The Father

IM LABYRINTH DES ALTERNS

8/10


thefather© 2020 Tobis Film


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: FLORIAN ZELLER

DREHBUCH: FLORIAN ZELLER, CHRISTOPHER HAMPTON

CAST: ANTHONY HOPKINS, OLIVIA COLMAN, IMOGEN POOTS, OLIVIA WILLIAMS, MARK GATISS, RUFUS SEWELL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Da hat der Grand Seigneur der britischen Schauspielkunst wohl große Augen gemacht: Anthony Hopkins hat seinen zweiten Oscar gewonnen, und zwar für eine Rolle, die von einem kannibalischen Akademiker namens Hannibal Lecter kaum weiter entfernt sein kann. In The Father ist er nur das, was das ganz normale Leben aus einem macht, irgendwann, wenn ein gewisses Alter erreicht ist. Irgendwann, da ist die Gegenwart gleich Vergangenheit, und das Vergessen von Dingen, die erst passiert sind, ein treuer, aber lästiger Gefährte. Florian Zeller (u. a. Nur eine Stunde Ruhe!), bislang mehr Schreiberling als Regisseur, hat sein eigenes Theaterstück adaptiert und verfilmt – und damit eine Kehrtwende in der Darstellung dramatischer Umstände eingeleitet.

Dabei beginnt alles so normal, wie man es selbst kennt, wenn man seine Großeltern oder Eltern besucht, und diese schon, hochbetagt und in der eigenen fernen Vergangenheit verweilend, über die Pflegekraft wettern und am Liebsten in Ruhe gelassen werden wollen, weil sie sowieso alles besser wissen oder durchaus alles alleine machen können. Der Nachwuchs, voller Sorgen, sieht das natürlich anders. So wie Tochter Anne, gespielt von „Queen Anne“ Olivia Colman. Sie ist einziger Bezugspunkt des alten Mannes, der damit klarkommen muss, dass seine Tochter nach Paris ziehen wird. Oder doch nicht? Am nächsten Tag behauptet sie nämlich etwas ganz anderes. Und plötzlich ist da ein fremder Mann, der meint, dass er hier wohne und Annes Gatte sei, ist sie doch schon seit fünf Jahren geschieden. Und dann die verflixte Sache mit der Uhr. Die Heimhilfe scheint sie gestohlen zu haben, deshalb habe er sie rausgeekelt. Eine neue soll kommen, die so aussieht wie seine andere Tochter, die sich aber seltsamerweise nie blicken lässt. Was genau geht hier vor, denkt sich Anthony Hopkins zwischen resoluter Gesinnung und verlorenen Blicken, während er am Bettrand sitzt und die Welt nicht mehr versteht.

Es ist, als tauche man in ein Mysterydrama, in dem nichts so ist, wie es scheint – und umgekehrt. Das ist höchst irritierend, hochgradig verwirrend, und man versucht als Zuseher selbst, diese obskure Wahrnehmung zu entwirren und eine Ordnung hineinzubringen in ein zeitweiliges Durcheinander aus permanent wechselnden Gestalten und Gesichtern. Was Florian Zeller aber tut, ist, uns zu ermöglichen, genau das wahrzunehmen, was ein alternder Mensch wahrnimmt, wenn er anfängt, dement zu werden. Filme darüber gibt es viele, stets aus der Sicht der betroffenen Restfamilie, die sich sorgenvoll berät. Dieses Werk hier ist anders. Es lässt zwar die nahen Verwandten und Beteiligten ebenfalls zu Wort kommen, doch das wahre Kunststück dieser Odyssee durch den Geist ist jenes, dass man selbst, genau wie Hopkins, die Kontrolle verliert. Um dann, aus dieser Konfusion heraus, einen Geisteszustand wie diesen besser verstehen zu können. The Father ist ein Labyrinth, dessen Muster im Laufe des Films klarer werden und den eigenen Horizont erweitern. Wie Zeller seine sich stets wiederholenden, kurzen Szenen, die immer wieder in anderem Kontext erscheinen, koordiniert, zeugt von dramaturgischer Raffinesse. Dabei stellt er sich diesem akkurat entworfenen Chaos mit gewissenhafter Neugier und zeichnet mit einem nuanciert aufspielenden und niemals in pathetischen Manierismen abdriftenden Hopkins den Prozess eines zerbröckelnden Geistes, dem die Gegenwart abhanden kommt und dem inmitten all des Verlustes nur die eigene Erinnerung ans Jungsein bleibt.

The Father

Tides

EIN LUFTBEFEUCHTER NAMENS ERDE

7/10


tides© 2020 Constantin Filmverleih GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2020

BUCH / REGIE: TIM FEHLBAUM

CAST: NORA ARNEZEDER, IAIN GLEN, BELLA BADING, SARAH-SOFIE BOUSSNINA, JOEL BASMAN, SOPE DIRISU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Nach der großen Dürre folgt die ewige Feuchtigkeit –- zumindest handhabt der vielversprechende Schweizer Filmemacher Tim Fehlbaum den Fortgang der Menschheit für die ferne Zukunft auf diese Weise. 2011 verblüffte er bereits mit Hell, einer nicht gerade staubfreien Vision einer ausgetrockneten Erde, wo jeder auf der Suche nach einem Tröpfchen Wasser gerne auch mal über Leichen geht. Eine verstörende, düstere Sache, dieser Film, trotz ganz viel Sonne. Weniger düster, aber immer noch düster genug, gibt sich das Gegenstück zu diesem Entwurf: Tides, und zwar spielen da selbige tatsächlich eine wesentliche Rolle, denn alles, was von unserem Planeten noch trockenen Fußes überquerbar scheint, das sind die Gezeitenzonen.

