The Stories (2025)

EIN ECHTER ÄGYPTER GEHT NICHT UNTER

5,5/10


Valerie Pachner und Amir El-Masry im Film The Stories
© 2025 Film AG


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, FRANKREICH, BELGIEN, ÄGYPTEN, SCHWEDEN 2025

REGIE / DREHBUCH: ABU BAKR SHAWKY

KAMERA: WOLFGANG THALER AAC

CAST: AMIR EL-MASRY, VALERIE PACHNER, NELLY KARIM, AHMED KAMAL, KHALED MOKHTAR, MARIA HOFSTÄTTER, JOHANNES KRISCH, JACK HOFER U. A.

LÄNGE: 2 STD


„Meine Brüder wollen wissen: Bist du eine Spionin?,“ schreibt der junge Ägypter Ahmad in seinem Antwortbrief an die noch unbekannte Elisabeth, die weit entfernt in Österreich weilt und aus Ermangelung anderer Möglichkeiten, einfach mehr von der Welt zu sehen, eine Brieffreundschaft startet.

Wir sind Geschichte – und umgekehrt

Wir schreiben zu Beginn des Films, der sich über zwei weitere Jahrzehnte ziehen wird und von vornherein schon plant, ordentlich viel gesellschaftlichen wie politischen Kontext zu liefern, das ausgehende Jahrzehnt der 60er, genau genommen 1967. Gerade, als der Sechstagekrieg zwischen Israel und Ägypten losbricht.

Und so wird es im Laufe der Handlung weitergehen. Die Politik spiegelt das Leid und die Freud einer ägyptischen Großfamilie wieder – drei Söhne, eine Tochter, dazu sämtliche Onkels und Tanten und was weiß ich was da zu so einem gesellschaftlichen Kosmos noch dazugehört. Der Vater hat einen Job als Beamter beim Staat, und im Zuge eines Fernsehinterviews kommt ihm tatsächlich mal das Wort Korruption über die Lippen – was ihn den Rest seines Lebens in gewisse Paranoia versetzen wird.

Fußballschauen als Familienaufstellung

Omnipräsentes Thema dieser Familie ist der Fußball, und so sitzen sie alle, zumindest die Herren, in patriarchaler Zufriedenheit vor dem Fernseher, um nur kein Spiel zu versäumen, während einer der Onkels, dem der böse Blick nachgesagt wird, wie Troubadix der Barde nicht ins Wohnzimmer darf.

Ahmed ist einer der Söhne des Beamten, auf ihm liegt natürlich der Fokus, und er soll auch als autobiografischer Stellvertreter grob umrissen die Biografie von Abu Bakr Shawkys Vater erzählen. Was wahr ist an der ganzen Geschichte: Shawkys Eltern haben sich tatsächlich auf diese oder ähnliche Weise kennengelernt. Alles übrige ist ein Stückwerk aus Erinnerungen, Anekdoten und charakterlichen Schrullen, die wohl jede Familie ausmachen.

„Der Bockerer“ im Schatten der Pyramiden

Da Ägypten in dieser Zeit von einer politischen Unruhe zur nächsten gelangte, eignet sich der damalige Mittelstand ideal, um den tragikomischen Querschnitt einer Epoche zu liefern, in der wirklich niemand etwas zu lachen hatte, allerdings der eine oder andere Lichtblick wie der des Fußballs in diesem Fall das mentale Überleben gewährleisten konnte – inklusive das Schicksal von Ahmad und Liz, das im ganzen Viertel wohl seine Spuren hinterlassen wird.

Und ein ganz klein wenig, auch wenn The Stories keine Culture-Clash-Dramödie ist wie vielleicht vermutet, darf Österreich ebenfalls das Fähnlein schwingen und die Brücke schlagen von diesem familiären Charakter-Konglomerat zu den Begebenheiten einer Fleischhauerfamilie während des Nazi-Regimes.

Nicht von ungefähr erinnert dieser dramaturgische Aufbau an den Bockerer, einem Theaterklassiker von Peter Preses und Ulrich Becher, verfilmt von Franz Antel und ausgedehnt auf mehrere Jahrzehnte, die beim Prager Frühling enden. Die politische Kulisse in The Stories wiederum reicht bis zur Ermordung des Präsidenten Sadat 1981, nur fehlt Shawky in seiner epischen und zugleich kammerspielartigen Chronik ein charakterliches Schwergewicht wie zum Beispiel ein cholerischer Fleischhauer, in dessen Verhalten und Tun sich all die Irrungen und Wirrungen einer Zeit spiegeln.

Die Figur des Ahmad bleibt da leider zu flach, Valerie Pachner als Brieffreundin und spätere Ehefrau sowie Nelly Karim als die Gasherd-tretende Schwiegermama im Haus, die um nichts in der Welt ihre Kochrezepte verrät, versuchen die Bockerer-Perspektive zu ersetzen. Beides gelingt nur schwer, da hilft nicht mal ein kleiner, aber feiner Auftritt von „Josefstadt-Fleischhauer“ Johannes Krisch – an dieser Stelle ein herzliches R.I.P. für einen ganz besonderen Bühnenkünstler.

Volkstümliche Erinnerungsnostalgie

So zerfällt The Stories in ein ungeordnetes Mosaik aus vielen Schicksalen, charmanten kleinen Portraits und Kuriositäten eines fast schon liebevoll beäugten Ägypten, das es, genauso wie Österreich, vielleicht ja nicht besser wusste.

Das Herzblut, mit dem Shawky seine persönlich gefärbte Familiengeschichte hier abhandelt, mag manchmal pulsieren – doch der Blutdruck ist stets höher als verträglich und strengt das Zusehen richtig an. So richtig tiefer will die The Stories dann auch nicht gehen und hält sich ganz bewusst mit einer teils verklärten, teils ironischen Volkstümlichkeit über Wasser, die dann doch wiederum gut zum Bockerer passt und (verständlicherweise) auf Versöhnung mit der eigenen Herkunft gepolt ist.

The Stories (2025)

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (2025)

RÜPEL AN DER KETTE

7/10


Andrea Riseborough, Kit Rakusen, Stephen Graham und Anson Boon sind eine schrecklich nette Familie in an Komasas Good Boy
© 2025 RPC Good Boy Limited & Skopia Film / Foto Lukasz Bakj, X Verleih


LAND / JAHR: POLEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: JAN KOMASA

DREHBUCH: BARTEK BARTOSIK, NAQQASH KHALID

KAMERA: MICHAL DYMEK

CAST: STEPHEN GRAHAM, ANDREA RISEBOROUGH, ANSON BOON, KIT RAKUSEN, MONIKA FRAJCZYK, SAVANNAH STEYN, CALLUM BOOTH-FORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Wie macht man aus einem Tunichtgut einen guten, und wenn schon nicht gleich einen guten, dann zumindest einen besseren Menschen? Diese Frage hat sich bereits Anthony Burgess gestellt, ein britischer Schriftsteller, aus dessen Feder die verstörende Dystopie Clockwork Orange stammt.

