The Banshees of Inisherin

FREUNDSCHAFT IST EIN VOGERL

7,5/10


bansheesofinisherin© 2022 20th Century Studios All Rights Reserved.


LAND / JAHR: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: MARTIN MCDONAGH

CAST: COLIN FARRELL, BRENDAN GLEESON, KERRY CONDON, BARRY KEOGHAN, SHEILA FLITTON, PAT SHORTT, JON KENNY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Von Juni 1922 bis in den Mai des Folgejahres tobte auf Irland ein verlustreicher Bürgerkrieg zwischen jenen, die den Irischen Freistaat befürworteten, und jenen, die natürlich dagegen waren. Das hieß auch, dass ein Teil Nordirlands immer noch unter britischer Hoheit blieb. Ein Kompromiss, den viele nicht eingehen wollten. Diesen entbrannten Bruderkrieg konnte man von den vorgelagerten Inseln Irlands manchmal beobachten – und auch hören. Explosionen, donnernde Salven. Auf Inisherin, einer der irischen Küste vorgelagerte, fiktive Insel in der Galwaybucht, hat laut Martin McDonagh (Three Billboards outside Ebbing, Missouri) der Krieg scheinbar wenig Einfluss. Das Leben nimmt dort seinen Lauf, ein Tag folgt dem anderen und endet im Pub an der Steilküste. Es wird musiziert, dann, nächsten Morgen, wird das Nutzvieh versorgt, und pünktlich um 14 Uhr am Nachmittag holt einer wie Padraic seinen besten Freund von zuhause ab, um gemeinsam ein oder mehrere Guinness zu heben. Viel mehr passiert hier nicht. Langweilige Menschen tun langweilige Dinge. Aber das ist schön so. Und vertraut. Und jeden Tag aufs Neue Grund genug, dafür aus den Federn zu kommen. Doch eines Tages, es ist der erste April des Jahres 1923 – der Krieg am Festland liegt in den letzten Zügen – ist alles anders. Padraics Freund Colm kündigt die Freundschaft. Einfach so. Das dumme Gerede des einen, so meint er, stehle ihm viel zu viel Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens. Für Kunst. Und Musik. Padraic versteht das nicht, da er nichts getan hat, was sein Gegenüber so harsch und gemein werden lässt. Doch für Nettigkeit ist noch niemand in die Geschichte eingegangen, so Colm. Padraic lässt jedoch nicht locker. Will wissen, was da vorgeht und kann es nicht akzeptieren, dass der brummige Geigenspieler einfach nur seine Ruhe haben will. Wer nicht locker lässt, provoziert. Und der Krieg jenseits des Meeres scheint auf die Gemüter der beiden Sturköpfe abzufärben.

Mit The Banshees of Inisherin (Banshees sind weibliche Geister aus der irischen Mythologie) hat McDonagh wohl einen der ungewöhnlichsten Filme über Freundschaft geschaffen, die man sich nur vorstellen kann. Und obendrein gleich noch eine Allegorie gesetzt, die das Wesen des Krieges widerspiegeln soll, wie Schatten auf einer Höhlenwand. In Wahrheit gibt es keinen Grund für Konflikte, es sind lediglich die Folgen von Ignoranz, Kränkung und fehlender Weitsicht. Von krankhafter Sturheit und fehlendem Respekt. Dabei wird klar: Die Absenz der Nettigkeit hat vieles verursacht, was sich locker hätte vermeiden lassen. Sowohl im Kleinen als auch in der Weltpolitik. McDonagh sucht die Wurzel des Übels im Kleinen und zaubert daraus einen zutiefst komischen, aber auch so richtig makabren Schwank, der in herzhaften Dialoggefechten und dann wieder lakonischen Szenen seine Vollendung findet. The Banshees of Inisherin ist so urtümlich irisch wie der St. Patricks Day, suhlt sich in grünen Landschaften, irischer Volksmusik und jeder Menge Schwarzbier. Lässt die Brandung an die Felsen brechen und das Vieh ins Haus. Blut wird fließen, grimmige Konsequenzen durchgezogen, als wäre Verbohrtheit ein hehres Ziel. Und bei diesem Duell zwischen dem Harten und dem Zarten laufen nach Brügge sehen… und sterben die beiden Vollblütakteure Brendan Gleeson und Colin Farrell zur Höchstform auf. Bei Gleeson war mir ohnehin längst klar: dieser Mann war nicht nur als Harry Potter-Einauge Mad Eye Moody eine Offenbarung, sondern viele seiner Filme – vorrangig das Priesterdrama Am Sonntag bist du tot – wurden erst durch die Wucht seines Schauspiels nachhaltige Werke. Bei Colin Farrell ist nach dieser Performance nun auch jeder ZWeifel ausgeräumt: der diesjährig bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnete Brite setzt uns seine bislang beste und eingängigste Leistung vor. Der verstörte, ungläubige Blick, als Padraic erfährt, dass ihn Colm nicht mehr mag, zählt jetzt schon für mich zu den stärksten Interpretationen eines emotionalen Zustands. Und dann dreht er nochmals auf – ist wütend, resignierend, in seiner Einfältigkeit liebevoll charmant und dann wieder herausfordernd. Bis alle Stricke reißen. Wenn das passiert, ist der Bürgerkrieg einfach so auch in dieser beschaulichen Idylle angekommen. Und über allen Absurditäten wandelt eine Banshee die Wege und Hügel entlang, wie eine der Hexen aus Shakespeares Macbeth, die in die Zukunft sehen können.

The Banshees of Inisherin ist ein Buddy-Movie der besonderen Art. Nicht nur kauzig, schräg und so schwarz wie der tägliche Ausschank, sondern auch auf mehreren Ebenen eine zu Herzen genommene Zurschaustellung einer Menschenwelt, die ohne Respekt und Achtsamkeit nicht funktioniert.

The Banshees of Inisherin

Die Aussprache

DIE ENTBEHRLICHKEIT DER MÄNNER

6/10


womentalking© 2022 Orion Releasing LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: SARAH POLLEY

BUCH: SARAH POLLEY, NACH DEM ROMAN VON MIRIAM TOEWS

CAST: ROONEY MARA, CLAIRE FOY, JESSIE BUCKLEY, BEN WISHAW, FRANCES MCDORMAND, JUDITH IVEY, SHEILA MCCARTHY, KATE HALLETT, LIV MCNEIL, EMILY MICTHELL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Alle Männer sind böse. Zumindest hat das Jessie Buckley zuletzt in Alex Garlands surrealem Kunsthorror Men so erlebt. Jeder Mann, dem Buckley da begegnet war, hat das selbe Gesicht getragen. Wie gruselig. Und beklemmend obendrein. Jetzt ist Jessie Buckley wieder dieser Testosteron-Hydra ausgesetzt. In Sarah Polleys Regiestück Die Aussprache (im Original: Women Talking) ist aber dann doch nicht jeder einzelne innerhalb dieses genitalgesteuerten Patriarchats so richtig schlecht. Ben Wishaw zumindest nicht. Doch der ist aus seiner Sicht ein Verlierer, ein ehemaliger Verstoßener, der nur deswegen zu seiner mennonitischen Gemeinde irgendwo in Bolivien zurückkehren durfte, weil er für jene als Lehrkraft von Nutzen sein kann. Er ist es auch, der Protokoll führt, sitzend auf einem Ballen Stroh, das Notizbuch vor sich liegend und als einziger des Alphabets mächtig. Die Frauen sind das nicht, aber zumindest dem Willen Gottes unterworfen oder besser gesagt jenem Willen, denn die evangelische Freikirche den Männern zugestanden hat. Man sieht wieder: Religion und Gleichheit vertragen sich nicht. Und haben es niemals getan. 