Greta Thunbergs Erben haben also der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen, als sie diesen unseren geliebten Planeten aufgeben mussten, um irgendwo anders zu siedeln, nämlich ein ganzes Stück weit entfernt auf einem Staubkorn namens Kepler 209. Im Grunde sowas wie der Mars, nur vielleicht wärmer. (Warum dann nicht gleich auf dem Mars siedeln, wenn man sowieso nicht raus kann?) Als eine Expedition nach Hause geschickt wird, um den Zustand von Terra abzuklären, stürzt die Raumkapsel ab – Astronautin Louise überlebt (Ein guter, bekannter, aber immer wieder reizvoller Ausgangspunkt für dystopische Science-Fiction). Klarerweise bleibt Louise nicht allein, denn sie wird von den Muds – einem Menschenstamm, scheinbar aus dem Waterworld-Universum – eingefangen. Die wiederum werden zwar nicht von den Smokern, jedoch von anderen Wattpiraten überfallen, die deren Kinder klauen. Louise schafft es aus ihrem Gezeitengefängnis und nimmt die Verfolgung auf. Dabei trifft sie auf die eine oder andere, alles verändernde Überraschung.

Tides ist ein Augenschmaus. Womit man Denis Villeneuve bereits bildsprachlich assoziiert, das können andere genauso gut, und ganz ohne Abkupfern. Gedreht an Orten wie der deutschen Nordseeküste mit ihrem ewig scheinendem Wattenmeer, findet Tim Fehlbaum mehr als genug postapokalyptische Settings, ohne auch nur an CGI zu denken. Das Wetter ist als proaktiver Stimmungsdesigner ebenfalls mit an Bord, und das ganz ohne Honorar. Wie bei Villeneuve schälen sich auch hier Silhouetten aus Dunst und Nebel, scheinen alte Schiffswracks, die ihr blankes Grundgerüst in den verhangenen Himmel recken, wie abgestürzte Raumschiffe vergangener Äonen. Dieses Szenario, eingefangen mit einer innovativen Kameraführung, die sich nicht scheut davor, nahe an seine Protagonisten und an all diese mit Regenmänteln und grobem Stoff gekleideten Gestalten heranzugehen, birgt das Zeug für episches Visionskino. Nicht zuletzt findet Fehlbaum mit Nora Arnezeder eine Frauenfigur, die gut und gerne Heldinnen wie Sigourney Weaver oder Katherine Waterston aus dem Alien-Kosmos das Wasser reichen kann. Ein tougher Charakter in einer Welt des Überlebens.

Gegen so viel Setting-Performance und Charakter-Brillanz kommt die Story selbst allerdings nicht an. Diese gibt sich zwar nicht moralinsauer und tadelnd, dafür aber nimmt sie das Ende und den Neuanfang der Menschheit hin wie ein vorbeiziehendes Unwetter. So, wie Mutter Erde das machen würde.

Tides

The Green Knight

DEN KOPF HINHALTEN

6,5/10


thegreenknight© 2021 24 Bilder


LAND / JAHR: USA, IRLAND 2020

BUCH / REGIE: DAVID LOWERY

CAST: DEV PATEL, ALICIA VIKANDER, JOEL EDGERTON, SEAN HARRIS, SARITA CHOUDHURY, KATE DICKIE, ERIN KELLYMAN, RALPH INESON, BARRY KEOGHAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Fantasy ist trotz des Erfolgs mit Game of Thrones und Herr der Ringe immer noch rar gesät, natürlich aufgrund der Kosten, die so ein Projekt verschlingt. Ausflüge ins Mittelalter sind fast ausschließlich in der Hand eines Ridley Scott (demnächst mit The Last Duel im Kino), wenn nicht gerade Michael Hirst seine Vikings auf die Welt loslässt. Endlich gibt’s hier Nachschub, und endlich mal dreht sich alles wieder um König Artus und die Ritter der Tafelrunde. Von Guy Ritchies Haudrauf-Interpretation des illustren Helden ist nämlich auch nur noch eine vage Erinnerung geblieben. Das könnte sich mit dem Spin-Off eines ganz anderen Recken durchaus ändern, denn die Verfilmung einer mittelalterlichen Romanze rund um Gawain entlockt den Themen unter der Regie eines sehr bemerkenswerten Filmemachers ganz andere Töne. Die Rede ist von David Lowery, ein Feingeist und cineastischer Umdenker. Einer, der Disneys Elliot – Der Drache zur emotional intensiven Familien-Fantasy mit Öko-Botschaft emanzipiert hat. Der Robert Redford Banken ausrauben ließ und in A Ghost Story auf innovative Weise über die Zeit und den Tod philosophiert hat. Es lässt sich erahnen, in welche Richtung Lowery diesmal abdriften wird, ist doch das Genre des Ritterfilms gänzlich neu in seinem Oeuvre. Das Ergebnis ist in Sachen Grünstich dem Fell des Walddrachen Elliot ganz ähnlich, taucht allerdings ganz tief ein in die Sphären von mit Chorklängen erfüllten, steinernen Gewölben, um längst gewohntem Trend den Rücken zu kehren. Hier, in der Finsternis des Mittelalters, trifft „Slumdog Millionaire“ Dev Patel auf den oder das große Unbekannte: auf den magischen, grünen Ritter.

Dabei ist anfangs noch alles so, wie es in einem Film über die Tafelrunde sein zu hat. Es ist Weihnachtstag, alles versammelt sich um den obligaten runden Tisch, der bereits recht alternde Artus spricht zu seinem Gefolge, als sich plötzlich die Tore öffnen und eine berittene Gestalt die traute Runde stört, um einen der Anwesenden zu einem Schlagabtausch herauszufordern. Der Mutige soll seinen Hieb ausführen, in einem Jahr gibt’s dann die Antwort des grünen Ritters auf die gleiche Weise. Noch Nicht-Tafelrundler Gawain, ein trinkfreudiger Taugenichts, zeigt dennoch Mut und schlägt dem Fremden den Kopf ab. Pech für den Jüngling, denn das berüstete Baumwesen zeigt sich unsterblich und zieht sich enthauptet zurück. Was also tun? Gawain will die Abmachung nicht erfüllen, wohl wissend, dass dies seinen Tod bedeutet. Doch das Volk, darunter auch Artus, feiert ihn schon jetzt als mutigen Helden.

