Nobadi

WER ANDEREN EINE GRUBE GRÄBT

7/10

 

nobadi© 2019 Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: KARL MARKOVICS

CAST: HEINZ TRIXNER, BORHAN HASSAN ZADEH, JULIA SCHRANZ, MARIA FLIRI U. A.

 

Mit dem preisgekrönten Film Atmen hat der österreichische Schauspieler Karl Markovics ein bemerkenswertes Regiedebüt hingelegt. Selten war das Thema Tod so ein Hingucker, selten so sensibel und gleichzeitig so rüschenlos betrachtet worden. Markovics ist ein Künstler. Wenn er Regie führt, so schreibt er sein Projekt auch selbst. Und das sind Themen, die nicht unbedingt die Säle füllen. Markovics bezweckt das gar nicht. Er tut, was ihn in erster Linie selbst bereichert, und er scheut sich davor, sich dem Geschmack des Publikums anzubiedern. Das geht vielen österreichischen Filmemachern so, aber Markovics fällt mehr auf als andere, vielleicht, weil er anders an das Erzählenwollende herangeht, weil er analytisch vorgeht, besonnen und nicht übereilt. Weil er Dinge erzählt, die meines Erachtens relevant sind. Wie zum Beispiel das Mysterium des Todes aus psychosozialer Sicht. Oder das Göttliche, das sich äußert wie ein schizophrener Schub, so gesehen in Superwelt mit Ulrike Beimpold als völlig verpeilte Hausfrau. Mit Superwelt hat sich Markovics deutlich schwerer getan – sein zweiter Film ist fast schon missglückt, vielleicht weil er sich dazu verleiten ließ, mehr ins Esoterische abzugleiten als beabsichtigt. In Nobadi findet er wieder zurück zu seinen Skills, die er beherrscht, nämlich nicht nur die monologisierende, sondern auch die zwischenmenschliche Extremsituation im wahrsten Sinne des Wortes herauszusezieren. Das schmeckt nicht unbedingt, ist aber wirklich sehenswert.

Der Name des Flüchtlings: Nobadi, also Nobody – Niemand. Das jemand so genannt wird, wissen wir seit Homer. Während seiner Irrfahrt durch das Mittelmeer entschied der kluge Odysseus im Angesicht des menschenfressenden Zyklopen Polyphem, sich selbst lieber keinen Namen zu geben. Ein weiser Schachzug, wie die Legende beweist. So wie der Grieche aus Ithaka heimatlos durch sämtliche Abenteuer schippert, so schippert der junge Afghane nach Wien – zuerst auf den Arbeiterstrich, dann in den 15. Wiener Gemeindebezirk, in die Kleingartenanlage Zukunft – was für ein Omen. Die Suche nach einem Job treibt ihn geradewegs in die altersfleckigen Hände des Witwers Senft, der wiederum den Tod seines Hundes betrauert, über Tierärzte schimpft und lieber hinterm Haus ein Loch puddelt, um den Pudel zur letzten Ruhe zu betten. Der namenlose Flüchtling geht ihm für 3 Euro die Stunde zur Hand – und weiß gar nicht, welche Wendung sein Leben nehmen wird.

Karl Markovics´ überaus dicht inszeniertes Kammerspiel geht wortwörtlich an die Substanz. Natürlich ist es nicht verwunderlich, dass ein Film wie Nobadi den Österreichischen Filmfond begeistert hat, findet sich darin doch einiges aus dem War- und Ist-Zustand gesellschaftspolitischer Befindlichkeiten wieder. Doch es scheint nicht so, als wäre die Thematik in Nobadi ein den Förderchancen angepasstes Szenario gewesen, auch wenn der völlig selbstmitleidlose Streifen sowohl an die Verfolgung ethnischer Minderheiten in der NS-Zeit als auch an die Flüchtlingskrise vor ein paar Jahren erinnert, an den fatalen Um- und Notstand also, vertrieben worden zu sein. Für einen knapp 90minütigen Film würde das schon reichen, aber Nobadi geht tiefer, will gar etwas Basaleres. Was der alte Herr Senft vorhat, kommt unerwartet und wie mit dem Stellwagen ins Gesicht. Seine traumatische Besessenheit – aus Reue, Wiedergutmachung oder einfach nur aus Prinzip, das bleibt unklar – folgt einem geradezu wienerisch-morbiden Amoklauf zwischen Macht-Ohnmacht-Balance und einem verstörenden Notfallplan, um Nobadi nicht dem Vergessen zu opfern. Das ist eine düstere, durchaus blutige und hingebungsvoll nihilistische Miniatur, die einem aber seltsamerweise nicht  den Boden unter den Füßen wegzieht, weil Markovics eine durchdachte, wunderschön abgerundete Kleingartenallegorie geschaffen hat, die eine Nacht lang altruistische Werte neu und durchaus radikal, wenn nicht gar auf paradoxe Weise, hinterfragt. Das ist manchmal vielleicht zu dick aufgetragen, zu sehr mit der Gartentür ins Haus, aber unterm Strich gelingt dem ehemaligen Stockinger ein seufzendes Requiem auf einen völlig von den Göttern verlassenen Odysseus, der Polyphem als einzigen Freund hat.

Nobadi

El Camino – A Breaking Bad Movie

BLICK ZURÜCK NACH VORNE

6/10

 

elcamino© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: VINCE GILLIGAN

CAST: AARON PAUL, JESSE PLEMONS, ROBERT FORSTER, SCOTT MCARTHUR, CHARLES BAKER, SCOTT SHEPHERD, BRYAN CRANSTON, JONATHAN BANKS U. A.

 

Der Spoilometer gibt Entwarnung: denn dass Aaron Paul alias Jesse Pinkman einer der wohl besten Fernsehserien der Welt überlebt hat, ist seit dem Trailer zu El Camino – A Breaking Bad Movie kein Geheimnis mehr. Und wer die Serie damals als Mutter aller Binge-Watch-Formate inhaliert hat wie eine frische Tüte Kartoffelchips, der wird wohl die letzten Minuten der letzten Staffel wohl auch nie wieder vergessen: Heisenberg am Boden und Pinkman auf der Flucht, bewerkstelligt in einem schwarzrot-gestreiften El Camino, noch dazu fertig mit der Welt und dem Leben, gepeinigt, verängstigt, verwahrlost. Dieser El Camino ist es auch, der mühelos die Brücke schlägt zwischen dem Finale aus 2013 zu dem nun auf Netflix erschienenen Epilog einer Kette unrühmlicher, bizarrer und tragischer Ereignisse, die mit der Krebsdiagnose des Chemielehrers Walter White überhaupt erst begonnen haben. Mit gewissem Know-How lässt sich viel anrichten, zum Guten wie zum Bösen, und das haben der kongeniale Bryan Cranston und sein Schüler Aaron Paul in einer 5staffeligen Langzeitstudie eindringlich bewiesen. Wer da nicht Couchmaniküre betrieben hat, dürfte etwas ganz anderes gesehen haben, nur nicht Breaking Bad. Und es ist schön, nach so vielen Jahren sozusagen wieder heimzukommen nach Albuquerque, an den Ort weniger schöner, aber unter- und oberweltbewegender Extreme.

