Trap: No Way Out (2024)

EIN ESCAPE ROOM FÜR DEN KILLER

6,5/10


TRAP© 2024 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION: M. NIGHT SHYAMALAN

CAST: JOSH HARTNETT, ARIEL DONOGHUE, SALEKA SHYAMALAN, ALISON PILL, HAYLEY MILLS, JONATHAN LANGDON, MARNIE MCPHAIL, KID CUDI, M. NIGHT SHYAMALAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Eine unerwartete Aktualität hat sich M. Night Shyamalans neuester Streich da eingetreten: Aufgrund geheimdienstlicher Warnungen konnte ein verheerender Terroranschlag im Rahmen bevorstehender Taylor Swift-Konzerte in Wien vereitelt werden. Dass dabei das Management der allseits beliebten Dame überhaupt gleich alle Events hat absagen müssen, bleibt als bitterer Nachgeschmack des Sommers hierzulande zurück. In Trap: No Way Out ist es zwar nicht Taylor Swift, sondern der fiktive weibliche Popstar Lady Raven, eine Mischung aus Lady Gaga und Gothic für Teenies, die ein Konzert zum Besten gibt, welchem die zwölfjährige Riley, Hardcore-Fan, unbedingt beiwohnen muss. Allerdings geht sowas nur im Beisein eines Erziehungsberechtigten, also ist Papa Cooper (Josh Hartnett) mit von der Partie. Was er nicht weiß: Das Konzert ist nichts anderes als eine Falle für den Serienkiller The Butcher, der sich zu dieser Zeit an diesem Ort aufhalten soll. Das Polizeiaufgebot ist enorm – nicht nur die urbane Exekutive, auch schwerbewaffnete Eliteeinheiten schützen und blockieren jeden Ein- und Ausgang. Was er weiß – und wir auch bald wissen: Der böse Bube ist Papa Cooper himself – eine Tatsache, die M. Night Shyamalan diesmal nicht als unerwarteten Twist verbrät, sondern als gegebene Prämisse. Statt das Konzert also abzusagen, wird es dafür genutzt, um jenen Psychopathen, der bereits zwölf Menschen auf dem Gewissen hat, endlich dingfest zu machen. Cooper muss nun überlegen, wie es gelingen könnte, diesen unerwarteten Escape Room zu knacken.

Die Grundidee für Trap ist originell genug, um mal etwas anderes erwarten zu können als nur eine Killerhatz mit desillusionierten und verhaltensgestörten Ermittlern, die mit dem Bösen so manche Gemeinsamkeit entdecken – siehe z.B. Catch the Killer. Diesmal sehen wir alles aus dem Blickwinkel eines Antagonisten, dem Josh Hartnett eine väterlich-freundliche Aura verleiht, hinter dieser aber ein sardonisches Grinsen verbirgt, das an die freundliche Mimik aus dem Horrorschocker Smile erinnert. Das Grinsen ist somit psychopathischer Natur, denn die Figur des Cooper schleppt, was sich in Andeutungen spiegelt, einige Traumata mit sich herum. Sympathie weckt das aber nur bedingt – was aber der Faszination für Hartnett keinen Abbruch tut. Ihn gegen sein Image zu besetzen mag wohl der klügste Schachzug des Mystery-Spezialisten sein. Und dann ist da noch dieser Eventcharakter eines ausführlich und zugegeben in langen Einstellungen gefilmten Konzerts von Shyamalans Tochter Saleka, die darin auch selbst singt und welches viele Minuten des Films okkupiert – einfach, um die Stimmung eines glückseligen Ausnahmezustandes zu lukrieren, welches Konzerte dieser Art nunmal entfachen. Auch das gelingt Trap vorzüglich. Des Weiteren stellt sich aber die Frage: Als wie gut kann ein Film letztlich eingestuft werden, wenn er sich doch zu gnadenlos tiefen Plot Holes hinreissen lässt, die so überdeutlich und realistisch betrachtet niemals so passieren könnten – die aber als Failure-Momente dennoch eine fesselnde Dynamik garantieren, mit der man letztlich mitziehen muss und dessen Rhythmus man sich unterwirft, obwohl sonnenklar ist, dass Shyamalan hier so einiges an Plausibilität verspielt.

Kann – oder darf man gar ungeniert solche Mängel übergehen, zugunsten einer Sogwirkung, der man sich genauso gerne hingibt wie dem Strömungsbecken in einer Thermenlandschaft? Darf man. Man muss es nicht kritisieren. Übersehen kann man diese Dinge aber trotzdem nicht, dafür aber – wie so vieles im Leben – kinderleicht verdrängen. Mit dieser Ambivalenz des Plots schafft Shyamalan das größte Mysterium in einem Film, der diesmal fast ganz ohne Mystery auskommt. Filme müssen also – in ihrer Schlüssigkeit – längst nicht perfekt sein. Da gibt es andere Werte, die trotz allem volle Unterhaltung garantieren. Den Spaß will man sich schließlich nicht verderben lassen, sofern man einen hat.

Trap: No Way Out (2024)

No Bears (2022)

WO DÖRFLER IHRE GRENZEN ZIEHEN

5/10


nobears© 2022 Celluloid Dreams


LAND / JAHR: IRAN 2022

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION: JAFAR PANAHI

CAST: JAFAR PANAHI, NASER HASHEMI, VAHID MOBASSERI, BAKHTIYAR PANJEEI, MINA KAVANI, REZA HEYDARI U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Jafar Panahi ( u. a. Taxi Teheran) will eigentlich nur Filme machen. Doch es sind Filme über den Iran, über dessen Werte, dessen politische Willkür, dessen fundamentale Strenge. Das sehen der oberste Führer Ali Chamenei und seine getreuen Hardliner natürlich nicht so gern, wie in jedem Land, in welchem Demokratie abgeschafft und gegen menschenverachtende Repressalien getauscht wurde. Trotz dieses Machtapparats kann sich der Iran – im Gegensatz zu Nordkorea – auf eine lebendige Filmwelt verlassen, auf zahlreiche Künstler, die nicht nur, aber vorallem, das Medium Kino dafür nutzen, um für ihr Land aktiv zu werden. Dieses Kino ist stark und laut, bekommt eine Bühne auf allen nur erdenklichen Filmfestspielen, um Missstände aufzuzeigen, die so nicht mehr tragbar sind. Jafar Panahi war und ist einer von jenen, die Engpässen trotzen, um zu tun, was getan werden muss. Und hatte das Pech, in seinem Land unter „Hausarrest“ gestellt zu werden. Eine Haftstrafe, die 2022 begann, konnte aufgrund eines Hungerstreiks Panahis ausgesetzt werden – auf Kaution. Bevor dies aber geschehen konnte, lief sein Film No Bears vor zwei Jahren auf den Filmfestspielen von Venedig. Und ist endlich, nach langer Verspätung, in den österreichischen Kinos zu sehen.

