Father Mother Sister Brother (2025)

WAS MAN VON DEN ELTERN WEISS

6,5/10


© 2025 Vague Notion, photo by Yorick Le Saux


LAND / JAHR: USA, IRLAND, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: JIM JARMUSCH

KAMERA: FREDERICK ELMES, YORICK LE SAUX

CAST: ADAM DRIVER, MAYIM BIALIK, TOM WAITS, CATE BLANCHETT, VICKY KRIEPS, CHARLOTTE RAMPLING, INDYA MOORE, LUKA SABBAT, SARAH GREENE, FRANÇOISE LEBRUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Die eigene Schwester, der eigene Bruder – alleine was die Blutsverwandtschaft angeht, gibt es keinen anderen Verwandten, der einem genetisch nähersteht. Gemeinsam aufgewachsen ist viel mehr, als unter einer Obhut aufgewachsen, die sagt, wo es langgeht, und die einem in Kindesjahren oftmals ratlos zurücklässt, was so manche Erziehungsmaßnahme betrifft. Als Geschwisterpaar kann es zwar auch zu Dominanz und Devotismus kommen, doch zumindest hängt man gemeinsam auf Augenhöhe in einer Kinderstube fest, in der man gemeinsame Erfahrungen in Sachen Erziehung durchaus teilen kann. Und dann auch später: Die Eltern werden älter, die Kinder groß – die Brücke zu den Erziehungsberechtigten mag man geschlagen haben, um ihnen ihrer selbst willen näherzukommen, oder eben nicht.

Familie hat man ungefragt

Dieses „Oder eben nicht“ hat der legendäre Independentfilmer Jim Jarmusch nun aufgegriffen. Sein dreiteiliger Episodenfilm trägt zwar den Titel Father Mother Sister Brother, doch Vater und Mutter bleiben das rätselhafte Subjekt, das unbekannte Wesen, das man zwar sieht und spürt und umarmt, aber nicht ergründen kann. Dabei ist es ganz egal, ob diese Eltern, ob Mutter oder Vater, nun anwesend sind oder nicht. In der dritten und alles einschließenden Episode Sister Brother ist nicht mal das vonnöten, da braucht es Mutter und Vater nicht mal, um sich mit ihnen posthum auseinandersetzen zu wollen. Dieses Anschleichen, Annähern, dieses Betrachten der Elternschaft, die man bisher nicht ergründen konnte und es auch niemals wird, denn diese entwickeln sich auch nochmal um einiges weiter und haben sich von jenen Menschen entfernt, die sie waren, als man Kind war – dieses Annähern und Betrachten reicht für Jim Jarmusch allemal, um alltägliche Miniaturen zu skizzieren, die das Fremde in der Familie thematisieren und es anhand unbeholfener Skurrilitäten und stockender Gespräche als einen Umstand dokumentieren, den man oft als etwas beschreibt, das man sich nicht aussuchen kann. Familie, die hat man schließlich ungefragt.

Abwesenheit in Anwesenheit, und umgekehrt

Und so schickt Jarmusch gleich anfangs Adam Driver und Big Bang Theory-Star Mayim Bialik ins winterliche Nirgendwo zu Musiker Tom Waits, der vorgibt, ein verschrobener, etwas hilfloser und mittelloser alter Sack zu sein. Warum tut er das? Um sich der Fürsorge seiner Kinder zu versichern? Könnte sein, jedenfalls scheint bis auf die pflichterfüllende Nächstenliebe nicht sehr viel beide Generationen zu verbinden. In der mittleren Episode sehen wir Cate Blanchett und Vicky Krieps, wie sie einmal im Jahr zur gespreizten Teezeremonie ihrer Mutter antanzen müssen. Hier gibt es noch weniger Wärme, reichlich Floskeln und unergiebigen Small Talk – das gemeinsam Erlebte hat mit dem Ende der Kindheit auch das ihre gefunden. Familie ist selten nachhaltig, bleibt auf verschlossener Distanz, Charlotte Rampling braucht vor dieser Zusammenkunft zumindest eine Therapiesitzung per Telefon.

Am Ende dann Eltern, die durch Abwesenheit präsenter sind als Waits und Rampling – ihr Ableben rückt die Sehnsucht nach der beschützenden, erzieherischen Instanz, nach einem Vorbild in den Mittelpunkt. Beide, Indya Moore und Luka Sabbat, erkennen die Besonderheit der Eltern erst nach ihrem Verschwinden, nach dem Gefühl des Verlustes. Auch sie entfremdete Wesen, zu denen man nicht anders konnte als aufzusehen.

Stilistische Spielereien

Natürlich erkennt man die eine oder andere Situation so oder anders aus dem eigenen Leben wieder. Nichts, was Jarmusch zeigt, ist von weit hergeholt, sondern unvermittelt erlebbar. Father Mother Sister Brother entwirft keine besonderen Welten, keine besonderen Momente – Jarmusch blickt auf den Kern der Begegnung, auf die Art des In-die-Augen-Sehens oder Nichtbetrachtens. Sein Episodenfilm ist von reduktionistischer Studienhaftigkeit, und es wäre nebst dieser familiären Ratlosigkeit kein spezieller Pfiff in ihnen vorhanden, würde der Filmemacher nicht die selbstauferlegte Challenge meistern wollen, einzelne Elemente in seinem Narrativ immer wiederkehren zu lassen. Das mag mitunter ganz witzig sein, wenn es sich um Paralleluniversen handeln würde, die zeitgleich und ineinander existieren – und vielleicht tun sie das ja auch. Vom Wert des Wassers ist die Rede, von einer eigentümlichen Phrase, die da heisst: „Fertig ist die Laube“. Von skateboardende Jungs oder den Fotos von damals, die, am Kaminsims, auf der Kommode oder als Teil des Nachlasses eine Zusammengehörigkeit dokumentieren, die einem längst schon wie weggewischt vorkommt. Letztlich hätte Jarmusch diese Spielerei gar nicht nötig gehabt, hat sie doch nur rein stilistisch einen gewissen dekorativen Wert, fürs inhaltliche Gesamtkonzept jedoch nicht den geringsten.

Father Mother Sister Brother (2025)

Cold Storage (2026)

A HELL OF A MYZEL

6,5/10


© 2026 Studiocanal Österreich


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2026

REGIE: JONNY CAMPBELL

DREHBUCH: DAVID KOEPP, NACH SEINER ERZÄHLUNG

KAMERA: TONY SLATER LING

CAST: GEORGINA CAMPBELL, JOE KEERY, LIAM NEESON, LESLEY MANVILLE, SOSIE BACON, VANESSA REDGRAVE, GAVIN SPOKES, ROB COLLINS, DARRELL D’SILVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Der Schimmelpilz als USP

Wir kennen das ja. Wir kennen das alle. Irgendwann greift man gedankenverloren zur Marillenmarmelade, die man vor Wochen zum ersten Mal geöffnet hat, um die Frühstückssemmel zu schmieren, da strahlt einen beim Öffnen des Einmachglases eine grünlich-weiß schimmernde Frisur entgegenn, die so akkurat das darunterliegende orange Gelee überzieht, dass es eine Freude ist. Gestatten: Penicillium, der Haus- und Hofschimmel, immer zu Stelle, wenn Lebensmittel irgendwo vergessen werden oder der Kühlschrank nicht entrümpelt. Die Gefahr, die dabei droht, ist der Verzehr des Mykotoxins, also lieber Finger weg, ist ungesund. Man wirft die Sache einfach in den Müll und ermahnt sich, beim nächsten Mal vor- und fürsorglicher mit dem Essen umzugehen. Weiters passiert nichts. Doch mit so gesitteten Myzelen lässt sich kein Film drehen. Das wäre nur insofern spannend, wenn es einer wie Peter Greenaway probiert. Der hat in seinem barocken Experimentaldrama A Zero an Two Noughts sämtliche, der Entropie unterworfene Dinge vor laufender Kamera, dabei naturgemäß in Zeitraffer, und vergammeln lassen. Auch in Polanskis Ekel kann man den titelgebenden Gefühlszustand ausleben, wenn in Catherine Deneuves Wohnung das Essen schlecht wird.

