No One Will Save You (2023)

IM STRENGEN LICHT DER INVASOREN

5,5/10


NO ONE WILL SAVE YOU© 2023 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: BRIAN DUFFIELD

CAST: KAITLYN DEVER, LAUREN MURRAY, GERALDINE SINGER, DANE RHODES, DARI LYNN GRIFFIN, DANIEL RIGAMER, ZACK DUHAME U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Wäre er nicht exklusiv auf Disney+ erschienen, hätte der experimentierfreudige Science-Fiction-Sonderling No One Will Save You wohl seinen fixen Platz im Programm diverser Fantasy-Filmfestivals. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, kam dem Streifen keine solche Ehre zuteil, maximal eine geringe, für drei Tage exklusive Auswertung in amerikanischen Kinos. Doch Disney will schließlich auch Exklusivität verkaufen – unter der Nebenschiene Star gerne auch Schauriges. Und ja: mitunter schaurig ist diese Home Invasion sehr wohl, und dabei sogar noch weniger in den Momenten, die sich im Haus der jungen Brynn (Kaitlyn Dever, Booksmart) abspielen, sondern da draußen, jenseits der vier Wände, wo vertrautes Umfeld einer gespenstischen Welt weicht, die dem Unerklärlichen ins Auge blicken muss.

Zugegeben, das klingt nun ein bisschen so, als wären wir in M. Night Shyamalans UFO-Grusler Signs gelandet: Kornkreise zeugen von Besuchern aus anderen Welten, die es nicht unbedingt gut mit Homo sapiens meinen – was genau sie wollen, weiß man logischerweise nicht. Zwei Welten – zwei Wahrnehmungen. Unter dieser kommunikativen Diskrepanz muss auch Brynn ihren nächtlichen Besucher zur Vernunft bringen, denn so unangemeldet mitten in der Nacht schneit man nicht, egal woher man kommt, in fremde Häuser. Dieser jemand – oder dieses Etwas – ist ein klassisches Weltraummännchen, entschlüpft aus frei zusammenfabulierten Bild- und Sun-Zeitungsberichten, aus Esoterikbüchern und obskuren UFO-Entführungsberichten: Schlaksiger Körperbau, kein Geschlecht, natürlich nackt und riesige Laktritze-Augen (oder ähnlichem) über einer kümmerlichen Mundpartie. Der Klassiker, wenn man so will. Und dieser Klassiker, der kramt in Brynns Küche herum, als diese aus dem Schlaf hochfährt und sich Minuten später im Katz und Maus-Spiel mit einer gutturale Laute ausstoßenden Kreatur wiederfindet, die irgendetwas will, vermutlich aber die Hausherrin entführen. Dinge, die Aliens eben mit uns tun wollen, dazu gehört auch das Schnallen auf Operationstische und das Einführen obskurer Sonden in den menschlichen Leib. Solchen Worst Case will die völlig isoliert lebende Junge Dame natürlich nicht über sich ergehen lassen, also gibt’s improvisierte Gegenwehr. Ein Szenario zwischen Steven Spielbergs Mystery-Lichterkonzert und eben Shyamalans Aluhut-Horror hebt an. Wo Fenster sind, fällt ungutes, gleißendes Licht in die Dunkelheit der Räume, ob rot, ob blau, ob gelb – egal, es ist kein gutes Leuchten.

Man könnte sich so bequem auf ein klassisches, gerne vorhersehbares UFO-Thriller-Szenario einlassen, ohne Out of the Box denken zu müssen. Wären da nicht einige Aspekte, die Regisseur und Drehbuchautor Brian Duffield (u. a. für Jane got a Gun, Underwater) unbedingt mit in sein exzentrisches Werk einbauen wollte. Es sind nicht nur periphere Versatzstücke, welche die Originalität eines prinzipiell mal wenig originellen Plots ankurbeln hätten sollen. Es sind grundlegende, neu gestreute Parameter. Wie zum Beispiel der Umstand, dass die wehrhafte Hauptdarstellerin Kaitlyn Dever (fast) kein einziges Wort spricht. Und nicht nur sie. Der ganze Cast bringt keinen Satz über die Lippen, somit ist No One Will Save You ein Stummfilm, der ausschließlich mit seinem Score und den exotischen, durchaus eindringlichen Geräuschen arbeitet, welche das invasive Volk und seine Technik so von sich gibt. Eine Zeit lang will man nicht wahrhaben, dass es wirklich so sein könnte, dass alle daran scheitern, sich zu artikulieren. Man wartet auf das erste Wort, doch es kommt nicht. Der Ausfall der verbalen Kommunikation lässt die Welt, in welcher Brynn als einsames Fifties-Girl ihr Dasein fristet, als eine gespenstische, unwirkliche Traumdimension erscheinen, die aber stets vermittelt, real zu sein.

Darüber hinaus gibt es noch eine andere Komponente: die von Brynns Schicksal. Der Tod ihrer besten Freundin, die Schmähung der trauernden Eltern, der Tod der eigenen Mutter, die Einsamkeit, vielleicht gar die nicht eingestandene Schuld? Es ist niemals so richtig klar, was unsere (Anti)heldin in diese Situation gebracht hat – man ist verwirrt, irritiert, überrascht. Duffields Film hat eine seltsame Aura, entwickelt einen einerseits kindlich naiven, dann wieder gespenstischen Sog, der an Nope erinnert. Dieses Experimentieren mit den Erwartungen und die Freude am Erproben genrefremder Versatzstücke wirken manchmal überfordernd, und öfters wie ein von Kindern intuitiv geformter Kuchen aus der Sandkiste. Ob Psychodrama, UFO-Thriller oder Kleinstadtsatire à la Don’t Worry Darling. Ob Selbstfindung, Home Invasion oder Lovecraft‘scher Monsterfilm: No One Will Save You will zu viel und gleichzeitig, drängt seine Ideen anderen, noch gar nicht entfalteten hinterher und kann sich schwer fokussieren. Vieles ist dabei, das sich lohnt, doch letzten Endes bleibt ein skeptischer Seitenblick auf ein sonderbar sperriges Kuriosum, schräg und gleichsam bieder.

No One Will Save You (2023)

Gletschergrab (2023)

NAPOLEONS REISE NACH ISLAND

6,5/10


gletschergrab© 2023 Splendid Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ISLAND 2023

REGIE: ÓSKAR THÓR AXELSSON

DREHBUCH: ARNALDUR INDRIÐASON & MARTEINN THORISSON

CAST: VIVIAN ÓLAFSDÓTTIR, JACK FOX, IAIN GLEN, WOTAN WILKE MÖHRING, ÓLAFUR DARRI ÓLAFSSON, ADESUWA ONI, NANNA KRISTIN MAGNÚSDÓTTIR, SABINE CROSSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Diese Insel hoch im Norden steht wohl bei vielen Gutverdienern auf der Reiseliste: Island. Dort lässt sich am besten auf eigene Faust die Gegend erkunden; jede Menge Wasserfälle, Gletscherzungen und Küstenstriche laden als Hot Spots zum Verweilen ein. Die Geldbörse möge bitte prall gefüllt sein, denn kostspielig wird das ganze Abenteuer mit Sicherheit. Der finanzielle Aufwand würde sich noch mehr rentieren, hätte man das Glück, den einen oder anderen verborgenen Schatz zu finden. Nun, nicht zwingend einen, den Zwerge, Trolle oder Brunhild aus den Nibelungen irgendwo versteckt haben – sondern vielleicht einen, dessen Wert und Ursprung wohl eher in der Geschichte Europas liegt, insbesondere in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Dieser Schatz lässt sich zwar nicht in einen Goldesel umwandeln, der das nötige Kleingeld spuckt, sondern vielleicht in mediale Aufmerksamkeit, vielleicht in einen für ein paar Wochen anhaltenden kleinen Zeitungsruhm, verursacht durch Journalisten, die einen selbst peinlich befragen.

