Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

VOM KNOPF, DER NICHT AUFGEHEN WILL

4/10

 

jimknopf© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: DENNIS GANSEL

CAST: SOLOMON GORDON, HENNING BAUM, ANNETTE FRIER, CHRISTOPH MARIA HERBST, UWE OCHSENKNECHT U. A.

 

Die Welten, die Michael Ende Zeit seines Lebens schuf, sind schon höchst seltsam. Und je seltsamer, umso faszinierender. In Die unendliche Geschichte einzutauchen ist ein ganz eigenes, nicht unbedingt erbauliches, aber zumindest fast schon bewusstseinserweiterndes und höchst rätselhaftes Erlebnis. Klar, dass sich laut Michael Ende selbst Wolfgang Petersen an der Verfilmung des ersten Teils des Buches die Zähne ausgebissen hat. Gerecht, so Ende, ist er seinem Werk mit der Bebilderung von Fantasien nicht geworden. Aber was soll´s, mich hat Die unendliche Geschichte in den 80ern sehr bewegt. Werfe ich heute einen Blick auf die Kulissen der Babelsberg-Studios, hat das ganze Szenario ähnlich wie Der dunkle Kristall immer noch seinen analogen Reiz und ungelenken Charme. Den tricktechnisch verwöhnten Nachwuchs hat es jedenfalls immer noch fasziniert. Warum? Weil die epische Geschichte rund um Bastian, Fuchur und Atreju keine Allerweltsfantasy ist. Von dieser surrealen Phantasmagorie ist der Weg nicht allzu weit zu Michael Ende´s einsamer Insel, die mitten im Nirgendwo liegt: Lummerland. Dieses Twin Peaks für Kinder ist sogar noch um einiges eigenartiger. Eine enklavische Welt, in der fünf Personen so leben, als wären sie Teil einer größeren Gesellschaft. Lummerland ist ein Königreich mit Untertanen, die in ihrer Abgeschiedenheit so niemals überleben könnten. Wohin Herr Ärmel jeden Morgen geht, weiß man genauso wenig wie all die Telefonate, die König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte den lieben langen Tag führt. Und die Lokomotive Emma kann sich tagtäglich eines chronischen Passagiermangels erfreuen. Diese Welt, die muss Michael Ende irgendwann erträumt haben. Und es ist nicht unbedingt ein gemütlicher Traum. All diese merkwürdigen Figuren folgen der abstrakten Logik einer zeitlos-surrealen Traumsequenz, in der es keine Vergangenheit und keine Zukunft zu geben scheint. Wie Geister, die täglich das Gleiche tun. Der Waisenjunge Jim Knopf ist der Einzige, der irgendwie ein Ziel hat. Die Neugier nach seiner Herkunft führt ihn also weg von diesem spieluhrähnlichen Mikrokosmos des Irrealen, und zwar mitsamt Lokomotive Emma und Lukas, des Lokomotivführers. Auf schienenlosen Wegen geht´s in eine weitaus ergiebigere Welt jenseits des Horizont, auf der Suche nach einer gewissen Frau Malzahn, an die Jim Knopf von 13 völlig identen Piraten eigentlich verkauft hätte werden sollen.

Der deutsche Filmemacher Dennis Gansel (u. a. Die Welle, Napola) hat sich dieses eigenwilligen Märchens angenommen, wohl wissend, wie schwer es ist, Michael Ende adäquat auf die Leinwand zu bringen. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer mag ein ambitioniertes Stück hoch budgetiertes Eventkino sein, ist aber von einem inspirierenden Abenteuer so weit entfernt wie ein Rationalist von den unendlichen Weiten Fantasiens. Ende selbst wird wohl nicht mehr seinen Senf dazugeben können, umso mehr wundert es mich, dass die Odyssee des zugegeben trefflich gut gecasteten Jim Knopf und des brummigen Blaumannträgers Lukas gar so stockend vorwärtskommt, als wäre die Regie ein Abklopfen der Befindlichkeiten des Urhebers in einer Geschichte, mit der eigentlich niemand so richtig warm wird. Schon gar nicht Henning Baum, der zwar recht lässig seine Pfeife raucht, aber so wirkt, als müsste er für jede weitere Szene neu motiviert werden. Da kommt der kleine Solomon Gordon trotz seiner Spielfreude nicht wirklich an. Womöglich ist es die Arbeit vor dem Greenscreen, die diesem Film seine Geschmeidigkeit nimmt, obwohl manche Szenen an natürlichen Schauplätzen wie zum Beispiel in Südafrika gedreht wurden. Irgendwann – ich weiß nicht, ob das im Buch ähnlich beschrieben wird, denn ich habe Jim Knopf nur auszugsweise gelesen bzw. vorgelesen – mündet die Suche nach Jim´s Ursprung in einer Mischung aus Terry Gilliam´s Time Bandits und des kleinen Drachen Kokosnuss, was stilistisch nicht wirklich miteinander harmonieren will und auch nicht dazu beträgt, das holprige Ablesen der Textzeilen vor dem geistigen Auge ablenkend zu kaschieren.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ist der zaghafte Versuch, der schrägen Fantasie eines versponnenen Tagtraumes zu entsprechen und bleibt trotz aller tricktechnischen Raffinesse befremdliches Stückwerk, das nur in wenigen Momenten durch die glatte Oberfläche eines hastig durchgeblätterten Bilderbuchs dringt, das wie ein ungeliebtes Auftragswerk zu Ende gedreht sein will. Dass der Knopf dabei aufgehen soll ist ein Ding der Unmöglichkeit. obwohl bei Michael Ende doch eigentlich alles möglich scheint.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

Der Trafikant

BOCKIG IN DIE DUNKLEN ZEITEN

6,5/10

 

DER TRAFIKANT© 2018 Tobis Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: NIKOLAUS LEYTNER

CAST: SIMON MORZÈ, JOHANNES KRISCH, BRUNO GANZ, EMMA DROGUNOVA, REGINA FRITSCH, KAROLINE EICHHORN, GERTI DRASSL U. A.

 

Tiefe Wolken hängen über einer fast schon verwunschenen Bucht des oberösterreichischen Attersees, irgendwann in einem Sommer kurz vor dem Einmarsch der deutschen Hitler-Truppen in Österreich. Wie es das Schicksal will, muss der pubertäre Franz seine nicht mal ansatzweise fassbare Zukunft komplett umjustieren und wird, nachdem Mamas Liebhaber vom unvernünftigen Baden im See während eines Unwetters vom Blitz getroffen wird, nach Wien geschickt. Was hat er denn noch verloren in dieser Einöde zwischen Hühnern und dem Schlick unter dem hauseigenen Steg außer seiner eigenen Kindheit? Der Bub muss was G´scheites lernen, in die Welt hinausgehen. Dort in Wien gibt es eine alte Jugendliebe, den Trafikanten Trsnjek, bei dem soll er anlernen, der Bub. Dieser Abschied vom geborgenen Heim unter den Tannen wird niemals wirklich enden, und das Winken mit dem Sacktuch unter Tränen wird immer niedergeschlagener und kraftloser, in dieser Verfilmung eines Romans von Robert Seethaler, die genauso bühnentauglich wäre wie ein Drama von Ödön von Horvath. Sich genauso gegen Windmühlen stemmend, genauso aussichtslos, genauso resignierend.