Was es mit Bären in Panahis Film auf sich hat, ist schnell erklärt. Es ist die Beschwichtigung vor Gefahren, die gar nicht existieren, die aber, um andere kontrollieren zu können, gerne als Warnung kolportiert werden. Diese Gefahren sind unter anderem pelzige Räuber, die sich durch die engen Gassen eines grenznahen Dorfs schieben könnten – es aber schließlich nicht tun, da es dort, an der Grenze zur Türkei, gar keine Bären gibt. Doch es gibt Schmuggler, Schieber, es gibt argwöhnische Polizisten und den Geheimdienst, der penibel darauf achtet, wer hier in der Provinz nicht ins Bild passt. Natürlich ist das Jafar Panahi, der sich selbst spielt, höchstpersönlich. Er will einen Film drehen, doch das Drehen ist für ihn längst verboten. Er tut dies im Geheimen, während sich Cast und Set jenseits der Grenze in der Türkei befinden. Panahi hat sich dafür in einem kleinen Dorf niedergelassen, in welchem jeder jeden kennt und jeder Neue sofort dazu instrumentalisiert wird, etwaige Querelen in der Gemeinschaft auszubaden. Während Reza, Panahis rechte Hand, allnächtlich mit dem nach Anweisungen des Meisters gedrehten Filmmaterial unbemerkt die Grenze passiert, bleibt Panahi nur die Möglichkeit, den Alltag der Menschen zu fotografieren und auf eine gute Internetverbindung zu warten. Da passiert es und Panahi macht das Foto eines Paares, das laut den Dorfdogmen gar nicht existieren darf, da von den Älteren längst bestimmt wird, wer wen zu heiraten hat. Die Community lässt nicht locker und nötigt Pahani zur Herausgabe des Corpus delicti. Der aber stellt sich quer.

Man kann sich denken, wie sehr die Sache eskalieren wird. Doch Panahi bemüht sich nicht, sein Drama hochkochen zu lassen. Es ist der Verzicht auf überschminkte Emotionen – eine Art neue Sachlichkeit im iranischen Kino. Viel stärker als Asghar Farhadi (u. a. The Salesman) bleibt Panahi Purist, akkurater Autorenfilmer eines nackten, aber unprätentiösen Realismus, der sein Konfliktdrama auf mehrere Ebenen auffächert. Natürlich steigert das Ineinanderspinnen dieser Erzählfäden die Ausdrucksstärke und Botschaft: Wie sehr in die staubtrockene Erde hineingerammt vorgestrige Traditionen so manches Leben aufs Spiel setzen, und wie sehr sich dörfliche Grundstrukturen auf die nationale Geißel hochrechnen lassen können, mag klar veranschaulicht sein. Doch bleibt das Drama in seiner kargen Nüchternheit, so sehr die Authentizität auch anzuerkennen ist, eine flüsternde Trauma- und Problembewältigung, die sich mit dem Film im Film im Grunde keinen Gefallen tut, zu flüchtig mag die Liebesgeschichte von zwei Flüchtenden erscheinen, die in der Türkei darauf warten, Pässe zur Weiterreise nach Frankreich zu bekommen.

Kann sich Panahi tatsächlich als sein fiktives autobiographisches Alter Ego Panahi im Film mit einer plakativ tragischen, aber schwülstigen Romanze wie dieser wirklich identifizieren? Sie steht dem eigentlichen Dilemma des Filmemachers konträr gegenüber, und irgendwann verliert man insofern den Überblick, da nicht mehr ganz klar ist, ob das, was als angeblicher Filmdreh passiert, auch wirklich noch Film ist oder begleitende Realität. Was also ist Drama und was Dokumentation? Der Wechsel zwischen diesen beiden Ebenen ist nur anfangs geglückt, wenig später bleibt die schale Story nur Anhang für etwas, das eigentlich auch nichts Neues berichtet. Ob Bären oder nicht: Als sehr persönliche Abrechnung mit der eigenen Unterdrückung holt sich Panahi jede Menge gerechtfertigte Aufmerksamkeit. Künstlerisch ausgefeilt ist sein Drama dabei aber kaum.

No Bears (2022)

Hit the Road (2021)

EIN GRENZFALL FÜR DIE FAMILIE

7/10


hittheroad© 2023 Panda Lichtspiele


ORIGINAL: JADDEH KHAKI

LAND / JAHR: IRAN 2021

REGIE / DREHBUCH: PANAH PANAHI

CAST: HASSAN MADJOONI, PANTEA PANAHIHA, RAYAN SARLAK, AMIN SIMIAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Zwei Jahre hat es gebraucht, um diesen Film in die Kinos zu bringen. Vor rund zwei Jahren lief Hit the Road im Festivalprogramm der Viennale ’21 – was letztlich den Ausschlag gibt für eine derartige Verspätung, darüber kann man spekulieren. Gut ist, dass Panah Panahis Roadmovie es geschafft hat, ans Ziel zu kommen. Nämlich dorthin, wo er hingehört – auf die Leinwand. Für knappe 90 Minuten nimmt uns der Iraner mit auf eine höchstpersönliche Autofahrt quer durchs Land, vorbei an atemberaubenden Felsformationen, durch fruchtbares Land und über grüne Hügel. Es ist ein Weg des Abschieds, doch wer hier wen verlässt oder ob alle gehen, kristallisiert sich erst viel später heraus. Klar ist, dass Mutter, Vater und die beiden Söhne, zwischen denen ein enormer Altersunterschied liegt, nicht per Gaudi einen Ausflug unternehmen, obwohl man beim jüngsten Spross Rahma, der für sich allein die Party seines Lebens schmeißt und vor lauter Liebe zur Welt stets den Boden küsst, auf dem er wandelt, durchaus die Meinung vertreten kann, dass alles nur existiert, um Spaß zu haben und Scherze zu treiben. Rahma (eine Wucht: Rayan Sarlak) ist das quirlige Zentrum dieser kleinen Gemeinschaft, die ewige Sonne, um ihn herum schwerfällige und leichtere Trabanten. Papa trägt einen Gips, die Mutter weiß nie, ob sie lachen oder weinen soll, der ältere Sohn gibt sich wortkarg, denkt nach, ist so angespannt, als würde er in den Krieg ziehen oder verfolgt werden. Und der Hund? Der liegt im Sterben.