Und eines Nachts ist es dann passiert: Einer der Männer aus der Gemeinde wird während eines sexuellen Übergriffs ertappt – um sich aus der Sache rauszuwinden, verpfeift er alle anderen, die dasselbe getan haben – jahraus, jahrein. Der Glaube sagt: duldet nur, dafür kommt ihr ins Himmelreich. Die Frauen meinen: Mumpitz, so geht das natürlich nicht weiter. Also werden all die Männer angeklagt, die übrigen versuchen, eine Kaution für all die Verbrecher zusammenzubekommen, also bleiben nur die Frauen in der Gemeinde zurück, um zu beraten, was sie nun tun sollen. Da gibt es drei Möglichkeiten: Alles so belassen wie es war und den Männern vergeben (was die Freikirche auch verlangt), zu bleiben und zu kämpfen oder alles Notwendige zusammenzupacken und wegzuziehen. Irgendwohin, wo keine Männer sind, denn die sind ohnehin entbehrlich. Über das Für und Wider zur kommenden Entscheidung wird diskutiert, geredet und geweint, geschrien und gelacht. Dann wieder vorgeworfen und um Verzeihung gebeten. Am Ende wird der Schlussstrich in welcher Form auch immer gezogen werden. Hoffentlich aber im Sinne der Menschlichkeit, der Gleichheit und der Freiheit für das weibliche Geschlecht.

Woher die Kraft beziehen, um die Konventionen zu brechen? Woher den Mut zur Selbstbestimmung? Sarah Polley (u. a. Take this Waltz) will Antworten und hat sich dem auf Tatsachen beruhenden Roman von Miriam Toews angenommen, der sich aber weniger nach Prosa sondern vielmehr nach Bühne anfühlt. Kann sein, dass im Roman die Vorgeschichten der dargestellten Frauen ebenfalls geschildert werden, doch man kann sich insofern glücklich schätzen, in Polleys Film fast keinen Gewaltdarstellungen ausgesetzt zu sein. Auf Vergewaltigung, Missbrauch von Minderjährigen und Schlägen ist man ohnehin nicht neugierig. Es ist mehr als genug, zu sehen, welche Narben und Wunden all die Frauen zu ihrer Aussprache mitbringen. Das reicht von der ungewollten Schwangerschaft bis zum womöglich aus Inzest entstandenen, missgestalteten Kind. Dazwischen Blessuren und blutende Unterleiber. Die wenigen Momente, in denen wir Zeuge von solchem Gräuel werden, reichen, um sowieso einen Hass auf alles Männliche (mit Ausnahme von Ben Wishaw) zu entwickeln, umso mehr auch deswegen, weil Männer ansonsten in diesem Film gesichtslos bleiben und auch keine Chance bekommen, sich zu äußern. Ist das aber nicht eine viel zu einseitige Darstellung? Könnte man meinen – doch kein einziges Wort würde solche Gewalt rechtfertigen. Missstände wie diese lassen sich in einer erzkonservativen Männerwelt leicht für möglich halten. Demnach hätte dem Film auch daran gelegen sein müssen, mit den erstarrenden Dogmen einer Freikirche aufzuräumen, von denen es viele gibt in den Vereinigten Staaten, und die reaktionärer nicht sein könnten. Doch Gott weist hier immer noch den Weg, die Frauen wollen ihm näher sein, hinterfragen aber viel zu wenig ihre eigene Position innerhalb ihres Glaubens. Was sie bewegt, ist die Frage des Befreiens, weg vom Mann. Die Abstimmung um die Ausgliederung aus einer Paargesellschaft gestaltet sich in entsättigten, dunklen Bildern und mutet an wie das Dialogdrama der Zwölf Geschworenen von Reginald Rose – nur im #MeToo-Kontext. Bis alle einer Meinung sind, vergehen Stunden des Diskurses, doch vieles dreht sich auch im Kreis. Wirklich in die Tiefe gehen die Gespräche nicht.

Doch was zählt, ist das aufgebrochene, verkrustete Machtsystem. Polley hilft ihren gezeichneten Gestalten behutsam aus dem Sumpf des Leidens und sucht den Neuanfang; mal panisch, mal resignierend, mal zuversichtlich. Die Aussprache scheint vieles, was zur #MeToo-Thematik filmisch bereits dargestellt wurde, zusammenzuzählen und auf gleichen Nenner zu bringen. Die Konsequenz daraus mag vielleicht nicht unbedingt die richtige Lösung sein. Aber zumindest eine, die auf idealistische Weise etwas verändern kann.

Die Aussprache

Close

DIE FURCHT VOR DEN GEFÜHLEN

7/10


close© 2022 Polyfilm


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2022

REGIE: LUKAS DHONT

BUCH: LUKAS DHONT, ANGELO TIJSSENS

CAST: EDEN DAMBRINE, GUSTAV DE WAELE, ÉMILIE DEQUENNE, LÉA DRUCKER, IGOR VAN DESSEL, KEVIN JANSSENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Hätte ich gewusst, welche Richtung dieses Jugenddrama einschlagen wird, hätte ich mir womöglich keine Tickets dafür besorgt. Was aber nicht heißen soll, dass ich es bereue, im Rahmen der Viennale Lukas Dhonts zweite Regiearbeit gesichtet zu haben. Ganz und gar nicht. Der belgische Autorenfilmer weiß, was er will. Seine Arbeiten sind konzentriert, ungemein einfühlsam und stringent. Reduzieren die Dramaturgie auf das Wesentliche und lassen aber dennoch ein intensives Gefühlserlebnis zu. Vielleicht, weil Blicke eben mehr sagen als tausend Worte. Weil eine Geste oft alles ist, und das gesprochene Wort öfter missverstanden wird als die paraverbale Kommunikation. Obwohl gerade diese in Close an seine Grenzen stößt und eine Tragödie auslöst, die man selbst als Elternteil um nichts in der eigenen Welt und in allen anderen möglichen Parallelwelten erleben will. Und doch steht der paraverbalen Kommunikation der Dialog nur in bedingtem Ausmaß gegenüber. Sobald Gefühle mit im Spiel sind, hat keiner mehr eine Ahnung davon, wie man diese zur Sprache bringt.

