Close

DIE FURCHT VOR DEN GEFÜHLEN

7/10


close© 2022 Polyfilm


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2022

REGIE: LUKAS DHONT

BUCH: LUKAS DHONT, ANGELO TIJSSENS

CAST: EDEN DAMBRINE, GUSTAV DE WAELE, ÉMILIE DEQUENNE, LÉA DRUCKER, IGOR VAN DESSEL, KEVIN JANSSENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Hätte ich gewusst, welche Richtung dieses Jugenddrama einschlagen wird, hätte ich mir womöglich keine Tickets dafür besorgt. Was aber nicht heißen soll, dass ich es bereue, im Rahmen der Viennale Lukas Dhonts zweite Regiearbeit gesichtet zu haben. Ganz und gar nicht. Der belgische Autorenfilmer weiß, was er will. Seine Arbeiten sind konzentriert, ungemein einfühlsam und stringent. Reduzieren die Dramaturgie auf das Wesentliche und lassen aber dennoch ein intensives Gefühlserlebnis zu. Vielleicht, weil Blicke eben mehr sagen als tausend Worte. Weil eine Geste oft alles ist, und das gesprochene Wort öfter missverstanden wird als die paraverbale Kommunikation. Obwohl gerade diese in Close an seine Grenzen stößt und eine Tragödie auslöst, die man selbst als Elternteil um nichts in der eigenen Welt und in allen anderen möglichen Parallelwelten erleben will. Und doch steht der paraverbalen Kommunikation der Dialog nur in bedingtem Ausmaß gegenüber. Sobald Gefühle mit im Spiel sind, hat keiner mehr eine Ahnung davon, wie man diese zur Sprache bringt.

Bevor die erschütternde Konsequenz auf den unbewusst losgelösten sozialen Teufelskreis trifft, sind Léo und Rémi ein Herz und eine Seele. Zwei Jungs, gerade mal Teenager, und Best Friends Forever. Der eine übernachtet beim anderen, der Weg zur Schule ist stets ein gemeinsamer. Man tauscht sich aus, man teilt die Fantasie beim Spielen. Ein Einklang, wie er in Jugendjahren immer wieder vorkommt, in einer Zeit, wo man glaubt, den Buddy fürs Leben gefunden zu haben, bevor das Erwachsenwerden jeden auf einen anderen Weg schickt. Obwohl sich die Jungs in Close einander kennen wie sich selbst, bleibt doch eine Ebene unberührt: Die der Gefühle. Und so scheint es, als würden sich beide mehr zueinander hingezogen fühlen als es bei Freunden wohl üblich ist. In der Schule darauf angesprochen, lehnt Léo seine Zuordnung als latent homosexuell entschieden ab, Rémi hingegen sagt nichts. Und muss in Folge zusehen, wie sein bester Freund sich distanziert. Das geht so weit, bis dieser ihn verstößt. Und das Drama erst so richtig seinen Anfang nimmt.

Der liebevolle, warmherzige Blick, den Léo im Rahmen eines musikalischen Auftritts von Rémi diesem zuwirft, ist eine Zuneigungsbekundung schlechthin. Ist viel Respekt, Anerkennung und vielleicht doch ein bisschen mehr. Dieser Umstand aber kommt nie zur Sprache. Weil in einer Welt wie dieser niemand beigebracht bekommt, Gefühle auszudrücken. Das weiß man als Kind nicht, das weiß man als Erwachsener schon gar nicht mehr. Vor allem Buben und Männer sind hier eher ratlos. „Irrationale“ Emotionen einzugestehen zeugen von Schwäche, darüber hinaus scheint es, als würde es das Umfeld wenig interessieren. Wie damit umgehen? Und wie damit umgehen, wenn so etwas wie die erste Liebe im Spiel ist?

Lukas Dhont (unbedingt sehenswert: Girl) hat das Dilemma des Empfindens allerdings nur zum Anlass genommen, um etwas anderes zu erzählen. Es ist eine Sache mit Verlust und Schuld, mit Schmerz und Widergutmachung. Close steht plötzlich ganz woanders, als er sich meines Wunsches nach hätte positionieren sollen. Vielleicht ist das die Unberechenbarkeit des Lebens selbst, die plötzlich in ein Leben donnert wie ein Himmelskörper – und irreversible Spuren hinterlässt. Womöglich ist es Dhont ein Anliegen, Emotionen niemals zu unterschätzen oder kleinzureden, schon gar nicht wegzudrängen. Nirgendwo sonst sind Gefühle ein so wichtiger Baustein ins Leben wie in der Jugend. Diese zu missachten, kann den Worst Case auslösen. In dieser Finsternis findet sich auch dieser Film wieder, und wir uns mit ihm. Close ist daher weniger ein queerer Film als ein universelles Drama, das in Bildern, die vorrangig versuchen, in Gesichtern zu lesen und sich an dem, was zwischen den Wörtern liegt, sattsieht, seine Botschaft verstärkt.  Doch es wäre wohl ratsam, sich irgendwann selbst emotional zu distanzieren vor einer nicht auszudenkenden Möglichkeit, die es unmöglich machen würde, glücklich weiterzuleben. Dhont will Gefühle als etwas anerkannt wissen, dass sich, frei von Floskeln, schamlos mitteilen lässt. Bevor es vielleicht zu spät sein kann.

Close

Errementari: Der Schmied und der Teufel

DER TEUFEL SCHICKT SOLDATEN AUS

7,5/10


errementari© 2017 Netflix Österreich


LAND / JAHR: SPANIEN, FRANKREICH 2017

BUCH / REGIE: PAUL URKIJO ALIJO

CAST: KANDIDO URANGA, ENEKO SAGARDOY, UMA BRACAGLIA, RAMON J. AGUIRRE, JOSEAN BENGOETXEA, JODÉ RAMÓN ARGOITIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Ist es nicht so? Denken wir spontan an den Teufel, haben wir sowas wie den Krampus vor Augen. Wahrscheinlich geht’s da nicht nur mir so. In der Wiener Folklore liegt außerdem die Erkenntnis, dass Geschäfte mit dem Teufel seit jeher ein Schuss ins Knie sind. Draufzahlen muss letzten Endes der Mensch, weil er sich gerne verführen lässt, und scheinbar zu schwach scheint, um die paar wenigen Bedingungen, die Luzifer an seinen Deal geknüpft hat, nicht wird einhalten können. Das weiß der Herr der Lügen nur zu gut. Für ihn ist das alles eine gemähte Wiese, zumindest in der Sagenwelt meiner Heimatstadt, wo zwischen mittelalterlichen Tavernen, der Sonntagsruhe und gotischen Türmen die Konsequenz auf die Verfehlung folgt. Der Beelzebub taucht aber natürlich auch in anderen Ländern auf, er ist ja schließlich eine globale Symbolik für all die gern begangenen Todsünden. So auch im Baskenland, wie dieses dunkle Gothic-Märchen hier erzählt, wo der Teufel seine Schergen losschickt und gar nicht mehr persönlich aufkreuzt, um seine an ihn verhökerten Seelen abzuholen.

