The Death of Robin Hood (2026)

ACH, WÄR ICH DOCH MEIN MYTHOS

7/10


Hugh Jackman als Robin Hood in The death of Robin Hood von Michael Sarnoski© Panda Lichtspiele Filmverleih 


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SARNOSKI

KAMERA: PAT SCOLA

CAST: HUGH JACKMAN, JODIE COMER, BILL SKARSGÅRD, MURRAY BARTLETT, NOAH JUPE, FAITH DELANEY, JADE CROOT, TABITHA SMYTH, CLIVE RUSSELL, BEAU THOMPSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Wie wir alle wissen, gibt es im Genre des Westerns sämtliche Unterkategorien, von denen manche – auch ich – noch nie etwas gehört haben. Zum Beispiel der Begriff Acid-Western. War euch der geläufig? Viel eher lässt sich mit der Bezeichnung Spätwestern etwas anfangen – was sich aber, fälschlicherweise, nicht auf die zeitliche Ebene bezieht, in der ein solcher Western spielen soll. Sondern auf die Melancholie und die Schwere später Einsicht, die Akzeptanz eines Endes, auf den Abgesang.

Raus aus den Strumpfhosen!

Auch im Historienfilm, oder eben im Genre des Mittelalterfilms, gibt es ihn: Den Spät-Mittelalterfilm. Und gab es ihn vorher nicht, hat ihn Michael Sarnoski jetzt, mit seinem Death of Robin Hood, endlich etabliert. Natürlich lässt sich Robin und Marian von Richard Lester auch als Spät-Mittelalterfilm bezeichnen.

Auch dort ist der Vagabund des Sherwood Forest eine alternde, desillusionierte Persönlichkeit, die das Abenteuer bereits weit hinter sich gelassen hat. Sarnoskis Mythos des Helden in Strumpfhosen, mit Feder in der Kappe und Sinn für Gerechtigkeit – den gibt es nicht. Oder eben nur in Geschichten. Und selbst diese Geschichten sind nur Ausreden dafür, dass einer wie Robin Hood eben plündern, morden und brandschatzen kann, was geht – trifft es doch laut eigener Meinung sowieso immer nur die „Bösen“.

Vom Monster, das keines mehr sein will

Mit so einem Robin lebt man eher mit Arm ab als dass man arm dran dahinvegetiert in einer Welt, die so unwirtlich, undankbar und gewalttätig ist, dass selbst einer wie Robert Eggers seinen Northman als braven Buben präsentieren kann, der auch nur einfordert, was ihm zusteht, während dieser Robin Hood hier sein Lebtag lang nur genommen hat, was nicht sein eigen ist.

Und jetzt – Jahrzehnte später, der Mann ist alt, mit verfilztem grauem Haar wie ein erschreckend auf Entzug gesetzter Geralt von Riva aus dem Witcher-Kosmos – denkt der große Bogenschütze über sein Leben nach. Und er ist müde, womöglich krank, jedenfalls einfach durch und durch desillusioniert, weil auf der Habenseite dieses Lebens nichts mehr existiert außer die Freiheit. Manche würden sagen: das ist ja nicht nichts. Aber Geborgenheit, Ruhe, ein Platz zum Verweilen – wäre angesichts des Lebensabends durchaus wünschenswert. Und auch die Tatsache, dass das, worauf einer wie Robin Hood zurückblicken kann, irgendwie nichts wert ist.

Morden ist wie Blumenschneiden

An Disneys kecken Fuchs ist dabei nicht zu denken. An Kevin Costners edler Gesinnung, unterlegt von Bryan Adams schmachtender Stimmlage, auch längst nicht mehr. Michael Sarnoski (Pig, A Quiet Place: Tag eins) liefert uns unwirtliche, sturmumtoste Hochebenen und einen beissenden Schneesturm. Hier ist es endlich kalt, abkühlen lässt es sich alleine durch diesen Anblick einer zumindest was die Witterung angeht lebensfeindlichen Welt, in der ein in Lumpen gehüllter Waldschrat gerne diesen Mythos gelebt hätte, in dem er steckt, der sich selbst verleugnet und für den das Töten immer noch so ist wie Blumenschneiden.

Ist Robin Hood nur eine Variable?

Was hat dieser Mann – überzeugend dargeboten von Hugh Jackman, der hinter seinen Zotteln kaum wiederzuerkennen ist – denn eigentlich noch mit Robin Hood gemein? Das könnte doch genauso gut irgendein anderer Kerl sein, ein anderer Verbrecher. Wie entstand also dieser Mythos?

Nur vage traut sich Sarnoski an die Beantwortung dieser Frage. Er behält sich auch vor, abzubilden, wie es zu diesem Sinneswandel bei Robin Hood überhaupt kommen konnte. Jedenfalls gesellt sich schon zu Beginn der gute alte Little John zu seinem Spezi, der ihn bittet, sein ebenfalls unrechtmäßig erworbenes Hab und Gut einschließlich Ehefrau und Kind zurückzuholen, das ihm von der Familie des von ihm getöteten Ex-Ehemannes entwendet wurde.

Vom Blutrausch zur Besinnung

Die anfänglichen zwanzig bis dreißig Minuten dieses Films sind dann auch eine bis zum Exzess getriebene, archaische Blut- und Gewaltorgie, währenddessen Robin und Little John versuchen, ihr unrechtmäßiges Recht einzufordern. Sarnoski findet Bilder von urtümlicher Kraft, monströse Schattenrisse vor brennenden Höfen, pelzummantelte Hünen, Blut, Beuschel und Gebrülle. Menschen werden zu Tiere, das Mittelalter war furchtbar, richtig furchtbar.

Und dann der Twist – auch der stilistische Twist, die Kamera wird ruhiger, alles wird heller, Jodie Comer kommt ins Spiel als Priorin eines Klosters am anderen Ende des Königreichs. Der halbtote Robin Hood setzt zur Genesung und zur Besinnung an, entdeckt sowas wie Reue und die Möglichkeit, Konflikte auch anders klären zu können als nur mit roher Gewalt.

Die Legende hat keinen wahren Kern

Doch der Mythos wird immer noch nicht zu Robin Hood selbst, er ist das große Versäumnis eines Lebens, eine idealisierte Alternative, die einer wie er hätte leben können. Nun wird’s philosophisch, still, kontemplativ, aber immer noch von einer gewissen animistischen Magie durchdrungen, die gar nicht so sehr Christentum sein will.

The Death of Robin Hood wird zum Abgesang bar excellence, mehr absingen geht nicht. Das letzte bisschen Würde, wenn es denn überhaupt eine gab, lässt Sarnoski seiner Figur nun angedeihen. Diese Ruhe, diese Entwicklung alleine im Gespräch, in den Blicken und im Bauen von Bögen mag die Erwartungshaltung so mancher für diesen Film, die mit den ersten zwanzig Minuten gut konnten, völlig zuwiderlaufen und auch enttäuschen.

Am Ende siegt die Selbstgerechtigkeit

Doch man tröste sich, die Enttäuschung teilt man sich mit Robin Hood, den die Selbstgerechtigkeit dann doch noch holt. Lieber gleich wissen, was gut und richtig ist, denkt sich der auf ein sinnloses Leben zurückblickende, als sich nach Lust und Laune durch ein solches treiben zu lassen, dessen Weg unzählige Leichen pflastern.

Niemals wieder wird Robin Hood so sehr entzaubert werden können wie hier. Beschützer der Witwen und Waisen? Zumindest am Ende noch. Doch selbst da beugt er sich keinem Willen.

The Death of Robin Hood (2026)

Truly Naked (2026)

SCHAU MIR IN DIE AUGEN, KLEINER

7,5/10


Caolán O'Gorman fotografiert Alessa Savage im Film Truly Naked
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2026

REGIE / DREHBUCH: MURIEL D’ANSEMBOURG

KAMERA: MYRTHE MOSTERMAN

CAST: CAOLÁN O’GORMAN, SAFIYA BENADDI, ANDREW HOWARD, ALESSA SAVAGE, LYNDSEY MARSHAL, CAMERON JAMES-KING U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Alleine die Ausgangssituation, die dieser Film liefert, bricht ein Tabu: Der Sohn filmt Papa beim Sex mit anderen Frauen. Nimmt man es genauer, spielt hier der Kindesmissbrauch rein, denn Alec – der Teenie, um den es hier geht – ist 17 Jahre alt und somit immer noch minderjährig. Und Alec, der sollte das nicht tun müssen. Niemand sollte seinen Vater beim Sex filmen – auch dann nicht, wenn Porno dessen Business ist.