Bevor die erschütternde Konsequenz auf den unbewusst losgelösten sozialen Teufelskreis trifft, sind Léo und Rémi ein Herz und eine Seele. Zwei Jungs, gerade mal Teenager, und Best Friends Forever. Der eine übernachtet beim anderen, der Weg zur Schule ist stets ein gemeinsamer. Man tauscht sich aus, man teilt die Fantasie beim Spielen. Ein Einklang, wie er in Jugendjahren immer wieder vorkommt, in einer Zeit, wo man glaubt, den Buddy fürs Leben gefunden zu haben, bevor das Erwachsenwerden jeden auf einen anderen Weg schickt. Obwohl sich die Jungs in Close einander kennen wie sich selbst, bleibt doch eine Ebene unberührt: Die der Gefühle. Und so scheint es, als würden sich beide mehr zueinander hingezogen fühlen als es bei Freunden wohl üblich ist. In der Schule darauf angesprochen, lehnt Léo seine Zuordnung als latent homosexuell entschieden ab, Rémi hingegen sagt nichts. Und muss in Folge zusehen, wie sein bester Freund sich distanziert. Das geht so weit, bis dieser ihn verstößt. Und das Drama erst so richtig seinen Anfang nimmt.

Der liebevolle, warmherzige Blick, den Léo im Rahmen eines musikalischen Auftritts von Rémi diesem zuwirft, ist eine Zuneigungsbekundung schlechthin. Ist viel Respekt, Anerkennung und vielleicht doch ein bisschen mehr. Dieser Umstand aber kommt nie zur Sprache. Weil in einer Welt wie dieser niemand beigebracht bekommt, Gefühle auszudrücken. Das weiß man als Kind nicht, das weiß man als Erwachsener schon gar nicht mehr. Vor allem Buben und Männer sind hier eher ratlos. „Irrationale“ Emotionen einzugestehen zeugen von Schwäche, darüber hinaus scheint es, als würde es das Umfeld wenig interessieren. Wie damit umgehen? Und wie damit umgehen, wenn so etwas wie die erste Liebe im Spiel ist?

Lukas Dhont (unbedingt sehenswert: Girl) hat das Dilemma des Empfindens allerdings nur zum Anlass genommen, um etwas anderes zu erzählen. Es ist eine Sache mit Verlust und Schuld, mit Schmerz und Widergutmachung. Close steht plötzlich ganz woanders, als er sich meines Wunsches nach hätte positionieren sollen. Vielleicht ist das die Unberechenbarkeit des Lebens selbst, die plötzlich in ein Leben donnert wie ein Himmelskörper – und irreversible Spuren hinterlässt. Womöglich ist es Dhont ein Anliegen, Emotionen niemals zu unterschätzen oder kleinzureden, schon gar nicht wegzudrängen. Nirgendwo sonst sind Gefühle ein so wichtiger Baustein ins Leben wie in der Jugend. Diese zu missachten, kann den Worst Case auslösen. In dieser Finsternis findet sich auch dieser Film wieder, und wir uns mit ihm. Close ist daher weniger ein queerer Film als ein universelles Drama, das in Bildern, die vorrangig versuchen, in Gesichtern zu lesen und sich an dem, was zwischen den Wörtern liegt, sattsieht, seine Botschaft verstärkt.  Doch es wäre wohl ratsam, sich irgendwann selbst emotional zu distanzieren vor einer nicht auszudenkenden Möglichkeit, die es unmöglich machen würde, glücklich weiterzuleben. Dhont will Gefühle als etwas anerkannt wissen, dass sich, frei von Floskeln, schamlos mitteilen lässt. Bevor es vielleicht zu spät sein kann.

Close

Errementari: Der Schmied und der Teufel

DER TEUFEL SCHICKT SOLDATEN AUS

7,5/10


errementari© 2017 Netflix Österreich


LAND / JAHR: SPANIEN, FRANKREICH 2017

BUCH / REGIE: PAUL URKIJO ALIJO

CAST: KANDIDO URANGA, ENEKO SAGARDOY, UMA BRACAGLIA, RAMON J. AGUIRRE, JOSEAN BENGOETXEA, JODÉ RAMÓN ARGOITIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Ist es nicht so? Denken wir spontan an den Teufel, haben wir sowas wie den Krampus vor Augen. Wahrscheinlich geht’s da nicht nur mir so. In der Wiener Folklore liegt außerdem die Erkenntnis, dass Geschäfte mit dem Teufel seit jeher ein Schuss ins Knie sind. Draufzahlen muss letzten Endes der Mensch, weil er sich gerne verführen lässt, und scheinbar zu schwach scheint, um die paar wenigen Bedingungen, die Luzifer an seinen Deal geknüpft hat, nicht wird einhalten können. Das weiß der Herr der Lügen nur zu gut. Für ihn ist das alles eine gemähte Wiese, zumindest in der Sagenwelt meiner Heimatstadt, wo zwischen mittelalterlichen Tavernen, der Sonntagsruhe und gotischen Türmen die Konsequenz auf die Verfehlung folgt. Der Beelzebub taucht aber natürlich auch in anderen Ländern auf, er ist ja schließlich eine globale Symbolik für all die gern begangenen Todsünden. So auch im Baskenland, wie dieses dunkle Gothic-Märchen hier erzählt, wo der Teufel seine Schergen losschickt und gar nicht mehr persönlich aufkreuzt, um seine an ihn verhökerten Seelen abzuholen.

Einer davon ist Sartael, der darauf pfeift, sich hinter einer Fassade zu verbergen, die anderen vorgaukelt, er sei ein Mensch. Stattdessen zeigt sich das höllische Geschöpf in sattem Feuerrot, mit Hörnern und spitzem Kinn und sonst einer Physiognomie, für welche man ihn schlichtweg als den Teufel selbst halten könnte. Schließlich hat dieser auch seinen Dreizack griffbereit, also wieviel Herr der Finsternis soll denn noch gehen? Allerdings haben diese Ausgeburten auch so manche Achillesferse, wie zum Beispiel das zwanghafte Zählen von Dingen. Mit dieser Schwäche macht sich der Schmied einen Jux und hält obendrein Sartael in einem Käfig gefangen. Dieser Schmied nämlich, der hätte sich längst in der Hölle einfinden müssen, denn dafür hat er den Spanischen Bürgerkrieg überlebt, trotz Exekution. Dummerweise aber gerät der Plan des Schmieds ins Wanken, als ein Mädchen seine Werkstätte betritt – und die Dorfgemeinschaft zum Halali gegen den alten Kauz bläst, der das Mädel womöglich gefangen hält. So kommt eines ins andere, während Sartael mit allen Mittel versucht, wieder freizukommen. Und einen neuerlichen Pakt mit dem Mädchen schließt.