Mastermind Vince Gilligan hat letzten Endes also doch darauf verzichtet, das Schicksal des Jesse Pinkman der Fantasie seiner Fans zu überlassen. Das teilweise offene Ende hatte seinen unorthodoxen Reiz, so wie der ganze Stil der Serie, aber dennoch: wie der nicht erklingende letzte Ton einer uns bekannten Melodie dürfte die vage Zukunft wie Schrödingers Katze Gilligan so sehr gequält haben, das der letzte Vorhang um alles in der Welt noch fallen musste. Wir wissen also: Pinkman ist seinen Peinigern entkommen, diese wiederum haben unter dem Kugelhagel von Walter Whites tödlichem MG-Selbstauslöser das Zeitliche gesegnet. Einer von Ihnen, ein ganz perfider Bösling mit Hang zum beiläufigen Alltagsgrauen (Jesse Plemons in erschreckend unguter Psychopathen-Jovialität) dürfte dabei vorher schon sein unrechtmäßig Erspartes irgendwo in die Möblage seiner vier Wände integriert haben – welches Pinkman aber zwecks Neuanfang dringend nötig hat. Blöd nur, dass von dieser Kohle auch andere Leute wissen, und so entwickelt sich das spannende BB-Nachspiel zu einer Art The Good, the Bad and the Ugly, alle auf der Suche nach dem Schatz des Toten, während die Kavallerie Pinkman ganz oben auf die Liste gesetzt hat. Gilligans Reminiszenz an die Heist-Western gipfelt sogar in einer skurrilen Duellszene, die wie ein Plug-In formschön ins Breaking Bad-Universum passt. Notwendig wäre El Camino aber nicht gewesen, geschweige denn ungeduldig herbeigesehnt. Die Umstände einer Flucht nach vorne kann man in Erfahrung bringen, muss man aber nicht. Der Plot war damals schon auserzählt – die einen überleben, die anderen sterben. Pinkman wäre seinen Weg schon gegangen, unterkriegen ließ sich der Bursche ohnehin nie. Das Wiedersehen macht aber dennoch Spaß, und vor allem nerdige Flashbacks halten mit Cameos einiger kultiger Charaktere aus der Serie nicht hinterm Berg. Vor allem in diesen Szenen lässt sich erkennen, wie Aaron Paul seinen Charakter eigentlich angelegt und im Laufe der Geschichte verändert hat: vom blauäugigen, jugendlichen Kleinkriminellen zum traumatisierten Leidensgenossen, dem nichts mehr bleibt außer die Zähigkeit, sich neu zu erfinden.

Der steckbrieflichen Sogwirkung seiner Schöpfung bleibt Gilligan treu, auch in El Camino kann man schwer wegsehen oder sich währenddessen mit anderem beschäftigen. Dabei liegt die Qualität des Thrillers in seinen Konstellationen des Zufalls. Breaking Bad ist somit nach dem Abspann von El Camino endgültig Fernseh- und ein bisschen auch Filmgeschichte. Zeit also, dass sich Gilligan etwas Neues ausdenkt. Und das sollte man, erfahrungsgemäß, eigentlich nicht verpassen.

El Camino – A Breaking Bad Movie

Joker

DAS LACHEN, DAS IM HALSE STECKT

9/10

 

joker-1© 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM & © DC Comics

 

LAND: USA 2019

REGIE: TODD PHILLIPS

CAST: JOAQUIN PHOENIX, ZAZIE BEETZ, ROBERT DE NIRO, BRETT CULLEN, FRANCES CONROY, SHEA WHIGHAM U. A.

 

Lachen ist die beste Medizin, ist Arbeit für den Körper (mehr als 100 Muskeln sind daran beteiligt, von der Gesichts- bis zur Zwerchfellmuskulatur – alle Achtung!) und Balsam für die Seele. Mit Lachyoga lassen sich Depressionen oder andere seelische Erkrankungen mildern, was aber wissenschaftlich noch nicht ganz zu beweisen war. Aber Lachen muss doch vom Herzen kommen, oder nicht? Muss empfunden werden. Arthur Fleck empfindet es nicht. Der Mann, der später mal die Nemesis für Batman werden soll, ist, so könnte man sagen, am Lachen erkrankt. Eine neurologische Störung vermutlich, doch so gut kommt das fehlplatzierte Gelächter nicht wirklich an, nicht in der Gesellschaft, und nicht in Situationen, wo es eigentlich um Leben und Tod geht. Lachen wird dabei so richtig ungesund. Und hinterlässt den Beigeschmack des Irrsinns. Todd Phillips, Macher der Hangover-Filmreihe (wer hätte das gedacht!?) wechselt also von derben Lachnummern zum Lachen als Bürde und Anfall, der den Atem raubt. Sein Joker ist ein Film über die Be Happy-Insistenz des Lachens, so gellend wie bei Edgar Allan Poe oder so fratzenhaft wie bei Victor Hugos lachendem Mann. Über den karitativen Mehrwert von Cliniclowns und der subjektiven Auslegung von Humor. Tod Phillips hat zwar die Seiten gewechselt, aber es sind immer noch die Seiten der selben Medaille. Dabei gerät Joker nicht nur zur Kehrseite der Komödie, sondern auch zur Kehrseite des DC-Universums. Arthur Fleck bezeichnet sein Leben irgendwann nicht mehr als Tragödie, sondern als Komödie. Und seine Witze, die würde ohnehin keiner verstehen. Ist also Joker eine Komödie? Ist Humor nicht sowieso das schwierigste Werkzeug der Unterhaltung, und derselbe Witz sowohl gut als auch schlecht, je nachdem wen man fragt? Diese Grauzone scheint so nebulös zu sein wie das „patscherte“ Leben dieser geschundenen, traumatisierten Kreatur, die in ihrer aussichtslosen Existenz das Schlimmste noch verdrängt hat. Wen würde es da nicht den Boden unter den Füßen wegreißen? Arthur Fleck wird irgendwann schwerelos, weil er nichts mehr zu verlieren hat. Das ist, trotz aller Bemühungen, witzig zu sein, ein Kreuzweg in eine alternative, archaische Freiheit, die sich allen Paradigmen einer geordneten Gesellschaft widersetzt.