Einer davon ist Sartael, der darauf pfeift, sich hinter einer Fassade zu verbergen, die anderen vorgaukelt, er sei ein Mensch. Stattdessen zeigt sich das höllische Geschöpf in sattem Feuerrot, mit Hörnern und spitzem Kinn und sonst einer Physiognomie, für welche man ihn schlichtweg als den Teufel selbst halten könnte. Schließlich hat dieser auch seinen Dreizack griffbereit, also wieviel Herr der Finsternis soll denn noch gehen? Allerdings haben diese Ausgeburten auch so manche Achillesferse, wie zum Beispiel das zwanghafte Zählen von Dingen. Mit dieser Schwäche macht sich der Schmied einen Jux und hält obendrein Sartael in einem Käfig gefangen. Dieser Schmied nämlich, der hätte sich längst in der Hölle einfinden müssen, denn dafür hat er den Spanischen Bürgerkrieg überlebt, trotz Exekution. Dummerweise aber gerät der Plan des Schmieds ins Wanken, als ein Mädchen seine Werkstätte betritt – und die Dorfgemeinschaft zum Halali gegen den alten Kauz bläst, der das Mädel womöglich gefangen hält. So kommt eines ins andere, während Sartael mit allen Mittel versucht, wieder freizukommen. Und einen neuerlichen Pakt mit dem Mädchen schließt.

Sieht man sich in den kunsthistorischen Museen oder in alten Ausgaben von Dantes Inferno so manchen beigefügten Kupferstich an, so sehen die nicht viel anders aus als das, was Errementari: Der Schmied und der Teufel in rustikaler Manier an Bildern dem an europäischen Volkssagen interessierten Seher hier auftischt. Wenn die Flammen der Esse am Mauerwerk widerscheinen: wenn der keifende und zeternde Dämon in einem sagenhaft pittoresken Ganzkörper-Makeup durch die Stangen seines Käfigs schielt; wenn sich am Ende dann tatsächlich die Pforten der Hölle öffnen, wie in den inquisitorischen Vorstellungen eines mittelalterlichen Spanien, wo die ewige Qual auf alle Ketzer wartet, dann ist das folkloristischer Budenzauber, dem man in den verborgenen Nischen eines herbstlichen Burgfestes begegnen kann. Hier glüht die Mythologie wie ein erhitztes Stück Eisen, das vielleicht zum Schwert wird oder zum Kreuz. Errementari ist ein höllisches Volkstheater zwischen Qual und Moral, verbreitet aber weder eiskalten Schrecken noch verstört es ob seiner Unausweichlichkeit, dem Teufel ausgeliefert zu sein. Vielmehr ist der verschmitzte Trotz der Sterblichen gegen Luzifer und Co ein geradezu vergnüglicher und bewusst antiquierter Leckerbissen vor allem zu Halloween.

Errementari: Der Schmied und der Teufel

Zeiten des Umbruchs

DIE EINSAMKEIT DER TRÄUMER

8/10


armageddontime© 2022 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: JAMES GRAY

CAST: MICHAEL BANKS REPETA, JAYLIN WEBB, ANTHONY HOPKINS, ANNE HATHAWAY, JEREMY STRONG, TOVAH FELDSHUH, ANDREW POLK, JESSICA CHASTAIN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Egal, was du aus deinem Leben machen willst, was du tust und wofür du dich entscheidest: Bleibe Mensch! Wenn man sowas aus dem Munde von Anthony Hopkins hört, der sich mit hingebungsvoller Gewissenhaftigkeit und großväterlicher Liebe seinem Enkel widmet, erstarkt in einem selbst das Gefühl, die Weisung gelte nicht nur dem Jungen im Film, sondern auch einem selbst, der wie ich hier im dunklen Auditorium sitzt. Nichts anderes wollen wir tun: Uns selbst treu und Mensch bleiben.

Das erreicht man sicherlich nicht damit, indem man Nahrungsmittel auf wertvolle Kunstwerke wirft. Aber vielleicht damit, verrückte Ideen zu verfolgen, die einem an die Grenzen der eigenen Erfahrung bringen. Einem derartigen Reifungsprozess gibt sich der jüdische Junge Paul Graff hin, der im Geburtsjahr der 80er seine Schulstunden in Queens damit verbringt, in den Tag hineinzuträumen oder den unbequemen Lehrer Mr. Turkeltaub zu karikieren. Paul hat zeichnerisches Talent und denkt sich seinen eigenen Weg durch seine Kindheit, dabei schließt er Freundschaft mit einem schwarzen Jungen, der keinerlei Privilegien genießt, am Rande der Gesellschaft steht und diese Ohnmacht mit Bockigkeit kompensiert. Pauls Familie hadert derweil selbst mit ihrem Status als jüdische Einwanderer, die ihren Familiennamen ändern mussten, um als vollwertig zu gelten. Diese Zeit, in der Paul seine gesellschaftliche „Unschuld“ verliert, ist auch die Zeit, in der Ronald Reagan seine besten Karten dafür ausspielt, um Präsident zu werden. Das Viertel steht überdies unter der Obhut der Trumps. Donald, der spätere Präsident, wird Paul Graff genauso begegnen wie die damit einhergehende Unfairness der westlichen Welt, in der sich Chancengleichheit zum riesengroßen Fremdwort bläht.

Wenn Paul Graff – hinreißend dargeboten von Newcomer Michael Banks Repeta, der durch sein kindlich-knuffiges Erscheinungsbild leicht unterschätzt wird – lieber den Weg des Underdogs geht; des sozialen Outlaws, der das Herz am rechten Fleck hat, dabei aber seine Familie an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt, wünscht man sich einerseits, den Jungen an den Schultern zu packen und ihm Vernunft einzubläuen, andererseits aber ist das Brechen der Konventionen der einzige Weg, um einen Weg in die Zukunft zu finden, den bislang sonst noch keiner niedergetrampelt hat. Dieser Zwiespalt bewegt und fasziniert. Die Rolle des schwarzen Jungen namens Johnny wird dabei zum traurigen Symbol einer demokratischen Schieflage. Regisseur James Gray (u. a. Ad Astra – Zu den Sternen) errichtet sein Coming of Age-Drama auf den Erinnerungen seiner eigenen Kindheit. Ein autobiographischer Film, sozusagen. Und da all diese Szenen für Gray mit sehr viel emotionalem Kontext verbunden sind, liegt ihm auch gar nichts daran, altbekannte Erzählformeln oder die üblichen nostalgischen Versatzstücke, welche die Achtziger stets so mit sich bringen, einzusetzen.

