Das etruskische Lächeln

MIT OPA AUF AUGENHÖHE

5,5/10

 

etruskischeslaecheln© 2018 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIHAL BREZIS, ODED BINNUN

CAST: BRIAN COX, ROSANNA ARQUETTE, JJ FEILD, THORA BIRCH U. A.

 

Das österreichische Gesangstrio STS hat ihn bereits besungen, und Heidi wüsste nicht, wo sie ohne ihren knorrigen Almöhi abgeblieben wäre: Es ist die Rede vom Großvater, gemeinsam mit Oma eine familiäre Institution, und die Bindung zwischen Enkel und selbigem kann manchmal sogar noch jene mit dem eigenen Erzeuger in den Schatten stellen. Zu Großvätern geht man, wenn die Paradigmen der Erziehung andere sein sollen, wenn sich die Betrachtung der Welt mal auch aus anderem Blickwinkel aufdrängen will. Gelobt sei da der frische Wind, der festgefahrenen Alltagsmanierismen die Scheuklappen abnimmt. Ungefähr so wie in dem Generationendrama Das etruskische Lächeln, einem Roman des Spaniers Jose Luis Sampedro. Verfilmt wurde die Geschichte von den beiden israelischen Filmemachern Oded Binnun und Mihal Brezis, deren Kurzfilm Aya 2012 für den Oscar nominiert war. In der Hauptrolle: Charakterdarsteller Brian Cox mit blanker Sohle und Dreitagebart, und wenn das Bad im kühlen Atlantik genommen werden soll dann sogar komplett textilfrei. Dieser knurrige alte Eremit, der da an der Küste auf einer Insel der Äußeren Hebriden seinen Lebensabend verbringt, kommt bald unfreiwillig in den Genuss der eigenen Familie, von der er sich doch eigentlich losgesagt zu haben scheint. Gesundheitliche Probleme allerdings zwingen ihn dazu, wieder Kontakt zum Sohnemann aufzunehmen, der noch dazu als frischgebackener Papa des kratzbürstigen Neo-Opas sensible Seiten wachkitzelt. Und nicht nur das – das urbane New York birgt sogar noch einen späten Frühling fürs Herz.

Erstaunlich an diesem Film ist, dass er sich geografisch sehr schwer einordnen lässt. Durch den wuchtigen und erzschottischen Brian Cox mit gälischem Wortschatz bin ich zweifelsfrei der Meinung, hier einen ebensolchen Film vor mir zu haben. In Wahrheit aber ist Das etruskische Lächeln ein amerikanischer Film, inszeniert von israelischen Künstlern, basierend auf einer spanischen Vorlage. Das Lächeln selbst, von welchem hier die Rede ist, finden wir auf den Sarkophagen der alten Etrusker – wer die menschlichen Darstellungen der frühen Italiener vom vielleicht letzten Museumsbesuch noch in Erinnerung hat, weiß, dass diese schlicht modellierten Gesichter zufrieden lächeln, als wären sie von einer inneren Ausgeglichenheit, die jeder Herausforderung spielerisch trotzt. Selbst im Tod ist dieses Lächeln präsent – als wäre das Ableben der Anfang von etwas ganz Großem. Vor so einem dieser Skulpturen steht also dieser Rory MacNail, in einem New Yorker Kunstmuseum, und lernt noch dazu die attraktive Claudia kennen (lange nicht auf der Leinwand: Rosanna Arquette). Vieles scheint sich im fortgeschrittenen Leben des Schotten doch noch zum Guten zu wenden, bevor die Diagnose Krebs ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen bald schon unmöglich macht. Oder doch nicht?

Das etruskische Lächeln kommt über den Reiz eines konventionellen Melodrams, das stellenweise so glatt wirkt wie ein Fernsehfilm, nicht hinaus. Da ändert auch der Schauplatzwechsel und die durchwegs solide Besetzung nichts. Obwohl Vater und Sohn genug Reibungsfläche aufbieten, fehlt hier die Reibung. Es fehlt der richtige Konflikt, oder das ganz große Drama, stattdessen mangelt es, wie bei TV-Produktionen meist das Problem, an dramaturgischer Griffigkeit. Die Momente zwischen Großvater und dem kleinen Enkel sind zwar liebevoll in Szene gesetzt, berühren aber nur bedingt – vielleicht, weil Urgestein Cox nicht nur die Familienbande neu knüpfen muss, sondern auch die der Liebe, für die es natürlich nie zu spät sein kann. Und Heimweh an die wilde Küste kommt auch dazu – zuviel für den alten Mann, und zu viel Unruhe, um einen ruhenden Erzählfokus zu erzeugen. Das lässt das Ganze oberflächlich wirken, was es aber eigentlich nicht ist. Jedenfalls ist das Miteinander der Generationen von Enkel, Sohn und Vater das Herzstück dieser Verfilmung, und der Sprung ins kalte Wasser direkt spürbar – wie sinnbildlich man das auch verstehen mag.

Das etruskische Lächeln

Nach einer wahren Geschichte

LASS DICH VON DER MUSE KÜSSEN

6/10

 

NACH EINER WAHREN GESCHICHTE© 2018 Studiocanal

 

LAND: FRANKREICH 2017

REGIE: ROMAN POLANSKI

CAST: EMMANUELLE SEIGNER, EVA GREEN, VINCENT PEREZ U. A.

 

Wie flötete die deutsche Band Relax in den Achtzigern nicht so schön: „A weißes Blattl Papier, das liegt scho Stunden vor mir…“ Treffender könnte ich es auch nicht formulieren, wenn es darum geht, den kreativen Stillstand von Delphine de Vigan in knappe Worte zu fassen. Die Bestseller-Autorin, die tut sich für ihr neues Werk sichtlich schwer. Denn es soll nicht irgendein Buch werden, es soll sogar noch besser werden als der heißgeliebte Vorgänger, für welchen Delphine stundenlang Autogramme und Interviews geben muss. Autoren sind da ordentlich unter Druck, Erwartungen zu erfüllen und Gewesenes zu toppen. Da kann man von Glück reden, wenn da plötzlich jemand ist, der Tür und Tor öffnet für neue Ideen. Doch dieser jemand ist sonderbar genug, um ihn vielleicht sogar als Hirngespinst abzutun, als eine aus dem Nichts erschienene Muse, die nur sichtbar ist für die Künstlerin selbst – oder doch nicht? Ist Elle, wie sich die Fremde und bald unangenehm Vertraute nennt, nicht doch so real wie alle anderen? Doch warum ist sie allgegenwärtig, während all die anderen sozialen Kontakte sich bald rar machen? Und warum hat Elle vis a vis von Delphines Wohnung Unterkunft bezogen? Zufall? Oder ist es der kranke Geist eines manischen Fans, der die Wortgewandte stalkt und endlich zum Schreiben des einzig wahren, großen Romans nötigt?

