A Quiet Place: Tag eins (2024)

AUF LEISEN PFOTEN KOMMT DIE KATZE

6/10


aquietplacetageins© 2024 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SARNOSKI

CAST: LUPITA NYONG’O, JOSEPH QUINN, ALEX WOLFF, DJIMON HOUNSOU, ALFIE TODD, ELIANE UMUHIRE, ALEXANDER JOHN U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die Katze ist das Symbol des erfolgreichen Widerstands. Denn sie gibt keinen Mucks von sich. Sie weiß, dass sie nicht mal schnurren, geschweige denn miauen darf. Keine Schwierigkeit für so einen Stubentiger. Die leisen Pfoten sind dabei angeborene Gadgets, die wir Menschen uns angesichts einer Endzeit wie dieser gerne wünschen würden. Doch leider spielt es das nicht. Des Menschen Schwerfälligkeit und Ungelenkigkeit, die lärmfreudigen Sohlen festen Schuhwerks und das ständige Keuchen, Husten und panische Kreischen angesichts monströser Schreckgestalten macht uns zur leichten Beute, während Katzen bald die Welt regieren. Gemeint sind mit den Aggressoren extraterrestrische Kreaturen, die warum auch immer eines schönen Tages auf die Erde herabregnen und, sobald sie gelandet sind, aus den Kratern kriechen und Jagd auf alles machen, das Lärm verursacht.

Dass da Homo Sapiens in seiner Massenhysterie laut schreiend und völlig orientierungslos den staksigen Lauschern in die Klauen fällt – diese Verhaltensweise wird in John Krasinskis erdachtem Horrorszenario zur frappanten Reduzierung der menschlichen Bevölkerungszahl führen. Die wenigen, die es dennoch schaffen, trotz höllischer Angst ruhig zu bleiben, sind jene, die sich evolutionstechnisch gesehen als jene, die auf tonlose Weise umherschleichen, die Zukunft sichern. Wie das in urbanem Gelände funktioniert, wo ja alles irgendwie Geräusche macht, und sind es nun tapsende Schritte auf von Splittern übersätem Asphalt, zeigt A Quiet Place: Tag eins. In dieser uns mittlerweile vertrauten Apokalypse findet sich die todkranke Sam wieder, gespielt von Lupita Nyong’o, die mit gruseligen Endzeitszenarien längst schon Bekanntschaft gemacht hat – wären es nun Zombies in Little Monsters oder mörderische Klone in Jordan Peeles kreativem Verschwörungsthriller Wir. Nun sind es Wesen, deren Kopf im Grunde aus gewaltigen Hörorganen besteht, die ein bissfestes Kiefer umrahmen. Das scheint Sam, die ja sowieso nicht mehr viel zu verlieren hat, kaum davon abzubringen, ihre Tagesagenda unbeirrt weiterzuverfolgen. Sie will an den Ort Ihrer Kindheit zurück – und nochmal Petsy‘s Pizza probieren. Auf dem beschwerlichen Weg dorthin trifft sie auf Eric (Joseph Quinn), der nicht mehr von ihrer Seite weicht.

Viel mehr erzählt A Quiet Place: Tag eins tatsächlich nicht. Außer, dass wir endlich mal ein Bild davon bekommen, wie alles angefangen hat. Im Grunde hat man dies in Auszügen bereits in Krasinskis Original gesehen. Braucht es da wirklich noch die ausgewalzte Darbietung eines Schreckens, der nicht wie eine klassische, technologisch überlegene Invasion daherkommt, sondern wie das Hereinplatzen einer invasiven Art, die das autochthone Leben eines Ökosystems namens Erde auseinandernimmt? Nyong’o hat sehr viel Angst, Joseph Quinn ebenso. Die Katze nicht. Sie gibt, als symbolisches Best-Case-Testimonial vor, wie man sich zu verhalten hat. Sie zeigt auf erschreckende Weise, wie unzulänglich der Mensch einer natürlichen Katastrophe entgegentreten muss, während Katzen die Skills dafür bereits besitzen, sich aus dem Chaos heraus neu zu ordnen.

Nyong’o und Joseph Quinn entwickeln das leise Szenario einer Zweckgemeinschaft, Regisseur Michael Sarnoski, der zuletzt Nicolas Cage in Pig auf die Suche nach seinem Lieblingsschwein geschickt hat, setzt auch hier den Fokus viel stärker auf die Fähigkeit des Menschen, zu improvisieren. Eine Besonderheit, die aber nur in der Kooperation funktioniert. Dieses emotionale Zusammenspiel lässt den Grund der Katastrophe fast zur Nebensache werden – es ist wie im Genre des Zombiefilms. Auch hier sind die Untoten nur die Variable einer Ursache, eines von vielen Symptomen für den Ausnahmezustand. Ob nun Monster aus A Quiet Place oder die unabbildbare Entität im Bird Box-Franchise, die alle, die sie sehen, in den Selbstmord treibt: Der Kampf ums Überleben ist in A Quiet Place: Tag eins einer von vielen, fast austauschbar präsentiert sich dieses auf leisen Sohlen dahinwandelnde Abenteuer, das von A nach B oder B nach C  balanciert. Das Extra mit der Stille erhält dadurch aber keine neuen Aspekte – die kreativen Ansätze John Krasinskis in den beiden eigentlichen Filmen finden sich alle genau dort – und weniger in diesem Spin Off, das als Kurzfilm vielleicht weniger Längen gehabt hätte – denn sooft die beiden Survivalisten auch durchschnaufen müssen – jedes Mal scheint einmal zu viel.

A Quiet Place: Tag eins (2024)

Welcome Venice (2022)

VENEDIG IN DER SELBSTREFLEXION

7/10


welcome_venice© 2022 Polyfilm


LAND / JAHR: ITALIEN 2022

REGIE: ANDREA SEGRE

DREHBUCH: ANDREA SEGRE, MARCO PETTENELLO

CAST: PAOLO PIEROBON, ANDREA PENNACCHI, ROBERTO CITRAN, ANNA BELLATO, GIULIANA MUSSO, SARA LAZZARO, OTTAVIA PICCOLO, FRANCESCO WOLF U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Es ist natürlich dreist, zu sagen: Zur Zeiten der Pandemie war nicht alles schlecht. Bei genauerer Betrachtung stimmt das aber. Vor allem hinsichtlich des globalen Tourismus, der zumindest für ein paar Jahre diverse Hot Spots wie eben auch Venedig davor bewahrt hat, mit Menschen aus aller Herren Länder lawinenartig überrollt zu werden. So manch attraktives Ökosystem konnte von dieser Auszeit profitieren, um sich zaghaft zu renaturieren. Bauliche Attraktionen wie die Lagunenstadt konnten ebenfalls durchatmen, sich auf sich selbst besinnen, reflektieren, was auf der Habenseite und der Sollseite steht. Andrea Segre, Venezianer aus Leidenschaft, hat die Zeit genutzt, um Venedig fast gänzlich frei von dem augenkrebsfördernden bunten Wahnsinn freizeitgekleideter Massentouristen unter die Lupe zu nehmen. Anders als in seiner Dokumentation Moleküle der Erinnerung aus dem Jahr 2020 nutzt er die entspannte Nüchternheit eines fischerstädtischen Alltags, um in dieser Ruhe vor dem kommenden Ansturm, der zwangsläufig irgendwann folgen wird, wenn Covid aus den Medien verschwindet, um diesmal eine fiktive Geschichte zu erzählen. Ein handfestes, konfliktreiches Familiendrama um zwei Brüder, deren Lebenskonzepte und Wertebewusstsein unterschiedlicher nicht hätte sein können.