Sieht man sich in den kunsthistorischen Museen oder in alten Ausgaben von Dantes Inferno so manchen beigefügten Kupferstich an, so sehen die nicht viel anders aus als das, was Errementari: Der Schmied und der Teufel in rustikaler Manier an Bildern dem an europäischen Volkssagen interessierten Seher hier auftischt. Wenn die Flammen der Esse am Mauerwerk widerscheinen: wenn der keifende und zeternde Dämon in einem sagenhaft pittoresken Ganzkörper-Makeup durch die Stangen seines Käfigs schielt; wenn sich am Ende dann tatsächlich die Pforten der Hölle öffnen, wie in den inquisitorischen Vorstellungen eines mittelalterlichen Spanien, wo die ewige Qual auf alle Ketzer wartet, dann ist das folkloristischer Budenzauber, dem man in den verborgenen Nischen eines herbstlichen Burgfestes begegnen kann. Hier glüht die Mythologie wie ein erhitztes Stück Eisen, das vielleicht zum Schwert wird oder zum Kreuz. Errementari ist ein höllisches Volkstheater zwischen Qual und Moral, verbreitet aber weder eiskalten Schrecken noch verstört es ob seiner Unausweichlichkeit, dem Teufel ausgeliefert zu sein. Vielmehr ist der verschmitzte Trotz der Sterblichen gegen Luzifer und Co ein geradezu vergnüglicher und bewusst antiquierter Leckerbissen vor allem zu Halloween.

Errementari: Der Schmied und der Teufel

Zeiten des Umbruchs

DIE EINSAMKEIT DER TRÄUMER

8/10


armageddontime© 2022 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: JAMES GRAY

CAST: MICHAEL BANKS REPETA, JAYLIN WEBB, ANTHONY HOPKINS, ANNE HATHAWAY, JEREMY STRONG, TOVAH FELDSHUH, ANDREW POLK, JESSICA CHASTAIN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Egal, was du aus deinem Leben machen willst, was du tust und wofür du dich entscheidest: Bleibe Mensch! Wenn man sowas aus dem Munde von Anthony Hopkins hört, der sich mit hingebungsvoller Gewissenhaftigkeit und großväterlicher Liebe seinem Enkel widmet, erstarkt in einem selbst das Gefühl, die Weisung gelte nicht nur dem Jungen im Film, sondern auch einem selbst, der wie ich hier im dunklen Auditorium sitzt. Nichts anderes wollen wir tun: Uns selbst treu und Mensch bleiben.

Das erreicht man sicherlich nicht damit, indem man Nahrungsmittel auf wertvolle Kunstwerke wirft. Aber vielleicht damit, verrückte Ideen zu verfolgen, die einem an die Grenzen der eigenen Erfahrung bringen. Einem derartigen Reifungsprozess gibt sich der jüdische Junge Paul Graff hin, der im Geburtsjahr der 80er seine Schulstunden in Queens damit verbringt, in den Tag hineinzuträumen oder den unbequemen Lehrer Mr. Turkeltaub zu karikieren. Paul hat zeichnerisches Talent und denkt sich seinen eigenen Weg durch seine Kindheit, dabei schließt er Freundschaft mit einem schwarzen Jungen, der keinerlei Privilegien genießt, am Rande der Gesellschaft steht und diese Ohnmacht mit Bockigkeit kompensiert. Pauls Familie hadert derweil selbst mit ihrem Status als jüdische Einwanderer, die ihren Familiennamen ändern mussten, um als vollwertig zu gelten. Diese Zeit, in der Paul seine gesellschaftliche „Unschuld“ verliert, ist auch die Zeit, in der Ronald Reagan seine besten Karten dafür ausspielt, um Präsident zu werden. Das Viertel steht überdies unter der Obhut der Trumps. Donald, der spätere Präsident, wird Paul Graff genauso begegnen wie die damit einhergehende Unfairness der westlichen Welt, in der sich Chancengleichheit zum riesengroßen Fremdwort bläht.

Wenn Paul Graff – hinreißend dargeboten von Newcomer Michael Banks Repeta, der durch sein kindlich-knuffiges Erscheinungsbild leicht unterschätzt wird – lieber den Weg des Underdogs geht; des sozialen Outlaws, der das Herz am rechten Fleck hat, dabei aber seine Familie an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt, wünscht man sich einerseits, den Jungen an den Schultern zu packen und ihm Vernunft einzubläuen, andererseits aber ist das Brechen der Konventionen der einzige Weg, um einen Weg in die Zukunft zu finden, den bislang sonst noch keiner niedergetrampelt hat. Dieser Zwiespalt bewegt und fasziniert. Die Rolle des schwarzen Jungen namens Johnny wird dabei zum traurigen Symbol einer demokratischen Schieflage. Regisseur James Gray (u. a. Ad Astra – Zu den Sternen) errichtet sein Coming of Age-Drama auf den Erinnerungen seiner eigenen Kindheit. Ein autobiographischer Film, sozusagen. Und da all diese Szenen für Gray mit sehr viel emotionalem Kontext verbunden sind, liegt ihm auch gar nichts daran, altbekannte Erzählformeln oder die üblichen nostalgischen Versatzstücke, welche die Achtziger stets so mit sich bringen, einzusetzen.

Zeiten des Umbruchs – oder viel besser: Armageddon Time – ist das nonkonformistische Zeitbild rund um einen Nonkonformisten, der einer privilegierten Elite nichts abgewinnen kann und sich abwendet, weg von einem Erfolg, den sich alle anderen verdienen. In diesem politischen wie gesellschaftlichen Paradigmenwechsel, der wie ein Vakuum wirkt, in welchem die eigenen Ideale schwerelos scheinen, begibt sich Gray auf Augenhöhe mit sich selbst und seiner Familie, verschmäht das Melodrama oder gar den Kitsch. Bleibt ehrlich und widersprüchlich im menschlichen Verhalten. Hopkins oder Anne Hathaway sowie allen voran der erstaunliche und ungefällig aufspielende Jeremy Strong ruhen in ihren Rollen zischen Fürsorge und eigenem Dilemma und lassen dem Jungschauspieler Platz, um seinen Idealen zu folgen, so lausbübisch sie auch sein mögen.

Selten war ein Film aus dem Coming of Age-Genre, in welchem immer wieder ähnliche Themen romantisiert werden, so sehr mit Zeitgeschichte und den Werten des Humanismus verbunden. In den meisten stehen die Protagonisten selbst im Zentrum und suchen ihre Identität. In Zeiten des Umbruchs richtet sich der konzentrierte Blick nach außen, auf die Umwelt. Was man sieht: Das stimmige, spürbare Portrait eines Anfangs von etwas, das bis heute nachwirkt.

