACH SEINEM THEATERSTÜCK

CAST: JOHN POLLONO, JON BERNTHAL, SHEA WIGHAM, SPENCER HOUSE, JORDANA SPIRO, CIARA BRAVO, JOSH HELMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Nicht alle Bühnenstücke eignen sich zur Verfilmung fürs Kino. Dieses hier schon. Womit also kein Grund besteht, Small Engine Repair unter dem Radar fliegen zu lassen. Das Theaterstück von John Pollono, der in vorliegendem Film auch Regie geführt und die Hauptrolle übernommen hat, entwickelt sich so unerwartet, dass man lange Zeit eigentlich nicht weiß, womit man es zu tun hat. Mit einem gediegenen Melodram rund um Freunde und die Zeit, die an diesem sozialen Gefüge nagt? Oder mit einem sich langsam anbahnenden Thriller, dessen Ursprung lange im Verborgenen liegt und in so manchen Dialogzeilen, ohne dass es so recht bewusst wird, bereits vorweggenommen werden kann. Zu viel über Small Engine Repair zu verraten, kann leicht passieren und wäre auch zu schade. Dieser kleine, hemdsärmelige Film kommt durch die Hintertür an den Schauplatz einer schmucken Werkstatt und füllt die mit dem Duft von Schmieröl und halbdurch gebratenen Steaks durchzogenen vier Wände mit topaktueller Relevanz.

Für dieses besondere Werk konnte Pollono zwei durchaus namhafte Schauspieler verpflichten: Jon Bernthal, der bärig-sympathische Kumpeltyp auch fürs Grobe und vielleicht nicht ganz so Legale – und Shea Wigham, betont abgemagert und blass, stets mit Mütze und nerdigem Knowhow. Beide geben jahrelange Freunde von Frank Romanowksi (John Pollono), der Schwierigkeiten hat, seine Impulse unter Kontrolle zu behalten. Da kann es schon mal passieren, dass die Hand ausrutscht – und sich nicht mehr stoppen lässt. Gewalt ist sein Problem, und das führt dazu, dass der Freundeskreis zerbricht – bis Jahre später all die damals Vergraulten zu einem Grill- und Männerabend in Franks Werkstatt gerufen werden, um Vergangenes auszusprechen und sich wieder zu versöhnen. Das tun sie dann auch, es wird umarmt, gescherzt, Anekdoten aus den letzten Jahren preisgegeben, Bier getrunken und sogar Gras geraucht, das ein Kerl vorbeibringt, der seltsam distanziert, ja gar arrogant wirkt, der sich aber dazu überreden lässt, bei dieser kleinen Party auch sonst so mitzumischen. Mit diesem Kerl hat Frank aber etwas vor. Und genau dafür braucht er seine Freunde.

Es gibt Garagenbands, und es gibt Garagenfilme. Dieser ist einer davon. Ein Film für kleine Bühnen. Doch mehr braucht man oft nicht. Pollono statuiert mit seinem unter Anspannung sozialisierenden Männerdrama ein Exempel für Verantwortung und Achtsamkeit. Wie weit, lässt er auch fragen, geht das Einstehen für den anderen, wenn der andere ein Freund ist, der den Rückhalt entsprechend verdient? Es wird Abend, dann wird es Nacht rund um diese Werkstatt, das Neonlicht taucht den Verschlag in ein graugrünes Versuchslabor aus Wut, Sorge und Vergeltungsdrang. Irgendetwas ist hier im Argen, und wie Pollono dieses Arge aus dem bemüht versöhnlichen Beisammensein herauskitzelt, bleibt unvorhersehbar und nicht minder verblüffend. Die Wendung mag brillant sein, kann aber auch für andere vielleicht ein bisschen zu aufgesetzt wirken, zu gewollt globale Probleme erörternd, die auf diese Art hier vielleicht gar nichts zu suchen hätten, weil es die derbe Schulterklopfromantik gestandener Typen konterkariert. Doch genau das ist das Irre an dieser so schmerzvollen wie improvisierten Geschichte, die so plötzlich über einen lauen Herbstabend hereinbricht wie ein frühes Wintergewitter.

