Hamnet (2025)

DER TOD EINES PRINZEN

9/10


© 2025 Universal Pictures International Austria


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: CHLOÉ ZHAO

DREHBUCH: CHLOÉ ZHAO, MAGGIE O’FARRELL

KAMERA: ŁUKASZ ŻAL

CAST: JESSIE BUCKLEY, PAUL MESCAL, JOE ALWYN, EMILY WATSON, JACOBI JUPE, OLIVIA LYNES, BODHI RAE BREATHNACH, JUSTINE MITCHELL, NOAH JUPE, SAM WOOLF, FREYA HANNAN-MILLS, JAMES SKINNER, ELLIOT BAXTER U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es passiert äußerst selten, dass ich mich von Filmen so dermaßen emotionalisieren lasse, dass ich mir über Augentrockenheit keine Sorgen machen muss. Nicht weil ich ein Herz aus Stein habe, sondern stets eine gewisse Distanz wahre zu den Charakteren, die auf der Leinwand oder am Bildschirm durch das Tal der Tränen müssen. Ich kann mich noch gut an Nanni Morettis Drama Das Zimmer meines Sohnes erinnern. Rotz und Wasser waren währenddessen behelfsmäßige Platzhalter für eine Achterbahn der Verlustempfindungen. Schließlich handelte der Film, ähnlich wie Hamnet, vom Ableben eines geliebten Kindes, eines Sohnes. Als hätte ich schon damals erahnt, dass ich irgendwann später selbst Vater eines solchen werde, hat mich diese absolut kitschfrei dargebrachte Chronik eines Schicksalsschlages tief berührt, einschließlich Kloß im Hals, Druck auf der Brust, etc.

Von der Manipulation von Gefühlen

Ich hüte mich aber tunlichst davor, Filme wie jenen von Nanni Moretti und auch Chloé Zhaos Verfilmung des Romans von Maggie O‘Farrell, der sich Judith & Hamnet nennt, mit berechnenden Tränendrüsendrückern gleichzusetzen. Der Unterschied liegt dabei in ihrer Wahrhaftigkeit. Im Kino gibt es gewisse Parameter, die im Publikum die gewollte Wirkung erzielen – am Ende gerne mit Griff zum Taschentuch. Wie Hits aus der Schlagerbranche können diese Gefühlswelten manipulieren, wohlwissend, dass zwar jeder Mensch als Individuum auf unterschiedlichste Weise gemütsmäßig abgeholt werden kann, es aber einen basalen gemeinsamen Nenner gibt. Hamnet aber lässt dabei jeglichen Herzschmerz, so wie wir ihn kennen, außen vor. Den Film als Herzschmerz zu bezeichnen, als Tränendrüsendrücker, ist, als würde man Äpfel mit Birnen gleichsetzen, als würde man vieles über einen Kamm scheren. Hamnet stößt dabei Türen auf, die ins Innenleben seiner Zuseher führen, die sowieso schon wissen, auf welches Thema sie sich eingelassen haben. Zhao tut dies fast gänzlich ohne Kalkulation, sondern rein mit der schauspielerischen Kraft ihres Ensembles.

Wir gehören zur Familie

Im Fokus agiert dabei Jessie Buckley – sie trägt den Film durchgehend zwei Stunden lang, ohne Atempause, ohne nachzulassen. Und mit einer Intensität, die zugleich unangenehm schmerzhaft, aufsässig und betörend wirkt, die kein Mitleid lukriert, andererseits aber nichts anderes zulässt, als auf eine Weise mitzufühlen, die fast schon vermuten lässt, dass diese Familie im Film, in dieser Welt des 16. Jahrhunderts, fast schon zur eigenen, intimen wird. Als hätte man ein Leben lang schon mit diesen Menschen zu tun gehabt, als würde man Jessie Buckleys Figur der Agnes schon lange kennen. Als wäre sie einem vertraut. Chloé Zhao weiß, wie sie Charaktere näherbringt, sie bettet ihre Agnes zwischen Moos und Wurzeln, als wäre sie mehr mystisches Metawesen als einfach nur ein Mensch. Stets trägt sie Rot, dieses Rot ist isolierter Fremdkörper und Teil des Ganzen zugleich. Meistens aus der Distanz beobachtet Zhao das Leiden einer Unangepassten, die eigentlich nur rein zufällig zur großen Liebe eines zeitlosen Poeten wird: William Shakespeare.

Die Mehrdeutung eines Zitats

Der geht mit dem irreversiblen Schicksalsschlag ganz anders um. In einer Szene steht der vom Schmerz der Trauer und des Selbstvorwurfes gebeutelte Dichter an der Themse eines historischen, völlig unverkitscht dargestellten London (von welchem man durchwegs den Eindruck erhält, man sähe dokumentarisches Archivmaterial, was natürlich schier unmöglich ist) um, vom Mond beschienen und in der Düsternis verharrend, die markanten Textzeilen von sich zu geben, als hätte er sie eben gerade erst ersonnen, weil er nicht glauben kann, dass Hamnet, sein Junge, einfach nicht nicht mehr da sein kann: Es entstehen die Worte, die wir alle kennen: Sein oder nicht sein. Das ist hier die Frage.

Spätestens jetzt weiß man längst, man hat es mit einem Meisterwerk zu tun, mit einem immersiven Brocken an Filmkunst, die sich selbst nicht wichtig nimmt, und gerade durch diese puristische Bescheidenheit nicht nur in der Darstellung des Damals so direkt ins eigene Spektrum der Wahrnehmung vordringt. Fallenlassen so wie in Mascha Schilinskis In die Sonne schauen, das Erlebte ,ohne viel nachzudenken, wahrnehmen und einfach nur zu spüren: Mitunter lässt sich die Intensität kaum ertragen, und dann aber wechselt Zhao den Fokus. Sie spart aus, was der eigene Geist ergänzt. Sie zitiert dort, wo die Essenz einer Tragödie anderes verlangt, und wählt die so ängstlichen wie verzweifelten Äußerungen von Schwester Judith, die nicht glauben kann, dass der Leichnam der eigene Bruder ist.