Zeiten des Umbruchs

Decision to Leave

DAS HERZ, EINE MÖRDERGRUBE

7,5/10


decisiontoleave© 2022 Bac Films


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2022

REGIE: PARK CHAN-WOOK

BUCH: PARK CHAN-WOOK, JEONG SEO-KYEONG

CAST: PARK HAE-IL, TANG WEI, LEE JUNG-HYUN, GO KYUNG-PYO, PARK YONG-WOO, JUNG YI-SEO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Die Rache-Trilogie des südkoreanischen Regie-Visionärs Park Chan-Wook möchte ich allen Filmfreundinnen und Freunden ans Herz legen – wenn diese sowieso nicht schon als selbstverständliches Must-See auf der Watchlist stehen oder gestanden haben. Lady Vengeance, Sympathy for Mr. Vengeance und natürlich Oldboy: Großes Kino ohne Mainstream-Kompromisse, selbstbewusst bis in den letzten Spot und nicht darauf angewiesen, um jeden Preis gefallen zu müssen. Park Chan-Wooks Filme halten eben dadurch, dass sie ihrem Konzept so sehr treu bleiben, Ablehnung jedweder Art sehr gut aus. Man muss manch verstörenden Stilbruch, manch Gewalteruption oder groteskes Intermezzo nicht unbedingt verstehen, man wird aber nicht umhinkommen, die virtuose Regieführung des Meisters zu bemerken. Seine Filme sind gehaltvoll und komplex, das ist nichts für zwischendurch. Und manchmal auch ein Schlag in die Magengrube. Wer aber dennoch mit Park Chan-Wook vertraut werden und das koreanische Kino abseits kommerzieller Berechenbarkeit erfahren will, sollte mit Decision to Leave beginnen, seinem neuesten Werk, das eben bei den Filmfestspielen der Viennale läuft. Hier lässt sich ein moderater Einstieg in die vertrackte Gedankenwelt eines Künstlers finden, der mit mächtigen menschlichen Gefühlswelten hart ins Gericht geht, ist es nun Rache oder Liebe.

Die Liebe hält bei Decision to Leave auf Umwegen Einzug, dabei fällt das heikle Wort so gut wie kaum, und auch das leidenschaftliche Empfinden einer Zuneigung findet nur im Ermitteln eines Mordfalls seine Legitimität. Denn Detektiv Hae-joon muss Song Seo, die Witwe eines beim Klettern verunglückten älteren Koreaners einvernehmen, die ob des Verlustes ihres Ehemannes nicht so wirklich Tränen vergießt, gerne mal im Verhörraum die edelsten Sushis des Viertels verdrückt und Hae-joon sowieso schöne Augen macht. Unter Mordverdacht steht die Dame nicht wirklich, doch ihre Rolle in diesem mysteriösen Fall bleibt lange im Dunkeln. Während dieser Zeit des Investigierens kommen sich die beiden näher, auf romantische Weise, doch kommt es nie zu Intimitäten. Als der Fall geklärt scheint, endet diese Art der Zweisamkeit abrupt. Doch nicht für lange.

Der Plot klingt jetzt nicht nach einem umwerfend komplexen Filmdrama. Eine Kriminalromanze eben. Oder doch mehr? Natürlich. Es wäre nicht Park Chan-Wook, würde er das Konzept des Film Noir nicht auf eine Weise wiederbeleben und in erweiterter Form neu interpretieren. Ich denke da an die frühen Dashiell Hammett– oder Raymond Chandler-Krimis mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Ausgetüftelte Werke, die mit voller Konzentration gesichtet werden sollten, denn wenn auch nur einer der vielen ins Spiel gebrachten Namen nicht im Gedächtnis bleiben, stürzt das ganze filigrane Krimi-Konstrukt in sich zusammen. Aufpassen und mitdenken muss man auch bei Decision to Leave. Und hier gestaltet sich die Erarbeitung des Films noch schwieriger, denn asiatische Gesichter scheinen uns ohnehin ähnlicher als die unsrigen, und bei koreanischen Namen klingt der eine wie der andere. Hat man diese Hürde überwunden und all die Namen und Personen erscheinen vertraut, eröffnet sich ein neues Fenster mit Ausblick auf ein sehnsuchtsvolles Kriminaldrama, auf Landschaften und Meeresküsten Südkoreas, wo die Brandung tost oder der Schnee leise zwischen den Föhren fällt. Park Chan-Wooks Film widmet sich stark wie selten zuvor seinem Land und seinen Leuten, blickt in die Ferne und in eine stets offene Mördergrube namens Herz. Dort folgt eine radikale Entscheidung der anderen, und wir wissen, dass Chan-Wooks Filme keine Kompromisse eingehen. Auch hier nicht – auch in Decision to Leave ist die letzte Konsequenz eine radikale und entsteht aus dem verrückten Entschluss, sich lebenslang an die große Liebe zu binden. Die letzte Entscheidung wird zu einem künstlerischen Akt, einer Art Manifest. Bis dahin weiß das manchmal gar urkomische, locker dahinerzählte und dann wieder getragene Filmpuzzle all seine vielen Details so zu ordnen, dass sich am Ende ein schillerndes, großes Ganzes ergibt. Einen eingefleischten, satten Film Noir, der die volle Aufmerksamkeit verdient.

Decision to Leave

Black Adam

EIN FELS IN DER SCHWEBE

5/10


blackadam© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: JAUME COLLET-SERRA

CAST: DWAYNE JOHNSON, PIERCE BROSNAN, NOAH CENTINEO, ALDIS HODGE, SARAH SHAHI, MARWAN KENZARI, QUINTESSA SWINDELL, VIOLA DAVIS, DJIMON HOUNSOU U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Jetzt wird alles anders! So zumindest will es laut filmstarts der neue Warner-Chef David Zaslav. Und er macht Tabula Rasa. Er sperrt den bereits abgedrehten Film Batgirl in den Giftschrank und hofft, ihn zur Gänze von der Steuer absetzen zu können (was ihm womöglich auch gelingen wird). Er hält auch nicht viel von Solo-Gängen oder unterschiedlichen Herangehensweisen in der Tonalität eines DC Extended Universe. Vielmehr sollte man sich an Marvel wieder ein Beispiel nehmen. So, wie Kevin Feige es macht – und wir sehen ja, auf welcher Erfolgswelle er schwimmt – soll auch das DC-Universum seine Fangemeinde etablieren und zu regelmäßigen Kinoevents einladen, die das Blaue vom Himmel blitzgewittern und so richtig ohrenbetäubend die Motoren heulen lassen. Nicht alle wollen das, die breite Masse aber schon. Dabei gibt es Gerüchte, dass der vermeintlich neue DC-Chef Dan Lin, Executive Producer bei den Lego-Filmen oder Godzilla vs. Kong, Zac Snyder wohl nicht mehr im Regiestuhl sehen will. Die Art und Weise, wie er Filme mache, und insbesondere der Snyder Cut der Justice League (eine Sternstunde der DC-Filme), entspräche nun nicht mehr den Vibes, die Zaslav an seine Seher vermitteln will. Überraschenderweise aber haben die Verantwortlichen mit ihrem neuesten Knüller Black Adam genau das getan. Sie haben nicht nur anhand Marvel gelernt, wie man eingehend sympathische Figuren nah ans Publikum heranbringen und augenzwinkernde Ironie ausgeglichen verteilen kann – sie imitieren den Stil des 300-Schöpfers so sehr offensichtlich, dass es fast scheint, als würde sich Warner in die eigene Tasche lügen.