Zeiten des Umbruchs – oder viel besser: Armageddon Time – ist das nonkonformistische Zeitbild rund um einen Nonkonformisten, der einer privilegierten Elite nichts abgewinnen kann und sich abwendet, weg von einem Erfolg, den sich alle anderen verdienen. In diesem politischen wie gesellschaftlichen Paradigmenwechsel, der wie ein Vakuum wirkt, in welchem die eigenen Ideale schwerelos scheinen, begibt sich Gray auf Augenhöhe mit sich selbst und seiner Familie, verschmäht das Melodrama oder gar den Kitsch. Bleibt ehrlich und widersprüchlich im menschlichen Verhalten. Hopkins oder Anne Hathaway sowie allen voran der erstaunliche und ungefällig aufspielende Jeremy Strong ruhen in ihren Rollen zischen Fürsorge und eigenem Dilemma und lassen dem Jungschauspieler Platz, um seinen Idealen zu folgen, so lausbübisch sie auch sein mögen.

Selten war ein Film aus dem Coming of Age-Genre, in welchem immer wieder ähnliche Themen romantisiert werden, so sehr mit Zeitgeschichte und den Werten des Humanismus verbunden. In den meisten stehen die Protagonisten selbst im Zentrum und suchen ihre Identität. In Zeiten des Umbruchs richtet sich der konzentrierte Blick nach außen, auf die Umwelt. Was man sieht: Das stimmige, spürbare Portrait eines Anfangs von etwas, das bis heute nachwirkt.

Zeiten des Umbruchs

Decision to Leave

DAS HERZ, EINE MÖRDERGRUBE

7,5/10


decisiontoleave© 2022 Bac Films


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2022

REGIE: PARK CHAN-WOOK

BUCH: PARK CHAN-WOOK, JEONG SEO-KYEONG

CAST: PARK HAE-IL, TANG WEI, LEE JUNG-HYUN, GO KYUNG-PYO, PARK YONG-WOO, JUNG YI-SEO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Die Rache-Trilogie des südkoreanischen Regie-Visionärs Park Chan-Wook möchte ich allen Filmfreundinnen und Freunden ans Herz legen – wenn diese sowieso nicht schon als selbstverständliches Must-See auf der Watchlist stehen oder gestanden haben. Lady Vengeance, Sympathy for Mr. Vengeance und natürlich Oldboy: Großes Kino ohne Mainstream-Kompromisse, selbstbewusst bis in den letzten Spot und nicht darauf angewiesen, um jeden Preis gefallen zu müssen. Park Chan-Wooks Filme halten eben dadurch, dass sie ihrem Konzept so sehr treu bleiben, Ablehnung jedweder Art sehr gut aus. Man muss manch verstörenden Stilbruch, manch Gewalteruption oder groteskes Intermezzo nicht unbedingt verstehen, man wird aber nicht umhinkommen, die virtuose Regieführung des Meisters zu bemerken. Seine Filme sind gehaltvoll und komplex, das ist nichts für zwischendurch. Und manchmal auch ein Schlag in die Magengrube. Wer aber dennoch mit Park Chan-Wook vertraut werden und das koreanische Kino abseits kommerzieller Berechenbarkeit erfahren will, sollte mit Decision to Leave beginnen, seinem neuesten Werk, das eben bei den Filmfestspielen der Viennale läuft. Hier lässt sich ein moderater Einstieg in die vertrackte Gedankenwelt eines Künstlers finden, der mit mächtigen menschlichen Gefühlswelten hart ins Gericht geht, ist es nun Rache oder Liebe.

Die Liebe hält bei Decision to Leave auf Umwegen Einzug, dabei fällt das heikle Wort so gut wie kaum, und auch das leidenschaftliche Empfinden einer Zuneigung findet nur im Ermitteln eines Mordfalls seine Legitimität. Denn Detektiv Hae-joon muss Song Seo, die Witwe eines beim Klettern verunglückten älteren Koreaners einvernehmen, die ob des Verlustes ihres Ehemannes nicht so wirklich Tränen vergießt, gerne mal im Verhörraum die edelsten Sushis des Viertels verdrückt und Hae-joon sowieso schöne Augen macht. Unter Mordverdacht steht die Dame nicht wirklich, doch ihre Rolle in diesem mysteriösen Fall bleibt lange im Dunkeln. Während dieser Zeit des Investigierens kommen sich die beiden näher, auf romantische Weise, doch kommt es nie zu Intimitäten. Als der Fall geklärt scheint, endet diese Art der Zweisamkeit abrupt. Doch nicht für lange.

Der Plot klingt jetzt nicht nach einem umwerfend komplexen Filmdrama. Eine Kriminalromanze eben. Oder doch mehr? Natürlich. Es wäre nicht Park Chan-Wook, würde er das Konzept des Film Noir nicht auf eine Weise wiederbeleben und in erweiterter Form neu interpretieren. Ich denke da an die frühen Dashiell Hammett– oder Raymond Chandler-Krimis mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Ausgetüftelte Werke, die mit voller Konzentration gesichtet werden sollten, denn wenn auch nur einer der vielen ins Spiel gebrachten Namen nicht im Gedächtnis bleiben, stürzt das ganze filigrane Krimi-Konstrukt in sich zusammen. Aufpassen und mitdenken muss man auch bei Decision to Leave. Und hier gestaltet sich die Erarbeitung des Films noch schwieriger, denn asiatische Gesichter scheinen uns ohnehin ähnlicher als die unsrigen, und bei koreanischen Namen klingt der eine wie der andere. Hat man diese Hürde überwunden und all die Namen und Personen erscheinen vertraut, eröffnet sich ein neues Fenster mit Ausblick auf ein sehnsuchtsvolles Kriminaldrama, auf Landschaften und Meeresküsten Südkoreas, wo die Brandung tost oder der Schnee leise zwischen den Föhren fällt. Park Chan-Wooks Film widmet sich stark wie selten zuvor seinem Land und seinen Leuten, blickt in die Ferne und in eine stets offene Mördergrube namens Herz. Dort folgt eine radikale Entscheidung der anderen, und wir wissen, dass Chan-Wooks Filme keine Kompromisse eingehen. Auch hier nicht – auch in Decision to Leave ist die letzte Konsequenz eine radikale und entsteht aus dem verrückten Entschluss, sich lebenslang an die große Liebe zu binden. Die letzte Entscheidung wird zu einem künstlerischen Akt, einer Art Manifest. Bis dahin weiß das manchmal gar urkomische, locker dahinerzählte und dann wieder getragene Filmpuzzle all seine vielen Details so zu ordnen, dass sich am Ende ein schillerndes, großes Ganzes ergibt. Einen eingefleischten, satten Film Noir, der die volle Aufmerksamkeit verdient.