Housewarming fürs Myzelium

Doch für einen komödiantischen Body-Horror-Reißer reicht das immer noch nicht. Da muss der Pilz schon aggressiver sein. So gesehen in The Last of Us, da schafft es der Pilz immerhin, den Mensch als zomboides Fortbewegungsmittel zu nutzen – was aber relativ humorbefreit über die Bühne geht, während, zumindest in der Serienverfilmung, Pedro Pascal und Bella Ramsey nichts erspart bleibt. Als lockerflockige Alternative dazu gibt’s aber jetzt einen wohltuenden Blut- und Beuschelhorror in oszillierendem Waldgrün, wenn es heisst: Cold Storage.

Es wäre daraus kein Film geworden, hätte in dieser gottseidank fiktionalen Geschichte die permanente Kühlung eines tief im Untergrund längst vergessenen Geheimlabors nicht ihren Geist aufgegeben. Umso wärmer, umso besser für einen Organismus, der sich feuchtfröhlich an allen Lebewesen vergreift, derer er habhaft werden kann – von der Kakerlake über die Katze bis zum Mensch. Parasitismus heisst das Zauberwort, nur läuft die nicht so buddymäßig ab wie bei Venom und seinem Wirten Eddie Brock. Hier beeinträchtigt der sich rasend ausbreitende Pilz unsereins sofort, man braucht nur drauftreten, schon dringt er ein. Das Dumme an der Sache: Dort, wo der tödliche Organismus bereits Housewarming-Party feiert, ist jetzt ein Private-Storage-Lager, und Freunde von Stranger Things freuen sich: Sie bekommen den hochsympathischen Steve Harrington alias Joe Keery zu sehen, der dieses Mal schon wieder mit etwas Übernatürlichem zu kämpfen hat. Als Nachtportier darf er mit Barbarian-Final-Girl Georgina Campbell genau dort herumschnüffeln, wo man tunlichst nicht schnüffeln sollte. Natürlich passierts und der ganze Schrecken greift um sich.

Wer könnte da dem Schlamassel eher Herr werden als Frank Drebin? Stimmt, Leslie Nielsen hätte diese Rolle genauso gut spielen können, aber es ist Liam Neeson, der ja letztes Jahr schon gezeigt hat, wie lustig er als nackte Kanone sein kann. Nun heisst es abermals schmunzeln, denn zu schade ist sich der Ire auch dafür nicht. Das ist gut so, das beschert ihm Sympathiepunkte, genauso wie dem Rest des Ensembles. Das Kurioseste dabei: Der Auftritt Vanessa Redgraves.

Pilzgericht mit Ratte

Man möchte fast meinen: so entspannt und frei von schauspielerischem Ehrgeiz, den es hierfür nicht wirklich herauszukitzeln braucht, ist man der drohenden Weltvernichtung schon lange nicht mehr begegnet. Hinzu kommt, dass sich Regisseur Jonny Campbell (Alien Autopsy mit Bill Pullmann) allerlei Kurioses für seine schnell verpuffende Attraktion hier einfallen lässt, ist es nun die in der 1st-Person-View eingefangene Panik einer Küchenschabe oder der hochschaubahnfahrende Parasit im Körper des Befallenen. An allen Ecken und Enden quillt der Schimmel, Hirsche, Ratten und Köpfe explodieren. Ganz schön viel, womit man sich schmutzig machen kann.

Und ja, warum nicht, man macht sich gerne schmutzig und achtet dabei stets darauf, dass zumindest die Heldinnen und Helden im Film nicht irgendwie schief schauen, um die Aufmerksamkeit des grünen Etwas auf sich zu ziehen. In diesem Hürdenlauf des Nicht-berührens und Weit-genug-wegseins liegt die Spannung des Bodyhorror-Klamauks, darüber hinaus bleibt die Fermentierung tunlichst an der Oberfläche. Alles, was darunter liegt, ist zwar noch bekömmlich, aber relativ geschmacksneutral.

Cold Storage (2026)

Silent Friend (2025)

VIELEN DANK FÜR DIE BLUMEN

8/10


© 2025 Lenke Szilágyi / Polyfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: ILDIKÓ ENYEDI

KAMERA: GERGELY PÁLOS

CAST: TONY LEUNG CHIU-WAI, LUNA WEDLER, ENZO BRUMM, LÉA SEYDOUX, SYLVESTER GROTH, MARTIN WUTTKE, JOHANNES HEGEMANN, RAINER BOCK, MARLENE BUROW, YUN HUANG, LUCA VALENTINI, FELIX BUROSE U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Mein Sitznachbar im Kino verrät mir, dass der Film schon viel zu lange dauert. Alle zehn Minuten wandert sein Blick aufs Handgelenk, nur mit viel Disziplin schafft er es, die Überlänge abzusitzen. Das in Film empfohlene Zeitempfinden scheint bei ihm nicht angekommen zu sein. Liegt es daran, dass Pflanzen die Geduld strapazieren? Wenn ja, dann wäre der Film von vornherein schon nicht sein Thema gewesen, und es würde mich wundern, ihn hier vorzufinden. Allerdings gibt es aber auch Leute, die gar nicht wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie ins Kino gehen. Sich überraschen zu lassen, ist in dem Fall alles. Auch eine Methode, warum denn nicht. Von Methoden weiß Ildikó Enyedi schließlich auch so einiges zu berichten.

Die Relavitität der Langsamkeit

Während also mein Sitznachbar immer wieder das temporäre Voranschreiten kontrolliert, verliere ich komplett das Zeitgefühl. Zweieinhalb Stunden dauert Silent Friend, ein technisch-philosophisches Triptychon zu manch elementarem Rätseln unserer Existenz, das ein eigenes Empfinden von Geschwindigkeit auslöst. Anders gesagt: Man kann einen Film so entschleunigen, dass eine gewisse Relativität entsteht – damit meine ich eine gewisse verblüffende Kurzweiligkeit, das Ergebnis eines erzählerischen Sogs, der, wenn man alle Sinne öffnet, diese auf sich zieht. Das passiert gerade dann, wenn nichts passiert. Oder nur sehr wenig. Diese Langsamkeit, die sich einer gewissen permanenten Beobachtung entzieht, ist wohl die Charaktereigenschaft der Pflanze.