Die Bühne als Bewältigung

Judith und Hamnet sind neben der fiktiven Biografie von Agnes der zweite Schauplatz von Hingabe und Definition der eigenen Existenz – die Romanvorlage trägt beide Namen sogar im Titel. Auch hier ist diese Szene der Wendepunkt, unterfüttert von einem vagen Mystizismus, der so unprätentiös in diesen knallharten Lebens-und Überlebenskampf verwoben wird wie die Darbietung eines der berühmtesten Stücke der Welt. Wenn sich Agnes dann unters Volk mischt und erfährt, wie der Vater und Dichter Shakespeare seinen eigenen Zugang zur Bewältigung darstellt, kehrt die Kamera immer wieder zu Jessie Buckley zurück – ihre Mimik gleicht einem Gebirgsbach: Mal ist es ein Wollen, dann ein Nicht-können, dann ein Wagen und Einlassen auf diese geschaffene Möglichkeit des Abschieds. Noah Jupe gibt dabei den Hamlet, während sein Bruder den von der Pest dahingerafften Hamnet gibt. Man spürt diese hintergründige Verbindung. Und nicht nur die.

Der steinige Weg ist der spürbare

Hamnet mag keine leichte Kost sein, doch ganz ehrlich: Von leichter Kost lässt sich selten etwas mitnehmen, auch nicht von kolportierten Emotionen aus schwülstigen Dramen. In keiner einzigen Sekunde läuft Zhaos großer Wurf Gefahr, melodramatische Simplizität für sich zu nutzen, ganz im Gegenteil. Hamnet macht es sich bewusst selbst schwer, wählt den steinigen Weg, doch dieses direkte Daraufzugehen dorthin, wo es wirklich wehtut, macht sich bezahlt.

Chloé Zhao dosiert ihre Bildwelten, die Länge ihrer Szenen, den emotionalen Grenzgang in Form eines Ausbruchs in so punktgenauer Komposition, die nur gelingt, weil sie wieder der Erwartungshaltung den Schnitt setzt. Und dort länger draufhält, wo man selbigen erwartet. Dieser Bruch erzeugt eine ganz eigene Melodie. Genau dann entfaltet sich diese ganz eigene Melodie in diesem ganz eigenen Rhythmus, dessen Echo lange nachklingt. Der Rest, so heisst es am Ende von Hamlet, ist Schweigen. Tatsächlich fehlen einem nach diesem Erlebnis die Worte.

Hamnet (2025)

22 Bahnen (2025)

DIE ZUVERSICHT LIEGT IM SAFE SPACE

7/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: MIA MAARIEL MEYER

DREHBUCH: ELENA HELL, CAROLINE WAHL

KAMERA: TIM KUHN

CAST: LUNA WEDLER, ZOË BAIER, LAURA TONKE, JANNIS NIEWÖHNER, SABRINA SCHIEDER, LUIS PINTSCH, ERCAN KARACAYLI, BERKE CETIN, EDITH KONRATH U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Der deutsche Film kann mit Genrekino nur bedingt etwas anfangen. Ausreißer gibt es immer, natürlich, doch meist ist es die lebensweise Tragikomödie mit viel Problemewälzen und dem Suchen nach einem Sinn im Leben. Die Schicksalsschläge sind meist erschütternd, es bleibt keine Auge trocken. Bestes Beispiel aus der jüngsten Filmgeschichte: Zikaden von Ina Weisse. Nina Hoss und Saskia Rosendahl übertrumpfen sich dabei gegenseitig, wer hier nicht das schwerere Los gezogen hat. Beide zusammen nehmen die gesamte bedrückende Schwere des deutschen Gegenwartkinos mit sich, auch wenn die Sommersonne hell vom Himmel brennt. Zu viel der Bedeutung, zuviel der Lebensberatung, zu nah an der Realität. Aber schön, dass die Deutsche Filmförderung gerade bei solchen Filmen ordentlich Budget springen lässt, andererseits lässt sich der Hang zum ewig ähnlichen Betroffenheitskino gar nicht erklären.

Mit geordneten Bahnen gegen das Chaos

Wie gerufen kommt da natürlich Caroline Wahl und ihr geschmeidiger Sozialrealismus, der sich mit Sicherheit ausgesucht und gleichermaßen gefällig liest. Bestseller sind das, die funktionieren auf der Leinwand natürlich genauso, ganz besonders mit Publikumslieblingen, die erst vor Kurzem schon auf der Leinwand zu sehen waren, um gelernte Gesichter nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Eines muss ich dabei zugeben: Luna Wedler ist ein Gesicht, das vergisst man ohnehin nicht, auch wenn sie im Kino länger abstinent war, was letztlich nicht der Fall ist. Letztes Jahr noch im Marianengraben unterwegs, wird ihr das nasse Element schon noch vertraut sein, wenn diesjährig alles in geordneten Bahnen laufen soll. Es sind dieser nämlich 22, die ihre Filmfigur Tilda wenn möglich täglich schwimmen möchte – im sommerlichen Freibad, zu einer Uhrzeit, zu welcher noch nicht die halbe Schule das Planschen zelebriert, denn schließlich stehen die Ferien an, was dazu führt, das die um einiges jüngere Schwester Ida deutlich viel mehr Zeit im Dunstkreis der ewig besoffenen Mutter verbringen muss. Diese ist schließlich wie einst Harald Juhnke schwere Alkoholikerin, was sie selbst natürlich nicht so sieht. Männer wechselt sie wie Unterwäschen, die mütterliche Aufsicht wird tunlichst ignoriert und wenn es mal soweit kommt, und Mama schürt das Feuer am Dach, folgt das Entschuldigungsfrühstück auf dem Fuß. Tilda und Ida glauben längst nicht mehr dran, dass die Erwachsene in ihrem Haus noch irgendwann die Kurve kriegt. Also müssen sie sich zusammentun, sind gemeinsam das Ganze, und jede die Hälfte. Schöne Worte, die man gleich zu Beginn des Filmes hört. Und man folgt den Gedankengängen von Luna Wedler noch weiter, was beruhigend wirkt, einnehmend und sympathisch.