Verfolgt zu werden wäre in Anbetracht der Tatsache, dass alle fünf unterwegs sind zur türkischen Grenze, gar nicht mal so abwegig. Im Iran herrschen andere Regeln, was die Ausreise betrifft. Da muss man schon wissen wie, um ein besseres Leben anderswo zu ergattern. Alles scheint organisiert, unter Dach und Fach. Die Fahrt ist lang, zu erzählen gäbe es viel, doch kaum jemand findet den Zugang durch all den Smalltalk hindurch genau dorthin, wo Angst, Kummer und Vertrauen liegen. Immer wieder hält das Auto an, immer wieder finden sich Momente der Klarheit und der Mut, das unmittelbar Bevorstehende anzusprechen.

Für dieses waschechte Roadmovie, das durch den Nordwesten Irans führt, braucht es weder eine twistreiche Story noch einen komplexen Plot, sondern lediglich Raum und Zeit für Konfrontationen. Jafar Panahis (u. a. No Bears) Bruder Panah nutzt diese cineastische Mitfahrgelegenheit, um vor allem auch mit musikalischer Färbung die Emotionen hin und herfluten zu lassen, wie schwappendes Wasser in einer Wanne. Oft blickt der Vater gedankenverloren und verbittert ins Narrenkästchen, nachdem er für Rahma den kauzigen Brummbären gegeben hat. Dann setzt die Klassik ein, Tastenmusik in Moll. Für die Mutter gibt’s persische Schlager mit schmachtend- kitschigen Texten, zu denen sie gar mitsingt. Worte, die etwas bedeuten, sind ein schwer zu ergatterndes Gut – ist der Moment gerade günstig, lässt Parhani das Gespräch laufen, minutenlang, ohne Druck, ganz entspannt, irgendwo am Fluss, während dahinter das Wasser rauscht. Parhani spielt auch mit erzählerischen Ebenen, lässt essenzielles im Hintergrund und anderes, wichtigeres, nach vorne treten, obwohl dieses Wichtige nicht mehr preisgibt als den Blick. Der Moment der Wahrheit bleibt auf Distanz, ganz weit weg stehen wir und beobachten das Drama eines Neuanfangs. Über allem das quirlige Gekreische Rahmas.

Persisches Kino ist seit jeher bereichernd – und auch Hit the Road bringt einiges an neuen Sichtweisen und veränderten Prioritäten mit. Die Art, wie Parhani den Alltag des Reisens einfängt und klarstellt, dass niemand jemals auf einen Abschied wie diesen vorbereitet sein kann, trägt eine gewisse Bescheidenheit in sich und eine Akzeptanz den Dingen gegenüber, die zu tun sind. Der kleine, hyperaktive Rahma aber wird, obwohl er nichts aktiv dazu beiträgt, die Inkarnation einer hoffnungsvollen Zukunft. Er ist die Stütze, die die Familie nicht zerbrechen lässt.

Hit the Road (2021)

The Dark (2018)

EIN GEFÜHL, ALS WÄRE MAN TOT

5/10


thedark© 2018 Luna Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2018

REGIE: JUSTIN P. LANGE, KLEMENS HUFNAGL

DREHBUCH: JUSTIN P. LANGE

CAST: NADIA ALEXANDER, TOBY NICHOLS, KARL MARKOVICS, MARGARETHE TIESEL, SCOTT BEAUDIN, CHRIS FARQUHAR, SARAH MURPHY-DYSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Zombies sind längst keine Kreaturen mehr, die aufgrund des Willens unbekannter Mächte aus den Gräbern steigen, ihre halb verwesten Arme durch den Erdboden recken und dann, taumelnd und stolpernd, dem Geruch frischer, menschlicher Gehirne folgen. Untote sind mittlerweile meist bemitleidenswerte Opfer eines Virus oder anderer Organismen, ganz so, wie es The Last of Us mit einem Pilzgericht zuletzt auf den Tisch gebracht hat. Es mag daher wieder begrüßenswert sein, wenn sich Storyteller an die Essenz des Zombie-Daseins rückbesinnen und jeden auch nur ansatzweise wissenschaftlichen Unterbau, so trivial er auch sein mag, beiseiteschaffen. Das macht das Ganze nämlich noch interessanter. George A. Romero wusste das. Sein Klassiker The Night of the Living Dead hütet sich tunlichst davor, irgendwelche Ursachen zu ergründen.

Warum also dieses Mädchen hier mehr tot als lebendig und wie ein Tier Besuchern eines Waldstückes auflauert, das sich Devils Den nennt, weiß niemand. Das Wesen bewohnt die Immobilie ihrer Mutter, welches mittlerweile auch schon so aussieht, als wäre Norman Bates schon jahrelang nicht mehr hier gewesen. Wie ein düsteres Hexenhaus, prädestiniert für dunklen Zauber, lädt es nicht gerade dazu ein, dort Zuflucht zu suchen. Einer tut es aber trotzdem: der Kidnapper und Mörder Josef, gespielt von Karl Markovics. Da die Untote auf Menschenfleisch steht, dauert es nicht lange, und der Flüchtige existiert nicht mehr. Was er hinterlässt, ist mehr als sonderbar, und lässt sogar eine verfluchte Kreatur wie das Mädchen Mina schier pass erstaunt sein: Im Wagen des Kriminellen kauert ein blinder Junge im Kofferraum – sein Peiniger hat ihn geblendet, er gilt landesweit als vermisst. Die beiden verunstalteten jungen Leute tun sich zusammen, und das funktioniert vielleicht deswegen so gut, weil Alex gar nicht weiß, womit er es mit Mina zu tun hat. Wer rechnet schon damit, einem Zombie zu folgen. Bald sind beide auf der Flucht, und währenddessen unterläuft das Mädchen eine Metamorphose, die sich ebenso niemand erklären kann wie die Grundmechanismen dieses Films.