Skandalfilm durch die Hintertür

Ist Truly Naked also ein „Skandalfilm“? Setzt er sein Publikum einer perversen und somit auch dysfunktionalen Familiensituation aus? Das kann man so sehen, obwohl Alec zu diesem Tun nicht gezwungen wird. Was sich die Vaterfigur dabei aber zunutze macht, ist genau das: die Vaterfigur; die patriarchale Übermacht, die mit jovialem Verhalten kaschiert wird, die augenscheinlich wertschätzend wirkt. Dahinter verbirgt sich der Missbrauch eines juvenilen Gewissens, das erstens vermutlich selbst noch nicht erkannt hat, den Eltern überhaupt nichts schuldig zu sein. Und zweitens auf diese Weise Intimität und körperliche Liebe als entwertet wahrnimmt.

Niemand will liebende Menschen sehen

Ein Vater tut so etwas nicht. Und Porno ist nicht nur ein Business. Muriel d’Ansembourg will mit dieser bizarren Vater-Sohn-Beziehung die Verantwortung der Erziehenden genauso zum Thema machen wie die gesellschaftliche Verrohung im Hinblick auf Sexualität und die immer noch kolportierte toxisch-männliche Sicht darauf.

Die Pornoindustrie lebte lange davon, Frauen den Männern zu unterwerfen. Das alleine passiert durch den Male Gaze immer noch. Wenn Sohn und Vater dabei anfangs noch einen Blickwinkel teilen, wandert der des Sohnes auf unerwartete Weise dank Klassenkameradin Nina in eine ganz andere, progressive Richtung.

Denn Nina, die kommt aus einem queeren Elternhaus, ist aufgeschlossen und kritisch. Und gleichzeitig an Alec auch als Frau interessiert, während dieser sein Doppelleben als Kameramann und Schnitt-Techniker in Papas Business tunlichst geheim halten will. Was ohnehin nicht funktioniert – spätestens dann nicht, wenn Papa plötzlich vor der Schule aufschlägt, mit seinem Star im Schlepptau.

Mann kommt, Frau nicht

Mit Truly Naked will Muriel d’Ansembourg beileibe nicht nur eine ungewöhnliche Teenagerromanze für Erwachsene erzählen, die mit einem Reizthema anecken will. Verstanden kann ihr Film, der niemals voyeueristisch wird, vorrangig als Gleichnis dafür, wie unachtsam die kommende Generation in Sachen Rollenbild, Equalität und Achtsamkeit erzogen wird – mitunter nämlich gar nicht.

Der Pornoindustrie ist das egal, sie lebt von den Trieben. Doch auch dort stecken Menschen dahinter, die in Kauf nehmen, dass Sex als mechanisches Perpetuum Mobile betrachtet wird, in denen sich der weibliche Part fügen muss. Der Höhepunkt ist da nur Show, doch dem Manne reichts.

Schritt für Schritt aufeinander zu

In Truly Naked wendet sich das Blatt – für die Alten längst nicht mehr, doch zumindest für die Jungen, oder eben für „den“ Jungen, der die Sensibilisierung durch weibliche Klugheit, Provokation und simplen, aber effektiven Achtsamkeitsübungen erfährt. Einen auf die Barrikaden gestiegenen Feminismus gibt es hier keinen, auch die Frauenrolle wird hier hinterfragt. Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen sind nur zwei Antworten darauf. Den Blick der Männer vom Körper weg auf die Person zu lenken, wird dabei zur hart erkämpften Errungenschaft.

Die Kunst der Wahrnehmung

„Hier oben bin ich, schau mich an“. Mit diesen oder ähnlichen Worten lockt die bezaubernde und faszinierende Schauspieldebütantin Safiya Benaddi den grundlegend verstörten Alec aus seinem verkehrten Weltbild. Ihr zartes, verletzliches Spiel reflektiert den Film auf einer Ebene, die das Publikum ohne Hemmungen und Scham betreten kann – Benaddi lebt die Würde, das Natürliche und Kämpferische.

Mit ihr gelingen d’Ansembourg Szenen von bereichernder Raffinesse die man so, losgelöst, fast schon als Take-Away-Schlüsselmomente betrachten und eben mitnehmen kann in einen komplexen Gender-Alltag, der nach wie vor jede Menge Diskurs liefert. Woran man sieht, dass hier vieles noch im Argen liegt. Und Intimität wirklich etwas ist, das mit dem Erkennen des Gegenüber zu tun hat. Als Person, nicht nur als Körper.

Truly Naked (2026)

Backrooms (2026)

NIMMERLANDS PIRATEN ODER:
VON MAUERN UND IHREM DAHINTER

7,5/10


Chiwetel Ejiofor auf Erkundungstour in den Backrooms
© 2026 Courtesy of A24/Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: KANE PARSONS

DREHBUCH: ROBERTO PATINO, WILL SOODIK

KAMERA: JEREMY COX

CAST: CHIWETEL EJIOFOR, RENATE REINSVE, MARK DUPLASS, FINN BENNETT, LUKITA MAXWELL, AVAN JOGIA, KRISTA KOSONEN, ROBERT BOBROCZKYI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



„Folge dem Kaninchen!“ So heisst in Lewis Carrols psychologischem Sinnbild Alice im Wunderland, einer viktorianischen Coming-of-Age Geschichte, die das Innere eines Mädchens nach außen kehrt. Wir wissen alle: Alice taucht ein in eine Welt, für die seltsame Verfremdung der Realität ein Hilfsausdruck ist, die ihr aber insofern vertraut vorkommt, da sich Zustände manifestieren, die sich als ihre eigenen erkennen lassen.

Rabattaktion auf Reisen ins Ich!

Diese Psychofantastik hat sich mehrere Jahrzehnte später an die Gegebenheiten der Gegenwart angepasst. Kein Kaninchen mehr, kein Hutmacher, keine Spielkartenarmeen und kein Jabberwocky. Willkommen im Zeitalter des Kapitalismus, der Konzerne und der Anonymisierung des eigenen Ichs. Da hinein ist Kane Parsons geboren. In eine Welt, die kaum mehr weiße Flecken aufweist, die bis auf wenige Inseln und Täler als erschlossen gilt, wo niemand mehr auf Entdeckungsreise geht wie anno dazumal Columbus, Humboldt oder James Cook.

Die Idee von der Welt in der Welt

Beides, das Mysterium der Reise ins eigene Ich und der Drang, hinter das bereits Entdeckte zu blicken, um selbst noch mal Entdecker zu werden, lässt das Multidimensionale des Marvel-Universums genauso reifen wie die Grundidee der Gebrüder Duffer und ihren Stranger Things, die das Upside Down geschaffen haben – eine Welt, die später als manifestierte Kopfgeburt eines Psychopathen analysiert werden wird – und die reale Welt mit dieser verwaschenen Kopie ihrer selbst zeitgleich und ineinander existieren lässt.

Das Verständnis der Räumlichkeit wird dabei ausgehebelt – ob die Zeit selbst dabei verzerrt wird, mag man noch hinterfragen, denn klar ist: Zeit und Raum können nicht unabhängig voneinander existieren. Das Erfassen des Raumes ergibt sich durch die Kenntnis der Zeit, die man braucht, um ihn zu durchqueren – um es ganz simpel auszudrücken.

Betretbare Geisteszustände oder: Irgend etwas stimmt hier nicht

Kane Parsons war gerade mal elf, als der Netflix-Hype Stranger Things vom hauseigenen Bildschirm waberte. Die Idee der verkehrten Realität oder einer verzerrten Ausgeburt einer selbigen könnte aus diesem Fernseherlebnis entstanden sein, vielleicht aber auch aus dem Lesen von Stanislav Lems Solaris – und der Begeisterung für einen ganz großen Kino-Surrealisten: David Lynch.

Wenn jemand etwas mit Räumen zu tun hat, die in Zwischenwelten und einerseits in der Realität und auch wieder nicht existieren, dann ist das dieses in die Filmgeschichte eingegangene Mastermind, das mit Twin Peaks und seinen als White und Black Lodge bezeichneten Welten aus Schachbrettböden und roten Vorhängen auch Eulen nicht mehr sein ließ, was sie schienen. In ihnen tanzen Zwerge und sprechen rückwärts, ein gealterter FBI Agent Cooper sitzt in einem roten Fauteuil, auch Laura Palmer schreit sich dort die Seele aus dem Leib. All das erscheint vertraut und doch verkehrt, mit diesem Knick der Realität und dem Gefühl, irgend etwas – und tatsächlich ist dieses Etwas enorm – stimmt hier nicht.

Im Großraumbüro von Agent Cooper als Lost Place

Dabei wäre die Bezeichnung fürs Lynchs Expeditionen in Dimensionen dahinter als Traumwelten zu schwach. Sie sind mehr als das. Sie hegen schließlich die Vermutung, dass diese aus Raum und Zeit losgelösten Hirn-Welten als Makro-Welten tatsächlich, und zwar auf Quantenebene, existieren könnten.