Doch keiner schreit und zetert in knackigem Italienisch herum wie seinerzeit Sophia Loren in den neorealistischen Klassikern der 60er Jahre. Das sprichwörtliche, vielleicht auch klischeehafte italienische Temperament mag überall auf der Stiefel-Halbinsel durchkommen – in Venedig ticken die Uhren anders, sind Geräusche subtiler, schwelt die Morbidität des Metaphysischen wie nirgendwo sonst. Tod in Venedig, Wenn die Gondeln Trauer tragen – entweder ist die Lagunenstadt das Ende von etwas oder hält einen Paradigmenwechsel parat. Wie in Welcome Venice. Und auch dort wetzt der Gevatter seine Sense. Denn ursprünglich waren es drei Brüder, die eine Villa als gemeinsames Erbe verwalten und es eine ganze Zeit lang auch dafür genutzt haben, um die Zunft des Krabbenfischfangs zu zelebrieren. Was sie da so aus den Salzmarschen holen, sind die sogenannten Moeche, die man dann fängt, wenn die Panzer der Krustentiere noch weich genug sind, um sie mit Stumpf und Stiel in die Pfanne hauen zu können. Das ist harte Arbeit, allerdings ist sie Tradition, verbindet die Farmer mit dem Meer, lässt sie kaum abhängig sein von irgendwas, außer den Gezeiten. Einer der Brüder, Alvise, sieht das anders. Er ist Geschäftsmann und Tourismusmanager und wartet nur darauf, dass es wieder losgeht mit der Invasion der Kreuzfahrtriesen, die dieser besonderen Stadt den Charme nehmen, dafür aber Geld bringen. Piero und Toni hingegen feiern die Entschleunigung und die Balance zwischen Geben und Nehmen. Als Toni eines Tages beim Krabbenfischen vom Blitz erschlagen wird und dessen Witwe Alvise ihren Anteil des Hauses überlässt, bleibt nur noch, Piero davon zu überzeugen, dass die Zukunft im kapitalistischen Glück des Fremdenverkehrs liegt.

Ein Bruderzwist zu Venedig, so könnte man Segres Film zumindest theatralisch genug untertiteln. Dabei ist schwer vorauszusagen, wie ein solch verwurzelter Konflikt gelöst werden kann – oder eben nicht. Verflochten mit der Familiengeschichte der beiden Brüder, die versuchen, anhand einschneidender Erlebnisse aus deren Kindheit ihre Überzeugungen zu begründen, reflektiert Welcome Venice mit dieser Chronologie einer übermächtigen globalen Veränderung die Bedeutung und Identität einer zum Ausverkauf stehenden urbanen Besonderheit, die viel Geschichte erzählt und sich zwischen den Zeilen lesen lässt, als wäre es eine Fahrt mit einer Trauer tragenden Gondel durch versteckte, totenstille Kanäle. Die Bilder eines entschleunigten, auf sich selbst heruntergebrochenen Venedigs berühren und versetzen in eine vertraute Stimmung. Obwohl man selbst Venedig, hat man es einmal gesehen, nur oberflächlich kennt, mag der Zustand eines der Öffentlichkeit abgekehrten mediterranen Ist-Zustandes auch emotional nachvollziehbar sein. Man schmeckt und riecht das Meer, dessen Früchte und modrigen Mauern. Wenn sich der Morgen über den Marschen hebt, ist das ein Impressionismus, den Touristen weitaus lieber haben als sich mit den Massen durch die zeitlose Blase einer Welt zu schieben, die gerne mit sich selbst allein wäre.

Segre bleibt melancholisch und ruhig, sein Film birgt Stille, aber auch Trotz. Eine gewisse Erschöpfung geht von allem aus, eine Resignation, die an Pessimismus grenzt. Am Ende findet der Autorenfilmer keinen anderen Ausweg, als einem symbolträchtigen Zynismus zu folgen. Die letzte Szene birgt die Wut einer inneren Katastrophe, und in ihrer fast surrealen Radikalität zählt sie zu den eindrucksvollsten Schlussbildern der letzten Jahre.

Welcome Venice (2022)

Sting (2024)

WENN DER KAMMERJÄGER ZWEIMAL KLINGELT

6/10


sting© 2024 SP Sting Productions / Emma Bjorndahl


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: KIAH ROACHE-TURNER

CAST: ALYLA BROWNE, RYAN CORR, PENELOPE MITCHELL, ROBYN NEVIN, NONI HAZELHURST, JERMAINE FOWLER, DANNY KIM, SILVIA COLLOCA U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Nein, hier geht es nicht um Gordon Matthew Davis Sumner, Kultsänger und gelegentlich Schauspieler (siehe David Lynch’s Der Wüstenplanet). Mit Sting ist hier etwas ganz anderes gemeint, nämlich eine Spinne, die ihren Namen der bleu leuchtenden Ork-Klinge aus J. R. R. Tolkiens Der kleine Hobbit verdankt. Diese Arachnide landet auf sternenstaubigen Schleifspuren, verpackt in einem Gesteinskügelchen, direkt im Kinderzimmer der zwölfjährigen Charlotte (Alyla Browne, die junge Furiosa in gleichnamigem Film), die sich des possierlichen Tierchens und gänzlich frei von Spinnenangst liebevoll annimmt. Dass das extraterrestrische Wesen aber gerne den Ausreißer spielt und andere Hausparteien quält, davon ahnt sie nichts. Was Charlotte aber merkt, ist der unersättliche Hunger des Achtbeiners und dessen rasantes Wachstum. Bis die Eltern davon Wind bekommen, dauert es ein Weilchen, währenddessen verschwindet schon mal die eine oder andere Person. Oder wird ganz einfach angenagt, während das Gift die Extremitäten lähmt.