Drei Zeitebenen, drei Studien

Bis auf die Mimose, die Enyedi auch thematisiert, bleiben Reaktionen der Botanik auf äußere Einflüsse in ihrer Unmittelbarkeit eher endenwollend. Weder hören wir Menschen, noch sehen wir Menschen, wie diese Lebensformen kommunizieren – und wir wissen gar nicht mal oder denken darüber auch nicht nach, ob sie es tun. Auch wenn wir täglich diesen Wesen begegnen, empfinden wir weniger Leben in ihnen als im Tierischen, was sich als Trugschluss herausstellt – spätestens dann, wenn Student Hannes (Enzo Brumm) Anfang der Siebziger Jahre auf die Geranie seiner Kommilitonin achtet, während diese sich auf Forschungsreise begibt. Die Geranie ist aber nicht nur zum Bewässern da – sie ist Teil einer Studie, um herauszufinden, wie Pflanzen wann und worauf reagieren. Hannes sieht das als Herausforderung, das kleine pinke Gewächs aus der Reserve zu locken. Viele Dekaden früher sehen wir Luna Wedler als einzige weibliche Biologiestudentin an der Universität Marburg, in dessen Garten ein stattlicher Ginko-Baum steht. Sie entdeckt ihre Vorliebe für Fotografie, unüblich damals für Frauen, wie so ziemlich alles, was nicht Herd bedeutet, ganz so wie Karl Blossfeldt, und erkennt dabei aus physiologischer Sicht verblüffende Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Pflanze. Um das Triptychon komplett zu machen, reist Enyedi ins Jahr 2020, zur Hochzeit der Covid-Lockdowns. Ebenfalls in Marburg, und immer noch mit Blick auf den stattlichen Ginkgo, ist Tony (Tony Leung Chiu-wai, In the Mood for Love) ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, zum Nichtstun verdammt. Dieser Müßiggang bringt ihn aber auf neue Ideen. Warum denn nicht die Impulse dieses Baumriesen aufzeichnen, der schon vieles gesehen haben muss in seiner Existenz. Ob er sich an diese Dinge erinnern kann? Ob Mensch und Baum in Verbindung treten können, so, als würden sie ein Gespräch führen?

Einlassen auf ein lebendiges Gegenüber

Aktion und Reaktion, die verblüffende Vielfalt der Formen, die Suche nach Verbindung, die das Zeug hat, in andere Dimensionen vorzustoßen: Silent Friend lässt die vertraut unvertraute Welt aus Rinde, Blatt und Wurzel als reflektierenden Erkenntnisspiegel uns selbst betrachten. Unsere Wissbegier, unsere Sehnsucht nach Mysterien, und vor allem das Geborgenheit schaffende Gefühl, ein Teil des großen Ganzen zu sein. Der Ginkgobaum im Garten, er scheint alles zu wissen, jedes Geheimnis dieser Existenz. Wir selbst sind ahnungslos, und dadurch unerbittlich im Erlangen von einem Stückchen Wahrheit nach dem anderen.

Selten zuvor war ein filmisches Werk gerade durch seine jedem Drängen erhabene Erzählweise so erquickend. Die Sekunden sind lang, doch keine davon zu viel. Minuten werden zu Augenblicken, die Stunde zur halbstündigen Episode, beim Betrachten von Silent Friend geraten Wahrnehmungen durcheinander – ich als Zuseher (nicht mein Sitznachbar) nehme diesen Rhythmus an. Silent Friend verlangt Bereitschaft, Unvoreingenommenheit, und ganz wichtig: Geduld. Es ist aber nicht die Geduld des Wartens und Nichtstuns und Harrens, bis eintritt, was wir schon am liebsten gestern gewollt hätten, dass es passiert. Es ist die Geduld, die man erfordern muss, wenn man sich auf etwas einlässt. Auf eine Studie, ein Tier im Dickicht des Waldes und man möchte es beobachten. Auf die Geburt eines Kindes oder die Hoffnung, dass der Gingkosamen keimt. Ausdauer und Beharrlichkeit – in Zeiten wie diesen schwindende Werte. Ildikó Enyedi gibt sie uns zurück, mit noch einem Quäntchen Emanzipation, Feminismus und der mühsam erlernten Voraussetzung, das vor allem erst mal der Mensch unter seinesgleichen bereit sein sollte, sein Gegenüber wahrzunehmen, bevor er eintaucht in etwas ganz anderes. Silent Friend ist so etwas. Etwas ganz anderes.

Silent Friend (2025)

Das Flüstern der Wälder (2025)

NATUR, WENN SIE LAUT IST

8/10



© 2025 Vincent Munier


LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: VINCENT MUNIER

KAMERA: VINCENT MUNIER, ANTOINE LAVOREL, LAURENT JOFFRION

MUSIK: WARREN ELLIS, DOM LA NENA, ROSEMARY STANDLEY

MIT: VINCENT MUNIER, MICHEL MUNIER, SIMON MUNIER

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Unter Flüstern verstehe ich etwas anderes. Die Dezibelgrenze zum lauten Geräusch hat zumindest der Auerhahn nämlich längst durchbrochen. Wenn er seinen Balzruf loslässt, ist das weniger ein Ruf als mehr ein metallisches Knacken – als würde man eine Delle in einen Blecheimer schlagen, als wären darin überdies gläserne Murmeln, die hin und her klackern. Nicht tierisch klingt dieses Geräusch, und gerade deshalb ist es das. Ein Kuriosum der Natur, wie so vieles. Zum Glück gibt es sie noch in den Wäldern Österreichs, in den Kalkalpen und im Gesäuse. Geführte Touren kann man zur besten Auerhahnzeit des Jahres buchen, um es mit eigenen Augen zu hören. Dieses Glucksen, gutturale Klucken und Gurgeln. Ein Jahrhundertschauspiel.

Männer allein im Wald

In den Vogesen, einem Mittelgebirge in Frankreich, scheint der Auerhahn fast verschwunden. Dennoch stehen „Two and a half Men“ allein im Wald, die sehnsüchtig nach diesem Geräusch die Ohren spitzen. Und nicht nur nach diesem. Egal, was kommt, und ganz egal, wo es raschelt, knackt und wo sich dampfende Leiber durchs Unterholz schieben. Jedes noch so beiläufige Geräusch erweckt das Interesse nicht nur von Filmemacher Vincent Munier, sondern auch von dessen Sohn und wiederum von dessen Großvater. Drei Generationen schieben sich durch die atemberaubende Wildnis eines märchenhaft unberührten Urwaldes, in dem womöglich sonst kein Normalsterblicher Zutritt erhält, ganz so wie im österreichischen Urwald des Dürrenstein. Die Audienz aber würde ihnen gewährt, und so auch uns naturaffinen Zuseherinnen und Zusehern, die noch immer so viel Ruhe in sich selbst bewahren können, um angesichts dieser Entschleunigung nicht gleich nervös im Kinosessel herumzuwetzen, weil sozialmediale Dauerbeschallung und der durchgetaktete Zack-Zack-Rhythmus einer denaturierten, urbanen Welt längst neue Parameter für den Alltag gesetzt haben. In der Ruhe liegt die Kraft, und die Kraft liegt in der Natur. Ein jeder weiß das, nur wenige besinnen sich darauf. Ein Wald in seiner Gesamtfunktionalität eines intakten Ökosystems ist sowieso der beste Therapeut. Und auch wenn keine Wege in so einem Dickicht erkennbar sind, führen doch alle Wege zum Ursprung des Selbst.

Den Wald wirken lassen

Dafür brauchen die drei Slow-Mode-Abenteurer wirklich nur eine stromlose Hütte im Wald, in der es ausnahmsweise mal nicht spukt, wenn man mal davon absieht, dass das gespenstische Röhren, Brüllen und Kichern da draußen im Dunkel einem das Gänsehautgefühl gibt, nicht allein zu sein. Dieses Unbehagen weicht aber schnell einer kribbelnden, aufgeregten Neugier, so, als würde man eine Terra incognita betreten. Niemals weiß man in der Natur, was kommt. Es bleibt einem, festzustellen, dass sich etwas bewegt. Dass im Zwielicht des frühen Morgens, inmitten des leise tröpfelnden Regens und des knarzenden Winters etwas unterwegs sein muss. Was folgt, ist die disziplinierte Stille des beobachtenden Menschen. Und das meditative Warten. Warten darauf, einem Wesen zu begegnen, was immer es auch sein mag. Ein Dachs, ein Eichhörnchen, ein Waldkauz, vielleicht sogar ein Luchs.  Durch das stille Gewässer pflügt eine Hirschkuh, begleitet von ihrem Kalb. Der Nebel hängt über dem Wasser, das Licht zeichnet Silhouetten. So muss es gewesen sein, vor dem Menschen. Und ist es immer noch, siehe da.