Der österreichische Regisseur Nikolaus Leytner, unter anderem bekannt für den launigen Kleinganovenschwank Schwarzfahrer mit Lukas Resetarits, hat sich, so äußerten sich zumindest mehrere Kritiker-Stimmen, ziemlich genau – und manchmal fast zu unselbständig – an die literarische Vorlage gehalten. Das kann ich selbst nicht beurteilen, ich habe hier nur den Film vor Augen, und eine Geschichte, die sich mit keiner anderen Quelle des Erzählten herumschlagen muss. Die Möglichkeiten, die sich aber daraus ergeben, fügen sich dem narrativen Rhythmus eines so rustikalen wie braven Volksstückes, und vor allem in den Szenen, die in Wien der späten Dreißigerjahre spielen, entfaltet sich ein gewisser kulissenhafter Charme mit Hang zur wohlsortierten Miniatur, wie ihn seinerzeit der gute Franz Antel in seinem Bockerer ans Set gelegt hat. Ein bisschen was vom aufmüpfigen Fleischhauer kann Der Trafikant zumindest anfangs unter der Ladentheke hervorholen. Johannes Krisch, der sowieso alles spielen kann, sogar und besonders auch ambivalente Schatten wie Jack Unterweger, orientiert sich auf eine Weise an Karl Merkatz, die weder platte Kopie noch Hommage darstellt. Krisch kreiert aus dem Gehabe eines subversiv rebellischen Wieners den ganz eigenen Typus eines teilbelesenen, selbstbewussten und gütigen Kriegsveteranen, der viel Unschönes gesehen hat und weit davon entfernt ist, sich selbst zu verraten. Ohne dieser schillernden Gestalt des famos verkörperten Alt-Trafikanten wäre das düstere Vorabendszenario im Angesicht des bevorstehenden Untergangs ein durch die Bank bemühtes Schauspielkino geworden. Hauptdarsteller Simon Morzé tut, was er innerhalb seiner erlernten Fähigkeiten kann, um glaubwürdig Bockigkeit an den Tag zu legen. Er bleibt aber, wie es das Variétémädchen Anezka immer wieder betont, ein naives „Burschi“, das seine Furcht vor einer unbestimmten Zukunft in unbequemen, entsättigten Traumsequenzen auslebt. Ihm zur Seite der große Bruno Ganz, der sich als Professor Freud in gepflegter Langeweile meist auf seinen unverkennbaren Bartwuchs verlässt und zur Do-it-yourself-Psychoanalyse rät.

Das Bühnenhafte der durchaus nicht billig scheinenden Produktion wird noch verstärkt durch das neben Krisch wirklich Erlebenswerte an dem Film: nämlich die Fulminanz der Ausstattung. Die Inventur sämtlicher Requisitenkammern dürfte dem Aufbau des Sets vorangegangen sein. In der nachgestellten Zwischenkriegs-Trafik finden sich bis ins kleinste Detail liebevoll nachgestelltes Interieur, von den „zärtlichen Magazinen“ in der verschlossenen Schublade bis zu den Postkarten am Tresen. Auch Freuds schmucke Einrichtung in der Berggasse entbehrt nicht eines gewissen kulturhistorischen Werts. In diesem Punkt war das Team ganz bei der Sache. Ihren Höhepunkt findet die Liebe zur Rekonstruktion im Hernalser Rummel, eine Szene wie aus Ferenc Molnar´s Liliom. Der Trafikant ist also akribisches Ausstattungskino im Stile eines Volksstückes, das aber die schildbürgerliche Zuversicht eines Karl Bockerer vermissen lässt. An seiner Statt tritt ein vergebliches Aufbegehren gegen die dunkle Zeit, die in Szenen wie die der berittenen Polizei einen beklemmenden Bogen in die Gegenwart spannt.

Der Trafikant

Macbeth (2015)

IM NEBEL DER DICHTUNG

6/10

 

macbeth© 2015 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: MICHAEL FASSBENDER, MARION COTILLARD, DAVID THEWLIS, PADDY CONSIDINE, JACK REYNOR U. A.

 

So eine Witterung ist gut für die Nebenhöhlen. Morgens raus auf auf die baumlosen Ebenen des schottischen Hochlands und den dichten Bodennebel mal so richtig durchziehen lassen. Obendrein ist Feuchtigkeit auch noch gut für die Haut. Wenn man da nicht auch noch gleich in eine Schlacht verwickelt werden müsste, die Heerführer Macbeth gegen die Widersacher des schottischen Königs Duncan auszutragen hat. Da gibt die feuchtkalte Luft auch optisch einiges her, vor allem, wenn das Licht im flachen Winkel auf die in Superzeitlupe heranstürmenden Schotten trifft. Bei so viel Grazie von Mord und Totschlag fangen Anhänger der LARP-Gemeinschaft (Live Act Role Play) womöglich das Träumen an. Das ist in Szene gesetztes Mittelalter, da reicht die hauseigene Digicam, sofern man die Schlachten nachstellen will, auch nicht mehr aus. All die schmerzverzerrten Gesichter wie aus der Zeit gefallene Fotografien, fast schon bis zum Stillstand verlangsamte Leiber im diffusen Dampf, gestaffelt bis zur erahnbaren Spukerscheinung, ganz vorne der Hauptakteur dieses blutgetränkten Dramas, welches keine andere Tragödie sein kann als die des Usurpators Macbeth, auf immer verewigt von William Shakespeare. In der Hand das Schwert. Diese Waffe aus Stahl, die ist längst mehr als nur ein Werkzeug, um zu töten. Das wissen wir seit Excalibur. Seit Balmung. Seit Bilbo´s Stich. Wenn die Klinge im feuchten Boden steckt, leicht vibrierend, dann ist etwas Weltbewegendes passiert. Solche Szenen, die sind ikonisch und eignen sich bestens für ein Theater wie dieses.

Justin Kurzel, der sich später in ähnlich vergeistigter Manier an die Videospielverfilmung Assassins Creed herangewagt hat und für manche zu oft Stimmung mit packender Geschichte verwechselt hat, erarbeitete sich den Beweis seines Könnens mit einem zentnerschweren Brocken Literaturgeschichte. Macbeth inszeniert und spielt man einfach nicht nur so. Das will ins richtige Licht gerückt werden. Und am besten noch in den originalen Versen eines Shakespeare erzählt werden. Da passt die sphärische Bilderflut in den gestreuten Farben des Fegefeuers natürlich bestens dazu. Und Macbeth kann noch so klassisch und unkritisierbar sein – es ist die Geschichte eines von vielen Tyrannen, die sich an die Macht intrigiert und getötet haben, in wütender Barbarei geherrscht und dann schmählich untergegangen sind. Die blutige Tragödie aus dem sehr frühen 17. Jahrhundert lebt natürlich in erster Linie zumindest gegenwärtig von den wohlklingend ausformulierten Worthülsen, die die Chronik einer finsteren Regentschaft in eine atemberaubende Sprache kleiden. Das todessehnsüchtige Intrigenspiel als solches ist aber in Zeiten detailverliebter Mittelalterdystopien wie Game of Thrones zwar nach wie vor ein dankenswerter Einstand, auf den Filmemacher und Romanschreiber respektvoll zurückblicken – in Anbetracht der Erwartungshaltung der Genre-Fans bleibt Macbeth grob umrissen, auf die Eckpfeiler der Historie reduziert und viel zu getragen, um emotional mitzureißen. Da macht es auch keinen großen Unterschied, ob das Königsdrama rein fiktiv oder historisch fundiert ist. Das mag für eingefleischte Schotten vielleicht relevant sein, für alle anderen ist das Schicksal von König Macbeth und seiner besseren Hälfte, die Lady selbigen Namens, ungefähr genauso fern wie Westeros.