Die Kritiker waren diesmal wenig angetan von Roman Polanskis jüngstem Film. Amerikas Persona non Grata, mittlerweile auch schon weit über 80 Jahre alt, besinnt sich allerdings – und das ist für manche, die seine frühen Werke nicht kennen, vielleicht nicht sofort zu erkennen – auf die Wirkung seiner psychologischen Suspense, wie er ihn bereits in Der Mieter oder Ekel famos zur unverwechselbaren Handschrift ausformuliert hat. Natürlich ist Der Mieter, mit Polanski selbst in der Hauptrolle, um ganze Zinshäuser erschreckender und beklemmender. Auch Ekel ist um Längen dichter und intensiver als Nach einer wahren Geschichte. Warum aber die unheilvolle Schreibblockade einer Schriftstellerin, die tatsächlich existiert und tatsächlich diesen Roman über sich selbst geschrieben hat, dennoch seinen ganz eigentümlichen Reiz hat, das liegt in der Absenz einer definierten Wahrheit. Ob alles nur Einbildung ist oder die einnehmende Seelenverwandte real ist, bleibt Vermutung. Fakt ist zumindest, dass Delphine dank ihrer Home-Invasorin, die noch dazu wie selbstverständlich Kost und Logis fordert, wirklich wieder das Schwarze aufs Papier bringt. Und das ist nicht unbedingt die große, innere, einzig wahre Autobiographie von Delphine selbst, sondern etwas ganz anderes. Etwas, das gefährlich werden kann. Und es dauert nicht lange, da stellt sich sowas wie Abhängigkeit ein, ein Gefüge aus Meister und Diener.

Was so klingt wie Stephen King´s Misery, ist ansatzweise tatsächlich so. Nur leiser, versteckter, fast unauffällig ereignislos. Knochen splittern hier keine, dafür aber bleibt der Schreiberling da wie dort ans Bett gefesselt und ist der Gnade oder Ungnade eines monströsen Egos ausgeliefert. Das Heil in der Flucht sucht Polanski´s Ehefrau Emmanuelle Seigner aber nicht vor gekränkter Wut, sondern eigentlich vor sich selbst und ihrer Verantwortung den Lesern gegenüber. Schreiben ist also immer noch ein Zwiegespräch mit sich und seinen inneren Dämonen, Ängsten und einem tadelnden Gewissen. Aber auch das ist nur eine Auflösung von vielen, die diese seltsamen Vorkommnisse erklären können. Nach einer wahren Geschichte ist ein astreiner Polanski, das merkt man an den Dialogen, an der schwelenden Paranoia des Alltags. Fast aber hätten Seigner und Eva Green das Vorhaben des polnischen Meisters konterkariert. Das Spiel von Ex-Bond-Liebe Eva Green ist zu offensichtlich maskenhaft, Subtilität fehlt hier ganz. Und Emanuelle Seigner wirkt manchmal zu verschlafen, um die bizarren Umstände auch wirklich in vollem Ausmaß wahrzunehmen. Das lässt das Psychospiel manchmal zu schleppend wirken, und oft tritt Nach einer wahren Geschichte auf der Stelle, wenn Polanski zu betont alles im Unklaren lassen will. Wer den bewährten Grundtonus seiner intellektuellen Paranoia-Krimis aber zu schätzen weiß, wird am Ende doch versöhnlich schmunzeln.

Nach einer wahren Geschichte

Colette

HOSEN FÜR DIE DAME

6,5/10

 

colette© 2018 DCM

 

LAND: USA 2018

REGIE: WASH WESTMORELAND

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, DOMINIC WEST, ELEONOR TOMLINSON, FIONA SHAW U. A.

 

Wo ein Willy, da ein Weg. Zumindest war das damals so, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und zwar in Paris. Unter dem Pseudonym Willy konnten nämlich begabte Autoren, die sonst keinen Weg gefunden hätten, um sich selbst zu veröffentlichen, ihr Erdachtes, Geschriebenes und gern Pikantes an die gehobene Gesellschaft der mondänen Hauptstadt bringen. Willy, wie sich Henry Hauthier-Villars offiziell nannte, war selbst kein Meister seiner Zunft, aber ein Meister, wenn es darum ging, die Werbetrommel zu rühren und die Werke anderer zu publizieren. Denn Willy, das zog. Der Name des Adabeis war in aller Munde, jeder kannte Willy, auf noblen Partys und am Theater. Die Seitenblicke hätten sich da um ein paar Minuten des Small Talks womöglich gerne geprügelt. Willy war ein Mann, wie er damals zu sein hat. Jovial, charmant, belesen und – elegant chauvinistisch.  In Wash Westmoreland´s gediegener Biografie spielt der von Dominic West souverän verkörperte Mann von Welt eine nicht untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil: ohne Willy wäre Sidonie-Gabrielle Colette nicht zu der Art von Frau geworden, wie sie zur Zeit des Fin de Siecle noch als relatives Panoptikum angesehen wurde.

In Antiquariaten und Büchermärkten sind mir die gebundenen Hardcover-Schmöker ihres Namens relativ häufig unter die Finger gekommen. Von Claudine erwacht über Claudine in Paris bishin zu Gigi (wohl die bekannteste Verfilmung von Colettes Werken, Regie: Vincente Minnelli) hätte ich einen Grossteil ihres Repertoires im besten Wortsinn abstauben können. Mein Interesse lag aber damals eher beim Expressionismus, weniger bei den Coming of Age-Erzählungen eines Mädchens vom Lande. Doch was ich bisher noch nicht wusste und mich auch verblüffte, war, dass sich die Figur der Claudine damals zu einem regelrechten Hype entwickelt hat. Dem vermögensverprassenden Willy, der gerne ins Casino ging und allerhand sündteure Antiquitäten in die eheliche Wohnung karrte, gelang mit Colettes Werken ein regelrecht literarischer Blockbuster, obwohl er den damaligen Zeitgeist nicht sofort mit den verfassten Inhalten Colettes in Verbindung bringen konnte. Die Künstlerin blieb weiterhin ungenannt. Colette stand anfangs noch im Schatten ihres Gatten, und dass eine Frau künstlerisch gesehen und abgesehen von anzüglichen Auftritten im Variete den Nerv der Zeit hätte treffen können, daran dachte damals niemand. Was sich aber logischerweise änderte, sonst gäbe es die Filmbiografie von Colette nicht, lässt sich der Trend biographischer Frauenfiguren, die das Ringen um Gender-Gleichheit schon Dekaden früher vorwegnahmen, im Kino doch klar erkennen.

Colette kam in erster Linie aufgrund von Keira Knightley auf meine Watchlist. Die so vielseitige wie engagierte Schauspielerin ist nicht nur als heranreifendes Autorentalent ideal besetzt – die Entdeckung ihrer sexuellen Identität und die gesellschaftliche Auswilderung ihres intellektuellen Bewusstseins waren biographische Wendepunkte, denen auch Knightley meinungsmäßig, wie es scheint, beigepflichtet haben könnte. Colette selbst wäre womöglich recht stolz auf ihre Interpretation. Was aber nur die halbe Miete des Filmes ist. Auf der anderen Seite steht Dominic West – auch er meistert den Lebemann und Hedonisten mit selbstverständlichem Hang zur zärtlichen Unterdrückung. Beide, Knightley wie West, harmonieren in der ganzen Bandbreite ihrer Diskrepanzen und Intimitäten in einem gefälligen, gegenseitig den Ball zuspielenden Rhythmus. Die Chemie stimmt also außerordentlich – und der Film selbst? Der ruht im Setzkasten klassischer Filmbiographien. Liebevoll ausgestattet, ein Streifzug durch die Geschichte ausgesuchter Mode, welche die Haute volée wohl gerne so getragen hat. Bis sich der Stil bei Colette selbst komplett ändert – und sie aus der schicken Bourgeoisie trendsetzend heraus- und auffällt.