Es ist ja nicht so, dass die Legende rund um Gawain noch nie verfilmt wurde. Sean Connery hat sogar mal die Rolle des martialischen Waldschrats übernommen. Nur so, wie die Mythen hier zu neuem Leben erwachen, gab‘s das noch nicht. The Green Knight ist Ritterkino für Intellektuelle und Kunstgenießer, für Museumsbesucher und Minnesang-Afficionados. Lowery schwelgt in nebelverhangenen, herbstlichen Landschaften, das Mystische ist allgegenwärtig – der Sinn manchmal jedoch nicht. Gawains Queste wird zu einer Rittergenese über Schlachtfelder und an ziellos umherwandernden Riesen vorbei. Das Phantastische bleibt vage, die Magie hingegen scheint alles zu durchdringen, erscheint aber auch nie konkret als solche. Vielmehr hängt sie mit Gawains Wahrnehmung und Seelenwelt zusammen, die sichtbar wird. Das gerät manchmal zum Durcheinander aus rätselhaften Andeutungen und aufgeräumten, recht formelhaften Dialogen, die aber sehr darauf bedacht sind, eine altertümliche Sprache zu sprechen, knapp an der Versform vorbei. Vieles geschieht wortlos, kippt in malerisch überhöhten Realismus, wobei die streng komponierte, farblich durchdachte Bildsprache am meisten fasziniert. Lowerys Film erinnert stark an die surrealen Welten des Italieners Matteo Garrone. Seine Filme Pinocchio (2019) oder Das Märchen der Märchen, eine Anthologie barocker Erzählungen, finden einen ähnlichen Stil. Sie sind diffus, transzendent, lakonisch und durchzogen von erdigem Naturalismus. Das ist wunderschön und sinnlich. Aber auch sehr artifiziell, weniger spontan und unnahbar.

The Green Knight lässt etwas ratlos zurück, ist aber unterm Strich sicherlich bemerkenswert. Ein exzentrischer Genuss fürs Auge und fürs Ohr und so theatralisch wie John Boormans Excalibur, nur ohne Carmina Burana. Die Artusepik bleibt hier spartanischer und den Geistern einer moralischen, erzieherischen Natur unterworfen.

The Green Knight

Death of a Ladies‘ Man

EIN SCHLUCKSPECHT AM DRAHTSEIL

6,5/10

 

deathofaladiesman© 2021 MFA+ FilmDistribution e.K.

 

LAND / JAHR: KANADA, IRLAND 2020

BUCh / REGIE: MATT BISSONNETTE

CAST: GABRIEL BYRNE, JESSICA PARÉ, BRIAN GLEESON, SUZANNE CLEMENT, KARELLE TREMBLAY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


In schleichenden Schritten nähert sich der Herbst. Monate, in denen der Geist klarer, kreativer, das Gemüt aber auch melancholischer wird. Wo die Nächte länger, die Wolken dichter werden; der Morgenfrost auf dem Weg in die Arbeit den Atem sichtbar macht. Es ist auch die Zeit, in der man wieder vermehrt so Poeten wie Leonard Cohen hört, vorzugsweise dann, wenn der Wind draußen peitscht oder die Tage nicht mal mehr richtig hell werden. Alles in allem eine Stimmung, die man während der Sommermonate auf Biegen und Brechen nicht hinbekommt. Eine entschleunigte, auch etwas versponnene Stimmung. Ein Zustand, der sich in einer filmgewordenen Hommage an einen großen, dunkelgrauen Künstler wiederfindet, an den Ludwig Hirsch Amerikas. Beide haben den Lebenden längst den Rücken gekehrt.

Leonard Cohen singt vom Glauben, vom Tod, von der Männlichkeit und vor allem aber auch von der Liebe. Sehr poetisch, sehr kryptisch. In Kombination mit einem langsamen, sonoren Singsang, der im Laufe seiner Karriere immer schwerer und tiefer wurde, bleibt Cohen ein Gesamterlebnis für fast schon alle Sinne. 1977 erschien Cohens fünftes Studioalbum mit dem Titel Death of a Ladies’ Man. 43 Jahre später gibt´s dazu auch einen Film selben Titels, geschrieben und inszeniert vom Kanadier Matt Bissonnette – und voll der Liebe eines Bewunderers. Der Tod ist dabei immer allgegenwärtig, oft personifiziert als klassischer Sensenmann im Hintergrund. Vor der Kamera allerdings fungiert ein alter Hase: Gabriel Byrne, dunkelgrauer Lebemann mit Affinität zum Okkulten. Charmant, lakonisch und mit Understatement. Als Literaturprofessor an der Uni, insbesondere für Lyrik, hat der langsam schon müde werdende Frauenheld schon bessere Zeiten erlebt. Der Alkohol ist sein bester Freund, doch den Augen darf man mittlerweile auch nicht mehr trauen. Seltsame Dinge gehen vor sich – beim Eishockeyspiel seines Sohnes tanzen die Spieler zu A Bird on a Wire, sein verstorbener Vater kommt zu Besuch und im nächsten Lokal serviert eine knapp gekleidete Kellnerin mit Tigerkopf die Drinks. Der alte Schwerenöter geht zum Arzt und erhält die Diagnose: irreversibler Hirntumor. Der Tod birgt für Samuel keine Schrecknisse, allerdings verstört ihn die Tatsache viel mehr, nach seinem Ableben in Vergessenheit zu geraten. Er zieht sich nach Irland zurück, um ein Buch zu schreiben.

