Toy Story 5 (2026)

DENN SIE WISSEN NICHT, WIE MAN SPIELT

4/10


Jessie, Buzz und Woody begegnen Lilypad in Toy Story 5© 2026 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: ANDREW STANTON

DREHBUCH: ANDREW STANTON, MCKENNA HARRIS

KAMERA: MATT ASPBURY, JEAN-CLAUDE KALACHE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JOAN CUSACK, TIM ALLEN, TOM HANKS, GRETA LEE, CONAN O’BRIEN, ERNIE HUDSON, ALAN CUMMING, BLAKE CLARK, SCARLETT SPEARS, MYKAL-MICHELLE HARRIS U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): CAROLIN HARTMANN, MICHAEL „BULLY“ HERBIG, WALTER VON HAUFF, MARKUS PFEIFFER, RICK KAVANIAN, LAURA MAIRE, GERY SEIDL U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Statt „Denn sie wissen nicht, wie man spielt“ könnte der Titel für meine Review auch etwas anders lauten: „Denn sie wissen nicht, wie man aufhört“. Diese Headline wäre auf all die Kinder gemünzt, die in Toy Story 5 das Spielen verlernt haben und längst in eine digitale Abhängigkeit gedriftet sind.

Wer nicht wagt, der gewinnt

Allerdings wäre diese Zeile auch eine berechtigte Kritik an jener, nach Margen gierenden Vorgehensweise gigantisch großer Filmstudios wie in diesem Fall Disney, die ihre Zitronen auch dann noch weiter auspressen, obwohl schon längst nichts mehr das Glas füllt. Das passiert mit den unsäglichen Realverfilmungen längst brillanter Stoffe. Das passiert mit dem kommenden sechsten Teil von Ice Age, obwohl der fünfte schon mau war, sowie dem fünften Teil von Shrek.

Was ordentlich Kohle lukriert hat, wird das auch weiterhin tun, denken sich die im Geldmachen geschulten Kaufleute, die das Sagen haben und natürlich nicht das geringste Risiko eingehen, das schließlich immer eingegangen werden muss, wenn neue Ideen oder neue Inhalte an den Start sollen. Die Hosen sind aber randvoll, und gewagt wird nichts, obwohl trotzdem gewonnen werden will. Also nochmal Toy Story – nochmal eintauchen in einen wunderbaren Kosmos, der 1995 das Tor in eine neue Welt aufgestoßen hat: nämlich die des komplett computeranimierten Langfilms, dem nicht nur daran gelegen hat, seine technische Raffinesse zu präsentieren, sondern gleichsam auch, eine starke Geschichte zu erzählen – mit komplexen Charakteren, Tiefgang und ordentlich Herz. Cowboy Woody, Raumfahrer Buzz Lightyear und all die anderen, die in den Kinderzimmern der amerikanischen Welt immer erst dann ihr Eigenleben weiterleben können, wenn sie sonst kein Mensch beobachtet.

Diese Idee zählt überhaupt zu einer der besten – auch im vierten Aufguss ist es immer noch witzig, wenn das Spielzeug erstarrt. Fast schon wie der Zustand eines Quantenteilchens, das nur dann präzise wird, wenn man es misst. Doch so gerne man diese Teppichbodenrabauken – von Dino über Sparschwein bis zum Göffel – immer mal wieder zu Gesicht bekommt, so sehr wünscht man sich, diese Gegenstände würden endlich mit ihrer Existenz im Reinen sein.

Kindliche Stereotypen im Trend

Doch falsch gedacht: Andrew Stanton hatte die Aufgabe, hier nochmal in medias res zu gehen, was ihm scheinbar schwerfiel, denn was soll er noch anderes erzählen außer von einer stetig im Wandel befindlichen Kindheit, vom Erwachsenwerden, von Vergänglichkeit und dem Wert des Spielens? Was noch, ohne sich an den Zeitgeist binden zu müssen?

Schon längst treibt den Weltwohlstand die Sache mit den sozialen Medien um, die Bildschirmzeit für Kids und die ganze Suchtgefahr. Klar muss sich Disney da zu Wort melden, doch scheint sich Stanton dabei bereitwillig an edukativem Schulfernsehen zu orientieren, das leicht interpretierbare Fallbeispiele liefern soll. Alles gut, alles recht – doch ideenreich ist das nicht.

Toy Story 5 wird zum Kinderfilm und verzichtet diesmal darauf, soziale Konfliktebenen aus der Erwachsenenwelt auf die Miniaturwelt einer Spielzeuggesellschaft zu projizieren. Was dann durchbricht, sind Stereotypen. Dort der schüchterne und leicht beeinflussbare Volksschulcharakter – da die rustikale Pferdenärrin, die Unterhaltungselektronik sinnvoller nutzt. Dazwischen das Spielzeug, das nicht weiß wie ihm geschieht bei all der Technik, den Tablets und der Ignoranz der Kinder, die nur noch klicken, wischen und downloaden.

Weniger ist nicht mehr Mehr

Stanton gibt sich obendrein einem erzählerischen Multitasking hin, das die ohnehin schon rastlos-quirlige Turbulenz zusätzlich noch hochschraubt. Das gleiche Problem hatte Minions & Monster. Keine Ahnung, was die Verantwortlichen fürs Skript über die Illumination-Helferleins da bewogen hat, all diese Sidestories aufzuziehen. Und vor allem: welcher Art.

Der Fokus ging dort flöten, und er flötet auch bei Toy Story 5, während gestrandete WLAN-Lightyears dem Licht der Sterne folgen. Immerhin kumuliert auch diese Nebenhandlung im Laufe des Films mit dem roten Faden der Geschichte.

Dabei erschließt sich kaum noch, welche Relevanz Woody und Lightyear haben, die ungefähr genauso viel leisten wie die alten Ghostbusters im ersten Reboot-Film. Im Zentrum steht diesmal Cowgirl Jessie, sie hat den Mental Load und die ganze Care-Arbeit – sie kümmert sich, während alle anderen den Bildschirm verschönern. Obendrauf gesellen sich so einige neue Charaktere dazu, die allesamt durcheinanderreden und bis zur ersten Ermüdungserscheinung entertainen, was das Spielzeug hält. Der Töpfchen-Support namens Schlauberger hätte da gereicht.

Repetitive Existenzkrisen

In Toy Story 5 kocht jede(r) sein Süppchen, Ego-Konflikte bleiben ohne Pointen und die Action wirkt nicht nur angestrengt – sie strengt auch an. Die kleine Lightyear-Kompanie ist auch noch irgendwohin unterwegs und sowieso muss wieder mal irgendwer aus anderen Kinderzimmern gerettet werden. Das alles hat man schon gefühlt zehnmal durch. Dass kreatives Spielen etwas Besonderes ist und das Spielzeug, sofern es keine Verschleißerscheinungen zeigt, immer wieder neu anfangen muss, weil es dann ewig lebt, hatten wir spätestens schon in Teil Zwei. Toy Story 5 weiß da nichts Neues mehr, und ist folglich auch der mit Abstand schwächste Teil einer sonst formidablen Reihe.

Dem Publikum scheint’s aber egal zu sein. Oder der Begriff Toy Story ist einfach zu legendär, um dem liebgewonnenen Spielzeug aller Meinungen zum Trotz nicht die Ehre zu erweisen.

Toy Story 5 (2026)

Die Odyssee (2026)

DIE PRAKTISCHE WUCHT DER MYTHEN

7/10

 

Matt Damon als Odysseus in Christopher Nolans Die Odyssee© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

DREHBUCH: CHRISTOPHER NOLAN, NACH DEM EPOS VON HOMER

KAMERA: HOYTE VAN HOYTEMA

CAST: MATT DAMON, TOM HOLLAND, ANNE HATHAWAY, ROBERT PATTINSON, HIMESH PATEL, CHARLIZE THERON, ZENDAYA, BENNY SAFDIE, LUPITA NYONG’O, JON BERNTHAL, JOHN LEGUIZAMO, ELLIOT PAGE, SAMANTHA MORTON, MIA GOTH, RYAN HURST, COREY HAWKINS, ANDREW HOWARD, JAMES REMAR, BILL IRWIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 52 MIN



Das Warten hat ein Ende – nicht nur für Penelope. Endlich ist er da, der neue Film von Christopher Nolan, der Hit des Sommers und der wohl am heißesten erwartete Film des Jahres, bevor noch die Avengers den Doomsday einläuten.