Der Zweck heiligt die Mittel

Die, die das Buch nicht gelesen haben, aber zumindest Stanley Kubricks Verfilmung kennen, erinnern sich vielleicht noch an die milchtrinkende Verbrechergang rund um Bösewicht Alexander DeLange, wofür Malcolm McDowell wohl seine Paraderolle fand. Sie erinnern sich vielleicht auch an den Prozess der Gehirnwäsche, die letztlich jedwede Art von sexueller wie körperlicher Gewalt aus den Probanden rausexorzieren soll. Durch das Zwangsbetrachten gewalttätiger Darstellungen, das Verabreichen übelkeitsauslösender Seren im Kontext solcher Reize und Beethovens neunter Symphonie sollen Verbrecher ihrer bisherigen Laufbahn den Rücken kehren.

Am Puls der Zeit

Tja, schön wärs, denkt sich Stephen Graham, der allerdings nicht in Clockwork Orange mitwirkt, sondern im neuen Film von Jan Komasa, der schließlich auch nicht dafür bekannt ist, filmischen Eskapismus an den Tag zu legen. Für Corpus Christi war er vor einigen Jahren oscarnominiert, sein Film The Hater lief hierzulande nicht im Kino, sondern reüssierte auf Netflix. Ein Film, der von allen Filmen Jan Komasas sein thema am grellsten umreisst. Und überall, auch in The Change – seinem jüngsten Werk, mit Kyle Chandler und Diane Lane in den Hauptrollen, geht es um individuelles Fehlverhalten, das in einer ignoranten Gesellschaft seine Wurzeln schlägt und weitestgehend als grimmiges Symptom für einen flächendeckenden Missstand steht.

Zwangslurlaub für einen Unhold

Stephen Graham, so richtig bekannt geworden durch die Netflix-Miniserie Adolescence, findet sich in keinem der genannten Filme wieder, stattdessen aber in Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes. Und dort dürfte er als prinzipien- und regeltreuer Familienvater und moralischer Ritter Clockwork Orange zumindest gelesen haben, um nachträglich auf die Idee gekommen zu sein, missratene Subjekte von der Straße zu holen und sie ganz privat und exklusiv in einen Rehabilitationsurlaub zu stecken, der sich anfühlt, als wäre er ein gediegener Aufenthalt in einer Familienpension, wären da nicht ein muffiger Keller und eine lange, sehr lange Kette, die den jede Nacht über die Stränge schlagenden Tommy daran hindern soll, abzuhauen.

Clockwork Orange Light

Dieser Tommy hat alles Mögliche auf dem Kerbholz – Kapitalverbrechen allerdings nicht. Und dennoch oder gerade deswegen sehen Stephen Graham und seine schwer depressive Frau Andrea Riseborough, die als gespenstische Ahnfrau die verkappte Matriarchin gibt, genug Silber am Horizont, um den jungen Mann ähnlich zu quälen wie einst Malcolm McDowell – zum Glück ohne Lidklemmen, dafür aber mit klassischer Musik und den eigenen Schandtaten, die sich auf TiKTok finden lassen.

Moralischer Fragenkatalog

Was lässt sich von so einer gewaltsamen Verbesserung einer von allen möglichen Bedürfnissen gepeinigten Psyche denn halten? Begegnet man besser Gewalt mit Gegengewalt? Sind Graham und Riseborough in Wahrheit die Guten und trotzdem sie Verbrechen begehen, geheiligt durch den guten Zweck?

Wie bändigt man den gewaltbereiten Pöbel auf der Straße? Und all die straffrei gehenden, weil minderjährigen, marodierenden Gangs in allen Metropolen der Welt? Wo liegt die Ursache, wo und wie setzt man an, um den wütenden Alltag dieser Menschen neu zu kanalisieren? Lassen sie mit sich reden, wenn man sie unter Androgung von Gewalt dazu zwingt? Zum Lesen, zur Einsicht, zum guten Benehmen?

Jan Komasa wirft viele Fragen auf, der bald schon zu einem Katalog an offenen Diskursen wird. Antworten hat er keine, und er maßt sich auch nicht an, welche zu liefern. Stattdessen aber gelingt es ihm, innerhalb dieser geschaffenen Grauzone, die in all der sozialen Ratlosigkeit nichts anders kann als herumzuexperimentieren und den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben (vor allem beim eigenen Kind – ich sage nur: Zigaretten), sein behändes und fast schon entschleunigtes Sozialdrama alle Vorhersehbarkeit zu nehmen.

Der Faktor X, der letztlich fruchtet

Das liegt daran, dass Komasa nicht einer ist, der seine Problemfälle am Ende idealisiert. Kann ja gut sein, dass nichts fruchtet, kann aber auch sein, dass die Familie, die ihre Welt irgendwie besser machen will, gerade durch einen einzigen Faktor Erfolg hat, und zwar einen, den sie selbst nicht kennen.

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes ist unerwartet introvertiert, manchmal fast zärtlich. Und trotz all der grotesken Situationen selten zynisch. Mag sein, dass die Erwartungshaltung bei einem Film, in dem ein entführter junger Mann an der Kette hängt und „gebessert“ werden muss, wohl ganz anders liegt, vielmehr beim hässlichen Thriller mit Hang zum Nihilismus.

Nur nicht tatenlos zusehen!

Tatsächlich gibt Komasa die Hoffnung in diesem Film niemals auf und will seine Gutmenschen niemals moralisch höher stellen als die Verdorbenen. Das macht was mit der Akzeptanz, das macht was mit dem erlernten Moralverständnis.

Good Boy ist trotz all der Ambivalenz ein manchmal fast schöner Film geworden, der seinen „Alexander DeLange“ niemals aus Spaß an der Freude so hat werden lassen. Womit wir wieder bei diesem, von Komasa oft zitierten, flächendeckenden gesellschaftlichen Problem wären, das nur anhand von fast schon improvisierten Verzweiflungstaten bewältigt werden kann.

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (2025)

Worldbreaker (2025)

WARTEN AUF MILLA JOVOVICH

1/10

 

Luke Evans und Filmtochter Billie Boullet waten in Worldbreaker auf Milla Jovovich
© 2026 Alive AG

 

LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: BRAD ANDERSON

DREHBUCH: JOSHUA ROLLINS

KAMERA: DANIEL ARANYÓ

CAST: BILLIE BOULLET, LUKE EVANS, MILLA JOVOVICH, MILA HARRIS, KEVIN GLYNN, CHARIS AGBONLAHOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Die Guten ins Töpfchen…

Ja stimmt, es gibt zuhauf schlechte Filme, die muss man gar nicht erst sehen, um zu wissen, dass die Synopsis des einen oder anderen Machwerks schamlos von Genreperlen abkupfert oder einfach nur marktschreierisch und um Effekte haschend das schnelle Geld machen will. Ein Durchforsten der Streamingplattformen macht schwummrig, vielleicht auch ein bisschen gesättigt von all dem gleichen Schmus – es ist wie Doomscrolling mit der Fähigkeit, die Apokalypse im Hirn und in der Raumzeit des Sinnhaften nochmal abzuwenden.

Milla und ihre Apokalypsen

Was Apokalypsen betrifft, so könnte auf den ersten Blick ein Film wie Worldbreaker ganz interessant sein. Wenn man auf Milla Jovovich abfährt – und auch, wenn man das nicht tut –, zumindest aber auf Resident Evil oder In the Lost Lands mit Dave Bautista, könnte man mit dem neuen Film von Brad Anderson, der ja durchaus schon mal die eine oder andere bemerkenswerte Arbeit vom Stapel hat lassen, zwei Stunden Monster-Endzeit genießen, oder?