Was Gabriel Byrne noch fehlen würde, um vollends das Alter Ego Leonard Cohens zu übernehmen, wäre der Fedora. Doch vielleicht wäre das auch zu offensichtlich, zu eindeutig, in einem Film voller Mehrdeutigkeiten und zweifelhaften Erscheinungen zwischen verschrobenem Singspiel und zärtlich groteskem Abgesang auf eine Lebensweise. Byrne gibt den leisen Denker und Brüter mit Begeisterung für Reduktion und Phlegmatismus, entspannter Ironie und Sehnsucht. Dazwischen, immer wieder, und fast schon zu spartanisch gesetzt, die unvergesslichen Lieder des großen dunklen Poeten, dessen Texte ratlos zurücklassen, deren Sinn man aber nicht unbedingt verstehen muss, weil die Stimmung, das Timbre, alles ist. Mag sein, dass das die Grenze zwischen Illusion und Realität mehr oder weniger zur Gänze von einer geordneten Wirklichkeit übernommen wird, die wiederum einer Melancholie, der man sich gerne hingibt, den Wind aus den Segeln nimmt. Rückblickend jedoch ist die Feststellung, das der Tod die gute Erinnerung an einen Menschen nicht mitnehmen kann, eine schöne Prämisse.

Death of a Ladies‘ Man

The Nest

WENN ICH EINMAL REICH WÄR …

6,5/10


thenest© 2020 Ascot Elite Home Entertainment GmbH


LAND / JAHR: KANADA, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: SEAN DURKIN

CAST: JUDE LAW, CARRIE COON, OONA ROCHE, CHARLIE SHOTWELL, ADEEL AKHTAR, MICHAEL CULKIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Es ist nicht alles Gold, was glänzt hat schon bereits Wencke Myhre in ihrem Schlagerklassiker aus den Siebzigern festgestellt. Wie recht sie hatte: Wenn der Schein trügt, lässt sich das im Gegenlicht befindliche Dahinter kaum erkennen. Wer weiß, wie vielen Adabeis und Möchtegerns auf genau diese Weise die Luft ausgeht, während sie damit prahlen, alles zu haben, zu besitzen und sich noch mehr leisten zu können. Mit diesem Phänomen der äußeren Erscheinungsgabe setzt sich das exzentrische Drama The Nest auseinander. Dem Filmtitel nach mag sich das vielleicht nach einem Psychothriller anhören, denn alles, was irgendwie, im filmischen Gesellschaftskontext vor sich hin nistet, einer ungesunden Wucherung gleich irgendwann an die Oberfläche sickert.

Und wer wäre für diese Rolle des Blenders und über seine Verhältnisse lebenden Gierschlunds nicht besser geeignet als ein bereits als Pontifex ölig aufspielender Jude Law? Vielleicht Leonardo DiCaprio, aber der hat in The Wolf of Wall Street nicht nur geprahlt, sondern auch kassiert, während hingegen dieser charismatische Mann mittleren Alters das Füllhorn an Mammon einfach nur gerne hätte. Dafür scheint ihm jedes Mittel recht. Und dafür scheint er auch seine liebe Gattin und seine zwei Kinder entsprechend geschickt bezirzen zu können. Denn der in den USA lebende Geschäftsmann wittert in Großbritannien das ganz große Los. Dafür stürzt er sich natürlich in gewisse Schulden, um ein Landhaus anzumieten, dass so aussieht, als hätten die Windsors an Immobilien schon genug. In diesen holzgetäfelten vier Wänden mit gotischen Fenstern und dunklen Treppen, dem Nest also, scheint der grenzenlose Reichtum ja ähnlich wie in Dagoberts Geldspeicher nur mehr eine Frage der Zeit. Doch die Zeit schafft letzten Endes Not, und bald fehlt es vorne und hinten. Was Jude Law – im Gegensatz zum Rest seiner Familie – nicht wahrhaben will, steht doch eine Firmenfusion ins Haus, die satte Boni bringt.

Reich zu werden ist nicht schwer, reich zu sein hingegen sehr. Denn wie das Vermögen halten, wenn nichts nachkommt? Jude Laws Rolle als Prototyp eines nimmermüden, ewigen Yuppie – ganz so wie der bekannte „ewige Student“ – wahrt in diesem sehr geschmackvoll fotografierten, mit viel Licht und Schatten dank des verwinkelten Herrenhauses arbeitenden Dramas sehr lange das falsche Gesicht, und man ahnt anfangs nur vage, dass hier irgend etwas faul zu sein scheint. Schleichend nähert sich in düsteren Metaphern wie die des Todes und dem Andeuten körperloser Präsenzen das Unbehagen einer Lebenslüge, und stellenweise könnte man meinen, in einem Werk von Daphne du Maurier gelandet zu sein. Ähnlich wie in ihrem Werk Rebecca schleicht auch hier das Misstrauen in den Gängen des letzten Endes in Flammen aufgehenden Schlosses herum. In The Nest vermengt Autorenfilmer Sean Durkin seine ansatzweise dem Gothic-Roman zugewandte Idee einer ungewöhnlichen Storyline mit dem schwelenden Konflikt einer dysfunktionalen Familie, die den Schein irgendwann satt hat.

Für Freunde subtil erzählter existenzieller Schräglagen, die aber so gut wie gar nicht den tadelnden Finger heben, ist The Nest auf seine Art eine Genugtuung, die den sodbrennenden Ekel vor so manchen aufplusternden Angebern lindert. Weiterhin gilt die Vermutung, das bei vielen nichts dahintersteckt.

The Nest

Der Spion

IM OSTEN WAS NEUES

7/10


derspion© 2021 24 Bilder


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: DOMINIC COOKE

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, MERAB NINIDZE, RACHEL BROSNAHAN, JAMES SCHOFIELD, JESSIE BUCKLEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Ein Grund zum Jubeln für alle Cumberbitches: der idealen Besetzung sowohl für den neuzeitlichen Superdetektiven als auch für Marvels Dr. Strange gelingt auch der Spionagefilm mit links. Hier gibt sie einen, der geheime Informationen aus dem Osten in den Westen schmuggelt. Mit Hut, Mantel und Oberlippennbart ist Benedict Cumberbatch die Inkarnation des rückgratvollen Geheimniskrämers, und das ist auch der Grund, warum Der Spion (im Original: The Courier) nicht nur ein weiterer Geschichtsfilm nach üblichem Schema geworden ist. Hier würzt der charismatische Schauspieler mit seinem unverwechselbarem Timbre und prägnantem Konterfei die Chroniken eines politischen Kraftakts mit darstellerischer Raffinesse. Ein Job, der wohl zu seinen bislang besten gehört.