Die Paradigmen könnten sich mit Todd Phillips´ Joker im Blockbuster-Universum des Kinos ebenfalls einer radikalen Neuordnung hingeben. Kann sein, dass das Publikum mit Effektbomben wie Age of Ultron oder Man of Steel längst gesättigt ist. Kann sein, dass die Zielgruppen eigentlich das wollen, was auch im Horror-Genre so gut funktioniert: Weg vom CGI-Getöse, was manche Filme wirklich übertrieben haben, hin zur Auseinandersetzung mit den inneren Dämonen. Hin zum Hinterfragen der eigenen Werte und der Deckungsgleichheit des eigenen Ichs mit der Inszenierung für die anderen, die ja laut Sartre bekanntlich die Hölle sind. Das sieht auch der spätere Joker so, dem einfach keiner zuhört, den man schmäht oder im Stich lässt. Kränkung ist das Schlimmste, was einem psychisch labilen Menschen widerfahren kann. Was daraus erwächst, lesen wir wöchentlich in der Zeitung. So in etwa entsteht auch die Ikone des diabolischen Spaßmachers, der „Sympathy for the Devil“ schürt, und der eigentlich will, was sowieso jeder von uns will: Selbstbestimmung. Selten wurde ein Antagonist von der Pike auf so fein seziert, selten hatte die Metamorphose in einen Verbrecher so viel Bühne. Vielleicht ist die in der Ruhe liegende Kraft die neue Action auf der Leinwand. Vielleicht sind es die inneren Grabenkämpfe, ist es der Fokus auf Ursache und Wirkung in einem abgegrenzten Kosmos, in diesem Falle der urbane Horror namens Gotham. Und ja – Joker ist im DC-Universum inhärent, ist also eindeutig ein Comicfilm, er lässt sich nur schwer nur als Psychothriller abkoppeln, das wäre zu wenig, sondern kann sehr wohl und im Besonderen als die erste Episode für etwas betrachtet werden, das noch kommen und den Mythos Batman noch mehr auf die Realität herunterbrechen wird als es bereits Christopher Nolan getan hat.

Joker ist tatsächlich von den frühen Grunge-Thrillern Martin Scorseses inspiriert. Alles versinkt im Dreck, jeder boxt sich durch. Eine Stadt als Moloch. Inmitten dieser fahlgrünen Neon- und flackernden U-Bahn-Lichter eine groteske, gekrümmte Gestalt, morbide Fantasien in sein Notizheft kritzelnd und in entrückten Traumtänzen seinen bis auf die Knochen abgemagerten Körper verrenkend. Speziell in diesen Szenen erinnert Joker sehr wohl auch an die Filme von David Cronenberg, insbesondere Spider mit Ralph Fiennes, ein expressives schizophrenes Szenario, ungut bis dorthinaus. Oder an Brad Andersons Der Maschinist – da war Christian Bale derjenige, der als Hungerleider den Irrsinn gepachtet hat, alles im Schein schimmlig-kalten Lichts. So wie Joaquin Phoenix, der sich selbst in der Interpretation dieser popkulturellen Figur nichts schenkt, uns aber alles: So nuanciert, so verpeilt und so trotzig, so dämonisch und gleichzeitig in so verklärender Apotheose in den Olymp der Genugtuung – Phoenix serviert uns Schauspielkunst vom Feinsten, er fasziniert und fordert zugleich. Er zieht den Blick auf sich, doch am Liebsten will man nicht hinsehen. Wie er zum Joker wird, ist atemberaubende Charakterstudie und Erfüllung aller Erwartungen zugleich. Todd Phillips hat seinen Film in einen optisch erlesenen Reigen überhöhter Altarbilder verwandelt – nahezu jedes einzelne Take ist in Farbe, Licht und Form ein ikonisches Panel, das zu einem perfekt getimten Stück zermürbenden, vielschichtigen, mitunter auch blutigen Charakterkinos verschmilzt, unterlegt mit dröhnenden Klängen, dazwischen ertönt Frank Sinatra. Und es sei gesagt, obwohl man keine Vergleiche ziehen sollte – für mich kann es ab heute nur einen geben: und das ist Phoenix´ Joker.

Joker

Mr. Long

KOCHEN UND KILLEN

8/10

 

mrlong© 2017 Rapid Eye Movies

 

LAND: JAPAN, TAIWAN 2017

REGIE: SABU

CAST: CHANG CHEN, YI TI YAO, RUN-YIN BAI, RITSUKO OHKUSA U. A.

 

Wortkarg, auf leisen Sohlen, und 100% tödlich: Eigenschaften, die Profikiller haben sollten, um ihren Job zu machen. Dieses Knowhow besitzt Leon – der Profi genauso wie die zwangsrekrutierte Nikita oder die Filmfiguren eines Takeshi Kitano. Oder eben Mr. Long, dessen wirklicher Name ein Geheimnis bleibt und der noch weniger spricht als Jean Reno in seiner besten Rolle. Mr. Long sagt eigentlich gar nichts, killt und verschwindet. Die Aufträge, die er annimmt, erfüllt er ungefähr genauso mit blutiger Raffinesse wie Denzel Washington als Equalizer, der schon so manchen Antagonisten mit Bleistift oder Löffel unter die Erde gebracht hat. Mr. Long greift aber gern zum Messer. Was für eine Sauerei danach, aber um die sollen sich andere kümmern. Bis plötzlich einer der Aufträge, für den er nach Japan reist, seltsam misslingt, als hätte die Zivilperson gewusst, dass das Unheil auf leisen Sohlen sich seiner annehmen wird. Der stoische Taiwanese wird verletzt, kann flüchten, die Häscher hinter ihm her – und versteckt sich zwischen den Bungalows einer brach liegenden Wohnsiedlung.

Das wäre, so könnte man sagen, dass Ende einer Karriere, würde da nicht ein kleiner Junge auf der Bildfläche erscheinen, der sich bemüßigt sieht, der blutenden Gestalt in der Gosse helfend die Hand zu reichen. Ein Schutzengel. Oder Fügung des Schicksals. Doch warum nur? Mr. Long lässt sich natürlich helfen, muss also zusehen, wie ihm geschieht, bekommt gar nicht so richtig auf die Reihe, welche Amnestie ihm da zuteilwird. Und er beginnt, während er genest, zu kochen. Suppen vor allem, und der kleine Junge, der isst mit. Sowas wie Freundschaft lässt sich erahnen. Doch ob Mr. Long zu so etwas fähig ist, lässt sich nicht erkennen. Klar wird nur, dass der Junge auch seine drogensüchtige Mutter mit ins Spiel bringt, und überhaupt wird noch eine ganze Handvoll anderer Leute auf die verführerischen Düfte diverser Suppen aufmerksam, die durch das verwahrloste Areal wehen.

