Der unverhoffte Charme des Geldes

ZUM TEUFEL MIT DEN KOHLEN

6,5/10

 

charmedesgeldes© 2018 Cinémaginaire Inc. – Film TDA Inc.

 

LAND: KANADA 2018

REGIE: DENYS ARCAND

CAST: ALEXANDRE LANDRY, MARIPIER MORIN, RÈMY GIRARD, MAXIM ROY, VINCENT LECLERC U. A.

 

Kanadas wohl bekanntester Filmemacher neben David Cronenberg ist womöglich Denys Arcand. Der Mann ist Oscarpreisträger, und zwar für seine eloquente Satire Die Invasion der Barbaren. Ein spitzzüngiger, sehens- und vor allem ob der Dialoge hörenswerter Film. Allerdings auch schon länger her, genau 16 Jahre. Drei Filme später legt der Autorenfilmer mit Hang zum Understatement eine ganz andere Komödie vor, oder viel mehr eine Thrillerkomödie, die den guten Mammon zum Thema hat. Und er lässt es regnen, das viele Geld, auf einen Unglücksraben, der sich selbst ganz nach Woody Allen-Manier für das Maß aller Dinge hält und mit zynischen Betrachtungsweisen seine Umgebung immer wieder vor den Kopf stößt. Nichts ist gut genug für den Paketzusteller, der es sogar noch schafft, seine Freundin mit Worten davonzuekeln. Alles soll sich ändern, als Fortuna das Füllhorn entgleitet. Und Fortuna schüttet es da aus, wo andere ins Gras beißen. So gesehen bei einem Banküberfall, der aber vereitelt wird, trotzdem es auf beiden Seiten keine Gefangenen gibt. So steht der intellektuelle Jungspund in kurzen Hosen und Lieferwagen alleine da, vor ihm mehrere Taschen voller Kohle. Was tun in so einem (un)glücklichen Moment? Natürlich das Geld schnappen und so tun als wüsste man von nichts. Und das, obwohl man eigentlich gegen den globalen Kapitalismus wettert.

Das Glück ist, wo sie sind – sagen die Casinos Austria. Am Glück klebt aber auch das Pech wie selbiges an der sinistren Schwester der Goldmarie. Gute Taten helfen da nicht weiter. Oder doch? Wäre ja alles kein Problem, gäbe es da nicht die gesamte Unterwelt Montreals, die diese vermaledeiten Sporttaschen sucht. Und zu drastischen Maßnahmen greift, wenn es darum geht, diese aufzuspüren. Die sind manchmal wirklich weit über der Schmerzgrenze. Wer sehen will, wie Foltermethoden aus dem Mittelalter so manch einem halbseidenen Ganoven die Wahrheit entlocken, der kann sich gerne auf dieses Katz- und Mausspiel einlassen. Was aber nicht heißen soll, dass Denys Arcand andauernd die Grenzen zwischen süffisanter Diebesballade und wenig gelenkschonender Gewalt auslotet. Nein, das tut er nicht. In Jesus von Montreal war es auch nur die Kreuzigung Jesu im Selbstversuch, der Rest kluges Gesellschaftsdrama. Der unverhoffte Charme des Geldes setzt seine Gewaltspitzen aber auf überrumpelnde Weise. Dazwischen: durchaus turbulente Bestrebungen rund um hohe Summen, was wiederum an Richard Pryors Eskapaden aus dem 80er-Klamauk Zum Teufel mit den Kohlen erinnert. Damals war’s eine Erbschaft, hier mehr oder weniger Blutgeld.

Die unaufgeregt bebilderte „Oceans“-Satire macht aus kapitalistischer Gier einen sozialen Krankheitsfall, so als würde jemand an Geld leiden, und andere sollen die Symptome gefälligst kurieren. Der junge Held aus Denys Arcands Film wird selbstredend in Versuchung geführt, angelt sich auch eine bildschöne wie sündteure Hostess (wahnsinnig erotisch: Maripier Morin) und tut sich noch dazu mit einer Parodie auf Helmut Elsner (ich sage nur: Bawag) zusammen, um die Knete, anstatt sie zu verbrennen, in alle vier Winde zu verstreuen. Es ist wie die wundersame Brotvermehrung, womit wir wieder bei Jesus von Montreal wären. Und das Geld verliert ein paar von seinen dunklen Seiten, weil es immer darauf ankommt, was man damit macht. Es horten, raffen oder verteilen, als wäre es nichts als ein Mittel zum Zweck. Was es ja auch ist.

Der unverhoffte Charme des Geldes

Little Women

ERST RECHT, WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10

 

littlewomen© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: GRETA GERWIG

CAST: SAOIRSE RONAN, FLORENCE PUGH, EMMA WATSON, ELIZA SCANLEN, LAURA DERN, MERYL STREEP, TIMOTHEÉ CHALAMET, CHRIS COOPER U. A.

 

Die ehemalige Mumblecore-Ikone Greta Gerwig, oft unter der Regie von Noah Baumbach (der mittlerweile ihr Partner ist, aber das nur so am Rande), hat wieder getan, was sie am besten kann: Im Grunde eigentlich über sich selbst erzählen. Was natürlich Hand und Fuß hat, denn nichts ist authentischer und ehrlicher als die Reflexion aufs eigene Leben, die Frau hier mit ins Spiel bringt. Das Spiel selbst, das ist kein neuer Hut mehr. Es ist die ich weiß nicht wievielte Verfilmung eines Coming of Age-Romans der US-Autorin Louisa May Alcott, im Grunde die amerikanische Antwort auf den ungefähr zeitgleich entstandenen Trotzkopf von Emmy van Rhoden. Alcotts Buch aber dürfte so etwas wie die Jungmädchen-Pflichtlektüre in allen Bundesstaaten gewesen sein. Nirgendwo sonst hätten Mädchen, mit dem Blick in die Zukunft und von Träumen, Wünschen und Sehnsüchten geprägt, ihre Seelenwelt wohl besser verstanden gewusst als hier. Erstaunlich dabei: für jedes Mädchen scheint in Little Women etwas dabei gewesen zu sein, Seelenverwandte also leicht zu finden. Im Zentrum steht natürlich Jo March, die schriftstellerisch Begabte. Freiheitsliebend, nonkonform, ein Sturkopf schlechthin, aber auffallend klug und daher alles und jeden hinterfragend. Natürlich fällt die Wahl der Lieblings-Romanfigur in erster Linie auf diese junge Dame. Sie nimmt sich heraus, was sich andere verwehren – das Streben nach den eigenen Zielen. Das ist eine Darstellung, weit ihrer Zeit voraus. Und völlig klar – Gerwig sieht auch speziell in Jo March ihr Alter Ego, ihre Verbündete, hat sie doch im Rahmen eines cinema-Interviews offenbart, auch selbst mit Little Women aufgewachsen zu sein und aus dem beharrlichen Verhalten ihres jungen Idols selbst genug Motivation gewonnen zu haben, um überhaupt die künstlerische Laufbahn als Autorenfilmerin einzuschlagen.