Dabei aber ist eines klar: Nolan ist niemand, der sein Publikum in erster Linie in den Eskapismus führen will. Seine Filme haben stets Gewicht – sind sie nun intellektuell herausfordernd wie Inception oder Tenet – oder historisch und gleichzeitig gegenwartsrelevant wie Oppenheimer oder Dunkirk.

Fast schon intim und doch riesengroß

Eines macht Nolan nicht, und zwar niemals: Blockbuster. Eventfilme. All das im herkömmlichen Sinn, durch Studios fremdbestimmt und durch die letzten Worte schlecht aufgelegter Sanktusgeber verwässert. Nolan ist ein Independent- oder gar ein Autorenfilmer. Sein neuestes Werk, Die Odyssee, frei nach Homers Epos, ist genau das: Arthouse – mit dem einzigen Unterschied zu anderen unabhängigen Arthouse-Filmen, dass diesmal ordentlich Budget zur Verfügung stand, und Nolan nicht daran denken musste, groß zu improvisieren, um Defizite wettzumachen.

Nolan kann sich zurücklehnen. Für seine Vision bekommt er, was er verlangt. Warum das so funktioniert, ist eine andere Frage. Fakt ist: Hier kehrt das Kino zu einer reaktionären und zugleich progressiven Art von „New Wave“ zurück – zu einem Neo-Neo-Realismus, der so wenig wie möglich mit den Bequemlichkeiten und der fehlenden Echtheit von Studioproduktionen zu tun haben will.

Ein Stoff, von dem wir alle was haben

Um das zu bekommen, mussten Nolan und sein Team wohl einen Stoff vorlegen, der diesen „New Wave“-Weg eigentlich erst rechtfertigt. Das funktioniert am besten mit alten Geschichten, die uns alle verbinden. Mit einem Epos, das in einer Zeit spielt, in der die Geschichte Amerikas lange noch in Europa liegt – wie eine Art Wiege, eine magische Identität, die die USA sonst vergeblich suchen würde und dabei in den Junk-Food-Beglückungen eines Percy Jackson-Abenteuers landen muss, in denen die griechische Götterwelt längst aus Europa auswandern und ins Exil hat müssen und der Olymp womöglich in New York liegt.

Und irgendwann bleib i dann dort…

Die Odyssee gibt einiges her. Gerade im Sommer, wenn das Schippern diverser Stars auf dem Mittelmeer Lust auf Griechenlandurlaub entfachen soll. So manche werden hoffen, dass sie, wenn sie schon nicht dort sind, zumindest ein paar Culture-Vibes aus dem Kinosaal als Souvenir mitnehmen können.

Den Wunsch erfüllt Nolans Version jedoch weniger. Keine exotische, liebliche, abenteuerlustige Mittelmeerkreuzfahrt. Sondern ein Apocalypse Now aus einer Zeit, die längst schon verklärt genug ist, um Schlachten wie die um Troja zu romantisieren.

Lieferengpass für Lotusblüten

Die ganze verdammte Reise des Odysseus, die in mosaikartiger Anordnung ähnlich wie in Homers Vorlage in das kollektive Gedächtnis des Publikums sickert und letztlich auch in den durch Kalypsos Lotusblüten umnebelten Geist des Protagonisten, lehnt den Tonus der feisten Helden-Apotheose strikt ab und schenkt dem listig-kreativen Krieger, dem Troja auch selbiges Pferd zu verdanken hat, einen psychologischen Irrweg der Reue und der Schmach.

Verfolgt von den Bildern eines brennenden und hingemetzelten Königreichs, treibt es ihn und seine Männer an wenig gastfreundliche Gestade – vom Zyklopen Polyphem über die kannibalischen Laistrygonen und der Zauberin Circe, die in einer völlig irren Body-Horror-Sequenz Odysseus‘ Kameraden in Schweine verwandelt, bis hin auf die Insel des Sonnengottes und seiner Kuhherde, an der sich kein Sterblicher vergreifen darf.

Einmal straffen und kürzen, bitte!

Nolan, der Homers Epos in der aktualisierten Version von Emily Wilson als Grundlage verwendet hat, nimmt sich so einige Freiheiten, die nicht dem klassischen Stoff, so wie wir ihn kennen, entsprechen möchten.

Zum Beispiel hier: Polyphem führt niemals einen Dialog mit Odysseus (schade um „Mein Name ist Niemand“). Circe wird im Grunde auf völlig andere Weise bezwungen und ein Floß, wie einst Tom Hanks in Castaway, baut Odysseus eigentlich auch nicht. Vielmehr stößt dieser nach seinem siebenjährigen Aufenthalt auf Kalypsos Insel auf Prinzessin Nausikaa, die ihn am Ende auch nach Ithaka bringt.

Zugegeben, Die Odyssee ist ordentlich Stoff, irgendwo muss Nolan auch kürzen, und irgendwo muss auch er seinen Schwerpunkt setzen, der beim Krieg, beim Verrat und bei einer abenteuerlich konnotierten Katharsis liegt. Da hat das Geplänkel mit dem Zyklopen keinen Platz, da ist Augenzwinkern nicht gefragt, da darf es durchaus bleischwer übers Meer gehen, denn auch die Antike war nichts, wohin man sich wünschen sollte, weil es da womöglich illustrer war.

Die Pflicht, Odysseus‘ Abenteuer abzuhaken

Mit dem Fokus auf den Krieg – am Ende, in einer schauspielerisch grandiosen, weil ruhigen und ausnahmsweise mal nicht wummernden Szene lässt Matt Damon, noch immer verkleidet als Bettler, vor Penelope die Schande mit dem Pferd nochmal Revue passieren – nimmt sich Nolan allerdings kaum Zeit, Odysseus‘ Abenteuer lustvoller zu feiern.

Diese werden, bis auf Kalypso (idealbesetzt: Charlize Theron) chronologisch geordnet, mehr abgehakt als ausgefochten. Kaum sind die Laistrygonen dran, sind sie auch schon weg. Viel mehr will sich Nolan mit Telemachos (blass: Tom Holland) auseinandersetzen, was ihm wieder die Wucht seiner Mythologie nimmt. Stattdessen poppt ab und an Zendaya als angebliche Athene auf – oder als begleitendes schlechtes Gewissen. Doch auch sie bleibt überraschend unscheinbar und maximal eine Fußnote.

Ein Filmdreh als Europareise

Weniger Querverweis, sondern der eigentliche Grund, warum man Nolans Odyssee sehen sollte, ist das streng auferlegte Credo der Authentizität und der exzessive Wille, alles, was nur möglich wäre, „on location“ gedreht zu haben.

Natürliches Licht, echtes Salzwasser, echte Schiffe; ein fast schon echter Polyphem und ein nahezu echtes Troja – Handwerk macht auch in der Welt des Films einen Unterschied. Schließlich fühlt es sich anders an, rauer, physischer, vom Ensemble einfach empfundener. Wenn mehrere Dutzend Statisten ein echtes trojanisches Pferd über den Strand ziehen, so ist das – mit all der Muskelraft, dem Schweiß und dem Sand – einfach geschehen.

Wenn Circes Schweine echte Schweine sind, das Wasser im Gesicht von Matt Damon tatsächlich das Mittelmeer, der dunkle Lavastrand, der den Hades markiert, auch wirklich Lava – so ist das epischer, auf spezielle Weise berührender Realismus, dem virtuell Erstelltes niemals entgegentreten kann. Der Unterschied ist schwer zu artikulieren, und daher eigentlich nur zu erfahren.

Audiovisuelle Stärken

Die Wucht der Bilder entsteht dann aus dieser Anforderung heraus: Wenn Zyklop Polyphem als gespenstischer Golem wie aus einer Zeichnung von Alfred Kubin im Gegenlicht des Höhleneingangs erscheint, wenn nur die Flammen des Feuers ihn erleuchten, dann sind das visuelle Interpretationen, die man so noch nicht gesehen hat. Mitunter ist diese Szene etwas ganz Besonderes, auch der Hades mit all den Toten oder Circes Zauber: düster und gespenstisch zwar, aber, ergänzt durch Ludwig Göranssons kreativem Score als Stimmungsmultiplikator, wegweisend gefilmt.