Seltsam nur, dass ein Titel wie Worldbreaker nur dann greifbar wird, wenn man länger auf Film-Plattformen herumstöbert, und da vorzugsweise in der Kategorie Home Cinema. Aha, denke ich mir, Milla Jovovich macht, was sie immer schon gut konnte, nämlich die Waffen erheben gegen vielbeinige Riesenspinnen oder arachnoide Zentauren.

Die Gute schwingt noch dazu ein Schwert, was das Fantasy-Herz höher schlagen lässt. Schließlich ist auch Luke Evans dabei – der hat doch vor einiger Zeit den Ober-Vampir verkörpert? Stimmt, Vlad Dracul, und zwar in Dracula Untold. Auch nicht schlecht, probieren kann man’s ja, obwohl Worldbreaker auf Wikipedia fast totgeschwiegen wird.

Leere Versprechungen

Und dann? Ja, dann passiert das: Und zwar alles, nur das nicht, was man erwartet hätte. Ein innovatives Abenteuer, zum Bersten voll mit Monster-Action, gefälligem Pathos, auf das man aufspringt und eine sich windende Spannung? Mitnichten.

Das satte Grün irischer Plateaus, die in eine spektakuläre Küstenlandschaft übergeht – a hat sich jemand als Location-Scout bewiesen, das nenne ich mal Schauplatz für mächtig Drama und mächtig Thrill. TV-Darstellerin Billie Boullet, zu sehen in der Serienversion von Man on Fire, rückt auch hier ins Bild.

Die junge Dame scheint schon viel erlebt zu haben, traumatische Veränderungen, den Reiz der Selbstverantwortung, unterdrückte Furcht. Da steht sie, zähneknirschend und mit entschlossenem Blick, während auch sie ihr Schwert zieht. Aus dem Off hören wir Luke Evans bedeutungsschwere Stimme. Der Mut dieses Mädchens wird in die ungeschrieben Annalen der Postapokalypse eingehen.

Warten hat so was Vorherhsehbares

Dann aber springt die Zeit zurück, schließlich weiß man noch nicht, wovon diese Geschichte eigentlich handelt. Doch das macht nichts. Nach ungefähr zehn Minuten ist klar, wie und wohin sich das ganze Szenario entwickeln wird. Worldbreaker hält das Zepter der Vorhersehbarkeit so hoch, als wäre es ein Leuchtturm für alle, die als Skriptautoren und Autorinnen die noch nicht verfasste eigene Story weniger trivial gestalten wollen.

Milla Jovovich, so erfahren wir bald, ist nur des Marketings wegen mit an Bord, eine Randfigur wie einst Bruce Willis in so manchem B-Movie-Thriller seiner späteren Karriere. Die meiste Zeit leben Billie Boullet und ihr Rauschebart-Daddy auf einer einsamen kleinen Insel und harren der Dinge, während Mama Jovovich auf Irland gegen Ungetüme aus dem Erdinneren kämpft. Was wir leider nicht sehen.

Der ganze Film eine Nebenhandlung

Ja, wo sind sie denn, diese Viecher? Die kommen schon noch. Oder auch nicht. Oder eben unscharf und nur ganz kurz im Hintergrund, weil Brad Andersons Film einfach kein Budget hat oder das Budget gekürzt wurde, weil Weltwirtschaftskrise und so.

Stattdessen bleibt uns eine parkourerprobende Heidi und ihr alter Herr, beide schenken sich, was seifige Dialoge angeht, wirklich nichts. Die Hoffnung und die Liebe und all die gedroschenen Phrasen lassen sich leider nicht zu Mehl verarbeiten, um etwas zu beißen zu haben. Denn bissfest ist in diesem Streifen wirklich nichts. Langeweile macht sich breit, Billie Boullets Figur schreckt vor ihrer eigenen Vorahnung zurück.

Mitunter verhübschen gefährliche Mutanten das dröge Geschehen und verpuffen so schnell wie Sternschnuppen. Brad Anderson kann keinerlei Spannung halten, lässt keinen Ehrgeiz erkennen und beschränkt sich die meiste Zeit auf belanglose Jugend-Fantasy ohne Reibung und Raffinesse, die völlig durchhängt.

Das Warten auf Milla Jovovich hat irgendwann ein Ende

Die Lore dieses Films ist so hanebüchen und unausgegoren, der finale Auftritt Jovovichs so lachhaft, die Erwartung so dermaßen unerfüllt und das Ganze so holprig performt, dass selbst das bisschen feministische Grundidee keine nennenswerte Verbesserung bringt. Worldbreaker ist tatsächlich der Tiefpunkt eines Regisseurs, der uns seinerzeit einen kafkaesken Albtraum wie Der Maschinist beschert hat. Nun aber ist der Albtraum eher ungewollt, und die zwei Stunden Lebenszeit unwiederbringlich.

Worldbreaker (2025)

The Piano Tuner (2025)

WENN DIE WELT VIEL ZU LAUT IST

8/10

 

Dustin Hoffman und Leo Woodall in The Piano Tuner von Daniel Roher
© 2025 Black Bear

 

ORIGINALTITEL: TUNER

LAND / JAHR: USA, KANADA 2025

REGIE: DANIEL ROHER

DREHBUCH: DANIEL ROHER, ROBERT RAMSEY

KAMERA: LOWELL A. MEYER

CAST: LEO WOODALL, DUSTIN HOFFMAN, HAVANA ROSE LIU, LIOR RAZ, TOVAH FELDSHUH, JEAN RENO, NISSAN SAKIRA, GIL COHEN, C. S. LEE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Nina Simone, Dave Brubeck, Herby Hancock – sie alle begleiten Leo Woodall als den wohl besten Klavierstimmer der Welt durch ein mit feiner kriminalistischer Klinge geführtes Charakterdrama, das obendrein noch ein Kaliber wie Dustin Hofmann zu bieten hat.

Denn: Der mittlerweile 88jährige Schauspieler hat immer noch nichts von seinem sympathischen Charisma eingebüßt, während andere da schon näher an der nächsten Kaffeepause sind als mitten im Geschehen des Films. Hofmann scheint Leo Woodall auf joviale Weise nach vorne zu pushen, er räumt das Spielfeld für einen Charakterdarsteller, der seine Figur des Klavierstimmers Niki White nicht nur interpretiert und dabei versucht, ein plausibles Verhalten festzulegen, sondern der diesen musikalischen Superhelden mit absolutem Gehör mitsamt seiner Biografie und seiner inneren seelischen Beschaffenheit kennenlernen will.

Ob Woodall ein Schauspieler ist, der dem Method Acting folgt? Könnte sein. Denn für diesen Unterschied zu anderen Akteuren möchte man, wie man so schön sagt, Klavierspielen können.

Die Klaviatur der Töne

Dieser Niki White, der kann es. Oder konnte es. Anscheinend, und das sickert immerhin durch, hätte der junge Mann gar als Mozart 2.0 gelten können. Doch eine Krankheit namens Hyperakusis hat ihm da längst einen Strich durch die Komposition gemacht. Mit dieser Form des Hörens lässt sich nicht in die Tasten hämmern, da lässt sich maximal ein Klavier stimmen – auf die Tonlage genau.