Cumberbatch schlüpft in die Rolle des unbescholtenen und durchschnittlichen Geschäftsmann Greville Wynne, der im Osten das große Geld wittert, und, ehe er zweimal Russland sagen kann, plötzlich am Tisch mit dem MI6 und der CIA Platz nimmt, die ihn, und gerade ihn, unbedingt als Kurier engagieren wollen. Garantiert würde er sich dabei schadlos halten. Der russische Geheimdienst würde keinen Verdacht schöpfen, wenn Wynne nur so tut, als würde er mit Oleg Penkowski, einem Wissenschaftsoffizier, diese oder jene Verträge abschließen. In Wahrheit aber soll Penkowski seinem neuen Geschäftspartner alle möglichen Informationen übermitteln, die hinter dem Säbelrasseln der Russen stecken. Irgendwann ist dann auch die Sache mit Kuba mit dabei. Brandheisse Informationen also, die zu beschaffen natürlichen ihren Tribut fordern.

Filme über die Kuba-Krise gibt es so einige. In erster Linie natürlich Thirteen Days, Roger Donaldsons eingängige Aufbereitung der Fakten aus Sicht der Amerikaner. Als feines Ergänzungsprogramm lohnen sich nun Dominic Cookes Betrachtungen von der anderen Seite des Atlantiks. Und es passiert eigentlich zeitgleich, zumindest in manchen Momenten des Films, der eine ganz schöne Zeitspanne abdeckt, bis kurz vor dem großen Knöpfedrücken, das damals, in den 60er Jahren, über Ende und Verbleib unserer Zivilisation entschieden hat.

Dominic Cooke, im Grunde Theaterregisseur, hat schon mit der Literaturverfilmung Am Strand (mit Saoirse Ronan in der Titelrolle) viel Gespür für das Zusammenspiel von Charakteren bewiesen. Diese Gabe macht eben auch Der Spion sehenswert, denn es ist nicht nur Cumberbatch, der groß aufspielt und der (vermutlich mit reichlich CGI nachgeholfen) gehörig an Gewicht verliert, was für die Biographie von Wynne leider unentbehrlich bleibt. Dabei teilt er seine Figur in drei emotionale Landschaften, die aber fließend ineinander übergehen. Anfangs gibt er sich ängstlich, naiv und bürgerlich, später übt er sich als Kurier par excellence, den der Jagdinstinkt antreibt – und am Ende gibt er als Insasse im russischen Gefängnis den ungebrochenen, aber traumatisierten Gepeinigten. Da sieht man wieder, was der Mann alles kann. Ihm zur Seite steht Merab Ninidze als einer, der fast schon zu Wynnes Freund wird: Verschlossen, freundlich, gleichermaßen besorgt. Ein erbauliches Gespann, diese beiden. Und letzten Endes erstaunlich, was das für Leute waren, die mitgeholfen hatten, die Welt zu retten.

Der Spion

Locked Down

WAS TUN, WENN SONST NICHTS LOS IST

6,5/10


locked-down© 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. / Susan Allnutt


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: DOUG LIMAN

BUCH: STEVEN KNIGHT

CAST: ANNE HATHAWAY, CHIWETEL EJIOFOR, BEN KINGSLEY, BEN STILLER, STEPHEN MERCHANT, CLAES BANG, MINDY KALING, LUCY BOYNTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis sich Film und Fernsehen der seltsamen sozialen Anomalie eines sogenannten Lockdown annehmen würden. Bis vor zwei Jahren hätte wohl keiner daran gedacht, das sowas mal spruchreif wird. Dafür, dass dieses globale Ereignis uns Menschen in unserem Tun und Nicht-Tun so dermaßen beeinflusst hat, bleiben Produktionen, die darüber referieren, bislang ungewöhnlich rar. Es gibt zum Beispiel Songbird – ein direkt auf dem Streamingportal amazon prime veröffentlichter Streifen über ein Worst Case-Szenario in Sachen Covid-19. Kam leider nur zur falschen Zeit, als die reale Angst noch allen in den Knochen steckte und niemand, wirklich niemand, den Teufel an die Wand malen wollte. So gut kam der Film also nicht weg. Vielleicht die Sache lockerer angehen? Mit Publikumsliebling Anne Hathaway zum Beispiel, die sich für scharfzüngige Dialogkomödien eigentlich immer recht gut eignet? Hathaways Mitbewohner ist Chiwetel Ejiofor, groß geworden durch das Sklavendrama 12 Years a Slave. Sie, ganz Geschäftsfrau, ist CEO eines Schmuckriesen, während der Mann, bereits vorbestraft, als Kurier in einem Transportunternehmen schuftet. Linda und Paxton leben zwar noch unter einem Dach, sind aber bereits getrennt. Im Lockdown können beide schließlich nirgendwo hin. Linda macht Home Office, Paxton hingegen gibt sich mitunter die Dröhnung mit garteneigenen Mohnkapseln. Bis sein Chef anruft – Ben Kingsley im Videochat – und Paxton für einige pikante Aufträge engagieren will. Einer davon geht ins Kaufhaus Harrods (erstmals in einem Film!), wo wertvoller Klunker den Schauplatz wechseln soll.