Ein Essay aus Erahnen und Erlauschen

Vincent Munier hat sich in den letzten Jahren auf die Spur eines der seltensten Tiere unseres Planeten begeben: Dem Schneeleoparden. Dafür hat ihm sogar Nick Cave einen Song geschrieben, der am Ende des Films zu hören ist und den Spirit von Muniers Arbeiten auf beste Weise musikalisch einfängt. Komponist Warren Ellis ist auch diesmal wieder dabei – und vertont diese immersive Wanderung gerade dann durch seine reduktionistische Stimmungsmusik, wenn gerade mal nichts röhrt und knackt und knistert. In diese inszenatorische Harmonie taucht Munier abermals ein, er taucht in den Wald, in die Wildnis; hat zwar den Auerhahn als hehres Ziel vor Augen, doch letztlich ist es im einerlei, was ihm begegnet. Alles hat seinen Zauber, alles zelebriert und lebt die perfekte Kunst des Versteckens, des Tarnens und Flüchtens vor der leisesten Regung der Beobachter. Das Flüstern der Wälder ist kein populärwissenschaftliches Werk, sondern ein Daseinszustand. Ein Essay aus Hören und Sehen, ein meditatives Eintauchen in die Vollkommenheit des Erahnens und Erhaschens.

Ein Wald wie eine Schachtel Pralinen

Wie mich einst schon der Kurzfilm Anima Mundi von Godfrey Reggio beeindruckt hat, der die Seele der Natur in schnellen Schnitten und mit der Musik von Philipp Glass auf 28 Minuten herunterbricht, so spüre ich auch diesmal bei Muniers teils assoziativen wie intuitiven Abenteuer der Wahrnehmung eine meinem persönlichen Zugang zur Natur adäquate Wahl des Dialogs, in welchem von Seiten des Menschen einfach nur durch das Vorhandensein von Respekt schon alles gesagt ist. Die Antwort des Gegenübers, des ganzen kompakten, diffusen, uneinsehbaren, rätselhaften Öko-Wunders eines Waldes, kann lange dauern, ist niemals zu Ende. So flüstert eigentlich nur der Mensch, während das ohrenbetäubende Crescendo eines wirbelnden Gemütszustandes aus Wetter, Flora und Fauna alleine durchs Hinsehen und Hinhören zum kostenfreien Überraschungskonzert in der ersten Reihe fußfrei wird.

Das Flüstern der Wälder (2025)

13 Tage, 13 Nächte (2025)

EIN LAND ERLIEGT DEM TALI-WAHN

6,5/10


© 2025 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: MARTIN BOURBOULON

DREHBUCH: MARTIN BOURBOULON, ALEXANDRE SMIA, TRÂN-MINH NAM, NACH DEM GLEICHNAMIGEN BUCH VON MOHAMED BIDA

KAMERA: NICOLAS BOLDUC

CAST: ROSCHDY ZEM, LYNA KHOUDRI, SIDSE BABETT KNUDSEN, CHRISTOPHE MONTENEZ, SINA PARVANEH, YAN TUAL, FATIMA ADOUM, SHOAIB SAÏD, SAYED HASHIMI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Vor nicht ganz drei Jahren hat uns der Franzose Martin Bourboulon mit einer übertrieben erdfarbenen zweiteiligen Version des wohl berühmtesten Werks von Alexandre Dumas verwöhnt – die Musketiere waren da schon alteingesessene Haudraufs, D’Artagnan wurde von Francois Civil verkörpert – als bittersüße Milady de Winter glänzte Eva Green. Ein schönes Stück Historienkino, wenngleich der zweite Teil niemals ins Kino kam und im Streaming- und Retail-Sektor komplett unterging. Ein unwürdiges Verfahren, um Filme zu verwerten.

Vakuum am Hindukusch

Jetzt aber ist das alte Frankreich vergessen, Bourboulon wendet den Blick über den Nahen Osten hinaus bis ins landschaftlich schöne Afghanistan – zumindest tut er so als ob, denn gedreht hat er diesen Film klarerweise woanders, in diesem Fall in Marokko. Die meisten von uns Zuseherinnen und Zuseher werden wohl kaum nach Afghanistan gereist sein (obwohl: ich kenne jemanden, einen alten Schulkollegen, der das getan hat), somit fällt der Unterschied wohl kaum wirklich ins Gewicht. Viel mehr konzentrieren wir uns in 13 Tage, 13 Nächte auf jene Stunde Null des August 2021, die den Untergang eines vor langer Zeit kultivierten, weltoffenen Landes einläutet: Mit dem Abzug der US-Streitkräfte wird das hinterlassene Vakuum am Hindukusch sehr schnell aufgefüllt, und zwar mit jenen Finsterlingen, die da als Taliban bezeichnet werden: Vorsintflutliche wilde Männer, fanatisch und misogyn, antiliberal und voll mit weiß der Teufel sonst noch an dem Frieden und der Freiheit zuwiderhandelnden Agenden, die wohl alle davonscheuchen, die nicht unbedingt die Hölle auf Erden erleben wollen.

Nichts wie weg

In diesen Tagen des August steht in Bourboulons Film eine reale Person im Mittelpunkt, die man durchaus als eine bezeichnen kann, die Nerven wie Drahtseile besitzt. Ein harter Hund, ein kühler Kopf, ein pragmatisch agierender Franzose, genannt Mohamed Bida, der als Kommandant einer Sicherheitseinheit die letzte noch intakte Botschaft sichert. Die von wehrhaften Betonmauern umgebenen Räumlichkeiten sind das letzte Leo, bevor es gar nichts mehr gibt. Das wissen so einige aus der Bevölkerung, und ehe es sich Roschdy Zem als eben dieser Bida versieht, hat er Hunderte Zivilisten an der Backe, die in Frankreich um Asyl ansuchen wollen. Nebst der eigenen Belegschaft müssen, da gibt es gar keine andere Wahl, alle diese Seelen quer durch Kabul zum Flughafen gebracht werden, um sie dann in die letzten noch verfügbaren Maschinen zu verfrachten und außer Landes zu schaffen. Ein Himmelfahrtskommando? Das kann man laut sagen.

Durch diese hohle Gasse müssen sie kommen

An Roschdy Zems Seite agiert die bildschöne Lyna Khoudri als eine der Flüchtigen, die zufällig die Sprache des Feindes beherrscht. In diesem dichten Wirrwarr an Personen und Bedürfnissen lässt sich auch Sidse Babett Knudsen (Die Wärterin) als Reporterin verorten, die bereit ist, zum Wohle anderer sehr viel einzustecken. 13 Tage, 13 Nächte lässt sich ab eines gewissen Zeitpunkts durchaus als Roadmovie betrachten – irgendwann setzt sich der Konvoi in Bewegung, der etliche Hürden bewältigen muss, die zwischen Schikane und ernsthafter Bedrohung die Nervenkostüme aller Beteiligten ordentlich ramponiert – bis auf Roschdy Zem. Ihn scheint nichts aus der Fassung zu bringen – ein Held inmitten einer humanistischen Katastrophe. Bourboulon bleibt nah an ihm dran, was dann doch noch auf Kosten jener geht, die das Ganze verursacht haben: Die Taliban.