Das Problem dominiert nicht die Person

Sicherlich packt Regisseurin Mia Maariel Meyer auch hier eine ganze Bandbreite an Problemen aus, von Trauer und Verlust über Alkoholismus bis zum Fall für die Jugendfürsorge. Ganz schön belastend all das, und in Wahrheit will diese schweren Umstände niemand wirklich sehen, sind sie doch zu real, allgegenwärtig und alles andere als eskapistisch. Die andere Seite ist allerdings: Wahls Roman hat zwar all diese Schwierigkeiten zu bewältigen, beschäftigt sich aber viel lieber um ganze Charakterstudien als um das Hinbiegen von Missständen und Traumata. Vergleichbar ist 22 Bahnen mit dem intensiven Psychodrama Wenn das Licht zerbricht von Rúnar Rúnarsson, in welchem eine junge Frau den Tod ihres geliebten Menschen auf ungewöhnliche Weise verarbeiten muss. Dort liegt der Reiz des Films in der psychologischen Betrachtung einer ganzen Persönlichkeit, die sich in der Bewältigung eines Schicksals festigt. Wunderschön daher auch die zart skizzierte Beziehung zwischen einer atemberaubend authentischen und unprätentiösen  Luna Wedler und Jannis Niewöhner.

Dass Wedler heuer in Venedig den Marcello Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsdarstellerin für Stille Freundin mitnehmen konnte, ist mehr als verdient, gilt der doch auch irgendwie stellvertretend für ihr bisheriges Schaffen. Nicht zu übersehen in dieser Selbstfindung, die vom Safe Space eines jeden Menschen erzählt und davon, Veantwortung zu reflektieren, ist Jungstar Zoë Baier. Alle vier, einschließlich Laura Tonke, schaffen stimmungsvolles Schauspielkino mit Sinn für Menschenkenntnis.

22 Bahnen (2025)

Joe Bell

ZU FUSS IN EINE BESSERE WELT

6/10


joebell© 2021 Leonine Distribution


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: REINALDO MARCUS GREEN

CAST: MARK WAHLBERG, REID MILLER, CONNIE BRITTON, MAXWELL JENKINS, MORGAN LILY, GARY SINISE U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Nicht lange suchen, einfach buchen: Mark Wahlberg ist die Universalbesetzung für so ziemlich alles – ob Action, Familienkomödie, Science-Fiction oder Tatsachendrama. Der durchtrainierte Muskelmann setzt weniger auf seine körperlichen Schauwerte, sondern auf professionelle Routine. Und das ist es auch, mehr wird’s nicht. Wahlberg ist gut, aufgeräumt und im Teamwork mit der Filmcrew womöglich erstaunlich integer. Sonst würde man ihn nicht für alle erdenklichen Projekte besetzen. Einziger Wermutstropfen: Wahlberg entwickelt keine Leidenschaft. Seine Rollen sind Tagesgeschäft, mehr lässt sich dabei kaum erspüren. Wir werden sehen: selbst im kürzlich anlaufenden Uncharted wird Wahlberg wieder waschecht Wahlberg sein, neben einem Tom Holland, der hoffentlich nicht nur den Spider-Man gibt. Aber ich lass mich überraschen. Und übrigens: Die Goldene Himbeere könnte dieses Jahr seine Regale zieren, sofern er sich diese abholen will: In Infinite war ihm der Alltag seiner Arbeit in fast jeder Szene abzulesen.

Wahlbergs Agent hat dem Profi zwischenzeitlich auch noch diese Rolle verschafft: die des zweifachen US-amerikanischen Familienvaters Joe Bell, der die Homosexualität seines Sohnes nur mit Mühe akzeptiert und der dann auch nicht ausreichend hinhört, als dieser von massivem Mobbing an seiner Schule berichtet. Die grausamen Sticheleien intoleranter Altersgenossen führen zur unvermeidlichen Katastrophe: Sohnemann Jadin begeht Selbstmord. Daraufhin beschließt Joe Bell, seine Defizite als Vaterfigur, posthum für seinen Sohn, wiedergutzumachen und zieht als Referent gegen Mobbing quer durch die USA. Es ist der Weg eines trauernden, traumatisierten, in eine notwendige Katharsis getriebenen Menschen, den das Schicksal seines Sohnes für den Rest seines Lebens begleiten wird. Und auch dieses muss nicht zwingend lange dauern.

Ein Trauermarsch für eine bessere Welt, das Gedenk-Roadmovie eines reumütigen Egoisten, der mit Eifer seinem Sohn gerecht werden will: Oft geht Joe Bell nicht allein – es begleitet ihn sein verstorbener Sohn als Projektion einer Sehnsucht. Jungschauspieler Reid Miller ist dabei faszinierend gefühlvoll und scheut nicht davor zurück, zärtlich und verletzbar zu sein. Der Film selbst, inszeniert von Reinaldo Marcus Green, dessen Oscar-Favorit King Richard demnächst ins Kino kommt, hat berührende Momente, vor allem dann, wenn Wahlberg posthume Gespräche mit seinem Sohn führt. Da wünscht man sich sehnlichst, es wäre nie so weit gekommen, und man könnte das Rad zurückdrehen. Geht durchaus nah. Sonst aber mag sich Green mit dem Thema Mobbing nicht so recht auseinandersetzen zu wollen und verlässt sich auf Wahlberg, der dem Thema entsprechen muss: Routine also auf einem gewissen Level, in vertrautem Rhythmus einer True Story aus der amerikanischen Gesellschaftschronik, betroffenheitsfördernd und sich ganz auf das Schicksal einer aufs Tragischste gebeutelten Familie verlassend, leidgeprüft wie Hiob.

Joe Bell

Abseits des Lebens

ÜBERLEBEN ALS THERAPIE

6,5/10


abseitsdeslebens© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA, KANADA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: ROBIN WRIGHT

CAST: ROBIN WRIGHT, DEMIÁN BICHIR, WARREN CHRISTIE, MIA MCDONALD, KIM DICKENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Rüdiger Nehberg oder heutzutage Bear Grylls wissen, wie es geht: in der Wildnis überleben. Sie machen das, weil sie es können. Andere machen das, weil sie es zwar nicht können, aber zumindest wollen. Weil sie den einzigen Weg darin sehen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. So eine Challenge kann gefährlich werden, wenn man nicht genau weiß, worauf zu achten ist. Doch Edee ist das ziemlich egal. Sie hat alles verloren, was ihr jemals lieb und teuer war. Und das ist ein Schmerz, der durch nichts gelindert werden kann. Außer vielleicht durch das Wagnis, den Grundregeln des Lebens selbst so nahe zu kommen, damit dieses wieder einen Sinn hat. Bewusst ist das Edee allerdings nicht. Vielleicht kann die Wildnis einen anderen, neuen Menschen aus ihr machen, wer weiß. Der Blick nach vorne gelingt vielleicht nur unter der Bedingung, niemals mehr zurückzusehen.