Small Engine Repair

X

DIE ALTEN ALS FEINDBILD

6/10


x© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: TI WEST

CAST: MIA GOTH, JENNA ORTEGA, BRITTANY SNOW, KID CUDI, MARTIN HENDERSON, STEPHEN URE, OWEN CAMPBELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Gegen diesen alten Griesgram ist Hogwarts Hausmeister Filch aus dem Harry Potter-Universum geradezu die Freundlichkeit in Person: Wie der knorrige Greis mit der Flinte auf den jungen Herren da zielt, die Mundwinkel gleich einer bissigen Karikatur böse heruntergezogen, und bei den wenigen Worten, die der Alte da von sich gibt, blitzt ein einzelner Zahn in einem Gebiss, das dringend Dritte benötigt – spätestens nach dieser Begegnung wird klar: Hier lässt sich wohl kaum etwas von der älteren Generation lernen, denn diese sinistre Gestalt führt sicher nichts Gutes im Schilde.

Wie jetzt? Vor den Alten braucht sich von den Jungen doch niemand zu fürchten, oder? Einfach den Sitzplatz in den Öffis überlassen, über die Straße geleiten oder die schweren Einkaufstaschen abnehmen – das ist schon die halbe Miete, um die Brücke zu schlagen zwischen Gestern und Heute. Falsch gedacht. Die Älteren werden oft unterschätzt, da sitzt der Griesgram, der Neid und die entbehrlichen Erfahrungen aus Kriegen und Notzeiten manchmal ganz tief. Die eigene Erziehung, die durchaus mit Gewalt und militanter Prüderie einhergegangen sein mag, prägt das Handeln. Und dann das: ein junges Filmteam macht sich auf dem Anwesen des zahnlosen Alten mitsamt seiner gespenstisch erscheinenden Gattin breit. Es will einen Film drehen, und zwar nicht irgendeinen, sondern den womöglich besten Pornofilm aller Zeiten. Zumindest ist die Begeisterung groß bei den jeweils drei Männern und Frauen, die sich auch nicht wirklich die Mühe geben, die Bauersleut‘ über die pikanten Umstände aufzuklären.

Da gehört schon ein ordentliches Quantum an Respektlosigkeit dazu, allerdings auch ein gesundes Revolutionsbewusstsein, das in heller Koitusfreude die katholizistische Prüderie der amerikanischen Predigergesellschaft aufzubrechen gedenkt. Nicht mit den Alten, lautet in Ti Wests blutigem Psychothriller die Devise. Denn die sind immer noch da und gefälligst ernst zu nehmen. Auch wenn sie den Eindruck vermitteln, längst im Morast der Demenz zu versinken.

Selten hat man die Generation der 80 plus so sehr der Hilfsbedürftigkeit entledigt gesehen wie in X, abgeleitet vom X-Faktor, dem gewissen Etwas. Altwerden geht hier einher mit Missgunst, Frust und Manie. Anders Houchang Allahyaris generationenübergreifender Liebesfilm Der letzte Tanz. Hier haben wir Erni Mangold als innerlich junggebliebene Tänzerin, die im Altersheim eine Beziehung mit einem Pfleger eingeht, der ihr Enkel hätte sein können. Auch so lassen sich die Bedürfnisse des Alters darstellen. In Don’t Breathe ist der mit Vorurteilen getarnte Mythos der Senilität das letzte Überbleibsel einer wehrhaften Elite, die der Ignoranz der heutigen Jugend effektiv die Stirn bietet. Anders bei Ti West: Dort ist das Alter das marode Ergebnis einer Gleichung aus Moraldiktatur und vorenthaltener Freiheiten. Da es sich bei X natürlich um Entertainment-Horror handelt, werden auch entsprechend und auf vielfältige Art und Weise brutal die Leviten gelesen. Dabei greift West in den stilistischen Zitatenschatz der italienischen Giallo aus den Siebzigern, verbunden mit Elementen des Haunted House-Horrors und amerikanischer Grindhouse-Slasher. Mittendrin Mia Goth als zukünftiges Porno-Starlet, die wohl mit Simon Rex aus Red Rocket eine Freude gehabt hätte, gefolgt von einer bestens auf Siebziger getrimmten Gefolgschaft, die nach und nach dezimiert wird.