Dann hat es Klick gemacht

Als Niki eines Abends den Flügel eines begüteten Kunden auf Vordermann bringt, stören ihn drei Safeknacker, die mit Bohrmaschine anrücken und ordentlich Lärm machen. Als diese das Sound-Genie hinters Licht führen und ihn den Tresor alleine durch das Klick-Klick des Zahnradschlosses knacken lassen, könnte das der Beginn einer zweiten Karriere sein.

So ganz ohne Skrupel und geplagtem Gewissen geht’s bei Niki aber nicht einher. Da sein Mentor, eben Dustin Hofmann, nach einem Herzinfarkt seine Spitalskosten nicht mehr bezahlen kann, ist der satte Zuverdienst zumindest für eine gute Sache. Bis die ehrgeizige Pianistin Ruthie dazwischenfunkt.

Dramaturgisches Terzett

The Piano Tuner bietet immer noch Platz für eine romantische Beziehung. Und das Schöne an diesem Film ist: Keine der Storylines bewegt sich für sich, der ganze Plot selbst fällt niemals auseinander. Bei vielen anderen Filmen, die sich mitunter abmühen, mehrere Komponente einer Geschichte zusammenzubringen, scheitern daran, das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Dem Kanadier Daniel Roher aber, der mit seiner erschütternden Thriller-Dokumentation Nawalny bereits als Oscarpreisträger gilt, gelingt das Kunststück eines geschmeidigen, absolut groovigen Feel Good-Film Noir, unterlegt mit den kultigen Klängen großer Jazznummern.

Charakterdrama und smoother Thriller

Als gewieftes Old-School-Krimidrama findet The Piano Tuner seinen alles umfassenden und behütenden gemeinsamen Nenner in dieser ausgesucht stimmigen Charakterstudie eines vom Schicksal enttäuschten, introvertierten Mannes, der in manchen Szenen an Ryan Gosling aus Drive erinnert, der aber nicht zu Gewalt neigt, sondern das Leben herausfordern muss, ohne seine Prinzipien zu verraten. Das gelingt natürlich nicht immer. Der Konflikt bahnt sich an, doch so unaufdringlich wie zufälliges Kennenlernen, aus dem Synergien erwachsen.

Der Gleichgewichtssinn liegt nicht nur im Ohr

Roher bietet Understatement den ganzen Film lang – von diesem Mann werden wir zukünftig noch einiges hören, denn sein Gespür für treffsichere dramaturgische Balance, in diesem Fall zwischen Chill-Time, Drama und Spannung, mag sein ganz eigener Skill sein. Wie das absolute Gehör von Niki White. Und so absolut im Reinen mit seiner Geschichte fühlt sich auch The Piano Tuner an – und bietet am Ende noch eine kuriose Ironie als Ergebnis unheilvoll verketteter Umstände. Ein Thriller also, den man genießen kann, bis zuletzt durchdacht, aufmerksam und willens, mit den eigenen erschaffenen Figuren nicht nur Smalltalk führen zu wollen.

The Piano Tuner (2025)

Wohin der Wind uns trägt (2025)

GELEGENHEIT MACHT ZUKUNFT

7,5/10


Eya Bellagha und Slim Baccar unterwegs nach Djerba im Roadmovie Wohin der Wind uns trägt
© 2025 Polyfilm


ORIGINALTITEL: WHERE THE WIND COMES FROM

LAND / JAHR: TUNESIEN, KATAR, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: AMEL GUELLATY

KAMERA: FRIDA MARZOUK

CAST: EYA BELLAGHA, SLIM BACCAR, SONDOS BELHASSEN, MAYA BLOUZA, LOBNA NOOMENE U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



In Tunis ist es auch nicht gerade so, als hätte man dort die Zukunft verpasst oder wüsste nicht, was alles im Zeitalter der Information möglich sein kann. Nur weil es Nordafrika ist, braucht Europa nicht annehmen, dass Chancengleichheit nicht gefragt sei. Dabei war Tunesien wie fast jeder Staat an der afrikanischen Mittelmeerküste französische Kolonie – und bis heute verbindet die Kolonialmacht und ihre nun unabhängigen Gebiete zumindest das Zugeständnis Frankreichs, Menschen von dort nach Europa zu lassen.

Wie es dort dann weitergeht, ist eine andere Sache. Doch so weit sind wir hier noch nicht, denn der Wind, der die beiden Freunde Alyssa und Mehdi weiter tragen soll als die Möglichkeiten es hergeben, hat noch nicht mal angefangen, als Südwind seine Pflicht zu tun.

Das innige Beispiel einer Freundschaft

Alyssa und Mehdi – das ist kein Liebespaar. Beide kenne sich von klein auf, sind so etwas wie Bruder und Schwester – haben also eine Beziehung, die in den 80ern Harry und Sally für unmöglich hielten. Und die so viel Gewicht hat, dass nichts beide auch nur jemals entzweien könnte.

Vielleicht aber hält die Zukunft  Schicksale bereit, die für Konflikte sorgen. Die beide in unterschiedliche Richtungen treibt. Bobachtet man Alyssa und Mehdi aber, wie sie versuchen, die trostlose Unbeweglichkeit ihres Status Quo zwischen familiärer Verpflichtung und Jobsuche hier in Tunis zu überwinden, konfrontiert Wohin der Wind uns trägt (Im Original noch treffender: Where the Wind Comes From) sein Publikum mit dem energiegeladenen Abenteuer einer Orientierungssuche.

Nach der Decke strecken? Ist nicht!

Und taucht dabei tief in die inneren Welten seiner beiden jungen Helden ab, die wissen, wie man Gelegenheiten am Schopf packt. Nur so, nur durch Improvisation, Wagemut und Dreistigkeit, scheint man als Young Adult hier in Nordafrika nach dem Arabischen Frühling voranzukommen – man muss nur die Grenzen, die einem gesteckt werden, links liegen und Verantwortung für andere gegen Eigenverantwortung tauschen. Einen zielgerichteten, aufmüpfigen Egoismus entwickeln. Und nach Djerba düsen.

Also klauen Alyssa (berührend authentisch: Eya Bellagha) und Mehdi kurzerhand den nicht unauffälligen Jeep eines Bekannten, um zu einem Zeichenwettbewerb auf der Touristeninsel vor Tunesiens Küste zu gelangen. Mehdi ist schließlich hochtalentiert, entwirft surreale Bilder, versteht das Handwerk – und hat sein Werk auch schon eingereicht.

Belastungsprobe für Werte und Prinzipien

Auf dem Weg dorthin aber mag der eine oder andere Engpass beide vor Herausforderungen stellen, die sie so noch nicht kannten. Sie mögen ihre Prinzipien vielleicht manchmal verraten, die eigenen Grenzen dehnen und Erfahrungen sammeln, die sehr viel auch mit der Rolle der Frau in einem muslimischen Land zu tun hat. Und dem, was man ihr zugesteht, tun zu dürfen – oder auch nicht.

Roadmovies gibt es viele. Selbstfindungen währenddessen ebenso. Doch was Amel Guellaty ganz besonders hier gelungen ist, und wodurch sie ihre Reise zu etwas ganz Besonderem werden lässt, ist diese gnadenlos bedingungslose Freundschaft, dieses Zueinanderhalten und das tiefe Vertrauen, das beide einander schenken.