Sting hat im Grunde alles, was ein launiger Tierhorrorfilm vor allem der alten Schule benötigt. Noch dazu das Quäntchen Familiendrama. Einen Genremix wie diesen zauberte schon vor Jahren Bong  Joon-Ho mit The Host auf die Leinwand, einem koreanischen Fantasy-Hit mit Hang zum nach Abwasser müffelnden Monsterhorror. Nun gibt’s statt Only Murders in the Building „Only Spiders in the Building“: Schauplatz ist New York im Tiefwinter – eine wohltuende Abwechslung zu den flirrenden Sommertemparaturen, die draussen gerade herrschen. Das markante Wetter sorgt für die entsprechende Isolation, die ein Film nach diesem Konzept gewährleisten muss. In Alien waren es die unendlichen luftleeren Weiten, hier ist es der Schneesturm. Und ganz so wie Ridley Scotts Klassiker bietet auch Sting dem Untier jede Menge Zwischenräume, Schächte und doppelte Böden, um je nach Belieben herumzumarodieren. Dabei sorgen wie bei Joon-Ho augenzwinkernde, ironische Stilbrüche für das richtige Gemüt, um an Schauergeschichten wie diesen trotz ihrer offensichtlichen Trivialität dranzubleiben. Die verschrobenen Alten könnten fast schon Nachbarn von Jean-Pierre Jeunets Amélie sein, zum Glück aber wird das Groteske nicht allzu sehr überhöht. Es reicht, dass die demente und unverwüstliche Oma zumindest zweimal den Kammerjäger herbeizitiert, während Papa sich bemüht, mit seiner Stieftochter klarzukommen, die mit ihrer altklugen Art ordentlich nervt. Für Sting ist also das familiäre Süppchen, dass da gekocht wird, eine angedeutete Side Story, die durch den unbekannten Aggressor erst die Bereitschaft zur Lösung eines lange schwelenden Konflikts erlangt.

So groß wie im tricktechnisch fast zeitlosen Klassiker Tarantula wird die Spinne hier aber nie. Sie bleibt eben eine Hausspinne und muss sich im wahrsten Sinne des Wortes nach der Decke strecken. Auch der Film selbst muss dies tun, er muss mit all dem arbeiten, was ihm an begrenztem Raum zur Verfügung steht. Das gerät manchmal ins Stocken, trotz oder gerade wegen einer dekorativen humoristischen Tonalität. Im großen Showdown lassen sich zudem so einige auffallende Parallelen zu anderen Filmklassikern ziehen – nicht nur zum bereits erwähnten Alien-Franchise.

Für Arachnophobiker ist Sting aber wirklich nichts. So, wie das zugegeben gekonnt in Szene gesetzte Monster durch den Luftschacht trippelt oder seine Opfer mal vorab in die Speisekammer verfrachtet, könnte sensiblen Gemüter schon mal in die Nähe der Ohnmacht verfrachten.

Sting (2024)

Im Wasser der Seine (2024)

HAIE DER GROSSSTADT

7/10


ImWasserderSeine© 2024 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: XAVIER GENS

DREHBUCH: XAVIER GENS, YANNICK DAHAN, MAUD HEYWANG, YAËL LANGMANN

CAST: BÉRÉNICE BEJO, NASSIM LYES, LÉA LÉVIANT, ANNE MARIVIN, AURÉLIA PETIT, NAGISA MORIMOTO, SANDRA PARFAIT, AKSEL USTUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Die Zoologen, Hai-Experten und Wissenschaftler dieser Welt gehen auf die Barrikaden. Im Wasser der Seine von Xavier Gens ist Mist oberster Güte, da sei selbst Meg mit Jason Statham, so das Echo, noch logischer. Ehrlich wahr? Wie logisch kann Meg wohl sein, wenn Superactionhero Statham einem Megalodon ins Maul tritt und im Alleingang einer prähistorischen Naturgewalt die Leviten liest? Das ist genauso Edeltrash wie Im Wasser der Seine. Und am besten sind Hai-Horrorfilme genau dann, wenn sie genau das sind: hanebüchener Tierhorror jenseits der Verhaltensforschung, der seinen Zenit in Filmen wie Sharknado erreicht – denn gegen Sharknado ist Im Wasser der Seine ja fast schon akribisch recherchiertes Wissenschaftskino. Und auch wenn es das nicht ist – und natürlich ist es das nicht – gelingt Xavier Gens etwas Kurioses. In diesem wild fuhrwerkenden Szenario, das dazu steht, nicht der Realität entsprechen zu wollen, sondern eher einem irrealen Albtraum, dem man hat, wenn man rein intuitiv, impulsiv und subjektiv über Hai-Horror nachdenkt, finden Mako-Haie, die ja grundlegend auch dafür bekannt sind, zu den gefährlichsten Knorplern zu gehören, die wir kennen, ihren Weg in die Stadt der Liebe. Warum das so sein kann? Nun, die Evolution schläft nicht, und muss sich in Zeiten des Klimawandels, des Raubbaus der Meere und der sonstigen Unwägbarkeiten, die das Anthropozän so mit sich bringt, neu erfinden. Da kann es sein, dass sie auf Express umschaltet und Begebenheiten möglich macht, die Tierkundler zur Verzweiflung bringen.

Eine davon ist Sophie, gespielt Bérénice Bejo, die seit dem Neo-Stummfilm The Artist von Michel Hazanavicius kein unbeschriebenes Blatt mehr ist. Der Horrorthriller beginnt mit einem desaströsen Ausflug in den Pazifik, genau dorthin, wo der verstörende „Müllkontinent“ vor sich hintreibt. Vor der Kulisse eines Schandflecks, den wir Menschen verursacht haben, ist die Natur klarerweise mehr als gewillt, ein Exempel zu statuieren – und löscht Sophias ganzes Team aus. Besagter Mako-Hai hat zugeschlagen – ein dicker, fetter, großer. Genau dieser flosselt gemächlich und Jahre später in der Seine herum, gerade zu einer Zeit, als die Bürgermeisterin der Stadt einen Triathlon organisiert, der zum Teil auch in fließendem Gewässer stattfinden soll. Sophia und Polizeibeamter Adil (Nassim Lyes, bekannt aus Xavier Gens Actionfilm Farang) gehen haarsträubenden Gerüchten nach, da ja prinzipiell nicht sein kann, dass ein Räuber aus dem Salzwasser hier sein Unwesen treibt. Sie werden bald eines Besseren belehrt, und ein Wettlauf mit der Zeit bricht sich Bahn, während der Knorpler frühstückt, als gäb‘s kein Morgen mehr. Dieses Morgen allerdings, steht wirklich bald auf der Kippe.