Das beinhaltet nun nicht die große Palette an Überraschungen, die auf einen zukommt. Überraschend sind wohl eher einige Ungereimtheiten im Skript, die verhindern, dass der Film seine logischen Parameter hat. Oder wie lässt sich sonst erklären, dass ein seniles Ehepaar wie dieses einen ganzen Bauernhof führt? Plausibilitätsferne Symbolik ist in X vermehrt zu finden, darunter auch der ganz besonders inszenierte Ekel vor dem Altwerden, das mit dem Rühren an Tabuthemen auch sein Publikum verschrecken will. Ob das gelingt? Kommt ganz auf die Toleranz der Zuseher an.

X

A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani

DER FLUCH DES ANSTANDS

7/10


ahero© 2022 Filmladen


LAND / JAHR: IRAN, FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: ASGHAR FARHADI

CAST: AMIR JADIDI, MOHSEN TANABANDEH, SAHAR GOLDUST, FERESHTEH SADRE ORAFAIY, MARYAM SHAHDAEI, ALIREZA JAHANDIDEH U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Viel zu oft kommt alles zusammen. Das neue Startup, der Verrat am Geschäftspartner und die Trennung von der Mutter des gemeinsamen Kindes. Und als ob das nicht schon genug Zores im Leben des Iraners Rahim wäre – es kommt noch dicker. Und zwar in Form von Schulden. Der Geldgeber ist unglücklicherweise mit dessen Ex familiär verbunden und auf den Verschuldeten nicht wirklich gut zu sprechen. Also wandert dieser ins Gefängnis – bis irgendwann Licht am Ende des Tunnels aufflackert und das Geld zurückgezahlt werden kann. Normalerweise wüsste man nicht wie, doch in Asghar Farhadis Filmen ist niemals alles normal – der Skandal und die Versuchung hängen kitschigen Sonnenuntergängen gleich am Horizont und keiner kann wegsehen. Auch hier ist die Gelegenheit eine, die Diebe macht, und Rahim Soltanis neue und vor allem inoffizielle Geliebte (eine wilde Ehe ist nichts, was man vom Minarett posaunt) findet per Zufall eine herrenlose Damenhandtasche, die Güldenes in sich birgt. Mit diesem kleinen Schatz lässt sich ihr Geliebter aus dem Knast holen – doch der zögert. Warum nur? Währt nicht ehrlich am längsten? Und wäre es überhaupt moralisch vertretbar, das verlorene Geld anderer Leute für den eigenen Vorteil zu missbrauchen? Nein, sagt sich Rahim – lieber Anstand dort, wo Anstand möglich ist. Schließlich möchte sich der junge Mann auch später noch in den Spiegel schauen können. Viel mehr noch – er tut alles, um die Besitzerin der Tasche aufzuspüren. Das gelingt auch, das Gold kehrt dorthin zurück, wo es herkam – und Rahim ist in den Medien ganz plötzlich der honore Held kommender Tage.

Wäre ja alles gar nicht so schlecht. Lieber ehrlich, integer und aufrecht, als ein falscher Hund, der es sich auf Kosten anderer richtet. Da kann man sich selbst nichts vorwerfen. A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani wäre bis zu diesem Punkt sogar ein Feel-Good-Movie über den Wert der guten Tat, gleich einem idealistisch angehauchten Selbsthilfefilm, den sich hoffnungslose Misanthropen zu Herzen nehmen könnten. Nicht so bei Asghar Farhadi. Da hängt bereits von Anfang an ein Mief aus Missgunst und Selbstgerechtigkeit in der Luft. In einer Welt wie dieser ist der Pranger nicht weit entfernt von jener Stelle, an welcher Gutmenschen von ihren Taten berichten. Doch heißt es nicht in der Bibel: lass die eine Hand nicht wissen, was die andere tut? Das wäre ja prinzipiell so gekommen, doch wo Rauch ist, lodert bald ein Feuer und die Chronologie des Zufalls wird von jenen erzählt, die am wenigsten darüber wissen.