Und wie sich das anbietet, einen Film zu drehen, in welchem die Hälfte des Cast eigentlich nur online zugeschalten wird. Kingsley, Ben Stiller und Co haben ihre kurzen und recht augenzwinkernden Auftritte selbst gedreht, mitunter saß der eine oder die andere tatsächlich im Lockdown fest. Doug Liman konnte sich also, unter Unterschreitung des ihm zur Verfügung gestellten Budgets, voll und ganz auf die Beziehungsgeschichte zwischen Hathaway und Ejiofor konzentrieren. Gekonnt machen beide auf Alltagstrott, fern liegt ihnen allerdings ein gewisser Seelenstriptease wie bei Malcolm & Marie. Hier hat alles eine gewisse resignierende, mit leicht sarkastischem Humor genommene Leichtigkeit, obwohl mitunter auch Aspekte erwähnt werden, die weniger spaßig sind. Drehbuchautor Steven Knight, der mit No Turning Back ja bewiesen hat, wie knackige Dialoge zu setzen sind, hat die ereignislose Zeit der Selbstreflexion mit der verlockenden Möglichkeit einer Gaunerei verknüpft. Da ein Lockdown ja sämtliche Normalzustände aushebelt, könnte es auch für ein Heist-Ding andere Umstände spielen. Und so würzt sich die Dramödie selbst mit einer launigen Robinhoodiade, die aber gar nicht so ins Detail gehen will. Was aber schade ist: A little less conversation, a little more action, wie es Elvis Presley wohl sagen würde, hätte diesem „Oceans Two“ zusätzlich noch gut getan. Natürlich irritiert darüber hinaus die inkonsequente Anwendung des Mund-Nasen-Schutzes, doch wie einen Film drehen, wenn alle verhüllt sind? Darüber hinwegzusehen fällt also nicht schwer, auch wenn man sich bereits schon hierzulande über sogenannte Nasen-Exhibitionisten wundert. Weniger hinwegsehen lässt sich über das schludrige und viel zu beiläufig auserzählte Finale des geplanten Coups. Ist mir das was entgangen? Womöglich, aber wen wunderts – es ist schließlich Lockdown.

Locked Down

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

GEKOMMEN, UM ZU BLEIBEN

8/10


minari© 2021 Prokino


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: LEE ISAAC CHUNG

CAST: STEVEN YEUN, HAN YE-RI, ALAN S. KIM, NOEL KATE CHO, YOON YEO-JEONG, WILL PATTON, SCOTT HAZE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Kein Songtitel passt so gut zu diesem Film wie jener von Wir sind Helden, denn nichts anderes hat die aus Südkorea eingewanderte, vierköpfige Familie eigentlich vor: Sie sind nach Arkansas gekommen, um zu bleiben. Ein leistbares Stück Grund und Boden ist nun ihr eigen, darauf steht ein riesengroßer Trailer, rundherum gibt es Wald, soweit das Auge reicht. Arkansas: Land of Opportunity. Da lässt sich sicher mehr verwirklichen als in Kalifornien, wo die Familie zuvor gelebt hat, daher auch die guten Englischkenntnisse der beiden Kinder. Papa Jacob will Farmer werden, Gemüsefarmer. Was man dazu braucht, ist natürlich Wasser, am besten Grundwasser, das kostet nichts, vorausgesetzt, man schafft es, die Quelle richtig anzuzapfen. Neben all diesen Anstrengungen, aus dem Nichts heraus zum Selbstversorger und Landwirtschafter aufzusteigen, bangt die Familie auch um die Gesundheit des kleinen David, der ein schwaches Herz hat. Und um finanzielle Ressourcen. Zum Glück für fast alle kommt dann auch noch die Oma hinzu, die anfangs jedoch keine große Hilfe zu sein scheint, fühlt sie sich doch zu nichts verpflichtet, außer, ein Stückchen ferne Heimat in den mittleren Westen zu bringen.

Der ebenfalls aus Korea stammende, amerikanische Filmemacher Lee Isaac Chung hat einen unprätentiösen, zarten, womöglich auch autobiographisch angehauchten Film gedreht, in welchem er von Dingen erzählt, von denen wohl niemand so viel Ahnung hätte wie er. Entsprechend konzentriert und beobachtend fällt sein alles andere als schwermütige Drama aus, das so einige stilistische Gemeinsamkeiten mit Chloé Zhao aufweist. Beide untersuchen den Mythos eines Landes, dessen Möglichkeiten als unbegrenzt gelten. Und dessen Potenzial nur darauf wartet, ausgeschöpft und genutzt zu werden. Während Zhao ihrem erwartungsvollen Blick durchaus Nüchterung folgen lässt, versucht Isaac Chung, daran festzuhalten und die Suche nicht aufzugeben. Wo Zhao Grenzen setzt in einer scheinbar grenzenlosen Landschaft, sollen die paar Hektar Land, die Familie Yi zusteht, einem Füllhorn gleich Fleiß, Anstrengung und Beharrlichkeit reich vergelten. Auch Minari – Wo wir Wurzeln schlagen ist ein zeitgenössischer Western, ein modernes Stück Pioniergeschichte aus der Gegenwart, ohne Heldentum und Outlaws, sondern voll des Willens, sich zu integrieren.

Dabei strahlen die liebevoll umschriebenen Charaktere weit über die Wipfel der Wälder von Arkansas hinaus. In Steven Yeun, bekannt aus dem elektrisierenden Psychothriller Burning, ruht eine fast schon kindlich-naive Zuversicht, die jedoch notwendig scheint, um Pläne wie diese zu verwirklichen. Han Ye-Ri hingegen ist der personifizierte, skeptische Realismus, den es natürlich auch braucht, um nicht blauäugig ins Unglück zu stürzen. Die Familienbande selbst hält die kaum ein Wort Englisch sprechende Oma zusammen – Yoon Yeo-Jeong hat für ihre changierende Rolle zwischen stichelndem Humor und großem Drama in diesem Jahr den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle erhalten. Und ja, sie spielt grandios. Ebenso grandios ist allerdings auch US-Schauspieler Will Patton, den ich zuletzt als diabolischen Antagonisten in der DC-Comicserie The Swamp Thing erleben durfte. Als zutiefst religiöser Eigenbrötler Paul, der Jacob fast schon aus reiner christlicher Nächstenliebe heraus zur Hand geht, ist er kaum wiederzuerkennen, schleppt sein Sonntagskreuz mit sich herum und absolviert schräge Gebete. Eine völlig unterschätzte Performance, die lange in Erinnerung bleibt.