Gebändigte Impulsivität

So steht der visuelle Reiz gegen eine verpeilte Dramaturgie, die gerne impulsiver wäre, als sie eigentlich ist, stattdessen verblüffend rational und ernüchtert Odysseus Herausforderungen annimmt. Die Odyssee wirkt fast schon kontemplativ, weniger leidenschaftlich, obwohl die Bilder diese Leidenschaft ausleben möchten, es aufgrund einer verbissenen narrativen Vision aber einfach nicht können.

Matt Damon tut da sein bestes, er selbst verschwindet irgendwann hinter der Figur des Odysseus – und das, obwohl Matt Damon jeder kennt. Ist dieser Wendepunkt erreicht, ist das hohe Kunst. Auch Anne Hathaway ist stark, Robert Pattinson, fies wie noch niemals zuvor, ebenso. Und Elliot Page als Sinon muss wohl die bedauernswerteste Figur des ganzen Epos verkörpern.

Es lebe der praktische Realismus!

Was bleibt, unterm Strich? Nicht zwingend massentaugliches Independentkino mit Riesenbudget und großem ökologischem Fußabdruck, den Nolans Vision rechtfertigen will. Eine erstaunliche Optik, viele reise- und kriegsmüde Männer und ein Manifest auf den praktischen Realismus, der den computertechnologischen Bequemlichkeiten den Kampf ansagt. Bleibt nur die Frage, ob sich Die Odyssee vorrangig durch ihre Absichten und Ambitionen identifizieren will. Abgekoppelt von seiner Entstehung, ist der Film dann immer noch ein Meisterwerk?

Die Odyssee (2026)

Allegro Pastell (2026)

VIELE OFFENE TÜREN IM WOHLSTANDSEUROPA

6/10


Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner in der Verfilmung von Leif Randts Allegro Pastell© 2026 WalkerWorm Film / Felix Pflieger


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: ANNA ROLLER

DREHBUCH: LEIF RANDT, NACH SEINEM GLEICHNAMIGEN ROMAN

KAMERA: FELIX PFLIEGER

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SYLVAINE FALIGANT, HALEY LOUISE JONES, LUNA WEDLER, MARTINA GEDECK, WOLFRAM KOCH, VERA FLÜCK, NICO EHRENTEIT, AKOB SCHREIER, KELVIN KILONZO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Im Jahre 2018 war die Welt noch in Ordnung. Da konnte man sich noch lieben, sich necken, zusammenziehen oder Schluss machen. Da war die zwischenmenschliche Beziehung noch in all ihren Ausformungen Freiheit, Wildnis, Egotrip. Alles in allem, und ohne Committment.

Vom Wert der Zweisamkeit

In Allegro Pastell haben wir es mit Millennials zu tun, die drauf und dran sind, sich selbst zu verwirklichen oder das zu suchen, was sie vielleicht mal in ihrem Selbst ruhen lässt. Noch aber ist alles im Aufbruch und Umbruch, von Covid 19 wussten damals nur die Studierten, doch sicherlich nicht das trendaffine, sozial integre Volk. Zwei Jahre später dann die ersten Maßnahmen, da wird man froh gewesen sein, jemanden an seiner Seite gehabt zu haben, der gemeinsam mit einem selbst diese Ausnahmejahre hat durchstehen wollen. Man muss Partnerschaft und Beziehung nur in die richtige Relation setzen, dazu braucht es etwas Ernstzunehmendes, Übergeordnetes.

Zufriedenheit als Stillstand

2018 war die Welt also noch in Ordnung. Und Jannis Niewöhner als Jerome liegt mit Love Interest Sylvaine Faligant gemeinsam im Bett; während eines pastelligen Morgens, entspannt und irgendwie zufrieden, wobei einem immer wieder das Gefühl beschleicht, das so viel Wohlbefinden bei solchen Mitdreißigern irgendwo einen Haken hat. Dieses Wohlbefinden mag Zufriedenheit hervorrufen, und Zufriedenheit, gleichbedeutend mit Stillstand, ist gar nicht gut bei Menschen, die nach etwas streben, oder immer wieder glauben, nach etwas – und dieses Etwas ist das Mehr – streben zu müssen.

Die Qual der Wahl bei den Privilegierten

Alles scheint zusammenzupassen, und doch bleiben da diese ungenutzten Möglichkeiten. Denn abgesehen davon, dass man vorwärts drängt und noch vor der erschütternden Vierzig sich und der Welt beweisen muss, wer man ist, stehen in der westlichen Welt des Wohlstands einfach so viele Türen offen, dass es fast verschenkt scheint, nicht noch durch eine andere zu treten. Jenseits der Schwelle wartet da vielleicht noch ein anderer Mann oder eine andere Frau. Vielleicht sind diese anderen die vom Schicksal ausersehenen, während man Zeit damit verliert, gemeinsam eine Existenz zu festigen, die von weiteren möglichen Chancen ablenkt.

Niemand will einander gefunden haben

Dabei meint es niemand wirklich böse, niemand will dem anderen wehtun, es ist alles eine Frage der Selbstfürsorge und die Suche nach Gewissheit, sich für das richtige zu entscheiden. Bald wird es diese Auswahlmöglichkeiten nicht mehr geben, zumindest für einige Zeit. Hätte man doch und wäre man doch. Oder eben auch nicht.

Anna Roller portraitiert diese Generation der Unruhigen und Zielsuchenden mit ganz viel Text aus dem Off, die aus Leif Randts Romanvorlage kommen muss. Das gibt Allegro Pastell schon von Anfang an eine intellektuell-literarische Note, die das Beziehungsdrama als intellektuelles Psychogramm gleich mehrerer Personen identifiziert. Im Fokus Faligant und Niewöhner als dieses unentschlossene und doch ganz eindeutig zusammengehörende Liebespaar, das nicht glauben kann, dass es sich gefunden hat.

Französisches Autorenkino

Allegro Pastell zeigt eine Welt des frei wählbaren Luxus – einer Wohlstandsgesellschaft, die um sich kreist und manchmal auch um andere. Die Stimmung, die Roller dabei lukriert, ist so melancholisch, gedankenverloren und tänzerisch, dass man meinen könnte, in einer französischen Studentenromanze gelandet zu sein, jenen aus den Achtzigern und Neunzigern, in denen Dreiecksbeziehungen keine Seltenheit sind und die freie Liebe sowas wie die moderne Familie, nur ohne Kommune, stattdessen im Bungalow der betuchten Eltern, die als Baby Boomer als erste Generation nach dem Krieg den Boden für die nachkommenden Generationen erst aufbereiten musste.

Die Handlung als seufzende Momentaufnahme

Oft schon haben Beziehungsfilme wie Allegro Pastell Wohlstandskinder auf hohem Niveau nicht gerade jammern, aber nach dem Best Case suchen lassen. Neu ist das, was Leif Randts Roman zumindest im Kino erzählt, nicht wirklich. Und so bewegt sich das Leben von Niewöhner und Sylvaine Faligant, ob mit- oder ohneeinander, auch nicht groß weiter. Es tun sich weder Gräben auf noch müssen neu aufgetürmte Topografien überwunden werden. Dabei plätschert Allegro Pastell von heiter bis sentimental wolkig, und hat so seine langen dramaturgischen Seufzer.

Rückblickend bleibt das Ganze recht inhaltsleer, und trotz der Abgehobenheit der Figuren schafft es Roller, die Distanz zum Publikum zu schmälern. Das schafft sie mit Atmosphäre und eleganter, nicht unbedingt selbstgefälliger Bildsprache, da diese schließlich punktgenau illustriert, in welcher Blase sich die Welt am Zenit einer auf ewig zu konservierenden Aufbruchsstimmung befindet.

Allegro Pastell (2026)

Passenger (2026)

DÄMONEN IM STRASSENVERKEHR

7/10


© 2026 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: T. W. BURGESS, ZACHARY DONOHUE

KAMERA: FEDERICO VERARDI

CAST: LOU LLOBELL, JACOB SCIPIO, MELISSA LEO, JOSEPH LORENZ, TONY DOUPE U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Un-menschliche Verhaltensweisen

Warum nur entfernt man sich des Nächtens während eines Autostopps meterweit vom Auto in den Wald hinein, wenn doch weit und breit niemand die Idylle der Straßenrand-Notdurft stören würde? Im wahren Leben würde das nicht passieren, im wahren Leben strullt man im Abblendlicht der Scheinwerfer. Leider muss sich Passenger gleich zu Beginn mit dem Tatbestand einer unlogischen menschlichen Verhaltensweise auseinandersetzen. Als Zuseher seufzt man da einmal kurz und heftig durch. Ließe sich es irgendwie anders bewerkstelligen, dass in der Prolog-Szene des Roadtrip-Horrors das Böse auch dann effektiv zuschlägt, wenn man verhaltenstechnisch plausibel bleibt?