Also bezieht Edee eine Hütte im Wald – mit Konserven, Klamotten – und sonst eigentlich nichts. Das Auto lässt sie abholen, Handy hat sie auch keins dabei. Läuft irgendwas schief, ist das ihr Ende. Und es dauert nicht lange, bis der nächste Winter kommt, und Edee bemerkt, dass sie weder ein Rüdiger Nehberg noch ein Bear Grylls ist und kurz davor steht, entweder zu erfrieren oder zu verhungern. Das Schicksal will es anders und schickt gerade zur rechten Zeit einen Jäger an ihrer Hütte vorbei.

Abseits des Lebens (im Original nur: Land) birgt ein Skript, um welches sich wohl eine Menge Schauspielerinnen gerissen hätten. So gut wie eine One-Woman-Show, erfährt hier die Protagonistin die gesamte Klaviatur des Lebens, vorzugsweise die tiefen, schweren Töne. Doch Robin Wright findet da gut hinein. Vor allem auch, weil sie sich selbst inszeniert hat. Da kann man Empfindungen in die Rolle legen, wie man es für richtig hält. Wright lässt sich dennoch nicht zum Melodramatischen hinreissen. Und die Trauer ist eine, die selten im Selbstmitleid versinkt. Wenn, dann sind das Momente, die wir beim Verlust eines geliebten Menschen sowieso alle kennen. Die Natur zeigt sich dabei unbeeindruckt. Zieht das durch, was sie in all den Äonen immer tut, vom Frühling bis zum Winter und wieder von vorne. Genau das ist das Tröstende an Wald, Wiese und Berg. Wright ist begeistert davon und bringt dies mit pittoresken Kalenderbildern sehr wildromantisch zum Ausdruck. Dieses Beständige, Erwartbare, Kompromisslose scheint ein Leitsystem, dem man in schwierigen Zeiten folgen kann.

Vergleichbar ist Wrights Film zumindest anfangs und auch dazwischen mit Julian Roman Pölslers Haushofer-Verfilmung Die Wand. Während dort die Isolation eine aufgezwungene ist, sucht sich die Figur der Edee selbige freiwillig aus. Letzten Endes aber birgt sowohl in Die Wand als auch in Abseits des Lebens der Umstand des Alleinseins in einer atemberaubend schönen, wilden Welt genau das nicht, was der Mensch zum Weiterleben braucht: andere Menschen.

Abseits des Lebens

If Anything Happens I Love You

MUT ZUR ERINNERUNG

7/10


ifanythinghappensIloveyou© 2020 Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: MICHAEL GOVIER, WILL MCCORMACK

LÄNGE: 12 MIN


Wohl einer der tränenreichsten Filme, die ich jemals gesehen habe, ist Nanni Morettis Trauerdrama Das Zimmer meines Sohnes. Und dabei war ich damals, als der Film im Kino lief, noch nicht mal selbst Papa und kannte also all diese Emotionen nicht, derer man sich bereichert sieht, wenn man den eigenen Nachwuchs plötzlich in den Armen hält. Wie niederschmetternd wäre der Film wohl jetzt für mich, würde ich ihn heute zum ersten Mal sehen? Darüber nachzudenken, ob und wenn ja, wie man wohl mit dem Verlust eines Kindes umgehen würde, lässt einen gleichzeitig über das Unmögliche nachdenken. Ein Prozess, bei dem man sehr schnell an seine emotionalen Grenzen stößt.

Im Trickfilm If Anything Happens I Love You, der eben erst den Oscar für den besten animierten Kurzfilm entgegennehmen durfte, sind die Emotionen bei den am Boden zerstörten und mittlerweile resignierenden Eltern bereits erkaltet. Ihre gemeinsame Tochter wurde Opfer eines nicht näher definierten Amoklaufs an der Schule, das scheint schon einige Zeit zurückzuliegen. Natürlich ist nichts mehr wie vorher, und die gähnende Leere, die der Verlust verursacht hat, unüberbrückbar. Bis eines Tages, beim Wäschewaschen, ein T-Shirt der Tochter in Mamas Hände fällt. Dieses weckt lange nicht zugelassene Erinnerungen, und auch der Fußball, der plötzlich durch die Gegend rollt oder der abgebröckelte und blau überpinselte Verputz an der Hausmauer fordert die Eltern geradezu auf, ihre Tochter, auch wenn sie unwiederbringlich fort ist, nicht aus ihren Gedanken fernzuhalten.

Bei Kurzfilmen ist es meist recht schwierig, eine runde Geschichte zu erzählen und zumindest im dargestellten Prozess einen vorläufigen Schlusspunkt zu finden, weil der zeitliche Spielraum klarerweise enorm begrenzt ist. Noch schwieriger scheint es, sich einem Thema zu widmen, für das es eigentlich keine Worte gibt. Und das sonst normalerweise überlange Spielfilme füllt. Da Verlust, Trauer und deren Bewältigung enorm schwere Brocken sind, verzichten Michael Govier und WillMcCormick (Die Sopranos, Couchgeflüster) auch auf jeglichen verbalen Einsatz. Die einzige Zeile, die auf dem Display eines Mobiltelefons erscheint, ist jene des Filmtitels – sie bringt das Drama auf den Punkt und schnürt dabei die Kehle zu.

Sehr viel Weißraum, skizzenhafte Zeichnung, eine Animation so flüssig wie ein Daumenkino – diese optische Reduktion lässt Raum für dieses kleine Bilderbuch einer Suche nach dem Mut, schmerzliche Erinnerungen in einen erträglichen Zustand zu wandeln. Das ist mitfühlender, wenn auch zaghafter Optimismus, so trostspendend wie das handgeschriebene Beileidschreiben eines guten Freundes.

If Anything Happens I Love You

Die bunte Seite des Monds

MYTHENJAGD AM ERDTRABANTEN

6,5/10


bunteseitedesmondes© 2020 Netflix, Inc.