Gerwig holt sich für ihre strahlende Hauptfigur erneut Saoirse Ronan an Bord. Das war schon bei Lady Bird alles andere als ein Fehler, und ist es auch bei Little Women. Um Ronan herum dreht sich der ganze Film. Sie legt eine solch erfrischende Natürlichkeit an den Tag, so eine unaufgeregte Selbstsicherheit und findet für ihren Charakter so viele unterschiedliche Facetten, dass man das Gefühl hat, keiner kann und darf sich ihr in den Weg stellen. Sie verkörpert eine Frauenfigur, die als Soll-Zustand weiblicher Selbstverwirklichung zeitlos gültig bleibt. Deswegen auch Gerwigs Griff nach einem über hundert Jahre alten Roman, der, obwohl er ein Sitten- und Gesellschaftsbild seiner Zeit ist, genau dieses zu einem temporären Korsett reduziert, das sich abstreifen lässt, das nicht zwingend getragen werden muss, denn die Frage ist ja dabei auch, wer schreibt dieses Korsett denn vor? Und wer beurteilt, ob und wann Frauen talentiert genug sind, um die Elite aufzumischen? Ihre Little Women gehen aus sich heraus, wo andere vielleicht in Deckung gehen. Und probieren aus, wo andere Angst haben zu scheitern.

Die Qualität dieser Neuverfilmung liegt genau dort, wo sie sein soll: in vier völlig autarken Charakterstudien, die als Jo, Amy, Meg und Beth aus dem Zeitgeist der 60er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts penibel, mit viele Geduld und Liebe zur genauen Beobachtung herausgearbeitet wurden. Da hat sich Gerwig beim Schreiben wirklich ins Zeug gelegt. Und nicht nur sie – neben Saoirse Ronan auch und vor allem Florence Pugh als impulsives Energiebündel zwischen familiärem Pflichtbewusstsein und individueller Freiheit. Was Laura Dern betrifft – es ist irgendwie beruhigend, zu sehen, dass ihr auch noch ganz andere, viel subtilere Filmfiguren gut zu Gesicht stehen als nur die resolute Powerfrau und Anwältin, die ihr Geschäft versteht. Letzten Endes aber geht es bei Alcotts Little Women auch nicht ohne die männliche Komponente, nur zwingend reich muss diese nicht sein. Somit haben wir hier keine militante Female Power gegen ein plakatives Patriarchat, sondern einen zuversichtlichen Lovesong auf ein Miteinander der Geschlechter, ohne sich der Männerrolle zwingend entledigen zu müssen. Da macht Gerwig vieles richtig, bleibt diplomatisch und vernünftig, trotz all der großen Emotionen.

Etwas fahrig wird dann die technische Umsetzung ihres fein ausgestatteten Films, insbesondere gibt’s so manche Probleme im Wechsel der Zeitebenen, die sie glaubt geschickt verzahnt zu haben – dabei wäre, wie ich finde, hier ein langsamerer, ausgewogener Rhythmus zwischen den Szenen und all den Erinnerungen die bessere Wahl gewesen. Nichtsdestotrotz aber bleibt ein kluger Film über Young Adults in Erinnerung, der sich die Freiheit nimmt, irgendwann nicht mehr zwischen Realität und romantischer Heile-Welt-Poesie zu unterscheiden, auch wenn diese vielleicht doch nur im Buche steht, all die jungen Frauen aber umso stärker motiviert, an sich selbst zu glauben.

Little Women

Jojo Rabbit

VOM KRIEG DER KINDER

8,5/10

 

jojorabbit© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: ROMAN GRIFFIN DAVIS, TAIKA WAITITI, THOMASIN MCKENZIE, SCARLETT JOHANSSON, SAM ROCKWELL, REBEL WILSON, ALFIE ALLEN, STEPHEN MERCHANT U. A. 

 

Niemals sollte man sein inneres Kind aus den Augen verlieren. Niemals vergessen, wie es ist, Dingen im Leben mit einer verspielten Neugier zu begegnen. So, als wäre man ein Pionier für eine Sache, die zwar durchaus schon längst bekannt ist, aber so noch nicht gesehen worden ist. Mit unbedarftem Blick. Taika Waititi ist so ein Mensch, ein Künstler, der sich formelhafter Herangehensweisen an eine Sache entzieht. Der diese vielleicht kennt, und weiß, wie es andere bislang gemacht haben, dem das Bisher aber nicht sonderlich gefällt, und sich daher auf eine Augenhöhe begibt, die noch niemand eingenommen hat. Seine Augenhöhe ist die des zehnjährigen Johannes, genannt Jojo. Wir sind irgendwo in Deutschland, in einer Kleinstadt, nicht weit vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wo Jungen und Mädchen zur Hitlerjugend müssen und das jüdische Volk längst schon in den KZs vor sich hinstirbt. Jojo himmelt Hitler an, dieser ist sein Idol, und das geht sogar so weit, dass der Führer zu einem imaginären Freund wird, der den blonden Buben stets begleitet und mit rollendem R und kantiger Aussprache Ratschläge fürs arische Leben erteilt. Wäre da nicht seine Mutter, die, was natürlich vorerst niemand ahnt, im Haus ein jüdisches Mädchen versteckt. Was Hitler ganz und gar nicht unter die schnauzbärtige Nase geht. Und dem kleinen Jojo anfangs auch nicht. Aber warum eigentlich?

Ja, warum eigentlich, fragt sich Waititi und entlässt seinen kleinen (Anti)helden in den bizarren Alltag eines so irren wie wertevernichtenden Regimes, dass völlig aus der Luft gegriffene Schauermärchen über alles Andersartige kolportiert und mit kruden Schreckgespenstern vom eigenen Schrecken ablenkt. In diesem zerstörerischen Sog steckt also dieser Jojo, der sich einerseits vom Massenwahn mitziehen und begeistern lässt, wie sich Kinder eben begeistern lassen, und andererseits aber langsam anfängt, seine eigenen Wertvorstellungen anzuerkennen. Einem Kaninchen den Hals umdrehen? Geht nicht. Denn als Kind ist man immer noch Mensch, hat seine eigene Sicht der Dinge und wehe, man bleibt sich nicht selber treu. Waititi weiß das alles, er weiß, welche Fragen er stellen muss, und er weiß, worauf es in Zeiten wie damals hätte vermehrt ankommen sollen. Dass der verspielte Neuseeländer einen ganz eigenen Draht zum Kindsein hat, das wissen wir seit Wo die wilden Menschen jagen. Wobei er das Kindsein niemals idealisiert, niemals wirklich wie Grönemeyer all die Bengel an die Macht kommen lassen will, sondern sie dazu nötigt, in ihrem ach so jungen Alter ihr Tun selbst zu reflektieren.