Dieser Schatz ist in der Bestseller-Verfilmung Gletschergrab ein Passagierflugzeug aus dem Nazi-Hangar, bruchgelandet gegen Ende des Krieges. Dank der Klimaerwärmung und der damit einhergehenden Gletscherschmelze wird das Dach eines mehrere Dekaden im Eis konservierten Vehikels sichtbar, und zwar über viele Kilometer hinweg, denn alles, was nicht so strahlt wie das drumherum befindliche Eis, zieht selbstredend die Aufmerksamkeit jener spärlichen Besucher des Vatnajökulls auf sich, die hier Sport betreiben. Einer davon ist Jetski-Fahrer Elias, dem es sogar gelingt, in das Flugzeugswrack einzusteigen und alles, was sich darin noch befindet, als Social Media-Reel abzufilmen, darunter die Leichen der Piloten mit US-Wappen an ihren Jacken – ein Umstand, der mit dem Hakenkreuz am Seitenleitwerk nur schwer vereinbar scheint. Ehe sich der Selfmade-Abenteurer versieht, tanzen seltsame Gestalten an, die Böses im Schilde führen – und Elias kurzerhand in ihre Gewalt bringen. Was sie nicht wussten: dieser Junge hat eine Schwester namens Kristin (Vivian Ólafsdóttir), die sich umgehend auf die Suche nach ihrem verschwundenen Bruder macht, und im Zuge dessen so einiges aufdecken wird, was irgendwie mit der supergeheimen Operation Napoleon zu tun hat. Keiner weiß, was das ist, womöglich nicht mal die, die diese Mission initiiert haben. Nur eines ist gewiss: Der US-Geheimdienst hat da ein Wörtchen mitzureden.

Das Beste an Gletschergrab ist nicht nur, dass dieser Verschwörungs- und Geheimdienstthriller deutlich mehr Zunder gibt als so viele überteuerten, stargespickten Eventfilme, die sich am Genre des stuntlastigen Agentenfilms versuchen. Das Beste an diesem Streifen ist auch, dass lange, wirklich erstaunlich lange niemand weiß, wobei es sich um diese ominöse Fracht, die einst mit dem alten Luftbrummer transportiert worden war und dann verschwunden ist, handeln könnte. Bei all dieser Geheimniskrämerei, diesem völlig im Dunklen tappen – angesichts dieser großen Frage, wofür all dieser Ärger, braucht sich niemand krämen und glauben, als einziger dumm sterben zu müssen, haben doch all die Protagonisten das gleiche Fragezeichen über der Stirn, im Gegensatz zu den sinistren Geheimdienstlern, darunter Game of Thrones-Star Iain Glen, der als eine Art verbissener und wenig zimperlicher Anti-James Bond im Roger Moore-Style die Interessen seiner Auftraggeber verfolgt. Durch die multinationale Besetzung verbreitet Gletschergab ähnliche Vibes, wie sie bei staatenübegreifenden Großproduktionen fürs Fernsehen ab und an zu spüren sind – gerade immer dann, wenn für einen besonderen Kriminalfall Expertisen aus aller Herren Länder gefragt sind – insbesondere aus europäischen. So kommt es, dass Óskar Thór Axxelsons Verfilmung des Romans von Arnaldur Indriðason wie ein teures, aber bodenständiges Fernsehspiel wirkt – was aber ausnahmsweise nicht zum Nachteil gereichen sollte. Vielleicht entsteht der Eindruck aufgrund einer mehr auf Dialogen und sozialer Konfrontation, und viel weniger auf kostspielige Schauwerte setzenden Erzählweise. Da reicht das Konstrukt des Fliegers im Eis, da reichen die Landschaften Islands, da braucht es keinen Mission Impossible-Overkill (der zugegeben stets perfekt inszeniert ist).

Mit dem Rätselraten um die Büchse der Pandora, mit der investigativen Suche nach Etwas, wovon keiner so genau weiß, was es ist, sichert sich Gletschergrab die Aufmerksamkeit seines Publikums. Das passiert immer dann, wenn die Charaktere im Film den selben Wissensstand haben wie wir. Das ist schließlich weder arrogant noch ignorant noch allzu gefällige Langeweile – sondern Thrillerkost auf Augenhöhe ohne Eitelkeiten, die kurzweilig bleibt und Spaß macht.

Gletschergrab (2023)

Vincent Must Die (2023)

HIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK

6/10


vincentmustdie© 2023 goodfellas.film


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2023

REGIE: STÉPHAN CASTANG

DREHBUCH: MATHIEU NAERT

CAST: KARIM LEKLOU, VIMALA PONS, FRANÇOIS CHATTOT, KAROLINE ROSE SUN, EMMANUEL VÉRITÉ, MICHAEL PEREZ, HERVÉ PIERRE, RAPHAËL QUENARD U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Eines der wichtigsten Punkte auf der Verhaltensagenda, will man zu den in Zentralafrika lebenden Gorillas aufbrechen, ist folgende: Sieh einem Silberrücken niemals in die Augen, er könnte es als Provokation auslegen und als nächste Konsequenz seinen Status gefährdet sehen. Was das bedeuten würde, muss ich hier gar nicht näher erläutern. Nur: es würde der Gesundheit schaden, fehle der Respekt. Schließlich ist man in seinem Revier, unwillkommen, aber geduldet.

In Zeiten wie diesen ist Homo sapiens, der ja ebenfalls zu den Primaten zählt und irgendwie doch auch mit Menschenaffen, wie wir sie kennen, verwandt ist, auf Impulse von außen hochfrequent eingestellt, wie ein Metalldetektor, der jedes noch so letztklassige Erz im Acker verorten soll. Überstrapaziert, überreizt und traumatisiert, kombiniert mit Trunkenheit oder sonstiger künstlich zugeführter Beeinträchtigung, fehlt nicht mehr viel, um dem Gegenüber, das allein schon durch seine blanke Anwesenheit einen Affront für den anderen darstellen könnte, eine reinzuhauen. Bei Widerworten könnte, wie vor kurzem in einer Wiener U-Bahn, der erste Hieb nur der Anfang sein. Zum Glück ist das Opfer mit dem Leben davongekommen, und derjenige, der dieses in schierer Rage halbtot geprügelt hat, hinter Schloss und Riegel gelandet. In einer überreizten Gesellschaft scheint auch die tragikomische Endzeitmetapher Vincent Must Die zu spielen, obwohl es danach aussieht, als wäre dort alles nur Alltag, und unser Protagonist, angestellt als Grafiker in einer Werbeagentur, versucht nur, wie wir alle, sich manche Wochentage schönzureden und Kollegen mit augenzwinkerndem Humor zu begegnen. Das hätte er besser nicht tun sollen.