Man sollte sich dieses Szenario selbst ansehen. Man darf sich wundern und an den Kopf greifen. Und dennoch macht Im Wasser der Seine insofern Laune, da es keinen Jason Statham gibt, der alles richtet. Doch immerhin: Die ignorante Bürgermeisterin, die Wissenschaftlerin, auf die keiner hört, die Öko-Aktivistin, die ihr eigenes Ding durchzieht – im Film wimmelt es von Stereotypen und Rollenklischees. Was diesen bewährten Mustern aber passiert, ist das Konterkarieren ihrer Selbst. Xavier Gens lässt sie alle bluten, es wirbeln Köpfe und Gliedmaßen, da gerät Deep Blue Sea zum Kindergeburtstag. Und der urbane Mensch, ob auf logischem Wege oder auch nicht, wird endlich mal wieder dorthin verwiesen, wo sein Platz ist. Und der ist nicht zwingend am Ende der Nahrungskette.

Im Wasser der Seine (2024)

Eureka (2023)

FRAGMENTE ÜBER DAS VERSCHWINDEN

7/10


eureka© 2023 Grandfilm


LAND / JAHR: ARGENTINIEN, FRANKREICH, PORTUGAL, MEXIKO, DEUTSCHLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: LISANDRO ALONSO

CAST: VIGGO MORTENSEN, CHIARA MASTROIANNI, SADIE LAPOINTE, ADANILO R, JOSÉ MARIA YAZPIK, ALAINA CLIFFORD, VIILBJØRK MALLING AGGER, RAFI PITTS U. A.

LÄNGE: 2 STD 27 MIN


Ein Mädchen verschwindet. Genau genommen die Tochter des dänischen Landvermessers Gunnar, der im späten neunzehnten Jahrhundert in Argentinien weilt. Gespielt wird dieser verzweifelt suchende Mann, der sich in der argentinischen Raumzeit verliert, von „Aragorn“ Viggo Mortensen. Die Rede ist dabei aber vom Film Jauja von Lisandro Alonso, der 2014 ebenso auf der Viennale lief wie letztes Jahr das neueste Werk des Argentiniers: Eureka. Auch in diesem überlangen Werk, welches zwar anmutet wie ein Episodenfilm, es bei genauerer Betrachtung eigentlich nicht ist, gibt Mortensen jemanden, einen abgewrackten Revolverhelden mit schweißnasser Stirn, der seine Tochter sucht. Er durchquert dabei die Prärie und geht dabei über Leichen, das alles gefilmt in 4:3 und in Schwarzweiß. Die Mission des Mannes wird dabei von einem nordamerikanischen Indigenen beobachtet, der frühmorgens seine Trommel ertönen lässt und dabei auf die Welt blickt. So beginnt ein Film, der sich willig dazu entschlossen hat, sich selbst treiben und seine Geschichten zerfransen zu lassen, ohne dem narrativen Dogma nachzugeben, alles auserzählen zu müssen. Bei Eureka braucht man getrost auf gar nichts warten. Denn alles hat kein Ende, und falls doch, dann ist es das vorläufige des Verschwindens.

Es ist ja nicht nur Mortensens Filmtochter, die fehlt. Im gewichtigen Mittelteil des avantgardistischen Werks befinden wir uns im Pine Ridge Reservat in South Dakota während eines klirrend kalten Winters. Der trostlose Ort ist nur noch ein Schatten seiner Begrifflichkeit. Sozialen Missstand gibt es an allen Ecken und Enden, und schon wieder verschwinden Menschen wie zum Beispiel die kleine Mackenzie, die niemand gesehen haben will. Lisandro Alonso verfolgt dabei Lakota-Polizistin Debonna, die für Recht und Ordnung sorgt während der langen Winternacht und nicht nur von dieser sozialen Verwahrlosung, sondern auch von ihren Kollegen bitter enttäuscht ist. Ihre Nichte Sadie (faszinierend: Sadie Lapointe) arbeitet im Jugendheim, um den desorientierten Nachwuchs mit Sport und Spiel auf dem rechten Weg zu halten. Was mit diesen beiden Frauen passieren wird, bleibt offen. Auch sie verschwinden, auf ihre jeweils ganz eigene Art. Zuletzt findet sich Eureka im brasilianischen Dschungel der Siebzigerjahre wieder: Ein Goldwäscher, nach einer Bluttat geflohen von seinem Stamm, muss sich seiner Tat stellen. Auch er ist auf der Suche. Vielleicht nach Absolution, vielleicht nach einem sicheren Leben. Die Allegorie des Verschwindens macht auch hier nicht Halt, in dieser letzten Episode.

So seltsam das alles auch klingt: Eureka ist seltsamer. Wer die Filme des Thailänders Apichatpong Weerasethakul (u. a. Memoria) kennt, wird ungefähr erahnen können, was es zu bedeuten hat, wenn ich meine, dass Alonso in seinen verharrenden, teils unerträglich langen Einstellungen die Essenz des wahrgenommenen Moments, des Daseins, der Existenz einfach nur durch stoische Betrachtung intensiviert. Tatsächlich gelangt er dadurch in die Tiefe, und je länger man hinblickt, um so mehr verändert sich das Bild. Oder es blickt das Bild, frei nach Nietzsche, geradewegs zurück. Das Transzendente dringt in die entbehrungsreiche Wirklichkeit, der Aminismus der Indigenen spielt dabei eine wesentliche Rolle, denn Eureka ist schwer mysteriös. Wonach Alonso genau auf der Suche ist, das könnte vieles sein. Kulturelle Identität, Geschichte, Familie, Stammbaum. Eine sichere Zukunft? Schließlich wissen wir: Eureka, vermutlich von Archimedes ausgesprochen, kommt aus dem Griechischen und heisst so viel wie Ich hab’s gefunden. Letztlich aber bleiben alle diese Figuren im Film auf der Suche nach etwas Verschwundenem, das auf unerklärliche Weise plötzlich nicht mehr da ist oder da sein will.

Unbefriedigender Existenzialismus als zerfranstes Geduldsspiel, das sich seinem Fluss hingibt, egal, welche Bahnen er nimmt: Gefunden hat in Eureka niemand etwas. Doch vielleicht ist es die Lösung aller Probleme, in einem gewissen kapitulierenden Pragmatismus den Abgesang zuzulassen.