Dennoch beschert uns Regisseur Kurzel einen wuchtigen Augenschmaus zwischen Schattentheater, flackerndem Kerzenlicht und feuchtkalter Ödnis – Szenerien, die die Möglichkeiten einer Theaterbühne geschickt erweitern (es sei denn, wir haben es mit Bühnen wie jener des Wiener Burgtheaters zu tun, die eigentlich fast schon alles kann). Michael Fassbender in Kriegsbemalung und als gekröntes Haupt ist vielleicht nicht die absolut ideale Wahl für so ein irrsinniges Machtmonster wie Macbeth, da fehlt mir dann doch der Wahn des Alleinherrschers, dafür ist Fassbender zu folgsam und zu sehr verliebt in seine Verse, die er da sprechen muss. Das kann bei Schauspielern, die Shakespeare über alles stellen, relativ leicht passieren. Marion Cottilard hingegen ist erwartungsgemäß entrückt wie es die Rolle auch vorschreibt, ihr Zwiegespräch mit dem verstorbenen Nachwuchs ein schauderhaftes Highlight.

Macbeth ist also nicht ganz die unvergessliche Interpretation des Barock-Dichters mit Halskrause, wobei Sir William wohl zufrieden wäre mit all den Tänzen aus Licht und Schatten, die seine Worte zweifelsohne effektiv verstärken.

Macbeth (2015)

Der Buchladen der Florence Green

MIT DEM BUCHRÜCKEN ZUR WAND

6/10

 

florence_green© capelight pictures 2004-2018

 

LAND: SPANIEN, GROSSBRITANNIEN, DEUTSCHLAND 2017

REGIE: ISABEL COIXET

CAST: EMILY MORTIMER, BILL NIGHY, PATRICIA CLARKSON, JAMES LANCE U. A.

 

Erst vor Kurzem war in den Nachrichten wieder zu hören, dass das beliebteste Medium zum Lesen von Romanen, Fachliteratur und Ähnlichem immer noch das faden-, klebe- oder ringgebundene Buch ist, mit seinen bedruckten Seiten, Umschlägen, Vorsatzpapieren und dem Klappentext vorne und hinten. Ich muss also keine Sorge haben, dass der Blick in aufgeschlagene Seiten mitsamt seinem olfaktorischen wie haptischen Erlebnis vollends einem sterilen E-Book-Universum weichen muss. Da wäre wohl Florence Green ganz meiner Meinung. Ein Buch daheim im Regal stehen zu haben – was heißt eines, mehrere, ganze Kompendien und Reihen – hat etwas Verbindendes, vor allem mit dessen Inhalt. Und ich kann Florence Green nur beipflichten, wenn sie sagt: Mit einem Buch ist man nie wirklich allein. Da ist was dran. Diese Omnipräsenz von gespeichertem Wissen und verewigten Gedanken ist ein Portal nach außen, ein individuell zusammengestelltes Archiv von Information, die man kennen, wissen oder einfach nur um sich haben will, nur für den Fall. Es fühlt sich gut an, und es fühlt sich auch gut an, in die eine oder andere Buchhandlung zu gehen und Inhaltsangaben auf den Rückseiten von Büchern zu lesen, hinein zu schmökern in den Senf anderer Leute, die noch dazu das Talent haben, zu schreiben. Da ist es meist still, reizarm, inspirierend, ein Ort des Denkens und Nachdenkens. Traurig, wenn dann eine Buchhandlung nach der anderen schließt, nur weil Onlineportale den Wettbewerbsvorteil genießen. Damals, in den 50er Jahren, in welchen Isabel Coixet´s jüngster Film angesiedelt ist, war die Idee von Click&Buy reinste Science-Fiction. Da waren Buchläden das Social Media ohne fahrlässiges Kommentieren, da gab es maximal wohlformulierte Rezensionen in der Tageszeitung. Aber wo keine Buchhandlung, da auch keine Leserschaft, wie zum Beispiel in dem kleinen Küstenort Hardborough, wo das Volk maximal beim Wirten weilt, in die Kirche geht oder an Straßenecken smalltalkt. Die bibliophile Witwe Florence Green packt die Marktlücke also am Schopf, mietet sich in ein schmuckes altes Gebäude ein, dass ohnehin schon seit Ewigkeiten leer steht und beschenkt die Bürger der Stadt mit wohlsortiertem Lesestoff.

Allerdings kommt, womit die Frömmste wohl niemals gerechnet hätte, und womit sie in Zukunft auch nicht mehr in Ruhe wird leben können. Die missgünstigen Nachbarn, oder besser gesagt die Reichen, die das Geld haben, um anzuschaffen, die sind plötzlich nicht sehr erfreut. Dabei handelt es sich lediglich um eine einzige Person, eine Grand Dame mit künstlerischen Ambitionen, herrlich affektiert verkörpert von Patricia Clarkson, die statt einer biederen Buchhandlung ein Kulturzentrum eröffnen will. Gut, das könnte sie ja in jedem anderen leerstehenden Gebäude – aber nein, die Dame möchte besagtes Old House okkupieren, und Florence Green, die hat sich gefälligst zu vertrollen. Natürlich lässt sich das der intellektuelle Freigeist nicht gefallen, und entwickelt eine unerschütterliche Beharrlichkeit, die letzten Endes aber auf Granit beißen wird. Und das nicht nur, weil Werke wie Vladimir Nabokov´s Lolita als Fifty Shades of Grey der Nachkriegszeit für Lesefreude selbst für Buchstabenmuffel sorgt.

So spröde, trocken und staubgewischt wie das Interieur der Buchhandlung ist Isabel Coixet´s Gesellschaftsdrama dann teilweise auch geworden. Die spanische Regisseurin, die mit beachtlichen Filmen wie Mein Leben ohne mich oder Das geheime Leben der Worte zumindest bei mir wohlwollend in Erinnerung geblieben ist, passt sich mit Der Buchladen der Florence Green nicht nur den unbeständigen Wetterverhältnissen der englischen Küste an, sondern auch der verknöcherten Geisteshaltung des provinziellen Kleinbürgertums, das unter der Kantare perfider Möchtegern-Oligarchen steht. Ihr Film ist aus einem anderen Holz geschnitzt als alle bisherigen Werke, und es ist auch nicht so, das Coixet tatsächlich einen prägnanten Stil hätte, den man sofort erkennt. Vielmehr ist ihr Stil eine Anpassung an das Szenario, egal welche Geschichte sie erzählt. Selbst das ist eine Form von gestalterischer Konsequenz. Der Buchladen der Florence Green nach dem Buch von Penelope Fitzgerald wirkt urbritisch, etwas starr, irgendwie unbeweglich. Womöglich soll das so sein, und auch die erstmal etwas enervierende Stimme aus dem Off rechtfertigt am Ende ihre Notwendigkeit. Am Nachhaltigsten aber bleibt neben Emily Mortimer´s neuer Paraderolle als idealistisches Ein-Personen-Unternehmen natürlich Bill Nighy in Erinnerung, der als exzentrischer Außenseiter und Bücherwurm minutiös die Mühsal sozialer Interaktion greifbar werden lässt. Mit all diesen Figuren, welche die Parabel von der Ohnmacht gegen gesellschaftliche Dominanz bevölkern, gelingt Coixet dennoch ein zwar desillusionierendes, aber nicht resignierendes Drama, das ein eher unerwartetes Ende findet und vor allem durch sein Ensemble überzeugt. Und wiedermal klar macht, das ohne dem Willen der anderen der eigene Wille alleine oft nicht reicht.