Alles im Blick, auf Kosten der Details

Hier ist Ende Legende mit der Glaubwürdigkeit. Die Gesinnung, das Weltbild, die Mentalität dieser Leute: Bourboulon kann sie nicht greifen. Zumindest nicht so sehr, um ein Gefühl der Authentizität zu erzeugen. Schauspieler Shoaib Saïd als Gruppenführer der Invasoren fühlt sich viel zu feingeistig an, um ihn als jemanden anzunehmen, der Karriere bei den Taliban gemacht hat. Glaubhaft oder nicht: Zumindest liefert Bourboulon in seinem Politthriller, den er chronologisch erzählt und dabei versucht, nichts Wichtiges zu vergessen, was die True Story vervollkommnet, beeindruckende Schauwerte. Wenn die Bevölkerung Kabuls den Flughafen stürmt und dabei jedes Mittel recht scheint, um die letzte Hürde zu nehmen, lässt sich das Ausmaß der Tragödie erahnen. Umso mehr, da während des Abspanns die tatsächlichen Bilder dieser Tage zu sehen sind.

13 Tage, 13 Nächte – sie vergehen wie im Flug. Und obwohl der Film zumindest meint, einen Einblick zu gewähren, indem er den Paradigmenwechsel so groß als möglich und auch ziemlich straff inszeniert: Die Rekonstruktion der Ereignisse nimmt sich wenig Zeit für seine Figuren und erfasst sie lediglich im Ausnahmezustand. So, als würden sie nur dann existieren.

13 Tage, 13 Nächte (2025)

Die progressiven Nostalgiker (2025)

LIEBLING, WIE SPÄT IST ES?

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: C’ÉTAIT MIEUX DEMAIN

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: VINCIANE MILLEREAU

DREHBUCH: JULIEN LAMBROSCHINI, VINCIANE MILLEREAU

KAMERA: PHILIPPE GUILBERT

CAST: ELSA ZYLBERSTEIN, DIDIER BOURDON, MATHILDE LE BORGNE, AURORE CLÉMENT, DIDIER FLAMAND, MAXIM FOSTER, ROMAIN COTTARD, BARBARA CHANUT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Dieser Film ist ein Albtraum für alle, die in den Traditionen eine gewisse Notwendigkeit sehen, und in dieser Notwendigkeit beständige Werte, die man nicht überdenken darf. Die progressiven Nostalgiker von Vinciane Millereau (im französischen Original heisst es übersetzt: Morgen war es besser) zeigt eine werbewirksame, urban-europäische Welt aus den Fünfzigern mit Normen, die rechtskonservative Denker gerne zurückhaben wollen. Was das beinhaltet? Weniger Rechte für Frauen, vielleicht auch gar kein Wahlrecht, wer weiß? Selbige hinter dem Herd, während der Mann das Geld beschafft, arbeiten geht, fesch verschnürt mit Anzug und Krawatte. Daheim macht das Heimchen alles, was im Haushalt eben zu tun ist. Von Wäschewaschen über Putzen bis hin zu Kochen, und wenn der Göttergatte dann nachhause kommt, müde von der Büroarbeit, dann stehen die Pantoffel parat, das Essen auf dem Tisch, und bedient wird der Mann dann obendrein. So eine Familie sind die Dupuis, und Ehefrau Hélène fügt sich, weil sie auch nichts anderes kennt. Es fügt sich auch Ehemann Michel, doch worüber sollte er sich schon beschweren?

Waschmaschine statt DeLorean

Plötzlich ist Töchterchen Jeanne schwanger, ohne geheiratet zu haben. Dazu noch vom Nachbarsjungen! Was tun in so einer regressiven, verknöcherten Welt, die uneheliche Kinder nicht duldet? Natürlich, Zwangsheirat! Doch bevor es so weit kommt, spielen eine gewisse gewonnene Waschmaschine und der Stromkreis tragende Rollen. Mit dem nötigen Quäntchen Energie werden Hélène und Michel in eine andere Zeit katapultiert, und zwar mehr als sechzig Jahre in die Zukunft. Und alles ist dort anders. Wie verträgt sich so ein obsoletes Mindset mit den liberalen Errungenschaften einer Menschheit, die sich trotz aller Widerstände weiterentwickelt hat und die individuelle Freiheit feiert? Am meisten leidet Patriarch Michel, während er einen Weg bestreitet, der irgendwann die Nostalgie aus seinem kleinkartierten Weltbild vertreiben soll.

Den Männern bleibt aber auch gar nichts mehr

Als eine Art possierliches Zurück in die Zukunft könnte man diese clevere Boulevardkomödie bezeichnen, nur ohne eines abenteuerlichen Plots, der die eigene Existenz, in diesem Fall jene von Michael J. Fox, gefährdet hätte. In Robert Zemeckis‘ Komödie sind die Rollenbilder von damals weniger Thema, vielleicht auch, weil die Achtziger auch noch nicht reif dafür waren, um den Status Quo zu überdenken. Im Jahre 2025 sieht die Sache schon ganz anders aus, da fährt die Ungleichheit zwischen Mann und Frau wie ein Stellwagen ins Gesicht des Betrachters. Wenn Michel, knautschig-desperat dargeboten von Didier Bourdon, seine unverdienten Privilegien verliert, kann man fast schon Mitleid haben.

Am charmantesten ist die Komödie, wenn das Fünfzigerjahre-Ehepaar mit der neuen Welt konfrontiert wird; wenn sie beide ein Codewort zurechtlegen müssen, das „Wie spät ist es“ lautet, und jedes Mal gesagt wird, wenn beide das Wunder des wandelbaren Fortschritts nicht mehr einfach so hinnehmen können. Vinciane Millereau, die auch am Drehbuch mitschrieb, konzentriert sich bei ihrer Arbeit auf allerlei Details, die zur Sprache gebracht werden müssen. Es sind weniger die technologischen Errungenschaften wie elektrische Zahnbürsten, Eiswürfelautomaten oder Computer, auf die es hier ankommt. Seine aufgelegte Situationskomik verlässt der Film dann, wenn es um den Feminismus geht – um gleichgeschlechtliche Liebe, um Karriere, um den Wechsel vom Bürohengst zum Hausmann. In Die progressiven Nostalgiker scheint es, als wäre man am Zenit, was die Gleichberechtigung betrifft, doch in Wahrheit sind da immer noch Meilen voraus.

Ohne das Dazwischen

Verzweifeln, so meint die Komödie, darf man dabei nicht, wenn man sieht, was da noch vor einem liegt. Denn setzt man das Damals und das Heute ohne das Dazwischen nebeneinander, wie der Film es tut, wird deutlich, welch weite Strecken die Gesellschaft seit damals schon zurückgelegt hat. Das zu erkennen macht Freude. Zu sehen, wie die Selbstverständlichkeit des Patriarchats zerbröselt, weil Perspektiven verändert werden müssen, ist wahrlich progressiv. Die Nostalgie hat dabei nichts mehr zu melden. Es sei denn, man bringt das Heute ins Damals.