Decision to Leave

Black Adam

EIN FELS IN DER SCHWEBE

5/10


blackadam© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: JAUME COLLET-SERRA

CAST: DWAYNE JOHNSON, PIERCE BROSNAN, NOAH CENTINEO, ALDIS HODGE, SARAH SHAHI, MARWAN KENZARI, QUINTESSA SWINDELL, VIOLA DAVIS, DJIMON HOUNSOU U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Jetzt wird alles anders! So zumindest will es laut filmstarts der neue Warner-Chef David Zaslav. Und er macht Tabula Rasa. Er sperrt den bereits abgedrehten Film Batgirl in den Giftschrank und hofft, ihn zur Gänze von der Steuer absetzen zu können (was ihm womöglich auch gelingen wird). Er hält auch nicht viel von Solo-Gängen oder unterschiedlichen Herangehensweisen in der Tonalität eines DC Extended Universe. Vielmehr sollte man sich an Marvel wieder ein Beispiel nehmen. So, wie Kevin Feige es macht – und wir sehen ja, auf welcher Erfolgswelle er schwimmt – soll auch das DC-Universum seine Fangemeinde etablieren und zu regelmäßigen Kinoevents einladen, die das Blaue vom Himmel blitzgewittern und so richtig ohrenbetäubend die Motoren heulen lassen. Nicht alle wollen das, die breite Masse aber schon. Dabei gibt es Gerüchte, dass der vermeintlich neue DC-Chef Dan Lin, Executive Producer bei den Lego-Filmen oder Godzilla vs. Kong, Zac Snyder wohl nicht mehr im Regiestuhl sehen will. Die Art und Weise, wie er Filme mache, und insbesondere der Snyder Cut der Justice League (eine Sternstunde der DC-Filme), entspräche nun nicht mehr den Vibes, die Zaslav an seine Seher vermitteln will. Überraschenderweise aber haben die Verantwortlichen mit ihrem neuesten Knüller Black Adam genau das getan. Sie haben nicht nur anhand Marvel gelernt, wie man eingehend sympathische Figuren nah ans Publikum heranbringen und augenzwinkernde Ironie ausgeglichen verteilen kann – sie imitieren den Stil des 300-Schöpfers so sehr offensichtlich, dass es fast scheint, als würde sich Warner in die eigene Tasche lügen.

Unterm Strich heißt das: Mit Black Adam, der ja laut Lin sehr wohl dem neuen Trend der DC-Kinofilme entsprechen soll, erblickt eine eierlegende Wollmilchsau die Leinwand, die so pathetisch ins Feld zieht wie Leonidas und seine Spartaner, so schräg auftreten will wie James Gunns The Suicide Squad und so viel launiges Teamwork samt interner Diskrepanzen darüber pfeffern möchte wie in den Filmen der Avengers-Macher Anthony & Joe Russo. Ungefähr so wabert Black Adam auch daher und plustert sich zu einer gottgleichen Größe auf, in der ein Dwayne Johnson, dem man niemals auch nur ansatzweise böse sein kann, permanent über allen Dingen schwebt und genauso selten Bodenhaftung erreicht wie das Brachialabenteuer selbst.

In diesem erwacht im fiktiven Staat Kahndaq, der Ägypten mit seiner Küstenstadt Alexandrien zum Verwechseln ähnlich sieht, ein gottgleicher Shazam!-Champion aus einem 5000 Jahre andauernden Schlaf, um Rache zu üben. Befreit wird dieser von einer Polit-Aktivistin namens Isis (!), die eine von dämonischer Macht angereicherte Krone in Gewahrsam bringen will, bevor dies die Intergang tut, eine Militärdiktatur, deren Ziel es ist, die antike Monarchie von vor 5000 Jahren wieder weiterzuführen. Da steht – oder schwebt – nun natürlich der stiernackige Schrank von einem Halbgott ins Bild, der so unbesiegbar scheint wie Superman und alles kann, nur nicht in die Knie gezwungen werden. Das wiederum ruft die Justice Society of America auf den Plan und eben nicht die Justice League, um den neu erstarkten Schurken die Leviten zu lesen. Dabei wird klar, das die richtigen Fieslinge ganz andere Leute sind.

Mit dieser neuen Justice Society brechen diverseste Antworten auf Marvels Helden wie Ant Man, Falcon oder „X-Woman“ Storm durch die Schallmauer – deren Terminkalender scheinen wohl nicht so verbucht wie bei Batman, Wonder Woman und Co. Und auch ihr Gütesiegel liegt wohl noch eine Liga drunter, zumindest aber über jener der Suicide Squad, die alle aus demselben Universum kommen. Jaume Collet-Serra ( u. a. Jungle Cruise) schart um den distinguierten Dr. Strange-Verschnitt Dr. Fate so einige schräge Gestalten, die sich auf vergnügliche Art zusammenraufen, um Black Adam in Zaum zu halten. Der wiederum ist nur schwer ernst zu nehmen und hat auch stets – und dank Johnson ­­­– einen Hang zur unfreiwilligen Komik.

Unter dieser orientierungslosen und belächelten Stilsuche leidet auch der ganze Film. Am ehesten noch möge Zac Snyder darauf hinweisen mit den einleitenden Worten „Ich hab’s euch ja gesagt“, dass er seinen eigenen Stil wohl am besten beherrscht, und eben nicht andere Auftragsregisseure ohne eigener Vision wie Collet-Serra. Bei ihm gerät ein in triefendem Pathos ertrinkender 300-Stil mit CGI-Gewitterstimmung und inflationär eingesetzter Slow Motion inmitten donnernder Actionsequenzen zur Trittbrettfahrt neben der Spur eines geschmähten Kenners, der gewusst hätte, wie viel davon ein Film wie Black Adam vertragen könnte. Alle anderen wissen das scheinbar nicht – und kleistern genau dort alles zu, wo weniger mehr gewesen wäre. Ein Mehr hätte auch das schale Skript vertragen, und überhaupt das schauspielerische Engagement der Schauspieler. Das Konzept wirkt seltsam billig, gehetzt und gehudelt, selbst die Effekte sind nicht State of the Art, doch das merkt man anhand des kaschierenden Snyder-Stils nur manchmal.

Dwayne Johnson scheint sich inmitten seines pittoresken Superhelden-Trashs aber sichtlich wohlzufühlen, denn sowas wie Black Adam wollte er immer schon mal machen. Da der Ex-Wrestler einfach ein gewinnendes Wesen besitzt, sieht man ihm selbst dann gerne zu, wenn der Rest die ganze Zeit nur denen nacheifern will, die es besser gemacht hätten.

Black Adam

Triangle of Sadness

REICHTUM IST (K)EINE SCHANDE

6/10


triangleofsadness© 2022 Alamode Film


LAND / JAHR: SCHWEDEN, GROSSBRITANNIEN, USA, FRANKREICH, GRIECHENLAND, TÜRKEI 2022

BUCH / REGIE: RUBEN ÖSTLUND

CAST: HARRIS DICKINSON, CHARLBI DEAN KRIEK, WOODY HARRELSON, DOLLY DE LEON, ZLATKO BURIĆ, IRIS BERBEN, SUNNYI MELLES, VICKI BERLIN, OLIVER FORD DAVIS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 27 MIN


Equality, Gender Pay Gap, Kapitalismus, Kommunismus und Rüstungsindustrie. Opportunismus, Klassenkampf, das Model-Biz und die Inhaltsleere von Social Media. Hab ich etwas vergessen? Die Gier der Reichen vielleicht? Oder gleich alle Todsünden? Nein, mit diesen hat Ruben Östlund in seinem Cannes-Gewinner nichts am Hut. Maßlosigkeit und Völlerei finden wir im Monty Python-Klassiker Der Sinn des Lebens wieder, und spätestens beim Minzplätzchen im schicken Restaurant braucht der Zuseher vielleicht selbst einen Kübel, denn da bringt die Komikertruppe ihr gesellschaftskritisches Fass im wahrsten Sinne des Wortes zum Überlaufen.