Der Buchladen der Florence Green

The Man Who Killed Don Quixote

DES WAHNSINNS NETTE LEUTE

6,5/10

 

donquixote© 2018 Concorde Filmverleih

 

LAND: SPANIEN, BELGIEN, PORTUGAL, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: TERRY GILLIAM

CAST: JONATHAN PRYCE, ADAM DRIVER, STELLAN SKARSGÅRD, OLGA KURYLENKO, JOANA RIBEIRO, ROSSY DE PALMA U. A.

 

Nein, ich bemühe hier nicht noch einmal das von vielen engagierten Kritikern herangezogene Gleichnis des Kampfes gegen Windmühlen – obwohl es stimmt. Terry Gilliam´s Mammutprojekt ist ein filmgewordener Bau der Pyramiden, wobei meines Wissens die Errichtung des größten aller Weltwunder rund zwanzig Jahre in Anspruch genommen hat. Bei einem solchen Werk für die Ewigkeit eine vertretbare Zeitspanne. Das Werk für die Ewigkeit des Ex-Monty Python-Masterminds schlägt dieses Projekt aber sogar noch um knapp 10 Jahre. Um genau zu sein hat diese Idee der Verfilmung von Cervantes´ Antihelden-Roman bereits 1989 Gestalt angenommen. Da waren noch Sean Connery und der blutjunge Johnny Depp im Gespräch. Nach dem Ausscheiden Sean Connerys folgte Jean Rochefort, der musste aber aufgrund langwieriger Prostataprobleme ebenfalls vom Sattel steigen. Knapp vor einem neuerlichen Drehbeginn hatte es dann auch noch 2017 John Hurt erwischt. Und ja, bevor ich´s vergesse: Gerad Depardieu war auch mal eine Überlegung wert, allerdings mit Sicherheit für die Rolle des Sancho Pansa.

Man muss dazusagen, dass am Don Quixote-Projekt natürlich nicht wie bei den Pyramiden permanent gearbeitet wurde. Es waren wohl mehrere Anläufe, ein großes, kostenintensives Mensch, ärgere dich nicht! – Immer wieder zurück zum Start, kurz vor dem Ziel dann noch ein Orkan, der die Figuren vom Brett weht. (Nachzusehen im Making Of Lost in la Mancha) Geärgert hat sich Terry Gilliam wohl bestimmt. Doch der Mann ist ein Visionär, ein sturer Exzentriker seines Fachs. Womöglich ein bisschen wahnsinnig, ansatzweise so wie die Figur, über die er erzählen will, und was in den ersten Dekaden der Umsetzung nicht und nicht gelingen will. Gut Ding braucht Weile, wird aber die Weile zu lang, schaut nichts mehr Gutes dabei heraus. Letzten Endes war es schlicht und ergreifend Beharrlichkeit, die bei Gilliam den Silberstreifen am Horizont doch noch wahrnehmbar werden ließ. Zwischen all den Planungen, Vorplanungen und Reboots war der Meister surrealer Psychomärchen natürlich auch nicht untätig. Dr. Parnassus durfte sein Kabinett präsentieren, und Christoph Waltz tüftelte am Zero Theorem. Bei Parnassus schlugen die höheren Mächte ja genauso zu, da verstarb unerwartet Heath Ledger. Doch Gilliam hat eine Haut wie Leder, Probleme sind da, um gelöst zu werden. Nichts kann schlimmer sein als die Vitalisierung eines Don Quixote, oder nicht?

Wobei sich hier für mich die Frage stellt: Ist nach all den Jahren des Umbruchs, Abbruchs und Aufbruchs dieses scheinbar verfluchte Werk dann so geworden, wie es sich Gilliam vorgestellt hatte? Kann sich der Meister nun zufrieden zurücklehnen und sagen: „Ja, das ist es, genau das wollte ich machen. Jetzt ist es fertig. Ich lege das Projekt zu den Akten und Nein, ich inszeniere diesen Film nicht nochmal neu, nur um genau das zu bekommen, was mir vorschwebt.“ Nach so einer langen Zeit, da geht man natürlich Kompromisse ein, da macht man Abstriche. Gibt sich zufrieden mit Alternativen. Also gehe ich mal davon aus, dass The Man who killed Don Quixote neben all des autobiographischen Anstriches, den das Konstrukt mittlerweile verpasst bekommen hat, frei nach dem Stille Post-Prinzip irgendwie ganz anders geworden ist. Ich wage zu behaupten, dass The Man who killed Don Quixote ein für Gilliam versöhnliches Opus Magnum geworden ist, auf die Leinwand gewuchtete Memoiren eines vom Schaffensdrang gedrillten Künstlers, der im Grunde alle seine immer wiederkehrenden Versatzstücke in der Wüstenei Spaniens in den Sand setzt, wie eine wabernde Fata Morgana mit all seinen Dämonen und Traumgestalten. Wir finden mediäval geharnischte Schlachtrösser mit lanzenbewährten Rittern, die in Slow Motion der Kamera entgegenreiten. Wir finden spärlich bekleidete Riesen, keifende Mütterchen und die zirkusreife Opulenz archaischer Jahrmärkte. Reminiszenzen an Time Bandits, Die Ritter der Kokosnuss und natürlich König der Fischer, der wohl The Man who Killed Don Quixote am Ähnlichsten ist. In beiden Filmen erliegt die Hauptfigur dem Wahn, eine Mission zu erfüllen. In der tragikomischen Katharsis aus dem jahr 1991 ist es der heilige Gral, den Robin Williams zu finden gedenkt. Bei Don Quixote ist es namensgebender Held in trauriger Gestalt, hinter der Gilliam´s alter Bekannter Jonathan Pryce steckt, welcher schon im Klassiker Brazil den Staat gegen sich aufgehetzt hat. Nun sind es all die anderen, die es zu bekämpfen gilt. Vor allem all die anderen Abenteuer. Und eben Windmühlen, damit das auch mal erwähnt wird.

Pryce und Adam Driver sind ein Glücksfall für diesen Film. Der etablierte Star Wars-Bosnigl geht unter der Regie des Kino-Gauklers so richtig aus sich heraus wie selten in einem Film. Exaltierte Künstlerallüren wechseln mit panischer Verwirrung und dem Verlieren in einem bizarren Tagtraum, der kaum mehr in die Realität findet. Der Plot, der ist Nebensache, was zählt, ist der Irrweg quer durch befremdende Landschaften, vorbei an seltsamen Figuren. Immer weiter weg von festem Boden unter den Füßen, immer mehr gleitet das zumindest einseitig unfreiwillige Duo in die psychedelischen Kaskaden eines verschachtelten Narrenkästchens ab, in das auch der Zuseher blicken muss, und dass auch etwas Anstrengung kostet, wenn einem bei dem Spektakel nichts entgehen soll. Wobei ich tief durchatmen kann – The Man who killed Don Quixote ist nicht so fahrig und konfus geraten wie Brothers Grimm. Auch nicht so austauschbar wie Dr. Parnassus. Die Autoren Gilliam und Tony Grisoni, welcher auch schon am allerersten Drehbuch mitgeschrieben hat, finden eine runde Geschichte, die zu einem geschmeidigen Ende führt, die sich selten selbst übers Knie bricht und in einem Universum verharrt, dass sich zwar nach der Decke machbarer Kompromisse streckt, aber nie mehr will als möglich.