Etwas schwer tut sich Colette – also der Film – vor allem anfangs. Da flaniert das elegante Biopic sonnenschirmdrehend vor sich hin, ohne dem Kern der Geschichte näherzukommen. Das sind Längen, schön gefilmt zwar, aber relativ ereignislos. Bis Colette – nun die Person – sich selbst entdeckt, und das ist gefühlt im letzten Drittel des Films. Bis dahin heißt es: Sitzfleisch bewahren, denn es zahlt sich durchaus aus, etwas über das Schicksal einer Persönlichkeit zu erfahren, die als die größte Schriftstellerin Frankreichs gilt. Wissenslücken werden mit Colette geschlossen. Und Claudine, sofern es mir wieder mal in die Hände fällt, aufmerksamer durchgeblättert.

Colette

Am Strand

GESTERN, HEUTE, MORGEN

7,5/10

 

amstrand© 2000-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DOMINIC COOKE

CAST: SAOIRSE RONAN, BILLY HOWLE, EMILY WATSON, ANNE-MARIE DUFF U. A.

 

Harry & Sally haben schon in den 80ern versucht, zu beweisen, dass nicht gleichgeschlechtliche Freundschaften ohne sexuelle Komponente einfach nicht möglich sind. Da gab es damals noch genug zu schmunzeln. Das gibt es 2018 mit der Verfilmung der 2007 entstandenen Novelle Am Strand von Autor Ian McEwan nicht mehr. Wobei die Geschichte zweier Liebender eine ganz andere ist. Aber doch sehr viel mit Freundschaft, Partnerschaft und letztendlich Sex zu tun hat. Und dieser Sex, dieses große Tabuthema, dieses Etwas, worüber Mann und Frau nicht spricht, schon gar nicht Anfang der 60er Jahre – der kann vielmehr oder alles ruinieren anstatt auch nur irgendetwas zu richten. Und das, bevor er überhaupt jemals Teil einer Beziehung wird. Denn eine Beziehung, keine freundschaftliche, sondern eine eheliche – die will natürlich vollzogen werden. Das langjährige Partnerschaften irgendwann fast oder ganz ohne Intimitäten auskommen können, ist sicherlich, so wage ich zu behaupten, keine Seltenheit. Deshalb muss eine solche nicht gleich vor der Kippe stehen, sondern, ganz im Gegenteil, beständiger sein als andere. Das Partnerschaften gleich anfangs Probleme damit haben, Intimitäten zu leben, ist dann doch eher selten. Und vielleicht auch ein Grund zur Trennung. Denn ganz so nebensächlich ist Lust und körperliche Liebe ganz sicher nicht. Vor allem auch, wenn Nachwuchs geplant werden will. Da aber in den prüden frühen 60ern Sex so gut wie unkommentiert bleibt, führen unterschiedliche Erwartungshaltungen zu schwerwiegenden Missverständnissen, die sogar taufrische Bündnisse fürs Leben nach nur wenigen Stunden bereits in den Abgrund stürzen.

Dieses Dilemma aus Erwartung, Angst und ehelichen Pflichten ist dann auch das Fallbeil, dass auf die kokette Florence und ihren angetrauten, selbstzweifelnden Edward niedersaust. Die Zukunft, die sich beide wohl in ihrer ungestümen, jugendlichen Phase des Kennen- und Liebenlernens wohl ausgemalt haben, wird urplötzlich schwarz überpinselt, als in einem Hotel am Chesil Beach die innersten Befürchtungen der beiden nach außen gekehrt werden. Nämlich, dass Zuneigung und Vertrauen eine Sache sind, sexuelles Begehren eine andere. Und dann kommt der point of no return, wenn das flitterwöchentliche Himmelbett nur darauf wartet, eingeweiht zu werden. Plötzlich sind sich die beiden Turteltauben fremder denn je. Der Druck, alles richtig zu machen, trifft auf die Furcht vor dem Koitus an sich, und nichts ist mehr so, wie es am Tage zuvor noch war. Dem Versagen von beiden Seiten folgt die Erkenntnis eines verheerenden Scheiterns, sowohl auf kommunikativer als auch auf emotionaler Ebene.

Regisseur Dominic Cooke findet für seine so behutsame wie ansprechende Verfilmung von McEwan´s Novelle berührend anmutige, expressive Bilder. Ganz besonders die Schlüsselszenen am Strand vor regenschwerer Wolkenbank, davor ein Boot und Saoirse Ronan in blauem Kleid. Es sind Stimmungen wie aus den Bildern eines Edward Hopper, Neue Sachlichkeit trifft auf reduktionistische Poesie. Billy Howle als der entrüstete Bräutigam Edward sagt Worte, die irreparablen Schaden anrichten, bis er gar nichts mehr sagt. Und Kompromisse für ein Lebensglück kein Thema sind. Ronan, zuletzt in Lady Bird wirklich überzeugend resolut und verträumt, verleiht ihrer jungen Florence, die mit einer dunklen Vergangenheit hadert und sich nach bedingungsloser Nähe sehnt, so etwas wie verzweifelte Zuversicht, sofern es so etwas gibt. Bis diese im Sand verläuft und bitterer Enttäuschung weicht. Beide Protagonisten meistern trotz ihrer Verantwortung für das Gelingen dieses Filmes ihre Rollen mit zielsicherem Gespür für Situationen und dem gesellschaftlichen Umfeld einer Zeit lange vor deren Geburt. Am Strand hat fast schon epischen Charakter, erzählt in stetem Wechsel von vergangenen Momenten und der Zukunft eines versäumten Lebens. Und von einer Chance, die niemals wiederkehrt und einem gemeinsamem Glück, das womöglich funktioniert hätte, hätten beide einander zugehört. Am Strand ist die Schilderung eines Lebens, in der zwei Liebende irgendwann nichts mehr voneinander wussten und zugeschlagene Türen nicht mehr zu öffnen sind. Ein schöner, schmerzlicher, faszinierender Film über Erwartung und Enttäuschung. Nicht wirklich erbaulich, dafür aber sehnsüchtig, wie der Blick aufs Meer, vom Strand aus.

Am Strand

Das krumme Haus

DIE SIPPE AN DER KIPPE

7/10

 

krummehaus© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: GILLES PAQUET-BRENNER

CAST: MAX IRONS, GLENN CLOSE, TERENCE STAMP, STEFANIE MARTINI, CHRISTINA HENDRICKS, GILLIAN ANDERSON U. A.