Die progressiven Nostalgiker (2025)

Zone 3 (2025)

EIN NEUES GESPENST GEHT UM IN EUROPA

7,5/10


© 2025 Studiocanal GmbH


ORIGINALTITEL: CHIEN 51

LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: CÉDRIC JIMENEZ

DREHBUCH: CÉDRIC JIMENEZ, OLIVIER DEMANGEL, NACH DEM ROMAN VON LAURENT GAUDÉ

KAMERA: LAURENT TANGY

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, GILLES LELLOUCHE, LOUIS GARREL, ROMAIN DURIS, VALERIA BRUNI TEDESCHI, DAPHNÉ PATAKIA, ARTUS, STÉPHANE BAK, THOMAS BANGALTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Das Gespenst, das in naher Zukunft umgehen wird in Europa, ist nicht ein solches, von welchem Karl Marx seinerzeit gesprochen hat. Diesmal ist es ein Gespenst, das auf der anderen Seite der physischen, der unseren Realität operiert. Es ist, wie kann es anders sein, die künstliche Intelligenz, oder, wenn man salonfähig genug sein will, verwenden wir, wie schon seinerzeit Steven Spielberg: AI. Diese AI unterstützt uns alle, die auch nur irgendwie IT-Technologisches benutzen, bereits auf ungeahnte Weise. Es ist wunderbar, wenn vieles leichter geht, es ist weniger wunderbar, wenn die Erleichterung uns selbst ersetzt oder aber unsere Kreativität einschränkt, sodass wir im Endeffekt  kein Gehirnschmalz mehr benötigen, um Entscheidungen zu treffen oder uns Wissen anzueignen. Doch lassen wir mal die Kirche im Dorf. Ich denke, die Blase ist bereits soweit gedehnt, dass sie sich langsam zusammenzieht anstatt zu platzen. Aus der Welt schaffen lässt sie sich ohnehin nicht mehr, also besser, sich zu arrangieren, unabsehbar, welche Nebenwirkungen dies in naher Zukunft haben wird.

Ermittlungen per Knopfdruck

Die nahe Zukunft ist, um auf den Film zu sprechen zu kommen, in Frankreich diesmal eine, die wohl den Science-Fiction Autor Philipp K. Dick in Angst und Schrecken versetzt, bevor er vielleicht eine dahingehende Novelle verfasst hätte. Um Grunde hat er das auch, auf eine noch extremere Art, nämlich mit Minority Report. Diese Vision handelt von einer Methode, Gewaltverbrechen schon im Vorfeld zu erkennen, von wem und wie sie ausgeführt werden und so weiter. Im Film Zone 3 geht es allerdings vorrangig darum, Gewaltverbrechen, die passiert sind, zu rekonstruieren. Dabei hilft – und das ist mehr als aufgelegt – die künstliche Intelligenz, die alle möglichen Parameter scannt oder eben damit gefüttert wird. In weiterer Folge spuckt diese dann das nächstmögliche Szenario aus, um sich später dann als virtueller Sherlock Holmes feiern zu lassen, der alle Puzzleteile perfekt zusammenträgt. Was aber, wenn diese AI beginnt, zu halluzinieren? Wenn sie über ihre eigene Bias stolpert, die man unmöglich ausmerzen kann, schon gar nicht in einem Europa, in welchem die Gesellschaft in Zonen eingeteilt ist, von den Reichen bis hin zu den Armen, die in der dritten und letzten ausharren müssen. Die gesellschaftspolitische Ordnung erinnert an Neill Blomkamps Elysium, nur dort steht den Superreichen eine ganze Raumstation für im Erdorbit zur Verfügung, während Matt Damon mit Exoskelett die Revolution plant. Zone 3 ist da deutlich realistischer. Sollte sich das rechte politische Lager auf Dauer durchsetzen, sind Zonen wie diese durchaus vorstellbar. Und dann noch die AI, die vieles leichter macht. Leichter als möglich. Gar nicht gut, meinte schon Albert Einstein.

Am Anfang war kein Terminator

Statt Philipp K. Dick hat diese Idee Autor Laurent Gaudé auf Papier gebracht – und sie in einen futuristischen, nachtkalten, rauen High-Tech-Kriminalfilm verpackt. Chien 51 nennt sich die Vorlage, und Cédric Jimenez, der mit dem realitätsnahen und intensiven Terrordrama November schon überzeugt hat, gibt sich nun einer unbequemen, dystopischen Zukunft hin, die auf kluge Weise so manche Lücke füllt, die Filmklassiker wie James Camerons Terminator hinterlassen haben. Zone 3 fühlt sich an wie ein Prequel zum Killer-Androiden-Franchise, nur eben ohne Killer-Androiden und ohne Fiebertraum-Wahnsinn von James Cameron selbst, der ja im Rahmen eines solchen die Eingebung zum T1000 überhaupt erst erlangte. Roboter, die durch die Gegend stapfen und Menschen umnieten, ist stark von einer möglichen, zukünftigen Realität entfernt, dennoch aber lässt sich so eine Machtübernahme wie durch Skynet problemlos durchspielen, wenn man die Eigenheiten von ChatGPT und Konsorten potenziert. Spätestens dann öffnet sich die Büchse der Pandora und lässt sich nicht mehr schließen – nicht ohne Umwälzung, ohne Aufstand, ohne eines Sturms auf die Barrikaden, mit denen wir uns mit dem andauernden Drang nach Fortschritt selbst ummauern.

Antiheld im Regen

Gleich zu Beginn, wenn sich Gilles Lellouche frühmorgens aus seinen Laken erhebt, wird dieser ohne Umschweife zu einer Identifikationsfigur. Zwischen warmherzig, pragmatisch und auf sympathische Weise stur dringt dieser Protagonist durch ein Intrigen- und Indiziengeflecht, an seiner Seite eine auch sehr greifbare Adèle Exarchopoulos – anfangs noch die perfektionistische Exekutive, später dann, wenn sich das ungleiche Team eingespielt hat, bringen Emotionen die Ordnung ins Wanken. Das alles im dunklen, verregneten Blade Runner-Setting, mit Drohnen am Himmel und erstarkender Gefahren. Zone 3 ist manchmal so realistisch wie Children of Men, und hütet sich davor, nicht zu dick aufzutragen, um die akkurate Annäherung an eine Realität nicht zu verspielen. Vielen, die AI skeptisch gegenüberstehen, werden sich bestätigt fühlen. Viele, die das nicht tun, beschert der fesselnde Thriller zumindest ein gewisses Unbehagen. Zum Reflektieren der Lage regt Jimenez Werk aber bei jedem an.

Zone 3 (2025)

Herz aus Eis (2025)

IM BANNE DES IDOLS

7/10


© 2025 Filmgarten


ORIGINALTITEL: LA TOUR DE GLACE

LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ

DREHBUCH: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ, GEOFF COX

KAMERA: JONATHAN RICQUEBOURG

CAST: MARION COTILLARD, CLARA PACINI, AUGUST DIEHL, GASPAR NOÉ, MARINE GESBERT, LILAS-ROSE GILBERTI U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN



Wenn Oscarpreisträgerin Marion Cotillard das Set betritt, friert ringsherum die ganze Belegschaft ein. Bei dieser Divenhaftigkeit sehen sogar Liz Taylor und Angelina Jolie blass aus. Denn die Französin gibt hier den Inbegriff einer erhabenen Schauspielikone, die aus unerfindlichen Gründen so viel Einfluss und Macht besitzt, dass alle anderen vor ihr buckeln. Natürlich stellt sich die Frage, wieso man mit so jemandem die sowieso schon mühsamen Produktionsabläufe eines Filmdrehs erschweren muss – doch Filmstar ist eben Filmstar und sollte alle Erschwernisse mit der Wirkung aufs Publikum wieder wettmachen. Cristina, so nennt sich Cotillard im Film, ist Königin des Kinos und Königin in diesem Märchen, das in Herz aus Eis gerade nachgestellt wird. Dabei handelt es sich um eine relativ werkgetreue und man möchte fast schon sagen biedere Adaption der Geschichte von Hans Christian Andersen: Kunstschneelandschaften, graublauer Winterhimmel, in der Mitte des Szenarios ein Turm als Palast der eiskalten Adeligen, die unbedarfte Kinder bezirzt, um sie in ihr Refugium einzuladen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Dieser Schneekönigin wollen sich alle unterwerfen, weil sie strahlt bis über alle Maßen.