Neue Ideen sind manchmal überbewertet

Bei diesem Miesepeter aus der Hölle womöglich schon. Denn der hat als Dämon so einige Skills auf Lager. Wird unsichtbar, wechselt den Standort in Sekundenschnelle, und wenn er mal materialisiert, spritzt Blut, wie es sich für einen Dämonen-Slasher eben gehört.

Über solche Logiklücken lässt sich in Passenger, zieht man am Ende Resümee, freigiebig hinwegsehen. Denn André Øvredal, der schon mit seinem von Guillermo del Toro inspirierten Gruselthriller Scary Stories to Tell in the Dark absolut den Geschmack getroffen hat, beweist zumindest in seinem neuen Werk, wie man auch ohne neue Ideen bereits vorhandene Versatzstücke mit Respekt vor ihrer oft bemühten Wirkung erfrischend verwursten kann. Und das ist weniger sarkastisch gemeint als es klingt.

Passenger betritt viel befahrene Straßen, das ist ohnehin klar. Doch Øvredal weiß, wo er auf welche Weise Schreckens-Mechanismen dehnt, leicht verzerrt, als würde er osteopathisch an die Sache rangehen, diese hin und her schiebt oder wie einen Wagen ohne Handbremse und Gang einfach ein paar Meter weiter ausrollen lässt.

Die Umgebung im Blick behalten

Ganz deutlich wird diese Vorgehensweise in einer Szene sichtbar, in der sich Lou Llobell (bekannt geworden durch die Serienverfilmung von Isaac Asimovs Foundation) allein über einen nächtlichen Parkplatz hinweg ihrem Camper nähert, mit dem sie und ihr Verlobter vorhaben, ihr Vanlife zu leben. In dieser Szene hat der Passenger längst Blut geleckt und sich als Trittbrettfahrer zu erkennen gegeben – doch Øvredal hält seine Zuseher auf gekonnte Weise lange genug hin, um so etwas wie eine angespannte Vorahnung zu erzeugen, kurz gesagt: Suspense, die vor allem durch die energisch rotierende Kamera erzeugt wird.

Bei jedem erneuten Kreisen um Lou Llobell herum könnte im Hintergrund irgendwo diese schaurige Gestalt stehen, wie einst Mike Myers in seinem Blaumann. Wenn die Ankündigung des Schreckens zum Fehlalarm wird, ist das kein dramaturgisches Defizit, sondern ein keckes Spiel mit der Erwartungshaltung und dem Publikum selbst.

Ein lichtscheuer, wüster Kerl

Schließlich taucht der Passenger – eine düstere Gothic-Figur, als wäre Iggy Popp in ferner Zukunft mal aus dem Grab gestiegen (wir hatten ihn bereits als Zombie in Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die) und hätte sich, untot wie er wohl sein würde, als Darsteller für Severus Snape beworben – vermehrt zu unerwarteten Zeiten auf.

Den besten Jumpscare fährt er gleich zu Beginn ein, nach dem Schrecken folgt wohlige Vor- und Schadenfreude die nächsten eineinhalb Stunden lang. Und immer dann, wenn das Abblendlicht nicht weiter weiß und der Kegel der Taschenlampe am Dickicht des Waldessaums hängenbleibt, sind dramaturgische Leerläufe schnell verziehen. Kann ja sein, dass sich im Dunkel dahinter nicht nur der Highwaykiller verbirgt. Vielleicht auch ein dämonisch verzerrter Gregory Peck.

Stoßgebete an den Schutzpatron

Zum Plot muss man nicht viel erwähnen. Passenger ist ein Roadmovie mit überschaubarem Cast, der Fokus liegt auf einer unmöglich realisierbaren Safe Journey und liebäugelt ein bisschen auch mit den Mächten des katholischen Who is Who’s im Himmel, wenn der Heilige Christophorus, der Schutzpatron aller Reisenden, hilfreich zur Seite steht. Denn da hat Øvredal wieder das Genre der Dark Fantasy gestreift, wie er es seit Trollhunter immer schon getan hat. Eine Eigenheit, mit der auch Passenger spielerisch umgehen kann.

Passenger (2026)

Power Ballad – Der Song meines Lebens (2026)

SPIEL MIR DAS LIED VOM ERFOLG

5,5/10


Nick Jonas und Paul Rudd in John Carneys Musikfilm Power Ballad – Der Song meines Lebens
© 2026 Lionsgate / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, IRLAND 2026

REGIE: JOHN CARNEY

DREHBUCH: JOHN CARNEY, PETER MCDONALD

MUSIK: JOHN CARNEY, GARY CLARK

KAMERA: YARON ORBACH

CAST: PAUL RUDD, NICK JONAS, PETER MCDONALD, HAVANA ROSE LIU, JACK REYNOR, MARCELLA PLUNKETT, RORY KEENAN, KEITH MCERLEAN, PAUL REID, BETH FALLON U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Film und Musik gehen besonders bei einem Mann zusammen, der das Songwriting ins Scriptwriting immer hat einfließen lassen – und umgekehrt: John Carney. Der irische Filmemacher, der mit dem Hit Falling Slowly aus dem Film Once Oscar-Geschichte geschrieben und mit Can A Song Save Your Live? in meinen Augen einen der besten modernen Musikfilme herausgebracht hat, mit Mark Ruffalo und einer nicht nur musikalisch begnadeten Keira Knightley, betont nun in seinem neuesten Film Power Ballad – Der Song meines Lebens erneut, wie schwierig es ist, ein gutes Lied zu komponieren. Denn da müssen so einige Faktoren zusammenkommen: Harmonierende Lyrics, ein mitreißendes Tempo, ein spannender Rhythmus und vor allem aber ein einprägsamer Refrain.

Nicht jeden küsst die Muse

Songwriting kann somit nicht jeder, und oft auch kein Superstar, denn die lassen schreiben, interpretieren bewährte Klassiker neu und haben ein ganzes Label im Rücken, das alles dafür tut, um die Jahrhundertnummer, die vielleicht gar keine ist, groß rauszubringen.

Songwriting alleine reicht aber nicht. Es ist wie mit einem guten Skript – dafür einen Verlag zu finden, mag eine Lebensaufgabe bleiben. So ähnlich geht’s Paul Rudd als verkanntes oder unerkanntes Genie, das mit seiner Band auf Hochzeiten aufspielt und da nur Lieder schmettern darf, die ohnehin jeder kennt. Beim selbstverfassten Stoff jedoch zerstreut sich das Publikum, und hätte die Schicksalsfee mit sogenanntem Rick Power kein Mitleid gehabt, wäre es nie zu einem Zusammentreffen mit ihm und einem Ex-Boyband-VIP namens Danny Wilson gekommen, der den einstigen Ruhm für eine Solokarriere nutzt, für die noch der eine, ganz bestimmte Song wohl fehlt. Die Nummer, die an die Spitze der Charts kommen soll.

Gelegenheit macht Diebe

Die kreative Synergie zwischen den beiden dauert einen ganzen Abend, die beiden verstehen sich prächtig – bis einige Zeit später passiert, was fast schon passieren muss: Der Star hat Powers Song geklaut. Eben jene ganz persönliche Nummer, die dieser in jovialer Bereitschaft, den ruhmreichen Musikerkollegen zu inspirieren, ganz privat ins Klavier gehauen hat. Was also tun? Die Rechte einfordern? Danny Wilson zur Rede stellen? Doch wo ist überhaupt der Beweis, dass der Song aus Powers Feder stammt?

Um welche Werte geht es hier?

Zwei Karrieren, zwei Seiten einer Medaille. Der überbordende Erfolg und das überschaubare Handwerk eines Event-Musikers. Dort die Gunst, da der Neid. Power Ballad ist John Carneys wohl tragikomischste Regiearbeit – aber auch die vorhersehbarste. Wie umgehen mit geistigem Eigentum, wie verteidigen? Es ist ein Ringen um Gelegenheiten, die man entweder verpasst hat oder nicht. Sierger ist der, der den Plagiator zum Geständnis – oder den Urheber zur Resignation bringt.