Platz für die inneren Welten

Berührende Momente wechseln mit dreistem Schicksals-Gambling – doch überzogen wird das Ganze nie. Eine gewisse verspielte Verträumtheit und eine Liebe zu ihren Figuren bringt Guellaty auch dazu, die inneren Welten von Alyssa in dezent gesetzten, surrealen Szenen zu visualisieren. Bei Mehdi muss sie das nicht tun – er hat seine Bilder, die seine Gefühlswelt zeigen.

Diese erfrischend unverkrampfte Sicht auf die Welt, verbunden mit dem empfundenen Recht junger Menschen, der Welt den eigenen Stempel aufzudrücken, egal wie – das trägt eine Wahrhaftigkeit in sich, die so bescheiden und virtuos daherkommt, dass sich jede Vermutung, in einem Betroffenheitsfilm nur more of the same erzählt zu bekommen, im Wüstenwind zerstreut.

Dann dreht sich der Wind

Frech und fröhlich, doch genauso mit Angst im Herzen und Wille im Verstand, fahren die beiden einer Zukunft entgegen, die so ungewiss ist, dass sich Kilometer für Kilometer nur improvisieren lässt. Irgendetwas wird passieren, hin zu Neuem oder zurück zu Altem, neu betrachtet. Eine Reise, fast schon so wie bei Paolo Coelho, nur mit dem Wind, der sich immer wieder dreht.

Wohin der Wind uns trägt (2025)

The Furious (2025)

IMMER GUT ZU WISSEN, WO DER HAMMER HÄNGT

6,5/10


Joey Iwanaga attackiert Joe Taslim in The Furious
© 2025 Polyfilm


LAND / JAHR: HONGKONG 2025

REGIE: KENJI TANIGAKI

DREHBUCH: SAM SHUM KWAN-SIN, FRANK HUI, MAK TIN-SHU, LEI ZHILONG

KAMERA: METEOR CHEUNG

CAST: XIE MIAO, JOE TASLIM, YANG ENYOU, YAYAN RUHIAN, JEEJA YANIN, BRIAN LE, JOEY IWANAGA, SAHAJAK BOONTHANAKIT U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Am Tag danach aus dem Bett zu kommen, gestaltet sich schwieriger als gedacht. Überall blaue Flecken, Blessuren, und einen Muskelkater, bei dem man besser auf allen Vieren ins Badezimmer kriecht. Es gibt Filme, die tun körperlich weh. Nicht weil sie schlecht sind, sodass es schmerzt, sondern weil in ihnen ausgeteilt wird, als gäbe es kein Morgen mehr. The Furious ist so ein Fall – ein Hongkong-Actionreißer, der jede Menge griffige Choreographien bietet, die obendrein noch so physisch wirken, dass so manches Aufjaulen im Kinosaal nur schwer unterdrückt werden kann.

Marmor, Stein und Eisen bricht…

Rekapituliert man im Nachhinein The Furious, wird es zum Ding der Unmöglichkeit, nicht an dieses von Brian Le verkörperte Stehaufmännchen in khakifarbener Latzhose zu denken, dem wohl der sprichwörtliche Schlag auf den Hinterkopf (was heisst einer – mehrere!) auch nicht gerade zum Geistesriesen hat werden lassen. Als wäre der Mensch, und insbesondre dieser, aus härtestem Stahl, wie ein Terminator, den nur die Müllpresse noch erledigen kann.

Wie man Mänschenhändler hochnimmt

Hier weiß man überdies, wo genau der Hammer hängt, denn alle Art von Werkzeug, insbesondere jene, mit denen man draufschlägt, finden ihren Einsatz, zerschellen an diesem feisten Dickschädel, der einfach nicht zu brechen ist. Auf der anderen Seite setzt der stumme Wang Wie (Xie Miao – sein Gesicht kommt mir bekannt vor) sein ganzes martialisches Know-How ein, um ordentlich zuzudreschen. Ihm zur Seite steht Joe Taslim, erst kürzlich in Mortal Kombat II im Kino, diesmal aber auf der Suche nach seiner verschwundenen Ehefrau, einer Journalistin, die einem Menschenhändlerring dicht auf den Fersen war.

Wang Wie würde das ganze ja nichts angehen, lebt der schließlich gemeinsam mit seiner Tochter ein beschauliches Leben als Handwerker. Doch als seine klein Rainy entführt wird, sieht Papa rot. Taslims Figur des Navin und er pflügen sich also durch Hongkong, in teils spektakulären Fights, die so punktgenau ihr Tempo finden, dass man kaum den Überblick verliert.

Kämpfen wie ein Mädchen

Eine Show aus Gewalt, Blut und Beulen geht hier ab, zwischendurch windet sich ein recht simpler Thriller durch den Moloch einer Großstadt, durch schlecht beleuchtete Fabrikhallen, bunte Nachtclubs und enge Flure. Wenn sich der ganze Mob von der Straße ein schmales Stiegenhaus in wilder Raserei hochschraubt, um sich dann einen langen Gang entlangzudreschen, bei welchem das rechtschaffene Handkanten-Duo maximal eine Holzpalette entgegensetzen kann, dann ist das eines dieser schweißtreibenden Highlights – und natürlich, nicht zu vergessen: Der Mann in der Latzhose. Und Mädchen Rainy. So jung und schon so tough. Wie sie ihrem Schicksal in den Allerwertesten tritt, war so nicht zu erwarten.

Hit me hard, but not soft

Am Ende gibt es so etwas wie einen Mexican Standoff – bis zu einer halben Stunde lang kommen nicht nur Hand und Fuß, sondern auch wirklich alles zum Einsatz, was nicht niet- und nagelfest ist. Irgendwann aber wird man des Kämpfens müde, die ganze Martial Arts-Action, die sich bis zuletzt davor hütet, auch nur ansatzweise repetitiv zu werden, mag vielleicht dadurch an Spannung verlieren, da die Belastbarkeit des menschlichen Körpers scheinbar keine Grenzen kennt.

Wie es der Film, wie es Kenji Tanikagi möchte, so sehr kann er seine in Rage gebrachten Berserker leben oder eben sterben lassen. Und er lässt sie lange genug am Leben, lässt sie immer und immer wieder aufeinander los. Ob die bizarre Komik, die daraus entsteht, beabsichtigt war oder nicht, mag man abwägen – letztlich ist auch klar, wohin die Reise geht, und wenn man Martial Arts wirklich zu schätzen weiß und gar nicht mal einen rundherum konstruierten Plot benötigt, um Spaß zu haben: dem sei The Furious zu empfehlen.

Ist man aber kein Afficionado der expliziten Gewalt, manchmal aber durchaus in Stimmung für den Abbau der eigenen, vielleicht aufgestauten Aggression, mag man danach dieses körperliche Nachglühen fühlen – vom Thriller selbst aber bleibt nur der Eindruck, um die Action herumgeschrieben zu haben, anstatt diese auf Augenhöhe mit dem Drama zu bringen.

The Furious (2025)

Magic Farm (2025)

WIE IST DAS NACHTLEBEN IN DER PAMPA?