 

Der König ist tot, lang lebe der König – oder zumindest das, was von ihm übrig blieb. Und das sind meist materielle Dinge, ein schier unendliches Vermögen in bar oder ganze Immobilien. Ist man klug, huldigt man dem Obersten schon Zeit seines Lebens aus diesem einem Zweck, nämlich ordentlich etwas abzustauben, wenn es soweit ist, das Zeitliche zu segnen. Das nennt sich Erbschleicherei, und manche können das wirklich gut. So wie diese liebe Familie in Agatha Christie´s zu Unrecht eher weniger bekanntem Roman, die schon so etwas wie eine Monarchie im Kleinformat vertritt. Über allem ein Patriarch, der die Strippen zieht und alle Untertanen kaum merkbar manipuliert. Diese Untertanen, die bewohnen das sogenannte krumme Haus – ein Anwesen, dafür würden Papapsychologen aus aller Welt an die alten Pforten klopfen. Das es in diesem schlossähnlichen Gemäuer nicht spukt, ist fast eine vertane Chance. Unheilvoll ist es aber trotzdem, mit all seinen Türmchen, gotischen Bögen und verwinkelten Zimmern, dessen jeweiliges Interieur die Persönlichkeit des Nutzers widerspiegelt. Mal sonnendurchflutet, dann wieder staubig und dunkel. Diese psychovisuelle Begehung des herrschaftlichen Sitzes alleine macht Das krumme Haus zu einer indiskreten Aufwartung, wenn Privatdetektiv Charles Hayward auf Gesuch einer ehemaligen Liebschaft durch die uneigenen Räumlichkeiten schnüffelt, um nacheinander Bekanntschaft mit einer illustren Runde zusammengewürfelter Egomanen zu machen, die sich anmaßen, eine Familie zu sein. Da weiß man wieder, das Blut nicht unbedingt dicker als Wasser sein muß, und das Familie nicht ist, was es auszusuchen gibt. Die geniale Agatha Christie hat sich diese Momentaufnahme eines neidvoll-garstigen Nachbebens nach dem Ableben auch sicher nicht aus den Fingern gesogen. In vielen ihrer Romane sind es augenscheinliche Gemeinschaften, die im Endeffekt nichts gemeinsam haben, gemeinsam aber ausharren müssen, weswegen auch immer. Dieses Miteinander-auskommen-müssen ist die Lunte, die Christie stets sehr geschmackvoll entzündet – und dann brennt sie lichterloh – und niemand ist mehr imstande, das Who is Who richtig einzuschätzen. Falsche Fährten sind die Folge.

Das krumme Haus, behutsam und in keinem Moment übereilt inszeniert von Gilles Paquet-Brenner, ist ein Agatha Christie, wie er im Buche steht. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Psychokrimi lässt sich sicher noch genüsslicher lesen als er anzusehen ist, allerdings ist ein Kinobesuch nicht weniger lohnenswert, denn Brenner macht aus diesem klassischen Whodunit ein langsam überkochendes Kammerspiel voll eleganter Suspense, die mit unheilvoll misstönenden Geigenklängen unterlegt ist. Orientiert an zeitgenössischem Theater, setzt er zwischen den diversen Schlüsselszenen stimmungsvoll verschwiegene Intermezzi, die Gesagtes stark genug wirken lassen. Und die, die etwas zu sagen haben, zeigen sich schauspielerisch nicht weniger von ihrer besten Seite. Schön, auch wieder mal Glenn Close in einer formidablen Rolle als familienältersten Maulwurfschreck zu begegnen. Terence Stamp als knorriger Kommissar könnte den Marple-Krimis entsprungen sein, und sowieso halten sich alle anderen Rollen eines Mysterykrimis adäquat bedeckt. Alles zusammen ergibt einen atmosphärischen Krimispaß, der sich den Traditionen alter Agatha Christie-Verfilmungen hingibt. Das ist tadellos fotografiert und hält in geschickter Balance aus Stimmungen und emotionalen Störfällen, was es verspricht. So wie die ungezählte Wiederholung der Schnüffeleien einer Margareth Rutherford, die in muffigem Samstagnachmittags-Schwarzweiß das Böse hinter bürgerlichem Anstand hervorkehrt. Max Irons ist zwar nicht Miss Marple, aber dennoch ist sein Rätselraten um die wahren Umstände des familiären Thronraubs ein Spiel der Indizien in geschmackvollem wie angenehm unbequemem Ambiente.

Das krumme Haus

Der Trafikant

BOCKIG IN DIE DUNKLEN ZEITEN

6,5/10

 

DER TRAFIKANT© 2018 Tobis Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: NIKOLAUS LEYTNER

CAST: SIMON MORZÈ, JOHANNES KRISCH, BRUNO GANZ, EMMA DROGUNOVA, REGINA FRITSCH, KAROLINE EICHHORN, GERTI DRASSL U. A.

 

Tiefe Wolken hängen über einer fast schon verwunschenen Bucht des oberösterreichischen Attersees, irgendwann in einem Sommer kurz vor dem Einmarsch der deutschen Hitler-Truppen in Österreich. Wie es das Schicksal will, muss der pubertäre Franz seine nicht mal ansatzweise fassbare Zukunft komplett umjustieren und wird, nachdem Mamas Liebhaber vom unvernünftigen Baden im See während eines Unwetters vom Blitz getroffen wird, nach Wien geschickt. Was hat er denn noch verloren in dieser Einöde zwischen Hühnern und dem Schlick unter dem hauseigenen Steg außer seiner eigenen Kindheit? Der Bub muss was G´scheites lernen, in die Welt hinausgehen. Dort in Wien gibt es eine alte Jugendliebe, den Trafikanten Trsnjek, bei dem soll er anlernen, der Bub. Dieser Abschied vom geborgenen Heim unter den Tannen wird niemals wirklich enden, und das Winken mit dem Sacktuch unter Tränen wird immer niedergeschlagener und kraftloser, in dieser Verfilmung eines Romans von Robert Seethaler, die genauso bühnentauglich wäre wie ein Drama von Ödön von Horvath. Sich genauso gegen Windmühlen stemmend, genauso aussichtslos, genauso resignierend.