Finstere Wälder, finstere Orte, ein finsteres Mädchen mit entstelltem Gesicht, gierig nach Menschenfleisch. Ein Teenie ohne Augen, der sein Schicksal relativ gottgegeben hinnimmt, ohne den Verstand zu verlieren. Der von Justin P. Lange und Kameramann Clemens Hufnagl inszenierte Film schickt die Keller-Versionen von Hänsel & Gretel durch den Wald – wie sie wohl geworden wären, wenn die Hexe nebst eines stattlichen Hungers nach zarten Schenkeln noch über dunkle Magie verfügt hätte. Wäre diese nicht ins Feuer gestoßen worden und wären die beiden Kids auf andere Art entkommen, hätte die grantige Alte den beiden noch so einige Flüche an den Hals schicken können. Und genau da sind wir nun, in The Dark – einer Variation des Zombie-Films, die sich ganz gut mit Coming of Age versteht und ihren Schauplatz trotz österreichischen Ursprungs irritierend amerikanisch hält. In dieser Alternativwelt ist einiges Metaphysisches inhärent, und ja, man will und kann es ruhig glauben.

So stilsicher die Finsternis in diesem Thriller auch umgesetzt wurde, so wenig berührt das Schicksal der beiden Protagonisten. Vielleicht, weil The Dark versucht, zumindest in den Biografien der beiden deren Geschichten von Missbrauch und Gewalt zu ergründen, und das auf eine Weise, die der geheimnisvollen Inszenierung aufgrund einer so routinierten wie beiläufigen Darstellung entgegenläuft. Somit ist der Plot zu verhalten geraten, und lieber hätte ich in diesem Film gar nichts erklärt bekommen, sondern hätte mit den wenigen Fakten leben können, dass zwei dem Schicksal überlassene Ausgestoßene einfach nur irgendwie die Kurve kriegen wollen.

The Dark (2018)

Der Pfad (2022)

DIE ZUVERSICHT JUNGER UNBEUGSAMER

6/10


derpfad© 2022 Warner Bros. Deutschland


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, SPANIEN 2022

REGIE: TOBIAS WIEMANN

BUCH: RÜDIGER BERTRAM, JYETTE-MERLE BÖHRNSEN

CAST: JULIUS WECKAUF, NONNA CARDONER, VOLKER BRUCH, JYETTE-MERLE BÖHRNSEN, LUCAS PRISOR, BRUNA CUSÍ, ANNA MARIA MÜHE U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Älteren Kindern und Jugendlichen die verheerende Zeit des Nazi-Regimes näherzubringen, ist eine noble und auch äußerst wichtige Sache, welche das Kino der Gegenwart als seine Pflicht ansieht, hier ab und an auch den belehrenden und erkenntnisfördernden Part zu übernehmen. Vor vier Jahren flimmerte die Verfilmung des Buches Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ebenfalls schon über die Leinwand – und ja, solide inszeniert und in gewissem Maße schonend für jugendliche Gemüter hat Caroline Link hier das Drama von Flucht, permanenter Angst und Heimatverlust auf ein vernünftiges Maß an Intensität heruntergebrochen. Verständlich, nachvollziehbar, für Kinder das Abenteuer eines Ausnahmezustandes, der Stress verursacht.

Der Pfad von Tobias Wiemann (u. a. Amelie rennt) ist ebenfalls so ein Film, gemacht für Jugendliche, gefällig in seinem Drama und auffallend gnadenlos hinsichtlich einer omnipräsenten Bedrohung, die den beiden Kindern gefühlt aus allen Richtungen auf die Pelle rückt. Sehr bald auf sich allein gestellt, müssen sie einen Zustand meistern, den man normalerweise nur aus Fantasyromanen kennt, und dort ist es das Abenteuer des Guten gegen das Böse, mit offensichtlichem Erfolg für ersteres, denn wir leben in einer Welt der Moral in Märchen und Fiktion. Die Realität, die Geschichte Europas, sieht natürlich anders aus. Und so mag das Abenteuer stellvertretend für Gräuel stehen, die nicht mal noch Halbwüchsigen nicht nur die Familie, sondern auch das Leben entreißen will. Dagegen stemmt sich Rolf (Julius Weckauf, großer Durchbruch mit Der Junge muss an die frische Luft – und zwar zu Recht) mit seinem Vater Ludwig (Volker Bruch, Kommissar Gideon Rath aus Babylon Berlin), der als kritischer Journalist Anfang der Vierzigerjahre auf die Abschussliste gerät. Bis nach Paris und dann nach Marseille haben sich beide durchgeschlagen, jetzt heißt es noch über die Pyrenäen und dann an die Küste, wo ein Flüchtlingsschiff wartet und beide in die USA bringen soll, wo bereits die Mutter wartet. Im Rucksack hat Rolf stets ein Buch Erich Kästners: Der 35. Mai. Eine Geschichte, in der alles möglich und auf den Kopf gestellt scheint – in Zeiten wie diesen ein trostspendender, mentaler Support. Mithilfe von Nuria, einer ortsansässigen Bergführerin und selbst noch nicht mal ein Teenager, gelangen sie ins Gebirge – wo das Schicksal sich wenden wird. Und Rolf von seinem Vater Abschied nehmen muss.

Ähnlich wie Wie zwischen Himmel und Erde, Maria Blumencrons selbst verfilmte Erlebnisse einer Flucht aus dem kommunistischen China über den Himalaya will Der Pfad sich ganz sicher nicht nur auf den Survival-Trip zweier Kinder konzentrieren, sondern auch den politischen Aspekt betrachten. Von Menschenschmugglern und Fluchtrouten ist die Rede, von Deals und Bestechung zur Befreiung von Rebellen, die für die gute Sache kämpfen. Und von der Akzeptanz des Unmöglichen, die einhergeht mit dem zwangsläufig viel zu früh geführten Schritt aus der Welt der Kindheit in eine ernüchternd-brutale Realität. Wie Julius Weckauf „erwachsen“ werden muss, weil ihm sonst nichts anderes übrigbleibt, weil auch die Obhut der Eltern fehlt, zeigt sich als stark gespieltes Jugendkino mit dem Herzen am rechten Fleck und einer wunderbaren Chemie zwischen den beiden Jungstars, die zwischen lakonischem Humor und Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit stets die Contenance der Unbeugsamen wahren.

Der Pfad (2022)

Under the Shadow (2016)

DER ERRUNGENE MUT ZUM AUFBRUCH

7,5/10


undertheshadow© 2016 Netflix Österreich 


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, JORDANIEN, KATAR 2016

BUCH / REGIE: BABAK ANVARI

CAST: NARGES RASHIDI, AVIN MANSHADI, BOBBY NADERI, ARASH MARANDI, RAY HARATIAN, ARAM GHASEMY, HAMID DJAVADAN, SOUSSAN FARROKHNIA, KARAM RASHAYDA U. A.