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: GLEN KEANE, JOHN KARS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CATHY ANG, ROBERT G. CHIU, KEN JEONG, SANDRA OH, KIMIKO GLENN, PHILLIPA SOO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


In China filmtechnisch Fuß zu fassen scheint schon längst das oberste Anliegen sämtlicher Medienkonzerne zu sein, allen voran Disney, das nach Mulan Monate später noch sein wunderschön getrickstes Märchen Raya und der letzte Drache nachgeschossen hat. Beide Filme finden ihre Entfaltung auf den Ebenen zwischen tibetischem Hochland und der Wüste Gobi – der eine ganz konkret, der andere tut zwar so, als wäre die Welt eine phantastische, blättert aber ganz offensichtlich im folkloristischen Ausstattungskatalog des Reichs der Mitte herum. Und es ist nicht leicht, den dortigen Filmmarkt und überdies noch das Publikum für sich zu gewinnen. Es sei denn, man holt sich lokale Partner ins Boot, die den Ehevertrag aus Do´s und Don´ts gleich mitbringen. Am liebsten sind natürlich harmlose Familiengeschichten fern jeglichen scheelen Blickes auf Vater Staat. Historienfilme kommen da auch immer gut an, da geht’s schließlich ums jahrtausendealte Fundament eines nationalen Selbstbewusstseins.

Nicht nur Disney biedert da etwas überdeutlich herum – auch Netflix klopft an die fernöstliche Pforte. Mit seinem selbstredend harmlosen, familientauglichen und überdies knallbunten Singspiel Die bunte Seite des Monds und winkt dabei mit wohlbekannten chinesischen Mythen – nämlich jenen rund um Mondgöttin Chang’e und ihren Jadehasen. Ein Film, der das chinesische Publikum ganz sicher abholen wird. Im Filmbiz wie diesem wird nämlich nichts produziert, nur weil es künstlerischen oder ideellen Wert hätte. Es wird produziert, weil es Profit bringen kann. Die bunte Seite des Mondes ist genauso ein Film. Ein durchgeplanter, nach Formeln funktionierender, marketingtechnisch nichts dem Zufall überlassender Unterhaltungsfilm, der auf global gültige Werte setzt. Wie so meist geht´s um elterlichen Verlust und um die Trauerarbeit eines Kindes, das nicht weiß, wohin mit seiner übriggebliebenen Liebe für seine verstorbene Mutter.

Dieses Mädchen, Fei Fei, findet in den Legenden um Göttin Chang’e eine Schwester im Geiste. Chang’e, durch einen Trank unsterblich, wartet den Erzählungen nach schon eine Ewigkeit auf ihren Mann Houyi, von dem sie, auf den Mond verbannt, getrennt wurde. Eine Liebe also, die sich nirgendwo hin kanalisieren lässt. Frustrierend auch für Fei Fei, dass niemand sonst an die reale Existenz dieses Mythos glauben mag. Also bastelt das gewiefte Mädchen eine Rakete, setzt ihr Kaninchen auf den Beifahrersitz und wie durch ein Wunder schafft sie es tatsächlich auf unseren Trabanten. Hinterm Mond gleich links dann die Stadt Lunaria. Wo Chang’e tatsächlich existiert. Und die Fei Feis Hilfe benötigt, um ihren Gatten endlich wieder in die Arme schließen zu können.

Aufgetischt wird ein üppiges Familienabenteuer mit allen dazugehörigen Versatzstücken, die so ein Film natürlich braucht. Witzige Kerlchen, knuffige Tierchen, elegante Göttinnen und neben leicht verdaulichen Sentimentalitäten auch jede Menge Slapstick. Wirklich berauschend ist dabei die optische Umsetzung und die beeindruckend plastische Physis der Figuren, Welten und astralen Interieurs, die manchmal so viel Mut zur Abstraktion haben wie Pixar. In nichts steht Die bunte Seite des Monds der optischen Raffinesse von Raya und der letzte Drache nach. Überdies ist der Charakter der Fei Fei nicht so sehr von ihrer Mission eingenommen wie manch eine andere junge Heldin. Fei Fei zuzusehen macht Spaß. Die Musik teilweise weniger. Dass Filme wie diese als Musical astrein funktionieren, ist mit Ausnahme eines führenden Ohrwurms, den es auch hier gibt, selten der Fall. Wäre also meiner Meinung nach nicht notwendig gewesen, hier andauernd das Glas zum Klirren zu bringen. Aber wenn das Disney andauernd tut, kann es, wenn es nichts nutzt, auch nicht groß schaden.

Das farbintensive Stelldichein vor der Finsternis des Alls wird  – und das ist der eigentliche Grund, sich diesen Film anzusehen – zum visuellen, gestalterisch durchaus innovativen Genuss, der sich von Miró und Pink Floyd inspirieren ließ und der eigentlich noch mehr überzeugt als Disneys taufrisches Fernost-Abenteuer.

Die bunte Seite des Monds

Der geheime Garten (2020)

VON DEN KINDERN LERNEN

6,5/10


DerGeheimeGarten© 2020 Studiocanal GmbH


LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2020

REGIE: MARC MUNDEN

CAST: DIXIE EGERICKX, COLIN FIRTH, JULIE WALTERS, AMIR WILSON, EDAN HAYHURST, ISIS DAVIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Gebt den Kindern das Kommando, singt Herbert Grönemeyer. Bei diesem geschmetterten Imperativ sollte man darauf achten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. In manchen Bereichen allerdings wäre es durchaus ratsam, den Bestimmerstein an den Nachwuchs weiterzugeben, insbesondere dann, wenn den entzauberten Erwachsenen das Know-How abhandenkommt, Schicksalsschläge zu meistern. Wie im Falle des Schlossbesitzers Archibald Craven, wohl der traurigste Witwer ganz Englands, miesepetrig bis zum Gehtnichtmehr, mit hängenden Schultern, die den Buckel noch verstärken. Colin Firth gibt diesen unrasierten, schlurfenden Schatten seiner selbst mit einer durchaus schadenfrohen Spielfreude, wohl weil er selbst von sich aus sagen würde, die Schwere des Lebens niemals so nehmen zu wollen.