A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani ist die händeringende, betont nüchterne Passionsgeschichte eines Pechvogels, an welchem wohl kaum einer seine Schadenfreude hat. Gut gemeint ist hier teuer bezahlt und Ehrlichkeit der Traum, in welchem man plötzlich nackt mit der U-Bahn fährt. So steht er da, Rahim, eine moralisch-liberale Instanz, ein umgekehrter Hauff ’scher Peter Munk, im übertragenen Sinn gänzlich textilfrei und ohne jegliche Mittel, um sich selbst zu verteidigen. Die Ehrlichkeit, so seziert Farhadi, ist die harmlose Sackgasse, in die derjenige läuft, der sie verbreitet, verfolgt von einem schwurbelnden Mob, der den Hang zur Lüge als den stärksten Trieb verdächtigt – und sich selbst dort aufhält, wo sie am meisten verbreitet wird: In den Sozialen Medien. Die sind das wahre Damoklesschwert für Herrn Soltani, der vor lauter Stolpern über fallende Dominosteine mehr und mehr den Überblick und darüber hinaus den Halt verliert. Doch Farhadi lässt seinen Hiob nicht ganz so abstürzen wie es vielleicht Andrei Swiaginzew (Leviathan) getan hätte. Farhadi glaubt genauso wie Rahim an den Anstand, und hält es bis zuletzt für sinnvoll, diesen zu verteidigen.

A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani

Spider-Man: No Way Home

DIE SPINNE MUSS NACHSITZEN

7,5/10


spidermannowayhome©2021 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2021 MARVEL


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JON WATTS

CAST: TOM HOLLAND, ZENDAYA, JACOB BATALON, JON FAVREAU, MARISA TOMEI, BENEDICT CUMBERBATCH, ALFRED MOLINA, JAMIE FOXX, WILLEM DAFOE, ANDREW GARFIELD, TOBEY MAGUIRE, J. K. SIMMONS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Da kann selbst Dune nicht mithalten: Spider-Man: No Way Home ist wohl der am heißesten ersehnte Film-Blockbuster des Jahres, und das trotz keinerlei Verzögerung durch Corona, denn so ziemlich punktgenau zum vorübergehenden Ende des letzten Lockdowns darf der gelenke Kletterer diesmal so gut wie alles durcheinanderbringen. Kein Wunder, ist der Knabe doch noch relativ grün hinter den Ohren, erschreckend naiv und idealistisch. Da hätte er während der Zeit bei den Avengers doch lieber von den alten Hasen noch anderes lernen sollen als nur: wie bediene ich ein Nanotech-Suit. Da fehlt es Peter Parker leider noch an Erfahrung und gesunder Distanz. Manchmal muss man aber auch nicht ganz so populäre Entscheidungen treffen – eine Lektion, der selbst Politiker gerne aus dem Weg gehen. Diesmal ist Spider-Man dran, sich genau diese Erkenntnis hinter die Ohren zu schreiben. Und der Preis dafür wird hoch sein. So wie die Erwartungshaltung des Publikums.

Denn wir wissen ja: Spidey wird mit Dr. Strange gefährliche Sachen machen, die das Raum-Zeit-Kontinuum und überhaupt die Multiversum-Theorie einem Praxislehrgang unterziehen. Wer da nicht die Vorgeschichten zu diesem nun kommenden Spektakel kennt, wird sich relativ schwertun, den Überblick zu bewahren oder auch nur nachzuempfinden, welche Ausmaße das Ganze hat. Um Spider-Man: No Way Home richtig und schrankenlos genießen zu können, bedarf es profunder Kenntnis diverser Episoden, die noch vor der Gründung des Marvel Cinematic Universe zurückreichen und nämlich dort ansetzen, wo Sam Raimi seinerzeit mit dem populären Netzstrumpfhelden begonnen hat: Nämlich 2002, sechs Jahre vor dem MCU-Einstand mit Iron Man. Eigentlich müsste man wirklich interessierten Sehern, die diese ersten Spider-Man-Filme nicht kennen, dringend ans Herz legen, die Sichtung selbiger nachzuholen. Und nicht nur das: abgesehen von der Kino-Chronik aller Filme sind selbst die auf Disney+ erschienen Serien durchaus hilfreich, wenn man sie gesehen hat, insbesondere was die zweite Post-Credit-Scene betrifft (sitzenbleiben!). Hilfreich wäre auch, bereits Bekanntschaft mit Venom gemacht zu haben. Man sieht: alles kommt zusammen wie das Bündel Spinnenfaden, die Spider-Man so gerne und oft verschießt, um sich durch die Gegend zu schwingen.