Gilliam´s Hommage an sich selbst ist ein Blick zurück durch die offenen Tore märchenhafter Burgen auf die steinigen Pfade seines Schaffens, bleibt aber am Schluss immer noch voller Tatendrang. Zu Ende ist es lange nicht, Don Quixote lebt ewig, in welcher Form und wo auch immer. Der Wahnsinn hat in diesem Film Methode, diese Methode lädt ein zum Wiedererkennen eines Stils, den man auch 100 Meilen gegen den Wüstenwind identifizieren kann. The Man who killed Don Quixote ist im Ganzen betrachtet eine Hofnarretei, die schon seine Längen hat, die seine Figuren auch nicht ganz nachvollziehbar handeln lässt und sich selbst geistesgegenwärtig auf die Finger klopft, wenn das Werk kurz davorsteht, zu zerfasern. Es klingen die Schellen an der Narrenkappe, es darf an das antike Theater eines Aischylos gedacht werden, an das Satyricon eines Federico Fellini, an die Texte eines Andre Heller, der es gut findet, ein Narr zu sein. Dieser Meinung ist Gilliam auch. Und besteht seine Bemühung, das eigene Scheitern ad absurdum zu führen.

The Man Who Killed Don Quixote

Das Haus der geheimnisvollen Uhren

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

4/10

 

House With A Clock In Its Walls© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

ORIGINAL: THE HOUSE WITH A CLOCK IN ITS WALLS

LAND: USA 2018

REGIE: ELI ROTH

CAST: JACK BLACK, CATE BLANCHETT, KYLE MACLACHLAN, OWEN VACCARO U. A.

 

Jeder, der auch nur irgendwie im Englisch-Unterricht aufgepasst hat, wird um die meisterhafte Erzählung Edgar Allan Poe´s, nämlich The Tell-Tale Heart, nicht herumgekommen sein. In dieser äußerst gruseligen Geschichte, auf Deutsch Das verräterische Herz, treibt das Pochen desselbigen einen Mörder in den Wahnsinn. In einen ähnlichen Geisteszustand soll das Ticken einer verhängnisvollen Uhr die Bewohner einer alten Zauberervilla versetzen. Des Nächtens nämlich treibt das dröhnende, mechanische Pochen den Onkel des Waisenjungen Lewis aus dem Bett und in die weitläufigen, brockatgeschmückten Gänge, um dem Ursprung dieses vermaledeiten Geräuschs auf den Grund zu gehen. Dieser Onkel, gewohnt exaltiert und verschroben verkörpert von Jack Black, muss sich nach dem Tod seiner Schwester des 10jährigen Jungen annehmen. Ihm zur Seite: Cate Blanchett als stets in Zyklamen gekleidete, gutmütige Hexe. Lange können die beiden ihre Ambitionen vor dem hellhörigen Jungen nicht verbergen – und mit der Offenbarung einer bisher unbekannten Welt der Magie und des Phantastischen findet auch allerlei Ungemütliches ihren Einzug in das üppig ausgestattete Gemäuer, das ohne weiteres auch ehemaliger Besitz der Addams Family hätte sein können. Allein es fehlt Butler Lurch, der stets in erschreckend fahler Lethargie auf die Schwelle tritt. Diese Aufgabe übernimmt in Eli Roth´s Fantasygrusel ein altmodischer Fauteuil. Ganz nett, auch das von selbst klimpernde Klavier und die als Generali-Löwe zugeschnittene Hecke, die permanent unter Laubdurchfall leidet. Warum eigentlich nicht, zur Überbrückung bis zum kommenden Grindelwald-Verbrechen ein pittoresker Zeitvertreib. Doch der ehemalige Folterknecht Roth, der gerne ein bisschen das Gespür von Edgar Allan Poe oder R. L. Stine hätte und aus einer guten Laune heraus nur so ansatzweise Harry Potter und Konsorten zeigen will, wo der Zauberstab sonst noch geschwungen werden könnte, scheitert wieder mal ganz besonders an seiner Unfähigkeit, sein ambivalent kinderfreundliches Abenteuer dramaturgisch richtig zu timen.

Ich kenne leider John Bellair´s literarische Vorlage nicht, doch jene Geschichte, die Roth hier erzählt, bleibt in ihrem vermeintlichen Detailreichtum, der gar keiner ist, weit hinter Rowling´s Magierwelten zurück, mag vielleicht ein bisschen so sein wie Gänsehaut, kommt aber nie richtig in Schwung. Dafür tut der Cast, was er kann, um die holprige Regie auszugleichen. Jack Black und Cate Blanchett sind Professionisten nach Vertrag, Jungschauspieler Owen Vaccaro lässt sein Gefühlsspektrum zwischen Trauer, Furcht und Zuversicht auf Hochtouren laufen. Die Schauspieler sind also nicht das Problem – es ist die Dynamik einer windumtosten Nacht und seiner schlagenden Fensterläden. Mal herrscht Leerlauf, dann heult es wieder in den Ritzen und Sollbruchstellen baufälliger, aber bewohnbarer Denkmäler. Ähnlich verliert Das Haus der geheimnisvollen Uhren immer wieder an Energie, erarbeitet sich mühsam einen neuen Spannungsbogen, der aber nie so wirklich kommen will. Spooky wird es, das schon – jüngeres Publikum könnte versucht sein, bei begleitenden Erwachsenen Zuflucht zu suchen. Älteren wird das teils überzeichnet groteske Szenario, das im Wiederspruch zur oberflächlich auserzählten Story steht, leicht irritieren oder langweilen. Viel ältere werden den augenzwinkernden Retro-Zauber Der Rabe von Roger Corman mit den Horror-Ikonen Vincent Price und Boris Karloff vergeblich erhoffen – so kauzig-verspielt hätte ich mir die Uhren-Odyssee nämlich durchaus erwartet.

Ein Versuch war die Verfilmung des Schauerromans vielleicht aber sicherlich wert, nur Eli Roth scheitert auch wie zuvor bei Death Wish an dem Qualitätsanspruch, potenziell spannende Geschichten aus einem Guss zu erzählen. Das vergeblich ambitionierte Abarbeiten einzelner Szenen ist als wochentagsfüllendes Tageswerk allerdings permanent spürbar. So können Welten wie diese kaum fesseln, trotz Auferstehung der Toten. Kyle MacLachlan als wurmzerfressener Hexer ist wohl bildgewordenes Fazit des ganzen Streifens: irgendwie untot, manchmal sehr lebendig, aber gleichzeitig bar jeglicher Vitalität.

Das Haus der geheimnisvollen Uhren

Christopher Robin

VON NICHTS UND IRGENDWAS

7/10

 

null© 2018 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: MARC FORSTER

CAST: EWAN MCGREGOR, HAYLEY ATWELL, TOBY JONES, MARK GATISS, ADRIAN SCARBOROUGH U. A.