Womit wir eine weitere Möglichkeit in Betracht ziehen, nun endlich auch Parsons Backrooms begreifen zu können. Denn die sind wie Lynchs Welten eine verfremdete vertraute Realität, die wie billige Kopien wirken, die eine eigene Mathematik schaffen – die der leeren Quader. Sie geben sich voll und ganz einer der Natur inhärenten Geometrie hin – ganz in Gelb.

Dieses Gelb alleine wirkt schon toxisch, doch je tiefer Chiwetel Ejiofor als Protagonist Clark in diese Welt eindringt, die als materialisiertes Ich auch für andere zugänglich scheint und eben nicht nur für sich selbst, je variabler wird das alles. Je tiefer und weiter es also in diese Backrooms hineingeht, desto gefährlicher, schmutziger und dunkler werden sie.

Jemandem einen Hund beschreiben, der noch nie einen Hund gesehen hat

Es drängt sich der Vergleich auf, dass Backrooms vom Unterbewusstsein handelt. Was denn sonst? Das Unterbewusste existiert, als gebrochener Spiegel der Realität. Was für eine Freud(e), diese Ordnung der uns gewohnten Dreidimensionalität aufzuheben. Diesen Spaß hatte sich schon Zeichner M. C. Escher gemacht, in dem er seine unmöglichen Architekturen auf Papier brachte, in dem er die Möbius-Schleife einfach weitergeführt hat.

Auch die Backrooms sind unendlich, einen kleinen Hinweis gibt Parsons mit einem Filmzitat aus Die unendliche Geschichte. Auch hier wieder: Eine rein aus der eigenen Fantasie erzeugte Welt. Somit ist Backrooms mit seiner Prämisse längst nicht neu. Nur zeitgemäßer, weniger märchenhaft. Weniger bombastisch wie bei den Duffer-Brüdern. Sondern psychoanalytischer, essentieller. Direkt an den Molekülen andockend.

Ein Hype, ganz für sich allein

Diese Idee wurde 2019 zum Hype, dieser Hype zu einer der wuchtigsten Creepypastas im Internet. Und natürlich muss das Studio A24 hier aufspringen und ganz in seinem Sinne diese faszinierende Welt, die , wenn man sich lange genug damit beschäftigt, in ihrer Unlogik vorne und hinten völlig logisch erscheint, auf die Leinwand bringen.

Junge Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren stürmen also die Kinos sogar an heißen Sommertagen. Die Frage, ob Parsons Regiedebüt gelungen ist oder missglückt, stellt sich gar nicht. Sein Film genügt sich in seiner Prämisse völlig selbst, braucht da weder Feedback noch ein Qualitätssiegel. Das dieses Sich-selbst-Genügen genau das ist, was an dieser Sache so fasziniert, ist das Schöne daran.

Es bellt der andalusische Hund

Doch auch wenn man Backrooms bewerten will: Parsons überlässt den Kinofilm zu seiner Youtube-Legende nicht ganz dem Zufall. Und womöglich weiß er selbst nicht so genau, wen er da glücklich macht mit seinem Werk. David Lynch hätte es gefallen, er würde seine Wesenheiten als elegante Hommage wiederfinden, ohne sie benutzt zu sehen.

Gehen wir noch weiter in der Zeit zurück, würde Luis Buñuel sich darin bestätigt sehen, dass Einrichtung nicht mehr ist als der symbolische Platzhalter für das belastende Materielle, für die Schwere der Existenz. Wer je Buñuels Der andalusische Hund gesehen hat, wird bei all dem Gerümpel in dieser Backrooms-Dimension ein verwandtes Motiv erkennen, nämlich jenen Mann, der beim Durchqueren eines Zimmers einen ganzen Bulk an Möbel hinter sich herzieht. Renate Reinsve gibt Antwort: Von Jeremy Cox genial gefilmt, probt sie derweil die Flucht durch einen Sofa-Parkour.

Als Dokumentation wird alles nur noch gruseliger

Backrooms ist somit die aktuellste Antwort auf ein vernachlässigtes Filmgenre – und überhaupt auf einen vernachlässigten und sehr oft als reiner Dekor fehlinterpretierte Stil: Den Surrealismus. Parsons versteht, worum es dabei geht. Womöglich versteht er es wie sonst kaum jemand, der sich nach David Lynch daran versucht hat.

Parsons wird zum Spezialisten, der es sich aber nicht nehmen lässt, seinen Vorbildern sichtbar für alle zu huldigen. Und dazu gehört neben bereits erwähntem auch The Blair Witch Project – ohne Found Footage-Horror wäre Backrooms nur das halbe Zimmer. Der Wille zum Erforschen und Erlangen von Erkenntnis hat schon in den Neunzigern die Hexenjäger im Wald auflaufen lassen: Jetzt opfern sich bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen, um der Wahrheit auf den Leib zu rücken.

Erklär‘ mir Schrödingers Gesichter

Den Horror-Regeln unterwirft sich Backrooms nur bedingt, nur solange es seinen Reminiszenzen dient. Dass er sich dabei komplett dem psychologischen – oder gar psychotherapeutischen– Aspekt unterwirft, dem will er, den Duffer-Brüdern gleich, mit der Möglichkeit eines profanen, aber immer noch rätselhaften Mysteriums entgegenwirken. Das beschert ihm eine gewisse Balance und entzieht ihm damit den Vorwurf, in irgendein Geschwurble abzudriften.

Backrooms ist verankert und gleichzeitig auch losgelöst. Und schafft obendrein, seit dem SW-Independentfilm Fremont, eines der irrsten und schönsten Schlussbilder zugleich, das im Quantengedächtnis eines Malers wie Francis Bacon, der mit seinen multiplen Gesichtern immer schon verstört hat, verankert bleibt.

Dafür alleine ist Parsons Film schon sehenswert, neben all den Details, die wie eine gebührenfreie Spielwiese für jene Enthusiasten anmutet, die in ihrem Kopf genug Abenteuer für ein ganzes Leben finden – und manchmal sonst nichts brauchen.

Backrooms (2026)

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

VERSCHWURBELTE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART

4/10


Colman Domingo, Emily Blunt und Josh O'Connor in Steven Spielbergs Disclosure Day
© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: STEVEN SPIELBERG

DREHBUCH: DAVID KOEPP (NACH EINER STORY VON STEVEN SPIELBERG)

KAMERA: JANUSZ KAMIŃSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOSH O’CONNOR, COLIN FIRTH, EVE HEWSON, COLMAN DOMINGO, WYATT RUSSELL, HENRY LLOYD-HUGHES, ELIZABETH MARVEL U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Noch weihnachtet es nicht. Noch nicht. In drei Monaten aber beginnt wieder das Keksebacken, zwei Wochen später stehen die auf Nikolo getrimmten Osterhasen wieder im Diskonter, wartend auf rechtzeitige Abnahme. Wer aber jetzt schon in Stimmung kommen will, kann sich an Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit von Steven Spielberg heranwagen. Dort spaziert ein Mädel im Nachthemd, erinnernd an Hans Christian Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern, durch den, wie es sagt, ganz warmen Schnee, begleitet von miserabel animierten Tieren, auf ein von innen heraus leuchtendes Knusperhaus im Walde zu. Wer da nicht bereits an das erste Türchen im Adventkalender denkt, denkt vielleicht darüber nach, im falschen Film zu sitzen.

Tiere sehen dich an

Was einen dazumal wohl kongenialen Filmemacher dazu getrieben hat, neu zusammengewürfelte Bremer Stadtmusikanten aus Hirsch, Fuchs, Waschbär und Rotem Kardinal in seinem brandneuen Alien-Film aufmarschieren zu lassen, als wären sie Outtakes aus der letzten Disney-Realverfilmung, wird genauso ein Rätsel bleiben wie so manches in dieser Variation eines weitaus besseren Werks, das Ende der Siebziger für Furore gesorgt hat – und das zurecht: Die Unheimliche Begegnung der dritten Art, ein Kind seiner Zeit. Atmosphärisch, geheimnisvoll, mitunter spooky. Jene Szenen, in denen Richard Dreyfus ganz verbissen immer wieder diesen Devils Tower aus Wyoming modelliert, der später als Ankunftsstelle weit Gereister herhalten soll – die waren schon großes Kino.

Ein paar Säcke Reis im Kornfeld

Jetzt hat Spielberg aber das Akte X-Fieber gepackt. Er heftet sich „I want to believe“ an die Fahnen, und los geht’s mit den wirklich relevanten Offenbarungen aus den letzten 80 Jahren, gegen die Trumps UFO-Ablenkungsmanöver anmutet wie ein umgefallener Sack Reis. In Spielbergs Erkenntnis-Evangelium spielt natürlich Roswell eine große Rolle, und natürlich auch die Kornkreise, die Spielberg einfach so einstreut, aus Spaß an der Freude oder vielleicht, um M. Night Shyamalan, der mit seiner UFO-Mystery Signs für Unwohlsein gesorgt hat, grüßen zu lassen.