LÄNGE: 1 STD 24 MIN


Wir alle kennen diese Träume, oder besser gesagt: Albträume, in denen wir weit von zuhause weg sind, womöglich auf Reisen, und dann haben wir das Wichtigste vergessen, was immer das auch sein mag, aber es ist etwas Unverzichtbares. Es gibt auch Träume, in denen wir versuchen, von irgendwo wegzukommen, meist aus dunklen Räumen, und jeder Schritt fühlt sich so an, als hätte man kiloweise Blei um die Knöchel. So schleppt man sich zum Licht, kommt aber niemals wirklich voran. Etwas hält uns zurück, in der Finsternis. Ein Trauma, eine Gestalt, eine Geschichte. Etwas Erlebtes. Und dann ist da Babak Anvaris Film. Eine Allegorie auf die Angst, Wichtiges zurücklassen zu müssen. Die Heimat zurücklassen zu müssen, das Zuhause oder das, was mehr ideellen als materiellen Wert hat, denn wir leben nun mal in einer Welt voller Dinge, mit denen wir manchmal unsere Seele teilen.

Für die Flucht weg aus dem eigenen Ursprung braucht es Kraft, Mut und Zähigkeit. Die Flucht ist meist die Reaktion auf den Totalzerfall des Systems – sprich: Krieg. In Under The Shadow lebt Shideh (Narges Rashidi) mit ihrer kleinen Tochter und ihrem Mann zur Zeit des Iran-Irak-Konflikts in Teheran. Die Lage spitzt sich täglich zu, im Nachbarland Irak werden die Raketen Richtung iranischer Hauptstadt in Stellung gebracht. Immer wieder jault die Sirene, um die Bewohner in die Luftschutzkeller zu befehlen. Shidehs Ehemann, ein Arzt, wird eines Tages einberufen – er muss an die Front. Zurück bleiben Mutter und Kind, und doch steht ihnen die Möglichkeit offen, du den Großeltern zu flüchten, außerhalb der Stadt, wo die beiden sicherer wären als hier in diesem kleinen Wohnhaus, wo all die anderen Parteien bereits darüber nachdenken, alles stehen und liegen zu lassen – oder zumindest das meiste. Shideh zögert, doch als eine Rakete das Haus trifft, scheint die Gefahr akuter denn je. So weit, so sehr Kriegsdrama aus der Sicht der Zivilbevölkerung. Wo ist nun der Horror?

Tochter Dorsa ist fest davon überzeugt, dass mit dem ersten Luftangriff und mit den Stürmen, die plötzlich toben, ein Djinn sich ihrer angenommen hat. Und zwar keiner, der, blauhäutig und dauergrinsend, drei Wünsche erfüllt. Sondern etwas Böses, Hinterlistiges. Etwas, das Mutter und Tochter daran hindert, fortzugehen. Das fängt damit an, dass der Djinn die heißgeliebte Puppe von Dorsa versteckt. Ohne dieses Spielzeug ist an Aufbruch nicht zu denken. Und sehr bald schon bleibt es nicht nur bei diesem Schabernack – der Dämon treibt sein Verwirrspiel bis zum Äußersten.

Auf Babak Anvari wurde ich erstmals aufmerksam, als sein perfider und daher auch unberechenbarer Psychothriller I Came By letztes Jahr auf Netflix erschien. George McCay wird da zum Opfer eines sinistren Hugh Bonneville. Einige Jahre zuvor gelingt ihm auch mit diesem subtilen und gewieften Escape Home-Thriller ein regelrechter Geheimtipp, der mit Leichtigkeit Elemente des Horrors mit jenen des Psychodramas aus dem Antikriegs-Genre verschachtelt. Die Metaebene offenbart sich wie der schwarzweiß gemusterte Dschilbab des paranormalen Eindringlings, das erzwungene Verharren am Ort der Gefahr wird zum Sinnbild für Verlust, Abschied und der Furcht davor, selbst zurückgelassen zu werden. So wie der Djinn die Möglichkeiten der Mutter aussetzt, ihren fürsorglichen Pflichten nachzukommen, so wird die Suche nach der Puppe zum innerfamiliären Nervenkrieg. Anfangs offenbart sich Under the Shadow in so pragmatischem Stil, wie ihn Asghar Farhadi gerne anwendet, um dann das Metaphysische im wahrsten Sinne des Wortes durchbrechen zu lassen und einige Jumpscares aufzufahren, die unerwartet passieren und nie zum Selbstzweck verkommen. Sie sind Teil dieses Halbwach-Zustandes, in welchem sich der ganze Film befindet – weil man eben nicht glauben und nur schwer annehmen kann, dass das Leben, wenn Krieg herrscht, in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher ist. All die Ängste, die dazugehören, mutieren dabei zum mythischen Quälgeist.

Under the Shadow (2016)

Emancipation (2022)

DER MEUTE EINS AUSGEWISCHT

6,5/10


emancipation© 2022 AppleTV+


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANTOINE FUQUA

BUCH: WILLIAM N. COLLAGE

CAST: WILL SMITH, BEN FOSTER, STEVEN OGG, CHARMAINE BINGWA, GILBERT OWUOR, MUSTAFA SHAKIR, GRANT HARVEY, RONNIE GENE BLEVINS, TIMOTHY HUTTON U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Nach dem Watschen-Eklat bei der letzten Oscar-Verleihung 2022 (ob er wohl heuer tatsächlich nicht eingeladen wird, trotz sichtbarer Reue?) präsentiert sich Will Smith erstmals wieder in einem Film aus dem Sortiment des Streamingdienstes AppleTV+ – weit, weit entfernt von seiner exaltierten Kunstfigur des Prinzen von Bel Air, dem Buddy aus Bad Boys oder dem Date Doctor, der Kevin James das richtige Werkzeug fürs Anbaggern in die Hände gelegt hat. Seit seinem Oscar-Triumph für King Richard – und auch schon längst davor – sieht der impulsive Charaktermime nur in wirklich ernsten, tieftragischen und verzweifelten Rollen die wahre und einzige Wiege guter Schauspielkunst. So wird auch das von Antoine Fuqua inszenierte Abenteuer- und Historienepos für Will Smith eine Rolle vorgesehen haben, die durch die Hölle gegangen sein muss und immer noch geht, die sich aber dadurch auszeichnet, dass sie wirklich allen Gräueln dieser Welt, allen Zumutungen und Entbehrungen letztlich widerstehen kann, einzig und allein durch den unerschütterlichen Glauben an einen gnadenvollen Gott der Christenheit.