Dass einem Thema wie diesem – die Nazizeit und all der Krieg – mit solch zerstreuter, verspielter Leichtigkeit begegnet werden kann, ist staunenswert und überraschenderweise kein bisschen irritierend. Jojo Rabbit ist bunt, aber niemals unbotmäßig schrill. Ist parodistisch wie es einst Chaplin in Der Große Diktator, aber niemals geschmacklos. In dieser Kindlichkeit liegt ein bitterer, erschreckender Ernst, der sich aber bewältigen lässt, weil er den Keim junger, humanistisch denkender Helden in sich trägt. Diese Dinge entdeckt man in diesem Film nicht ohne Gänsehaut. Nicht ohne einen Frosch im Hals. Aber mit unverhohlener Sympathie zu einem Ensemble, das ein gefühlt großes Vertrauen zu seinem Regisseur hat und sich in ein Szenario fallen lässt, dass es wert ist, durchzuleben. Roman Griffin Davis ist eine Entdeckung! Thomasin McKenzie fasziniert wiedermal genauso wie schon damals in Leave No Trace. Scarlett Johansson gelingt eine Gratwanderung zwischen Stummfilm-Performance und schönstem Bühnenzauber. Sam Rockwell wiederum hätte ich auch diesmal wieder für den Oscar nominiert, so seltsam hanswurstig und unbefangen verkörpert er seinen Hauptmann Klenzendorf.

Kindheitserinnerungen aus dem Krieg, die gibt es. Maikäfer flieg! zum Beispiel, von Christine Nöstlinger. Die Bücherdiebin. John Boormans Hope & Glory natürlich. Und nicht zuletzt die erschütternde Wahrheit hinter dem Tagebuch der Anne Frank. Waititi nutzt, ergänzend zu all diesen Erinnerungen, die fiktive Chance, in seiner berührenden, fabulierenden Tragikomödie durch die Welt- und spätere Weitsicht eines Jungen die verheerende Absurdität eines kranken Systems klar erkennbar werden zu lassen. Aber was viel wichtiger ist: er lässt die Kinder daraus lernen. Damit sich Fehler wie diese nicht nochmal wiederholen. Denn am Ende ist nichts schöner, als in Freiheit auf der Straße zu tanzen. Jojo Rabbit ist ein großartiger Film, ein rotzfreches Gloria, aufmüpfig, grundehrlich und bezaubernd. Und darf auch erhobenen Hauptes vor Wehmut und Erleichterung schluchzen.

Jojo Rabbit

Vom Gießen des Zitronenbaums

FÜHL´ DICH WIE ZUHAUSE

7,5/10

 

VomGiessenDesZitronenbaums© 2019 Neue Visionen

 

ORIGINALTITEl: IT MUST BE HEAVEN

LAND: KATAR, DEUTSCHLAND, KANADA, TÜRKEI, PALÄSTINA 2019

REGIE: ELIA SULEIMAN

CAST: ELIA SULEIMAN, ALI SULIMAN, TARIK KOPTY, KAREEM GHNEIM, GAEL GARCIA BERNAL U. A.

 

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, heißt es im Volksmund. Wenn aber keiner singt, bleibt die Frage, wo es am besten zu verbleiben wäre, eine, der man nachgehen sollte. Diese Frage wird umso dringlicher, umso weniger jemand einen Boden unter seinen Füßen hat, den er als sein Heimatland bezeichnen kann. Elia Suleiman, um den es hier geht und der sich auch selber spielt, der hat das nicht. Boden unter den Füßen ja, aber kein Heimatland. Wo er wohnt und lebt, das ist Israel, und um es genau zu nehmen kommt der Filmemacher aus Nazareth. Noch nie was von Elia Suleiman gehört? Ich bis vor Kurzem jedenfalls nicht, und es verwundert auch nicht so sehr, wenn klar wird, das dessen letzter Film schon zehn Jahre zurückliegt. Für sein Werk Göttliche Intervention hat er 2001 sogar den großen Preis der Jury in Cannes gewonnen. Suleiman ist also, was das Kino Arabiens betrifft, längst kein unbeschriebenes Blatt, sondern vielmehr ein Sprachrohr, ein so künstlerisches wie politisches, und alles für sein Volk aus Palästina.

Mit Vom Gießen des Zirtronenbaums, der ja im Original völlig anders heisst, nämlich It must be Heaven, ist sicherlich nicht die Sorte von Kino, die unsereins mitsamt der Masse gewohnt ist. Umso besser, würde ich sagen. Neue Denkweisen, Blickwinkel und Narrative sind hochwillkommen, noch dazu, wenn es in eine Richtung geht, die der legendäre Franzose und Situationskomiker Jacques Tati schon mal an den Tag gelegt hat. Wer seine Filme kennt, der weiß: Tati, der als Monsieur Hulot die Tücken der Moderne oder das seltsame Verhalten der urlaubmachenden Bourgeoise genau beobachtet hat, war niemals ein Mann großer Worte. Das ist Suleiman auch nicht. Denn Suleiman, der schweigt. Und beobachtet. Blickt sich um – und wundert sich. Während Tati aber noch selbst, durch seine fast schon absichtliche Unerfahrenheit diverse Slapstickkatastrophen heraufbeschworen hat, bleibt der wortabgewandte Denker und Flaneur stets auf Distanz zu dem, was passiert. Und es passiert von ganz alleine. Worum es in Vom Gießen des Zitronenbaums überhaupt geht? Das ist schwer zu sagen, so ganz genau weiß man das nicht. Nur, dass der einsame Eigenbrötler irgendwann Witwer wurde, den Nachbarn beim Pflücken der hauseigenen Zitronen ertappt und daraufhin seine Koffer packt, um davonzureisen, Richtung Paris. Und von dort Richtung New York. Was er dort macht? Im Grunde das, was er auch daheim in Nazareth getan hat. Schweigen und beobachten, dabei versuchend, hinter den Absurditäten menschlichen Verhaltens einen Zusammenhang zu erkennen. Die kleinen alltäglichen Miniaturen, die Suleiman beschreibt, passieren ohne sein Zutun, es ist eine absonderliche, etwas hilflose Welt, die er sieht. Eine seltsam spielerische, sich stets widersprechende, gedankenverlorene Welt, die nichts von ihren eigenen existenziellen Zusammenhängen versteht. Es ist humoristisch, das schon. Und manchmal tragikomisch. Und manchmal erstarrt das Schmunzeln.