Der UFO-Hype im Smartphone-Test

Erklären kann er dazu nichts. Genau so wenig interessiert ihn, worum es bei den Fremdweltlern wirklich geht, was sie antreibt, was sie erreichen wollen. Gut, das muss man nicht. Alleine die Beweisführung hinsichtlich der Frage , ob wir alleine in diesem Universum sind, sollte reichen, um einen Film daraus zu machen. Die Sache ist: Das hat er schon getan, ich verweise auf das Jahr 1977. Was Spielberg jetzt probiert hat, ist, den Stoff von früher ins Social Media-Zeitalter zu hieven, wo alle Welt nur am Smartphone hängt.

Umso mehr verwundert, dass die visuellen Beweismittel überhaupt irgendjemanden noch vom Hocker reißen, kann doch KI mittlerweile alles simulieren. Beinhalten solche Footages dann auch noch klassische Aliens mit großen Köpfen und obsidianschwarzen Mandelaugen, kostet das die Menschheit einen Lacher. Denn: Auch wenn der Beweis letztlich geliefert wird, dass Außerirdische auf unserem Planeten gelandet sind – keiner wird es glauben.

Perry Rhodan hatte eine ähnliche Idee

Doch Spielberg glaubt fest daran, dass die Menschheit vereint werden kann, wenn eine dritte Macht auftaucht. Das wiederum erinnert mich an die Science-Fiction-Heftreihe Perry Rhodan, die ähnlich beginnt, die sich während des Kalten Krieges abspielt, der bald zum dritten heißen geworden wäre, wäre es da nicht zu einer Begegnung des besagten Weltraumhelden mit der hinter dem Mond lebenden Zivilisation der Arkoniden gekommen.

Tatsächlich folgt Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit einer ähnlichen Prämisse, und es wäre ein recht routinierter Verschwörungs- und Mysterythriller geworden, in der bewährten Optik eines Janusz Kaminski. Um dem entgegenzusteuern, lassen Spielberg und Autor David Koepp (Jurassic Park) den Esoterik-Drachen von der Leine, buttern dort hinein sämtliche Narrative aus der Lebenshilfe-Abteilung vom nächstbesten Buchladen und krönen dieses unausgegorene Konstrukt mit Diskussionsstoff aus der katholischen Jungschar, die nach der Legitimität Gottes fragt, wenn die Menschheit plötzlich nicht mehr dessen krönende Schöpfung bleibt.

Was unterscheidet Telepathie und Empathie?

Man nehme diesen Aspekt, man nehme die Bremer Stadtmusikanten, die Vorweihnachtszeit und Akte X. Man nehme viele schwarze Autos und einige Actionszenen, um das im Kern repetitive Drama rund um einen Whistleblower auch für jene aufzupeppen, die wegen der Action hier sind. Mit all dieser Ambition aber scheint Spielberg mehr als überfordert.

Er schafft es nicht, seine auf mehreren Ebenen abgehende, dem Humanismus und der inneren Resilienz anbiedernde Alien-Wellness halbwegs plausibel zu verankern. Er verwechselt Gedankenlesen mit Empathie und versucht gemeinsam mit Koepp, schnell mal eingestreute Erklärungen zu deponieren, die wie unschlüssige Vermutungen dastehen. Logisches Denken dringt da nicht durch, auch die Tücke des Objekts hält sich fern – ich sage nur: Stromausfall.

Die Wahrheit unter fahlem Deckenlicht

Geglückt sind Spielberg neben seinem Star Colin Firth, der zwischen Pflicht, Sorge und Resignation absolut glaubhaft einen Antagonisten in der Grauzone gibt, die letzten zehn Minuten des Films, wenn der Disclosure Day endlich am Abrisskalender steht. Ungefähr so könnte das Szenario aussehen, wenn in den Nachrichten statt Trump, Hormus, Ukraine und Co plötzlich ein ganz anderer Knüller die Erde stillstehen lässt. Diese Momente sorgen für Gänsehaut – die dann wieder verpufft. Schließlich dürfen wir nie erfahren, was des Aliens Weisheit letzter Schluss ist. Spielberg weiß es womöglich selbst nicht. Colman Domingo meint an einer Stelle: „Irgendwann wird alles klar sein“. Darauf warten wir vergeblich.

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

In the Grey (2026)

IST PLANUNG WIRKLICH ALLES?

5/10


Eiza Gonzáles, Henry Cavill und Jake Gyllenhaal in Guy Ritchies Film In the Grey
© 2026 LEONINE Studios / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: GUY RITCHIE

KAMERA: ED WILD

CAST: EIZA GONZÁLES, HENRY CAVILL, JAKE GYLLENHAAL, ROSAMUNDE PIKE, FISHER STEVENS, CARLOS BARDEM, EMMETT J. SCANLAN, KRISTOFER HIVJU, CHRISTIAN OCHOA, KOJO ATTAH U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



In die Höhle des Löwen steigt man nicht einfach so. Jedenfalls nicht, wenn man sich Profi nennen und nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen will. Lebensmüden Abenteurern ist das vermutlich egal, Touristengruppen auch, die verlassen sich auf den Baedeker. Geldeintreiber ziehen die Sache etwas anders auf. Eiza Gonzáles ist so jemand. Eine, die von den ganz bösen Buben die Knete will, die sie anderen schulden – und keinen Grund sehen, ihren Kredit zu begleichen.

Männer bei Fuß

So eine Höhle des Löwen ist nichts, wo die adrette Mexikanerin alleine hingeht. Als Entourage links und rechts von ihr fungieren zwei Mannsbilder, mit denen man sich nicht anlegen will, so böse man auch sein mag. Und nein, es sind nicht Bud Spencer und Terence Hill, auch nicht Tony Curtis und Jack Lemmon, sondern der Prinz von Persien und niemand geringerer als Superman: Jake Gyllenhaal und Henry Cavill, beide sauber mit Dreitagebart, unauffälligem Peek & Cloppenburg-Outfit und darunter Nerven wie Drahtseile. Hier tragen sie die Hundenamen Sid und Bronco. Und ja, mit so jemanden kann Frau auch in Verhandlungen treten, denn die Pläne B, C und D sind geschmiedet.

Bereiten wir uns mal vor

Wir befinden uns In the Grey nicht nur in besagter Grauzone, denn so, wie Gonzáles Figur der Rachel Wild, die von ihren „Bluthunden“ auch des öfteren Ma‘am genannt wird, ans Geld der anderen kommen will, hätte das Gesetz wohl noch einiges zu beanstanden. Wir befinden uns auch auf einer Insel vor Spanien, auf Salazars Insel, auf der Javier Bardems Bruder Carlos als milliardenschwerer Unterweltboss die Übersicht hat – zumindest glaubt er das. Diesem Mann soweit die Hähne abzudrehen, dass er willig wird, das diplomatische Geschäftsgespräch zu suchen – dazu braucht es viel, wirklich viel Vorbereitungszeit und viele kleine Missionen. Viele Tests, viel Training, viel, ganz viel Planung.

Die Zeit drängt. Also beeilt euch.

Wie viel Zeit hat Guy Ritchie? Wir schauen auf die Stoppuhr: genau 98 Minuten. Also schnell, schnell – und am besten alles gleichzeitig. Also beginnt Eiza Gonzáles, aus dem Off zu erzählen, wie die Welt, also die ihre und die ihrer Branche – funktioniert. Nebenher dürfen Gyllenhaal und Cavill inkognito irgendwo auf der Welt die ersten Strippen ziehen und den großen Gangsterboss zum Weinen bringen. Zack, zack, zack, und Gonzáles spricht immer noch. Mitschreiben kann man dabei getrost vergessen, irgendwas wird schon hängenbleiben, denn in Wahrheit ist Ritchies Inkasso-Action sowieso nur halb so komplex wie sie den Anschein hat.

Planung ist das halbe Leben – oder der halbe Film

Wie muss Ritchie sein Drehbuch gnadenlos gestrafft haben, um diese Spielfilmlänge hinzubekommen! Andere benötigen für diese Sache vielleicht eine ganze Serienstaffel, der Vielfilmer, der sich irgendwann von seinen stilsicheren Qualitäten verabschiedet hat (kaum zu glauben, dass zu seinen Arbeiten Aladdin und Fountain of Youth zählen – der erste ist zumindest kurzweilig, der zweite eine Katastrophe), schafft das im Rekordtempo.