Vom Schicksal gezeichnet ist auch die kleine Mary, wohnhaft im von den Briten kolonisierten Indien. Die hat überhaupt gleich beide Elternteile verloren und muss als Waise zum nächsten Verwandten nach Europa, zu eingangs erwähntem Onkel. Von der tropischen Üppigkeit des Subkontinents in die grauen Marschen und Sümpfe rund um ein herrschaftliches Spukhaus, das wir so oder ein bisschen anders aus den Gothic-Horrorserien rund um Hill House kennen. Fast scheint es ja so, als wäre die Neuverfilmung des Jugendbuchklassikers Der geheime Garten genau das: ein Gruselfilm rund um eine dysfunktionale Familie. Düstere Gänge, karge Räume, Jammern, Flüstern und Schreien zu nachtschlafender Zeit. Das Mädchen Mary hat schon so viel Schlimmes erlebt, da schreckt es das angeblich Paranormale auch nicht mehr. Kenner der Literaturvorlage wissen: Der geheime Garten ist natürlich alles andere als Grusel. Es ist eine Geschichte um Trauer, Bewältigung und Neubeginn. Und zwar mit den Methoden, die Kinder anwenden würden, wenn man sie nur lässt. Da kommt die Kraft der Natur sehr entgegen. In der Natur, da blüht die Seele auf. Der geheime Garten, den Mary dann entdeckt, scheint da magische Kräfte zu besitzen. Nicht nur, um die Schwere im Herzen zu vertreiben, sondern auch körperliche Gebrechen, die manchmal auch psychosomatisch sein können.

Wie Little Women ist auch Der geheime Garten ein Kultbuch, das schon des Öfteren verfilmt wurde, beginnend 1919 mit einem Stummfilm. Der Stoff ist also nichts Neues mehr. Die Frage ist nur, wie man ihn interpretiert. Und zwar so, dass er nicht in sentimentale Läuterungen abgleitet – mit anderen Worten: esoterische Lebenshilfe in immergrünen Kalenderbildern. Regisseur Marc Munden hat allen Verlockungen getrotzt, den Stoff zu versüßlichen. Und es geschafft, einen weitgehend unkitschigen Film zu inszenieren. Wie das geht? Ganz einfach: der viel zitierte üppige Garten, den man natürlich mit zu viel CGI ordentlich hätte aufmöbeln können, ist tatsächlich nur die flirrende Bühne für ein intensiv aufspielendes Jung-Ensemble, auf das sich Munden am Stärksten konzentriert. Allen voran Dixie Egerickx. Der nun 14jährige Teenager legt zwischen Trotz, Sehnsucht und kindlicher Neugier den Schlüsselcharakter einer resoluten Kämpferin vor, die nicht daran denkt, sich ihrem Kummer hinzugeben. „Kopf hoch, tanzen“ ist die Devise. Einen Ausweg gibt’s immer, und sei es der Weg in eben diese sinnbildliche Oase, die die Gemüter widerspiegelt und in wunderbar innovativer Kameraarbeit sowie urwüchsiger Botanik recht authentisch vor sich hin blüht.

Nicht nur Colin Firth wird von Mary lernen, auch all die anderen, die in ihrem Leben gestrauchelt sind oder kurz davor sind, es zu tun. Für alle, die im täglichen Wettbewerb mit dem Schicksal ihr inneres Kind verloren haben, sollten sich an Kindern ein Beispiel nehmen. Oder, falls diese gerade nicht zur Hand sind, dann tut’s auch dieser Film ganz gut.

Der geheime Garten (2020)

Aus dem Nichts

DER MENSCH ALS DES MENSCHEN WOLF

7/10

 

ausdemnichts© 2017 Warner Bros. GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2017

REGIE: FATIH AKIN

CAST: DIANE KRUGER, NUMAN ACAR, SIIR ELOGLU, JESSICA MCINTYRE, ULRICH TUKUR, JOHANNES KRISCH U. A. 

 

Ich will mir das einfach nicht vorstellen müssen: eines Tages nach Hause zu kommen und die Familie ist nicht mehr da. In Fatih Akins Terrordrama passiert genau das. Erleben muss das Undenkbare Mutter Katja, intensiv dargeboten von Diane Kruger. Als sie nämlich ihren Sohn vom Büro seines Vaters abholen will, ist das Büro auch nicht mehr da. Restlos zerstört durch eine Nagelbombe, die vor dem Laden deponiert war. Keiner hat’s bemerkt, niemand hat so etwas kommen sehen, schon gar nicht in einem Viertel Berlins, in welchem ohnehin nur fast ausschließlich Immigranten wohnen und arbeiten. Oder vielleicht genau deswegen. Katja kann das alles natürlich nicht fassen. Kein Boden mehr unter den Füßen. Eine Katastrophe, in die ich mich als Vater garantiert nicht schrankenlos hineindenken möchte – und auch nicht werde, selbst wenn ich vorhabe, dem Geschehen bis zum Ende zu folgen. Hinwegkommen lässt sich über einen solchen Verlust die Zeit eines ganzen Lebens nicht. Ob es sich überhaupt lohnt, weiterzuleben, ist eine andere Frage, die von vielen anderen Faktoren abhängt. Zum Beispiel davon, ob die Tat, begangen aus dem rechtsextremen Milieu, gesühnt werden kann – und die Schuldigen vor Gericht gestellt werden. Das passiert auch, tatsächlich. Und Diane Kruger alias Katja ist sich sicher, dass das junge Nazi-Paar nicht davonkommen wird. Aber wie sicher kann man sein, bei einem Justizsystem, das auf die Eloquenz und taktische Ausgeschlafenheit der Verteidiger und Ankläger setzt, auch wenn die Sache noch so auf der Hand liegt.

Fatih Akin, selbst Staatsbürger türkischer Herkunft, hat sich anhand des unübersehbar schwelenden Rechtsaktivismus in Deutschland so seine Gedanken gemacht. Allerdings nicht im Sinne eines gesellschaftspolitischen Reports. Viel kraftvoller, intensiver und klarer erkennbar ließe sich anhand eines Einzelschicksals Stellung beziehen. Anhand eines Opfers unter den Lebenden, das das eigene Fleisch und Blut zu Grabe tragen muss. Das ist fürchterlich unbequem, schmerzhaft, und eigentlich nichts, was man sich als Zuseher länger antun will. Warum Aus dem Nichts aber dennoch auszuhalten ist, liegt daran, dass Fatih Akin sich nicht damit begnügt, den enormen Verlust bis zur letzten Filmminute anzuweinen. Irgendwann, und das zur rechten Zeit, ist damit Schluss. Dann geht es nicht mehr nur zwingend um die Toten, dann geht es um die, die zurück bleiben – und dem latenten Hass weiter ausgesetzt sind. Die ihre Genugtuung nicht bekommen, die den Staat in diesem Punkt schwächeln sehen und selbst zu radikalen Mitteln greifen.