Eureka (2023)

Die Herrlichkeit des Lebens (2024)

KAFKA, EINMAL UNVERKITSCHT

7,5/10


herrlichkeitdeslebens© 2024 Majestic/Christian Schulz


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2024

REGIE: JUDITH KAUFMANN & GEORG MAAS

CAST: SABIN TAMBREA, HENRIETTE CONFURIUS, MANUEL RUBEY, DANIELA GOLPASHIN, ALMA HASUN, PETER MOLTZEN, LEO ALTARAS, LUISE ASCHENBRENNER, FRIEDERIKE TIEFENBACHER, MICHAELA CASPAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 99 MIN


Als kafkaesk bezeichnet man groteske gesellschaftspolitische Umstände, Überwachungsstaaten und Albtraumbürokratien. Morphologische Veränderungen, Paranoia und die Angst vor einer körperlosen Übermacht. Will man Franz Kafka darstellen, lässt man ihn gerne so sein wie eine seiner Figuren, orientierungslos, verfolgt und nicht Herr seiner Sinne. Der Autor Michael Kumpfmüller hat über das letzte Lebensjahr des großen deutschsprachigen Schriftstellers einen Roman verfasst und ihn so dargestellt als jemand, der zwar krank war, jedoch keinesfalls so verschroben, wie man ihn gerne hätte. Kafka hatte Stil und war redegewandt wie kein Zweiter. War charmant zu den Damen, nur leider keiner, der, so sagt er selbst, für Langzeitbeziehungen wirklich geeignet ist. Das letzte Jahr seines Lebens gewährt ihm aber dann doch den Schein einer ewigen Beziehung, eine Lebensgemeinschaft bis in den Tod. Dieser jemand an seiner Seite war Dora Diamant – schöner kann ein Name, der kein Künstlername ist, wahrlich nicht klingen. Mit Dora findet Franz Kafka seine ideale Partnerin – und schließlich auch jemanden, der die Leiden einer Lungentuberkulose bedingungslos mitträgt. Alles beginnt in einem idyllischen Nordseesommer beim Spazierengehen am Strand, den Sprösslingen im nahegelegenen jüdischen Kinderheim erzählt er, kauernd im Strandkorb, allegorische Geschichten über Mäuse und Katzen. Dora Diamant lauscht mit – und gerät ins Blickfeld des edlen Herren, den von da an nichts mehr daran hindert, ihr den Hof zu machen. Das Interesse beruht auf Gegenseitigkeit, beide sind klug, beide ticken ähnlich, nur die Krankheit bremst so manche Pläne. Der darauffolgende Winter in Berlin wird zur Belastungsprobe, die Eltern, insbesondere Kafkas Vater, wird auf ewig ein Schreckgespenst bleiben. Bald kann Kafka nicht mehr sprechen, die Tuberkulose breitet sich aus. Doch Dora weicht nicht von seiner Seite.

Melodramatisch ist Die Herrlichkeit des Lebens sehr wohl, doch auf eine gute Art. Auf die einzig richtige Weise, wie man Melodramatisches nur auf die Leinwand bringen kann und dabei genau darauf achtet, jedweden sentimentalen Kitsch zu vermeiden. Denn Melodrama muss niemals sentimental sein. Das Regieduo Judith Kaufmann und Georg Maas finden am Anfang des Films sommerliche norddeutsche Bilder, die an die impressionistischen Malereien Renoirs oder Monets erinnern. Wir sehen eine Holzbank auf einem Aussichtsplatz hoch über dem Strand, um die Rückenlehne ist ein seidenes, auberginerotes Band gewickelt, welches in der Sommerbrise weht. Klingt nach Rosamunde Pilcher? Ist es aber nicht. Diese Romantik verdient es kompromisslos, sich dieser Bildsprache zu bedienen. Inszeniert wird sie voller Respekt vor dem Genre und den historischen Figuren, die sich begegnen. Sabin Tambrea verleiht der literarischen Legende Charisma und Charakter, und vor allem versucht er nicht, sich an dieser bedeutenden Rolle, seinem Geltungsdrang verpflichtet, zu ereifern. Tambrea macht einen Schritt zurück, bleibt besonnen und unaufgeregt. Das gibt der Figur jede Menge Raum. Ebenso Henriette Confurius als Dora: Auch sie authentisch und natürlich, kein bisschen zu viel, niemals zu wenig. Diese beiden schaffen eine immersive Atmosphäre, in die man als Zuseher unweigerlich hineingleitet. Trotz der leisen, fast ereignislosen Chronik eines Abschieds ist es allen voran diese konstante, stilsichere Gefühlswelt, die Kaufmann und Maas hier errichtet haben, die den Zugang zu diesem Film so frappant erleichtern. Keine Regie-Allüren, keine Schauspiel-Allüren, kein bizarres Gemotze wie bei David Schalko. Menschlich und warmherzig gibt dieses Drama einen fast schon intimen Einblick in eine Künstlerseele und seinen Dämonen, in eine späte Liebe und in die Kunst, das Unausweichliche zu akzeptieren.

Die Herrlichkeit des Lebens ist ein strahlend schöner Film, wohltuend und berührend, ohne darauf aus sein zu müssen, dieses Ziel zu erreichen. Das Werk genügt sich selbst, es ist Melancholie mit Understatement.

Die Herrlichkeit des Lebens (2024)

Bad Boys: Ride or Die (2024)

IM TAGESGESCHÄFT DER BALLERMÄNNER

5/10


Will Smith (Finalized);Martin Lawrence (Finalized)© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ADIL EL ARBI & BILALL FALLAH

DREHBUCH: CHRIS BREMNER, WILL BEALL

CAST: WILL SMITH, MARTIN LAWRENCE, JACOB SCIPIO, VANESSA HUDGENS, ALEXANDER LUDWIG, RHEA SEEHORN, PAOLA NÚÑEZ, ERIC DANE, IOAN GRUFFUDD, MELANIE LIBURD, TIFFANY HADDISH, JOE PANTOLIANO, TASHA SMITH U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Welcome to Miami. Das hat Will Smith bereits in den Neunzigern gesungen. Das war, kurz nachdem dieser seinen Einstand als Detective Mike Lowery feiern konnte – unter der Regie von Hochglanz-Sprengmeister Michael Bay, der auch im dritten Aufguss wieder seinen Cameo hat. An seiner Seite Ulknudel Martin Lawrence, beide damals noch jung und schlaksig und so richtig böse Buben, die aber für das Gute kämpften und gerne zu zweit aus der Deckung ballerten. Miami ist auch nun wieder das heiß umkämpfte Pflaster, auf denen Drogenkartelle ihre Interessen vertreten und die Polizei nicht in den Everglades, sondern im Korruptionssumpf watet. Dieser Nährboden ist das Tagesgeschäft der beiden aufeinander eingeschworenen Seelen (mit oder ohne Gemächt), im Grunde also alles nicht neu und nur sich selbst wiederholend. Diesem Umstand kann einer wie Will Smith nur gegensteuern, indem er seine Therapeutin heiratet und Buddy Markus Burnett davon abhält, nach einem Herzinfarkt nicht gleich vom Dach des Krankenhauses zu springen. Ja, das Leben hinterlässt so seine Spuren. Und dennoch versuchen Adil El Arbi und Bilall Fallah (Bad Boys for Life), ein bewährtes Anti Detox-Konzept anzuwenden, mit welchem versucht wird, den immer genau gleichen oder zumindest auffallend ähnlichen Einheitsbrei einer Buddy-Actionkomödie so lange aufzuwärmen, bis er gerade noch nicht angebrannt schmeckt. Bei Bad Boys: Ride Or Die ist das verkokelte Sahnehäubchen zwar kaum noch wahrzunehmen, aber man merkt, dass die Sache endlich mal ausgelöffelt sein will. Wenn man so will, könnte man es ja fast als eine Art dreiste Geste ansehen, eine Thrillerkomödie mit massig Action zu produzieren, die es nicht darauf anlegt, ihr Publikum mitfiebern zu lassen, weil es von vornherein sonnenklar ist, wer überleben, wer sterben und wer sich letztlich als Verräter outen wird.