 

„Dummer alter Bär“, wird er von seinem Besitzer gerne genannt. Freundlich ist das nicht. Doch Christopher Robin, der Junge in den seltsamen Hosen und Riemenschuhen, darf ihn getrost so nennen. Das macht dem tapsenden Honigbären nichts aus. Denn Winnie Puuh oder nur Puuh, der stellt keine Ansprüche. Erwartet sich nichts. Lebt jeden Tag, als wäre es sein Lieblingstag, denn das ist immer Heute. Doch wenn zum Beispiel Gestern noch dazu Morgen ist, dann wäre das schon zu viel Tag. Was jetzt etwas kompliziert klingt, aber seine Logik hat, obwohl Winnie Puuh alles andere als eine Geistesriese ist. Wenn Hunde sprechen könnten, wäre Winnie Puuh einer dieser unendlich treuen Vierbeiner, die bedingungslose Freundschaft leben und zur Stelle sind, wenn sich Kummer breit macht. Den kleinen Bären mit den herzzerreißend dreinblickenden Knopfaugen und der sanften Stimme umgibt eine Art meditative Aura der inneren Einkehr, der Ruhe und des Rückzugs, wo der umtriebige Mensch, ob Alt oder Jung, sein Denken und Handeln wieder rebooten kann und vielleicht draufkommt, was wirklich wichtig ist im Leben. Winnie Puuh weiß das natürlich auch nicht, andererseits aber irgendwie schon. Und wirkt dadurch manchmal richtig weise, wie Yoda, nur ohne Lichtschwert, stattdessen mit Honig ums Mäulchen.

Erst viele Jahre später nach dem Abschied von Christoper Robin vom 100 Morgen Wald und nach zügig durchblätterten Kapiteln lässt gleichnamiger Film seine Handlung überhaupt erst beginnen. Der Hüter seiner Stofftiere ist jetzt erwachsen und ein Arbeitstier, ohne Zeit für Frau und Kind, und ohne einen verschwendeten Gedanken an seine Spielgefährten von damals, alleine deswegen, weil es an Zeit fehlt. Puuh und Konsorten geraten in Vergessenheit, dementsprechend unwirtlich sieht’s im Wald der Heffalumps und Wusels auch aus. Als der Haussegen der Robins so richtig schief hängt, findet der kleine Honigbär wie durch Zufall den Weg zu seinem Meister – wie ein Wink des Schicksals, der dann auf Umwegen vieles wieder geradebiegt.

Regisseur Marc Forster, der schon mit Dramen aus unterschiedlichsten Genres experimentiert hat, betritt mit Christopher Robin nicht unbedingt Neuland – ein ähnlicher Film über das Schaffen von Peter Pan-Erfinder James Matthew Barry zählt bereits zu seinem Oeuvre. Dennoch ist dieser Film hier irgendwie anders. Einerseits könnte Christopher Robin die Fortsetzung zur ebenfalls in diesem Jahr erschienenen und sehr sehenswerten Biografie Goodbye Christoper Robin sein, andererseits aber auch der allumfassende Epilog zu allen bisher erzählten Zeichentrickabenteuern, die Winnie Puuh und seine Freunde so erlebt haben. Etwas metaphysisch Biographisches, ein phantastischer Film längst nicht nur für Fans jüngeren Semesters. Forster erzählt vom Erwachsensein, vom Verlust der Kindheit und vom Ernst des Lebens, ja sogar ansatzweise vom Krieg. Dinge, mit denen die ganz Kleinen, die Winnie Puuh´s gezeichnete Abenteuer kennen, nicht allzu viel anfangen können. Schulkinder allerdings, die von Pflicht, Eigenverantwortung und einer gewissen Eigendynamik des sozialen Lebens so ihre Ahnung haben, werden Christopher Robin als einen Film genießen, der garantiert nicht unterfordert und neben all dem unbekümmerten Spaß auch melancholische, fast schon traurig tönende Saiten anschlägt.

Denn diese Stofftiere, diese Seelenbären und Seelentiger, mieselsüchtigen Esel und ängstlichen Schweinchen, diese Verkörperungen all der Gefühlswelten eines Kindes im Erwachsenen, sind so dermaßen ansprechend zum Leben erweckt, dass ich es kaum glauben kann. Winnie Puuh als Realfilm – meine Skepsis dazu hat sich im Vorfeld relativ lange gehalten. Nach Sichtung dieses Films weiß ich, wie gewissenhaft und mit wie viel Liebe zum Detail und Respekt zur Vorlage Ikonen des Kinderzimmers aus der zweiten Dimension hervorgeholt werden können – hinein in eine unglaublich reale Welt, erdfarben und von schwindendem Tageslicht. Das regennasse, graue London und der nebelverhangene Märchenwald zaubern eine poetische Tristesse, mittendrin eine zusammengenähte Menagerie, abgenutzt und reif für den Flohmarkt, gleichermaßen aber so unbezahlbar wertvoll wie eine Erinnerung an die Kindheit, die man niemals missen möchte. Da trotten sie dahin, entkitscht bis zum Gehtnichtmehr, maximal das Ferkel strahlt in abgewetztem Altrosa, jedes dieser herzensguten Wesen in seiner eigenen Welt. Forster findet mit seinem begnadeten Kameramann Matthias Koenigswieser atmosphärische Bilder eines entrückten Alltags, dazwischen, wie Sternschnuppen aus dem Augenwinkel, das so Schräge wie Zauberhafte aus alten Spielzeugkisten. Die Kultfiguren aus Milne´s Feder erleben literaturadäquat unaufgeregte Abenteuer voll kauzigem Slapstick und charakterlichen Pointen. Spenden Trost, Zuversicht und eine unerschütterliche Zuflucht vor den Widrigkeiten, die ein Leben so mit sich bringt. Da wäre es ja mehr als angebracht, nach dem Besuch im Kino wieder das eigene alte Stofftier vom Dachboden zu holen, um es wieder mal so richtig durchzuknuddeln.

Christopher Robin

Das Zeiträtsel

RAUMZEIT-ANTI-AGING MIT GLAMOUR

5/10

 

A WRINKLE IN TIME© 2017 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: AVA DUVERNAY

CAST: CHRIS PINE, OPRAH WINFREY, MINDY KALING, REESE WITHERSPOON, ZACH GALIFIANAKIS, STORM REID U. A.

 

Talkqueen Oprah Winfrey als galaktische Lichtgestalt? Dank der funkelnden Schminke im Konterfei des Promis und mit der Märchenfee Reese Witherspoon an dessen Seite können wir das Sternenzepter in guten Händen wissen. Die drei Grazien (die dritte im Bunde ist US-Komikerin Mindy Kaling) erscheinen nach und nach in der Nachbarschaft der unkonventionellen Familie Murry. Die Eltern – experimentierfreudige Wissenschafter mit dem Hang zur Esoterik, die Kinder sonderliche Einzelgänger, hochbegabt und exzentrisch. Da verschwindet der Papa von einem Moment auf den anderen – womöglich hat er ein Portal entdeckt, das unabhängig von Raum und Zeit Zugang in die fernsten Winkel des Universums gewährt. Astrophysiker Murry – dargestellt von „Captain Kirk“ Chris Pine – nennt diesen Zugang Tesseract. Marvel-Fans werden da plötzlich hellhörig, heißt einer der legendären Infinity-Steine doch genauso. Mit Marvel hat das Ganze aber nichts zu tun – eher mit einem höchst eigenwilligen Mix aus Zitaten diverser Märchenerzähler aus der Literaturgeschichte des 20ten Jahrhunderts.