6/10


Chloë Sevigny und ihr Team, darunter Alex Wolff, im Film Magic Farm
© 2025 Mubi


LAND / JAHR: USA, ARGENTINIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: AMALIA ULMAN

KAMERA: CARLOS RIGO BELLIVER

CAST: CHLOË SEVIGNY, ALEX WOLFF, SIMON REX, JOE APOLLONIO, CAMILA DEL CAMPO, VALERIA LOIS, AMALIA ULMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



San Cristobal heisst das Kaff irgendwo in der argentinischen Pampa, in welchem Edna und ihr Team aufschlagen – als gäbe es dort den Jackpot zu holen. Es hat den Anschein, als wären Fuchs und Hase die einzigen, die allabendlich gerne ins Gespräch kommen – doch andererseits soll es in San Cristobal einen Musiker geben, der im Hasenkostüm schmucke Beats schmettert und damit auf Social Media für Furore sorgt. Wo ist nur dieser Kerl?

Zum Aufgeben sind Briefe da

Die Dame, die sie hierher gelotst hat, ist unauffindbar. Zu Beginn des Films erfährt man, was genau sie dazu bewogen hat, abzureisen. Jedenfalls nicht, um die fünf New Yorker ihrem Schicksal zu überlassen. Was man auch wissen sollte: Dieses schräge Team, das in dieser Gegend wohl als Touristengruppe durchgeht, hat sich ebenso schrägem Content verschrieben, welches es filmisch zu dokumentieren gilt.

Eine besondere Begegnung mit dem tanzenden Hasen soll nun hier stattfinden. Doch weder der Musiker ist auffindbar, noch kennt ihn jemand hier. Könnte sein, dass es noch ein anderes San Cristobal gibt? Und was also tun, wenn das ganze zur Nullnummer wird? Improvisieren ist die Devise. Und das Beste daraus machen. Vielleicht auch etwas erfinden? Sowas wie Fake News?

Alles so schön bunt hier

Amalia Ulman, selbst eine der fünf Charaktere, die hier ihr Glück suchen, sieht in Magic Farm eine ungezwungene Experimentierfläche. Schön, wenn einem ein Studio nichts vorschreiben kann. Da gibt es nichts erquickenderes. Ulman hat ihr Ensemble, sie hat einen roten Faden, und rundherum passiert so einiges, vor allem visuell Ungewöhnliches.

Die Welt betrachtet Ulman zu Beginn aus einem Fischauge, im Zentrum der gekrümmten kleinen Welt ein Mopedfahrer. Ein anderes Mal darf die Kamera auf dem Rücken eines Hundes mitreiten. Grelles Licht lässt die Farben neonhell erstrahlen. Ulman will, dass sich auch filmtechnisch einiges bewegt, dass nichts nur aus einer Perspektive betrachtet werden will.

Fake News als Feel Good-Pflaster

Dann aber begegnet sie den Menschen, oder besser gesagt: Das Team begegnet einer Dorfgemeinschaft, die ihre unverwechselbaren Individuen hat. Im Zaubern von Fake News in dieser einem Zirkus ähnlichen Community-Blase hat niemand wirklich Eile, doch was eigentlich wichtig scheint, und auch real existiert, hat gegenüber hippem Culture Clash keine Chance.

Glyphosat ist das böse Wort, und Glyphosat vergiftet hier Geist und Körper. Ulman lässt ihre ach so intellektuellen New Yorker am eigentlichen Thema vorbeihantieren; lässt sie entrückt und der akuten Realität den Rücken kehren – so magisch, und seltsam, und exotisch ist es hier. Da will sich niemand die Laune verderben lassen, doch es reicht lediglich die immer wieder mal eingestreute Erwähnung eines Umweltskandals, um die Dissonanz in der Wahrnehmung sichtbar zu machen.

Ganz dezent, fast schon flüchtig wie eine Erscheinung, lässt Ulman das Gefühl seltsamen Unbehagens an der Türschwelle zurück, ohne die Dunkelheit dabei in ihren Film zu bitten. Da ist sie wieder, dieses zielsichere Konzept in einem fast improvisiert scheinenden Film, der bunt und skurril wirkt und aus der Herkömmlichkeit herausfällt.

Magic Farm (2025)

In the Hand of Dante (2025)

BARES FÜR RARES – ODER: DIE GÖTTLICHE KOMÖDIE, LEICHT GEKÜRZT

5/10


Oscar Isaac als Nick Tosches im Film In the Hand of Dante von Julian Schnabel© 2026 ITHOD Productions Ltd.


LAND / JAHR: ITALIEN, USA 2025

REGIE: JULIAN SCHNABEL

DREHBUCH: JULIAN SCHNABEL, LOUISE KUGELBERG, NACH DEM ROMAN VON NICK TOSCHES

KAMERA: ROMAN VASYANOV

CAST: OSCAR ISAAC, GAL GADOT, GERARD BUTLER, JOHN MALKOVICH, MARTIN SCORSESE, AL PACINO, JASON MOMOA, LOUIS CANCELMI, SABRINA IMPACCIATORE, FRANCO NERO, BENJAMIN CLEMENTINE U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Was genau ist Gonzo-Journalismus?

Jedenfalls nichts aus der Muppet-Show. Es leitet sich auch nicht von Gonzales ab – im Grunde beschreibt es die Abkehr vom Objektivismus bei der Berichterstattung, ist subjektiv, polemisch, leidenschaftlich. Mehr etwas wie ein innerer Bericht, eine Ich-Bekundung zu welchem Thema auch immer.

Hunter S. Thompson zum Beispiel war so jemand. Filmfreunde und Freundinnen wissen: Dieser Mann lieferte die Vorlage zu Terry Gilliams Fear and Loathing in Las Vegaseinem Bericht also, der beschreibt, wie sich mit allerhand Drogen und Alkohol die Realität verzerren lässt.

Die göttliche Komödie ist gar nicht zum Lachen

Wer da auch noch als Pionier für diese Ego-Form der Reportage gilt, ist Nick Tosches. Er schrieb nicht nur Biografien über Künstler wie Jerry Lee Lewis, sondern ersann auch manch Belletristisches, wie zum Beispiel den Fake-Artefakte-Thriller In the Hand of Dante. Dabei ist von Dante Alighieri die Rede, dem italienischen Wunderwuzzi aus dem Mittelalter, dem wir die Göttliche Komödie zu verdanken haben – einer symbolischen Reise durch das Jenseits, gegliedert in 3 Teile: Die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies.

Zuerst muss man als Sterblicher durch die Hölle, die wiederum ist in 9 Kreise eingeteilt – dabei lässt sich dieser ganze opulente und einzigartige Text noch weiter auseinanderklamüsern, alleine der 8. Kreis der Hölle gliedert sich abermals in zehn Bögen. Was da alles auf uns zukommt, wenn wir abnippeln – sagenhaft. Selbst Dante musst davon entzückt gewesen sein, oder von seinem eigenen Werk erschlagen.

Julian Schnabel und sein Gaunerstück

Gleich zu Beginn schickt uns der Künstler und Feingeist Julian Schnabel, der schon so manchen Künstler portraitiert hat, darunter Vincent van Gogh und Basquiat, zwar nicht durch das Inferno der Hölle, sondern gemeinsam mit Oscar Isaac in zeitgemäßer Tracht des 13. Jahrhunderts zumindest auf den im Purgatorio aufragenden Läuterungsberg.

Er selbst beschreitet den Weg, Dante Alighieri – denn niemand anderen spielt der Star in diesem ausschweifenden Hybriden aus kostümträchtigen Historienfilm und einem Mafiakrimi, der sehr viele nervöse Finger über sehr viele sensible Abzüge legt. Will heißen: In the Hand of Dante macht kaum Gefangene, was ich bei Julian Schnabel nun wirklich nicht vermutet hätte.