Mit dieser abgedroschenen Agenda im Rücken, müssen Will Smith und Martin Lawrence tun, was sie eben tun müssen. Letzterer legt sich dafür besonders ins Zeug, denn mit seiner Mission, diesem ganzen mauen Aufguss einen ganz besonderen komödiantischen Anstrich zu verleihen, steht und fällt der ganze Erfolg. Tatsächlich macht sich Bad Boys: Ride or Die an den Kinokassen ganz gut. Vielleicht ist es das feuchtheiße Miami, das so besondere Vibes versprüht. Und natürlich eben Lawrence, der als jemand, der das Licht gesehen hat, nur noch recht verschrobene Verhaltensweisen an den Tag legt. Dazu zählt sein Heißhunger auf Süßkram aller Art sowie ungesundem Fast Food, dann wieder mäht er im Alleingang eine ganze Gang nieder, um dann mit Eselsallegorien seinen Buddy komplett vor den Kopf zu stoßen. Will Smith ist dabei nur Erfüllungsgehilfe – sein erster Kinofilm nach King Richard (abgesehen von Emancipation, der auf AppleTV+ erschien) und dem berüchtigten Bühnen-Eklat lässt ihn auf Bewährtes zurückgreifen. Den Charakter des Mike Lowery auszubauen, dafür reicht die Energie nicht. Beide folgen einem mauen Krimiplot, der jene beglückt, die zumindest noch rudimentär in Erinnerung haben, was in den letzten Teilen so passiert ist. Die, die diese Fähigkeit des filmischen Langzeitgedächtnisses nicht haben, warten während dieses formelhaft konstruierten Plot-Leerlaufs auf Actionszenen und Ballerorgien, die sich nur wenig von bereits Gebotenem unterscheiden. Natürlich sind sie gut gemacht, und das ganze fährt auch besser, wenn Inner Circle ihren titelgebenden Kult-Hit zur Verfügung stellen.

Bad Boys: Ride or Die hat also erbärmliche Längen, vor allem ist nicht jeder, sondern ganz besonders dieser Anfang ein schwerer, geschwätzig und von fake-familiärem Geplänkel gequält. Bis es so richtig losgeht, dafür braucht man Geduld. Mitunter fetzt es dann gewaltig, doch das hätte auch irgendein anderer Film sein können.

Bad Boys: Ride or Die (2024)

Alles steht Kopf 2 (2024)

DAS HÄLT MAN JA IM KOPF NICHT AUS

8/10


INSIDE OUT 2© 2023 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: INSIDE OUT 2

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: KELSEY MANN

DREHBUCH: MEG LAFAUVE, DAVE HOLSTEIN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): AMY POEHLER, PHYLLIS SMITH, TONY HALE, LEWIS BLACK, LIZA LAPIRA, MAYA HAWKE, AYO EDEBIRI, ADÈLE EXARCHOPOULOS, PAUL WALTER HAUSER, KENSINGTON TALLMAN, DIANE LANE, KYLE MCLACHLAN U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): NANA SPIER, PHILINE PETERS-ARNOLDS, OLAF SCHUBERT, HNS-JOACHIM HEIST, TANYA KAHANA, DERYA FLECHTNER, OLIVIA BÜSCHKEN, JESSICA WALTHER-GABORY, BASTIAN PASTEWKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Wie bringt man so etwas Abstraktes wie die Vielfalt der eigenen Emotionen in die Gussform einer Coming of Age-Story, die hauptsächlich nur zeigt, was in einem Menschen vorgeht, insbesondere eines jungen Menschen, der mit all diesen Gefühlen erstmal auf Kennenlernkurs gehen und sich dann selbst als Person und Charakter definieren muss? Hinzu kommen Werte, Überzeugungen und Glaubenssätze, dunkle Geheimnisse, verdrängte Erinnerungen. Alles, was das Gehirn als ein Wunderding chemischer Prozesse und als Antwort auf die Außenwelt, die einen formt, produziert? Am besten verlässt man sich da auf Pixar. Denn Pixar bringt interagierende Emotionen als Bilderbuch auf Schiene, gibt Freude, Kummer, Ekel, Angst und Wut eine knuffige Gestalt, mit der sich das Publikum leicht identifizieren kann, weil sie liebenswert erscheinen, auch wenn sie etwas verkörpern, dass uns gut und gerne verstimmt. Pixar hat sich darin bewährt, Abstraktes greifbar zu machen und ein komplexes System in seinem Workflow so weit zu simplifizieren, dass es selbst die Jüngeren (aber nicht die ganz Jungen) verstehen. Was da abgeht, verstehen nicht mal wir Erwachsenen, umso hilfreicher sind Filme wie Alles steht Kopf, die uns auf spielerische Weise verdeutlichen, womit wir tagtäglich zu ringen haben.

Ein junger Mensch taucht in seine Gefühle ein wie ein Pionier, der eine Landmasse neu entdeckt. Die eingangs erwähnten Emotionen sind allesamt noch da, sie sind nach wie vor chaotisch, finden aber einen gewissen Rhythmus in ihrem Tun. Bis eben die Pubertät im Alarmstufe Rot-Modus alle aus dem geordneten Schlaf holt. Die Stunde des Erwachsenwerdens hat geschlagen, die nun dreizehnjährige Riley erfährt zum ersten Mal in ihrem Leben, wie es ist, zu sich selbst zu stehen und ihr Tun zu hinterfragen. Sie beginnt, an die Zukunft zu denken und Prioritäten zu setzen, sie setzt sich dem sozialen Biotop eines Eishockey-Camps aus und biedert sich einer bewundernswerten Clique an, während ihre beiden langjährigen Freundinnen, die noch dazu nächstes Jahr an eine andere Schule wechseln, sehen müssen, wo sie bleiben. In Rileys Kopf entern nun ganz andere, neue Emotionen die Schaltzentrale – vor allem der Zweifel gibt den Ton an, begleitet von Neid, Gleichmut und Peinlichkeit. Grandios: als fünfte Emotion im Schlepptau gibt sich die Nostalgie als schicke alte Oma ein Stelldichein. Was dann passiert, ist fast schon mit einem Putsch der Gefühle zu bezeichnen, die Klassiker werden verdrängt und landen im Hinterstübchen, der Zweifel beginnt, ohne es zu wollen, Rileys Persönlichkeit zu ändern und zu verleugnen.