Das klingt pathetisch, das klingt nach Märtyrer zur Zeit der Christenverfolgung, und in gewisser Weise scheint Emancipation auch so ein Film zu sein, der für die historische Figur des Whipped Peter, der aufgrund einer 1863 entstandenen Fotografie seines von Peitschenhieben vernarbten Rückens zu weltweiter Bekanntheit gelangte, eine Art Seligsprechung auszurufen gedenkt. Ein Vorhaben, dem Will Smith, womöglich selbst strenggläubig, nur zu gerne zum Ziel verhelfen mochte. Diesem Peter also, welchem die Flucht aus dem Arbeitslager tatsächlich gelang, folgt Emancipation auf historisch akkurate Weise, ohne scheinbar viel zu verfälschen. Um die Schrecken der Sklaverei auch zu übermitteln, wie es seinerzeit schon Steve McQueen mit Twelve Years A Slave getan hat, legt Fuqua enorm viel Wert auf Opulenz und Ausstattung, gönnt seinem Publikum großzügige Panoramabilder und elegante Drohnenfahrten über den Sumpf. Alles in so stark entsättigten Bildern, dass die Frage aufkommt, warum nicht von vornherein in Schwarzweiß gedreht wurde, wenn schon das bisschen Farbe überhaupt keine Notwendigkeit mehr hat. Das Grün der Vegetation des Sumpfes oder die Gesichter des Sklaven im Schein der Lagerfeuer erscheinen dann doch wie handkoloriert – ein Effekt, den man selten sieht, der für die Wahl der Optik aber ein Grund sein kann. Durch das Weglassen der Farbe bekommt aber auch die dargestellte Gewalt der weißen Herren den Farbigen gegenüber eine andere Dimension. Es entsteht ein Eindruck, als wäre man nicht in den USA, sondern in einem Konzentrationslager der Nazis – Assoziationen mit Schindlers Liste drängen sich auf, und Co-Star Ben Foster, der als wortkarger und gefährlich ruhiger Chefaufseher die bösartige Selbstverständlichkeit eines Amon Göth widerspiegelt, der als Morgensport mit dem Gewehr auf Häftlinge zielt, pfeift seine Hunde zum Halali. Doch hier, in dieser Hölle auf Erden, ist ein Schindler leider fünf Tagesmärsche durch den Sumpf entfernt – nämlich dort, wo Lincoln seine Armeen hat: in Baton Rouge. Peter gelingt es zu fliehen, mit ihm ein paar andere. Ihnen nach: eine vierpfotige Meute, die mit erstaunlicher Genauigkeit die Positionen der Flüchtlinge erschnüffeln kann. Oben im Sattel: Ben Foster, ebenfalls hinterher. Alle treibt es durch die Wildnis, und so sehr sich Peter auch bemüht, seine Verfolger abzuhängen – immer wieder kreuzen sich deren Wege.     

Ja, Will Smith ächzt und stöhnt wie Leonardo DiCaprio in Iñárritus The Revenant. Seine Gesichtszüge verraten Panik, Angst, Stress und Wut. Das Entsetzen und der Irrsinn des nackten Überlebens trägt Smith in dezentem Overacting zur Schau. Eine geschundene, aber willensstarke Seele, doch immer wie eine, die sich in einer Challenge mit der Wildnis messen mag. Fuqua will mit diesem Denkmal für eine Ikone der Emanzipation und dem Ende der Sklaverei aber nicht nur dessen Schicksal zelebrieren, sondern auch den Sezessionskrieg in prächtiger Ausstattung heraufbeschwören – was ihm gelingt. Zwar nicht spiefilmlang, sondern als letztes Kapitel, und von einem martialischen Naturalismus, welcher in der aktuellen deutschen Oscar-Hoffnung Im Westen nichts Neues seinen stilistischen Meister gefunden hat. Emancipation hat also alles, was es für ein Drama aus der finstersten Epoche der USA eigentlich braucht. Und tatsächlich gelingt es Fuqua, eine packende Geschichtslektion zu erteilen, wenn auch das christliche Pathos zu viel dem lieben Gott verdanken will.

Emancipation (2022)

Die Aussprache

DIE ENTBEHRLICHKEIT DER MÄNNER

6/10


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LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: SARAH POLLEY

BUCH: SARAH POLLEY, NACH DEM ROMAN VON MIRIAM TOEWS

CAST: ROONEY MARA, CLAIRE FOY, JESSIE BUCKLEY, BEN WISHAW, FRANCES MCDORMAND, JUDITH IVEY, SHEILA MCCARTHY, KATE HALLETT, LIV MCNEIL, EMILY MICTHELL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Alle Männer sind böse. Zumindest hat das Jessie Buckley zuletzt in Alex Garlands surrealem Kunsthorror Men so erlebt. Jeder Mann, dem Buckley da begegnet war, hat das selbe Gesicht getragen. Wie gruselig. Und beklemmend obendrein. Jetzt ist Jessie Buckley wieder dieser Testosteron-Hydra ausgesetzt. In Sarah Polleys Regiestück Die Aussprache (im Original: Women Talking) ist aber dann doch nicht jeder einzelne innerhalb dieses genitalgesteuerten Patriarchats so richtig schlecht. Ben Wishaw zumindest nicht. Doch der ist aus seiner Sicht ein Verlierer, ein ehemaliger Verstoßener, der nur deswegen zu seiner mennonitischen Gemeinde irgendwo in Bolivien zurückkehren durfte, weil er für jene als Lehrkraft von Nutzen sein kann. Er ist es auch, der Protokoll führt, sitzend auf einem Ballen Stroh, das Notizbuch vor sich liegend und als einziger des Alphabets mächtig. Die Frauen sind das nicht, aber zumindest dem Willen Gottes unterworfen oder besser gesagt jenem Willen, denn die evangelische Freikirche den Männern zugestanden hat. Man sieht wieder: Religion und Gleichheit vertragen sich nicht. Und haben es niemals getan. 