Von diesem schmackhaft mediterranen Ambiente verabschiedet sich der Filmemacher nur kurz, um nahe zur Jahrtausendwende 2000 bei eingangs erwähntem Nick Tosches vorbeizusehen, der sich in seiner literarischen Vorlage auch selbst zum Protagonisten erklärt hat.

Zurück in der Zukunft

Wie sich unschwer im Laufe der Handlung erkennen lässt, sieht der historische Dante diesem Nick Tosches erstaunlich ähnlich. Auch Love Interest Gal Gadot, die sich hier um redliches Schauspiel bemüht, scheint als verführerische Sekretärin mit Flashback an ein früheres Leben auch schon mal existiert zu haben. Und zwar als zumindest historisch gesicherte Gemma Donati, die bessere Hälfte des Poeten.

Wenn man also bislang schon nichts über Dante gewusst hat, so weiß man durch Julian Schnabels Film und vielleicht auch durch meine Review hier schon etwas mehr. So richtig schräg wird es dann, wenn die schwarzweiße Hatz nach diesem einzigen Manuskript, das es von Dante geben soll, losbricht. Der vom Meister bekritzelte Packen Papier: unbezahlbar – doch John Malkovich als Schwarzmarktpate will ihn haben!

Sympathieträger unter Italiens Sonne

Er schickt Nick Tosches gemeinsam mit einem Herren fürs Grobe los, einem Ungustl unter der Sonne, so einen gibt es kaum ein zweites Mal. Und Gerard Butler hat, während er diesen obszönen Killer mimt, sichtlich Freude daran. Oscar Isaac muss da sehen, wo er bleibt – und kompensiert seine Rolle mit allerhand Arroganz.

Sympathisch ist das nicht. Sympathisch ist in Schnabels Film überhaupt niemand so richtig. Und dennoch bleiben diese miniatürlichen Gaunereien, diese Dialogskizzen, die der Film zum charakterlichen Ausbau seiner Charaktere benötigt, nicht ohne Faszination.

Vom Anlocken Schaulustiger

Tatsächlich kann diese zwischen knallhartem Mafiaepos und Dan Brown, der auf einen Drink mit Nicolas Cage aus der Vermächtnis-Abenteuerfilmreihe geht, durchwegs auf eine Weise unterhalten, die hart an Schaulustigkeit grenzt.

Ordentlich im Weg steht ihm dabei der gescheiterte Versuch, den Ursprungs-Dante, und eben nicht seine Reinkarnation, auf den Weg zu bringen. Da reißt es ihn innerlich um, den Dichter, zwischen Selbstmitleid, Lamento und Entrücktheit – ein Geschwafel sondergleichen, bei dem sogar Martin Scorsese, versteckt unter ordentlich Haarwuchs, auch noch mitmischt.

Dante als ungreifbare Figur

Ergiebig sind diese Abstecher ins Mittelalter überhaupt nicht. Als Backpulver für einen Film, der sich sonst wie ein Trivialkrimi aus der Groschenroman-Abteilung anfühlt und Stereotypen schafft, dass es ärger nicht geht, vielleicht auf eine gewisse Weise sinnvoll – doch beides passt schlichtweg nicht zusammen. Wer Dante war? Davon hat man auch am Ende keine Ahnung.

Als Künstler will man Kohle machen

Wenn ein Schriftsteller also mit Abstand von 600 Jahren abermals auf sein Werk blicken würde – würde er all die verborgenen Fehler darin erkennen, die man hätte besser machen können? Schnabel wünscht sich diese Meta-Ebene so sehr, doch ein Gespür dafür, wie er sie hineinbringt, hat er nicht.

Vielleicht liegt es an der selbstgefälligen, viel zu zynischen Spielweise des Oscar Isaac,. Der ja den ganzen Film dominiert und der am Ende scheinbar seinen Charakter verrät, wäre da nicht diese Sache mit der Reinkarnation, die so manches erklärt. Und nebenbei den Wunsch erfüllt sieht, als Künstler reich zu werden.

Was bleibt ist ein unrunder Versuch, einen Egotrip als Egotrip zu inszenieren. Starbesetzt zwar, aber nicht reif fürs Paradies, scheitert In the Hand of Dante am Läuterungsberg immer wieder am Aufstieg.

In the Hand of Dante (2025)

If I Had Legs, I’d Kick You (2025)

AM EREIGNISHORIZONT DER FÜRSORGE

5/10


Rose Byrne in If I Had Legs I'd Kick You
© 2025 A24 Films


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: MARY BRONSTEIN

KAMERA: CHRISTOPHER MESSINA

CAST: ROSE BYRNE, A$AP ROCKY, CONAN O’BRIEN, DANIELLE MCDONALD, CHRISTIAN SLATER, IVY WOLK, LARK WHITE, DANIEL ZOLGHADRI, DELANEY QUINN U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Die Abwesenheit von Personen

Das erste, was mir in Emily Bonsteins Psychotrip unangenehm auffällt, ist die Abwesenheit des Kindes. Und das, obwohl es relativ häufig Teil der Handlung ist. Die Abwesenheit von etwas in If I Had Legs I‘d Kick You treibt nicht nur Rose Byrne dem Abgrund näher, sondern auch mich in eine gewisse Dissonanz. Was Bronstein vorhat, ist so stur wie provokant: Das Kind selbst ist immer nur indirekt zu sehen, man hört es reden, weinen, schreien, toben.

Enervierend wird es, wenn Lindas Tochter spricht, wenn sich Linda selbst mit ihr unterhält. Selbst da rückt Christopher Messina mit seiner Kamera keinen Zentimeter von Rose Byrnes Gesicht weg, sondern hält stoisch drauf, rückt dabei noch näher, lässt das Gesicht sogar zu einer Art abstrakter Landschaft werden. Doch sie ist es nicht, die ich in diesem Moment sehen will.

Unbekanntes Leiden

Viel lieber aber würde ich dieses Mädchen sehen. Anscheinend ist es krank – auch hier hält sich Bronstein mit Informationen zurück. Zumindest wird klar: Das Leiden verlangt künstliche Ernährung, die über eine Magensonde verabreicht wird. Daher muss Mama Linda auf Schritt und Tritt bei ihrer Tochter bleiben. Wieder ein Faktor, der seltsam irritiert. Warum so ein Geheimnis um das Kind? Und weshalb muss Rose Byrne so dermaßen formatfüllend die Leinwand sprengen?

Ereignishorizonte des Alltags

Als Planet Mama kann es schnell passieren, und der Care-Arbeit leistende Himmelskörper, der durch den Alltag rotiert, wird über den Ereignishorizont eines Wasserrohrbruchs hinweg in ein schwarzes Loch gezogen, das sich an der Decke in der Wohnung manifestiert hat und diese zur Zeit unbewohnbar macht. Linda und ihr Kind hausen in einem Motel, der Papa existiert zwar auch, trägt aber auch das Stigma der Abwesenheit mit sich herum, schließlich ist er Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes – wenigstens das weiß man, wenn schon sonst nichts.

Rose Byrnes „Planet Mama“ gerät aus der Umlaufbahn. Als Psychotherapeutin macht sie einen miesen Job, und wenn sie den mal nicht macht, liegt sie am Sofa ihres Kollegen (Conan O’Brien, der Oscar-Host) oder geistert in der unbewohnbaren Wohnung herum, um sich von der Gravitation des Abgrunds anziehen zu lassen. Der funkelt und die Lichter tanzen, wie in einem Traum.