Ein Märchen wird real

Das sieht auch das Waisenmädchen Jeanne so, die genug hat von ihrem ereignislosen Leben im Heim und über Berge und Täler wandert, um in der Stadt nach ihrem Idol zu suchen, nach Andersens glitzernder Figur. Das Schicksal will es, dass die Kleine durch Zufall an besagtes Filmset gerät, auf welchem sie Bekanntschaft mit dieser aparten Diva macht, die Jeanne von oben herab als ein Individuum wahrnimmt, das ihr vollends verfällt. Diese Unterwürfigkeit, Abhängigkeit, dieses Schmachten nach der Gunst einer Königin sowohl in der realen als auch in der inszenierten Welt, beschert Cristina einem Vampir gleich Nahrung und folglich Vitalität, lässt sie größer erscheinen und in ihrer Machtgier wachsen. Jeanne schlittert immer mehr in eine ungesunde Abhängigkeit, die so weit geht, dass die Diva bald alles von ihrem Günstling verlangen kann. Vielleicht sogar den Tod.

Hörigkeit und Missbrauch

Andersens Märchen über Abhängigkeit und Machtmissbrauch fährt unter der Regie von Gaspar Noés Lebensgefährtin Lucile Hadžihalilović auf zwei Ebenen dahin – erstens ist es die im Film stattfindende konventionelle Inszenierung des Klassikers, andererseits hebelt die Dimension, in dem der Filmdreh und die Beziehung zwischen Kind und Erwachsener stattfinden, die Kernaussage der Parabel nochmal aus, um sie an diesem erschütternd düsteren Beispiel eines Missbrauchs anzuwenden. Wie der Pakt mit dem Teufel fühlt sich dieser Weg in die Finsternis an, an welchem es schon bald einen Point of No Return geben könnte. Doch Herz aus Eis (im Original The Ice Tower) sieht in dem jungen Mädchen eine Protagonistin, die nicht auf einen Weg in die Verdammnis, sondern in die Erkenntnis geschickt wird. Das moralische Leuchtfeuer ist in dieser filmischen, klirrend kalten Winternacht unschwer zu erkennen, und auch Jeanne kann es wahrnehmen, wenn auch anfangs nur vage, weil die Verlockungen der Königin allzu betörend sind.

Ein Film wie eine Winternacht

Hadžihalilovićs Film ist langsam, schleichend und sperrig. Als wären es Bruchstücke einer zu Boden geschmetterten Eisskulptur, setzt die Filmemacherin diese Mär zu einem gespenstischen Mosaik zusammen, das nicht ganz passt, weil dazwischen Elemente fehlen, die den Erzählfluss geschmeidiger machen könnten. Doch genauso scharfkantig wie Eissplitter und so schneidend wie Kälte ist dieses Tauziehen zwischen Macht und Ohnmacht aus Bruchstücken zusammengesetzt. Das Fragmentarische lässt die Geschichte wie ein Traum in einem Traum wirken, bedrohlich entrückt und schwer rekapitulierbar. Kann sein, das manchen Herz aus Eis zu träge erscheint, doch diese Schwermut hat ihren Zweck. Als Winterschlaf eines heimatlosen Individuums, in dem selbiges einer Willkür erliegt, lässt sich diese Vision betrachten. Der Wunsch, Jeanne möge erwachen, drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Cotillard als die Mächtige scheint dabei als ewig existierende Entität dem Kind auf unbewusste Weise zu lehren, sich im Leben zurechtzufinden und Gefahren zu erkennen.

Herz aus Eis ist das magische und zugleich ungefällige Konstrukt eines sozialen Gleichnisses, fast schon jenseits der Spielwiesen von Politik und Showbusiness und universell zu betrachten. Jungschauspielerin Clara Pacini begegnet in ihrem zerbrechlich-sinnlichen Spiel der längst versierten Cotillard auf Augenhöhe – beiden gelingt in ihrem schleichenden Duell, das Eis dieser fröstelnden Sachlichkeit aufzubrechen. Der Funke flackert spät, aber doch. Und klingt nach wie manches Märchen, dessen Metaebene man als Kind nur unbewusst mitgenommen hat. Um es dann, im Unterbewusstsein, reifen zu lassen.

Herz aus Eis (2025)

The Secret Agent (2025)

UND DER HAIFISCH, DER HAT ZÄHNE

7/10


© 2025 Port au Prince Pictures


ORIGINALTITEL: O AGENTE SECRETO

LAND / JAHR: BRASILIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: KLEBER MENDONÇA FILHO

KAMERA: EVGENIA ALEXANDROVA

CAST: WAGNER MOURA, MARIA FERNANDA CÂNDIDO, GABRIEL LEONE, CARLOS FRANCISCO, ALICE CARVALHO, ROBÈRIO DIÓGENES, HERMILA GUEDES, IGOR DE ARAÚJO, ÍTALO MARTINS, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Die Hai-Angst greift um sich, im Brasilien der Siebzigerjahre. Einmal in den lokalen Geschichtsbüchern geblättert, markiert diese Dekade die Epoche einer Militärdiktatur, die vehement gegen Liberale und linksgerichtete Denker vorging. Alles, was den politischen Dogmen von damals nur ansatzweise widersprochen und sich zumindest so angefühlt hat, als wäre revolutionäres Denken im Gange, war letzten Endes dazu verurteilt gewesen, beseitigt zu werden – sei es weggesperrt auf ewig, umgebracht und verscharrt oder nur ermordet und liegen gelassen. Viele blieben verschollen, und jene, die man fand, konnten nur schwer identifiziert werden, so als wären sie von einem Raubtier zerfleischt worden; von einem Räuber, einer unberechenbaren Bedrohung, die ohne Vorankündigung kurzen Prozess gemacht hat.

Spielbergs Sommerhit als symbolisches Trauma

Dieser Knorpelfisch wird zur Metapher für eine satirisch-tragikomische Parabel; für einen bisweilen schrägen Thriller, der die politische Geschichte Brasiliens völlig anders aufdröselt und nichts damit anfangen kann, als herkömmliches Betroffenheitskino seine Informationspflicht in der notwendigen Sachlichkeit, ergänzt durch routiniertes Drama, abzuarbeiten. In diesem monströsen Meerestier, gespickt mit rasiermesserscharfen Zähnen, steckt das Bein eines unbekannten menschlichen Opfers – mit diesem Mordfall schickt sich ein höchst ungewöhnlich konzipiertes Charakterdrama an, über eine Person zu erzählen, die, von Palme-Preisträger Wagner Moura verkörpert, als Universitätsprofessor Marcelo von den Häschern der Militärjunta in die Küstenstadt Recife flüchtet. Die Gegend ist für den Witwer Marcelo kein unbekanntes Terrain, leben dort doch seine Schwiegereltern und sein eigener kleiner Sohn, der panische Angst vor Haien hat, dabei aber unbedingt Spielbergs Weißen Hai sehen möchte – vielleicht, um das kleine Trauma loszuwerden, welches ihn plagt.