Minari (übrigens eine Art koreanische Petersilie) ist eine realitätsnahe, gleichsam auch recht prosaische Ode an den Zusammenhalt. Was ausbleibt, sind epische Szenen oder Elemente wuchtigen Eventkinos. Dieser Film übt sich in Bescheidenheit, in der Bereitschaft, Entbehrungen zu akzeptieren und weiter nach vorn zu blicken. In der Genügsamkeit und dem Wertebewusstsein von Lee Isaac Chungs Drama liegt die Größe eines kleinen, achtsamen Films, der in seiner Überschaubarkeit wohltuend und beruhigend, ja geradezu reflektierend wirkt.

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

Quo Vadis, Aida?

DAS MODERNE, DUNKLE EUROPA

7,5/10


quovadisaida© 2020 Deblokada, Foto von Christine A. Maier


LAND / JAHR: BOSNIEN-HERZEGOWINA, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, NIEDERLANDE, ÖSTERREICH, POLEN, RUMÄNIEN, NIEDERLANDE, NORWEGEN 2020

BUCH / REGIE: JASMINA ŽBANIĆ

CAST: JASNA ĐURIČIĆ, IZUDIN BAJROVIĆ, BORIS LER, DINO BAJROVIĆ, BORIS ISAKOVIĆ, JOHAN HELDENBERGH, EDITA MALOVČIĆ, RAYMOND THIRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Um die Mitte der Neunziger konnte sich Homo sapiens wieder mal an Abscheulichkeit selbst übertreffen und damit unzählige Seiten im hauseigenen Schwarzbuch füllen. Immer wieder muss der Mensch beweisen, dass er mit seiner Existenz und all dem Potenzial, das ihm zu Füßen liegt, nichts Sinnvolles anfangen kann. Scheint so, als wären wir doch nur Tiere, die sich triggern lassen wie abgerichtete Hunde. Zu diesen Gedanken ringt man sich durch, wenn man folgendes betrachtet: 1994 starben rund 800.000 Tutsis beim Genozid in Ruanda. 1995 taten es die Serben nach, töteten, folterten und massakrierten. An mehreren Tagen im Juli des Jahres wurden während einer Säuberung in Srebrenica mehr als 8000 männliche Zivilisten ermordet. Verantwortlich für diese schreckliche Bluttat: General Ratko Mladić, am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zur lebenslanger Haft verurteilt. Das macht diese vielen Väter, Söhne und Brüder auch nicht wieder lebendig. Dabei hätte dieses Gemetzel, genauso wie in Ruanda, großteils verhindert werden können. In beiden Fällen haben sich die Großmächte nicht veranlasst gefühlt, einzugreifen. In beiden Fällen wurde militärische Unterstützung zwar zugesagt, letzten Endes aber blieb alles nur Lippenbekenntnis. Was für ein verzweifeltes Gefühl muss das gewesen sein, als Blauhelm nicht mehr zu sein als eine Fassade der Ordnung, die vom Feind erst provoziert, und dann mühelos durchbrochen wird.

So verzweifelt wie die niederländische UN in Srebrenica ist auch die fiktive Figur der bosnischen Dolmetscherin Aida (beeindruckend, authentisch und oscarreif: Jasna Đuričić), die aus sicherer Entfernung mitansehen muss, wie sich abertausende Zivilisten vor der UN-Schutzzone versammeln. Darunter ihr Mann und ihre Söhne. Ihnen wird der Zutritt verweigert, denn schließlich könnte ja jeder kommen. In solchen Situationen Präzedenzfälle zu schaffen, wäre unangebracht. Blut ist längst nicht mehr dicker als Wasser, das sowieso schon knapp ist. Werte haben in Tagen wie diesen genau das verloren: ihren Wert. Also muss sich Aida andere Wege einfallen lassen, um ihre Familie zu retten. Ein geplantes diplomatisches Gespräch von Seiten der UN mit General Mladić kommt da fast wie gerufen. Und es zeigt sich: wer sind die größeren Diplomaten? Jene, die ihre humanitären Pflichten erledigen, oder jene, die, rein aus Liebe und Menschlichkeit, Berge in Bewegung setzen müssen?

Quo Vadis, Aida? schaffte es in diesem Jahr auf die Liste der Nominierten für den Fremdsprachen-Oscar, verlor aber gegen den Konkurrenten Thomas Vinterberg mit seinem Alkoholdrama Der Rausch. Das sind Filme, die man nicht miteinander vergleichen kann. Dennoch – wäre ich Teil der Jury gewesen – ich hätte für Quo Vadis, Aida? gestimmt. Alleine schon deswegen, weil dieser Film Licht auf eine im Dunkeln langsam vor sich hin schwelende Wunde des modernen Europa wirft. Über den krieg am Balkan gibt es vielleicht, wenn’s hochkommt, gerade mal eine Handvoll Filme, meist auch als Allegorie oder mit den Mitteln des Films überspitzt und abstrahiert dargestellt, wie Emir Kusturicas Underground zum Beispiel, zweifelsohne aber ein Meisterwerk. Weniger noch gibt es Filme über Srebrenica. Noch weniger Filme beschäftigen sich auf fast schon dokumentarische Weise mit dem Thema. Einer davon ist nun endlich Quo Vadis, Aida?. Das Drama gibt sich nüchtern, gleichzeitig auch sehr emotional. Durch die Schaffung einer fiktiven Figur rückt das Entsetzliche in die eigenen vier Wände. Schildert, wie sich politische Grenzen über menschliche hinwegsetzen. Das Genozid-Drama Hotel Rwanda mit Don Cheadle hat ähnliche Schwerpunkte, nur: Bosnien hatte weder einen Oskar Schindler noch einen Paul Rusesabagina. Hier kämpft eine ganze normale Frau mit ganz normalen Mitteln gegen Windmühlen, die vorgeben, stillzustehen, in Wahrheit aber im Inneren alles zermalmen. Was sie erreicht hat, war letzten Endes vergeblich.