So ein Szenario kennen wir aus dem Selbstjustiz-Actionkino zu Genüge. Aber das wäre zu platt für einen Film wie diesen. Aus dem Nichts wechselt keineswegs ins Actionfach. Will auch kein Thriller sein. Fokussiert sich rechtzeitig sehr aufmerksam auf Diane Kruger und ihre Figur, die sich als gebrochenes menschliches Wesen klar werden muss, ob es eine Zukunft geben kann und wenn ja, welche. Akin beobachtet genau, lässt sich Zeit. Tritt in der zweiten Hälfte des Films deutlich vom Gaspedal runter, wird weniger schwermütig, dafür aber realistisch – und sogar etwas zynisch. Vom Trauer-, Justiz- und Bewältigungsdrama wird ein im wahrsten Sinne des Wortes bombenfestes Statement über die Sinnlosigkeit von Terror und den destruktiven Mechanismen, die er auslöst, und das innerhalb des kleinsten sozialen Gefüges. Dabei aber distanziert sich der Film immer weiter von seiner Leidensfigur, verklärt nicht, was sie tun muss und verurteilt auch nicht. Bewahrt eine geradezu objektive, fast schon nüchterne Sicht auf das große Ganze. Täter und Opfer sind bald auf einer Ebene, und wir erleben aus der Distanz, wie das Perpetuum Mobile der wechselseitigen Gewalt beginnt – und nicht mehr aufzuhalten sein wird. Dieses Gleichnis lässt sich auf nationale Größe aufblasen, und es ist immer noch dieselbe Dynamik – ob im Irak, in Israel oder eben in Deutschland, völlig egal, wer hier die Zündschnur entfacht. Somit ist aus dem Nichts kein politisches, sondern viel eher ein analytisches Werk zu einer uralten dunklen Seite des Menschseins geworden.

Aus dem Nichts

Das Verschwinden der Eleanor Rigby

ALL THE LONELY PEOPLE

5/10

 

eleonorrigby© 2014 Prokino Filmverleih

 

LAND: USA 2014

REGIE: NED BENSON

CAST: JESSICA CHASTAIN, JAMES MCAVOY, WILLIAM HURT, ISABELLE HUPPERT, CIARÁN HINDS, VIOLA DAVIS U. A.

 

Erst wälzen sich zwei Liebende in einer lauen Sommernacht im Rasen eines urbanen Parks, dann Szenenwechsel – und Jessica Chastain springt von der Brücke. Was hat denn das zu bedeuten? Nun, ein etwas verwirrender Anfang für ein Beziehungsdrama, aber wir sind da auch schon anderes gewohnt, wie zum Beispiel vom französischen Ehedrama 5×2, welches die Geschichte der ersten Liebe bishin zur Trennung rückwärts erzählt. Minuten später wird klar, dass bei manchen Menschen ein Beziehungs-Aus alleine zwar reichen würde, den Suizid zu wählen, aber womöglich wäre das für Das Verschwinden der Eleanor Rigby gar am Thema vorbei. Was weiters irritiert, ist die Wahl für den uns allseits geläufigen Songtitel Eleanor Rigby – Paul McCartney hatte damals mit John Lennon die reisklaubende, einsame Seele auf Immer und Ewig in die Musikgeschichte verbannt. Fährt man nach Liverpool, kann man Eleonor Rigby als Skulptur dort sitzen sehen. Und nicht nur das – die Rigbys liegen dort auch begraben. Erst unlängst ließ Danny Boyle seinen aus dem Beatles-Universum gefallenen Superstar in Yesterday an diesen Ort pilgern. So neugierig diese Referenz auf diesen Namen auch macht, so sehr enttäuscht dann aber auch seine Verwendung in diesem Film: Chastain könnte auch irgendwie anders heissen, eine tiefere Bedeutung hat ihr Namen keinen, und auch relativ unwillig führt sie die Affinität ihrer Eltern zur Band aus Liverpool auch als Entschuldigung für diese Peinlichkeit ins Feld.

Unwillig gibt sich diese Eleanor Rigby aber nicht nur dann, wenn andere sie auf ihren Namen ansprechen. Unwillig gibt sie sich auch in Sachen Beziehung. Denn, wie der Titel schon verrät: sie verschwindet einfach. Ihr Gatte James McAvoy, der bleibt allein zurück. Wieder eine einsame Person, die aus McCartneys Songtext stammen könnte. Der versteht nicht, was passiert ist, beginnt, Eleanor zu suchen, findet sie dann auch rein zufällig. Und erst langsam langsam, im Laufe der leidlich spannenden Geschichte rund um Resignation, Rehabilitation und zögerlichem Zutrauen entsteht so etwas wie ein Gesamtbild, das das Verhalten der Figuren erklärt. Das ist schleppend inszeniert und will nicht so recht packen. Auch stimmt die Chemie zwischen McAvoy und Jessica Chastain seltsamerweise nicht. Chastain ist die toughe Powerfrau aus Die Erfindung der Wahrheit oder Zero Dark Thirty, aber nicht jemand, der sich in seinem Frust verkriecht. Das tut sie jedoch, und lähmt den Film noch mehr als er ohnehin schon in seinem Grübeln verharrt. Mit Chastain und McAvoy grübeln und sinnieren auch noch andere illustre Sidekicks über ein lange unausgesprochenes Schicksal – Isabelle Huppert zum Beispiel, oder der in Nebenrollen bis zur Rente verharrende William Hurt.