Wovon genau will Vom Gießen des Zitronenbaums eigentlich berichten? Wohin will Suleiman? In einer Szene gibt der Filmemacher angeblich ein Interview zu seinem Film, den wir uns gerade ansehen, irgendwo in einem kleinen Stadttheater, dessen Publikum animalische Kostüme trägt. Dort stellt ein Moderator fest, das Suleiman eigentlich der perfekte Fremde ist. Einer, der überall fremd ist. Der nirgendwo hingehört, und theoretisch aber überall zuhause sein kann. Will er das? Ist das die bessere Wahl, überall gleichsam fremd zu sein? Es ist ein für diese Erkenntnis leichtfüßiges Statement, das Elia Suleiman hier abgibt, für das fiktive Land Palästina, das sich als eine Art Utopia sogar von einem Kartenleger für die ferne Zukunft weissagen lässt. So irrt die rat- und rastlose Figur mit Hut durch die Grottenbahn einer modernen Gesellschaft, die den Bezug zu wesentlichen Dingen verliert. Suleiman versucht, diesen Bezug allerdings nicht zu verlieren, bleibt ein Skizzierender und Suchender, der seinen Zitronenbaum gießt, damit ein anderer schamlos dessen Früchte pflückt. Das ist politisches Statement, oder nicht? Nicht ganz. Besser ein politisches Understatement, aber das vom Feinsten.

Vom Gießen des Zitronenbaums

The Peanut Butter Falcon

ANDERS ALS WIR DENKEN

7/10

 

PBF_0681.TIF© 2019 Tobis Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: TYLER NILSON, MICHAEL SCHWARTZ

CAST: SHIA LABEOUF, ZACK GOTTSAGEN, DAKOTA JOHNSON, BRUCE DERN, JOHN HAWKES, THOMAS HADEN CHURCH U. A. 

 

Einer der warmherzigsten Filme des Jahres 2019 soll er gewesen sein, das Roadmovie rund um einen Heimausreißer mit Down-Syndrom und einem schuldzerfressenen Taugenichts aus den Südstaaten: The Peanut Butter Falcon. Relativ leicht ließe sich der Film aber auch anders betiteln. Wie wäre es mit: Der 22jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, frei nach Jonas Jonasson? Wer das Buch des Schweden kennt, weiß, welche Abenteuer der alte Mann da allesamt besteht. Womöglich sind die Abenteuer des jungen Zack weniger irrwitzig, dafür aber umso einschneidender für ein Leben, das noch gelebt und gestaltet werden will. Denn der rundliche, nur mit einer Unterhose bekleidete Zack, der will trotz seines geistigen Handicaps etwas aus sich machen. Er hat Pläne. Und ein Idol, dem er nacheifern will: Der junge Mann will zum Wrestling. Da gibt es einen, der nennt sich Saltwater Redneck, und der hat eine Wrestlingschule irgendwo in den Sümpfen Louisianas, und dort will er hin. In einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten vielleicht tatsächlich umsetzbar. Zufällige Variable, die ihm vielleicht einen Strich durch seine Rechnung machen könnten, die rechnet er natürlich nicht mit ein. Einer dieser Variablen ist – kaum zu erkennen – Shia LaBeouf mit unkontrolliertem Bartwuchs und versiffter Kleidung, auf der Flucht vor der krabbenfischenden Konkurrenz. Und die hat ihr gutes Recht, dem lebensuntauglichen Strauchelnden die Leviten zu lesen. Wie zu erwarten: die beiden Außenseiter treffen aufeinander – und raufen sich zusammen. Denn zweimal lebensuntauglich könnte einmal Lebensmut ergeben – oder nicht? Kein Problem, wäre da nicht Betreuerin Eleanor (reizend und liebevoll: Dakota Johnson), die so gar nicht mit den Plänen ihres Schützlings Zack klarkommt. Zumindest vorerst nicht.

Eine HuckFinniade, die sich Tyler Nilson und Michael Schwartz da ausgedacht haben. Ein zutiefst menschelndes Abenteuer mit einer erstaunlichen Entdeckung: nämlich Newcomer Zack Gottsagen, der die auf seinen Leib geschriebene Rolle mit Bravour meistert, Wortwitze kontert und selber mit genug Ironie die augenzwinkernden, teils lebensphilosophischen Dialoge bereichert. Dass Menschen mit Down-Syndrom auffallend gut schauspielern können, das hat letztens schon Luisa Wöllisch bewiesen, die in der deutschen Handicap-Komödie Die Goldfische für quirlige Diva-Momente gesorgt hat. Nicht zu vergessen natürlich Jaco van Dormaels belgisch-französisches Roadmovie Am achten Tag, in welchem der Schauspieler Pasqual Duquenne (Goldene Palme 1996!) an der Seite von Daniel Auteuil über sich hinauswuchs. Plotmäßig haben beide Filme – The Peanut Butter Falcon und Am achten Tag, deutliche Parallelen. In beiden Filmen ist das Pflegeheim anfangs ein Gefängnis, und hindert sie daran, sich trotz ihres Defizits selbst zu verwirklichen. Der Ausbruch gelingt, und folglich bleiben beide nicht lange allein. Ob Auteuil oder LaBeouf – die Komponente des beschützenden Erwachsenen, der von der Weltsicht des Anderen allerdings profitiert, bringt die herzerwärmende Story erst ins Rollen.

Und ja, das ist sie: herzerwärmend. Und positiv. Und wahnsinnig zuversichtlich. Was man anfangs nicht vermutet. Das Damoklesschwert der einschränkenden Realität hängt permanent über dem Willen nach Freiheit. Anderswo wäre diese Floßfahrt wohl ernüchtenderweise gekentert, zum Beispiel bei Clint Eastwood (A Perfect World), doch Tyler und Schwartz wagen ein brüderliches Märchen, das sich so gut anfühlt wie ein Kurzurlaub mit dem besten Freund oder der besten Freundin, wo man an nichts mehr anderes denkt außer an den Moment, der gerade passiert. Wo es keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt. Wo die Zukunft mit links machbar erscheint. Eingewoben in dieses tragikomische Szenario auf schwappendem Untergrund ist die Kulisse der feuchtheissen Swamps der Südstaaten. Die Schwüle, all die Gerüche und Klänge, all dieses Nowhere-Land, dieser Touch unbegrenzter Möglichkeiten, die lassen sich spüren, und die tun gut. Das letzten Endes The Peanut Butter Falcon einen Drall Richtung surrealer Traumphantasie bekommt, war unvermeidlich – das schließt aber auch den Kreis der sich hoffnungslos im Kreis drehenden Outlaws und Weltumdenker, die sich in unterschiedlicher Richtung irgendwann treffen müssen, um gemeinsam auszubrechen.