Unterm Strich heißt das: Mit Black Adam, der ja laut Lin sehr wohl dem neuen Trend der DC-Kinofilme entsprechen soll, erblickt eine eierlegende Wollmilchsau die Leinwand, die so pathetisch ins Feld zieht wie Leonidas und seine Spartaner, so schräg auftreten will wie James Gunns The Suicide Squad und so viel launiges Teamwork samt interner Diskrepanzen darüber pfeffern möchte wie in den Filmen der Avengers-Macher Anthony & Joe Russo. Ungefähr so wabert Black Adam auch daher und plustert sich zu einer gottgleichen Größe auf, in der ein Dwayne Johnson, dem man niemals auch nur ansatzweise böse sein kann, permanent über allen Dingen schwebt und genauso selten Bodenhaftung erreicht wie das Brachialabenteuer selbst.

In diesem erwacht im fiktiven Staat Kahndaq, der Ägypten mit seiner Küstenstadt Alexandrien zum Verwechseln ähnlich sieht, ein gottgleicher Shazam!-Champion aus einem 5000 Jahre andauernden Schlaf, um Rache zu üben. Befreit wird dieser von einer Polit-Aktivistin namens Isis (!), die eine von dämonischer Macht angereicherte Krone in Gewahrsam bringen will, bevor dies die Intergang tut, eine Militärdiktatur, deren Ziel es ist, die antike Monarchie von vor 5000 Jahren wieder weiterzuführen. Da steht – oder schwebt – nun natürlich der stiernackige Schrank von einem Halbgott ins Bild, der so unbesiegbar scheint wie Superman und alles kann, nur nicht in die Knie gezwungen werden. Das wiederum ruft die Justice Society of America auf den Plan und eben nicht die Justice League, um den neu erstarkten Schurken die Leviten zu lesen. Dabei wird klar, das die richtigen Fieslinge ganz andere Leute sind.

Mit dieser neuen Justice Society brechen diverseste Antworten auf Marvels Helden wie Ant Man, Falcon oder „X-Woman“ Storm durch die Schallmauer – deren Terminkalender scheinen wohl nicht so verbucht wie bei Batman, Wonder Woman und Co. Und auch ihr Gütesiegel liegt wohl noch eine Liga drunter, zumindest aber über jener der Suicide Squad, die alle aus demselben Universum kommen. Jaume Collet-Serra ( u. a. Jungle Cruise) schart um den distinguierten Dr. Strange-Verschnitt Dr. Fate so einige schräge Gestalten, die sich auf vergnügliche Art zusammenraufen, um Black Adam in Zaum zu halten. Der wiederum ist nur schwer ernst zu nehmen und hat auch stets – und dank Johnson ­­­– einen Hang zur unfreiwilligen Komik.

Unter dieser orientierungslosen und belächelten Stilsuche leidet auch der ganze Film. Am ehesten noch möge Zac Snyder darauf hinweisen mit den einleitenden Worten „Ich hab’s euch ja gesagt“, dass er seinen eigenen Stil wohl am besten beherrscht, und eben nicht andere Auftragsregisseure ohne eigener Vision wie Collet-Serra. Bei ihm gerät ein in triefendem Pathos ertrinkender 300-Stil mit CGI-Gewitterstimmung und inflationär eingesetzter Slow Motion inmitten donnernder Actionsequenzen zur Trittbrettfahrt neben der Spur eines geschmähten Kenners, der gewusst hätte, wie viel davon ein Film wie Black Adam vertragen könnte. Alle anderen wissen das scheinbar nicht – und kleistern genau dort alles zu, wo weniger mehr gewesen wäre. Ein Mehr hätte auch das schale Skript vertragen, und überhaupt das schauspielerische Engagement der Schauspieler. Das Konzept wirkt seltsam billig, gehetzt und gehudelt, selbst die Effekte sind nicht State of the Art, doch das merkt man anhand des kaschierenden Snyder-Stils nur manchmal.

Dwayne Johnson scheint sich inmitten seines pittoresken Superhelden-Trashs aber sichtlich wohlzufühlen, denn sowas wie Black Adam wollte er immer schon mal machen. Da der Ex-Wrestler einfach ein gewinnendes Wesen besitzt, sieht man ihm selbst dann gerne zu, wenn der Rest die ganze Zeit nur denen nacheifern will, die es besser gemacht hätten.

Black Adam

Triangle of Sadness

REICHTUM IST (K)EINE SCHANDE

6/10


triangleofsadness© 2022 Alamode Film


LAND / JAHR: SCHWEDEN, GROSSBRITANNIEN, USA, FRANKREICH, GRIECHENLAND, TÜRKEI 2022

BUCH / REGIE: RUBEN ÖSTLUND

CAST: HARRIS DICKINSON, CHARLBI DEAN KRIEK, WOODY HARRELSON, DOLLY DE LEON, ZLATKO BURIĆ, IRIS BERBEN, SUNNYI MELLES, VICKI BERLIN, OLIVER FORD DAVIS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 27 MIN


Equality, Gender Pay Gap, Kapitalismus, Kommunismus und Rüstungsindustrie. Opportunismus, Klassenkampf, das Model-Biz und die Inhaltsleere von Social Media. Hab ich etwas vergessen? Die Gier der Reichen vielleicht? Oder gleich alle Todsünden? Nein, mit diesen hat Ruben Östlund in seinem Cannes-Gewinner nichts am Hut. Maßlosigkeit und Völlerei finden wir im Monty Python-Klassiker Der Sinn des Lebens wieder, und spätestens beim Minzplätzchen im schicken Restaurant braucht der Zuseher vielleicht selbst einen Kübel, denn da bringt die Komikertruppe ihr gesellschaftskritisches Fass im wahrsten Sinne des Wortes zum Überlaufen.

Bei Östlund sind es die Klos auf einer Luxusyacht, welche die mangelnde Seefestigkeit ihrer steinreichen Passagiere nicht mehr kompensieren können. Und ja: das kann passieren, ist aber keine Strafe für gelebten Reichtum. Denn Reichtum per se ist keine Schande. Menschen wie jene, denen auf diesem Narrenschiff das große Kotzen kommt, haben nun mal Geld und Einfluss. Doch sie sind weder gierig noch gemein noch maßlos. Vielleicht etwas blasiert, sonst aber nur unfassbar naiv. Wie Kinder in der Heileweltblase eines Spieleparadieses mit Bällchenbad. Wie Ludwig XVI. in seinem Versailles, umringt von Speichelleckern und einer angekrochen kommenden Entourage, die jeden Wunsch von den Augen abliest. Das Geld macht alles heil und jeden willig. Das Geld ist die Schaumstoffmatte beim Fall aus geringer Höhe, ist das einlullende Schlaflied am Ende des Tages. Seltsame Leute, so weltfremd und kleinkariert, und doch so erfolgreich. Wie passt das zusammen? Östlund seziert dieses Dilemma. Er will dies mit feiner Klinge tun, so wie er dies bei seinem Erstling Höhere Gewalt getan hat. Akkurat, mit kühlem Kopf, und aus sicherer Distanz, um der Lawine an Einsichten nicht zu nah zu kommen.