Bei Östlund sind es die Klos auf einer Luxusyacht, welche die mangelnde Seefestigkeit ihrer steinreichen Passagiere nicht mehr kompensieren können. Und ja: das kann passieren, ist aber keine Strafe für gelebten Reichtum. Denn Reichtum per se ist keine Schande. Menschen wie jene, denen auf diesem Narrenschiff das große Kotzen kommt, haben nun mal Geld und Einfluss. Doch sie sind weder gierig noch gemein noch maßlos. Vielleicht etwas blasiert, sonst aber nur unfassbar naiv. Wie Kinder in der Heileweltblase eines Spieleparadieses mit Bällchenbad. Wie Ludwig XVI. in seinem Versailles, umringt von Speichelleckern und einer angekrochen kommenden Entourage, die jeden Wunsch von den Augen abliest. Das Geld macht alles heil und jeden willig. Das Geld ist die Schaumstoffmatte beim Fall aus geringer Höhe, ist das einlullende Schlaflied am Ende des Tages. Seltsame Leute, so weltfremd und kleinkariert, und doch so erfolgreich. Wie passt das zusammen? Östlund seziert dieses Dilemma. Er will dies mit feiner Klinge tun, so wie er dies bei seinem Erstling Höhere Gewalt getan hat. Akkurat, mit kühlem Kopf, und aus sicherer Distanz, um der Lawine an Einsichten nicht zu nah zu kommen.

Bei Triangle of Sadness – die Kummerfalten im Südbereich der Stirn, knapp über den Augen und ungeeignet für eine Modelkarriere – hat Östlund viel zu sagen, und es gefällt ihm anscheinend gar nicht, wohin sich die Gesellschaft entwickelt hat. Alle Menschen scheinen ihm zuwider, aber doch nicht in einem Ausmaß, der ihnen unangenehm werden könnte. Man kann ja da und dort ein bisschen triezen, mit dem moralischen Finger in die Leistengegend der anderen stochern. Während die Reichen, denen der Reichtum in den Schoß gefallen zu sein scheint, ihren Überfluss hinnehmen wie eine Magenverstimmung, will Östlund mit seinem Überfluss an belangvollen Themen keines so wirklich präferieren. Der von Woody Harrelson und Zlatko Burić so zitatenreich ins Feld geführte Kommunismus schwappt also auf den Film über. Marx hätte mit Triangle of Sadness wohl seine Freude gehabt, er hätte sich spätestens dann köstlich amüsiert, wenn die Umkehr der Hierarchien die Nutzlosigkeit des profitgeilen Establishments zum Vorschein bringt. 

Doch bevor es so weit kommt, und bevor die uns allen längst bewusst gewordene globale Unfairness in handzahmen satirischen Spitzen, die offene Türen einrennen, ihren Ausgleich sucht, kreiert die erste von drei zusammenhängenden, aber unterschiedlich platzierten Episoden im schnell verfassten Plauderton alltagsparadoxen Kabarettstoff für die Kleinkunstbühne, der aber kaum die Wucht hat, um szenenlang über Gleichberechtigung und den Wert des Geldes zu polemisieren. Im Mittelteil wird das groteske Drama dann so richtig zum Östlund-Anarchismus, und wenn diesmal auch nicht der Affenmensch die eitle Gesellschaft sprengt, ist es die gemarterte Sunnyi Melles, die mit ihrer bizarren Brechdurchfall-Performance (Hut ab vor so viel inszenierter Selbsterniedrigung) die kleinen, obskuren Eitelkeiten mit dem magensauren Wischmopp beiseitefegt. Ja, dieses Spiel mit den Erwartungen ist Östlunds Stärke. Dieses Vorführen eines sich in Sicherheit wiegenden Publikums.

Was Östlund noch tut: Er weigert sich, seine Figuren zu verzerren. Stattdessen verzerrt er ihr Umfeld und das, was ihnen geschieht. Durch diese Diskrepanz entsteht ein subversives Echo – bei The Square war dies am stärksten, bei Triangle of Sadness ist das Umfeld der Figuren ein überraschend geradliniges Worst Case Szenario, was auch der Grund sein mag für ein schleppendes letztes Drittel. Eine Insel-Mystery á la Lost, die das System hinterfragt, aber auf der Stelle tritt. Den Östlund‘schen Bruch gibt es nur einmal – dass dieser seine Satire nochmal auf die Spitze treibt wie beim Versenken seiner Luxusjacht, würde man sich vielleicht wünschen – oder auch nicht. Letzten Endes lässt sich der Cannes-Doppelsieger aber zu keinen neuen Sichtweisen mehr motivieren.

Triangle of Sadness

Das Seeungeheuer

FLOSSENSCHELLEN FÜR KÄPT’N AHAB

7,5/10


dasseeungeheuer© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: CHRIS WILLIAMS

BUCH: CHRIS WILLIAMS, NELL BENJAMIN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): ZARIS ANGEL-HATOR, KARL URBAN, JARED HARRIS, MARIANNE JEAN-BAPTISTE, KATHY BURKE, DAN STEVENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Was dich nicht umbringt, macht dich nur noch stärker. Ja, das wissen wir. Oder glauben es zumindest. Auf alle Lebenslagen lässt sich diese Binsenweisheit aber auch nicht anwenden. Manchmal schwächt, was einen nicht umbringt, oder öffnet dem Wahnsinn Tür und Tor. Ein Blick auf die Literaturgeschichte bestätigt: Herman Melvilles Walhatz lässt einen Kapitän wie Ahab erstmal einbeinig durch die Welt staksen, bevor der massige Säuger ihn zur Weißglut treibt und sein Leben fordert. Am Meer, da gilt die Binsenweisheit eben sowieso nicht. Da quält sich der Mensch übers Wasser, weil er glaubt, zu wissen, wie die Natur tickt. Und wie man ihr Verhalten berechnen kann. Man kann es nicht. Und so behält Moby Dick die Oberhand.