The Peanut Butter Falcon

Ein Becken voller Männer

NACH DEM SCHEITERN IST VOR DEM ERFOLG

6,5/10

 

EIN BECKEN VOLLER MƒNNER© 2019 Constantin Film

 

ORIGINAL: LE GRAND BAIN

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: GILLES LELLOUCHE

CAST: MATTHIEU AMALRIC, BENOIT POELVORDE, GUILLAUME CANET, JEAN-HUGHES ANGLADE, VIRGINIE EFIRA U. A.

 

Sport ist die beste Medizin! Vor allem gegen psychische Erkrankungen wie Panikattacken oder Depression. Schwimmen eignet sich dafür am besten, also meiner Meinung nach. Beim Schwimmen taucht man in ein ganz anderes Medium ein, das hilft sehr gut, den Alltag zu relativieren, in dem man manchmal so richtig feststeckt. So geht’s zumindest dem unter schweren Depressionen leidenden Familienvater Bertrand, seit zwei Jahren schon arbeitsunfähig, zum Leidwesen von Frau und Kind. Beim Nachwuchs-Schwimmkurs wird die arme Seele allerdings auf eine Anzeige am schwarzen Brett aufmerksam – eine etwas ungewöhnliche sozusagen, nämlich eine für männliches Synchronschwimmen. Warum nicht, denkt sich Bertrand, und wird kurze Zeit später Teil eines wild zusammengewürfelten Teams aus Männern, die mehr oder weniger ihr Lebensziel verpeilt oder von höheren Mächten in die Schranken gewiesen wurden. Mit anderen Worten: Verlierer, die es verhältnismäßig schwer haben. Die sich im Wasser aber ungleich leichter fühlen. Ihre Trainerin: eine Frau, die selbst so ihre Probleme hat, und nicht anders dran ist als die Handvoll Typen, die mit Badehaube und Waschbärbauch im Laufe ihres Trainings so ziemlich alles umdenken, woran sie bisher gescheitert sind.

Das Scheitern wird in Gille Lellouches liebevoller Tragikomödie zur riesengroßen Chance, einen Neuanfang zu wagen oder sich umzuorientieren. Träume aufzugeben und Alternativen zu suchen. Nicht alle Schwimmer in Ein Becken voller Männer sind Verlierer, natürlich nicht. Einige von ihnen bekommen allerdings keinen biographischen Steckbrief verpasst, im Mittelpunkt stehen eher die Stars des französischen Kinos wie Benoit Poelvoorde, Guillaume Canet oder Mathieu Amalric. Jeder von ihnen scheitert anders, aus Selbstversschulden, Kränkung oder Krankheit. Das, was sie probiert haben, gelingt nicht. Wobei sich die Frage stellt: sollte man weiter an seinen Träumen festhalten oder andere suchen? Beharrlich bleiben oder aufgeben? Ein Becken voller Männer zelebriert den „Plan B“ als eine Erkenntnis, sich fürs eigene Versagen nicht schämen zu müssen. Der Plot des Films erinnert unweigerlich an Peter Cattaneos Striptease-Sozialkomödie Ganz der gar nicht aus dem Jahr 1997, wobei hier Arbeitslosigkeit und finanzielle Bedürftigkeit mehr im Vordergrund steht als die Unfähigkeit, etwas Nachhaltiges zu vollbringen. Da wie dort ist die (vorläufige) Lösung der vordergründigen Probleme etwas, das auf homöopathischem Wege anfangs alles nur noch schlimmer macht, bevor irgendetwas besser wird. Ob Männer-Strip oder maskulines Synchronschwimmen – beides erzeugt gesellschaftliche Irritation, und beschwört ein dem Happy End-Kino inhärentes gruppendynamisches Einsehen herauf. Schön wär’s, wenn es tatsächlich so wäre. Und in Lellouches Realkomödie ist die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten und zähneknirschenden Entbehrungen eine letzten Endes heile, die zum Schluss kommt, dass nur präsentierte Leistung etwas ist, worauf man stolz sein kann. Und nicht einfach nur das eigene schräge Ich, das am Mainstream scheitert.

Lellouche bekommt allerdings noch die Kurve – er verbucht die Erfolgsgenese seiner kleinen Helden nur für sie selbst. für niemanden sonst. Und das macht den Film dann doch sehenswert, auf befreiende Art idealistisch und mit sich selbst im Reinen.

Ein Becken voller Männer

Die Goldfische

KAFFEEFAHRT MIT HANDICAP

7/10

 

goldfische© 2019 Sony Pictures

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: ALIREZA GOLAFSHAN

CAST: TOM SCHILLING, JELLA HAASE, BIRGIT MINICHMAYR, LUISA WÖLLISCH, KIDA KHODR RAMADAN, MICHAEL WOLTER U. A.

 

Wenn du in Eile bist, mach‘ einen Umweg! Diese japanische Weisheit hat sich Tom Schilling leider nicht ganz so zu Herzen genommen. Der von ihm dargestellte Yuppie namens Oliver steckt im Stau, muss dringend wohin und will überholen. Natürlich geht das schief, das Vehikel verzeichnet einen Totalschaden und der Banker findet sich querschnittgelähmt in der Reha wieder. Ein Workaholic wie er gibt aber nicht auf und versucht verbissen, beruflich wieder anzuknüpfen. Blöd nur, wenn das W-Lan im Krankenhaus nur dort funktioniert, wo eine Handvoll Menschen mit besonderen Bedürfnissen so was wie eine Art Wohngemeinschaft bilden. Und nicht nur das: Auch die Finanzpolizei ist hinter ihm her, und die Schweiz ist für all das erzockte Geld längst kein Elysium mehr. Also nichts wie hin ins Nachbarland, um die Schäfchen ins Trockene zu bringen – von mir aus auch mit all den bedürftigen Gestalten im Schlepptau, ganz Marke Rain Man, wovon einer tatsächlich so genannt wird.

Dieses Konzept, das eine Reihe verhaltensauffälliger Individuen auf ein Abenteuer quer durch die Lande schickt – das ist keine große Unbekannte mehr. Selbst Jack Nicholson hat schon in Einer flog übers Kuckucksnest als verkappter Normalo eine Spritztour organisiert, und in Nikolaus Leytners Drei Herren waren Ottfried Fischer, Karl Markovics und Karl Merkatz nach dem Herztod ihres Chauffeurs auf sich alleine gestellt. Wer also Drei Herren damals mochte – und ich zähle mich dazu – der wird auch Die Goldfische mögen. Der Iraner Alireza Golafshan hat hat für seinen auch selbst verfassten Film eine ganze Reihe überzeugender Darsteller und -innen verpflichten können. Tom Schilling ist sowieso stets ein Garant dafür, wenn es darum geht, leicht melancholische Alltagsegozentrik mit der schwerelosen Unabhängigkeit eines ungebundenen Prinzen zu verbinden und schafft es, nicht nur Jella Haase zu beeindrucken. Ja, die kecke Blondine spielt hier auch mit, und ist eben auch in Deutschlands momentanem Blockbuster Das perfekte Geheimnis an der Seite von Frederick Lau, Elias M’Barek und Karoline Herfurth zu sehen. Wer sonst bei den Goldfischen noch dabei ist: Burgschauspielerin Birgit Minichmayr als blinde Alkoholikerin. Sie und noch einige andere Exzentriker, die aber allesamt extrem gut miteinander harmonieren und sich die Bälle zuspielen wie in einer Screwball-Comedy, koffern also per Bus in diesem Roadmovie durch die sommerliche Schweiz, genauer gesagt nach Zürich.