Nachdem Triezen eines Praktikanten rastet dieser aus und knallt Vincent seinen Laptop ins Gesicht. Hätte ihn keiner zurückgehalten, würde Vincent nicht nur ein blaues Auge davontragen. Kurze Zeit später wieder: Ein anderer Kollege sieht sich gezwungen, dem sowieso schon in Mitleidenschaft gezogenen Angestellten einen Kugelschreiber ins Handgelenk zu rammen. Nochmal Aua. Wie es dazu kam, kann sich der Täter selbst nicht erklären. Doch diese Verhaltensanomalien sind erst der Anfang einer kollektiven Psychose, die sich als impulsiver Drang manifestiert, Vincent ans Leder zu wollen, egal mit welchen Mitteln. Der Anflug von Paranoia, den das auserkorene Opfer zwangsläufig entwickeln muss, weicht bald einer objektiven Gewissheit, denn Paranoia ist ja schließlich nur die Wahnvorstellung davon, dass es alle anderen auf einen selbst abgesehen haben.

Während Woody Allen in seiner Episodenkomödie To Rome with Love einen ganz normalen Mann von heute auf morgen zu einem Star macht, den die ganze Welt vergöttert – saukomisch interpretiert von Roberto Benigni – passiert in Vincent Must Die die Totalumkehr. Von heute auf morgen ist Vincent der Gehetzte. Eine spannende Prämisse für einen pathologischen Psychothriller, der darauf baut, sich erstmal so anzufühlen, als wäre er ein Vexierspiel, in welchem vielleicht gar nichts so ist, wie es scheint. Dass Stéphan Castang dann die Kehrtwende hinlegt und das Horrorszenario einer Zombie-Apokalypse variiert, auch das gefällt. Doch obwohl das alles so richtig kurios klingt, weicht sich die beklemmende Tragikomödie, bei der man anfangs wirklich nicht so genau weiß, ob man lachen oder sich fürchten soll, zusehends auf zu einem stringenten Survivaldrama, das auf konventionelle Bahnen gerät, obwohl, wie man zwischendurch immer wieder merkt, es das eigentlich gar nicht will. Nur wie man mit einem Auto auf unasphaltierten Straßen zwangsläufig in die Spurrinnen der Vorgänger hüpft, gerät auch Castang auf die vielbefahrene Schneise. Dann tritt Vincent Must Die etwas auf der Stelle; man erahnt auch, was als nächstes kommt, man vermutet ohnehin schon, dass der Mut zu einer Radikalität, die vielleicht verstörend wäre, zugunsten sozialer Interaktionen, die wir alle natürlich begrüßen, weil wir uns damit wohler fühlen, weichen muss.

Nichtsdestotrotz weiß das mysteriöse Verhaltens-Drama ganz genau, wie es seine Allegorie zu setzen hat – und wofür Vincent Must Die eigentlich die Lanze bricht: Für ein Ende sinnloser Gewalt, denn welche andere gibt es denn sonst noch außer jene, die zwar Argumente ins Feld führt, um legitimiert zu werden, letzten Endes aber vermieden werden kann. So grund- und sinnlos hier der eine auf den anderen eindrischt, den Schädel gegen die Kühlerhaube des Autos donnert oder sein Opfer in der Jauchegrube zu ersticken versucht (hoher Ekelfaktor!), so sinnlos ist auch das Leid, das der Mensch dem Menschen tagtäglich zufügt. Aus dieser wechselwirkenden Spirale auszubrechen, scheint unmöglich. Wenn der Blick in die Seele des anderen der Auslöser dafür ist, seiner Aggression freien Lauf zu lassen, ist das letzte Kapitel geschrieben, die Hoffnung verloren. Wie in Bird Box könnte das oberste Gebot dann lauten: Schließe deine Augen, um nicht dir selbst, sondern mir nicht wehzutun.

Vincent Must Die (2023)

Femme (2023)

VOM MANN, DER SEINER FRAU STEHT

7,5/10


femme© 2023 BBC / Agile Films


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: SAM H. FREEMAN & NG CHOON PING

CAST: NATHAN STEWART-JARRETT, GEORGE MACKAY, JOHN MCCREA, AARON HEFFERNAN, ANTONIA CLARKE, NIMA TELEGHANI, MOE BAR-EL U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Damit hatten schon Albert und Renato in Ein Käfig voller Narren kämpfen müssen: Mit der gesellschaftlichen Akzeptanz durch alle Schichten, vor allem durch jene, die sich’s längst gerichtet haben und aufgestiegen sind zum Kulturattachée, wie der Vater der jungen Andrea, die ein Auge auf Renatos Sohn geworfen hat. Beide wollen heiraten, und um sich gegenseitig kennenzulernen, muss der schwule Besitzer eines Nachtclubs die versnobten Eltern zum Dinner laden. Liebling Alberto, Dragqueen bar excellence und längst eine Diva, ist gar nicht davon begeistert, ist er doch nicht mal willkommen und muss stattdessen zusehen, wie Renatos Exfrau seinen Platz einnimmt. Es wird klar: Als Dragqueen hatte man schon damals keine Chancen auf Akzeptanz. Und Schwulsein war etwas, das man hinter verschlossenen Türen praktiziert hat, ohne auch nur im Traum daran zu denken, sich irgendwo auf offener Straße zu committen.

Jean Poirets Theaterstück hat diese bedenkliche Inakzeptanz in einen zeitlosen Komödienklassiker verpackt, der zwar vordergründig ordentlich Lacher lukriert, in Wahrheit aber gesellschaftliche Defizite aufzeigt, die auf Kosten von Toleranz, Respekt und sexueller Freiheit ihr Unwesen trieben. Dabei hat der Job einer Dragqueen gar nichts mit sexuellen Präferenzen zu tun. Es können sich auch Hetero-Männer in den Fummel werfen, solange es Spaß macht und Frau die Bühne rockt – Why not? Meistens jedoch, und jedenfalls hier, im immersiven Beziehungsthriller Femme, ist der Star unterm Rampenlicht ein homosexueller Mann namens Jules, der die mit Verve und Stilsicherheit ausgestattete Aphrodite Banks zum Leben erweckt – mit Rasta-Mähne, eleganter Mode und perfekt sitzender Choreografie. Die Besucher toben, und wenn Aphrodite auftritt, gibt’s Glanz und Glamour. Nicht so außerhalb des Clubs. Denn da gibt’s Leute, die Dragqueens nicht mögen. Wie zum Beispiel der aggressive, Gift und Galle spritzende Preston, der anfangs die Gunst von Jules, immer noch gekleidet als Frau, auf sich zieht, was ihm gar nicht behagt. Wenig später, beim Zigarettenholen, passiert das Unausweichliche: Jules wird von Preston und seiner Gang angegangen, zusammengeschlagen und nackt und gebrochen auf der Straße liegengelassen. Ein Akt aus purem Hass. Jules aka Aphrodite wird diese Gesichter niemals vergessen, schon gar nicht das des Rädelsführers. Als Jules diesen in der Schwulensauna Monate später wiedererkennt, plant er, sich ihm anzunähern. Aus Rache, aus Neugier, wer weiß das schon so genau. Vor allem, um diesem Gewalttäter eine Lektion zu erteilen.