Ums Geld geht’s da schon lange nicht mehr – oder doch? So klar ist sich Carney in seinem Duell der Barden in Sachen Beweggründe nicht wirklich, auch wenn es so scheint, als hätten beide ihre aufrichtigen Gründe dafür, zu tun, was sie eben tun müssen. Ein bisschen verliert sich diese Doppelconference im Leerlauf, als würde man gerade im Mittelteil eines Songs einem längeren Intermezzo beiwohnen, das diesen aber nicht verbessert. Paul Rudd, sowieso immer grundsympathisch, als Ant-Man ein Volltreffer fürs Marvel-Universum, mag als übervorteiltes Talent seine Rolle selten  richtig ernst nehmen, während Nick Jonas das Austauschsternchen mimt.

Wie man Stars zur Rede stellt

Ich erinnere mich bei Power Ballad an den Kabarettfilm Freispiel des Österreichers Harald Sicheritz – mit Alfred Dorfer und Lukas Resetarits in den Hauptrollen. Der eine ein erfolgloser Musiklehrer, der gerne Songwriter wäre – der andere ein Schlagerstar, der es sich gerichtet hat. Dieser Schlagabtausch der beiden mag nur eine etwas längere Szene in diesem Film sein, doch bringt Sicheritz in diesem Moment den Konflikt der beiden auf eine psychologisch konnotierte Ego-Bühne. Diese satirische Zuspitzung wäre in Power Ballad wohl die Würze gewesen. Doch das seichte Abenteuer zweier Iren (Peter McDonald als Rudds schräger Buddy ist mit von der Partie) in Los Angeles ist wichtiger als der persönliche Konflikt.

Immerhin, Power Ballad macht Laune, weil er vorne und hinten nicht wehtut. Den mitreissenden Esprit aber, den John Carney früher oft hatte, den mag man hier vergeblich suchen.

Spiel mir das Lied vom Erfolg

Und was ist mit dem Song, um den es hier geht? Man mag How to Write a Song (Without You) nach Sichtung des Streifens dank wiederholter Wiedergabe noch einige Stunden im Ohr haben, doch dann verpufft er – was daran liegt, dass dieser nicht jene Raffinesse aufweisen kann, die Falling Slowly in Once damals hatte. Nicht immer lässt sich für einen Film wie diesen ein Welthit schreiben. Da sieht man wieder, wie schwer es ist, so etwas hinzubekommen. Power Ballad entlarvt sich also selber auf eine Weise, und tut alles, um sein Lied als eine ganz große Nummer zu verkaufen.

Power Ballad – Der Song meines Lebens (2026)

Minions & Monster (2026)

AND THE BANANA GOES TO …

5/10

 

Kevin und Stuart beschwören Monster in Minions & Monster
© 2026 Universal Studios. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: PIERRE COFFIN

DREHBUCH: BRIAN LYNCH

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): PIERRE COFFIN, CHRISTOPH WALTZ, ALLISON JANNEY, TREY PARKER, JESSE EISENBERG, BOBBY MOYNIHAN, JEFF BRIDGES U. A.

STIMMEN (SYNCHRO): Bill & TOM KAULITZ

LÄNGE: 1 STD 29 MIN



Sie sind unsterblich (anscheinend). Sie sind hedonistisch, exaltiert, nervös und nervig. Sie sind devot, anbiedernd und kämpfen mit den Tücken des Alltags genauso wie unsereins. Weil sie für nichts richtig Experte sind, meist nur so tun als ob, und behaupten, alles zu können, weil sie gefällig sein wollen. Was sie aber absolut auszeichnet, das ist ihr Sinn für Humor. Wenn am Ende auch wirklich alle schiefgeht – wer zuletzt lacht, lacht am besten. Und zuletzt lachen immer die Minions.

Die Anziehungskraft des Schurkischen

Kein Sommer ohne diese kniehohen kleinen TicTacs mit ihren eigentümlichen Brillen und den blauen Hosen, die sie gern mal gegen anderes Outfit eintauschen, weil sie ja schließlich wie eine Blaupause für jeden noch so erdenklichen Job bereit sein wollen – sofern dieser dazu beiträgt, die Welt zu unterjochen.

Also sucht dieser wilde Haufen seit dem Paläozoikum immer und immer wieder nach dem einzig wahren und richtigen Oberboss. – nach einem Fiesling, der es wirklich verdient, so genannt zu werden. Der sich die Hände reibt, hämisch kichert und gehässige Seitenblicke auf alles wirft, das arglos in die Falle tappt.

Einer davon ist zum Beispiel ein gebirgsgroßer Zyklop, der mit Inbrunst alles kleintritt, was ihm unter die Füße kommt. Die Minions sind begeistert, folgen dem Riesen auf Schritt und Tritt. Ihnen dabei zuzusehen, wie die den nicht ganz hellen Tunichtgut umgarnen, zählt zu den absoluten Highlights des Films – wenn nicht gar zu diesem einen, besonderen Moment, der am Ende noch dahingehend gipfelt, Eltern von Kindern, die daheim gerne und ausdauernd den Lego-Architekten raushängen lassen, an schmerzliche Erfahrungen erinnert.

Zwei, die mächtig Ärger machen

Irgendwann wird klar, dass wiedermal Kevin und Stuart (und vielleicht auch Bob) das charakterliche Zentrum sonst eher austauschbarer Individuen bilden. Sie bekommen im Mittelalter dann auch das Monsterbuch einer herrlich karikierten Merlin-Parodie in die Finger, um gleich darauf die eine oder andere Beschwörung zu murmeln.

Das Buch mag dann später, im Zeitalter des aufkommenden Tonfilms in Hollywood, gerade wie gerufen kommen, sparen sich die beiden Hansdampfs mühsames VFX und teure Effekte. Einfach ein Monster beschwören – schon könnte ein Film daraus werden, der die Scharen in die Kinos lockt. Oder die Scharen vor etwas flüchten lässt, das mit tausenden Augen nicht unbedingt des Dr. Mabuse alles vernichten will.

Quietschbunter kosmischer Horror

Diese kleine grüne Teletubbie-Version des Cthulhu hätte selbst H. P. Lovecraft zum Lachen gebracht. Mit Quietschstimme und süßelnder Unterwürfigkeit schmiedet das kleine Wesen sinistre Pläne. Haushohe Monster, die sich Illumination aus der Monster AG geborgt hat, sollen dabei helfen.

Und dann ist da auch noch ein Roboter, einer vom anderen Stern mit dem Namen Gort, der, Filmnerds wissen, seit dem Tag, an dem die Erde stillstand, das hollywood‘sche Integrationsprogramm lebt. Dazwischen streut Regisseur Pierre Coffin, der den Minions auch ihre heliuminhalierende Kauderwelsch-Stimme leiht, von der man nie weiß: ist es spanisch, italienisch, englisch, deutsch oder buschmännisch, ein fast schon parallel laufendes Bilderquiz zum Thema Filmgeschichte in die Handlung, die als Minutensketche wunderbar funktionieren.

Eine ganze Packung TicTacs auf einmal lutschen

Je kürzer die Minions ihre Gags zünden, und je überschaubarer das Szenario als gespielter Witz, umso besser funktioniert ihre Slapstick-Welt. Je monströser, epischer und bemüht erzählerischer das Ganze wird, umso weniger.

In keinem anderen Minion-Standalone wird deutlicher, wie sehr die Minions am besten als Sidekicks funktionieren. Und wie gut man sie in szenische Intermezzi unterbringt. Wird’s abendfüllend, verrennt sich das Abenteuer in ein hysterisches Chaos, das immer noch eins draufsetzt, das alles und am besten gleichzeitig will.

Der Overkill überlagert alles

Das große Geklotze mag sich zwar Minions & Monster nennen und die Metaebene mit dem Film im Film gut genug finden – aus irgendeinem Grund aber fällt der dankbare Plot auseinander und muss fortan an doppelter Front auf Biegen und Brechen triumphieren, was abwechselnd eine der beiden Storylines schwächt.

Das Bemühen um Originalität ist letztlich verlorene Liebesmüh; der Roboter und seine Romanze mit einer Suffragette ein merkwürdig vom Thema abkommendes Add-On, als würde der Film von sich selbst ablenken müssen. Ermüdet stellt man fest, dass der Tag, an dem die Erde zumindest ein bisschen stillstehen hätte können, einfach nicht anfängt. Wie schade, denn dann hätte man die Minions deutlicher lachen gehört.