Im Kino des Fantastischen sind es diesem weißen Pottwal zwar nachempfundene, aber ganz andere Kreaturen, die die Meere bevölkern und den grimmigen Menschen einer alternativen Erde Projektionsfläche für Furcht, Aggression und Blutdurst bieten. Legenden von damals, die all die gigantischen Leviathans und Cthulhus längst als etwas Böses deklariert haben, das immer mal wieder die von Menschen bewohnten Küsten dem Erdboden gleichgemacht haben, schüren das Feuer. Und die Ausrottung einzelner Arten ist nur noch eine Frage der Zeit. Also macht Kapitän Crow auf seinem „Walfänger“ Jagd auf den Red Burbler – einer monströsen Kreatur, die größte von allen und am Ende der Nahrungskette. Das aufgeweckte Mädchen namens Maisie macht diesem ganzen Vorhaben einen Strich durch die Rechnung, als sie, um das Schiff vor dem Untergang zu retten, das Harpunenseil kappt, an dem die Jagdbeute hängt. Mit dieser Aktion zieht sie sich den Unmut des Kapitäns zu – der will den Dreikäsehoch über die Planke schicken, doch daraus wird nichts. Ziehsohn und erster Offizier Jacob schnappt sich die Kleine und macht sich im Beiboot auf die Flucht. Nur, um dann erst recht in den Dunstkreis des Red Burbler zu gelangen, der, wie kann es anders sein, gar nicht mal so bösartig ist wie gedacht.

Ja, so ist das, mit dem Missverständnis tierischen Verhaltens. Gut und böse gibt’s da nicht. Diese Färbung interpretiert erst Kunst und Kultur in all die Lebewesen, sind sie nun fiktiv oder Teil unserer Realität. Das Seeungeheuer von Regisseur Chris Williams, der für den oscarprämierten SciFi-Knüller Baymax – Riesiges Robowabohu verantwortlich gezeichnet hat, vermittelt familiengerechte Botschaften rund um Fake News, Vorurteile und eingerostete Traditionen, die nicht mehr hinterfragt werden. Als Antwort lobt dieser das Bestreben, zur Koexistenz von Mensch und Natur einen Konsens zu finden, der allen etwas bringt. Das erinnert nicht von ungefähr an die mittlerweile modernen Klassiker aus dem Drachenzähmen-Universum. Und ja, Das Seeungeheuer hat aus diesen tricktechnisch wirklich beeindruckend schönen und epischen Werken so einiges gelernt. Dabei wirkt der auf Netflix erschienene Animationsfilm weniger wie ein High Fantasy-Epos, so, wie es die Drachenzähme-Filme tun, sondern wie Pixar es wohl umgesetzt hätte: Keck, mit Wortwitz und einem Hang zur Umschreibung niedlich-gewiefter Charaktere, wie eben die kleine Maisie einen solche darstellt. Und zum Glück hält sich die bei Disney längst durchgewaschene Laudatio über den Wert von Familie in Grenzen.

Was Das Seeungeheuer aber so richtig auszeichnet, ist neben seiner erfrischenden Kurzweiligkeit der formvollendete visuelle Output, das liebevolle Charakter-Design und die fulminant getricksten Actionszenen. Doch ist makellose Animation und Liebe zum Detail nicht ohnehin schon Standard? Sollte man bei Trickfilmen wie diesen nicht von diesem Punkt an wegwerten und das, was darüber hinausgeht, vergleichend ins Feld führen? Das muss man nicht. Es staunt immer wieder, was in der Kunst der Animation alles möglich ist. Wenn sich bereits anfangs ein türkisgrünes Fischwesen um den Walfänger windet, ist das großes, attraktives Abenteuerkino, das eine Verwertung auf der großen Leinwand genauso verdient hätte wie all die gezähmten Drachen.

Das Seeungeheuer

The Greatest Beer Run Ever

NUR MAL NACH DEM RECHTEN SEHEN

6/10


beerrun© 2022 AppleTV+


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: PETER FARRELLY

CAST: ZAC EFRON, RUSSEL CROWE, BILL MURRAY, KYLE ALLEN, JAKE PICKING, ARCHIE RENAUX, JOE ADLER, WILL ROPP U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Bier und Politik – ja, das geht zusammen. Bei uns in Österreich gibt es schließlich auch die Bierpartei, deren Mitglieder wohl bei so viel Hopfen-Aktivismus den Hut ziehen würden: Doch auch wenn das edle Gesöff hier um die halbe Welt reist und an seinem Ziel bacherlwarm und rülpsfreudig ankommt, ist das kühle Blonde doch nur Platzhalter für eine nette Geste. Was nicht heißt, dass man als Freund des Gerstensaftes nicht doch unweigerlich den Kühlschrank aufsuchen muss, um nicht nur Zac Efron aus der Dose schlürfen zu lassen. Der ist nämlich als Maschinist auf einem Frachter unterwegs nach Vietnam, um seinen Freunden aus der Nachbarschaft seine Ehre zu erweisen und mit ihnen anzustoßen. Denn das, was sie tun, ist eine gute Sache: Sie kämpfen gegen den Kommunismus. Da scheint jedes Mittel recht, und umso störender erscheinen dann subversive Demonstrationen in den Parks von New York, die für den Frieden plädieren. Zac Efron gibt in The Greatest Beer Run Ever einen, der die Welt nur aus einem einzigen, eng gefassten Blickwinkel betrachtet. Als John „Chickie“ Donahue, den es tatsächlich gegeben hat, scheint er globale Zusammenhänge wohl doch nicht so ganz zu erfassen, geschweige denn, was es heißt, in einen Krieg zu ziehen und an der Front zu kämpfen. Der Naivling denkt sich allerdings: Auch ich will meinen Beitrag leisten – und macht sich mit einer Sporttasche voller Bier gen Osten auf. Was ihm dort begegnet, wird ihn auf alle Fälle mal erden. Und auf einmal wird er verstehen, worum es hier wirklich geht. Und wie sehr sich das Wirkliche von den Nachrichten im Fernsehen unterscheiden.

Noch einen Schritt weiter entfernt sich Zac Efron also von seinem High School Musical– und Frauenschwarm-Image, nachdem er bereits in der staubigen Schatzsucher-Parabel Gold den letzten Schritt getan hat. Der Mann mit den stechenden Augen trägt jetzt sogar einen buschigen Schnurrbart. Und verhält sich mitunter wie Forrest Gump. Pralinen hat er keine, dafür Bier jede Menge, und wie das Glück des Unbedarften eben so spielt, gerät Chickie von einer optimalen Gelegenheit in die andere, um tatsächlich auch seine Tour quer durchs Land abzuschließen. Der True Story-Knüller über einen, der sich als Zivilist durch den Krieg schlagen muss, erinnert an die ebenfalls wahre und auch verfilmte, aber ungleich tragischere Geschichte eines koreanischen Taxifahrers, der sich in den Unruhen eines Bürgerkriegs wiederfindet: A Taxi Driver. Peter Farrelly, der mit Green Book 2018 den Oscar-Hit des Jahres landete, hält auch diesmal viel von Freundschaft, von selbstlosen Gesten und der Aufmerksamkeit anderen gegenüber. The Greatest Beer Run Ever hat als Vietnam-Kriegsfilm allerdings so gut wie gar nichts Bereicherndes mehr beizutragen – und will in diesem Genre vielleicht auch gar nicht verortet werden. Sein Schwerpunkt liegt zum einen im Wechsel der Perspektiven. Und zum anderen in der Tatsache, das Reisen erst die Welt erschließt. Man kann noch so viel über Länder, Geschichte und Politik nachlesen. Man kann sich von Medien auf unzählige Weise manipulieren lassen. Mit der Wirklichkeit hat das übertragene Wissen nichts mehr zu tun.