Der österreichische Regisseur Nikolaus Leytner, unter anderem bekannt für den launigen Kleinganovenschwank Schwarzfahrer mit Lukas Resetarits, hat sich, so äußerten sich zumindest mehrere Kritiker-Stimmen, ziemlich genau – und manchmal fast zu unselbständig – an die literarische Vorlage gehalten. Das kann ich selbst nicht beurteilen, ich habe hier nur den Film vor Augen, und eine Geschichte, die sich mit keiner anderen Quelle des Erzählten herumschlagen muss. Die Möglichkeiten, die sich aber daraus ergeben, fügen sich dem narrativen Rhythmus eines so rustikalen wie braven Volksstückes, und vor allem in den Szenen, die in Wien der späten Dreißigerjahre spielen, entfaltet sich ein gewisser kulissenhafter Charme mit Hang zur wohlsortierten Miniatur, wie ihn seinerzeit der gute Franz Antel in seinem Bockerer ans Set gelegt hat. Ein bisschen was vom aufmüpfigen Fleischhauer kann Der Trafikant zumindest anfangs unter der Ladentheke hervorholen. Johannes Krisch, der sowieso alles spielen kann, sogar und besonders auch ambivalente Schatten wie Jack Unterweger, orientiert sich auf eine Weise an Karl Merkatz, die weder platte Kopie noch Hommage darstellt. Krisch kreiert aus dem Gehabe eines subversiv rebellischen Wieners den ganz eigenen Typus eines teilbelesenen, selbstbewussten und gütigen Kriegsveteranen, der viel Unschönes gesehen hat und weit davon entfernt ist, sich selbst zu verraten. Ohne dieser schillernden Gestalt des famos verkörperten Alt-Trafikanten wäre das düstere Vorabendszenario im Angesicht des bevorstehenden Untergangs ein durch die Bank bemühtes Schauspielkino geworden. Hauptdarsteller Simon Morzé tut, was er innerhalb seiner erlernten Fähigkeiten kann, um glaubwürdig Bockigkeit an den Tag zu legen. Er bleibt aber, wie es das Variétémädchen Anezka immer wieder betont, ein naives „Burschi“, das seine Furcht vor einer unbestimmten Zukunft in unbequemen, entsättigten Traumsequenzen auslebt. Ihm zur Seite der große Bruno Ganz, der sich als Professor Freud in gepflegter Langeweile meist auf seinen unverkennbaren Bartwuchs verlässt und zur Do-it-yourself-Psychoanalyse rät.

Das Bühnenhafte der durchaus nicht billig scheinenden Produktion wird noch verstärkt durch das neben Krisch wirklich Erlebenswerte an dem Film: nämlich die Fulminanz der Ausstattung. Die Inventur sämtlicher Requisitenkammern dürfte dem Aufbau des Sets vorangegangen sein. In der nachgestellten Zwischenkriegs-Trafik finden sich bis ins kleinste Detail liebevoll nachgestelltes Interieur, von den „zärtlichen Magazinen“ in der verschlossenen Schublade bis zu den Postkarten am Tresen. Auch Freuds schmucke Einrichtung in der Berggasse entbehrt nicht eines gewissen kulturhistorischen Werts. In diesem Punkt war das Team ganz bei der Sache. Ihren Höhepunkt findet die Liebe zur Rekonstruktion im Hernalser Rummel, eine Szene wie aus Ferenc Molnar´s Liliom. Der Trafikant ist also akribisches Ausstattungskino im Stile eines Volksstückes, das aber die schildbürgerliche Zuversicht eines Karl Bockerer vermissen lässt. An seiner Statt tritt ein vergebliches Aufbegehren gegen die dunkle Zeit, die in Szenen wie die der berittenen Polizei einen beklemmenden Bogen in die Gegenwart spannt.

Der Trafikant

Der Buchladen der Florence Green

MIT DEM BUCHRÜCKEN ZUR WAND

6/10

 

florence_green© capelight pictures 2004-2018

 

LAND: SPANIEN, GROSSBRITANNIEN, DEUTSCHLAND 2017

REGIE: ISABEL COIXET

CAST: EMILY MORTIMER, BILL NIGHY, PATRICIA CLARKSON, JAMES LANCE U. A.

 

Erst vor Kurzem war in den Nachrichten wieder zu hören, dass das beliebteste Medium zum Lesen von Romanen, Fachliteratur und Ähnlichem immer noch das faden-, klebe- oder ringgebundene Buch ist, mit seinen bedruckten Seiten, Umschlägen, Vorsatzpapieren und dem Klappentext vorne und hinten. Ich muss also keine Sorge haben, dass der Blick in aufgeschlagene Seiten mitsamt seinem olfaktorischen wie haptischen Erlebnis vollends einem sterilen E-Book-Universum weichen muss. Da wäre wohl Florence Green ganz meiner Meinung. Ein Buch daheim im Regal stehen zu haben – was heißt eines, mehrere, ganze Kompendien und Reihen – hat etwas Verbindendes, vor allem mit dessen Inhalt. Und ich kann Florence Green nur beipflichten, wenn sie sagt: Mit einem Buch ist man nie wirklich allein. Da ist was dran. Diese Omnipräsenz von gespeichertem Wissen und verewigten Gedanken ist ein Portal nach außen, ein individuell zusammengestelltes Archiv von Information, die man kennen, wissen oder einfach nur um sich haben will, nur für den Fall. Es fühlt sich gut an, und es fühlt sich auch gut an, in die eine oder andere Buchhandlung zu gehen und Inhaltsangaben auf den Rückseiten von Büchern zu lesen, hinein zu schmökern in den Senf anderer Leute, die noch dazu das Talent haben, zu schreiben. Da ist es meist still, reizarm, inspirierend, ein Ort des Denkens und Nachdenkens. Traurig, wenn dann eine Buchhandlung nach der anderen schließt, nur weil Onlineportale den Wettbewerbsvorteil genießen. Damals, in den 50er Jahren, in welchen Isabel Coixet´s jüngster Film angesiedelt ist, war die Idee von Click&Buy reinste Science-Fiction. Da waren Buchläden das Social Media ohne fahrlässiges Kommentieren, da gab es maximal wohlformulierte Rezensionen in der Tageszeitung. Aber wo keine Buchhandlung, da auch keine Leserschaft, wie zum Beispiel in dem kleinen Küstenort Hardborough, wo das Volk maximal beim Wirten weilt, in die Kirche geht oder an Straßenecken smalltalkt. Die bibliophile Witwe Florence Green packt die Marktlücke also am Schopf, mietet sich in ein schmuckes altes Gebäude ein, dass ohnehin schon seit Ewigkeiten leer steht und beschenkt die Bürger der Stadt mit wohlsortiertem Lesestoff.

Allerdings kommt, womit die Frömmste wohl niemals gerechnet hätte, und womit sie in Zukunft auch nicht mehr in Ruhe wird leben können. Die missgünstigen Nachbarn, oder besser gesagt die Reichen, die das Geld haben, um anzuschaffen, die sind plötzlich nicht sehr erfreut. Dabei handelt es sich lediglich um eine einzige Person, eine Grand Dame mit künstlerischen Ambitionen, herrlich affektiert verkörpert von Patricia Clarkson, die statt einer biederen Buchhandlung ein Kulturzentrum eröffnen will. Gut, das könnte sie ja in jedem anderen leerstehenden Gebäude – aber nein, die Dame möchte besagtes Old House okkupieren, und Florence Green, die hat sich gefälligst zu vertrollen. Natürlich lässt sich das der intellektuelle Freigeist nicht gefallen, und entwickelt eine unerschütterliche Beharrlichkeit, die letzten Endes aber auf Granit beißen wird. Und das nicht nur, weil Werke wie Vladimir Nabokov´s Lolita als Fifty Shades of Grey der Nachkriegszeit für Lesefreude selbst für Buchstabenmuffel sorgt.