Was wohl viele kennen werden, ist der letzte Auftritt von Tom Holland in Spider-Man: Far From Home. Da hatte er alle Hände voll mit Mysterio zu tun, der es wiederum geschafft hat, am Ende des Films die Identität des Superhelden alle Welt wissen zu lassen. Das wäre jetzt für (fast) alle anderen Kostümträger im MCU gar kein Problem, ist deren Klarname doch ohnehin allen bekannt. Fragt sich natürlich: warum muss gerade Spider-Man inkognito bleiben? Dem nachzugehen würde das Comic-Erbe hinterfragen und das kausale Grundgerüst zum Wackeln bringen, also nehmen wir die Tatsache einfach hin. So kommt es, dass alle Welt vergessen hat, dass auch Spider-Man im Infinity-War seinen Beitrag geleistet und die Welt vor Thanos gerettet hat. Dass einer wie Mysterio mehr Vertrauen genießt als die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, bleibt ein weiteres Plot-Rätsel.

Peter Parker geht der Status Quo nun gehörig gegen den Strich, und so sucht er Dr. Strange auf, der ihm bitte schön helfen soll, Spider-Mans Identität erneut zu verschleiern. Der Zauber geht schief und der Magier muss das Ritual abbrechen – nichts ahnend, dass dadurch das Multiversum anklopft, aus welchem dimensionsfremde Superschurken über unsere eigene herfallen wollen. Strange und Spidey müssen diese Indifferenz wieder ins Lot bringen. Während Strange aber den Gesetzen der dimensionalen Logik folgen will und muss, ereifert sich Parker, all die Bösewichte eines Besseren belehren zu wollen, bevor er sie wieder „geheilt“ zurückschickt. 

Das Gute tun um jeden Preis: kann nicht funktionieren. Allen Menschen recht getan? Eine Kunst, die niemand kann. Mit Spider-Man: No Way Home hinterfragt Jon Watts die Reife junger Superhelden und lässt sie an ihrem Gutmenschen-Credo gnadenlos scheitern. Das Abenteuer schildert die Chronik eines  gut gemeinten Misserfolgs und gestaltet sich zu einer Parabel auf Selbstüberschätzung und eine aus idealistischer Verklärung entstandenen Dummheit. Dabei ist es nur gut und recht, Spidey dabei zuzusehen, wie er alles wieder gradebiegen will. Menschen und Superhelden machen gleichermaßen Fehler – das Universum in ihren Gesetzmäßigkeiten allerdings nicht. Und so entsteht ein spektakuläres Gerangel zwischen Inkompetenz und Metaphysik, mit Action satt, einem humorvollen, aber etwas zu verplauderten Triple-Feature und ganz viel Drama, dass sich manchmal selbst zu sehr leidtut. Alles in allem aber ist der dritte Soloauftritt von Tom Holland ein spezielles Guilty Pleasure für Kenner und Fortgeschrittene – alle anderen werden nur halb so viel Spaß haben. Doch auch dieses Quantum würde reichen, um sich gut unterhalten zu fühlen.

Spider-Man: No Way Home

Death Note

AUF DIE SCHWARZE LISTE

5,5/10


deathnote© 2017 Netflix


LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: ADAM WINGARD

CAST: NAT WOLFF, KEITH STANFIELD, MARGARET QUALLEY, WILLEM DAFOE, SHEA WIGHAM, MASI OKA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Dem bleibenden Eindruck folgend, welchen Godzilla vs. Kong bei mir hinterlassen hatte, musste ich mal in Erfahrung bringen, was denn Regisseur Adam Wingard sonst noch so Filmisches fabriziert hat. Dabei stieß ich neben dem Found Footage-Sequel Blair Witch auf die finstere Manga-Verfilmung Death Note, die derzeit auf Netflix abrufbar ist. Eine, wie es scheint, pechschwarze Final Destination-Variante, die allerdings den einzigen Unterschied hat, dass nicht der Tod höchstpersönlich manch Auserwählten ins Gras beißen lässt, sondern ein ganz normaler Mensch. Eins sei dabei angemerkt: dieser ganz normale Mensch, in diesem Fall Schauspieler Nat Wolff, kommt auch nicht aus heiterem Himmel auf die Idee, vor lauter Langeweile andere Menschen sterben zu lassen. Klar wünscht man ab und an rein impulsiv unangenehme Gesellen zum Teufel, doch damit, dass diese schnell erdachten Stoßflüche Wirklichkeit werden, rechnet niemand.