Minions & Monster (2026)

Supergirl (2026)

IN DEN WELTRAUM HINEINSCHREIEN

7/10

 

Milly Alcock als Supergirl mit ihrem Hund Krypto
© 2026 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved / Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: CRAIG GILLESPIE

DREHBUCH: ANA NOGUEIRA, NACH DER GLEICHNAMIGEN COMICREIHE (2021-2022)

KAMERA: ROB HARDY

CAST: MILLY ALCOCK, EVE RIDLEY, MATTHIAS SCHOENAERTS, JASON MOMOA, DAVID KRUMHOLTZ, EMILY BEECHAM, DAVID CORENSWET, FERDINAND KINGSLEY, DIARMAID MURTAGH, ALICE HEWKIN, WIL COBAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN



Thanos und eine Lanze für den Comicfilm

Ich weiß nicht, warum gerade im Genre des Superheldenfilms andauernd geunkt wird. Wenn schon, dann müsste sich den Vorwurf des sich wiederholenden Einheitsbreis fast schon jede Art von Film gefallen lassen. Dabei darf man nicht vergessen, dass alle Geschichten dieser Welt sowieso nur auf wenigen narrativen Mustern beruhen.

Dass nur in dieser Welt der Capes und Anzüge und Superkräfte mehr inhaltliche Variation eingefordert wird, und im Sektor des romantischen Films, des queeren Films oder des Actionfilms deutlich weniger, mag verwundern. Doch womöglich liegt die Provokation zum Spott gerade in der Haltung so mancher Übermenschen, wenn sie in falscher Bescheidenheit die Welt retten müssen – und der Antagonist selten reflektiert, warum er eigentlich alles unterjochen will.

Es mag dieser Mangel an Besinnung sein, der das Genre für manche so dumm erscheinen lässt. Nach dem nach wie vor für sich alleinstehenden Jahrhundertwurf eines Thanos und dem Aufbegehren ausgesuchter Avengers gegen ihn hat der Comicfilm dahingehend wirklich alles unternommen, um für voll genommen zu werden.

Superhelden und ihr Bewusstsein, Superheld zu sein

DC hat sich der Schwere eines Zac Snyder, dessen Interpretationen ich aber schätze, weile sie nahe an den Figuren der Heftvorlagen sind, entledigt. Weg mit den Ego-Trips und den Selbstgerechtigkeiten. Mit diesem Jammern auf hohem Niveau über verpasste Kindheiten, katastrophale Schicksale und sippenhaftende Widersacher.

Man muss zugeben, Henry Cavill und Ben Affleck waren sich zwischen gefälligem Gehabe eines Tech-Milliardärs und repräsentativer Eitelkeit wohl immer stets bewusst, wie toll sie nicht sind. Davon ist im neuen Tonfall von James Gunn kaum mehr etwas übrig. Sein Superman ist weitestgehend frei von Selbstüberschätzung.

Dieser Superman kann mit dem Begriff Superman wenig anfangen und wirkt eher so wie einer, der mal wieder Lust hat, etwas für die Allgemeinheit zu tun. Wie angenehm unprätentiös. Und wie ehrlich bescheiden. David Corenswet trifft den Charakter auf den Punkt. Sympathisch, nahbar, manchmal peinlich und sagenhaft freundlich. Seine Cousine macht es ihm gleich.

Ein Take-Away-Abenteuer, handlich und zeitgemäß

Bereits im neuen Superman von vor einem Jahren angeteasert, bekommt Ex-Targaryen-Mädchen Milly Alcock nun ihren Solo-Auftritt. In einem Abenteuer, das an Originalität jetzt nicht gerade ersäuft, dafür aber dazu steht, dass in diesem Genre wie in jedem anderen auch Geschichten nicht viel anders können als Vorhandenes zu variieren.

Da gibt es die finsteren Briganten mit Matthias Schoenaerts als gepiercter Sklavenhändler Krem, der junge Mädchen entführt, um den Fortbestand seiner Rotte zu sichern. Ganz schön düster für ein leichtfüßiges Abenteuer. Mädchenhandel, Missbrauch, Unterdrückung – schwere Themen, die Craig Gillespie (I, Tonya, Cruella) auf wundersame Weise zu einem Missstand macht, über den man nicht lamentiert oder in Schockstarre verharrt, sondern den es zu ändern gilt. Ärmel hoch, das Schwert fest im Griff – und die Rache wird zum süßen Wort.

Leg dich nicht mit Frauchen an!

Dieses Supergirl will genauso wenig super sein wie ihr Verwandter, der es sich auf Erden bereits gemütlich gemacht hat. Mit dem animierten Hund Krypto und verbeultem Raumschiff säuft sie sich durchs Universum, von Spelunke zu Spelunke, ohne Ziel und Aufgabe. Diese lasterhafte Fehleranfälligkeit ist die Augenhöhe, die es braucht.

Die kleine Ruthye läuft ihr über den Weg, die Rache nehmen will an Krem, hat der doch ihre ganze Familie auf dem Gewissen. Kara, so Supergirls eigentlicher Name, kann da nicht nur zusehen. Der Altruismus schlägt durch, und dann wird auch noch Krypto vergiftet, von eben diesem Nadelkissen an Unhold, dem beide nun hinterherjagen – für Rache und Gegengift.

Anders als John Wick, der den Tod seines Hundes einfach nur rächen will, ist Supergirl nicht nach Rache aus – wie wohltuend wenig selbstgerecht. Im Prinzip aber ist es eine ähnliche Geschichte, nur mit deutlich mehr Aliens, und zwar so vielen unterschiedlichen Arten, dass das Star Wars- Universum fast schon Sorge haben muss, das Zepter der Biodiversität zu verlieren.

Aliens wohin man blickt

Mit liebevoll analogem Monsterdesign, wie sowas eben zu sein hat, muss Craig Gillespie gar nicht mal große Einladungen aussprechen, damit man den beiden jungen Frauen ins Abenteuer folgt. Man hätte das auch so getan, weil man mit einer wie Kara auch befreundet wäre, hätte sie keine Superkräfte. Weil die Dame schlicht und ergreifend das Herz am rechten Fleck hat, ohne Mission, ohne hehrem Ziel, sondern einfach nur, weil manche Umstände es verlangen.

Wie normal sind Superhelden?

Dieses Herunterbrechen auf den Charakter gelingt. Milly Alcock ist neben David Corenswet eine Nachbarin von nebenan, eine geerdete Person. Mit sich selbst niemals ganz im reinen, aber auf eine Weise, die Identität einfach mit sich bringt.

Supergirl ist ein launiger, kompakter, unverkrampfter Ausflug, nimmt nebenher noch feministisch angehauchte Frauenpower mit, ohne penetrant zu wirken – und schenkt am Ende noch Jason Momoa, der seinen Aquaman verloren hat, ein neues Leben als Baumarkt-Version von Gene Simmons von den Kiss. Dieses bärige Raubein schaut nur zufällig vorbei und kreuzt den Weg der beiden tatkräftigen  Frauen, ohne sich gleich zu irgendeiner League zu bekennen.

Supergirl ist dabei ein Film ohne Zwang, aufgesetztem Idealismus oder einer ganze Epochen umspannenden Queste. Gillespies Film ist einfach nur ein Abenteuer. Wie herrlich simpel, geradeheraus. Zwar nicht erfrischend anders, dafür aber erfrischend normal.

Supergirl (2026)

Thrash (2026)

EIN HAI KAM IN DIE KÜCHE

4/10


Phoebe Dynevor schreit um ihr Leben im Film Thrash von Tommy Wirkola
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: TOMMY WIRKOLA

KAMERA: MATTHEW WESTON

CAST: PHOEBE DYNEVOR, DJIMON HOUNSOU, WHITNEY PEAK, ALYLA BROWNE, STACY CLAUSEN, DANTE UBALDI, AMY MATHEWS. ELIJAH UNGVARY, JON PRASIDA U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN



Sommersaison ist Hurrikan-Saison – zumindest im Süden der Vereinigten Staaten. Während hier im Herzen Europas der Heat Dome wie eine Käseglocke die aus Nordafrika heraufziehende Saunaluft konserviert, bewegen sich die Luftmassen andernorts um so vieles mehr, als würden sie die Trägheit des Wetters jenseits des Atlantiks kompensieren wollen.

Mach die Welle!