Wie es nun mal bei Roadmovies mit wenig berechenbaren Fahrgästen eben so kommt, gibt es allerhand Turbulenzen. Klar, das war zu erwarten – wie aber Regisseur Golafshan da seine Charaktere durcheinander wirbelt, voneinander abhängig macht oder aufeinander verlassen lässt, ist schon eine achtbare Leistung, die normalerweise von einem Ensemble erwartet wird, das jahrelang eine Sitcom trägt. Ein eingespieltes Team also – für einen Film unerwartet akkurat aufeinander ein- und abgestimmt. Selbst – oder gerade der normalerweise für kriminelle Gang-Rollen abkommandierte Kida Khodr Ramadan ist als Chauffeur, der seine Chance auf den großen Reichtum wittert, in all seiner schlampigen, aber niemals unguten (Ab)gerissenheit ein gegen den Strich gebürstetes Highlight des Films. Und es wird angenehmerweise, im Gegensatz zu den halblustigen deutschen Buddykomödien im Schweighöfer-Stil, viel weniger eine Ich-Partie als ein Plädoyer für ein Füreinander trotz Handicaps, so unterschiedlich diese auch sein mögen. Die Goldfische machen Laune, sind selbstironisch und niemals trübselig. Und vor allem genießen sie eines: die Freiheit, vorbehaltlos zu empfinden. Das wird Tom Schilling aka Oliver auch noch lernen.

Die Goldfische

Vom Lokführer, der die Liebe suchte

DER DISKRETE CHARME DES BÜSTENHALTERS

7/10

 

THE BRA© 2018 Thimfilm / THE BRA – feature film by Veit Helmer

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: VEIT HELMER

CAST: MIKI MANOJLOVIC, DENIS LAVANT, CHULPAN KHAMATOVA, MAIA MORGENSTERN U. A.

 

Irgendwo in Georgien – oder in Aserbaidschan? Das ist für Veit Helmers aktuellen Film nicht wirklich relevant. Relevant ist das Anderswo, das Irgendwo, ohne näher definiert zu sein. Relevant ist die andere, entrückte Welt, die einem aufstrebenden Westen so konträr zu sein scheint, sich so entschleunigt und fremdartig gibt, als wäre man auf einem anderen Stern. Was die seltsam isolierte, aber andererseits auch wieder in weitläufigen Graslandschaften eingefangene Freiheit gleichzeitig billigt und bändigt, ist die grüne E-Lok, ein Relikt aus vergangenen Zeiten, sorgsam gehegt und gepflegt, da kann sich Lukas, der Lokomotivführer sogar noch ein Stückchen abschneiden. Lokführer Nurlan pendelt hier täglich von A nach B, nächtigt entweder in der Remise oder in seinem Heimatdorf in den Bergen, in einem schmucklosen Steinziegelwürfel mit abblätternder Holztür. Das Leben könnte idyllischer und bescheidener ja fast schon nicht mehr sein, ganz so wie in Michael Endes Lummerland, dieser entrückten Insel mit den wenigen, schlafwandlerischen Figuren, die einem Uhrwerk ähnlich tagtäglich das Gleiche tun. Lokführer Nurlan könnte da gut ins Gesellschaftsbild passen. Andererseits aber ist er auch ein Störenfried, aber was soll er denn sonst tun, wenn die Lok quer durch das namenlose Städtchen führt, und auf dessen Gleisen sich das Volk tagsüber breit macht, Tee trinkt, Brettspiele spielt oder Wäscheleinen spannt. Ein Glück, dass der kleine Waisenjunge, der in einer Hundehütte wohnt und im einzigen Hotel der Stadt aushilft, stets weiß, wann der Zug anrollt, und trillerpfeifend die Gleise entlangläuft. Manchmal aber ist der Zug schneller als die im Alltagstrott versponnenen Bürger, und so manches Wäschestück bleibt wie eine textile Opfergabe zwischen dem Zugdreieck hängen. So wie der blaue Spitzen-BH einer unbekannten Dame, deren Identität Lokführer Nurlan unbedingt herausfinden will, aus Liebe zu einem ungreifbaren, magischen Moment flüchtiger Begegnung.

Veit Helmer lädt wieder einmal zum verspielten Zirkus der Gesten, Mimiken und sehnsüchtigen Seufzer. Seine einzigartigen Filme zeichnen sich dadurch aus, dass Helmer auf fast jedes gesprochene Wort verzichtet. Kommt Euch diese Methode vielleicht bekannt vor? Wundern würde es mich nicht. Denn Jaques Tati, der Großmeister des kultivierten Slapsticks mit der Vorliebe, die Tücke des Objekts zu karikieren, der hat in seinen Meisterwerken wie Mein Onkel oder Die Ferien des Monsieur Hulot ebenfalls auf den Störfaktor der verbalen Konversation verzichtet. So seltsam dieses Stilmittel des Weglassens auch scheinen mag, so sehr schafft diese konsequente Wahl paraverbaler Verständigung einen eigenen Zauber irgendwo zwischen exaltiertem Ballett und kauziger Clownerie. Vom Lokführer, der die Liebe suchte hat schon allein dadurch mit der Realität nichts zu tun, es ist ein merkwürdiges Märchen aus einem merkwürdigen Alltag, der bizarre Apparaturen im Rhythmus einer Jazznummer tickern lässt und mit dem Stampfen tonnenschwerer Maschinen die Diskretion einer heimlichen Schwärmerei aufmischt. Der Franzose Jean-Pierre Jeunet hat in seinen teils makabren, teils unglaublich melodiös versponnenen Märchenfilmen etwas ähnliches vollbracht, in unverwechselbaren Bildern aus Grün, Rot und Ocker, mit einem Hauch Steampunk und der nostalgischen Muffigkeit alter Zinshäuser. Allerdings haben Amelie und Co längst nicht auf das gesprochene Wort verzichtet, zu viel der fabulierenden Schrulligkeit wäre der Kitsch des Exzentrischen. Helmer schraubt, obwohl immer noch voller stimmungsvoller Bildtableaus, die visuelle Opulenz auf einen realen, möglichen Ist-Zustand zurück und kippt mit der menschlichen Stille zwischen dem Lärm der Dinge ohnehin schon in einen seltsamen Mikrokosmos, wo Dessousläden wie Palmers wohl gerne auf Product Placement gesetzt hätten. So schnell kommt ein Film über die Sinnlichkeit eines Büstenhalters nämlich nicht wieder ins Kino, das ist eine vertane Chance. So muss Veit Helmers gealterter Frauenheld so gut wie an jede Tür klopfen, um das Maß aller Dinge zu finden, die richtige Frau zur richtigen Körbchengröße, und da schreckt er auch vor verschmitztem Slapstick nicht zurück, wenn es darum geht, als falscher Arzt Oberweiten zu mammografieren. Die Liebe, die geht hier durch die Spitze, und letztendlich ist es nur die vage Vision von menschlicher Wärme, die so manch einsame Gestalt in Helmers Welt am Fuße des Kaukasus zu träumen hat.