Und bevor das ganze Spektakel rund um diesen Salazar überhaupt erst beginnen kann, hat In the Grey so viel Erklärbedarf, das man versucht ist, das ganze Projekt überhaupt zu hinterfragen. Es braucht schon eine gewisse Dreistigkeit, zumindest ein Drittel des Filmes darauf zu verschwenden, zu demonstrieren, wie all die Fluchtrouten aussehen, die Rachel Wilde von der Insel bringen sollen.

Wann geht es denn endlich los?

Kann sein, dass man den Moment beim Zusehen verpasst. Irgendwann ist man mit unterwegs im von Henry Cavill gesteuerten Buggy, während links und rechts Projektile explodieren. Langweilig wird einem dabei zwar nicht, die ganzen Planungsdetails will man sich aber auch nicht merken. Und so ist es völlig egal, was passiert und was andere schwafeln – es ist wie bei so manchem Meeting, wo nach zwei Stunden wohl nur die letzten zehn Minuten relevant genug sind, um weitere Schritte darauf aufzubauen. Doch das ist ein anderer Film – der erst erklärt werden muss.

In the Grey (2026)

Masters of the Universe (2026)

TOY STORY MIT MUSKELN

6/10

 

Nicholas Galitzine als Adam/He-Man in Masters of the Universe© 2026 Amazon MGM Studios Content Services LLC

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: TRAVIS KNIGHT

DREHBUCH: CHRIS BUTLER, AARON UND ADAM NEE, DAVE CALLAHAM

KAMERA: FABIAN WAGNER

CAST: NICHOLAS GALITZINE, JARED LETO, IDRIS ELBA, CAMILA MENDES, MORENA BACCARIN, ALISON BRIE, CHARLOTTE RILEY, SAM C. WILSON, JÓHANNES HAUKUR JÓHANNESSON, JON XUE ZHANG, SASHEER ZAMATA U. A.

LÄNGE: 2 STD 20 MIN



Was flasht mich da?

Es ist nichts anderes als der Rücksturz ins Kinderzimmer meines Volksschulkommilitonen: Masters of the Universe. Denn niemals, im Laufe meiner Kindheit, durfte ich eine dieser Actionfiguren mein eigen nennen.

Warum? Der Spirit von patriarchalem Heldentum war sogar in einem Zeitalter, in dem Diversität, Gleichheit und Geschlechterrollen in konservativen Strukturen feststeckten, auffallend vorgestrig, als wäre es aus einer reaktionären Interpretation der Siegfried-Sage gefallen.

Die Frauenquote der Muskelmänner

So ein martialisches Männlichkeitsbild kam damals nicht in unser Haus. Dafür aber in jenes meines eingangs erwähnten Freundes, bei dem ich dieses Klischee der tapferen, ruhmreichen Beschützer und Bösewichte bedienen konnte, ohne das Ganze zu hinterfragen.

Dort die Burg von Grayskull, auf der anderen Seite der Snake Mountain. Dazwischen die irrwitzigsten Monster und Mutanten, und weil man ja nicht komplett so tun wollte, als würden Frauen nur hinter den Burgmauern um ihre Helden bangen, gabs zumindest Teela, Evil-Lyn und die Zauberin – später dann noch He-Mans Schwester She-Ra (She-Woman wäre konsequenter), das Pendant zu Supergirl im DC-Universum.

Die martiale „Kauf mich“-Lore

Damals aber konnten wir uns weder sattsehen noch sattspielen. An jede einzelne dieser Figuren kann ich mich erinnern, und eine Handvoll erscheint auch im neuen Versuch, das triviale Universum, das frappant an Flash Gordon, Marvel und die deutschen Heldenepen erinnert, mit ganz viel Hilfe durch CGI-Experten auf die Leinwand zu bringen.

Denn Masters of the Universe, das ist Kitsch as Kitsch can, das ist ein unfreiwillig komisches, vielleicht sogar käsiges Spielzeuguniversum mit genau jener tümpeligen Tiefe, die ein Team an Spielzeugentwicklern von Mattel wohl erforscht haben müssen, um diesen „Kauf mich“-Kreaturen zumindest eine gewisse Legitimität anhand einer simplen und von überall her zitierten Lore zu bescheren, die ins Zentrum gar dreist ein Schwert stellt, für das der junge König Artus es nicht mal aus dem Stein ziehen muss.

Die Sache mit dem Lendenschurz

„Bei der Macht von Greyskull! Ich habe die Kraft!“ Und schon umweht ein ledergegerbtes Tarzan-Röckchen die sicherlich schmucke Männlichkeit von Adam, während ein rotes Kunstharzkreuz Marke „Tempelritter“ die durchtrainierte Brust des blonden Recken ziert, der in Travis Knights (Kubo – Der tapfere Samurai, Bumblebee) ironisch kommentierter Überarbeitung des trivialen Stoffs gar nicht mal so einer sein will.

Natürlich kann man die Welt von Masters nicht einfach in seinem obsoleten Dunst von damals vor sich hin husten lassen. Wie man es dreht und wendet – das ganze Szenario mit einer gewissen Tolkien‘schen Ernsthaftigkeit zu versehen, wird nicht gelingen. Zu generisch ist der Plot, zu plakativ die Charaktere.

Sympathie für den Waffenmeister

Um das Problem zumindest in Sachen Sympathiewerte zu lösen, kommt einer wie Idris Elba ins Spiel, der Adams rechte Hand gibt: Man-at-Arms, auch genannt Duncan. Elba hat Charisma und gute Laune. Genauso wie Nicholas Galitzine (Glennkill: Ein Schafskrimi), der diesen auf Diplomatie gebürsteten Thronerben gibt, als Kind schon nicht kämpfen wollte und im Erd-Exil mit seiner für niemanden glaubhaften Biografie als verschrobener Nerd gilt, der fanatisch nach einem Schwert sucht – seinem Schwert, nämlich jenes mit der Macht.

Das Live-Act-Problem des Zeichentrick-Schurken

Kaum gefunden, katapultiert ihn das Schicksal wieder nach Eternia zurück, wo Skeletor, der ikonische Erzgegner und Onkel (!) von He-Man (wie in der Artus-Sage Schurke Vortigern Pendragon) schon seit Anbeginn an diese Macht will, um diese auszuüben. Hinter dem Totenschädel verbirgt sich Jared Leto in zeichentrickhafter Gestik und mit wenig Charakter.

Denkt da wer vergleichsweise an Frank Langella aus den Achtzigerjahren? Da hatten wir ja schon mal eine Masters-Interpretation, nur aufgrund mangelnder Rechte und wenig Budget hat Dolph Lundgren (man beachte sein launiges Cameo im neuen Film) auf den Final Fight in Eternias Burg verzichten müssen. Bis heute ist Gary Goddards trashiges Guilty Pleasure nicht ohne Nostalgie-Wert. So eine Langlebigkeit lässt sich im neuen Film wohl nicht prognostizieren, obwohl die Macher hier versuchen, das ganze auf zwölftönende und damit erinnerungswürdige Eigenparodie zu trimmen, die auch dank Elba und Galitzine zumindest streckenweise funktioniert.

Den kenn ich doch!

Ist Masters of the Universe nun Kinderkam? Ja, Kinderkram für Mittvierziger, die sich gerne am bunten Materialismus vollgestopfter Kinderzimmer erinnern. Und mit Lust und verklärten Augen Figuren wie Fisto, Mechanek, Spikor, Moos Man, Ram Man und dergleichen in diesmal spielzeugadäquater Ausgestaltung mit Leichtigkeit wiederentdecken.

Die Sache mit dem Sexwitz

Ein Toy Story also mit Muskeln und lahmer Story; netten, aber nicht außergewöhnlichen Schauwerten, dafür aber mit befremdlichem, sexuell konnotierten Wortwitz, der sich speziell auf einen Charakter bezieht und sich auf irritierende Weise am Zielpublikum vorbei vergreift.

Irgendwie ist den Schreiberlingen hier der Zynismus durchgegangen, während zeitgleich verabsäumt wurde, die Vorhersehbarkeit vor allem im Showdown abzufangen. Mit dem Kulturschock der realen, nämlich unserer Welt, wird das Abenteuer mit origineller Situationskomik abgeschmeckt. Witzig auch die „Etymologie“ so manchen Heldennamens. Doch die Selbstironie wirkt unentschlossen – manchmal ist sie zu viel, manchmal zu wenig. Oder hatte gar Mattel das letzte Wort?

Alle waren sie im Gym

Travis Knight lässt Masters of the Universe immer noch das sein, was es immer schon war: Ein konfuses, etwas zu lang geratenes Arena-Gekloppe mit der Sehnsucht nach epischer Fantasy, und mit dem ernüchternden Blick auf die Tatsache, das die durchtrainierten Schwarzenegger-Rabauken nicht wirklich viel mehr sind als sie darstellen. Vielleicht muss man dafür die Zeichentrickserie kennen, und das ganze Drumherum. Davon aber ausgekoppelt bleibt nur Spielzeug, das lebendig wird. Hach, für ewige Buben irgendwie trotzdem ganz schön.