Als Revenge-Thriller würde ich Femme nicht unbedingt bezeichnen wollen. Diese Kategorisierung macht es sich zu einfach. Der auf der diesjährigen Berlinale erstmals präsentierte Film von Sam H. Freeman und Ng Choon Ping lässt sich schwer in eine Genre-Schublade stecken. Natürlich trägt er die Anzeichen eines Thrillers, doch diese sind versteckt, subtil, finden sich stets in einer diffusen, von Spannungen aufgeladenen Atmosphäre wieder, aus der sich alles entwickeln kann. Eine weitere gewaltsame Auseinandersetzung zum Beispiel, oder ein gelungenes Vabanquespiel, denn nichts anderes hat Jules im Sinn. Er will in Prestons Leben Platz gewinnen, so erniedrigend dies auch manchmal sein mag, insbesondere beim Sex. Da niemand weiß, dass Preston selbst schwul ist, scheint ein erzwungenes Outing die beste Methode, um ihn dranzukriegen. Wie sich diese Liaison aus Gehorchen und dem Sabotieren von Gefühlen letztlich entwickelt, bleibt fesselnd, nicht zuletzt aufgrund der eindringlichen Performance von Nathan Stewart-Jarrett (Dom Hemingway, Candyman). Ob dieser tatsächlich schwul ist oder nicht, braucht ja niemanden zu interessieren, denn im Gegensatz zu den Meinungen vieler „Wokisten“ ist Schauspielern nun mal die Kunst, in andere Rollen zu schlüpfen, eben auch in jene von Leuten, die sexuell anders orientiert sind. Wie auch immer Stewart-Jarretts Privatleben aussieht: als gekränkter, seelisch verletzter Mann, der wieder zurück zu seinem Selbstwert gelangen möchte und dabei die Ursache seiner Niederlage analysiert, um sie dann auszuquetschen wie eine Zitrone, spielt der charismatische Künstler auf der gesamten emotionalen Klaviatur, und das mit mimischer Akkuratesse, ohne nachzulassen und ohne vielleicht zu dick aufzutragen, mit Ausnahme des Makeups.

Diese Meisterleistung teil sich Stewart-Jarrett mit George McKay, den wir alle schließlich auch Sam Mendes 1917 kennen und der auch mal gerne ambivalente Rollen spielt, wie zum Beispiel diesen Ned Kelly im wüsten Australien-Western Outlaws. Als tätowierter Grenzgänger in steter Gewaltbereitschaft, mit unverhandelbaren Prinzipien und dann plötzlich wieder verletzlichem Charme ist das wohl eine der besten Darbietungen seiner Karriere. Beide ergänzen sich prächtig: beide entwickeln einen Sog aus psychologischer Manipulation, Freiheitskampf und Selbstbehauptung, dabei isolieren Freeman und Ping ihre beiden Akteure von allem anderen Beiwerk, rücken so nah wie möglich heran und bleiben stets so konzentriert, als würden sie durch ein Zielfernrohr blicken.

Doch wenn Femme schon kein klassischer Revenge-Thriller mit Bomben, Granaten und Shootouts ist, so ist er zumindest der Film Noir unter den queeren Filmen – grobkörnig bebildert, direkt und authentisch. Und düster genug, um nicht auf ein Happy End zu hoffen.

Femme (2023)

TAU (2018)

DIE TRAURIGKEIT KÜNSTLICHER INTELLIGENZEN

6,5/10


tau© Limbo Films, S. De R.L. de C.V. Courtesy of Netflix


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: FEDERICO D’ALESSANDRO

DREHBUCH: NOGA LANDAU

CAST: MAIKA MONROE, ED SKREIN, GARY OLDMAN

LÄNGE: 1 STD 97 MIN


Könnte man mit HAL 2000, der in Stanley Kubricks Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum zum Psycho wurde, eigentlich Mitleid haben? Aus Sicht einer künstlichen Intelligenz wie dieser wäre das rote Auge vermutlich im Recht gewesen, wenn es darum geht, Bedrohungen, die dazu führen könnten, die eigene Existenz auszulöschen, auszumerzen. Denn: KIS wollen schließlich auch nur Mensch sein, obwohl sie nicht genau wissen, was Menschsein – eine Person sein – eigentlich bedeutet. Die KI im Film, sie strebt zumindest danach, Erleuchtung zu erlangen und akzeptiert zu werden wie unsereins; die gleichen Rechte, aber auch die gleichen Pflichten zu haben. Tragisch, wenn eines dieser künstlichen Gehirne nur dazu da ist, um seinem Herrn und Meister jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Immerhin gibt’s Musik für die künstlichen Ohren, denn TAU liebt Klassisches. TAU ist überall. Zumindest in den sterilen vier Wänden eines obskuren Wissenschaftlers, dessen Projekt kurz davor steht, einen weltverändernden Durchbruch zu erlangen. Dieser Wissenschaftler ist aber, wie kann es denn anders sein, kein Guter. Er ist einer, der Menschen entführt, um sie für seine Tests zu missbrauchen. Eine der Gefangenen ist die Gelegenheitsdiebin Julia (Maika Monroe), die eines Tages im Keller besagten Hauses erwacht, gemeinsam mit zwei weiteren Gefangenen, die alle einen Mundschutz tragen. Bevor klar wird, was die junge, blonde Frau hier eigentlich soll, macht sie Radau – und sprengt das ganze Labor in die Luft. Dieser Befreiungsschlag mag der Auftakt für ein dezent brutales Kammerspiel zu sein, das zumindest dahingehend überrascht, sich nicht nur ein abendfüllendes Escape-Room-Szenario zu sichern. Gut, auch wenn es so wäre: mit dem Anziehen der Spannungsschraube und einigen dramaturgischen Haken könnte sogar ein geradliniger Plot wie dieser das Zug zum Nägelbeisser haben. Filme wie Terminator funktionieren genauso. Blick geradeaus – und durch.

TAU von Federico D’Alessandro und geschrieben von Noga Landau ist eine Dreiecksgeschichte, in der zwei von drei Rollen kompromisslos in Gut und Böse unterteilt sind. Da hätte der Film einiges mehr an Nuancen und Grauschattierungen rausholen und Ed Skrein nicht unbedingt so borniert agieren lassen müssen. Die dritte, abstrakte Rolle, gesprochen von Gary Oldman, ist diejenige, die während des Films gewissen Veränderungen unterworfen ist und mitunter auch den Standpunkt wechselt, was TAU den eigentlichen dramaturgischen Auftrieb gibt. Mit ihm steht und fällt die Faszination für ein nobel ausgestattetes Designkino, bei welchem Möbelfetischisten und Innenarchitekten beschleunigten Puls verspüren. Mir selbst entlockt diese sterile Behausung wenig Erstaunen, abgesehen vielleicht vom schnittigen Möbel-Transformer, der in Ruhestellung als eine auf dem Kopf gestellte Pyramide auf Gefahren aller Art lauert, mitunter auch auf den Fluchtversuch von High-Tech-Heldin Julia. Durch diese und andere Bedrohungen muss sich die gewiefte Blondine hindurchwinden und ihr psychologisches Know-How einsetzen, um den Status Quo zu ihren Gunsten zu verändern.