James Kent hat in diesem Jahr mit Niemandsland – The Aftermath tatsächlich eine thematisch ähnliche Geschichte inszeniert. Zwar komplett anderer Kontext, andere Zeit und andere Umstände, aber im Grunde ebenfalls die Chronik eines Auseinanderlebens, basierend auf einem Schicksalsschlag, der sich am besten nur mit einem Neuanfang ertragen lässt. Kent konzipiert seinen Film allerdings besser, lüftet das Geheimnis viel früher und konzentriert sich daher viel eher auf das Mit- und Gegeneinander von Keira Knightley und Jason Clarke. In Das Verschwinden der Eleanor Rigby erliegt Regisseur und Drehbuchautor Ned Benson leider dem Irrtum, dass es besser wäre, seinen abwechselnd in Vergangenheit und Gegenwart erzählten Film rund um ein Geheimnis zu errichten, dessen Krämerei von der Diskrepanz des Paares aber eigentlich ablenkt und eine bemühte Wahrheitsfindung konstruiert. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, stattdessen sorgt das wenig evidente Verhalten von Chastain und McAvoy für Langeweile. Die Prämisse in diesem Fall aufzuschieben war also keine so gute Idee.

Das Verschwinden der Eleanor Rigby

Peppermint: Angel of Vengeance

DIE RACHE EINER MUTTER

6,5/10

 

peppermint© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PIERRE MOREL

CAST: JENNIFER GARNER, JOHN GALLAGHER JR., JOHN ORTIZ, JUAN PABLO RABA, ANNIE ILONZEH U. A.

 

Es gibt nichts Fürchterlicheres als sein eigenes Kind zu verlieren. Noch dazu durch Gewalteinwirkung, erschossen von einem Killerkommando, am Geburtstag der Kleinen, ein paar Tage vor Weihnachten. Assoziationen mit tatsächlichen Ereignissen aus Straßburg oder Berlin werden wach. Da kommt wirklich alles, woraus die Hölle einer stolzen Mutter besteht, zusammen. Und nicht nur das – der Papa muss auch noch daran glauben. Das Böse nimmt vor gar nichts mehr Rücksicht, nicht mal mehr vor Kindern. Ein Pech für die Mörder, nämlich dass die letzte Bastion aus dem Mikrokosmos Familie dem Schicksalssturm weiterhin trotzt – und zwar nichts Geringeres als die Institution Mutter. Und der Zorn einer solchen, der kann endlos sein. Mindestens so verheerend wie jener eines John Wick, der nur sein Auto zurückwill und für seinen getöteten Hund Vergeltung übt. Die tödliche Effizienz von Jennifer Garner hat allerdings einen längeren Vorlauf. Ganz zu Beginn, da ist sie noch ein biederes, gebrochenes Häufchen Elend, seelisch zerrissen und auf Gerechtigkeit hoffend. Doch die macht sich rar – zu groß die Angst vor dem Damoklesschwert eines mächtigen Drogenkartells, zu korrupt die Justiz, um die angeklagten Mörder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Was also bleibt, ist die Wahl der Waffen – zu denen Frau greift, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Um wie eine Nemesis die Unterwelt mit Vernichtung zu strafen.

Das tut Riley North aka Jennifer Garner dann auch. Und neben ihr wirken Gesinnungsgenossen wie Bruce Willis aus Death Wish maximal so, als hätten sie beim wöchentlichen Lotto-Jackpot nicht mal einen Dreier gemacht. Empfinden also halb so viel, wie Riley North es tut. Ein Glück, dass Garner ihr schauspielerisches Soll mit sehr viel Ehrgeiz erfüllt. Ihre Figur der wutentbrannten und verstörten Trauernden ist längst nicht so das plakative Abziehbild einer Killer-Queen, wie manch einer vielleicht vermuten würde. Selbstjustizler gibt es im Actionkino nämlich wie Sand am Meer, mehr davon männliche als weibliche. Im Grunde aber immer das gleiche Szenario. Was soll also an Peppermint anders sein? Eine berechtigte Frage. Überraschend sind solche Filme längst nicht mehr. Basierend auf dieser Bestandsaufnahme ist es viel wichtiger geworden, dem – sagen wir mal – Anti-Helden (denn Selbstjustiz kann niemals DIE rechtschaffene Lösung sein) mehr Struktur zu verleihen. Ihn nicht mehr nur mit einem markigen Spruch auf den Lippen ins Feld ziehen zu lassen, unzerstör- und vorhersehbar. Spätestens da wird der Thriller Marke Eigeninitiative zur Charakterstudie – und wieder sehenswerter und interessanter. Und wie Peppermint durchaus lohnenswert, gesehen zu werden. Garners Figur ist also weit mehr als ein zorniges Phantom-Kommando. Immer wieder fällt sie in ein tiefes, schwarzes Loch. Leidet, am Boden zerstört, wirkt plötzlich kraftlos, geschlagen, resignierend. Und dann rafft sie sich wieder hoch. Zu verlieren hat sie ja schließlich nichts mehr, außer die Gelegenheit auf Rache. Ob das ihren Schmerz tilgen kann, ob das Töten der Peiniger tatsächlich zur Katharsis wird – das wagt Pierre Morel nicht wirklich zu bejahen. Für den Zuseher ist es jedenfalls eine Genugtuung, das war zumindest in Morel´s Filmen der 96 Hours-Franchise mit Liam Neeson schon so. Nachgesehen hat man Actionopa Neeson damals alles. Und wenn das bei ihm schon so war, dann bei Jennifer Garner erst recht. Also punktet Peppermint weniger mit den bewährten Mechanismen einer blutigen Mission quer durch einen ganzen Drogenring, sondern vielmehr mit dieser bildlichen Verbissenheit einer der mütterlichen Verpflichtung verschriebenen Tötungsmaschine, die manchmal gar nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Diese Wut ist ansteckend. Trotz der vielen Leichen, die Riley North´s Weg pflastern, wird sie nicht kleiner, nur verzweifelter. Aber zumindest nachvollziehbar. Für jeden, der Kinder hat.

Wenn schon, dann reflektiert Peppermint etwas mehr als andere Genrekollegen die Effizienz einer solchen Lynchjustiz, wenngleich die bösen Buben, die als eindimensionale Schießbudenfiguren weitestgehend von jeglicher Biografie befreit sind,  wirklich nur dazu da sind, um tödlich bestraft zu werden. Das macht diesen schwermütigen Reißer immerhin wieder zu einer Art Popcornkino für Freunde projektilreicher Heimsuchungen, was er letzten Endes auch sein soll. Nur mit dem Bisschen mehr an bitterer Wut im Bauch.

Peppermint: Angel of Vengeance