Und eines Nachts ist es dann passiert: Einer der Männer aus der Gemeinde wird während eines sexuellen Übergriffs ertappt – um sich aus der Sache rauszuwinden, verpfeift er alle anderen, die dasselbe getan haben – jahraus, jahrein. Der Glaube sagt: duldet nur, dafür kommt ihr ins Himmelreich. Die Frauen meinen: Mumpitz, so geht das natürlich nicht weiter. Also werden all die Männer angeklagt, die übrigen versuchen, eine Kaution für all die Verbrecher zusammenzubekommen, also bleiben nur die Frauen in der Gemeinde zurück, um zu beraten, was sie nun tun sollen. Da gibt es drei Möglichkeiten: Alles so belassen wie es war und den Männern vergeben (was die Freikirche auch verlangt), zu bleiben und zu kämpfen oder alles Notwendige zusammenzupacken und wegzuziehen. Irgendwohin, wo keine Männer sind, denn die sind ohnehin entbehrlich. Über das Für und Wider zur kommenden Entscheidung wird diskutiert, geredet und geweint, geschrien und gelacht. Dann wieder vorgeworfen und um Verzeihung gebeten. Am Ende wird der Schlussstrich in welcher Form auch immer gezogen werden. Hoffentlich aber im Sinne der Menschlichkeit, der Gleichheit und der Freiheit für das weibliche Geschlecht.

Woher die Kraft beziehen, um die Konventionen zu brechen? Woher den Mut zur Selbstbestimmung? Sarah Polley (u. a. Take this Waltz) will Antworten und hat sich dem auf Tatsachen beruhenden Roman von Miriam Toews angenommen, der sich aber weniger nach Prosa sondern vielmehr nach Bühne anfühlt. Kann sein, dass im Roman die Vorgeschichten der dargestellten Frauen ebenfalls geschildert werden, doch man kann sich insofern glücklich schätzen, in Polleys Film fast keinen Gewaltdarstellungen ausgesetzt zu sein. Auf Vergewaltigung, Missbrauch von Minderjährigen und Schlägen ist man ohnehin nicht neugierig. Es ist mehr als genug, zu sehen, welche Narben und Wunden all die Frauen zu ihrer Aussprache mitbringen. Das reicht von der ungewollten Schwangerschaft bis zum womöglich aus Inzest entstandenen, missgestalteten Kind. Dazwischen Blessuren und blutende Unterleiber. Die wenigen Momente, in denen wir Zeuge von solchem Gräuel werden, reichen, um sowieso einen Hass auf alles Männliche (mit Ausnahme von Ben Wishaw) zu entwickeln, umso mehr auch deswegen, weil Männer ansonsten in diesem Film gesichtslos bleiben und auch keine Chance bekommen, sich zu äußern. Ist das aber nicht eine viel zu einseitige Darstellung? Könnte man meinen – doch kein einziges Wort würde solche Gewalt rechtfertigen. Missstände wie diese lassen sich in einer erzkonservativen Männerwelt leicht für möglich halten. Demnach hätte dem Film auch daran gelegen sein müssen, mit den erstarrenden Dogmen einer Freikirche aufzuräumen, von denen es viele gibt in den Vereinigten Staaten, und die reaktionärer nicht sein könnten. Doch Gott weist hier immer noch den Weg, die Frauen wollen ihm näher sein, hinterfragen aber viel zu wenig ihre eigene Position innerhalb ihres Glaubens. Was sie bewegt, ist die Frage des Befreiens, weg vom Mann. Die Abstimmung um die Ausgliederung aus einer Paargesellschaft gestaltet sich in entsättigten, dunklen Bildern und mutet an wie das Dialogdrama der Zwölf Geschworenen von Reginald Rose – nur im #MeToo-Kontext. Bis alle einer Meinung sind, vergehen Stunden des Diskurses, doch vieles dreht sich auch im Kreis. Wirklich in die Tiefe gehen die Gespräche nicht.

Doch was zählt, ist das aufgebrochene, verkrustete Machtsystem. Polley hilft ihren gezeichneten Gestalten behutsam aus dem Sumpf des Leidens und sucht den Neuanfang; mal panisch, mal resignierend, mal zuversichtlich. Die Aussprache scheint vieles, was zur #MeToo-Thematik filmisch bereits dargestellt wurde, zusammenzuzählen und auf gleichen Nenner zu bringen. Die Konsequenz daraus mag vielleicht nicht unbedingt die richtige Lösung sein. Aber zumindest eine, die auf idealistische Weise etwas verändern kann.

Die Aussprache

The Contractor

AM ARBEITSMARKT FÜR VETERANEN

7/10


thecontractor© 2022 Leonine Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TARIK SALEH

CAST: CHRIS PINE, BEN FOSTER, GILLIAN JACOBS, EDDIE MARSAN, KIEFER SUTHERLAND, J. D. PARDO, NINA HOSS, FLORIAN MUNTEANU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


In The Gray Man erzählen Joe und Anthony Russo von einem Ex-Sträfling, der als Auftragskiller vom CIA rekrutiert wird – und irgendwann die moralische Integrität des Geheimdienstes hinterfragt. Schlecht für ihn, denn kurz darauf sind die besten Killer hinter ihm her, um den vermeintlichen Whistleblower auszuschalten. Entstanden ist ein Thriller, der als teuerster Netflix-Film aller Zeiten gilt und nebst gut aufgelegten Schauspielern allerdings eine recht seichte und oft kopierte Story erzählt. The Contractor mit dem sympathischen Chris Pine in der Titelrolle konstruiert eine ganz ähnliche Geschichte, nur weitaus weniger auf Hochglanz und lässt viel mehr Raum für psychologische Entwicklungen. Kurz gesagt: The Contractor ist der bessere Film. Auch wenn das Szenario im Grunde nicht ganz neu ist, gelingt dem Schweden Tarik Saleh, der mich bereits mit dem Politthriller Die Nile Hilton Affäre überrascht und beeindruckt hat, das differenzierte Psychogramm eines Mannes, der wohl in Sylvester Stallones Expendables-Runde gerne angeheuert hätte und auch dort nicht groß aufgefallen wäre. Nur hier, in diesem Thriller, hat selbstironischer Humor keine Bühne, was weise entschieden wurde, denn Augenzwinkerei hätte dem Film seine Intensität genommen.