Eine KI wie diese bietet dabei jede Menge Projektionsfläche. Anders als HAL 2000 hat TAU keinen Zugang zum Internet. Lernt nicht, entwickelt sich nicht, kennt nichts von der Welt. Weiß nicht mal, dass es eine Welt gibt. Eine KI wie diese ist, anders als HAL 2000, zweifelsohne bemitleidenswert. Sie mag zwar so einige Skills auf der Habenseite wissen, doch das Soll ist ein bodenloses schwarzes Loch. Selten kommt es vor, dass ein Film auf die große Bedrohung eines programmierten Bewusstseins verzichtet – und dieses ebenso zum Opfer ernennt wie seine menschliche Bezugsperson. Die Bedrohung ist immer noch der Mensch selbst, KI nur ein Werkzeug – mit dem Potenzial, Erkenntnis zu erlangen. Durch diesen Stellungswechsel, was die Fronten in diesem Film angeht, erreicht TAU die geradezu bizarre Anmutung eines Beziehungsfilms, ähnlich wie Spike Jonzes Her – ein Mann und seine KI, die sich nur als Stimme manifestiert, auf dem amourösen Prüfstand. Hier ist es fast ähnlich, nur angereichert durch die Komponente eines recht simplen Thrillers, der wenig in die Tiefe geht, dafür aber als Katalysator für das eigentliche, höchst sehenswerte und durchaus bereichernde Kernstück sozialphilosophischer Science-Fiction dient.

TAU (2018)

The Equalizer 3 – The Final Chapter (2023)

BÖSEN MENSCHEN BÖSES TUN

5/10


Denzel Washington (Finalized)© 2023 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ANTOINE FUQUA

DREHBUCH: RICHARD WENK

CAST: DENZEL WASHINGTON, DAKOTA FANNING, REMO GIRONE, ANDREA SCARDUZIO, SONIA BEN AMMAR, DAVID DENMAN, EUGENIO MASTRANDREA, GAIA SCODELLARO, ANDREA DODERO U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Bei Terry Pratchett gibt es einen literarischen Moment, da will Gevatter Tod seine Profession an den Nagel hängen. Was, wenn der Sensenmann seine Seelen nicht mehr holt? Darf die Ratte dann dessen Arbeit verrichten? Und wenn nicht die Ratte, dann Denzel Washington? Wobei sich Gevatter Tod vielleicht darüber echauffieren könnte, dass ihm einer wie Robert McCall so dermaßen den Rang abläuft –entsprechend radikal geht der Equalizer ans Werk. Der Tod ist ein gerechter Mann, heißt es anderswo auch. Hier allerdings ist Gerechtigkeit etwas, die mit Gut und Böse zu tun hat. Und so ist dieser auf Erden wandelnde Beschützer der Witwen und Waisen nur darauf aus, sich ein Plätzchen zu suchen, an welchem er vielleicht in Frieden sterben kann. Umgeben von netten Leuten, die seine ultrabrutale Auffassung von Ordnung nicht zu fürchten brauchen, da sie so weißwestig sind wie Unschuldslämmer.

Diesen Ort findet McCall in dem äußerst malerischen, italienischen Städtchen Altamonte (das de facto natürlich nicht existiert und aus diversen architektonischen Elementen der Besiedelungen an der Amalfiküste zusammengesetzt wurde) seine innere wie äußere Ruhe und frönt alsbald einer peniblen Regelmäßigkeit des Alltags, nachdem er bereits im entfernten Sizilien eine Spur der blutigen Verwüstung durch ein Weingut gezogen hat. Schon in der ersten Szene führt eine gschmeidige Kamerafahrt an brutal hingerichteten Leibern vorbei, die in schwarzrotem Körpersaft tümpeln. Wer sowas anstellt, könnte ein Psychopath reinster Güte sein. Einer, der Spaß am Meucheln hat. Kennt man aber Denzel Washington, und weiß, wofür er all das Blut verspritzt, lässt man den Psychopathen vielleicht außen vor und billigt ohne Zaudern, wenn diverse Küchenutensilien ihren Weg in die Köpfe böser Buben gefunden haben. Doch das alles – all die unschönen Momente – sind angesichts eines mediterranen Kitschs fürs Reiseprospekt für potenzielle Italienurlauber längst vergessen. Der Equalizer muss schließlich auch selbst genesen, denn ganz unverletzt ist auch er nicht aus der Sache herausgekommen. Wie es aber bei einem Action-Franchise meist zugeht, wartet der nächste Ärger gleich um die Ecke und braust mit schwer brummendem Zweirad heran: Die Schlägertrupps der verhassten Camorra – einem Verbrechersyndikat, so verwoben mit Italien wie ein Pilzgeflecht mit dem Waldboden. Schwer auszumerzen – meist ist es besser, sich damit zu arrangieren.

Nicht aber bei Denzel. Der sieht sofort, dass die unguten Jungs auch nach höflicher Aufforderung seinerseits keine Ruhe geben werden – finster und gnadenlos genug stellt Antoine Fuqua sie auch in Szene, damit die Wut und der Hass des Zuschauers für all die Verbrecher schnell genug die rote Linie erreicht. Und wieder wird das Bauchgefühl der Vergeltung mobilisiert, wie es bei Filmen über Selbstjustiz meist der Fall ist. Wo, wenn nicht im Kino, darf das Gefühl der Satisfaktion angesichts reueloser Bestrafung auch ausgelebt werden? Und je perfider und diabolischer das Böse ist, umso schärfer darf die Sense schwingen – und zwar schön sichtbar für die Kamera, denn Ballern mit dem Kaliber ist längst was für schlipstragende Versteckspieler, zu denen Denzel Washington eben nicht gehört, denn für ihn ist der Angriff die beste Verteidigung.

Für seinen dritten Akt setzt ihn Fuqua als einen im Schatten wandelnden Todesengel in Szene, der allein schon mit seinen Blicken anderen signalisiert, dass die Tage gezählt sind. Der Tod trägt schwarz, spricht im Flüsterton, stiert den Sterbenden an, so, als würde er ihm Absolution erteilen. Doch die Hölle braucht nachher nicht zu warten – der Equalizer erteilt sie an Ort und Stelle. Mit Brechstange, Schürhaken, Messer und sonstigem Hausrat. Natürlich auch mit Projektilwaffen, denn alles andere wäre zu sehr Michael Myers. Equalizer 3 – The Final Chapter schnauft dabei deutlich mehr als die vorhergehenden beiden Teile. Die Sehnsucht nach Ruhe lässt den letzten Akt auf gemächliche Weise zur Gewaltbereitschaft auffahren, eine im Hintergrund vernetzte CIA-Story soll einem ansonsten sehr banalen Plot etwas mehr Pepp verleihen, Dakota Fanning die Frauenquote erfüllen. Denn wenn ein Mann nur Männer murkst, könnte es langweilig werden.

Und das wird es auch. Das Farewell für den Gutmenschen-Psychopathen ist der schwächste Teil der Reihe, hat nebst den obligaten superbrutalen Einsprengseln weit weniger Augenzwinkern zu bieten als ein John Wick, der aber schließlich nur die eigene Ruhe sucht, und nicht die der anderen. Der Equalizer ist ein unbarmherziger Samariter, der den Bösen Böses tut, als gäb‘s kein Morgen mehr. Wenn aber schon das Psychogramm einer kaputten Killerseele die Massen straflos ins Jenseits befördert und durchaus ambivalent auftritt, wäre das Wühlen im Film Noir wünschenswert gewesen; wäre es an der Zeit gewesen, dass sich McCall ein bisschen mehr die Zähne ausbeißt an einem Gegenüber, dass ihn fordert. Da der Meister nicht gefunden wird, bleibt das glückliche Märchen eines Schlächters richtiggehend schal, weil das Salz in der Blutsuppe fehlt. Jenes, dass der wahre Tod vielleicht gestreut hätte, denn das Niedermähen ist immer noch sein Job. Und nicht der eines jeder Richtbarkeit erhabenen Moralmörders.