Die bosnische Regisseurin Jasmina Žbanić sieht sich in der Pflicht, zumindest mit dem Medium Film ihrem Land jene Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die es in Zeiten des Krieges nicht bekommen hat. Über diese einige Jahrzehnte zurückliegende Vergangenheit wurde bereits 2006 mit ihrem Berlinale-Gewinner Grbavica – Esmas Geheimnis ein erstes Kapitel aufgeschlagen. Krieg und Sexueller Missbrauch: kein Stoff, aus dem unterhaltsame Kinostunden sind. Doch das Medium Film hat noch eine ganz andere Bedeutung: Das wären Aufklärung und Bildung. Mit Quo Vadis, Aida? geht Žbanić ein Kapitel weiter, schafft dabei epische Bilder einer humanitären Katastrophe, die das Zeug zum Kinoklassiker haben, und gibt dem Individuum ein ausdrucksstarkes Gesicht. Das ist packend wie ein Thriller und so tragisch wie das echte Leben.

Quo Vadis, Aida?

Die Croods – Alles auf Anfang

STEINZEIT AUF LSD

8/10


thecroods2© 2020 Universal Pictures International Germany


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: JOEL CRAWFORD

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): NICHOLAS CAGE, RYAN REYNOLDS, EMMA STONE, CATHERINE KEENER, CLORIS LEACHMAN, CLARK DUKE, LESLIE MANN, PETER DINKLAGE U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Kennt man ihn nicht schon aus der eigenen Kindheit, so kennt man ihn aus der Vorlesestunde mit dem Nachwuchs. Kaum eine solche gestaltet sich dabei schöner als mit den bebilderten Werken des Österreichers Erwin Moser, seines Zeichens Autor und Zeichner mit Hang zu einem ganz eigenen, phantastischen Realismus, der sich gerade für Kinder enorm zugänglich gibt, und das nicht nur aufgrund seiner entschleunigten, entspannten Erzählweise, sondern auch und vor allem aufgrund seiner obskuren Tierwelt, die auf den ersten Blick als Teil einer uns bekannten Fauna scheint, auf den zweiten Blick aber einer surrealen Physis frönt. Es ist, als hätten sich die Macher von Die Croods an genau diesem Herrn orientiert. Für wahrscheinlich halte ich das zwar nicht, aber egal – die Assoziation ist da. Und umso mehr kann ich mit dem irren Bestiarium in der Welt der Croods was anfangen. Das war schon beim Erstling der Fall, wo Landwale, bunte Säbelzahntiger und kreischende Vogelbäume eine Steinzeit bevölkern, die fast so scheint, als sähe sie jemand, der reichlich komisches Zeug intus hat.

Selten passiert es, dass ein Sequel die selben Qualitäten entwickelt, sich dabei aber auch nicht selbst kopiert. Ab und an kommt das vor. Wie eben in Die Croods – Alles auf Anfang. Und es ist vielleicht ganz gut, hierbei auch den Vorgänger zu kennen, da Teil 2 unmittelbar nach den Geschehnissen aus 2013 anschließt. Papa Grug ist also mit seiner fünfköpfigen Sippschaft und dem nonkonformen Neuzugang, Jungspund Guy, durchs Land unterwegs, um ein neues und vor allem sicheres Zuhause zu finden. Töchterchen Eep schmiedet allerdings mit Herzblatt Guy ganz andere Pläne, nämlich, die Sippe zu verlassen, um irgendwo neu anzufangen. Bevor es aber so weit kommt, stoßen unsere prähistorischen Helden auf eine paradiesische, mit Palisaden geschützte Enklave, in der eine ganz andere Familie wohnt – nämlich jene der Bessermanns. Ich möchte fast sagen: neureiche, trendige Bobos mit reichlich Essbarem im Vorgarten und einem Baumhaus, dass inklusive Lift und Fernseh-Fenster alle Stückchen spielt. Da bleibt den Croods der Mund offen stehen. Umso mehr, da Guy plötzlich als einer der ihren erkannt wird. Doch sei’s drum, die Croods machen sich in ihrer neuen Welt mehr ungefragt als gefragt breit, was den Bessermanns gar nicht gefällt. Es lässt sich erahnen, dass es da bald zum Nachbarschaftsstreit kommt, und das ganz ohne Volksanwalt.

Was sich die Drehbuchautoren Dan und Kevin Hageman (u.a. Trolljäger, Scary Stories to Tell in the Dark) für diese knallbunte Fortsetzung an Details alles haben einfallen lassen, geht auf keine gegerbte Mammuthaut. Sich sowas auszudenken, muss Riesenspaß gemacht haben. Und Riesenspaß, auch all das zu entwerfen und am Computer umzusetzen. Jedes noch so verrückte Tierchen scheint mit Lust und Laune geformt worden zu sein, von den geflochtenen Flipflops bis zum Angora-Mammut ist The Croods – Alles auf Anfang ein einziges Kuriosum. Hätte ja sein können, dass Regisseur Joel Crawford von all seinem Farbzirkus zu sehr abgelenkt worden wäre, doch die Familienkomödie, die ja fast schon den Kult um die Flintstones an Ideenreichtum in den Schatten stellt, hat sehr wohl was zu erzählen, hat sehr wohl auch seine Figuren in ihrer charakterlichen Weiterentwicklung zu betreuen und natürlich auch sehr viele Pointen unterzubringen. Alles zusammen passt wie der Funke zum Feuerstein. Darüber hinaus ist der Film ein einziger Schenkelklopfer, der mit einer komischen Situation nach der anderen zum lauten Lachen reizt. Absolutes Highlight: die versteckten Qualitäten von Oma Crood.

Betrachtet man die Konkurrenz mit Pixar, gibt es sehr wohl etwas, das DreamWorks neben seinem deutlich schrillerem Grundtonus dann doch noch besser gelingt: der oftmals treffsichere, nicht unbedingt geistreiche, aber reuelos plakative Witz, über den man sich gut und gerne amüsiert und der es auch nach dem Abenteuer wie auch immer gearteten Spaßbremsern schwer macht, die Laune zu verderben.

Die Croods – Alles auf Anfang