So spröde, trocken und staubgewischt wie das Interieur der Buchhandlung ist Isabel Coixet´s Gesellschaftsdrama dann teilweise auch geworden. Die spanische Regisseurin, die mit beachtlichen Filmen wie Mein Leben ohne mich oder Das geheime Leben der Worte zumindest bei mir wohlwollend in Erinnerung geblieben ist, passt sich mit Der Buchladen der Florence Green nicht nur den unbeständigen Wetterverhältnissen der englischen Küste an, sondern auch der verknöcherten Geisteshaltung des provinziellen Kleinbürgertums, das unter der Kantare perfider Möchtegern-Oligarchen steht. Ihr Film ist aus einem anderen Holz geschnitzt als alle bisherigen Werke, und es ist auch nicht so, das Coixet tatsächlich einen prägnanten Stil hätte, den man sofort erkennt. Vielmehr ist ihr Stil eine Anpassung an das Szenario, egal welche Geschichte sie erzählt. Selbst das ist eine Form von gestalterischer Konsequenz. Der Buchladen der Florence Green nach dem Buch von Penelope Fitzgerald wirkt urbritisch, etwas starr, irgendwie unbeweglich. Womöglich soll das so sein, und auch die erstmal etwas enervierende Stimme aus dem Off rechtfertigt am Ende ihre Notwendigkeit. Am Nachhaltigsten aber bleibt neben Emily Mortimer´s neuer Paraderolle als idealistisches Ein-Personen-Unternehmen natürlich Bill Nighy in Erinnerung, der als exzentrischer Außenseiter und Bücherwurm minutiös die Mühsal sozialer Interaktion greifbar werden lässt. Mit all diesen Figuren, welche die Parabel von der Ohnmacht gegen gesellschaftliche Dominanz bevölkern, gelingt Coixet dennoch ein zwar desillusionierendes, aber nicht resignierendes Drama, das ein eher unerwartetes Ende findet und vor allem durch sein Ensemble überzeugt. Und wiedermal klar macht, das ohne dem Willen der anderen der eigene Wille alleine oft nicht reicht.

Der Buchladen der Florence Green

The Man Who Killed Don Quixote

DES WAHNSINNS NETTE LEUTE

6,5/10

 

donquixote© 2018 Concorde Filmverleih

 

LAND: SPANIEN, BELGIEN, PORTUGAL, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: TERRY GILLIAM

CAST: JONATHAN PRYCE, ADAM DRIVER, STELLAN SKARSGÅRD, OLGA KURYLENKO, JOANA RIBEIRO, ROSSY DE PALMA U. A.

 

Nein, ich bemühe hier nicht noch einmal das von vielen engagierten Kritikern herangezogene Gleichnis des Kampfes gegen Windmühlen – obwohl es stimmt. Terry Gilliam´s Mammutprojekt ist ein filmgewordener Bau der Pyramiden, wobei meines Wissens die Errichtung des größten aller Weltwunder rund zwanzig Jahre in Anspruch genommen hat. Bei einem solchen Werk für die Ewigkeit eine vertretbare Zeitspanne. Das Werk für die Ewigkeit des Ex-Monty Python-Masterminds schlägt dieses Projekt aber sogar noch um knapp 10 Jahre. Um genau zu sein hat diese Idee der Verfilmung von Cervantes´ Antihelden-Roman bereits 1989 Gestalt angenommen. Da waren noch Sean Connery und der blutjunge Johnny Depp im Gespräch. Nach dem Ausscheiden Sean Connerys folgte Jean Rochefort, der musste aber aufgrund langwieriger Prostataprobleme ebenfalls vom Sattel steigen. Knapp vor einem neuerlichen Drehbeginn hatte es dann auch noch 2017 John Hurt erwischt. Und ja, bevor ich´s vergesse: Gerad Depardieu war auch mal eine Überlegung wert, allerdings mit Sicherheit für die Rolle des Sancho Pansa.

Man muss dazusagen, dass am Don Quixote-Projekt natürlich nicht wie bei den Pyramiden permanent gearbeitet wurde. Es waren wohl mehrere Anläufe, ein großes, kostenintensives Mensch, ärgere dich nicht! – Immer wieder zurück zum Start, kurz vor dem Ziel dann noch ein Orkan, der die Figuren vom Brett weht. (Nachzusehen im Making Of Lost in la Mancha) Geärgert hat sich Terry Gilliam wohl bestimmt. Doch der Mann ist ein Visionär, ein sturer Exzentriker seines Fachs. Womöglich ein bisschen wahnsinnig, ansatzweise so wie die Figur, über die er erzählen will, und was in den ersten Dekaden der Umsetzung nicht und nicht gelingen will. Gut Ding braucht Weile, wird aber die Weile zu lang, schaut nichts mehr Gutes dabei heraus. Letzten Endes war es schlicht und ergreifend Beharrlichkeit, die bei Gilliam den Silberstreifen am Horizont doch noch wahrnehmbar werden ließ. Zwischen all den Planungen, Vorplanungen und Reboots war der Meister surrealer Psychomärchen natürlich auch nicht untätig. Dr. Parnassus durfte sein Kabinett präsentieren, und Christoph Waltz tüftelte am Zero Theorem. Bei Parnassus schlugen die höheren Mächte ja genauso zu, da verstarb unerwartet Heath Ledger. Doch Gilliam hat eine Haut wie Leder, Probleme sind da, um gelöst zu werden. Nichts kann schlimmer sein als die Vitalisierung eines Don Quixote, oder nicht?

Wobei sich hier für mich die Frage stellt: Ist nach all den Jahren des Umbruchs, Abbruchs und Aufbruchs dieses scheinbar verfluchte Werk dann so geworden, wie es sich Gilliam vorgestellt hatte? Kann sich der Meister nun zufrieden zurücklehnen und sagen: „Ja, das ist es, genau das wollte ich machen. Jetzt ist es fertig. Ich lege das Projekt zu den Akten und Nein, ich inszeniere diesen Film nicht nochmal neu, nur um genau das zu bekommen, was mir vorschwebt.“ Nach so einer langen Zeit, da geht man natürlich Kompromisse ein, da macht man Abstriche. Gibt sich zufrieden mit Alternativen. Also gehe ich mal davon aus, dass The Man who killed Don Quixote neben all des autobiographischen Anstriches, den das Konstrukt mittlerweile verpasst bekommen hat, frei nach dem Stille Post-Prinzip irgendwie ganz anders geworden ist. Ich wage zu behaupten, dass The Man who killed Don Quixote ein für Gilliam versöhnliches Opus Magnum geworden ist, auf die Leinwand gewuchtete Memoiren eines vom Schaffensdrang gedrillten Künstlers, der im Grunde alle seine immer wiederkehrenden Versatzstücke in der Wüstenei Spaniens in den Sand setzt, wie eine wabernde Fata Morgana mit all seinen Dämonen und Traumgestalten. Wir finden mediäval geharnischte Schlachtrösser mit lanzenbewährten Rittern, die in Slow Motion der Kamera entgegenreiten. Wir finden spärlich bekleidete Riesen, keifende Mütterchen und die zirkusreife Opulenz archaischer Jahrmärkte. Reminiszenzen an Time Bandits, Die Ritter der Kokosnuss und natürlich König der Fischer, der wohl The Man who Killed Don Quixote am Ähnlichsten ist. In beiden Filmen erliegt die Hauptfigur dem Wahn, eine Mission zu erfüllen. In der tragikomischen Katharsis aus dem jahr 1991 ist es der heilige Gral, den Robin Williams zu finden gedenkt. Bei Don Quixote ist es namensgebender Held in trauriger Gestalt, hinter der Gilliam´s alter Bekannter Jonathan Pryce steckt, welcher schon im Klassiker Brazil den Staat gegen sich aufgehetzt hat. Nun sind es all die anderen, die es zu bekämpfen gilt. Vor allem all die anderen Abenteuer. Und eben Windmühlen, damit das auch mal erwähnt wird.