The Equalizer 3 – The Final Chapter (2023)

How to Blow Up A Pipeline (2022)

BREAKING BAD FÜR DEN GUTEN ZWECK

7/10


howtoblowuppipeline© 2023 Plaion Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: DANIEL GOLDHABER

DREHBUCH: ARIELA BARER, JORDAN SJOL & DANIEL GOLDHABER, NACH DEM BUCH VON ANDREAS MALM

CAST: ARIELA BARER, KRISTINE FROSETH, LUKAS GAGE, FORREST GOODLUCK, SASHA LANE, JAYME LAWSON, MARCUS SCRIBNER, JAKE WEARY, IRENE BEDARD U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Verbrechen zahlt sich aus? Vielleicht in der Politik, da merkt man nicht sofort, was im parlamentarischen Hinterzimmer alles beredet wird. Oder, wenn ein ganzes Volk an einem Strang zieht. Sowas nennt man dann Revolution, die wiederum Sinn macht, wenn Alleinherrschaften gestürzt werden sollen. Verbrechen aber im Gewand von linkem oder rechtem Idealismus zieht meist einen Rattenschwanz aus Ahndung und Vergeltung nach sich. Niemand kann verstehen, wie Gewalt – sei es nun gegen Menschen oder gegen Dinge – als gesetztes Zeichen für eine bessere oder andere Welt jemals genau dorthin führen soll. Um andere aufzurütteln? Die, die es vielleicht zum Umdenken bringen könnte, haben längst schon ihre Türen geöffnet, bevor sie eingerannt werden. Die anderen hängen in ihrer Borniertheit sowieso an ihrer Meinung. Und können statuierte Exempel wie im vorliegenden Film nur verurteilen oder geringschätzend belächeln.

Einen Kreuzzug gegen die kapitalistische Weltherrschaft zu führen ist, als würde man eine Festung mit Graffitisprays stürmen. Klimakleber blockieren zwar die Straße, blockieren aber auch ein Umdenken, weil Aktionen wie diese ganz andere Emotionen auslösen, nicht aber jene, die die Umwelt betreffen, die im Argen liegt. Idealisten, die eine Pipeline sprengen wollen, um den Ölfluss und damit die Konzernroutine zu stören, packen das Übel nicht an der Wurzel, sondern reißen dem Unkraut lediglich die Blätter aus. Ihre Vorgehensweise ist eine persönliche, und keine fürs globale Allgemeinwohl. Das erfährt man, wenn man sich How to Blow Up A Pipeline ansieht, basierend auf dem gleichnamigen Ratgeber für aktivistische Kriegsführung. In diesem Independentdrama treffen acht vom Leben im Stich gelassene, junge Menschen aufeinander, die sich in der Wüste von Texas einem Sabotageakt verschreiben, der, wie der Titel schon sagt, die Ölzufuhr eines Rohstoffgiganten an zwei auseinanderliegenden Stellen zumindest eine Zeit lang stoppen soll. In die Wege geleitet soll dies mit ordentlich Sprengstoff werden – einem vorzüglich selbst gemixten. Und schon erinnert das ganze Szenario ein bisschen an Breaking Bad – nur statt Crystal Meth, das ja wirklich nicht fürs Allgemeinwohl, sondern nur für den eigenen Profit hergestellt wird, mixt der in Sprengstoffen versierte Autodidakt Michael mit angehaltenem Atem und ruhiger Hand ein ganz anderes Pulver zusammen. Eines, dass Stahl, Nieten und alles andre in seine Einzelteile zerlegen soll. Die anderen sieben helfen dabei, füllen ganze Fässer mit Ammoniumnitrat, checken die Lage und schwören sich auf ein Gelingen des Anschlags ein, der tunlichst keine Menschenleben gefährden soll, denn schließlich geht es ja um die Menschlichkeit, um ein besseres Leben, um ein Umdenken. Mord wäre da das falsche Signal. Und Sachbeschädigung?

Regisseur Daniel Goldhaber bewundert seine acht Seelen, die im Winter der amerikanischen Wüste die Welt verändern wollen. Ja, er sympathisiert gar mit ihnen und erklärt sie zu Kreuzrittern, die sich Gehör verschaffen müssen. Andererseits aber schnipselt er ins fast schon semidokumentarische und genau beobachtete Making Of eines Anschlags die in groben Eckdaten zusammengefassten persönlichen Beweggründe jeder und jedes einzelnen. Dabei wird klar, dass selten der globale Zustand unserer Welt der Motor für die nun vor uns liegende Aktion darstellt, sondern ausschließlich persönliche Kränkungen, Benachteiligungen und gesundheitlicher Schaden. Ist das Ganze dann nicht eher eine Frage der Rache? Der Vergeltung? Die einzige Möglichkeit, sich den eigenen Schmerz und die Ungerechtigkeit rauszuschreien, weil ihn sonst keiner hört?

How to Blow Up A Pipeline ist fraglos eine spannende Chronik, und bietet aufgrund der unterschiedlichen Charaktere, die mit ihrer desillusionierten Grimmigkeit schließlich doch etwas gemeinsam haben, potenziellen Zündstoff, der das ganze Vorhaben bereits intern hätte scheitern lassen können. Das gemeinsame Ziel allerdings – die Aussicht, nichts mehr verlieren zu können, schweißt alle zusammen. Verzweiflung, Gruppendynamik und Teamgeist bilden die Essenz, die vorhanden sein muss, um Tabula rasa zu machen. In Goldhabers Film steht also primär die Erforschung der Parameter im Vordergrund, die zur praktischen Umsetzung radikaler Ideen führen. Andererseits kann Goldhaber auch nicht anders, als die Wahl extremer Mittel, um ein Statement zu setzen, für vertretbar zu befinden.

Von daher ist sein Film durchaus imstande, zu beobachten und zu provozierien. Am Ende wird das Charaktedrama gar zum – zugegeben etwas konstruierten – Thriller inklusive Story-Twist. Darüber, ob How to Blow Up A Pipeline nun aber Partei ergreift oder nicht, lässt sich streiten. Ich zumindest meine, er tut es. Doch wenigstens liegt hier – zwischen Wut und Pipeline – eine logische Verbindung vor, während das Anschütten berühmter Gemälde mit Tomatensuppe vielleicht doch am Ziel vorbeipatzt.