Masters of the Universe (2026)

Glennkill: Ein Schafskrimi (2026)

SO SCHAFSINNIG SIND WIEDERKÄUER

3,5/10


Anke Engelke und Bastian Pastewka leihen den Schafen ihre Stimme in Glennkill: Ein Schafskrimi© 2026 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE SHEEP DETECTIVES

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: KYLE BALDA

DREHBUCH: CRAIG MAZIN

CAST: HUGH JACKMAN, NICHOLAS BRAUN, EMMA THOMPSON, TOSIN COLE, MOLLY GORDON, HONG CHAU, NICHOLAS GALITZINE, CONLETH HILL, MANDEEP DHILLON

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JULIA LOUIS-DREYFUS, CHRIS O’DOWD, BRYAN CRANSTON, REGINA HALL, PATRICK STEWART, BELLA RAMSEY U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (SYNCHRO): ANKE ENGELKE, BASTIAN PASTEWKA U. A.



Perlen vor die Schafe?

„Ja natürlich, Schweinderl!“, sagt der Vorzeige-Bio-Bauer im Werbespot einer Vorzeige-Bio-Marke, während er mit seinem Ferkel spricht. Und ja: Er kann, was Schafhirte George Hardy nicht kann. Nämlich mit den Tieren reden. Trotz allem aber geht er davon aus, sie würden ihn verstehen, wenn er sich allabendlich vor die Tür seines mobilen Zuhauses setzt und seinen wolligen Untertanen aus diversen Schnulzenromanen vorliest, worunter sich auch ein Kriminalroman mischt, der womöglich schamlos von den Werken einer Agatha Christie abgekupfert hat und weismachen will, das die narrative Stereotypie der Genre-Belletristik den Realitätscheck besteht.

Was Buch und Film gemeinsam haben? Schafe!

Womöglich liest er den Tieren auch vor, weil er sonst niemanden hat, wer weiß. Viel Zeit zum Selbstreflektieren wird der Gute aber nicht mehr bekommen, segnet er doch alsbald auf brutale Weise das Zeitliche. Im Bestseller-Roman von Leonie Swann steckt dem netten Kerl ein Spaten in der Brust – im Film ist es Gift. Was zeigt, wie viel Drehbuchautor Craig Mazin und Regisseur Kyle Balda (Animator bei Illumination, Macher von Minions) von einer werkgetreuen Umsetzung halten. Unterm Strich nicht viel.

Ein Film wie Schäfchenzählen

Was Mazin und Balda getan haben, ist, dieser kriminalistischen Tierfabel alle Ecken und Kanten zu nehmen und einen familientauglichen Film zu kreieren, der in seiner Verwässerung der Dinge ungefähr so gut funktioniert wie das allabendliche Schäfchenzählen, wenn man nicht einschlafen kann. Tatsächlich mischt sich im Film eine solche Szene ins Geschehen, und zugegeben ist diese die beste der ganzen Laufzeit, wenn nach dem Mord an Schäfer George Hardy der Schafbestand durchgezählt werden muss und jener, der zählt, plötzlich das müde Auge bekommt. Was der Gag darstellt, ist im Film Programm. Viel essen sollte man davor jedenfalls nicht.

Die Banalisierung einer Fabel

Prinzipiell sollen Buch und Film unterschiedlicher nicht sein dürfen. Den Anspruch, Verfilmungen nur akkurat umzusetzen, und zwar fast schon Wort für Wort, den erhebe ich gar nicht. Manchmal aber ist es ratsam, das doch zu tun, wie im Falle von Glennkill: Ein Schafskrimi. Was fehlt oder verändert wurde ist genau das, was die Vorlage womöglich so attraktiv macht.

Der Witz an der Geschichte liegt schließlich an einem den Tierklischees zuwiderlaufenden Zynismus, der die Gepflogenheiten der denkenden Zweibeiner widerspiegelt. Im Film ist dieser Faktor ausgehebelt, die Schafe lösen den Fall auch nicht mehr selbst. Zwischen all den flach konturierten Figuren schmeisst Nicholas Braun die Show – ein Polizist mit zwei linken Händen, der erst aus sich herausgehen muss und wohl eher zur Entourage von Tierarzt James Herriot aus Der Doktor und das liebe Vieh passt. Doch er tut, was er kann.

Niedliches Beiwerk auf der Wiese

Die Tiere, die allesamt, das muss man zugeben, vorzüglich animiert sind und nur selten den Anschein erwecken, sie hätten die Gravitation mitsamt des eigenen Bewegungsapparates nicht im Griff, werden zu ansehnlichem Beiwerk degradiert, das, so wie Schäferhund Rex aus den TV-Krimis, gerade mal helfend zur Hand geht.

Ihrer Gesellschaft, die die Fähigkeit besitzt, auf Drei unliebsame Ereignisse zu vergessen, eine bedeutende Meta-Ebene anzudichten, die sich mit philosophischen Weltüberlegungen auseinandersetzt, erscheint mir schöngeredet. Die Idee ist nett, mehr aber auch nicht. So wie das enervierende „Winterschaf“, dass dem Schweinderl aus der Vorzeige-Bio-Werbung im Fernsehen alle Ehre macht und womöglich dort gerne einspringen würde, weil es doch diesen Niedlichkeitsfaktor besitzt – und Niedlichkeit, die schützt vor allen widrigen Einflüssen.

Die seltsamen Wege eines Krimi-Plots

Den Vogel abgeschossen – oder sagen wir lieber: das Fell des Schafes geschoren hat der Film wohl mit seinem hanebüchenen Krimiplot, der besagten Nicholas Braun zum Hercule Poirot einer englischen Dorfgemeinschaft macht, warum auch immer. Mit der Qualität eines Rätsel-Adventkalenders hält der Fall eine Auflösung parat, für die man sich im wahrsten Sinne des Wortes die Haare raufen muss.

Glennkill: Ein Schafskrimi (2026)

Mother Mary (2026)

DIE FURCHT VOR ROTEN TÜCHERN

4/10


Michaela Coel und Anne Hathaway in David Lowerys Mother Mary
© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: DAVID LOWERY

KAMERA: ANDREW DROZ PALERMO, RINA YANG

CAST: ANNE HATHAWAY, MICHAELA COEL, HUNTER SCHAFER, FKA TWIGS, ISAURA BARBÉ-BROWN, JESSICA BROWN FINDLAY, SIAN CLIFFORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Anne Hathaway bekommt die Mode nicht los. Eben erst wieder vor Meryl Streep buckelnd, kriecht sie nun reumütig zu Kreuze, um die Gunst einer Modedesignerin zu erlangen, die sie vor Jahren mies behandelt hat.

Wer ist das, der sich erlauben kann, so mit Leuten umzugehen? Jemand, der Einfluss hat. Millionen verdient. Und die Menge zum Jubeln bringt. Jemand wie Taylor Swift. Sie ist die Country-Pop-Ikone schlechthin, und man fragt und wundert sich vielleicht ab und an, wie geschmeidig so ein Dasein als Weltstar eigentlich ablaufen kann – eben auch im Alltag oder zwischen den Zeilen journalistischer Eskapaden.

Man stelle sich vor, Taylor Swift verschwände

Anne Hathaway ist aber nicht Taylor Swift, sondern lediglich ähnlich. Sie ist eine, die sich, allen Entrüstungen der katholischen Kirche zum Trotz, Mother Mary nennt. Klingelt da was? Natürlich, Madonna. Like A Prayer. So sind Mother Marys Bühnenshows fast schon so etwas wie sakrale Feierlichkeiten zwischen Farblichtwahnsinn, Glitterregen und Schwebebühnen.

Eine davon ist ihr zum Verhängnis geworden – ein Unfall hat dazu geführt, dass sich die aufgedonnerte Sängerin mit Heiligenschein von der Bühne zumindest vorläufig verabschiedet hat. Was ist der Grund für diesen Unfall gewesen, und überhaupt für dieses Verschwinden?

Herbergssuche für ein Pracht-Textil

Jetzt, nach dieser unfreiwilligen Auszeit, klopft es bei strömenden Regen an die Tür der renommierten Modeschöpferin Sam Anselm. Mother Mary steht vor der Tür, und sucht keine Herberge, sondern ein neues Kleid. Eines, dass ihrem Comeback gerecht wird und sie, nur sie in Textil, Stich und Schnitt darstellen soll. Ein Kleid, das alle Stücke spielen, jedes Lied vereinen und mehr oder weniger ihr ganzes Œuvre beinhalten soll. Wie kommt Anselm eigentlich dazu, hier die Feuerwehr zu spielen, haben sich beide doch, und zwar nicht ganz im Guten, aus den Augen verloren? Und ja, da war auch Liebe im Spiel, ganz viel Intimität. Zwei Herzen im selben Rhythmus. Und so weiter.