Die Sehnsucht mag in diesem Gleichnis von der Einsamkeit gestillt werden, vielleicht ganz anders, als man denkt, unter den melancholischen Gesängen eines Putzfrauenensembles oder den Trompetenklängen von Denis Lavant. Die Ideen zur Bereicherung eines kargen Lebens sind vielfältig, kreativ – und klammern sich mitunter an einen Stoff, aus dem die Träume nach Nähe sind.

Vom Lokführer, der die Liebe suchte

Ein griechischer Sommer

FERIEN WIE DAMALS

6/10

 

Ein griechischer Sommer© 2012 obs/ZDF/LAURENT THURIN NAL

 

ORIGINALTITEL: NICOSTRATOS LE PÉLICAN

LAND: FRANKREICH, GRIECHENLAND 2012

REGIE: OLIVIER HORLAIT

CAST: EMIR KUSTURICA, THIBAULT LE GUELLEC, JADE-ROSE PARKER, FRANÇOIS-XAVIER DEMAISON U. A.

 

Die Ferien sind vorüber, die Schule hat begonnen. Kann sein, dass der sogenannte Altweibersommer zurückkehrt. Der erinnert dann noch mal an die schönen Stunden, die der mittjährliche Urlaub so mit sich brachte, abgesehen vom An- und Abreisestress, vom Ein- und Auspacken und vom Waschen der ganzen Urlaubswäsche. Aber das gehört schließlich dazu. Man würde es vermissen, hätte man nicht alle Hände voll zu tun, um durchschnittlich zwei Wochen irgendwo anders abzuhängen, ob in den Bergen oder am Meer, stets in Reichweite diverser mobiler Endgeräte. Dabei kann natürlich sein, dass, war man in den Bergen, in Balkonien oder im eigenen Land, das Meer immer noch Fokus diverser Sehnsüchte bleibt, so richtig Marke STS und im Sinne von Irgendwann bleib I dann dort, mit den Füßen im weißen Sand, eine Bottle Rotwein in der Hand und so weiter. Austropop-Kenner wissen, was ich meine, kaum ein Lied nährt mehr den Traum, auszusteigen als dieses. Bevor der Herbstalltag also einem Damoklesschwert gleich über uns hereinbricht, ließe sich unter Umständen mit vorliegendem Film der Sommer zumindest in den eigenen vier Wänden noch etwas hinauszögern. Ein griechischer Sommer ist genau das, was der Film beschreibt – eine strahlend schöne Jahreszeit irgendwo in der Ägäis, auf einer kleinen, unbekannten Insel voller pittoresker Küsten und verführerischen Lagunen, versteckt hinter strahlend blauem Meer.

Allerdings geht’s in dem französisch-griechischen Coming-of-Age-Filmchen weniger ums Urlaubmachen und Aussteigen, sondern um einen Vogel. Genauer gesagt um einen Pelikan, und der ins Deutsche übersetzte Titel Ein griechischer Sommer verbirgt im Gegensatz zum Originaltitel, was dahintersteckt. Diesen Pelikan, den findet der Halbwaise Yannis, der mit seinem griesgrämigen Fischervater irgendwo in einem einsamen Häuschen an der Küste lebt, bei einem Matrosen an Bord eines Frachtkahns. Allerdings ist der da noch ein kieliger Jungvogel – im Austausch gegen das Erbstück seiner Mutter kann er diesen aber freikaufen. Der Vater, der weiß natürlich nichts davon. Gut versteckt zieht Yannis den Vogel auf – bis die ganze Insel von der ornithologischen Sensation Wind bekommt.

Überraschend an diesem mediterranen Jugendfilm ist der Auftritt Emir Kusturicas. Der serbische Cannes-Gewinner und Autorenfilmer so schrill-schräger Kunststücke wie Underground oder Time of the Gypsies ist, wie ich zuletzt in On the Milky Road feststellen musste, alles andere als ein guter Schauspieler. In Ein griechischer Sommer schlägt er sich so halbwegs brauchbar mit seiner Rolle herum, sein verzotteltes Aussehen sorgt für mildernde Umstände. Was sonst noch zu sehen ist, passt auf eine Freilichtbühne neben obligatorischem Ausschank, wo es logischerweise auch Ouzo geben sollte. Denn so klischeehaft, wie das kleine Hafenstädtchen und seine aus der Zeit gefallenen Bürger, so kauzig ist das Ganze auch – erst vor einigen Jahren hat sich Christoph Maria Herbst in Highway to Hellas per Esel durch den mediterranen Karst geschleppt. Ähnlich geht es auch hier zu. Außer Fische fangen, dem Ausschenken von Rebensaft und dem Improvisieren mit dem wenigen, was da ist, bleibt nur noch, aufs Meer zu schauen und nichts zu tun. Und auch nichts zu erwarten. Wären da nicht die beiden Teenies Yannis, wie schon eingangs erwähnt, und Angeliki, dem Mädel vom Festland, Nichte des einzigen Barbesitzers der Insel und bald dicke Freundin des frisch gebackenen Vogelvaters. War das Tier anfangs noch eigenartig mechatronisch, ist es als adultes Federvieh ein tatsächlich dressiertes Unikum. Und wäre der Pelikan nicht, wäre der Film ein relativ belangloser Zwischenstopp in den blauweißen Farben von Griechenland, der wenig aufgeweckte Jugenderinnerungen hervorholt. Diese wiederum erinnern an einen ganz anderen Film, nämlich an Wie Brüder im Wind, in welchem ein Junge, der ebenfalls alleine mit seinem griesgrämigen Vater im unwirtlichen Gebirge haust, ein Adlerjunges findet – und großzieht. Im Grunde ist das die gleiche narrative Basis, nur mit weniger Personal. In Ein griechischer Sommer nimmt man die Metapher des Flüggewerdens allerdings leichter, humorvoller, weniger grüblerischer, aber auch leicht hysterischer. Das ist angenehm anders, und somit irgendwie noch eine kleine, filmische Auszeit vor dem Alltag.