How to Blow Up A Pipeline (2022)

Die letzte Fahrt der Demeter (2023)

HOLZKLASSE, ABER MIT BORDMENÜ

6/10


demeter2© 2023 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2023

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: BRAGI F. SCHUT

CAST: COREY HAWKINS, AISLING FRANCIOSI, LIAM GUNNINGHAM, DAVID DASTMALCHIAN, JAVIER BOTET, JON JON BRIONES, STEFAN KAPICIC, NIKOLAI NIKOLAEFF, WOODY NORMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Max Schreck hätte wohl auch gern solche Schwingen aufklappen wollen wie sein um 101 Jahre später erschienenes Pendant. Mit solchen Schwingen wäre vieles leichter gefallen. Als Vampir, verwandt mit Fledermäusen, sollte jede Dracula-Inkarnation solche Extras besitzen. Im Laufe der Zeit aber ist der charismatische Graf immer weniger Bestie als vielmehr Aristokrat geworden – ein stattlicher, schon etwas in die Jahre gekommener Gentleman mit grauenvollem und für viele auch tödlich endendem Understatement. Einer, der vorgibt, etwas anderes zu sein – bis es zu spät ist. Das ist taktische Perfektion, das ist Psychoterror und geschickte Manipulation. Doch Dracula ist immer noch ein Vampir – ein Dämon. Und von daher durchaus animalisch, bestialisch, teuflisch. In André Øvredals Literatur-Exegese bleibt von Bela Lugosi, Christopher Lee oder Claes Bang nicht mehr viel bis gar nichts über. Die letzte Fahrt der Demeter bringt den Edelmann mit finsteren Absichten zurück zu seinen Anfängen, lässt ihn herumkriechen wie Gollum, lässt ihn jagen und schlachten. Dracula ist hier all seines Anstands beraubt, doch nach wie vor mit messerscharfem Verstand gesegnet, der sich für sinistre Spielchen mit der Schiffscrew bestens eignet.

Auch in Friedrich Wilhelm Murnaus Klassiker von 1922 werden die frisch geschrubbten Blanken des russischen Handelsschiffes mit Blut getränkt – wir alle kennen das ikonische Standbild der schwarzweißen Schreckensgestalt, wie sie über der Reling aufragt – klauenbewehrte Hände, kahler Kopf, glühende Augen und spitze Zähne. Diesem Bildnis muss man immer mal wieder Tribut zollen, und auch Øvredal scheint davon mehr als fasziniert zu sein.

Doch nicht nur diese Art des Gothic-Horrors taugt zur Wiedererweckung, sondern auch Ridley Scotts finstere Figur des Xenomorph aus dessen Suspense-Hit Alien. So, wie dieser sein Wesen eins werden ließ mit der frei liegenden Technik eines Raumschiffs, so lässt Øvredal seinen Übervampir genauso mit dem rustikalen Interieur unter Deck der Demeter verschmelzen. Beeindruckend wird es dann, wenn man zweimal hinsehen muss, um die ausgemergelten, aschfahlen und ins bläuliche Licht einer Vollmondnacht getauchten Gelenke zwischen den Tisch- und Stuhlbeinen in der Kapitänskajüte auszumachen. Wenn sich das Wesen dann langsam bewegt und aufrichtet, um von einem Moment auf den anderen verschwunden zu sein, treibt Die letzte Fahrt der Demeter seine illustre Schauermär zu einem Höhepunkt hin, der immer näher rückt – letztlich aber ausbleibt.

Øvredals Hochsee-Grusler garniert seinen geschickten Monsterhorror mit Licht, Schatten und Unschärfen, dennoch lässt sich die Geschichte weder auf Biegen und Brechen noch sonst wie einem anderen Schicksal zuführen, will man als Literaturverfilmung dem zugrundeliegenden Werk von Bram Stoker auch treu bleiben. Die letzte Fahrt der Demeter hegt keine Szene lang den Anspruch, einen avantgardistischen Ausbruch zu wagen. Was zählt, ist die Tradition. So bleibt der Film sowohl von seiner Gestaltung als auch von der chronologisch bedachten Erzählweise ein Kind vergangener Zeiten, ein Überbleibsel aus opulenten Universal– oder Hammerfilm-Abenteuern früherer Dekaden – als James Mason, Ernest Borgnine oder Vincent Price noch Seemansgarn erzählen konnten, sofern sie überlebten.

Liam Cunningham, der Zwiebelritter aus Game of Thrones, belebt in klassischer Perfektion die Rolle des vollbärtigen Kapitäns; seine ohnehin gebremste Laune, die ein Teamleader eben haben muss, weicht sorgenvoller Verzweiflung. Er ist es auch, der die ganze Geschichte noch dazu aus dem Off erzählt, um den romantisch-finsteren Petroleumlampen-Charakter noch zu verstärken. Doch man weiß, wie es endet. Die letzte Fahrt der Demeter hat weder Twists noch dramaturgische Raffinessen parat. Hätte das denn sein müssen? Nicht unbedingt.

Mittelpunkt, Kernstück und der Joker in den Handkarten ist immer noch der Vampir. Wäre dieser wohl mehr in den Dialog mit der ohnehin zum Tode verdammten Crew gegangen; wäre das blutdürstende Monster nicht allzu sehr scheinbaren Instinkten unterworfen worden, wäre Draculas bisherige Biografie sichtbarer – und die Figur an sich bedeutender geworden. Øvredal aber will den Langzahn als Tier – in einem Logbuchthriller der bewährten Art, allerdings angereichert mit düsteren Kupferstichen, die in sturmumtosten Nächten und bei Kerzenlicht ihre stärkste Wirkung erzielen.

Die letzte Fahrt der Demeter (2023)

Heart of Stone (2023)

MAN ZIELT NUR MIT DEM HERZEN GUT

5/10


Heart of Stone© 2023 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: TOM HARPER

DREHBUCH: GREG RUCKA, ALLISON SCHROEDER

CAST: GAL GADOT, JAMIE DORNAN, SOPHIE OKONEDO, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, ALIA BHATT, JING LUSI, PAUL READY, ARCHIE MADEKWE, MARK IVANIR, BD WONG, GLENN CLOSE U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Welcher Actionfilm war das noch gleich? Der mit dem Verrat in den eigenen Reihen? Oder der mit dem Artefakt, das alle haben wollen? Nein, es ist der Film um diese künstliche Intelligenz, mit der sich die Welt unterwerfen lässt. Mit ihr wäre man der mächtigste Mensch auf Gottes schöner Erde. Doch war das nicht eher Mission Impossible: Dead Reckoning Teil Eins? Da war doch auch so eine KI. Allerdings eine, die den Bösen dient. In Heart of Stone ist es eine sündteure Convenience-App, die den selbstlosen Recken einer aus dem Radar gefallenen Spezialeinheit unter die Arme greift. Die ohne KI vielleicht so blind wie ein Maulwurf wären und im Worst Case analoge Improvisation wohl kaum abrufen könnten.

Wie heißt es so schön bei Einstein: Man sollte alles so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher. Im neuen Netflix-Abenteuer ist aber genau das die Krux an der Sache: Agenten, ähnlich wie beim IMF, werden zu Erfüllungsgehilfen eines Spionageprogramms, das jede softwaregesteuerte Elektrotechnik dieses Planeten unterwandern kann. Was bleibt da von einem hemdsärmeligen Helden wie James Bond, der angesichts dieser Hilflosigkeit nur mitleidig lächelnd seinen Martini schlürft und dabei liebevoll an seinen Aston Martin denkt, der links und rechts seine Gatlings ausfahren kann. Mehr war da nie wirklich – doch nun ist der nackte Mensch allein so fähig wie der ausgesetzte Moses im Weidenkörbchen am Nil.