Das japanische Kino hat mit Mr. Long einmal mehr bewiesen, wie virtuos und unberechenbar es sein kann, wie berührend und erschreckend zugleich. So, wie sich diese Filmerfahrung entwickelt, nämlich sorgfältig, langsam und niemals überstürzt, welche Richtung sie nimmt und welche Schicksale hier noch als Querschläger die Ballade einer verlorenen Seele devastieren, ist von einer Art und Weise, wie es nur das asiatische Kino zustande bringt. Wiedermal wird die Diskrepanz zwischen der narrativen Virtuosität von Filmen aus Fernost zur eher zögerlichen Skepsis Hollywoods, stereotype Erzählstrukturen zu unterwandern, so deutlich wie nie. Mr. Long ist ein so dermaßen ambivalentes Thrillerdrama, dass es schwerfällt, sich auf irgendeine Situation einlassen zu wollen. Dennoch: angesichts dieser Sogwirkung artfremder Kompositionen muss man es. Der japanische Filmemacher Hiroyuki Tanaka, bekannt unter dem Künstlernamen Sabu, hat mindestens etwas so nachhaltig Bewegendes geschaffen wie Takeshi Kitano seinerzeit mit Hana Bi – Feuerblume. Und das, weil er erstens ein ungemein menschliches Drama rund um scheinbar ausweglose Schicksale schonungslos auf die Leinwand heftet, zweitens mit subtilem Humor eine kulinarische Erfolgsgeschichte mit viel Liebe zum Detail auftischt, die ungefähr so geschmackvoll zubereitet ist wie Ang Lees Eat Drink Man Woman, und drittens einen knallharten Killerthriller vor sich hermeucheln lässt, dessen hässliche Effektivität nur die erlösende Antwort ist auf erschütternd perfide Methoden der Unterdrückung. Das hat eine Wucht, kann ich sagen, das berührt und verstört mitunter auch zutiefst, sofern es einem schwerfällt, sich von der Vorstellung zu distanzieren, dem Bösen ausgeliefert zu sein. Mr. Long zwängt sich in diese Tragödie wie ein Freiheitskämpfer wider Willen, wie einer, der zumindest nicht dem Bösen, sondern dem Leben an sich ausgeliefert ist, weil er nichts davon steuern, sondern nur einsetzen kann, was ihn auszeichnet: Kochen und Killen.

Mr. Long

Bad Times at the El Royale

FREIES SPIEL DER GÄSTE

7/10

 

elroyale© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: DREW GODDARD

CAST: JEFF BRIDGES, CHRIS HEMSWORTH, DAKOTA JOHNSON, JON HAMM, CYNTHIA EVIRO, LEWIS PULLMANN U. A.

 

In diesem Film werden ganz klar die Grenzen überschritten: Denn das besagte Hotel El Royale, das liegt genau auf einer roten Linie, die Kalifornien von Nevada trennt. Wie originell, muss ich zugeben. Einmal ist man im sonnigen Westen, dann wieder im Land des Glücksspiels. Da lässt sich hin und her hüpfen oder direkt auf dem Grat entlang balancieren, wenn man nichts getrunken hat. Dieses Hotel, das liegt wie The Cabin in the Woods völlig abgelegen im forstlichen Nirgendwo, umgeben von Tannen, und überhaupt ist gerade wahrlich keine Hochsaison. Die Gäste sind an einer Hand abzuzählen: Ein katholischer Priester, eine Sängerin, ein Staubsaugervertreter und ein Hippie-Girl, denn wir schreiben ja die 60er, die Quentin Tarantino auch so gerne zelebriert. Der Verdacht liegt nahe, dass alle irgendetwas gemeinsam haben. Und dass der Concierge des Hauses – übrigens die einzige Belegschaft des Etablissements – Seltsames im Schilde führt. Oder etwa nicht? Vielleicht ist jeder der Gäste nur zufällig hier. Vielleicht hat gar nichts davon irgendetwas mit der Prologsequenz des Filmes zu tun, die auf vorwitzige Art von verstecktem Diebesgut erzählt. Nichts Genaues weiß man als Zuseher also nicht. In diesem Alles-Ist-Möglich-Zustand spielt das Kammerspiel von Drew Goddard (wie schon erwähnt: The Cabin in the Woods) seine besten Karten aus.

Es ist, als würde man The Hateful Eight mit den literarischen Gewitternächten eines Agatha Christie-Krimis kombinieren. Spontan betrachtet eine feine Mischung. Auch bei näherem Hinsehen immer noch knackig genug, um dranzubleiben. Bad Times at the El Royale gliedert sich wie in Tarantinos Hateful Eight in mehrere Kapitel, welche die Geschehnisse immer wieder aus einem anderen Blickwinkel neu aufrollen. Jede der Figuren bekommt seine eigene knappe Sequenz, und trotz einer Spielfilmlänge von knapp zweieinhalb Stunden verliert sich Goddards Drehbuch nie in ausufernden Kurzbiografien. Da reichen assoziative Skizzen und ungefähre Andeutungen, die der aufmerksame Zuseher im Geiste schnell ergänzt. Das macht den Thriller zu einem Puzzlespiel mit zwar mindestens tausend Steinen, dessen Motiv erstrahlt aber in farbenfroher Abwechslung und erleichtert des Rätsels Lösung auf gefällige Weise. Wenn es dann schüttet wie aus Schaffeln, und die Leuchtröhrenlettern des El Royale-Schriftzuges ihr verruchtes Rot in den Nachthimmel werfen, kommt eines zum anderen, und die Falschen zum Handkuss. Dabei gebärdet sich „Thor“ Chris Hemsworth in brustfreiem Outfit gerade mal so, als hätte er nie Thor gespielt, und jeglicher Marvel-Manierismus ist spurlos verschwunden. Auch Jeff Bridges lässt sich in diesem „krummen Haus“ nur zu gerne auf einen Drink einladen, wobei die Abgründe wie bei David Lynch eigentlich gleich ums Eck liegen, oder hinter der nächsten Mauer.

Bad Times at the El Royale ist eine liebevoll ausgestattete Fingerübung in Sachen Suspense, in kräftige Farben und voller klassischer Kniffe. Das Hotel selbst ist mit all seinem perlenden Retrocharme atemberaubend ausgestattet, natürlich eine Bühne par excellence, und tatsächlich diente für den Dreh ein Hotel, nämlich die Cal Neva Lodge, die wiederum tatsächlich an der Grenze der beiden Bundesstaaten liegt. Erwartungshaltungen werden zwar unterwandert, allerdings nicht so  verblüffend weiträumig wie ich vielleicht vermutet hätte. Dafür entschädigt ein satter Soundtrack mit alten Hadern von Deep Purple bis zu den Righteous Brothers mit Unchained Melody, interpretiert von Cynthia Eviro, die tatsächlich einiges aus ihrem Repertoire zum Besten gibt. Dabei beweist Goddard in seiner Auswahl zeitgenössischer Klassiker und der Idee, eine der Hauptfiguren auch selbst singen zu lassen, genauso ein feines Händchen wie der viel (und – versprochen – zum letzten Mal) zitierte Tarantino, wenn nicht gar um eine Plattennadel feiner. Musik ist in Bad Times at the El Royale also ein wichtiges Tool, Musik und Ausstattung, und der Quotient aus beidem ist Stimmung, die ganz allein aus dem Verqueren, dass in der aufgeladenen Gewitterluft liegt, genussvolle Spannung produziert. Ein cooles Stück Krimi also – theatralisch, dramatisch und verhängnisvoll.