Bei Triangle of Sadness – die Kummerfalten im Südbereich der Stirn, knapp über den Augen und ungeeignet für eine Modelkarriere – hat Östlund viel zu sagen, und es gefällt ihm anscheinend gar nicht, wohin sich die Gesellschaft entwickelt hat. Alle Menschen scheinen ihm zuwider, aber doch nicht in einem Ausmaß, der ihnen unangenehm werden könnte. Man kann ja da und dort ein bisschen triezen, mit dem moralischen Finger in die Leistengegend der anderen stochern. Während die Reichen, denen der Reichtum in den Schoß gefallen zu sein scheint, ihren Überfluss hinnehmen wie eine Magenverstimmung, will Östlund mit seinem Überfluss an belangvollen Themen keines so wirklich präferieren. Der von Woody Harrelson und Zlatko Burić so zitatenreich ins Feld geführte Kommunismus schwappt also auf den Film über. Marx hätte mit Triangle of Sadness wohl seine Freude gehabt, er hätte sich spätestens dann köstlich amüsiert, wenn die Umkehr der Hierarchien die Nutzlosigkeit des profitgeilen Establishments zum Vorschein bringt. 

Doch bevor es so weit kommt, und bevor die uns allen längst bewusst gewordene globale Unfairness in handzahmen satirischen Spitzen, die offene Türen einrennen, ihren Ausgleich sucht, kreiert die erste von drei zusammenhängenden, aber unterschiedlich platzierten Episoden im schnell verfassten Plauderton alltagsparadoxen Kabarettstoff für die Kleinkunstbühne, der aber kaum die Wucht hat, um szenenlang über Gleichberechtigung und den Wert des Geldes zu polemisieren. Im Mittelteil wird das groteske Drama dann so richtig zum Östlund-Anarchismus, und wenn diesmal auch nicht der Affenmensch die eitle Gesellschaft sprengt, ist es die gemarterte Sunnyi Melles, die mit ihrer bizarren Brechdurchfall-Performance (Hut ab vor so viel inszenierter Selbsterniedrigung) die kleinen, obskuren Eitelkeiten mit dem magensauren Wischmopp beiseitefegt. Ja, dieses Spiel mit den Erwartungen ist Östlunds Stärke. Dieses Vorführen eines sich in Sicherheit wiegenden Publikums.

Was Östlund noch tut: Er weigert sich, seine Figuren zu verzerren. Stattdessen verzerrt er ihr Umfeld und das, was ihnen geschieht. Durch diese Diskrepanz entsteht ein subversives Echo – bei The Square war dies am stärksten, bei Triangle of Sadness ist das Umfeld der Figuren ein überraschend geradliniges Worst Case Szenario, was auch der Grund sein mag für ein schleppendes letztes Drittel. Eine Insel-Mystery á la Lost, die das System hinterfragt, aber auf der Stelle tritt. Den Östlund‘schen Bruch gibt es nur einmal – dass dieser seine Satire nochmal auf die Spitze treibt wie beim Versenken seiner Luxusjacht, würde man sich vielleicht wünschen – oder auch nicht. Letzten Endes lässt sich der Cannes-Doppelsieger aber zu keinen neuen Sichtweisen mehr motivieren.

Triangle of Sadness

Das Seeungeheuer

FLOSSENSCHELLEN FÜR KÄPT’N AHAB

7,5/10


dasseeungeheuer© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: CHRIS WILLIAMS

BUCH: CHRIS WILLIAMS, NELL BENJAMIN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): ZARIS ANGEL-HATOR, KARL URBAN, JARED HARRIS, MARIANNE JEAN-BAPTISTE, KATHY BURKE, DAN STEVENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Was dich nicht umbringt, macht dich nur noch stärker. Ja, das wissen wir. Oder glauben es zumindest. Auf alle Lebenslagen lässt sich diese Binsenweisheit aber auch nicht anwenden. Manchmal schwächt, was einen nicht umbringt, oder öffnet dem Wahnsinn Tür und Tor. Ein Blick auf die Literaturgeschichte bestätigt: Herman Melvilles Walhatz lässt einen Kapitän wie Ahab erstmal einbeinig durch die Welt staksen, bevor der massige Säuger ihn zur Weißglut treibt und sein Leben fordert. Am Meer, da gilt die Binsenweisheit eben sowieso nicht. Da quält sich der Mensch übers Wasser, weil er glaubt, zu wissen, wie die Natur tickt. Und wie man ihr Verhalten berechnen kann. Man kann es nicht. Und so behält Moby Dick die Oberhand.

Im Kino des Fantastischen sind es diesem weißen Pottwal zwar nachempfundene, aber ganz andere Kreaturen, die die Meere bevölkern und den grimmigen Menschen einer alternativen Erde Projektionsfläche für Furcht, Aggression und Blutdurst bieten. Legenden von damals, die all die gigantischen Leviathans und Cthulhus längst als etwas Böses deklariert haben, das immer mal wieder die von Menschen bewohnten Küsten dem Erdboden gleichgemacht haben, schüren das Feuer. Und die Ausrottung einzelner Arten ist nur noch eine Frage der Zeit. Also macht Kapitän Crow auf seinem „Walfänger“ Jagd auf den Red Burbler – einer monströsen Kreatur, die größte von allen und am Ende der Nahrungskette. Das aufgeweckte Mädchen namens Maisie macht diesem ganzen Vorhaben einen Strich durch die Rechnung, als sie, um das Schiff vor dem Untergang zu retten, das Harpunenseil kappt, an dem die Jagdbeute hängt. Mit dieser Aktion zieht sie sich den Unmut des Kapitäns zu – der will den Dreikäsehoch über die Planke schicken, doch daraus wird nichts. Ziehsohn und erster Offizier Jacob schnappt sich die Kleine und macht sich im Beiboot auf die Flucht. Nur, um dann erst recht in den Dunstkreis des Red Burbler zu gelangen, der, wie kann es anders sein, gar nicht mal so bösartig ist wie gedacht.