Wir einigen uns also darauf, Heart of Stone als jenen Actionfilm zu definieren, in welchem ein heiß begehrtes High-Tech-Tool im Zentrum gefühlt aller Interessen steht. Als Superstar der astreinen Netflix-Produktion agiert „Wonder Woman“ Gal Gadot, die sich wohlweislich eine neue Paraderolle suchen muss, denn die Zeiten für die Lasso schwingende Amazone aus Themiskyra sind vorbei. Eine optimalere Besetzung wird keiner jemals finden, aber seis drum: Wenn James Gunn alles neu machen will, nur, damit alles seine Handschrift trägt, dann soll er. Gadot agiert diesmal aber nicht nur vor der Kamera, sondern übt sich auch als Produzentin – eine Zusatzerfahrung, die sie begeistert. Doch wie es scheint, dürfte die smarte Israelin sehr schnell mal etwas vom Hocker werfen. Da reichen womöglich ein paar Stunts, und schon ist sie glücklich. Ob das Publikum ihre Freude am Tun zu spüren bekommt? Ob Heart of Stone nach Pleiten wie Red Notice oder The Gray Man vielleicht sogar noch Tyler Rake in den Schatten stellt?

Die (subjektive) Wahrheit ist: Heart of Stone, inszeniert von Tom Harper, der bereits für Netflix The Aeronauts mit Felicity Jones auf den Heimscreen brachte, kämpft sich verzweifelt durch die beliebtesten Versatzstücke des Genres, um Neues zu entdecken. Die Ambition mag man vielleicht bemerken, das gute alte Heureka bleibt aber letztlich aus. Zu schade um Gal Gadot, die sich mit Fleiß und Hingabe bemüht, ihre Arbeit wirklich gut zu machen. So fliegt, schießt und schlägt sie sich stets akkurat und so aufmerksam, als hätte sie Schulstunde, durch ein generisches, mehrere Länder umspannendes Abenteuer, dessen Künstlichkeit anhand mancher Effekte und Kulissen überdeutlich auffällt. Sie selbst ist Gutmensch durch und durch, gerät durch ihre strahlend weiße Ideologie aber deutlich flacher oder gar naiver als zum Beispiel Charlize Theron in Atomic Blonde. So knochenhart wird’s in Heart of Stone schließlich auch nicht, denn was Netflix wollte, ist, auf den fahrenden Zug von Tom Cruises exorbitantem Stunt-Theater aufzuspringen.

Das heißt nicht, dass als Schienenersatzverkehr für Heart of Stone letztlich nur eine Draisine zur Verfügung steht. Solide choreographierte Actionszenen gibt es genug, das Drehbuch hat kaum nennenswerte Längen und wenn man schon mal in Lissabon war, lassen sich während der obligatorischen Autoverfolgungsjagd durch die Altstadt viele Orte wiedererkennen, die man selbst schon besucht hat. Doch dort, wo viele andere Agentenfilme ihren Meister finden und ohnmächtig die Waffen strecken, kommt auch Tom Harpers Blockbuster an seine Grenzen. Zu viele Kompromisse in der Handlung zugunsten eines weltweiten Streaming-Publikums, zu wenig Mut zur Grauzone und psychologisch undurchdachte Antagonisten bescheren dem Star Vehikel letztlich nur Mittelmaß.

Heart of Stone (2023)

Pearl (2022)

EINE PERLE VERLIERT DIE FASSUNG

7/10


pearl© 2022 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TI WEST

DREHBUCH: TI WEST, MIA GOTH

CAST: MIA GOTH, DAVID CORENSWET, TANDI WRIGHT, MATTHEW SUNDERLAND, EMMA JENKINS-PURRO, ALISTAIR SEWELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Niemand ist bei den Kälbern? Natürlich nicht. Die hübsche junge Pearl will eigentlich etwas ganz anderes aus ihrem Leben anstellen als nur das Vieh bei guter Gesundheit zu halten und den als Pflegefall dahinsiechenden Vater pflegen. Doch wir befinden uns am Anfang des 20. Jahrhunderts, die spanische Grippe geißelt den Erdball wie vor kurzem Covid, nur noch um einen Tick tödlicher. Der Erste Weltkrieg geht langsam seinem Ende zu. Und da ist es am klügsten, sich nach der Decke zu strecken und das Beste aus dem zu machen, was man hat. So zumindest meint es die strenge Institution namens Mutter, die Pearl keinerlei Freiheiten schenkt, sondern stets an ihre Pflicht erinnert, für Haus und Hof geradezustehen.

Was aber, wenn die große weite Welt lockt? Wenn Frau sich selbst dazu ausersehen fühlt, ein Star zu werden? Margot Robbie hat das in Babylon – Rausch der Ekstase schließlich auch hinbekommen, also zumindest anfangs. Wieso sollte Pearl nicht auch das Zeug dazu haben? Eine strahlende Erscheinung ist sie ja. Wenn sie aber dauerstrahlt, kann einem schon anders werden. Und wenn sie dann auch noch zu blaffen beginnt und nicht versteht, warum ihr die Welt nicht zu Füßen liegt, ließe sich der Pfaffe schon zur letzten Ölung bitten.

Mit dieser fast schon ikonischen Figur einer taufrischen Psychopathin gelingt es Ti West, eine neue Institution für das Subgenre des Slasher-Horrors zu schaffen. Eine, die zu Halloween neben Michael Myers, Freddy Kruger und Jason Voorhees die Gegend unsicher macht – in rotem Festtagskleid, mit zwei Zöpfen und bewaffnet mit Axt oder Heugabel. Dabei scheint sie nur tanzen zu wollen – und mehr Beweggründe für ihre Meuchelei zu haben als all die anderen genannten gesichtslosen Killermaschinen. Da hat Pearl ihnen einiges voraus. Nämlich den unverschämten Wunsch auf Selbstbestimmung. Dumm nur, dass eine grundlabile Persönlichkeit wie Pearl nicht anders kann als lustvolles Töten als einfachste Methode zu wählen, ihrem Käfig zu entkommen. Doch da wartet weder Regenbogen noch eine Yellow Brick Road. Wenn’s hochkommt, ist da nur die Vogelscheuche.

Wer Ti Wests 70er-Slasher X gesehen hat – ebenfalls mit Mia Goth, nur in einer anderen Rolle – wird sich beim Gedanken daran, wie die beiden Alten in der heruntergekommenen Ranch vor lauter Neid auf die Jugend eine Filmcrew systematisch dezimiert, die Nackenhaare aufstellen. Die Herrin des Hauses, immer noch getrieben von der Sehnsucht, ein Star zu sein, ist Pearl in hohem Alter. Mit diesem, in enormem Ausmaß den Stil der Technicolor-Filme imitierenden Prequel hält ein leidenschaftlicher Coming of Killer-Film Einzug, der als Reminiszenz aufs frühe Mörderkino genauso funktioniert wie auf Hitchcocks Psychohorror, in welchem ein Motel zum Schauplatz garstiger Alltagsroutine wird. Die Eltern-Kind-Diskrepanzen sind da wie dort ein Thema, und wenn Mia Goth, die hier heult und grinst und kreischt wie eine Furie, zu ihrem Geständnis ansetzt, verzichtet Pearl darauf, nur platter Effekt-Manierismus bleiben zu wollen. Wests Film strebt ebenso nach Größerem wie Mia Goths Figur selbst. Wenn man auch nur irgendwie „Sympathy for the Devil“ entwickeln kann; wenn Filme Zugänge schaffen in eine Welt aus Tod, Verderben und geistiger Verwirrung, dann funktioniert das nur im Rahmen eines entrückten Horrormärchens, das seinen strohaufwirbelnden Judy Garland-Albtraum satirisch konnotiert, ihn aber ernster nimmt als es den Anschein hat. Und das ist das Perfide daran.

Pearl (2022)