Bad Times at the El Royale

White Boy Rick

DEAL WITH IT

5/10

 

Matthew McConaughey (Finalized);Richie Merritt (Finalized)© 2019 Sony Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: YANN DEMANGE

CAST: RICHIE MERRITT, MATTHEW MCCONAUGHEY, BEL POWLEY, JENNIFER JASON LEIGH, BRUCE DERN, EDDIE MARSAN, RORY COCHRANE U. A.

 

Hätte die österreichische und leider schon verstorbene Dokufilmerin Elisabeth T. Spira ihre Alltagsgeschichten in den USA gedreht, hätte es sicher eine Episode gegeben, die mit dem ungefähren Arbeitstitel „Auf der Waffenmesse“ dem Stelldichein rund um Ballermann und Söhne auf den Zahn gefühlt hätte. Natürlich in ihrer entwaffnend diskreten Art, und der eine oder andere Waffennarr hätte wohl manch verstörende Bekenntnisse von sich gegeben. Mit so einem Schwenk über die Tischreihen voller schwarzer Sporttaschen, angefüllt mit Schießeisen aller Art, beginnt das auf realen Begebenheiten beruhende, biographische Kriminaldrama rund um einen Jungen, der Walter White aus Breaking Bad wohl alle Ehre gemacht hätte und der in völlig natürlicher Annahme, Waffen sind Teil des Alltags, seinen Papa auf eingangs erwähntes Event begleitet. Natürlich hat dieser Junge das Spektrum an Waffentypen, deren Gadgets und Wirkungsgrad schon mit der Muttermilch aufgesogen. Ein Jungspund-Profi unter dem Herrn, besser gesagt unter dem alten Herrn, denn Papa Rick lehrt ihn Sachen Erziehung genau das, worauf es ankommt. Wir schreiben die 80er im Drogen-Gomorrha Detroit, und Matthew McConaughey ist mit Vokuhila und Rotzbremse unterwegs. Ein extremer Proletenlook, fehlt nur noch das Goldkettchen. Ob das dabei war, weiß ich nicht mehr. Zumindest hat dieses Rick jr., der anders als seine Schwester zwar nicht zu den Drogen greift, aber alsbald mit den Drogen dealt, da er als zwangsläufiges Spitzel für das FBI arbeiten muss – sonst wandert der väterliche Schnurrbart hinter schwedische Gardinen. Denn das Dealen mit Waffen ist genauso wenig rechtens wie das Dealen mit Crack. Aber wie geht’s wohl so einem Halbwüchsigen, der mit dem großen Unterwelt-Business in Berührung kommt? Der wittert das große Geld. Und aus der Arbeitsteilung mit den Guten, die längst nicht so gut sind, wie sie scheinen (wie kann man einen 14jährigen Jungen nur so ausnutzen?) wird eine wenig überraschende selbige mit den Bösen. Letztere Arbeitsteilung ist wohl profitabler, zumindest vorerst. Das war bei Breaking Bad genauso. Nur der Krug geht solange bis zum Brunnen bis er bricht. Und irgendwann zerbricht auch die Welt von Rick Junior.

Das Krimidrama des britischen Video- und Fernsehfilmes Yann Demange (u. a. das Irlanddrama ’71) nimmt sich ausreichend Zeit, den Prozess eines existenziellen Niedergangs genau zu beobachten. Doch sein Film hat ein grundlegendes Problem, das angesichts seiner Thematik womöglich gar nicht anders gelöst hätte werden können: all die Figuren in White Boy Rick, all diese schon im Vorfeld gescheiterten Charaktere, die ihr Heil im Verbrechen suchen, sind von einer Arroganz durchdrungen, die es schier unmöglich macht, auch nur irgendeine Form von Sympathie zu empfinden. Bei Matthew McConaughey, der schon in Dallas Buyers Club mit fragwürdiger Gesichtsbehaarung Mut zur Hässlichkeit bewiesen hat, darf auch hier am Rande der Gesellschaft stehen. Am Schwierigsten zu begreifen allerdings ist die Rolle des von Richie Merritt dargestellten Teenies Rick, der in einer präpotent altklugen Art anscheinend komplett zu wissen glaubt, wie die Welt funktioniert. Der in seiner Dreistigkeit fast schon widerliche Jungspund macht auf cool, wie es Jungs in diesem Alter eben tun – und reflektiert auch dann nicht sein Tun, als er älter wird, als er sieht, welches Elend sein Tun verursacht. Auch das erinnert an Breaking Bad, auch in Vince Gilligans Serienkult liegen die Skrupel vor dem Elend der „Kunden“ mit der Gier nach Reichtum im verstörenden Dauerclinch, ohne einen befriedigenden Konsens zu finden. Den gibt es auch gar nicht. Und Zukunft hat das Ganze auch nicht, wie die Faktenlage hinter der real existierenden Figur des Richard Wershe jr. preisgibt.

White Boy Rick enthält nichts, was nahegeht. Keinen Charakter, dessen Schicksal tangiert, mit Ausnahme vielleicht von Ricks drogensüchtiger Schwester Dawn (intensiv: Bel Powley). Das haben Biopics über Verbrecher, die im Grunde keinen eigenen Film verdient haben, manchmal so an sich. Und wie man sich bettet, so liegt man, anders lässt sich das gar nicht formulieren. Richie Merritt ist daher auch längst kein Sympathieträger, sondern eher einer, der meint, dass ihn andere gar nicht verdient haben. Das lässt mich als Zuseher außen vor. Diese unreflektierte Arroganz fröstelt, berührt mich eher unangenehm. Und lässt White Boy Rick von mir aus mit seinem Schicksal allein.

White Boy Rick

Destroyer

INS GESICHT GESCHRIEBEN

4/10

 

destroyer© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: USA 2019

REGIE: KARYN KUSAMA

CAST: NICOLE KIDMAN, SEBASTIAN STAN, SCOOT MCNEARY, TATIANA MASLANY, BRADLEY WHITFORD U. A.

 

Das Leben ist ein einziges Risiko. Zu viel Sicherheit langweilt, also warum nicht mal Bungee springen, sich in die Stratosphäre schießen lassen oder in Krisenländern Urlaub machen? Natürlich ist das Risiko da sehr groß, und das wissen diese Leute auch, und wenn sie dann unglücklich landen oder aus dem Urlaub nicht mehr zurückkommen, war das leider der hohe Prozentsatz an Risiko, den man nicht als Katze im Sack mitgekauft hat. Klarer Fall von bewusster Selbstentscheidung. Der Mensch ist ja an sich intelligent, kann in die Zukunft planen und Situationen richtig oder falsch abschätzen, und auch die Risiken bei seinem Tun reflektieren. Auch wenn es darum geht, sich als Undercover-Polizistin in eine Verbrecherbande einzuschleusen. Sowas tut man freiwillig. Nicole Kidman als Polizistin Erin Bell hat das gemacht, nämlich undercover in der Clique eines Räubers mitzumischen (Toby Kebell mit unfreiwillig komischer Tommy Wiseau-Mähne). Aber das ist lange her.