Zu dieser Erkenntnis gelangt nun ein völlig von den Socken befindlicher, im nächtlichen Schützengraben bibbernder und um sein Leben fürchtender Hanswurst, der einfach nur Hallo sagen will. Ähnlich wie Tom Hanks würde er vielleicht, hätte es einen seiner Kameraden erwischt, diesen geschultert durch den Dschungel schleppen. Der freundliche junge Mann aus der Nachbarschaft sollte eigentlich Spiderman sein – in diesem Fall darf ein dreister New Yorker etwas tun, was wohl sonst keiner getan hätte. Für dieses filmische „Chapeau“ lässt sich Farrelly zu einem tragikomischen Reisebericht hinreißen, der letzten Endes aber das Kuriosum dieser Handlungen vor allen Ambitionen stellt. Ähnlich kurios gibt sich Efron, der seine Rolle zu leichtfüßig anlegt, der zu wenig tief in seinen widersprüchlichen Gefühlen schürft wie seinerzeit Robin Williams in Good Morning Vietnam. Nichtsdestotrotz gefällt The Greatest Beer Run Ever als mittelschweres Solidaritätskino, das manchmal zu gemütlich und schulterklopfend ausfällt.

The Greatest Beer Run Ever

Werewolf By Night

ZU VIELE JÄGER SIND DES MONSTERS TOD

4,5/10


WEREWOLF BY NIGHT© 2022 Marvel Studios


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: MICHAEL GIACCHINO

CAST: GAEL GARCÍA BERNAL, LAURA DONNELLY, HARRIET SANSOM HARRIS, KIRK R. THATCHER, EUGENIE BONDURANT, LEONARDO NAM, AL HAMACHER U. A.

LÄNGE: 55 MIN


Hier steht er nun, Mastermind Kevin Feige, auf einer Landstraße im Nirgendwo, so wie seinerzeit Tom Hanks in Castaway, der nach sieben Jahren Absenz wieder versucht, an ein normales Leben anzuknüpfen. Das Inselleben Kevin Feiges endete 2019 nach dem wuchtigen Finale Endgame, dem durchwachsenen zweiten Teil einer prinzipiell genialen Götterdämmerung. Nach dieser Phase folgte der freie Fall: Feige muss nach vor, nicht zurück. Ideen gibt es viele in seinem Kopf und in den Köpfen der Kreativabteilung, wenn die Beantwortung der Frage im Raum steht, wie es nun mit dem Franchise weitergehen soll. Drei Jahre später weiß das in den Marvel Studios immer noch niemand. Was nach Endgame alles an Serien und Filmen über die Fangemeinde hereinbrach, lässt sich schwer an einen roten Faden knüpfen, der so bezeichnend war für die letzte Phase des MCU. Zu sehen gab’s durchaus gelungene Standalones und Origin-Stories. Beeindruckende Gedankenspiele, erwachsenere Konzepte oder Möchtegern-Zaubertüten, die vom eigentlichen Ideenmangel ablenken sollten. Alles natürlich durchsetzt von gesellschaftspolitischen Agenden. Angeteasert wurden etliche Storylines, um die sich aber bis zum heutigen Tag niemand gekümmert hat. Somit ist offensichtlich: Keiner weiß, wohin.

Und dann das: Werewolf by Night. Als hätten wir nicht schon genug Figuren auf dem Spielfeld, die in ihrer Exaltiertheit eine ganze MCU-Phase tragen könnten. Natürlich erblickt passend zum Halloween-Monat des Horroktober eine Marvel-Figur das Licht der Bildschirme, die sich eigentlich Universal Pictures hätte krallen müssen, die aber den Geist der alten Horrorfilme rund um Tod Browning, James Whale, Bela Lugosi oder Boris Karloff wiederbeleben sollte. Das MCU bringt das kein Stück weiter. Es ist ein neues Experiment, das wie in einem Labor wieder mal Puff macht. Die Reste werden später fachgerecht entsorgt – so, als wäre nie etwas gewesen.

Disney+ bietet zumindest die Möglichkeit, an bestehenden Formaten herumzudoktern, Algorithmen umzuschreiben und Dinge zu wagen, die sich auf der großen Leinwand wohl nicht rechnen würden. Da wäre Werewolf by Night das nächste Häppchen, kaum eine Stunde lang und von der Laufzeit daher den alten Frankenstein– und Dracula-Filme nachempfunden. Der Trailer zu dieser „Special Presentation“, wie Marvel Studios es nennt, ist tatsächlich von einer grauenerregend guten Retro-Ästhetik, die mit angstverzerrten Visagen, Schattenspielen und einer verwaschenen Schwarzweiß-Optik Stimmung macht für ein klassisches Spukabenteuer. Mit diesem satten Announcement sind die Erwartungen natürlich hoch, und es wäre angesichts der schwächelnden Formate wie Ms. Marvel und She-Hulk direkt ein Wunder gewesen, mit einer Comicfigur, die stark an Wolverine erinnert, diese erfüllt zu sehen.

Was man serviert bekommt, ist ein bisschen Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, ein bisschen Frankenstein und irgendwas dazwischen. Ach ja, ein Labyrinth gibt es – und einen sogenannten Blutstein, den der eben verblichene Patriarch der Bloodstone-Dynastie, seines Zeichens Monsterjäger, weitergeben muss. Und zwar nicht an das schwarze Schaf der Familie, Tochter Elsa, sondern an den oder die beste aller Monsterjäger, die während einer nächtlichen Hetzjagd einem grauenvollen Ungetüm den Garaus machen sollen. Dieses Ungetüm entpuppt sich als das legendäre Man-Thing, eine Art Cthulhu für den Wanderrucksack, der mit Jäger Gael García Bernal gemeinsame Sache macht. Was dieser wiederum für ein Geheimnis in sich trägt, verrät der Titel. Und als das eigentliche Monster die Flucht ergreift, wird trotz fehlendem Vollmond ein anderes geweckt werden müssen. Das alles in einem Setting wie aus einem überkandidelten Edgar Wallace-Krimi, fein ausgestattet und sehr darauf bedacht, Manierismen und Versatzstücke aus den alten Klassikern laufend zu zitieren. Wenn man aber vermutet hätte, hier so etwas wie Sin City fürs MCU zu erleben, wird enttäuscht sein. Zu denen, die das dachten, habe ich mich wohl selbst gezählt. Werewolf by Night ist weder gruselig noch locken uns irgendwelche Mysterien in eine wohlig schaurige Dunkelheit. Warum man Komponist Michael Giacchino die Regie für diesen stilistischen Paradigmenwechsel übertragen hat, lässt sich nur auf ein gemeinsames Abendessen zurückführen. Unter seiner Hand gerät der kleine Reißer viel zu actionlastig und vorhersehbar. Die Plot ist einfallslos und nicht mal an den Haaren herbeigezogen, denn das könnte ja so bizarr anmuten, wie es bei Ed Woods Trashperlen der Fall war. Das wirklich erschreckende an Werewolf by Night ist der viel zu zögerliche Ausbruch aus einer erschöpften Routine, die das MCU wie ein Ringelspiel mit unterschiedlichen bunten Waggons auf der Stelle rotieren lässt. Dass hier nicht mal die irrlichternde Optik oder der Kniefall vor dem Schauerkino irgendetwas daran ändern können, liegt vielleicht auch an den austauschbaren Nebenfiguren.