Ein griechischer Sommer

Once upon a Time … in Hollywood

AUS LIEBE ZUM KINO

7,5/10

 

once-upon-a-time-in-hollywood© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: QUENTIN TARANTINO

CAST: LEONARDO DI CAPRIO, BRAD PITT, MARGOT ROBBIE, EMILE HIRSCH, KURT RUSSEL, AL PACINO, DAMIAN LEWIS, BRUCE DERN, DAKOTA FANNING U. A.

 

Die Welt des Films ist eine, deren Möglichkeiten prinzipiell unbegrenzt sind. Es lässt sich alles machen, alles ausprobieren, und damit meine ich jetzt nicht vorrangig die am Computer generierten alternativen Kulissen aus Welten, die über Zeit und Raum erhaben sind. Damit meine ich auch die Möglichkeit, Geschichte zu manipulieren, sie zu verzerren oder ganz anders aussehen zu lassen. Damit meine ich auch, Aggressoren zu bannen oder Schreckliches im Nachhinein zu verspotten. Film schafft Veränderung, wo sich nichts mehr verändern lässt. Und nimmt Rache, wo Rache noch Sinn macht. So wie bei Quentin Tarantino. Denn der in den 60er und 70ern aufgewachsene Sonderling, der macht nämlich genau das: Vergeltung üben. Das hat er schon bei Inglourious Basterds getan, als wohl einziger Filmemacher, der den Mut gehabt hat, ein heikles Thema wie den Nationalsozialismus von ganz anderer Seite anzugehen, nämlich nicht im Sinne von Aufarbeitung und Information, sondern mit dem irren Vorhaben, dieses Trauma zu enttraumatisieren, in dem er die Geschichte einfach soweit verbogen hat, damit etwas völlig anderes entstehen kann. Um damit die in Stein gemeißelte Resignation vor dem Fürchterlichen zu brechen.

Tarantinos neues, entschleunigtes Zeitgemälde ist genau das: ein Film der Brüche. Der Ausbrüche, Umbrüche und der Brüche mit der Wirklichkeit. Die Ausbrüche passieren in seiner so geliebten Welt des Kinos, wo das New Hollywood aus den müde gewordenen, verknöcherten Gesellschaftsbildern in verstaubter Studio-Optik auszubrechen versucht, ganz neue Dinge probiert, den Mut hat, eine gewisse Komfortzone zu verlassen, um Gewohntes, so unbequem es auch sein mag, hinter sich zu lassen. Tarantino scheint diese Energie angesichts der aktuellen Tendenz zum Convenience-Streamingkino schmerzlich zu vermissen. Sein New Hollywood aber isn´t dying, und er betrauert das alte nicht, wie zum Beispiel bei The Artist von Michel Hazanavicius. Er setzt auf die Möglichkeit einer wiederkehrenden Dynamik, die als Figur des Schauspielers Rick Dalton händeringend darum kämpft, den Kopf über Wasser zu halten. Die Umbrüche hingegen manifestieren sich in der Jugendbewegung des Flower Power in einem sonnendurchfluteten Kalifornien, wo überidealisierte Teenie-Hipster prinzipiell mal gegen alles sind und zu überschnappenden Amazonen in Hot Pants und Leinentunika mutieren. Für Tarantino ist diese Bewegung mit so dunklen Wucherungen wie die der Manson-Familie verbunden. Sein Umbruch ist einer, der sich komplett verpeilt.

Den Bruch mit der Wirklichkeit, den leistet sich die tragikomische Szenenrevue, die gerne und schwer greifbar in der Timeline hin und herpendelt, mit dem Erscheinen der beiden fiktiven Gestalten Rick und Cliff. Sie stolpern in ihre Zeit wie exaltierte Stan und Ollies, als wären sie immer schon dagewesen, als hätte man sie nur noch nie wahrgenommen. Mit Leonardo DiCaprio als larmoyanten Darstellungskünstler, den sein Ehrgeiz quält und sein Selbstwert des Öfteren abhandenkommt, hat sich Tarantino einen riesengroßen Gefallen getan, und es war absehbar, dass DiCaprio nach seiner viel zu wenig gewürdigten Performance in Django Unchained diesmal viel mehr zu sagen hat als in The Revenant. Hier tobt sich der Star so dermaßen aus, als hätte er nicht nur seinen Job zu verlieren. Welches Repertoire an inneren Zuständen er da ausrollt, ist von verblüffender Vielseitigkeit und könnte ihm, so vermute ich, einen zweiten Oscar einbringen. Überhaupt spielt er seinen Partner Brad Bitt, der anscheinend verlernt hat, ganz große Gefühle zu empfinden und stets der Beobachter bleibt, mühe- und gnadenlos an die Wand.

Tarantino will mit Once upon a Time… in Hollywood gar keine Geschichte erzählen. Er will sich erinnern, daran was war oder hätte sein können. Und während er sich erinnert, fällt ihm ein, dass er selbst Teil der Filmgeschichte ist, Teil eines Umbruchs Anfang der Neunziger. Und so durchzieht er seine Anekdotensammlung mit allerlei Referenzen an sein eigenes filmisches Oeuvre, von Pulp Fiction bis The Hateful Eight und versteckt mit diebischer Freude unzählige Zitate, die das Ringen des Kinos mit dem hippen Fernsehen süffisant und farbenfroh befeuern. Dazwischen eine Lichtgestalt reinster Unschuld: Margot Robbie als Sharon Tate, einer kindlichen Kaiserin gleich, die im Kino Audienz für das Publikum gewährt. Und es ist ein Kaleidoskop seiner Zeit, ein Experiment der Genugtuung und Verehrung, darüber, dass vieles so kam oder nicht so kam, wie es kommen sollte. Tarantino resigniert nicht vor all dem deterministischen Chaos, doch die Wehmut ist letztendlich groß, und wird nur getröstet durch die Philosophie eines Kinos, das zeitlos bleibt und vieles wieder gut machen kann.

Once upon a Time… in Hollywood ist ein Liebhaberfilm für Filmliebhaber. Da muss man schon Leidenschaft empfinden und mitempfinden. Ein Nerd sein, ein bisschen so wie Tarantino, der in seinen Interviews davon schwärmt, als Handwerker analog zu filmen und alles selber zu schreiben. Für den nichts geht ohne Kino. Denn Tarantino ist Film. Tarantino ohne Film ist nicht vorstellbar. Also freue ich mich jetzt schon auf seinen zehnten, und sicher nicht letzten Streich, der vielleicht ganz andere Wege geht als bisher. Der vielleicht, wie ein Umbruch, all das Alte hinter sich lässt. Vermuten lässt es sich zumindest.

Once upon a Time … in Hollywood