Jetzt sitzt Polizistin Erin Bell entweder auf den Stufen, liegt am Boden oder sitzt bevorzugt im Auto – und starrt resignierend vor sich hin. Und sie sieht furchtbar aus. Nicole Kidmans Gesicht spricht Bände schlafloser Nächte und regelmäßiger Vollräusche. Die Haut ist trocken und fleckig, Augenringe bis zu den Mundwinkeln, und abgemagert bis auf die Knochen. Die aparte Juristenmama aus Big Little Lies ist längst vergessen. Dass es sich hierbei um dieselbe Schauspielerin handelt, ist ungefähr genauso schwer zu begreifen wie die Rolle Charlize Therons in Monster. Beide sehen zum Fürchten aus. Kidman hat noch dazu so einen glasigen Blick, der im Nirgendwo endet. Und sie starrt. Sitzt und starrt. Rafft sich manchmal auf, setzt sich aber bald wieder irgendwo nieder. Und trinkt. Warum? Aus purem Selbstmitleid. So ein Eigenjammer kann ganz schön runterziehen, da lässt man sich als armes Opfer gerne gehen bis es nicht mehr geht. Selbst die Rache für etwas, das im Laufe des Films lange im Dunkeln bleibt, boxt den larmoyanten, mieselsüchtigen Schlendrian auch nicht aus ihr raus. Das Gambling mit erhöhtem Risiko war allerdings hausgemacht, und auch das selbstgewählte Abbiegen von Geplantem war ein Wachsen auf eigenem Mist. Also warum nicht die Konsequenzen erhobenen Hauptes tragen? Erin Bell tut das nicht, kann es nicht. Und das bitteschön grenzt schon etwas prätentiös an Selbstgefälligkeit.

Eine Märtyrerin im Thrillergenre, die das Schicksal nicht ertragen kann, rückt sich selbst in all ihrem Leiden direkt ikonenhaft ins Bild, abgöttisch verehrt von Filmemacherin Karyn Kusama (u. a. Aeon Flux und Jennifers Body, ebenfalls zwei Damen am Rande des Erträglichen), die diese Selbstbeweinung großzügig duldet und während dessen aber sonst nicht mehr weiß, was sie mit ihrem Film eigentlich machen soll. Nicole Kidman ist natürlich ein Profi zweifelsohne, aber es lässt sich schwer einen Profi zwei Stunden lang beweisen lassen, wie gut er nicht auch ganz andere Rollen spielen kann. Das müsste man bei Kidman gar nicht mal wissen wollen, sie ist schon so lange im Filmbiz, dass sie Filme wie Destroyer nicht mehr nötig hat. Denn was transportiert das Thrillerdrama denn noch? Eine trostlose Chronik der Vergeltung, die keine Erkenntnisse birgt, die vielleicht ganz geschickt ihre Zeitebenen montiert, womit der Film wirklich punktet, aber sonst in unbedingt gewollter Lethargie völlig die Kraft verliert. Tragische Polizeigeschichten dieser Art können auch ganz im Stile des Film Noir in gewisser prosaischer Verklärung die Antithese zum Happy End zelebrieren, andere verlieren das Ziel einer Geschichte aus den Augen, um die zentrale Figur stolpern zu sehen. Das ist bei Destroyer der Fall, noch dazu ist die Kausalität des Verzweifelns eine in Kauf genommene. Mein Mitleid hält sich dabei in Grenzen. So bleibt nur mehr jenes von Kidmans Filmfigur, das aber keiner mit ihr teilen will.

Destroyer

Cops

MIT KANONEN AUF SPATZEN

6/10

 

cops© 2018 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: STEFAN A. LUKACS

CAST: LAURENCE RUPP, ANTON NOORI, ANNA SUK, MIRIAM FUSSENEGGER, ROLAND DÜRINGER, MARIA HOFSTÄDTER, MICHAEL FUITH U. A.

 

Es herrscht Krieg im Grätzel. Gewalt in den eigenen vier Wänden, und da sind Parteien, die den Hausfrieden stören. Schießt mal jemand scharf aus dem Fenster oder raubt die laute Musik des Nachbarn den Schlaf der anderen, ist die WEGA zur Stelle. Wiens Spezialeinheit für besonders hartnäckige Fälle, und die decken das ganze Spektrum an ungebührlichem Verhalten ab, bis hin zu den wohlgekannten Ausschreitungen beim Fußball. Vor allem da zählt die Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung, von welcher sich die Abkürzung auch ableitet, mehrere Mann hoch, bewaffnet mit Schild und Automatik, mit Schlagstock und Helm. Fast wie Ritter, wie die Wächter einer Festung. Das hat was Martialisches, starkes, mächtiges. So ausgebildet, gestählt und durchtrainiert, könnte Mann es mit Drachen oder Horden Untoter aufnehmen, wie zurzeit in Westeros. Da braucht es Männer mit Ehrenkodex, und mit der Gewissheit, für gefährliche Unterfangen auserwählt worden zu sein. Da braucht es belastbare Ideale und nicht totzukriegende Loyalität einem gerechten Zorn gegenüber. Das Dumme nur – manchmal fühlen sich jene bestimmt, hier mitzumischen, die mit ihrem Ego so ihre Probleme haben. Und die trotz Muckis und Schrankgröße vom Scheitel bis zur Sohle innen drin ganz klein sind, wie eine Kirchenmaus. Die gekränkt wurden, und das moderne Wächtertum dafür nutzen, um wieder größer zu werden.

Im österreichischen Copdrama von Stefan A. Lukacs tritt Burschi in die Fußstapfen seines Altvorderen Roland Düringer, der selbst bei der Polizei Dienst verrichtet und schon längst Schild und Helm gegen Diplomatie und psychologischer Kriegsführung eingetauscht hat. Gegengewalt durch physische Stärke oder gar präventives Gerangel mit verdächtigen Subjekten geht gar nicht mehr. Das sieht Bursche etwas anders. Und er trainiert, beweist sich und anderen, dass es zum harten Kerl reicht, und schafft die Prüfung zur exekutiven Elite, nur um im ersten Einsatz seiner Karriere an die Grenzen von Leben, Tod und Verantwortung zu stoßen. Burschi greift zur Waffe, um seinen Vorgesetzten zu retten – und tötet einen Menschen. Natürlich ist der Frischling erstmal ein Held, ein Beschützer. Doch war der fatale Eingriff wirklich notwendig? Das Leben eines anderen zu nehmen ist nichts, was sich zu einem Heldenmythos romantisieren lässt. Nichts dass sich durch entsprechende Rechtfertigung mildern lässt. Nach dieser unerwarteten Wendung wird alles anders für den Muskelprotz und aufgeräumten Krieger, für den geschäftigen Verteidiger der Freiheit und des Friedens. Vor allem ändert sich die Sicht der Dinge.