Wirklich nicht? Die seltsame Gottheit namens Ryuk schon, ein metaphysisches Wesen mit joker´schem Dauergrinser und finsterer Igelmähne, schwarz wie die Nacht und mit Augen wie glühende Kohlestückchen. Erdacht wurde diese phänomenale Kreatur von den Künstlern Tsugumi Ohba und Takeshi Obata für ihren titelgebenden Shōnen, einer Art japanischen Comic für männliche Young Adults – die am meisten verbreitete Art künstlerischer Bildergeschichten in Ostasien. Ergänzt mit Willem Dafoes sonorem Organ entsteht so eine den wortkargen Sensenmann in den Schatten stellende Spukgestalt, die so nervig, verführerisch und gleichermaßen erschreckend ist, dass von ihr eine Faszination ausgeht, der sich nicht nur Nat Wollf kaum entziehen kann. Ryuk, obwohl ein Todesgott, erfüllt hier die Ansprüche eines literarisch volkstümelnden Teufels. So wie bei all den anderen Gleichnissen, die von Pakten mit dem Antichrist berichten, denen ein ambivalent zu betrachtender Eigennutz zugrunde liegt, der nicht selten mit den sieben Todsünden korreliert, hat auch Death Note einen moralischen Anspruch zu verlieren.

Diesem Jungen also, Light Turner, fällt buchstäblich ein alter Schinken in die Hände, halb voll gekritzelt mit unzähligen Namen und Todesursachen. Bald darauf erscheint dem völlig verstörten Turner der uns bereits bekannte, nach Äpfeln gierende Shinigami, der ihm alsbald über seine Macht aufklärt. Eine Woche lang ist Turner, wenn er will, Herr über Leben und Tod. Sobald er einen Namen, dessen zugehöriges Konterfei er kennen muss, ins Buch schreibt und dazu noch die Art und Weise, wie derjenige umkommen soll, hat der Tod freie Bahn. Klar, dass so viel Verantwortung einen Otto Normalverbraucher überfordert. Aus wütendem Gelegenheitskiller wird moralischer Ritter. Kann das lange gut gehen? Es wäre kein Fantasyhorror wie dieser, würde das Universum unter diesen Voraussetzungen nicht aus dem Lot geraten.

Aller Anfang ist zumindest mal beeindruckend: Man wähnt sich bereits in einem morbiden Märchen voller explizit dargestellter Blut- und Beuschel-Tode, im Hintergrund der hämisch gackernde Riesenkobold, der seinen Senf dazu gibt. Da es sich hierbei um die Verfilmung eines Mangas handelt, ist es mit einem geradlinigen Plot aber nicht getan. Die ermittelnden Behörden kommen dazu. Einer von ihnen: ein dem Zucker verfallener Hoodie-Träger, der nicht schlafen, eine diabolische Freundin, die ihrem Loverboy das Buch abspenstig machen will. Das alles verstrickt und vertrackt sich zu einem ausladenden und folglich konfusen Mindfuck, der über seine eigenen Regeln stolpert; der sich schwertut, den Blick auf das Wesentliche zu behalten. Das mit dem Buch letzten Endes viel mehr möglich ist, als es scheint, ermattet zusätzlich die Ambition, allen Details folgen zu wollen. Mangas sind generell enorm komplex. Verfilmungen selbiger hinken dabei gerade mal so hinterher. Jüngstes Beispiel: der chinesische Fantasyfilm Animal World rund um eine tödliche Schere-Stein-Papier-Challenge. Auch hier bleibt man stellenweise ratlos zurück. Bei Death Note bleibt nur Ryuk selbst seinen Modi treu, während all das Getöse um Leben und Sterben lassen recht viel an Dynamik verliert.

Death Note