Was Zweifel mit einem machen, stellen Drehbuchautorin Meg LaFauve (dier schon am ersten Teil mitgeschrieben hat) und Kelsey Mann auf eine Weise dar, die klüger nicht sein könnte. Pixar übertrumpft mit seinem Sequel noch bei weitem das Original, die surreale Hirnlandschaft eines Mädchens wird abermals zu einer abenteuerlichen Terra incognita mit bekannten Ecken, aber auch neuen „Naturkatastrophen“ wie dem Sarkasmusgraben oder den zeppelingroßen Ballons, die die mögliche berufliche Zukunft Rileys darstellen. Ideen wie diese sind Gold wert, mit viel Bedacht bringt Alles steht Kopf 2 diese irreale und doch so reale Welt zum Beben und Leben, alles hat seinen Platz, seine Funktion, seinen Sinn.

Natürlich folgt Kelsey Manns Film der fast schon generischen Problemwelt eines Mädchens, all das kennen wir aus Schulfilmen von John Hughes und vielen ähnliche Serien wie Wunderbare Jahre. Das alles ist nicht neu, fast schon psychosoziales Lehrbeispiel – doch durch diesen Dreh, mit dem das Innere sichtbar wird – diese Welt aus Gedanken, zuckenden Synapsen und schwer kontrollierbaren Emotionen – gerät Alles steht Kopf 2 so packend wie ein Psychothriller, so fordernd wie eine Therapiesitzung und ist tatsächlich auch imstande, Gänsehaut zu erzeugen. Klarerweise müssen die Verantwortlichen auch darauf achten, den sehr jungen Part ihrer Zielgruppe nicht aus den Augen zu verlieren – manch infantile Momente wirken daher wie im falschen Film, den Kleinen dürfte es aber gefallen. Von mir aus, in Kauf genommen, schließlich ist alles andere auf den Punkt inszeniert und animiert, mit Alles steht Kopf 2 hat das Team von Pixar schließlich wieder jenen Tiefgang erreicht, den es zuletzt mit Soul hatte. Darin, das Formlose sichtbar werden zu lassen und neue Welten zu erforschen, liegt die Stärke dieses Studios. Beim nächsten Mal, ich ahne es schon, könnte die Liebe ins Spiel kommen. Das Beste wäre aber, Riley ihr ganzes Leben lang zu begleiten. Denn jede Phase davon wäre ein Film wie dieser wert.

Alles steht Kopf 2 (2024)

Challengers – Rivalen (2024)

DREI FÜR EIN DOPPEL

7/10


challengers© 2023 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: LUCA GUADAGNINO

DREHBUCH: JUSTIN KURITZKES

CAST: ZENDAYA, JOSH O’CONNOR, MIKE FAIST, DARNELL APPLING, A. J. LISTER, NADA DESPOTOVICH, NAHEEM GARCIA, HAILEY GATES, JAKE JENSEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Tennis? Nein danke. Zumindest nicht im Sportprogramm. Ich weiß zwar, das einer wie Dominik Thiem unlängst seine Karriere beendet hat, dass es Größen wie Steffi Graf, Andre Aggassi und den Österreicher Thomas Muster gegeben hat. Dass es die French- und US Open gibt und Wimbledon oder die Flushing Meadows (oder ist das Golf?). Doch sonst könnte ich, ganz so wie bei Baseball, eigentlich nicht aus dem Stegreif darüber Auskunft geben, nach welchen Regeln der halbharte Filzball über das Netz gedroschen wird. Da werde ich auch bei Sichtung diverser Tennisfilme nicht schlau, die mich aber eher abholen als der Stöhn-Sport an sich. Filme wie Battle of the Sexes oder King Richard sind sehenswert, weil sie vielmehr erörtern, welche sozialen oder gesellschaftlichen Mechanismen dahinter aktiv werden. Um Tennis geht es in den Filmen nur peripher. Genauso wie bei Luca Guadagninos Challengers – Rivalen. Natürlich verortet sich diese Geschichte im Sportfilmgenre, doch abschrecken sollte man sich davon nicht lassen. Da wird Zendaya schon ihr Übriges tun, um auch Tennis-Banausen ins Kino zu bringen. Zendaya ist ja mittlerweile längst nicht nur Schauspielerin, sondern auch Trend-Ikone und Glamour-Girl, aber eine gern gesehene, da sie sich, wie des Öfteren berichtet wird, ganz natürlich gibt, ohne groteske Allüren. Zendaya spielt in Challengers übrigens wirklich groß auf – noch größer als in Villeneuves filminantem Dune-Nachtrag. Sie ist sexy, verführerisch, aber auch selbstbewusst, bisweilen arrogant und egozentrisch. Sie ist sensibel und gleichzeitig toughe Sportlerin, die anderen einheizt. Diese Nuancen bringt Zendaya alle auf den Punkt, ihre Rolle ist also nie langweilig, vorallem deswegn nicht, weil sie weiß, wie sie Emotionen lebt, die sie mit anderen kaschieren muss, weil es die Blase, in der sie existiert, eben verlangt.

Ihr gegenüber und sehr schnell ausgeliefert sind Josh O’Connor (zuletzt gesehen in Alice Rohrwachers Schatzsucher-Allegorie La Chimera) und Mike Faist (West Side Stoy), die am Anfang des Films noch grünohrige Teenager sind, die sich von Zendaya um den Finger wickeln lassen und ehe sie sich versehen, von ihr ausgespielt werden. Sie nutzt die Strebsamkeit der beiden im Tennissport, um sie zu manipulieren. Wer gewinnt, bekommt ihre Nummer. So einfach ist das. Und so folgenschwer, betrachtet man die latent homosexuelle Freundschaft der beiden, die sich von der Unterstufe her kennen und im Leben bislang alles gemeinsam machten. Zendayas Figur der Tashi Duncan, längst Juniorprofi im Tennissport und adidas-Testimonial, hat die Zügel fest im Griff, die beiden jungen Männer spielen den Sport nach ihrer Pfeife. Bis – und das kann gar nicht verhindert werden – Neid, Missgunst und Rivalitäten das Leben von allen dreien auf völlig neue Pfade schickt. Vorallem auch, weil Tashi nach einem Unfall auf dem Tenniscourt ihre Karriere wohl ad acta legen muss, stattdessen coacht sie den einen der beiden, Art Davidson, der sich im Laufe der Jahre zum Profi mausert. Natürlich spielt auch der andere, Patrick Zweig, eine Rolle. Denn was mal war, lässt sich nicht auslöschen. Und die Zweifel darüber, was Tashi eigentlich will, hält die Dreiecksbeziehung über einen epischen Zeitraum von rund dreizehn Jahren am Laufen.