An Erlebtem herumschneidern

Handlungskern in diesem Film von David Lowery (Elliot, der Drache, Ein Gauner & Gentleman) ist dieses Kleid, das neu erschaffen werden muss. Doch wie lässt sich so ein Kunstwerk über persönliche und emotionale Kränkungen hinweg denn überhaupt gestalten? Und zwar so, dass es erfüllt, was es erfüllen soll?

Lowery verwickelt Anne Hathaway und die eindrucksvolle Michaela Coel, die aussieht wie Nina Simone in ihren jungen Jahren und mit ihrer faszinierenden Gesichtsphysiognomie und den großen Augen eine sphärische Aura entwickelt, der man sich nur schwer entziehen kann, in ein tiefschürfendes, lange andauerndes Gespräch.

Guckkästen in die Vergangenheit

Was ihm dabei anfangs gelingt, ist, diese beiden Figuren, trotzdem man sie nicht kennt, in kürzester Zeit irgendwie vertraut zu machen. Das Kammerspiel in einer zur Modewerkstatt umgekrempelten Scheune sprengt dann bald die vierte Dimension, Räume werden zu Guckkästen in die Vergangenheit, magischer Realismus hält Einzug, ganz klar David Lowerys Handschrift, die man bereits aus seinem psychedelischen Märchen The Green Knight kennt – oder auch aus A Ghost Story, seinem bislang besten und berührendsten Film, dessen Metaebene sich nicht so sehr dem Verständnis widersetzt wie Mother Mary.

Was steckt dahinter? Oder doch gar nichts?

Im Trailer des Films heisst es: „This is Not A Ghost Story“ (mit Hinblick auf sein früheres Werk). Und: „This is Not a Love Story“. Eigentlich stimmt, aus meiner Sicht als Betrachter, der Lowerys Intentionen nicht kennt, beides nicht. Mother Mary ist sowohl Ghost Story als auch Love Story, und irgendwo dazwischen ergeht sich das Zeit und Raum knackende Mysterium nur noch in aufgeblasenen Rätseln.

Es ist wie das Konzert dieser Pop-Diva selbst – eine Show fürs Auge, für manche auch fürs Ohr. Lowery findet natürlich Bilder, die so geschmack- und stilvoll arrangiert sind, dass sich denken lässt: Da muss einiges dahinterstecken, und irgendwann, darauf warten wir alle, kommt die Wahrheit ans Licht, die wie alle übersehen haben.

Kraftvoller Symbolismus als ästhetische Hülle

Doch dieses wabernde rote Tuch, diese Wundmale an den Handflächen und zwischen den Brüsten – Blut und Kunst, Seide und Okkultismus: Alles zusammen verbirgt und dekoriert gleichermaßen eine simple Geschichte, nichts Großes, vielleicht auch nur irgend etwas zwischen Selbstmitleid und Aussprache.

Lowery stopft das Ganze voll mit der Lust am Symbolismus. Motive und Metaphern fallen aus allen Wolken, letztlich ist Mother Mary eine enorm prätentiöse Mystery-Show, bei der man eigentlich nicht zugeben will, sowieso alles entschlüsselt zu haben, weil das sonst bei all der Opulenz vielleicht zu banal wäre.

Mother Mary (2026)

The Mandalorian and Grogu (2026)

EIN LEINWAND-SPECIAL FÜR DEN SERIENHELDEN

6,5/10


Pedro Pascal und Grogu als er selbst in The Mandalorian and Grogu
© 2026 Lucasfilm Ltd™. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: JON FAVREAU

DREHBUCH: JON FAVREAU, DAVE FILONI, NOAH KLOOR

KAMERA: DAVID KLEIN

CAST: PEDRO PASCAL, SIGOURNEY WEAVER, JEREMY ALLEN WHITE (STIMME), JONNY COYNE, STEVE BLUM (STIMME), SHIRLEY HENDERSON (STIMME), MARTIN SCORSESE (STIMME), BRENDAN WAYNE, DAVE FILONI U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Es ist der Moment, in dem dieses Fahrzeug vorkommt – dieses kleine, unscheinbare, kastenförmige Ding. Kinder der Achtziger, die gleichsam zu Star Wars-Afficionados wurden, ehe sie noch gerade Sätze sagen konnten, wissen sofort, dass es sich dabei um das ominöse INT-4 handelt, ein speziell für das erste Merchandise-Kontingent ersonnene Spielzeug. Nun hat es seinen Einsatz gefunden, denn ein ex-imperialer Warlord düst damit davon, natürlich auf einem Schneeplaneten, denn diese fühlen sich prinzipiell schon nach Star Wars an. „Sieh nur, ein INT-4“, kommt es mir da entzückt über die Lippen – und niemand versteht es.

Vom Fan-Service nicht genug bekommen

So viel Leidenschaft müsste man aber besitzen, um The Mandalorian and Grogu auch wirklich in vollen Zügen und bis in jeden Winkel seines mehr als zweistündigen Leinwand-Daseins zu genießen. Denn der Star Wars-Wahnsinn, der steckt im Detail. Und macht so richtig froh. Kaum ist ein Raumschiff erkannt, erspäht man schon die nächste Spezies, die es damals, ebenfalls im Basis-Sortiment an Figuren, auch schon gab. Für die, die es wissen wollen: Bezeichnet wurde diese Figur damals Amanaman, im Film nennt sie sich Amani. Und wie der Mandalorian alias Din Djarin alias Mando mit ihnen fertig wird, ist Heldentum der zwar langweiligen, aber fein getricksten Sorte.

Jon Favreau und Dave Filoni, zwei bekennende Geeks der ersten Stunde, die womöglich alle Bücher und jedes Comic in sich aufgesogen haben müssen, und zwar mehrmals, können aus einem Fundus schöpfen, von diesem haben „normale“ Kinobesucher, die Star Wars zwar kennen, gerne sehen, aber nichts weiter, natürlich wenig.

Vom Geben und Nehmen in einer Beziehung

Favreau und Filoni werden wohl in Kauf genommen haben, dass ihr Leinwand-Special – denn anders ist dieser erste Kinofilm nach sieben Jahren Abstinenz nicht zu bezeichnen – wohl kaum tiefer in den Star Wars Kosmos eintauchen, sondern ihn nur an der Oberfläche erweitern wird. Sie werden gewusst haben, dass mit The Mandalorian und Grogu wohl kaum das bedeutende Weltraumepos auf die Leinwand gewuchtet wird, das viele vielleicht erwarten.

Es führen auch nicht alle Erzählstränge aus den Serien zusammen, die Storyline rund um Ahsoka hat damit nicht das Geringste zu tun. Letztlich konzentriert sich das Abenteuer auf eine Vater-Sohn-Beziehung im erweiterten Sinne, oder besser gesagt: auf eine Lehrer-Schüler-Beziehung, oder Onkel-Neffe, wie auch immer. Das Problem dabei: Komplexer als in der Serie wird es kaum werden, und da hing die Bedeutsamkeit der Kommunikation zwischen Mando und seinem Schützling Grogu entscheidend davon ab, ob der Kleine immer noch so tut, als wäre er ein Baby. Die Antwort: Ja, das tut er – und das Spektrum dieser Verbindung bleibt daher endenwollend.

Die Macht, die der kleine mechatronische und von Puppenspielern wie anno dazumal bei Yoda gesteuerte Genusszwerg nutzt, passiert willkürlich einmal mehr und einmal weniger, bleibt aber nicht logisch. Andere, nennenswerte Beziehungen gibt es in diesem neuen Film keine, der Rest des Ensembles ist Staffage, und selbst Sigourney Weaver würde lieber wieder Aliens jagen.

Es ist und bleibt eine Serie

Lucasfilm™ will weder die Old Republik noch die spannende Geschichte rund um Crimson Dawn auf die Leinwand bringen, aus Sorge davor, hier auf zu wenig Vorkenntnis beim Publikum zu stoßen, womit die lautstarken Wünsche einer weltweiten Community ignoriert werden.

Gedacht wird marketingtechnisch. Einerseits. Andererseits wollen Favreau und Filoni unbedingt ihren Mando weiterführen und schlagen deutliche Signale, die dagegensprechen, in den Wind. Nur: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und wer nur wagt, was er bereits gewonnen hat, entwickelt sich nicht weiter. Somit haben wir, worauf wir uns vorbereiten sollten, wenn wie The Mandalorian und Grogu auf großer Leinwand erblicken wollen: Das Serien-Special fürs Pfingstwochenende. Und zwar auf großer Leinwand.