Pryce und Adam Driver sind ein Glücksfall für diesen Film. Der etablierte Star Wars-Bosnigl geht unter der Regie des Kino-Gauklers so richtig aus sich heraus wie selten in einem Film. Exaltierte Künstlerallüren wechseln mit panischer Verwirrung und dem Verlieren in einem bizarren Tagtraum, der kaum mehr in die Realität findet. Der Plot, der ist Nebensache, was zählt, ist der Irrweg quer durch befremdende Landschaften, vorbei an seltsamen Figuren. Immer weiter weg von festem Boden unter den Füßen, immer mehr gleitet das zumindest einseitig unfreiwillige Duo in die psychedelischen Kaskaden eines verschachtelten Narrenkästchens ab, in das auch der Zuseher blicken muss, und dass auch etwas Anstrengung kostet, wenn einem bei dem Spektakel nichts entgehen soll. Wobei ich tief durchatmen kann – The Man who killed Don Quixote ist nicht so fahrig und konfus geraten wie Brothers Grimm. Auch nicht so austauschbar wie Dr. Parnassus. Die Autoren Gilliam und Tony Grisoni, welcher auch schon am allerersten Drehbuch mitgeschrieben hat, finden eine runde Geschichte, die zu einem geschmeidigen Ende führt, die sich selten selbst übers Knie bricht und in einem Universum verharrt, dass sich zwar nach der Decke machbarer Kompromisse streckt, aber nie mehr will als möglich.

Gilliam´s Hommage an sich selbst ist ein Blick zurück durch die offenen Tore märchenhafter Burgen auf die steinigen Pfade seines Schaffens, bleibt aber am Schluss immer noch voller Tatendrang. Zu Ende ist es lange nicht, Don Quixote lebt ewig, in welcher Form und wo auch immer. Der Wahnsinn hat in diesem Film Methode, diese Methode lädt ein zum Wiedererkennen eines Stils, den man auch 100 Meilen gegen den Wüstenwind identifizieren kann. The Man who killed Don Quixote ist im Ganzen betrachtet eine Hofnarretei, die schon seine Längen hat, die seine Figuren auch nicht ganz nachvollziehbar handeln lässt und sich selbst geistesgegenwärtig auf die Finger klopft, wenn das Werk kurz davorsteht, zu zerfasern. Es klingen die Schellen an der Narrenkappe, es darf an das antike Theater eines Aischylos gedacht werden, an das Satyricon eines Federico Fellini, an die Texte eines Andre Heller, der es gut findet, ein Narr zu sein. Dieser Meinung ist Gilliam auch. Und besteht seine Bemühung, das eigene Scheitern ad absurdum zu führen.

The Man Who Killed Don Quixote

Genius

RINGEN UM JEDE SEITE

7,5/10

 

7X2A2247.cr2© 2016 Wild Bunch

 

LAND: USA 2016

REGIE: MICHAEL GRANDAGE

MIT JUDE LAW, COLIN FIRTH, NICOLE KIDMAN, LAURA LINNEY, GUY PEARCE, DOMINIC WEST U. A.

 

Als ich noch vor einigen Jahren auf diversen Wiener Flohmärkten in unzähligen Bananenkartons tief in die Eingeweide verstaubter Buchbestände vorgedrungen bin, fiel mir immer wieder mal ein kiloschwerer Schmöker in die Hände, der da den Titel trug: Schau heimwärts, Engel! Beim Werk von Thomas Wolfe dürfte es zum guten Ton gehört haben, ihn in den wohnzimmerlichen Bücherregalen zu horten, womöglich ohne ihn jemals gelesen zu haben. Mitgenommen habe ich dieses Buch leider kein einziges Mal. Als entschuldigende Alternative kann ich nur mit Doderer´s angelesener Strudelhofstiege oder überhaupt gleich dem Mann ohne Eigenschaften dienen – österreichische Jahrhundertwerke, die mit Sicherheit Wolfe´s literarischem Niveau entsprechen. Und die mit Sicherheit auch in die Obhut eines Lektors mussten. Klar, ausufernde Schreiberlinge gibt´s sowohl diesseits wie jenseits des Atlantiks. Wer was zu sagen hat, und weiß, wie er es formuliert, ertappt sich dabei, kein Ende zu finden. Der Mann ohne Eigenschaften ist selbst mit seinen knapp 1400 Seiten immer noch ein Fragment geblieben. Fertig wurde Musil mit diesem Buch nie. Wobei Autoren wie Musil, Doderer und Wolfe zu lesen schon längst nicht mehr nur Lesen, sondern bereits Arbeit ist. Ein zweites Standbein also, eine zusätzlicher Teilzeitjob, entgolten durch Erkenntnisse in der Welt der Literatur, wie Stimmungen, Bilder und Emotionen beschrieben werden können.

Von Wolfe´s Schreibstil erfahren wir im biographischen Drama Genius so einiges. Nicht nur einmal rezitiert der Künstler selbst Auszüge aus seinem ausufernden Buchstabentsunami, den er mithilfe seines Lektors Max Perkins, der auch Giganten wie Hemingway oder F. Scott Fitzgerald unter seinen Fittichen hatte, in lesbare Form bringt. Während der gemeinsamen Arbeit entwickelt sich zwischen den beiden Intellektuellen sowas wie eine väterliche Freundschaft, manifestiert sich eine stabile Basis des Verständnisses auf beiden Seiten. Wolfe könnte für Perkins auch sowas wie ein Sohn gewesen sein, den er selbst nie hatte. Perkins war es also, der Wolfe für die Welt entdeckt hat. Und der sich an dem ausufernden Zettel-Eskapaden für das darauffolgende Werk Von Zeit und Strom mit Wolfe fast die Zähne ausbeisst – ringt dieser doch um jedes Wort, jede Seite, jeden Zusatz. Und es ist spannend, was Regisseur Michael Grandage aus einer staubig klingenden True Story gemacht hat. Den Jackpot knackt dieser mit der Besetzung von Jude Law, der eine der besten Performances seiner Karriere liefert und den ungestümen, ruhelosen Egomanen mit der Gier nach Stift und Blatt mit Inbrunst, Begeisterung und schweißnasser Stirn auf die knarrenden Holzdielen des Verlagshauses bringt. Alle, die einen Horror vor dicken Wälzern haben, könnten vom Idealismus des Thomas Wolfe aus ihrer Reserve gelockt werden, alle anderen machen es wie Colin Firth als der Mister X. der Literaturszene – stets mit Hut, den er nicht mal daheim ablegt. Von stoischer Ruhe, ausgleichender Phlegmatik und dahinter vielleicht eine ordentliche Portion Verklemmung. Keine Ahnung was genau, aber Perkins ist die andere Seite der Waagschale, die wie Licht und Schatten den Mittelwert einer Grauzone schaffen, die streicht und kürzt, was weggehört. Dabei versucht, den kreativen Schatz nicht zu verstümmeln, zu quälen oder gar zu zerstören. Denn das ist die Gratwanderung eines jeden Lektors – im Sinne des Schöpfers zu handeln, und gleichermaßen im Sinne des Lesers. Da blutet dem Zuschauer das Herz, wenn der Absatz über die erste Begegnung der geliebten auf blaue Augen heruntergestrichen wird. Da windet sich nicht nur Thomas Wolfe. Doch die Welt ist selbst in ihrem geschriebenen Wort nicht nur grenzenloser Überschwang. Das erfahren beide Männer, die unterschiedlicher nicht sein können, und dadurch so gut zueinander passen.