Die literarische Vorlage von Das Zeiträtsel selbst stammt aus der Feder der amerikanischen Kinderbuchautorin Madeleine L´Engle, veröffentlicht in den 60er Jahren. Neben einer Fernsehversion der abenteuerlichen Geschichte durch Raum und Zeit ist die Verfilmung von Ava DuVernay (Selma) ein Spektakel, das womöglich den österreichischen Dramatiker Ferdinand Raimund schwach hätte werden lassen. Das Zeiträtsel ist ein sagenhaft hausbackenes Zauberspiel mit allerlei  märchenhaften Gestalten und surrealer Folklore, es handelt von Licht und Finsternis, von den guten und schlechten Eigenschaften des Menschen. Und nicht zuletzt von sehr viel Liebe, die auch ausgiebig und herzermüdend zitiert wird. Diese theatralischen Figuren, sie tragen Namen wie Frau Wer und Frau Wo und Soundso – das wiederum klingt nach Michael Ende. Auch da erinnert der Film das eine oder andere mal an das Schaffen des deutschen Visionärs, der mit seiner unendlichen Geschichte sowieso schon philosophisch-phantastische Literatur mit den Stilmitteln des Märchens wegweisend vermengt hat. Philosophisch will Das Zeiträtsel auch sein, verheddert sich aber in plakativem Kitsch, der steriler kaum sein kann. Diese Welten rein aus dem Computer sind zwar auf den ersten Blick famos, entpuppen sich aber sehr schnell als nur gerendert und haben nicht viel Seele, geschweige denn Tiefe. Sie wirken nicht echt, wie aufgemalt, und der Zuschauer erahnt geradezu in jeder Sekunde den Greenscreen dahinter. Ich erinnere mich an Peter Jackson´s Jenseitsdrama In meinem Himmel – viel zu viel phantastischer Zuckerguss, teilweise sogar etwas zu flächendeckend hingepfuscht, irgendwie völlig im Widerspruch zu der eigentlichen, tragischen Kriminalgeschichte. Ava DuVernay´s Ringelspiel durchs Weltall passiert Ähnliches, ist anfänglich so entrückt und versponnen, als hätte sich Terrence Malick an einem Kinderfilm versucht. Gegen Ende wird’s sogar noch ziemlich spooky wie in Spielberg´s 80er-Mystery, vor allem dann, wenn das Böse sich des kleinen Bruders bemächtigt. Da hat Das Zeiträtsel dann meine ungeteilte Aufmerksamkeit und macht es sogar noch etwas spannend, bevor die Gute Nacht-Variante einer kindlichen Dimensions-Hopserei a la Inception sein erlösendes Ende findet.

Hierzulande in Österreich fand Disney´s Weisheits-Diskurs für die kommende Generation keinen Kinoverleih. Natürlich orientiert sich die Filmwirtschaft am kommerziellen Erfolg im Ursprungsland – Das Zeiträtsel hatte bislang keinen solchen (was nichts über die Qualität des Films aussagt), also kein grünes Licht für Übersee. Das ist wenig verwunderlich, therapiert dieser wüste Effekte-Mix als familientaugliche Psycho-Fantasy allzu fordernd und lebensberatend am Ziel vorbei. Das kann zu viel des Guten sein, und ist auch für jüngeres Publikum teilweise verstörend unbequem. Hat aber dennoch irgendetwas an sich, das in irritierender Relevanz länger nachhallt als vermutet.

Das Zeiträtsel

Peter Hase

WICKEL MIT KARNICKEL

5/10

 

Peter Rabbit (James Corden) in Columbia Pictures' PETER RABBIT.© 2018 Sony Pictures GmbH

 

ORIGINAL: PETER RABBIT

LAND: AUSTRALIEN, GROSSBRITANNIEN, USA 2018

REGIE: WILL GLUCK

MIT DOMNHALL GLEESON, ROSE BYRNE, SAM NEILL, MARGOT ROBBIE (STIMME), DAISY RIDLEY (STIMME), U. A.

 

Mein Name ist Hase, und ich weiß von nichts. – Stimmt, dieser Hase weiß wirklich von nichts. Er weiß nicht mal, dass er gar kein Hase, sondern ein Kaninchen ist. Hasen haben eine ganz andere Physiognomie und sind obendrein Einzelgänger. Kaninchen natürlich nicht. Und an dieser Verwirrung ist womöglich einzig und allein die Übersetzung schuld, denn Peter Rabbit im Original bezieht sich eigentlich auf ein Kaninchen, während Hasen als Bunny bezeichnet werden. Peter Kaninchen klingt aber nicht so gut, schon gar nicht zu Ostern – denn da ist der Film in den Kinos erschienen. Also Hase, obwohl alle lieber ein Kaninchen hätten, weil sie einfach kuscheliger, gesellschaftsfähiger und so herzzerreissend süß herumhopsen. Wenn das dicke, blumenbewährte Hinterteil über die Wiese koffert, will jedes Kind so ein Tierchen haben. Aber was heisst da jedes Kind – ich liebe Nager, hatte sogar ein dreifärbiges Kaninchen, dessen hasenschartiges Konterfei sogar mal in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde. Man sieht, ich kann mich für Meister Schlappohr so richtig begeistern. Für den martialischen Gemüsekrieg zwischen Wald, Wiese und Flur, den der Film Peter Hase verspricht,  allerdings weniger.

Dabei ist Peter Hase die Verfilmung eines Kinderbuchklassikers, der von Beatrix Potter kurz nach der Wende zum 20sten Jahrhundert verfasst und illustriert wurde. Letztere kennt womöglich jeder, der sie sieht. Eingekleidete Tiere des Waldes, detailverliebt gezeichnet. War nur eine Frage der Zeit, wann hier die Tricktechnik zuschlagen würde – und den Charme der Vorlage ziemlich aussen vor lässt. Kein Zweifel, die dicken Dinger sind großartig animiert, das ist State of the Art. Am Liebsten ist mir dieser Frosch im Frack, der am Weiher sitzt und angelt – das ist so ein schönes, altes Fabel-Motiv aus der Spätromantik. Was wäre, wenn ein ganzer Film eine solche Fabel wäre – so in richtig nostalgischer Montur, zwischen Hase und Igel, mit Reineke Fuchs, Isegrim und Adebar? Leider ist es das nicht geworden, und Regisseur Will Gluck hat auf Basis der kauzig-idyllischen Anekdote Potters ein Provinzmärchen für die ganze Familie in den Vorgarten gepflanzt, die, auf Spielfilmlänge aufgeblasen, eine völlig uninspirierte Geschichte zum Besten gibt. Die literarische Vorlage reicht gerade bis zum Ableben des griesgrämigen Mr. McGregor (herrlich bis zur Unkenntlichkeit wutverzerrt und backenbärtig: Sam Neill), und danach ist es auch schon vorbei mit der heimeligen Ungemütlichkeit. Irgendwann verschlägt es Neffe McGregor aus London ins britische Outback, der nämlich das Anwesen vor der Nase unserer kleinen Kaninchenfamilie erbt und von allem, was jenseits seines Lattenzaunes kreucht und fleucht, genauso wenig Näheres wissen will als sein verblichener Onkel.