Im Survival- und Katastrophenreißer Thrash des Norwegers Tommy Wirkola, den wir ja alle nicht erst seit der Shootout-Variante von Hänsel und Gretel kennen und der eine siebenfache Noomi Rapace als wandelnden Wochenkalender in What Happened to Monday gegen ein dystopisches Geschwisterverbot ankämpfen ließ, schickt nun haushohe Wellen aus dem Atlantik über die Küste bis in jedes Haus, das bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Pfahlhütte durchgeht.

Aufgegabelt während des Hurrikans

Die Küstenstadt Annieville ist in Thrash Schauplatz einer Katastrophe, in der Phoebe Dynevor als schwangere junge Dame, die jeden Moment ihr Kind zur Welt bringen kann, nur eine von mehreren Protagonistinnen und Protagonisten darstellt, die auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Wasser, der Gefährlichkeit dahintreibender und von der Energie des Wassers herumgeschleuderter Objekte und natürlich gefräßigen Bullenhaien klarkommen müssen. Dynevor jedenfalls steckt in einem Fahrzeug fest – so wie es aussieht, und so wie Wirkola es darstellt, ist ihre Lebenszeit wohl abgelaufen, denn die starre Astgabel, die sie umschlingt, lässt sich wohl nicht brechen.

Katastrophe überall

Falsch gedacht, zumindest bei Thrash. Denn hier geht nichts mit rechten Dingen zu. Gefährlich ist es auch nur dann, wenn die Story in Anbetracht des Ensembles schon längst zwischen entbehrlich und unentbehrlich entschieden hat. Von anderen Filmemachern, die mit diesem Genre vertraut sind wie zum Beispiel Alejandro Aja (z.B. Crawl) oder Jaume Collet-Serra (The Shallows), will Thrash kein bisschen lernen, was sich dadurch erkennen lässt, dass er sich in leidenschaftsloser Episodenhaftigkeit verliert.

Haie als kleine Fische

Wirkola begibt sich zum ersten Mal ins Genre des Katastrophenthrillers, will aber auch am Tierhorror mitnaschen, nur sind seine Haie selten viel mehr als zähnefletschendes Treibgut. Ihnen schenkt er relativ wenig Beachtung, sie sind eben Nutznießer der ganzen Situation und betreiben feuchtfröhliche Home Invasion, um in Küchen und Vorzimmern fremder Häuser ihre Runden zu drehen – mal sehen, ob ein Zweibeiner seine Extremitäten ins Wasser hält.

Im Vergleich dazu setzt Die Wasser der Seine – ebenfalls ein haarsträubender Netflix-Tierhorror ohne exorbitanter Katastrophe, die den Viechern die Show stiehlt – voll auf Fokus, zieht das Ding durch und feiert genau diesen B-Movie-Faktor konsequent bis zum Ende. Thrash hingegen weiß die meiste Zeit nicht, in welcher Tonalität er sich bewegen soll, wie weit er gehen darf und wie viel Übertreibung denn für so eine Katastrophe, die alles andere als parodiert werden will, gestattet sein darf. Wirkola verliert sich in halbgar erzählten Schicksalen, frönt Küchenkredenz-Parcours und schwimmenden Betten, konzentriert sich aber auf nichts richtig und hat schlichtweg das Problem, sich selbst in diesem Szenario nichts zuzutrauen.

Am Ende die Übertreibung

Am Ende macht er dann das, was er von Beginn an schon hätte machen sollen: Die Trash-Karte ausspielen, das überzogene Gedöns, die Natur beim Wasser-Wrestling, die lustvolle Übertreibung. Wirkolas Spaß an der Sache kommt erst spät, letztlich wirkt sein Zugeständnis nur noch aufgesetzt und kaum noch vonnöten, anders als bei den späten Gästen einer Party, die umso schöner werden.

Thrash (2026)

The Death of Robin Hood (2026)

ACH, WÄR ICH DOCH MEIN MYTHOS

7/10


Hugh Jackman als Robin Hood in The death of Robin Hood von Michael Sarnoski© Panda Lichtspiele Filmverleih 


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SARNOSKI

KAMERA: PAT SCOLA

CAST: HUGH JACKMAN, JODIE COMER, BILL SKARSGÅRD, MURRAY BARTLETT, NOAH JUPE, FAITH DELANEY, JADE CROOT, TABITHA SMYTH, CLIVE RUSSELL, BEAU THOMPSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Wie wir alle wissen, gibt es im Genre des Westerns sämtliche Unterkategorien, von denen manche – auch ich – noch nie etwas gehört haben. Zum Beispiel der Begriff Acid-Western. War euch der geläufig? Viel eher lässt sich mit der Bezeichnung Spätwestern etwas anfangen – was sich aber, fälschlicherweise, nicht auf die zeitliche Ebene bezieht, in der ein solcher Western spielen soll. Sondern auf die Melancholie und die Schwere später Einsicht, die Akzeptanz eines Endes, auf den Abgesang.

Raus aus den Strumpfhosen!

Auch im Historienfilm, oder eben im Genre des Mittelalterfilms, gibt es ihn: Den Spät-Mittelalterfilm. Und gab es ihn vorher nicht, hat ihn Michael Sarnoski jetzt, mit seinem Death of Robin Hood, endlich etabliert. Natürlich lässt sich Robin und Marian von Richard Lester auch als Spät-Mittelalterfilm bezeichnen.

Auch dort ist der Vagabund des Sherwood Forest eine alternde, desillusionierte Persönlichkeit, die das Abenteuer bereits weit hinter sich gelassen hat. Sarnoskis Mythos des Helden in Strumpfhosen, mit Feder in der Kappe und Sinn für Gerechtigkeit – den gibt es nicht. Oder eben nur in Geschichten. Und selbst diese Geschichten sind nur Ausreden dafür, dass einer wie Robin Hood eben plündern, morden und brandschatzen kann, was geht – trifft es doch laut eigener Meinung sowieso immer nur die „Bösen“.

Vom Monster, das keines mehr sein will

Mit so einem Robin lebt man eher mit Arm ab als dass man arm dran dahinvegetiert in einer Welt, die so unwirtlich, undankbar und gewalttätig ist, dass selbst einer wie Robert Eggers seinen Northman als braven Buben präsentieren kann, der auch nur einfordert, was ihm zusteht, während dieser Robin Hood hier sein Lebtag lang nur genommen hat, was nicht sein eigen ist.

Und jetzt – Jahrzehnte später, der Mann ist alt, mit verfilztem grauem Haar wie ein erschreckend auf Entzug gesetzter Geralt von Riva aus dem Witcher-Kosmos – denkt der große Bogenschütze über sein Leben nach. Und er ist müde, womöglich krank, jedenfalls einfach durch und durch desillusioniert, weil auf der Habenseite dieses Lebens nichts mehr existiert außer die Freiheit. Manche würden sagen: das ist ja nicht nichts. Aber Geborgenheit, Ruhe, ein Platz zum Verweilen – wäre angesichts des Lebensabends durchaus wünschenswert. Und auch die Tatsache, dass das, worauf einer wie Robin Hood zurückblicken kann, irgendwie nichts wert ist.

Morden ist wie Blumenschneiden

An Disneys kecken Fuchs ist dabei nicht zu denken. An Kevin Costners edler Gesinnung, unterlegt von Bryan Adams schmachtender Stimmlage, auch längst nicht mehr. Michael Sarnoski (Pig, A Quiet Place: Tag eins) liefert uns unwirtliche, sturmumtoste Hochebenen und einen beissenden Schneesturm. Hier ist es endlich kalt, abkühlen lässt es sich alleine durch diesen Anblick einer zumindest was die Witterung angeht lebensfeindlichen Welt, in der ein in Lumpen gehüllter Waldschrat gerne diesen Mythos gelebt hätte, in dem er steckt, der sich selbst verleugnet und für den das Töten immer noch so ist wie Blumenschneiden.

Ist Robin Hood nur eine Variable?

Was hat dieser Mann – überzeugend dargeboten von Hugh Jackman, der hinter seinen Zotteln kaum wiederzuerkennen ist – denn eigentlich noch mit Robin Hood gemein? Das könnte doch genauso gut irgendein anderer Kerl sein, ein anderer Verbrecher. Wie entstand also dieser Mythos?