Cops ist bei weitem kein Actionfilm, nicht mal wirklich ein Thriller, obwohl er Anleihen hat. Cops ist ein hemdsärmeliges Psychodrama, welches das stereotype Soll eines harten Kerls hinterfragt. Und dabei herauszufinden versucht, was die Rambos, Bishops und Triple X´s im echten Leben zu dem macht, was sie sind. Und wie es hinter ihren meist tätowierten Muskeln eigentlich aussieht, ganz tief drin. Und wer dieses Männerbild eigentlich verlangt. Lukacs legt in manchen Momenten wirklich dort den Finger drauf, wo es wehtut. Lässt Laurence Rupp zwischen Panik und Absolution in den Spiegel blicken und ziemlich straucheln. Allerdings fehlt der Story etwas der Mut, wirklich zu differenzieren. Denn die Männer der WEGA, die sind hier, sofern sie nicht namenlos bleiben, Mitläufer, Vorspieler und von Minderwertigkeit zerfressene Gestalten, die sich entweder in einer Obsession verlieren oder so tun, als wären sie halbstarke Burschen, die den fiktiven Action-Unsinn aus dem Fernsehen leben wollen, wie schulpflichtige Buben an freien Nachmittagen. Mit Sicherheit lassen sich diese Psychogramme nicht über einen Kamm scheren. Hätte die WEGA Leute rekrutiert, die psychisch labil sind, würde das Konzept dahinter gar nicht funktionieren. Ich denke auch nicht, dass Cops Rekruten besagter Einheit, sofern sie den Film gesehen haben, überhaupt kompromittiert hat. Profis, die sich den urbanen Gefahren einer Großstadt stellen, wären fehl am Platz, würde sie das Bild, das Lukacs hier gezeichnet hat, in irgendeiner Weise stören. Die Männer der WEGA, die stehen da drüber, anders kann das gar nicht sein. Dann sonst hätten wir es mit Ego-Problemen zu tun, wie Burschi sie hat.

Cops

The Mule

NEVER TOO LATE FOR BREAKING BAD

6/10

 

themule© 2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: CLINT EASTWOOD, BRADLEY COOPER, DIANNE WIEST, LAURENCE FISHBURNE, ANDY GARCIA U. A.

 

Taglilien sind das halbe Leben, zumindest für Kriegsveteran Earl Stone. Und das, obwohl sie nur einen Tag lang blühen. Aber schön sind sie, geruchsintensiv und für Gartenfreaks und sonstige ein gefälliger Blickfang. Earl Stone hat sich da ein Unternehmen aufgebaut, trotz seines relativ hohen Alters. Aber wo die Leidenschaft eben hinfällt, da kann einer wie er sich nicht dagegen wehren. Als dann aber das verhasste Internet mit Onlineshops einem analogen Verfechter wie Earl Stone das Geschäft madig macht, würde nichts mehr übrigbleiben, außer sich frühzeitig ins Grab zu legen, denn die Familie, die hat ihm den Rücken gekehrt, mit Ausnahme seiner Enkelin, die Opa immer noch gernhat. Und da die Enkelin für ihr Studium dringend Geld braucht, der Alte noch nicht ins Gras beißen will und es durchaus Wege gibt, sich relativ leicht genügend Mammon zu verdienen, sattelt Earl Stone um – vom Gewächshaus ins Cockpit eines Autos – um Drogen zu transportieren, von A nach B, ganz entspannt. Ein Blick ins Transportgut – wozu denn? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, so die Devise des knorrigen Reaktionärs, der mit Smartphones genauso wenig umgehen kann wie mit Afroamerikanern oder der eigenen Tochter.

Was unser geschätzter Walter White alias Bryan Cranston bereits in standfestem Mannesalter durchgezogen hat, probiert der unverwüstliche Clint Eastwood erst viel später aus – und zwar mit 90 Lenzen. Denn: It´s never too late for Breaking Bad. Und Clint ist ja auch kein Giftmischer, sondern nur ein Drogenkurier. Gar nicht so schlimm, oder macht das doch keinen Unterschied? Walter White würde sich mit Earl Stone gut verstehen. Die beiden hätten kooperieren können. Eine vertane Chance. Dann zumindest diese hier nutzen. Und Clint Eastwood nutzt sie souverän.

Sein selbstinszeniertes True-Story-Drama nach den Erlebnissen von „El Tata“ Leo Sharp wagt natürlich keine allzu großen Sprünge mehr. So altersbedingt auch der ehemalige Westernheld über den Asphalt schlurft, so vorsichtig und nichts überstürzend bewegt sich auch der Film vorwärts. Eine gute Idee, Clint die meiste Zeit des Filmes hinter dem Steuer zu wissen. Obwohl – ein Bad Guy ist er trotzdem, trotz seiner eigenwilligen Auslegung einer Möglichkeit, Gutes zu tun. Die Mittel zum Zweck? Können unter dieser Zielerfassung so übel gar nicht sein. Oder was bezweckt Earl Stone wirklich? Auf der Schneespur des alten Mannes: Bradley Cooper, ungewöhnlich nichtssagend für sein Format, direkt austauschbar. Genauso Laurence Fishburne. Die beiden Rollenprofile hätten durch wen auch immer besetzt sein können – sie haben weder eine Vergangenheit noch charakterliche Skills. Ein Schwachpunkt im Drehbuch, den Breaking Bad nicht hatte. Gut, das hatte auch mehrstaffeliges Serienformat – The Mule hingegen ist da nur ein knapp zweistündiger Film, der aber den Schlendrian aus manchen Szenen durch mehr Sorgfalt auf der Gegenseite eintauschen hätte können. Clint Eastwood selbst hingegen war seit Gran Torino nicht mehr so gut. Ihm macht sein Film sichtlich Spaß. So zwischen den Grauzonen der Moral herumzueiern bietet die Möglichkeit, nicht nur verkniffen dreinzublicken, so wie er es immer tut, sondern auch eine gewisse Selbstironie mitschwingen zu lassen, eine gewisse aufmüpfige Gelassenheit, die er als Wendehals Stone den Kartell-Handlangern unter der Fuchtel von Andy Garcia entgegenpfeffert. Das ist natürlich ein Spiel mit dem Feuer, und Clint gibt angesichts waffenfuchtelnder Argumente dann auch mal klein bei – um dann letztendlich das Richtige zu tun. Ohne Rücksicht auf Verluste, in diesem Fall sogar ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben.