Die Ursache für den ausgelebten Hass des versnobten Rotschopfs gegenüber befellten Vierbeinern bleibt ein Rätsel, auch das ausartende Hin und Her verkommt zur Mäusejagd, die wir in nämlichen Film aus den 90ern bereits schon kennengelernt haben. Irgendwann, und so ziemlich bald, verlieren Geschosstomaten, Stromzäune und Dynamit seinen ohnehin geringen Reiz, die Autorin der kecken Kurzgeschichte über den Nager im blauen Hemd würde sich ziemlich wundern, was aus ihren Ideen geworden ist. Mit Ausnahme der liebevoll animierten Tiere bleibt ausser einer herumeiernden Romanze und den brachialen Krieg Mensch gegen Tier nicht viel über. Da hat der Trailer deutlich mehr versprochen, mehr Witz und eben auch Charme, den man mit dem Potenzial von sprechenden Tieren locker ausbauen kann. Domnhall Gleeson ist völlig nebenbesetzt, dafür ehrt Rose Byrne Künstlerin Beatrix Potter mit einer kleinen Hommage und den Illustrationen von einst.

Peter Hase hätte richtiges gutes Familienkino werden können. Liebevoll, aufrichtig und mit augenzwinkerndem Witz. Leider nur in wenigen hellen Momenten, doch wer sich an pummeligem Streichelzoo erfreuen kann, ohne sonst viel nebenher einzufordern, hat womögich die Glückseligkeit eines Hasens, der von nichts etwas weiß.

Peter Hase

Love, Simon

IMMER NOCH DER SELBE BLEIBEN

7/10

 

lovesimon© 2018 Twentieth Century Fox GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: GREG BERLANTI

MIT NICK ROBINSON, KATHERINE LANGFORD, ALEXANDRA SHIP, JENNIFER GARNER, JOSH DUHAMEL U. A.

 

Erstaunlich, und eigentlich unerwartet, dass in Zeiten von Life Ball und Regenbogenparade das Thema eines Coming Out einen ganzen Film zu tragen vermag. Wie es aussieht, ist es längst noch nicht selbstverständlich, homosexuell zu sein. Dabei dacht ich, die gleichgeschlechtliche Liebe ist zum Glück nicht mehr etwas, das geheim gehalten werden muss. Angesichts der gegenwärtigen Situation können Defizite aber noch locker aufgeholt werden, und zwar insbesondere an den Schulen. Dort, wo alles, was nicht einer gewissen Norm entspricht, Gefahr läuft, entweder in geschäftiger Übertriebenheit verstanden oder abgelehnt zu werden. Schlimmstenfalls wird gemobbt, das ist dann die schädliche wie schändliche Lösung all jener, die mit dem Anderssein gar nicht umgehen können. Vielleicht, weil sie es auch selbst sind – nämlich anders. Und diesen Umstand niemals zugeben würden.

Simon ist also anders. Aber nur sexuell. Das wird ihm irgendwann bewusst, und irgendwann nimmt er seine Veranlagung auch als gegeben hin. Dass Homosexualität unbedingt abnorm sein muss, sei dahingestellt. Es gibt sie jedenfalls, und das nicht zu gering. Es muss in der Natur einen Grund dafür geben, den wir bislang aber noch nicht kennen. Damit steht das Phänomen nicht alleine da – die Evolution an sich ist ein ganzes Buch voller sauschwerer Sudoku-Rätsel, die keiner lösen kann. Lösen lässt sich nur der soziale Aspekt dieser Andersartigkeit – am Besten mit einem Outing. Erst noch anonym, aber auch nur, weil ein gewisser Blue sich getraut hat, seine Veranlagung publik zu machen. Simon tut das Gleiche, outet sich als Unbekannt – und findet in Boy X, soweit es online möglich ist, einen Vertrauten. Das wäre ja mal nur der halbe Film, gäbe es an amerikanischen Schulen wie dieser hier im Film nicht Kollegen, die Mr. Anonymus entlarven und Stillschweigen gegen Hilfeleistung in Sachen Liebe fordern. Das kann nicht gut gehen, das ist von vornherein schon klar. Irgendwann kommt es ans Licht – warum also nicht dem Erpresser den Wind aus den Segeln nehmen. Und warum nicht den innigsten Freundeskreis einweihen? Gut, da sollte Simon mal mit der eigenen Familie beginnen.

Homosexuell zu sein hat für einen Erwachsenen weniger weit reichende Konsequenzen als für einen Schuljungen. Dawsons Creek-Autor Greg Berlanti hat sich dieser Problematik mit sehr viel Fingerspitzengefühl angenommen und erreicht mit Love, Simon ein Level, dass in den Achtzigern John Hughes mit seinem Breakfast Club geschafft hat. Solche sozialpädagogisch enorm wertvollen Filme stehen und fallen mit der Auswahl seiner Schauspieler, welche die Rollen, die sie verkörpern müssen, auch ausreichend ernst nehmen. Das gelingt nicht, wenn das Star-Ego allem voran steht. Das gelingt, wenn die Figur nur für die Momente der Dreharbeiten wichtiger wird als die reale Person dahinter. Es geht darum, die Ängste, Sorgen und Bedürfnisse nachvollziehen zu können – nicht einfach nur darzustellen. Dazu braucht es einen Regisseur, der teamfähig ist, für eine gute Stimmung am Set sorgt und innerhalb dieser inszenatorischen Geborgenheit viel, wenn nicht alles, aus seinem Ensemble herausholt. Das ist Berlanti gelungen. Nick Robinson als Simon ist ein hin- und hergerissener, tougher und bildhübscher Zweifler, den nicht nur seine Freunde, sondern auch das Publikum schätzt und mag – genauso läuft es mit den anderen Jungdarstellern, die so spielen, als wären sie in ihrem echten Leben. Love, Simon ist aus einem Guss, eine fehlerlos runde Geschichte, jede Rolle respektiert die andere, jedes Outing und jeder Konflikt zu seiner Zeit, die noch dazu, wie es scheint, souverän gemanaged ist. Die einfühlsame Highschool-Tragikomödie überlässt nichts platten Attitüden, wirkt niemals lächerlich oder beschämend, ist aufrichtig, witzig und klug. In Zeiten wie diesen wäre der Breakkfast Club um einen Nachsitzenden reicher, eben vielleicht um Simon, der sich an diesem Samstagvormittag geoutet hätte.

Vielleicht ist Love, Simon in seiner stringenten Lösungsfindung zu glatt geraten. Dass sich im echten Leben all die gesellschaftlichen Knackpunkte längst nicht so vorhersehbar entwickeln, muss natürlich klar sein. Love, Simon ist da schon ein idealisierter Zustand, manchmal zu naiv im berechenbaren Verhalten der Schüler. Doch der Mensch ist im Geiste kein Naturgesetz. Etwas, was Love, Simon nicht weiß oder gar nicht wissen will – umso schöner daher, wenn das Erwachen sexueller Identität so schnörkellos lehrplanmäßig mit einem Selbstbewusstsein einhergeht, an welchem sich alle ein Beispiel nehmen können. Genau dafür ist Love, Simon schließlich da – Als Mutmach-Kino für die Generation Z.

Love, Simon