Ja, so ist das, mit dem Missverständnis tierischen Verhaltens. Gut und böse gibt’s da nicht. Diese Färbung interpretiert erst Kunst und Kultur in all die Lebewesen, sind sie nun fiktiv oder Teil unserer Realität. Das Seeungeheuer von Regisseur Chris Williams, der für den oscarprämierten SciFi-Knüller Baymax – Riesiges Robowabohu verantwortlich gezeichnet hat, vermittelt familiengerechte Botschaften rund um Fake News, Vorurteile und eingerostete Traditionen, die nicht mehr hinterfragt werden. Als Antwort lobt dieser das Bestreben, zur Koexistenz von Mensch und Natur einen Konsens zu finden, der allen etwas bringt. Das erinnert nicht von ungefähr an die mittlerweile modernen Klassiker aus dem Drachenzähmen-Universum. Und ja, Das Seeungeheuer hat aus diesen tricktechnisch wirklich beeindruckend schönen und epischen Werken so einiges gelernt. Dabei wirkt der auf Netflix erschienene Animationsfilm weniger wie ein High Fantasy-Epos, so, wie es die Drachenzähme-Filme tun, sondern wie Pixar es wohl umgesetzt hätte: Keck, mit Wortwitz und einem Hang zur Umschreibung niedlich-gewiefter Charaktere, wie eben die kleine Maisie einen solche darstellt. Und zum Glück hält sich die bei Disney längst durchgewaschene Laudatio über den Wert von Familie in Grenzen.

Was Das Seeungeheuer aber so richtig auszeichnet, ist neben seiner erfrischenden Kurzweiligkeit der formvollendete visuelle Output, das liebevolle Charakter-Design und die fulminant getricksten Actionszenen. Doch ist makellose Animation und Liebe zum Detail nicht ohnehin schon Standard? Sollte man bei Trickfilmen wie diesen nicht von diesem Punkt an wegwerten und das, was darüber hinausgeht, vergleichend ins Feld führen? Das muss man nicht. Es staunt immer wieder, was in der Kunst der Animation alles möglich ist. Wenn sich bereits anfangs ein türkisgrünes Fischwesen um den Walfänger windet, ist das großes, attraktives Abenteuerkino, das eine Verwertung auf der großen Leinwand genauso verdient hätte wie all die gezähmten Drachen.

Das Seeungeheuer

The Greatest Beer Run Ever

NUR MAL NACH DEM RECHTEN SEHEN

6/10


beerrun© 2022 AppleTV+


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: PETER FARRELLY

CAST: ZAC EFRON, RUSSEL CROWE, BILL MURRAY, KYLE ALLEN, JAKE PICKING, ARCHIE RENAUX, JOE ADLER, WILL ROPP U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Bier und Politik – ja, das geht zusammen. Bei uns in Österreich gibt es schließlich auch die Bierpartei, deren Mitglieder wohl bei so viel Hopfen-Aktivismus den Hut ziehen würden: Doch auch wenn das edle Gesöff hier um die halbe Welt reist und an seinem Ziel bacherlwarm und rülpsfreudig ankommt, ist das kühle Blonde doch nur Platzhalter für eine nette Geste. Was nicht heißt, dass man als Freund des Gerstensaftes nicht doch unweigerlich den Kühlschrank aufsuchen muss, um nicht nur Zac Efron aus der Dose schlürfen zu lassen. Der ist nämlich als Maschinist auf einem Frachter unterwegs nach Vietnam, um seinen Freunden aus der Nachbarschaft seine Ehre zu erweisen und mit ihnen anzustoßen. Denn das, was sie tun, ist eine gute Sache: Sie kämpfen gegen den Kommunismus. Da scheint jedes Mittel recht, und umso störender erscheinen dann subversive Demonstrationen in den Parks von New York, die für den Frieden plädieren. Zac Efron gibt in The Greatest Beer Run Ever einen, der die Welt nur aus einem einzigen, eng gefassten Blickwinkel betrachtet. Als John „Chickie“ Donahue, den es tatsächlich gegeben hat, scheint er globale Zusammenhänge wohl doch nicht so ganz zu erfassen, geschweige denn, was es heißt, in einen Krieg zu ziehen und an der Front zu kämpfen. Der Naivling denkt sich allerdings: Auch ich will meinen Beitrag leisten – und macht sich mit einer Sporttasche voller Bier gen Osten auf. Was ihm dort begegnet, wird ihn auf alle Fälle mal erden. Und auf einmal wird er verstehen, worum es hier wirklich geht. Und wie sehr sich das Wirkliche von den Nachrichten im Fernsehen unterscheiden.

Noch einen Schritt weiter entfernt sich Zac Efron also von seinem High School Musical– und Frauenschwarm-Image, nachdem er bereits in der staubigen Schatzsucher-Parabel Gold den letzten Schritt getan hat. Der Mann mit den stechenden Augen trägt jetzt sogar einen buschigen Schnurrbart. Und verhält sich mitunter wie Forrest Gump. Pralinen hat er keine, dafür Bier jede Menge, und wie das Glück des Unbedarften eben so spielt, gerät Chickie von einer optimalen Gelegenheit in die andere, um tatsächlich auch seine Tour quer durchs Land abzuschließen. Der True Story-Knüller über einen, der sich als Zivilist durch den Krieg schlagen muss, erinnert an die ebenfalls wahre und auch verfilmte, aber ungleich tragischere Geschichte eines koreanischen Taxifahrers, der sich in den Unruhen eines Bürgerkriegs wiederfindet: A Taxi Driver. Peter Farrelly, der mit Green Book 2018 den Oscar-Hit des Jahres landete, hält auch diesmal viel von Freundschaft, von selbstlosen Gesten und der Aufmerksamkeit anderen gegenüber. The Greatest Beer Run Ever hat als Vietnam-Kriegsfilm allerdings so gut wie gar nichts Bereicherndes mehr beizutragen – und will in diesem Genre vielleicht auch gar nicht verortet werden. Sein Schwerpunkt liegt zum einen im Wechsel der Perspektiven. Und zum anderen in der Tatsache, das Reisen erst die Welt erschließt. Man kann noch so viel über Länder, Geschichte und Politik nachlesen. Man kann sich von Medien auf unzählige Weise manipulieren lassen. Mit der Wirklichkeit hat das übertragene Wissen nichts mehr zu tun.

Zu dieser Erkenntnis gelangt nun ein völlig von den Socken befindlicher, im nächtlichen Schützengraben bibbernder und um sein Leben fürchtender Hanswurst, der einfach nur Hallo sagen will. Ähnlich wie Tom Hanks würde er vielleicht, hätte es einen seiner Kameraden erwischt, diesen geschultert durch den Dschungel schleppen. Der freundliche junge Mann aus der Nachbarschaft sollte eigentlich Spiderman sein – in diesem Fall darf ein dreister New Yorker etwas tun, was wohl sonst keiner getan hätte. Für dieses filmische „Chapeau“ lässt sich Farrelly zu einem tragikomischen Reisebericht hinreißen, der letzten Endes aber das Kuriosum dieser Handlungen vor allen Ambitionen stellt. Ähnlich kurios gibt sich Efron, der seine Rolle zu leichtfüßig anlegt, der zu wenig tief in seinen widersprüchlichen Gefühlen schürft wie seinerzeit Robin Williams in Good Morning Vietnam. Nichtsdestotrotz gefällt The Greatest Beer Run Ever als mittelschweres Solidaritätskino, das manchmal zu gemütlich und schulterklopfend ausfällt.

The Greatest Beer Run Ever