Als physisch angeschlagener Nahost-Kriegsveteran bemüht sich der ehemalige Special Forces Soldat James Harper mit allen Mitteln – und sind es auch Aufputschmittel aller Art – wieder in den aktiven Dienst aufgenommen zu werden. Körperliche wie seelische Belastungen haben allerdings ihren Tribut gefordert, und so bleibt dem eigentlich gebrochenen Familienvater und Ehemann nichts anderes übrig, das Angebot eines ehemaligen Kollegen anzunehmen, in einer Söldnertruppe anzuheuern, die gutes Geld bringt. Bitter nötig hätte er es, stapeln sich doch die unbezahlten Rechnungen auf dem Küchentisch. Der erste Einsatz in Berlin wird dann auch gleich zum Wendepunkt im Leben des ewigen Kämpfers, der sich plötzlich von allen Seiten verraten fühlt und versuchen muss, während er permanent auf der Flucht ist, die finsteren Machenschaften seines Auftraggebers aufzudecken.

Neben Chris Pines überzeugendem Spiel, welches ihn aus meiner Sicht ohne weiteres (und gemeinsam mit seinem Auftritt in Der Anruf) in die engere Auswahl zum nächsten James Bond manövriert, sammeln sich noch andere Charakterdarsteller, die mitunter undurchschaubar agieren, so wie Ben Foster oder Eddie Marsan. Am offensichtlichsten nicht ganz astrein und recht konventionell bleibt Kiefer Sutherlands Figur – doch immerhin freut es, das Zugpferd aus 24 Hours auch mal auf der anderen Seite und abgesehen davon überhaupt wieder in einem Film zu sehen. Als europäische Ergänzung darf Nina Hoss als zugeknöpfte Mittelsfrau agieren – alles in allem also ein stimmiges Ensemble in ebenso stimmigen und manchmal auch gnadenlos konsequenten Szenen, die sich davor hüten, gefällige Drehbuchversatzstücke zu integrieren und sich dahingehend zu bequemen, etwaige Wendungen an den Haaren herbeizuziehen. Dadurch erhält The Contractor genug Ecken und Kanten, wenn schon nicht die Ambivalenz der Figuren für die Gewährleistung eines Thrillers, der am Schlachtfeld globaler Verstrickungen als schwer einzunehmende Bastion gilt, ausreichen würde.

The Gray Man kann man sich ohne weiteres ansehen. The Contractor aber ist erdiger, schmutziger und zehrt außerdem mehr an den physischen Ressourcen der überrumpelten Figuren. Wenngleich der Showdown wie über den Kamm geschoren wirkt und tatsächlich mehr zu Stallone passen würde, kommt zumindest die Action letzten Endes auch nicht zu kurz. Ein Umstand, der die vielleicht manchmal zu lakonische Dramaturgie aus der Reserve lockt.

The Contractor

Galveston

VOM INSTINKT DES BESCHÜTZERS

6,5/10


galveston© RLJE Films


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: MÉLANIE LAURENT

CAST: BEN FOSTER, ELLE FANNING, LILI REINHART, ADEPERO ODUYE, ROBERT ARAMAYO, MARÍA VALVERDE, BEAU BRIDGES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Wir kennen Mélanie Laurent doch spätestens nach ihrem Auftritt in Quentin Tarantinos virtuosem Fake-History-Thriller Inglourious Basterds, in welchem Hitler und seine Schergen den Flammentod im Kino sterben. Zuletzt gab sie sich recht beengt im Science-Fiction-Kammerspiel Oxygen von Alejandro Aja, welches auf Netflix zu sehen ist. Dass die charismatische Französin allerdings auch Regie führt – und das nicht nur aus einer Laune heraus, weil Schauspieler einfach mal alles gemacht haben müssen, sondern weil ihr das vermutlich genauso liegt wie Clint Eastwood – war mir allerdings nicht bewusst. Bis letztes Jahr, als ihr neuestes Werk Die Tanzenden erschienen war – ihre sechste Regie. Die vorletzte Arbeit gibt’s nun hier bei mir in meiner Review: Galveston – Die Hölle ist ein Paradies. Wobei der deutsche Untertitel so gut wie gar nichts über das existenzialistische Roadmovie aussagt. Hölle und Paradies – das kann alles sein. Zu generisch, um wirklich Sinn zu machen. Und Galveston? Das ist eine Stadt in Texas.

Dorthin muss Ben Foster alias Roy, ein Handlanger und Killer für einen abgeschleckten Mafiaboss im Zwirn (ölig: Beau Bridges), der in eine Falle tappt, da man ihn loswerden will. Irgendwie bekommt der abgehalfterte Säufer gerade noch die Kurve und rettet dann auch noch so ganz nebenbei eine Prostituierte namens Rocky, die gar nicht weiß, wie ihr geschieht. Die beiden sind also on the road, vermutlich sind längst böse Buben hinter ihnen her. Roy will nach Galveston, um dort Zuflucht zu suchen. Auf dem Weg durchs amerikanische Hinterland, gesäumt von Motels und früheren Erinnerungen, werden beide mit ihrem ganz persönlichen Trauma konfrontiert. Und da ist noch Rockys junge Schwester, die plötzlich mit von der Partie ist – und alles verändern wird.

Galveston sieht anfangs so aus, als wäre er von der Sorte wie zum Beispiel Thelma & Louise, Wisdom – Kühles Blut und Dynamit oder Nicht mein Tag: Zwei, die sich zusammenraufen, fliehen im Auto vor einer Übermacht. Ob Polizei oder das organisierte Verbrechen, ist ganz egal. Nur: Die Verfilmung des Romans von Jim Hammett (lieferte den Content für True Detective) schlägt immer mal wieder die subtileren Töne eines Psychodramas an, in welchem es um sehr viel mehr geht als nur darum, mit brummenden Motoren auf die Ideale der eigenen Existenz zuzusteuern. Ben Foster und Elle Fanning halten viel öfter inne als zu vermuten wäre, ihre Figuren entwickeln sich in überraschender Deutlichkeit. Beide folgen ihrem Beschützerinstinkt und steuern auf das Ideal eines familiären Konstrukts hin, das als einziges dafür taugt, wechselwirkend Halt zu geben in einer trostlosen Gesamtsituation. Laurent gelingt es, diese Dynamik, die hinter einem augenscheinlich routinierten Thrillerdrama liegt, freizulegen. Somit ist Galveston vor allem in seiner peripheren Ausstattung keine tadellose Kreativleistung, im Kern der Geschichte erklingen aber einige Takte eines zutiefst melancholischen Blues-Songs.

Galveston