Den Opfern auf der Spur

So geistert der Hai und das Bein durch die scheinbar umständlich erzählte Chronologie eines Schicksals, das erst Jahrzehnte später – der Film macht zwischendurch immer wieder Zeitsprünge in die Gegenwart – von Geschichtsstudentinnen aufgearbeitet wird. Dabei sind beide – das Bein und der Hai – symbolische Bausteine, die für einen zerstörerischen Machtapparat stehen, der verbrannte Erde hinterlässt und es so unmöglich macht, das Ausmaß der Tragödien zu erfassen. Filmemacher Kleber Mendonça Filho, der mit seiner politischen Alien-Parabel Bacurau denkwürdiges brasilianisches Kino schuf, lässt surrealen Spuk auch hier, wenn auch deutlich dezenter, durch Recife geistern. Allein die erste Szene von The Secret Agent mutet an, als hätten wir es hier mit einem schwarzhumorigen, lakonischen Gaunerstück zu tun; als hätte einer wie Vince Gilligan (Breaking Bad, Better Call Saul) eine neue Spielwiese entdeckt. Letztlich aber ist Filhos Film bisweilen weniger originell als das episch-bizarre Seriendrama, das kein Auge trocken lässt. The Secret Agent lässt sich massig Zeit, beobachtet und sondiert zuerst, um dann erst spät die Karten auf den Tisch zu legen. Lange ahnt man nur, was hinter Marcelos Versteckspiel verborgen liegt – fast schon reduziert der Film seine Geschichte zu sehr auf indirekt stattfindende Wendungen. Mehr zur fiktiven Biografie wird diese tragische Geschichte, wunderlich und vielschichtig, während sich gegen Ende die Dinge überschlagen und der klassische Politthriller, wie er in den Siebzigern gern inszeniert wurde, findet seine Hommage.

Politthriller mal anders

Subtil und doch nicht, metaphysisch und gleichzeitig ernüchternd real: Filhos Mixtur ist bemerkenswert. Den Verdacht, hier ganz großes Kino aus Brasilien zu erleben, das falsche Erwartungen provoziert und gleichermaßen einen melodramatischen Film Noir darin einbettet, mag man hegen. The Secret Agent ist nicht leicht zu fassen, weil er fast schon als dynamischer Genre-Hybrid funktioniert. Mittendrin dann tatsächlich noch Udo Kiers letzte Rolle als gezeichneter jüdischer Holocaust-Überlebender, als Orakel einer politischen Sackgasse, in der er sich einst befand, und die nun Brasilien auf eigene Art variiert.

The Secret Agent (2025)

How to Make a Killing (2024)

FARGO IM WEIHNACHTSPULLI

6/10


© 2025 Gaumont


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: FRANCK DUBOSC

DREHBUCH: FRANCK DUBOSC, SARAH KAMINSKY

KAMERA: LUDOVIC COLBEAU-JUSTIN, DOMINIQUE FAUSSET

CAST: FRANCK DUBOSC, LAURE CALAMY, BENOÎT POELVOORDE, JOSÉPHINE DE MEAUX, MEHDI MESKAR, KIM HIGELIN, TIMÉO MAHAUT, EMMANUELLE DEVOS, ANNE LE NY, LOUKA MELIAVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Ruhe, bitte!

Wieder einmal kam ich in den zweifelhaften Genuss einer Kinovorstellung, die durch einen weiteren Gast so konsequent gestört wurde, dass es letztlich unmöglich war, in How to Make a Killing auch emotional einzutauchen. Wie man also jemanden umbringt, war mir letzten Endes klar – mitgerissen hat mich die schwarze Thrillerkomödie aber leider kein bisschen. Das wäre anders gewesen, wäre die schwer alkoholisierte oder aber auch mit andren Substanzen zugedröhnte Dame hinter mir, die irgendwann dann doch noch den Saal verließ auf Bitten ihrer Begleitung, nicht wiedergekommen. In solchen Momenten wünscht man sich vom Kinosaal ins Heimkino – oder aber sein Geld zurück.

Ein Bärendienst fürs Weihnachtsgeld

Wie dem auch sei – und ja, ich habe versucht, den permanenten Off-Kommentar aus dem Publikum auszublenden: Mit diesem französischen Knaller könnte man sogar von einem Weihnachtsfilm der anderen Art sprechen, abseits von RomCom, Kitsch und Weihnachtsmann. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend wird die die tief verschneite Landstraße zum Laufsteg für einen Braunbären, den es, wie mehrmals betont wird, in diesen Breiten ja eigentlich gar nicht geben soll. Doch Meister Petz, der vorher noch eine Truppe Drogenkuriere im unwegsamen Tann verschreckt hat, stellt sich nun dem Auto von Christbaumverkäufer Michel in den Weg. Der weicht aus – und rammt am Straßenrand ein parkendes Auto, was zur Folge hat, dass die Dame im Wagen ungefähr ähnlich lädiert ist wie die Karosserie und sich davon auch nicht mehr erholen wird. Der andere, ihr Partner, fällt vor Schreck ins Gehölz und segnet ebenfalls das Zeitliche. Im Kofferraum der Schrottkarre finden Michel und seine Frau jede Menge Kohle, die sie natürlich einheimsen, braucht das Xmas-Unternehmen doch ohnehin längst eine Finanzspritze. Somit hat die kauzige, liebevolle Kleinfamilie einerseits ein leises schlechtes Gewissen, andererseits ein nettes Weihnachtsgeld und es ist ja nicht so, dass die beiden Leichen so ganz plötzlich verschwinden müssen. Sie werden verlagert, an einen ganz anderen Ort – womit die Karten neu gemischt werden.

Groteske ohne viel Charakter

Franck Dubosc (Die Rumba-Therapie, Liebe bringt alles ins Rollen) hat sich von der französischen Romantikkomödie zwischenzeitlich verabschiedet und, wie es scheint, dem großen Vorbild der Coen-Brüder, nämlich Fargo, nachgeeifert. So staubtrocken und subversiv ist How To Make a Killing allerdings nicht geworden, denn schließlich lässt es sich drehen und wenden wie man will, den französischen Stil zwischen Chanson-Charme und kecker Louis de Funes-Komödie wird man in diesen Breiten einfach nicht los. Passt das denn überhaupt so zusammen, wenn der Tod auf skurrile Weise seinen Tribut fordert und das organisierte Verbrechen auch noch im wahrsten Sinne des Wortes hereinschneit, um Chaos zu stiften? Vielleicht mag das die Krux gewesen sein, die dazu geführt hat, dass das Duo Franck Dubosc und Laure Calamy (Julie – Eine Frau gibt nicht auf) als pseudokriminelle Improvisateure nicht so recht überzeugen. Einzig Benoît Poelvoorde, der schon in Quentin Dupieux surrealer Krimisatire Die Wache als Polizeiermittler glänzen konnte, trifft mit seinem Gespür für Situationskomik so ziemlich ins Schwarze. Und zugegeben: die verbalen Verwechslungen und schrägen Interpretationen zünden tatsächlich. Gerade der Wortwitz hat so seine Momente, wohingegen der wohldosiert blutige Kriminalreigen zu gefällig und boulevardesk wirkt, um anders oder gar besser zu sein als andere Komödien dieser Art. Franzosen können vieles: Tragikomödien, Krimikomödien, Krimis ohne Komödie und selten auch Horror. Den lakonischen Dorfthriller im bizarren Weihnachtspulli-Look, das bekommen sie dann doch nicht so hin. Was hauptsächlich an den austauschbaren Charakteren liegt, die viel lieber Beziehungen erörtern als die Frage, wohin mit dem nächsten Toten.

Fürs Ende macht die Dame hinter mir endlich wieder den Abgang, in den letzten Minuten finde ich mich also wieder rein in dieses französische Winterwonderland mit Blut an der Baggerschaufel und denke darüber nach, das Ganze vielleicht nochmal im Heimkino nachzuholen. Während einer stillen Nacht.

How to Make a Killing (2024)