Genius ist ein wortgewaltiges Künstlerdrama in Fifty Shades auf Brown, in milchig beleuchteten Weiß gilbender Seiten und in gedeckten Farben diverser Bucheinbände in schwarzgrauen Regalen. Doch keine Angst, Kopfkino ist der Film keines, viel mehr die impulsive, poetisch-radikale Geschichte einer inspirierenden Freundschaft, die schon das eine oder andere mal staunen lässt und im tatsächlichen Leben viel zu früh ihr Ende gefunden hat. Wolfe wurde gerade mal 38 Jahre alt, und starb an Gehirntuberkulose.

Beim nächsten Besuch eines Flohmarkts, das weiß ich, findet Schau heimwärts, Engel!, sofern mir das Buch unterkommt, garantiert den Weg aus der Mottenkiste in mein Bücherregal.

Genius

Einfach das Ende der Welt

WER NICHT KOMMT, BRAUCHT NICHT FORTGEHEN

7,5/10

 

endederwelt© 2016 Weltkino

 

LAND: KANADA, FRANKREICH 2016

REGIE: XAVIER DOLAN

MIT GASPARD ULLIEL, VINCENT CASSEL, NATHALIE BAYE, LÉA SEYDOUX, MARION COTILLARD

 

Doch Louis kommt. Er kehrt zurück zu seiner Familie. Irgendwo in Frankreich, zu einer unbestimmten Zeit. Denn Louis wird sterben. Sein Weg nach Hause ist ein Kommen, um wieder fortzugehen, und zwar für immer. Im Haus seiner Familie, das nicht das Haus seiner Kindheit ist, trifft er auf seine Mutter, seine Schwester, seinen Bruder und dessen Frau. Warum Louis lange nicht daheim war, verharrt im Unbestimmten. Womöglich ist der schweigsame Sohn ein Journalist, hat hochgelobte Reportagen verfasst. Zumindest so viel wird klar. Alles andere oszilliert in einer traumartigen Wolke des Unnahbaren dahin.

Der frankokanadische Kino-Exzentriker Xavier Dolan hat sich eines Theaterstücks des nicht weniger exzentrischen, aber in Frankreich heiß begehrten Dramatikers Jean-Luc Lagarce angenommen und ein seltsam anmutiges Kammerspiel auf die Leinwand gebracht, welches sich durch die adaptierte, formelhafte Sprache der Bühnenvorlage zu einem kunstformübergreifenden Hybrid verwandelt. Einfach das Ende der Welt atmet sowohl die Luft des Theaters als auch jene eines frei modulierten Kinos ohne Vorgaben und gerät zum Glücksfall, wenn es heißt, einer literarischen Sprache gerecht zu werden und die große Leinwand für sich zu nutzen. Mit Schauspielgrößen wie Marion Cottilard, Vincent Cassel, Nathalie Baye und Léa Seydoux gibt Dolan das Bühnenstück nicht irgendwem in die Hände, sondern bereits etablierten Namen, die aus dem Vollen schöpfen, was das Familiendrama nur hergeben kann. Bemerkenswert ist, dass der etwas mehr als eineinhalbstündige Film seine Geschichte so unartikuliert wie möglich lässt und selbst andauernd von einer unfertigen Metamorphose des Geschehens zur nächsten mäandert. Alles wabert, verharrt in Unschärfe. Das Heimkommen des Sohnes ist ein Ereignis, das alle verunsichert, geradezu verstört, und niemanden wirklich glücklich stimmt. Glücklich war in Lagarce´s Familie von vornherein keiner. Irgendwas ist da im Argen. Sei es die unkontrollierte Wut des älteren Bruders oder das aufgesetzt schrille Gebärden der Mutter. Louis kommt und will vom Tod berichten, der seiner Krankheit folgen wird. Doch statt Louis zuzuhören, wollen die Verwandten gehört werden. Da auch ihnen nie jemand zugehört hat, und da auch ihnen ihr Recht, sich mitzuteilen, Zeit ihres Lebens verwehrt wurde, löst sich nur Gestammel von ihren Lippen. Während der Heimkehrer gar nichts sagt.

Dolan´s Film ist sinnlich fotografierte Kunst der Sprache, die vom Ende der zwischenmenschlichen Achtsamkeit erzählt. Von der Unfähigkeit des Zuhörens und dem Scheitern des Gehörtwerdens. Vom Aneinander vorbeireden und aus den Augen verlieren. Ein melancholischer Reigen, der sich da auftut, die Kamera im Widerspruch der Missstände, nähert sie sich doch aufdringlich nahe den Gesichtern an, studiert und interpretiert sie, während sie sich abmühen, Sinnvolles und Wesentliches zu artikulieren. Irgendwann findet Louis den Moment, Lebewohl zu sagen. Bis dahin darbt und leidet der Zuseher mit, aber es bleibt eine Art Mitleid der Unparteiischen, die im weit genug entfernten, objektiven Abstand die Zerrüttung des großen Ganzen sieht. So verharrt die Familie im ewigen Um-sich-Kreisen, ohne den anderen zu umkreisen. Übrig bleibt Louis, der damit, dass er nichts sagt, alles und viel mehr gesagt hat als die anderen.

Als ehemaliger Dramatiker und Theatergeher sind mir ähnliche Dramen wie jene von Lars Noren oder Jon Fosse ziemlich geläufig. Wer mit diesen Dramatikern oder zum Beispiel mit dem grandios verfilmten Stück Im August in Osage County von Schauspieler Tracy Letts etwas anfangen kann, sollte sich Einfach das Ende der Welt nicht entgehen lassen. Französisches Bühnenkino, kopflastig wie der Schwindel lange vor dem Kater. Es ist lakonischer, halbschwerer Filmgenuss, der so aussieht als wäre das Medium der Fotografie die Wahl des visuellen Filmstils, dessen ausgesuchte Musikstücke die irrlichternde Stimmung unterstreichen und sich tags darauf garantiert in der eigenen Playlist wiederfinden werden.

Einfach das Ende der Welt