Nur vage traut sich Sarnoski an die Beantwortung dieser Frage. Er behält sich auch vor, abzubilden, wie es zu diesem Sinneswandel bei Robin Hood überhaupt kommen konnte. Jedenfalls gesellt sich schon zu Beginn der gute alte Little John zu seinem Spezi, der ihn bittet, sein ebenfalls unrechtmäßig erworbenes Hab und Gut einschließlich Ehefrau und Kind zurückzuholen, das ihm von der Familie des von ihm getöteten Ex-Ehemannes entwendet wurde.

Vom Blutrausch zur Besinnung

Die anfänglichen zwanzig bis dreißig Minuten dieses Films sind dann auch eine bis zum Exzess getriebene, archaische Blut- und Gewaltorgie, währenddessen Robin und Little John versuchen, ihr unrechtmäßiges Recht einzufordern. Sarnoski findet Bilder von urtümlicher Kraft, monströse Schattenrisse vor brennenden Höfen, pelzummantelte Hünen, Blut, Beuschel und Gebrülle. Menschen werden zu Tiere, das Mittelalter war furchtbar, richtig furchtbar.

Und dann der Twist – auch der stilistische Twist, die Kamera wird ruhiger, alles wird heller, Jodie Comer kommt ins Spiel als Priorin eines Klosters am anderen Ende des Königreichs. Der halbtote Robin Hood setzt zur Genesung und zur Besinnung an, entdeckt sowas wie Reue und die Möglichkeit, Konflikte auch anders klären zu können als nur mit roher Gewalt.

Die Legende hat keinen wahren Kern

Doch der Mythos wird immer noch nicht zu Robin Hood selbst, er ist das große Versäumnis eines Lebens, eine idealisierte Alternative, die einer wie er hätte leben können. Nun wird’s philosophisch, still, kontemplativ, aber immer noch von einer gewissen animistischen Magie durchdrungen, die gar nicht so sehr Christentum sein will.

The Death of Robin Hood wird zum Abgesang bar excellence, mehr absingen geht nicht. Das letzte bisschen Würde, wenn es denn überhaupt eine gab, lässt Sarnoski seiner Figur nun angedeihen. Diese Ruhe, diese Entwicklung alleine im Gespräch, in den Blicken und im Bauen von Bögen mag die Erwartungshaltung so mancher für diesen Film, die mit den ersten zwanzig Minuten gut konnten, völlig zuwiderlaufen und auch enttäuschen.

Am Ende siegt die Selbstgerechtigkeit

Doch man tröste sich, die Enttäuschung teilt man sich mit Robin Hood, den die Selbstgerechtigkeit dann doch noch holt. Lieber gleich wissen, was gut und richtig ist, denkt sich der auf ein sinnloses Leben zurückblickende, als sich nach Lust und Laune durch ein solches treiben zu lassen, dessen Weg unzählige Leichen pflastern.

Niemals wieder wird Robin Hood so sehr entzaubert werden können wie hier. Beschützer der Witwen und Waisen? Zumindest am Ende noch. Doch selbst da beugt er sich keinem Willen.

The Death of Robin Hood (2026)

Truly Naked (2026)

SCHAU MIR IN DIE AUGEN, KLEINER

7,5/10


Caolán O'Gorman fotografiert Alessa Savage im Film Truly Naked
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2026

REGIE / DREHBUCH: MURIEL D’ANSEMBOURG

KAMERA: MYRTHE MOSTERMAN

CAST: CAOLÁN O’GORMAN, SAFIYA BENADDI, ANDREW HOWARD, ALESSA SAVAGE, LYNDSEY MARSHAL, CAMERON JAMES-KING U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Alleine die Ausgangssituation, die dieser Film liefert, bricht ein Tabu: Der Sohn filmt Papa beim Sex mit anderen Frauen. Nimmt man es genauer, spielt hier der Kindesmissbrauch rein, denn Alec – der Teenie, um den es hier geht – ist 17 Jahre alt und somit immer noch minderjährig. Und Alec, der sollte das nicht tun müssen. Niemand sollte seinen Vater beim Sex filmen – auch dann nicht, wenn Porno dessen Business ist.

Skandalfilm durch die Hintertür

Ist Truly Naked also ein „Skandalfilm“? Setzt er sein Publikum einer perversen und somit auch dysfunktionalen Familiensituation aus? Das kann man so sehen, obwohl Alec zu diesem Tun nicht gezwungen wird. Was sich die Vaterfigur dabei aber zunutze macht, ist genau das: die Vaterfigur; die patriarchale Übermacht, die mit jovialem Verhalten kaschiert wird, die augenscheinlich wertschätzend wirkt. Dahinter verbirgt sich der Missbrauch eines juvenilen Gewissens, das erstens vermutlich selbst noch nicht erkannt hat, den Eltern überhaupt nichts schuldig zu sein. Und zweitens auf diese Weise Intimität und körperliche Liebe als entwertet wahrnimmt.

Niemand will liebende Menschen sehen

Ein Vater tut so etwas nicht. Und Porno ist nicht nur ein Business. Muriel d’Ansembourg will mit dieser bizarren Vater-Sohn-Beziehung die Verantwortung der Erziehenden genauso zum Thema machen wie die gesellschaftliche Verrohung im Hinblick auf Sexualität und die immer noch kolportierte toxisch-männliche Sicht darauf.

Die Pornoindustrie lebte lange davon, Frauen den Männern zu unterwerfen. Das alleine passiert durch den Male Gaze immer noch. Wenn Sohn und Vater dabei anfangs noch einen Blickwinkel teilen, wandert der des Sohnes auf unerwartete Weise dank Klassenkameradin Nina in eine ganz andere, progressive Richtung.

Denn Nina, die kommt aus einem queeren Elternhaus, ist aufgeschlossen und kritisch. Und gleichzeitig an Alec auch als Frau interessiert, während dieser sein Doppelleben als Kameramann und Schnitt-Techniker in Papas Business tunlichst geheim halten will. Was ohnehin nicht funktioniert – spätestens dann nicht, wenn Papa plötzlich vor der Schule aufschlägt, mit seinem Star im Schlepptau.

Mann kommt, Frau nicht

Mit Truly Naked will Muriel d’Ansembourg beileibe nicht nur eine ungewöhnliche Teenagerromanze für Erwachsene erzählen, die mit einem Reizthema anecken will. Verstanden kann ihr Film, der niemals voyeueristisch wird, vorrangig als Gleichnis dafür, wie unachtsam die kommende Generation in Sachen Rollenbild, Equalität und Achtsamkeit erzogen wird – mitunter nämlich gar nicht.

Der Pornoindustrie ist das egal, sie lebt von den Trieben. Doch auch dort stecken Menschen dahinter, die in Kauf nehmen, dass Sex als mechanisches Perpetuum Mobile betrachtet wird, in denen sich der weibliche Part fügen muss. Der Höhepunkt ist da nur Show, doch dem Manne reichts.

Schritt für Schritt aufeinander zu

In Truly Naked wendet sich das Blatt – für die Alten längst nicht mehr, doch zumindest für die Jungen, oder eben für „den“ Jungen, der die Sensibilisierung durch weibliche Klugheit, Provokation und simplen, aber effektiven Achtsamkeitsübungen erfährt. Einen auf die Barrikaden gestiegenen Feminismus gibt es hier keinen, auch die Frauenrolle wird hier hinterfragt. Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen sind nur zwei Antworten darauf. Den Blick der Männer vom Körper weg auf die Person zu lenken, wird dabei zur hart erkämpften Errungenschaft.

Die Kunst der Wahrnehmung

„Hier oben bin ich, schau mich an“. Mit diesen oder ähnlichen Worten lockt die bezaubernde und faszinierende Schauspieldebütantin Safiya Benaddi den grundlegend verstörten Alec aus seinem verkehrten Weltbild. Ihr zartes, verletzliches Spiel reflektiert den Film auf einer Ebene, die das Publikum ohne Hemmungen und Scham betreten kann – Benaddi lebt die Würde, das Natürliche und Kämpferische.

Mit ihr gelingen d’Ansembourg Szenen von bereichernder Raffinesse die man so, losgelöst, fast schon als Take-Away-Schlüsselmomente betrachten und eben mitnehmen kann in einen komplexen Gender-Alltag, der nach wie vor jede Menge Diskurs liefert. Woran man sieht, dass hier vieles noch im Argen liegt. Und Intimität wirklich etwas ist, das mit dem Erkennen des Gegenüber zu tun hat. Als Person, nicht nur als Körper.

Truly Naked (2026)