Wie sagte Murtaugh aus Lethal Weapon immer? „Ich bin zu alt für diesen Scheiß.“ Clint Eastwood sagt das nicht, und wir werden ihn ähnliches auch niemals sagen hören. Mit The Mule hat die Kinolegende eine zwar nicht unglaublich spannende, aber genussvolle Charakterstudie eines alten Draufgängers verfilmt, der mit all seinen vorgestrigen Ansichten und seinem Unwillen dem neumodischen Fortschritt gegenüber unglaublich authentisch wirkt. Um ihn herum verblasst die ganze Entourage an austauschbar schablonierten Randfiguren, die auf ihre Art schon gefühlt tausendmal besser skizziert wurden. Eastwood weiß das womöglich, aber das ist ihm genauso egal wie seiner Filmfigur, die das alles gar nicht mehr so genau wissen will, weil es sich einfach nur gut anfühlt, nochmal einen draufzumachen. So viel zu verlieren hat man mit knapp 90 nämlich nicht mehr.

The Mule

The Highwaymen

MÄNNER FÜRS GROBE

5/10

 

highwaymen© 2019 Photo by Hilary B Gayle / Courtesy of Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOHN LEE HANCOCK

CAST: KEVIN COSTNER, WOODY HARRELSON, KATHY BATES, JOHN CARROLL LYNCH, WILLIAM SADLER U. A.

 

Schön, Kevin Costner wohlauf zu sehen. Ein bisschen brummiger ist er geworden, im Hüftbereich spannt das Hemd und gesprochen wird nur mehr das Nötigste. Für einen Mittsechziger, der bald in die Rente hechten wird, nichts Ungewöhnliches, sofern er nicht der Filmbranche dient. Kevin Costner, der schnürt sich seine Hose gottseidank noch nicht bis zur Brust, und sein Fedora steht ihm gut, weil er noch dazu das auffällig selbstgefärbte Haupthaar verdeckt, das irgendwie lächerlich wirkt, ungefähr so wie bei Silvio Berlusconi. Natur wäre besser gewesen. Und die soziale Entfremdung? Womöglich seiner strafverfolgenden Laufbahn in vorliegendem Film geschuldet. Dort spielt er Frank Hamer, einen Texas Ranger außer Dienst, der aber wieder reaktiviert werden soll, weil womöglich ein ganz großer Fisch an seiner bald ausgeworfenen Angel baumeln könnte. Was heißt einer – zwei Fische: Nämlich das berüchtigtste Verbrecherpaar der Kriminalgeschichte – Bonny & Clyde.

Da denkt natürlich jeder Filmkenner an Arthur Penns bleihaltige Ballade selbes Titels, mit Warren Beatty und Faye Dunaway aus dem Jahr 1967. Die Bankräuber und mehrfachen Mörder mit einem kolportierten Sinn für Gerechtigkeit Marke Robin Hood waren ja tatsächlich Publikumslieblinge, allerdings der fragwürdigen Sorte. Soziale Gerechtigkeit sieht anders aus, jedenfalls nicht so wie Mord und Totschlag. Dieses Auflehnen gegen ein ungerechtes System heiligte anscheinend die Mittel, über die sich keiner der anfeuernden Normalbürger, die sich über ihre Veranda gelehnt und den beiden Turteltauben zugewunken hatten, den Kopf zerbrach. Oliver Stone hat dann Jahrzehnte später dem Benny & Clyde-Mythos mit Natural Born Killers die rosarote Brille vom Gesicht geschlagen. Bestien waren das, da braucht man gar nicht viel die Perspektiven wechseln. Und Bestien – die müssen gejagt werden. Also zurück zu Frank Hamer, der mit seinem Rentnerbuddie die R.E.D.-Gang um Bruce Willis aussehen lassen will wie ein Kaffeekränzchen. Nun, wenn Costner in den Waffenladen marschiert, um sich ein vom Staat gesponsertes Equipment von Faustfeuerwaffe bis Maschinengewehr zuzulegen, erinnert das ein bisschen an Michael Douglas in Falling Down, oder gar an einen Black Friday für Schwarzeneggers Cyborg-Alter Ego. Diesmal aber sind die beiden Opas aus Fleisch und Blut, und ihre mangelnde Agilität wird das Bleiarsenal schon ordentlich ausgleichen.

An Costners Seite agiert Woody Harrelson in zurücknehmender Haltung. Motivation sieht bei ihm meistens anders aus. Was das vielseitige Talent aus seiner Rolle des raubeinigen Mandy Gault herausholen kann, ist eine routinierte Hommage an Typen wie Clint Eastwood. Diese Interpretation hat aber auch schon Kevin Costner, also sind die beiden gesetzten Haudegen fast schon wie Brüder, obwohl Brüder ja meist grundverschieden sind. In The Highwaymen ergänzt Harrelson den anderen lediglich mit seinem lockereren Mundwerk, während Der mit dem Wolf tanzt in stoischer Nachdenklichkeit den schwer fassbaren, sträflich romantisierten Pistoleros in die Quere kommen will. Dabei stößt Costner relativ früh an seine schauspielerischen Grenzen, und auch John Lee Hancock, der unter anderem für das inhaltlich recht sperrige Hinter-den-Kulissen-Drama Saving Mr. Banks um Walt Disney einen recht geschmeidigen Zugang gefunden hat, verhaspelt sich dabei szenenweise vor allem in Sachen Tempo. Einerseits ist es ja schön und gut, die beiden Männer fürs Grobe näher kennenzulernen – aber ergiebig ist das nicht. Und ändert auch nichts daran, nicht unbedingt mehr von den beiden wissen zu wollen. Dadurch erzählt The Highwaymen relativ wenig und spult in ermüdendem Leerlauf die Chronik der Ereignisse ab. Spannender wäre es gewesen, Bonnie & Clydes Umstände nicht ganz auszusparen und mehr über den medialen Hype zu berichten. Verständnis für die beiden Kultkiller will der Film um nichts in der Welt aufbringen. So aber macht Hancock die „Bösen“ zu etwas unantastbar Besonderem, da das Konzept seines Thrillers es nicht vorsieht, von Costner und Harrelson abzurücken und das bürgernah Revolutionäre der Gesetzlosen zu hinterfragen. Am Ende lässt sich The Highwaymen zu einem Zugeständnis überreden, um nur für wenige Sekunden zum finalen Kugelhagel doch noch einen Seitenblick zu riskieren – auf eine personelle Staffage, die aber niemandem nützt.

Und so zieht sich die Netflix-Produktion in schnurgerader Eintönigkeit wie der Highway selbst durch karges Gelände, den Mördern beharrlich auf der Spur, was ein ganz gutes Bild der Fakten gibt, aber im Ganzen nur als der eine Teil eines komplexen Krimievents taugt, das Geschichte geschrieben hat. Sowohl im Film als auch im echten Leben.

The Highwaymen