Werewolf by Night hat massig Potenzial, Bernal fügt sich als einziger wirklich geschmeidig gut in das Franchise ein und die Details eignen sich als Deko-Set für die eigene Halloween-Party. Darüber hinaus aber zeugt verhaltener Applaus von einem zwar erwartbar geglückten, aber kaum nachhallenden Laborexperiment. Eine wandelnde Sensation wie Frankenstein’s Monster wird leider nicht daraus.

Werewolf By Night

You Won’t Be Alone

MENSCHEN, HEXEN UND ALLES DAZWISCHEN

8/10


you-wont-be-alone© 2022 Focus Features


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: GORAN STOLEVSKI

CAST: ALICE ENGLERT, ANAMARIA MARINCA, NOOMI RAPACE, KAMKA TOCINOVSKI, FÉLIX MARITAUD, CARLOTO COTTA, SARA KLIMOSKA, ARTA DOBROSHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Australische Filme – auch wenn es gar nicht anders sein kann, wenn man mich spontan danach fragen würde – müssen nicht immer ihren Heimvorteil genießen. Sie können auch ganz woanders, weit in der Ferne, ihre Geschichten verorten. Wie zum Beispiel in Mazedonien. Sie müssen auch überhaupt nichts mit Australien zu tun haben – weder ihre Figuren aus Down Under kommen lassen oder Down Under als Ziel haben. Mazedonien reicht völlig. Oder zumindest mazedonisch-australisch. Denn mit Regisseur Goran Stolevski gibt es dann doch einen kleinen Bezug zum Produktionsland, der aber in keiner Weise Auswirkungen auf den Film hat. Dieses irgendwo in den höheren Regionen gelegene Mazedonien des neunzehnten Jahrhunderts ist hier ein Ort, an welchem das Bauernvolk wohl täglich damit rechnen kann, von einer Hexe heimgesucht zu werden.

So eine sagenumwobene, gefürchtete Gestalt, die sich den Gesetzen normaler Sterblichkeit entzieht und scheinbar ewig lebt, erscheint eines Tages der Mutter einer Neugeborenen – nackt, mit schütterem Haar und verbannter Haut –, um sich das Kind zu nehmen. Wie es Hexen eben so tun – das wissen wir bereits aus Robert Eggers genialem Mythenthriller The Witch. Doch die Mutter erfleht einen Deal: Im Alter von sechzehn Jahren soll Biliana, die Tochter, ihr gehören. So sei es – und die Mutter, versucht, der Hexe ein Schnippchen zu schlagen und versteckt ihr Kind in einer Höhle. Man kann Hexen jedoch selten hinters Licht führen, diese Gestalten sind scharfsinnig und rechnen damit, und so kommt es, dass die junge Frau zwar nicht gefrühstückt, sondern aus Mitleid selbst in eine Hexe verwandelt wird. Was diese Sorte Wesen beherrschen: Sie können die Gestalt von Menschen und Tieren annehmen – dafür müssen sie sich lediglich deren Eingeweide einverleiben, und einem Leben inkognito steht nichts mehr im Wege. Nur: Biliana, das nun verwilderte Mädchen, dass ihre ganze Kindheit in Isolation verbracht hat, muss erst lernen, wie es ist, Mensch zu sein. Und der Frage nachgehen: welche Art Leben passt am besten zu mir?

You Won´t Be Alone ist wohl einer der ungewöhnlichsten und poetischsten Filme, wenn es darum geht, den Mythos der Hexe aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen. Das ist Robert Eggers wie schon erwähnt ebenfalls gut gelungen, doch dort ist eine Hexe immer noch etwas Böses. In diesem Film hier ist das ewig lebende Metawesen eine Existenz, die sich mit quälender Einsamkeit herumschlagen muss. Etwas Gefürchtetes zwar, aber Ausgestoßenes, Gemiedenes. Ein Monster. Weder gut noch schlecht, aus einer Not heraus entstanden, und nicht mehr umkehrbar. Biliana (Alice Englert, die Tochter von Jane Campion) schlüpft in verschiedene Rollen, darunter einmal sogar in Noomi Rapace oder in einen Hund. Dabei beobachtet Stolevski ganz genau, wie diese mazedonische Gesellschaft mit Männern, Frauen, Kindern oder Tieren umgeht. Wie es ist, sich zu verlieben oder Sex zu haben. Zu spielen, mitanzupacken oder geschwisterliche Nähe zu erfahren. Und dabei einfach nur das Verhalten der Menschen zu erlernen. You Won´t Be Alone verknüpft sozialphilosophische Gedankenspiele mit blutigem Naturalismus, bizarrer Magie und Eingeweiden. Doch alles hat seine Ordnung, in dieser seltsamen Welt.

Was manchmal an Terrence Malicks Film Ein verborgenes Leben erinnert – mit neugieriger Kamera, die Distanzen meidet und den Alltag dieses Volkes miterlebt –, braucht nur leicht seinen Blick neu ausrichten, um einem inhärenten Folk-Horror zu beobachten, der aber viel mehr sehnsuchtsvolle Parabel sein will als verschreckender Umstand. Das selbst die uralte, einsame Seele das Lebensglück ihres Schützlings nicht neidlos billigen kann – selbst das lässt sich nachvollziehen. Und man ist fast versucht, dieses teils radikale, teils zögerliche Schauspiel wie ein überrumpelndes Naturereignis zu betrachten, das nicht nur von einem leidenschaftlichen Feminismus angefeuert wird, sondern überhaupt das mühsame, grelle, irritierende, aber letzten Endes unverzichtbare Menschsein feiert, nachdem sich mythische Wesen sehnen. Der historische Kontext wiederum verleiht You Won´t Be Alone die elegische Entrücktheit eines Grimm’schen Märchens, und man unterschätzt den Film von einer Sekunde auf die andere. Am Ende begeistert diese erdige Mystery mit seiner verspielten Neugier und dem Mut zum anderen Ansatz.

You Won’t Be Alone