Ein Wunsch zumindest, der in Erfüllung geht, hat sich doch gefühlt jede(r) beim hohen technischen Level der Serie von der ersten Folge an gewünscht, hier lieber im Kino zu sein als in den Fernseher hineinkriechen zu müssen, um die ganze monumentale Wirkung der Welten, Raumschiffe und Kreaturen wirklich adäquat in sich aufsaugen zu können. Zumindest hier ist die Sehnsucht gestillt: In diesem Verhältnis kommt die Serie noch besser zur Geltung – bleibt aber eine Serie.

Wer sind die Hutten?

Sollte man wissen. Wie einnehmend ein solcher Charakter sein kann, das zeigt der Film ganz vorzüglich. Auch hier wieder wissen Kenner der Serie The Clone Wars, um wen es sich dabei im Speziellen handelt: um Rotta, den Spross von Jabba, den wiederum jede(r) kennt. Jeremy Allen White spricht ihn, und zwar in jugendlichem Basic, was aber dennoch zusammenpasst. Von ihm soll dieses ganze Abenteuer auch handeln – und um das Hutten-Kartell an sich, das ein falsches Spiel treibt und unserem Helden fast das Leben kostet.

Wie ein Endgegner, trotzdem er besiegt wird, durch die Lappen geht

Die Neue Republik bleibt nach wie vor nur eine Fußnote, ein kleines Kontingent an X- und Y-Flügler schieben sich wieder ins Bild, um für Stimmung wie bei einer Flugshow anlässlich einer Star Wars Convention zu sorgen. Wo ist der Rest dieses politischen Weltenbündnisses?

Interessiert nicht, genauso wenig wie der Ausblick auf die Erste Ordnung, die einige Jahrzehnte später erstarken wird. Das Grummeln im Bauch, weil sich etwas anbahnen könnte, fehlt komplett, da der Endgegner Moff Gideon bereits in der letzten Staffel besiegt wird. Hätten Favreau und Filoni vorausschauender gehandelt, hätten sie sich den charismatischen Giancarlo Esposito genau für diesen Moment im Kino aufgehoben. Was bleibt, ist ein minimal größeres Abenteuer als im Stream, und demnach überschaubar genug, um allen gerecht werden zu wollen. Star Wars-Greenhorns, Familien, Science-Fiction-Fans und eingefleischten Nerds. Richtig spezialisieren kann man sich da wohl nicht, irgendwo storytechnisch eintauchen auch nicht. Die fantastischen Schauwerte sind das, was bleibt.

Das große Publikum wird The Mandalorian und Grogu nicht ins Kino locken, dazu hängt das Mandoverse zu sehr an Disney+. Ein großes, unabhängiges Zeitalter müsste man hier öffnen – mit einem komplexem Plot, der die weit weit entfernte Galaxie bis ins Outer Rim erschüttert. Die Old Republik fällt mir wieder ein. Besser aber, ich gebe es langsam auf, zu hoffen.

The Mandalorian and Grogu (2026)

Rosebush Pruning (2026)

DIE FAMILIE ZUM FRASS VORWERFEN

4/10


Die ganze Familie - Elle fanning, Jamie Bell, Callum Turner, Riley Keough, Lukas Cage und Tracy Letts in Rosebush Pruning
© 2026 Stadtkino Filmverleih / Crossing Europe


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ITALIEN, SPANIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: KARIM AÏNOUZ

DREHBUCH: EFTHYMIS FILIPPOU

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART

CAST: CALLUM TURNER, JAMIE BELL, RILEY KEOUGH, LUKAS GAGE, TRACY LETTS, PAMELA ANDERSON, ELLE FANNING, ELENA ANAYA, LOLO HERRERO U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN



Zum Auftakt des diesjährigen kleinen Festivalwunders Slash ½, auf welche bereits eine einschlägige und ungemein treue Community seit letzten September so unerbittlich wartet wie auf das Christkind (dass da in dieser Wartezeit irgendwo dazwischenliegt), zeigt Festivalleiter Markus Keuschnigg den, wie gesagt wird, wohl kontroversesten Film der diesjährigen Berlinale: Rosebush Pruning, was soviel heisst wie das Kappen und Schneiden von Rosenbüschen.

Lanthimos im Geiste

Das klingt unweigerlich nach Yorgos Lanthimos, vor allem in Verbindung mit einer dysfunktionalen Familie, die sich gegenseitig so dermaßen manipuliert und unterdrückt, als gäbe es kein Morgen mehr. In diesem dekadent reichen Kosmos einer fünfköpfigen Gesellschaft gibt es das auch bald nicht mehr – mit Akzeptanz, Liebe und individueller Freiheit hat das alles nichts mehr zu tun.

Keine Ahnung, warum sich Lanthimos immer wieder gerne subversive Inhalte wie Dogtooth, The Lobster oder The Killing of a Sacred Deer von der Seele inszeniert, doch diesmal, bei Rosebush Pruning, kann er nur bedingt etwas dafür. In Wahrheit steckt hinter Lanthimos Werken als Koautor fast immer Efthymis Fillippou. Diesmal hat der Grieche ein Solo hingelegt, um es vom gebürtigen Brasilianer Karim Aïnouz (Firebrand, Motel Destino) umgesetzt zu sehen.

Das Stigma der Gleichgültigkeit

Klar wird: Auch ohne Lanthimos enthält Rosebush Pruning irgendwie alles, was Lanthimos ausmacht. Oder ausgemacht hat, denn nunmehr zeigt sich dieser von einer milderen, profaneren Seite, wie zuletzt in Bugonia (was der Qualität aber keinen Abbruch getan hat, ganz im Gegenteil). Ohne Filippou ist Lanthimos nahbarer und griffiger – die gestelzte Unnahbarkeit der Figuren mag wohl an Fillipous Schreibstil liegen, der seinen Figuren kaum Charisma oder dreidimensionale Charakterzüge schenkt, die ihr Umfeld reflektieren können.

Womit wir beim eigentlichen Problem von Rosebush Pruning wären. Das ganze wäre ja furchtbar skandalös, wenn einem die ganze Sippschaft hier, die irgendwo in Katalonien in der waldreichen Isolation ihr hedonistisches Dasein fristet, so erschreckend egal wäre.

Illustre Runde

Dabei ist der ganze Film ordentlich starbesetzt, lauter bekannte Gesichter. Callum Turner (der mögliche nächste James Bond?), Sentimental Value-Schönheit Elle Fanning, Ex-Balletttänzer Jamie Bell, Riley Keough oder Tracy Letts als der blinde Patriarch ohne Namen, der längst schon seine Familie an den Abgrund getrieben hat und nur noch darauf warten müsste, dass alle hineinstürzen – er womöglich zuerst. Das gelingt ihnen allein durch das Verständnis der Mechanismen von Intriganz und Unterdrückung, die wiederum nur funktioniert, weil das Konstrukt von Familie Regeln hat, die nicht zu brechen fast schon an ein Sakrileg grenzt.

Verstörende Vorlieben

Fast hätte ich Pamela Anderson vergessen! Die mischt hier auch noch mit und begeistert durch ein strahlend toxisches Lächeln von der vielen Zahnpflege – wobei, die schäumende Mundhygiene mitunter auch zur Zweckentfremdung dient. Leider, und das ist der ganze Ausgangspunkt, wurde die von einem Rudel Wölfe verschleppt, wodurch der blinde König in seinem prunkvollen Exil (nämlich Letts) absolutistisch herrscht, als wäre es das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt.

So wie Pamela Anderson angeblich von gierigen Tieren zerrissen wurde, so zerreißt zusehends diese blutsverwandte, ineinander verwachsene Struktur mitsamt ihren verstörenden Vorlieben, die aber nichts mit Lebensträumen zu tun haben, sondern mit egozentrischer Macht.

Skandal als Mittel zum Zweck

Fillippou stattet jede seiner Figuren mit unschönen Eigenschaften aus, die nacheinander das Licht der Leinwand erblicken und angeblich so manche aus dem Berlinale-Publikum dazu veranlasst haben, den Kinosaal zu verlassen. Wenn es denn nicht so egal wäre, wenn man davon nicht so unberührt wäre.

Die Dekonstruktion eines stinkreichen patriarchalen Gefüges hat man schon oft gesehen, doch erstaunlicherweise selten so inspirationslos, als wäre die Provokation dann doch nur Mittel zum Zweck und die Weltentfremdung eine autoaggressive Nummernrevue, in der irgendwo ganz tief in Fillippou eine große persönliche Enttäuschung oder Erniedrigung liegen muss, die sich an exaltierten Ich-Personen ohne Perspektive abreagiert.

Rosebush Pruning (2026)