Luca Guadagnino war niemals wieder so gut wie damals, als er Call Me by Your Name, das sommerfeuchte Liebesdrama zwischen Armie Hammer und Thimothée Chalamet auf die Leinwand brachte. Grandioses Kunstkino, erotisch und virbierend; ein Werk, dem man sich nur schwer entziehen kann. Diese Intensität erreicht er auch mit Challengers nicht mehr wieder – was das schweißperlende Drama einer Freundschaft aber immer noch sehenswert genug sein lässt. Die Art und Weise, wie er auch diesmal Verlangen, Begehren, Wunsch und Wirklichkeit aufdröselt, ist mit feiner Klinge geführt. Szenen der romantischen Schwere wechseln mit kühlen Konfrontationen, die mit heftigen musikalischen Rhythmen unterlegt sind. Die Erotik am Tennisplatz und im Bett beruht längst nicht nur auf trivialen Nacktszenen. Gesichter, Blicke, Mimiken, nackte Beine und gezeichnete Körper verorten den Leistungssport auch im Zwischenmenschlichen. Dabei wird Challengers nie garstig oder kriminell. Die Spannung des Films liegt naturgemäß in der Rivalität der beiden Männer, der Film ist auch ihre Geschichte, und Zendaya eigentlich nur die treibende Kraft oder der Auslöser hinter einem nie verarbeiteten Konkurrenzkampf, der vielleicht das Zeug dazu hat, irgendwann das Ventil einer nie ausgelebten Sehnsucht zu öffnen. Womit wir wieder bei Call Me by Your Name wären.

Challengers – Rivalen (2024)

Omen (2023)

AFRIKA ALS NÄCHSTE DIMENSION

8/10


omen© 2023 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: BELGIEN, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, NIEDERLANDE, SÜDAFRIKA, DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO 2023

REGIE / DREHBUCH: BALOJI

CAST: MARC ZINGA, YVES-MARINA GNAHOUA, MARCEL OTETE KABEYA, ELIANE UMUHIRE, LUCIE DEBAY, DENIS MPUNGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Erschreckend und wunderschön, verstörend und faszinierend: Der Afrikanische Kontinent, näher an unserem Ursprung dran wie kein anderer Ort, ist das Unterbewusstsein dieser Welt. Ein Ort, an dem nicht nur die Knochen unserer evolutionären Ahnen ausgegraben wurden, sondern auch ein gutes Stück der archaischen Seele des Menschen. Mit freigelegt werden Pforten in metaphysische Reiche, von denen man nicht behaupten kann, dass sie nicht existieren. Trance und Geister, die Wucht der Natur und deren Dunkelheit: Auch der Mensch gehört da dazu, und kaum aus einer Laune heraus hat Joseph Conrad seine Reise in die Finsternis ins Herz Afrikas verlegt, in den Kongo. Als rätselhaftes, wütendes, wildes und kriegerisches Land präsentiert es sich. Vieles ist dort im Argen, vieles lässt sich dort aber bewundern, was es anderswo nicht gibt. Es sind Dinge, die tiefe Erkenntnisse bringen, die einen auf sich selbst zurückwerfen. In diese Raum-Zeit taucht der Film Omen – Im Original Augure – ein, und zwar ganz ohne touristentaugliche Folklore, schmeichelndem Afrika! Afrika!-Kitsch oder beschönigend romantischer Gefälligkeit. Was Omen präsentiert, ist eine Welt nach eigenen, aber strengen Regeln, die den unseren – europäischen – zuwiderlaufen. Diese Diskprepanz erfährt Koffi (Marc Zinga), ehemals aufgewachsen genau dort, wo er nun nach Jahren zurückkehrt, an eigenem Leib. Womöglich alles schon verdrängt, steigen tief verwurzelte Dogmen hoch, die die eigen Sippe betreffen. Da kommt natürlich nicht gut an, wenn Koffi, längst wohnhaft in Belgien, mit seiner weissen Ehefrau aufschlägt, die noch dazu demnächst – man sieht es schon – Zwillinge erwartet. Die Gastfreundschaft lässt zu wünschen übrig, herablassende Verhaltensweisen prägen die erste Begegnung. Bis etwas Unaussprechliches passiert und Koffi ein Sakrileg begeht, das anderswo wirklich nicht der Rede wert gewesen wäre. Koffi ist ohnehin das schwarze Schaf der Familie, dann auch noch das. Einzig Schwester Tshala (Eliane Umuhire) hält zu ihm, während Koffi versucht, seinen verschwundenen Vater zu finden.

Letztes Jahr auf der Viennale präsentiert, ist Omen, geschrieben und inszeniert vom kongolesischen Rapper Baloji, nun endlich auch in den Wiener Kinos zu sehen. Und ist ein Muss für alle, die den Mythen, Riten, den Menschen und der Bedeutung Afrikas seit jeher schon einiges abgewinnen können. Die Afrika so sehen wollen, wie es ist, und, weil sie vielleicht selbst schon dort gewesen sind, nachspüren können, zu welchen Vibes man sich dort bewegt. Baloji teilt seinen Film in mehrere Kapitel, immer wieder stehen andere Personen und deren Schicksale im Mittelpunkt, zusammen ergeben sie aber eine wechselwirkende kleine Gemeinschaft, die im Todesfall zueinanderfindet und ihre Beweggründe offenbart. Diese Schicksale taucht Baloji in hypnotische Bilder voller Zauber und bizarrer Bandenwelten, pink qualmendem Rauch und schwarzer Erde. Archaische Masken und irre Kostüme legen die Planken ins Transzendente, über die man wandeln muss, will man sich diesem ambivalenten Drama hingeben.

Es ist berauschend, da einzutauchen. Es ist ernüchternd, zu sehen, wie dominant das Patriarchat, wie gnadenlos die Familie fordert. Der Kongo scheint verloren wie ein Trabant, der ums eigene Weltgeschehen kreist. Doch diese Sphäre ist Teil des ganzen, Omen weiss diese Botschaft zu transportieren. Wer von Oberflächlichkeiten genug hat und bereit ist für einen Trip, der dank seiner Entrücktheit gottlob nicht imstande ist, als bleischweres Drama das Gemüt in die Tiefe zu ziehen, sollte sich auf Omen einlassen. Der Film ist sperrig, fordernd, unnahbar und durchwegs seltsam, aber genau das ist Afrika, genau das erlebt man bei einem Culture Clash wie diesen, in welchem Lebenswelten hinterfragt und wenig Gemeinsames gefunden werden kann. Dieses Bisschen zu entdecken, erweitert aber den Horizont.

Omen (2023)