Albtraum einer „Rabenmutter“?

Womit wir Emily Bronsteins Film am ehesten fassen können: mit der Mechanik des Traumes. Surreale Elemente vermengen sich mit einem getriebenen Alltag, der aber auch nicht apokalyptischer scheint wie viele andere auch, wie vielleicht manchmal der eigene. Das Stigma des Versagens kann sich damit aber ausreichend nähren und scheint Rose Byrne vom Zustand des Bedauerns bis zur instinktiven Flucht zu begleiten. Das Kind ist immer noch nicht greifbar, der oscarnominierte Star immer noch formatfüllend, und irgendwann taucht auch Christian Slater auf, den wir sonst nur zu hören bekommen.

Viel Lamento um recht wenig

If I Had Legs, I‘d Kick You – ein Filmtitel, der keinen Sinn ergibt, denn die Phrase hat sich Bronstein in ihren Teenagerjahren ausgedacht – ist ein unrundes Werk, das aufreibt, Unruhe hinterlässt und ihre Protagonistin vorschnell an die Grenze der Resilienz gehen lässt.

Die Mutterrolle selbst wird, so wie in Nightbitch oder Nightborn, nicht hinterfragt oder neu definiert. Gesellschaftliche Isolation ist auch nicht das Thema. Versagensängste, die auch Danielle McDonald in einer Nebenrolle umtreiben und die als einzige den Zustand Byrnes insofern reflektiert, dass man diese Figur besser fassen kann, führen zu einem artifiziell aufgeblasenen und seltsam trotzigen Problemfilm, der sich selbst ausreichend gut gefällt.

If I Had Legs, I’d Kick You (2025)

Perla (2025)

PLEASE LOOK BACK IN ANGER

7/10


Rebeka Poláková als Perla im gleichnamigen Film© 2025 Stadtkino Filmverleih 


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SLOWAKEI 2025

REGIE / DREHBUCH: ALEXANDRA MAKAROVÁ

KAMERA: GEORG WEISS

CAST: REBEKA POLÁKOVÁ, SIMON SCHWARZ, NOËL CZUCZOR, CARMEN DIEGO, HILDE DALIK, GRAZYNA DYLAG, IVAN ROMANČIK, ZUZANA KONEČNÁ, INGRID TIMKOVÁ U. A.

LÄNGE:  STD 30 MIN



Should I Look Back in Anger?

Man soll ja nicht kramgebeugt zurückschauen auf das was war, meint zumindest die angeblich beste Band der Welt, nämlich Oasis. Mit dem, was gewesen ist, sollte man Frieden schließen, ändern lässt es sich nicht, besser wird’s auch nicht, und das einzige, was mehr zur Zufriedenheit und Harmonie führt, kann nur die Zukunft sein. In dieser Zukunft, oder besser gesagt: möglichen Zukunft, ist Perla mit einem Stipendium in der österreichischen Hauptstadt Wien angekommen – sie ist bildende Künstlerin, extrem produktiv, liefert ein Gemälde nach dem anderen ab. Und hat, so könnte man meinen, ihre Vergangenheit hinter sich gelassen.

Ich bin die Summe der vergangenen Ereignisse

Nur: Kann man das überhaupt? Insbesondere eine  Vergangenheit, die sich zusammensetzt aus schweren traumatischen Erlebnissen wie einer Vergewaltigung auf der Flucht, der sowjetischen Besatzung. Mit ihren Augen und Ohren überall und einer wilden, berauschenden Liebe, aus der ein Kind hervorging, das nun ebenfalls in Österreich versucht, wieder Fuß zu fassen?

So einfach geht das natürlich nicht, denn in diesem Brocken an Leben stecken nicht nur Dinge, die man verdrängen will, sondern auch Erinnerungen, die man nie wollte, dass sie verblassen. Eine davon ist Andrej, der auf der Flucht in den Westen verhaftet wurde und Jahre später nun freikommt. Anfangs will Perla nichts davon wissen, sie blickt zurück im Zorn, im Schmerz. Doch da sind diese nostalgischen Gefühle, die Liebe oder zumindest das Gefühl daran, wie es gewesen war.

Letztendlich beschließt sie, hinter den eisernen Vorhang zurückzukehren und Andrej wiederzutreffen, zum Leidwesen ihrer Tochter und ihres neuen Mannes – der mitfährt, um die Sache natürlich unter Kontrolle zu halten. Denn nach wie vor steht Perla auf der schwarzen Liste illegaler Flüchtlinge.

Aber schön war es doch…

Die slowakisch-österreichische Filmemacherin Alexandra Makarová stellt in ihrem zärtlich-reduktionistischen Drama die Frage, ob eine zweigeteilte Biografie wie jene von Perla das Gewesene als Chance nutzen kann, um neu anzufangen. Wie das Ganze hinter sich lassen? Ist es besser, damit Frieden zu schließen – oder diese Wut im Herzen zu belassen, die erst recht antreibt, um weiterzumachen. Ist das, woran man sich erinnert, längst idealisiert? Und wann beginnt sie, diese Idealisierung?

Den passenden Erzählstil finden

Makarovás Film atmet mitunter die eigentlich unnachahmliche Filmpoesie eines Krzysztof Kieślowski – vor allem in den Szenen, in denen Mutter und Tochter allein sind, sich über Zukunft und Vergangenheit austauschen. Ihre visuellen Arrangements wiederum können von den Arbeiten eines Ulrich Seidl inspiriert sein – mit teils planimetrischen Tableaus lebt auch Makarová den stilisierten Realismus, doch zum Glück für sie und ihren Film nicht zur Gänze.

Perla lebt vor allem durch diese poetische Lebendigkeit, diese intimen Momente, und einer manchmal ganz anderen Authentizität. Für diese Art des Filmemachens kann Perla nun Mitte Juni auf so einige Trophäen im Rahmen des Österreichischen Filmpreises hoffen. Für satte 13 „Austro-Oscars“ ist das Drama nominiert, wobei hier Jungschauspielerin Carmen Diego sträflichst übergangen wurde.

Ausbalanciertes Dreieck der Emotionen

Diego spielt ihre erwachsenen Schauspielkollegen vor allem im letzten Drittel des Films mühelos und mit entfesselten Emotionen an die Wand, ihre Ohnmacht vor den Gefahren des Sowjetstaats und des Verschwindens ihrer Mutter macht Perla sowohl vulnerabel als auch greifbar. Rebeka Poláková als titelgebende Perla und Simon Schwarz, der diesmal in einer ernsten Rolle zu sehen ist, nehmen ihre Charaktere aber ebenfalls ernst genug, um mit dem dargebotenen Einzelschicksal einer Familie im politischen Zeitbild der Achtziger die sich anbahnende Tragödie mit den Betrachtungen von Trauma und Vergangenheit in berührender Balance zu vereinen.

Die Vergangenheit zu verdrängen, so weiß der Film, ist in jedem Fall die falsche Wahl. Unbedingt mit ihr Frieden zu schließen, muss auch nicht sein. Und will man es doch, obwohl die Wut das richtige Empfinden wäre, stürzt man zurück an den Anfang.

Perla (2025)