Mother’s Baby (2025)

DA IST WAS FAUL IM WINDELSTAAT

7/10


© 2025 Freibeuter Film


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: JOHANNA MODER

DREHBUCH: ARNE KOHLWEYER, JOHANNA MODER

KAMERA: ROBERT OBERRAINER

CAST: MARIE LEUENBERGER, HANS LÖW, CLAES BANG, JULIA FRANZ RICHTER, JUDITH ALTENBERGER, CAROLINE FRANK, NINA FOG, JULIA KOCH, MONA KOSPACH U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Es schreit nicht, es weint nicht, es schläft so still, dass Mutter meinen könnte, der Allmächtige hätte es zu sich genommen: Babys, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Eltern, die, auf das Schlimmste in der frühen Kindschaft vorbereitet, plötzlich völlig entstresst gar eine Verschwörung vermuten. So könnte man Johanne Moders neuen Film synoptisch übers Knie brechen, der sich vom revolutionsmüden Hipster-Parship aus Waren einmal Revoluzzer verabschiedet hat, um mit dem Genrekino anzudocken. Ganz so wie Andreas Prochaska, der diesjährig mit Welcome Home Baby ganz ähnlich, und doch wieder ganz anders, die Themen der Mutterschaft in einen dörflichen Albtraum verpackt. Das österreichische Horrorkino pulsiert mit diesen beiden Filmen durch den Kino-Herbst, wobei Johanna Moder deutlich weniger ihr Heil im Nachinterpretieren bereits etablierter Versatzstücke sucht. Mother’s Baby will sich bewusst nicht zu blankem Horror bekennen – Verdacht, Paranoia und eine postnatal belastete Psyche sind die Hauptingredienzien für einen Suspense voller Indizien, in dem Marie Leuenberger (Verbrannte Erde, und eben auch mit Stiller im Kino) zwischen ratloser Jungmutter und mutiger Hobby-Detektivin in eigener Sache den gesamten Film auf ihren Blickwinkel reduziert. Das macht uns, ob wir wollen oder nicht, zu Verbündeten, und auch wenn wir uns wundern, was Jungmutter Julia alles vermutet – wir können diesem zusammenfabulierten Netz nur schwer entschlüpfen, schon gar nicht, wenn sich die ganze Welt gegen ein einziges Individuum stellt, dem, wie Kassandra aus der Antike, niemand Glauben schenkt. Auszuhalten ist das nicht – dieser Zustand, allein mit der möglichen Wahrheit.

Das Rundum-Sorglos-Baby

Leuenbergers Figur der misstrauischen Mutter ist jedoch keine gebrochene, kümmerliche, vulnerable Seele ohne Resilienz, sondern ihr eigener Fels in der Brandung, wenn schon Gatte Hans Löw nichts von Julias Verdächtigungen wissen will. Diese fußen aber alle auf klar erkennbaren, seltsamen Verhaltensmustern, die Gynäkologe Claes Bang (genial als Dracula in der zweiteiligen Bram Stoker-Interpretation auf Netflix) und Hebamme Gerlinde an den Tag legen. Als Gerlinde ist hier Julia Franz Richter zu sehen, die in Welcome Home Baby ihrerseits eine werdende Mutter verkörpert, die ähnlich wie Mia Farrow in Rosemary’s Baby wie die Jungfrau zum Kind kommt.

Denn zu Beginn, da ist alles noch froher Erwartung, als Dr. Vilfort seiner Patientin verspricht, das es mit dem Mutterglück diesmal auch wirklich klappen wird. Als es dann nach neun Monaten endlich soweit ist, und die Geburt schwieriger wird als gedacht, entschwindet das Baby ganz plötzlich in den Armen des Arztes dem Blickfeld seiner Mutter – bis auf weiteres. Frühgeburt, Atemnot, Sauerstoffgehalt, all das hört Julia sehr viel später als Begründung. Daheim dann sind die Auffälligkeiten, was das Kind selbst betrifft, unübersehbar. Es ist, als würde sich der Spross den Bedürfnissen der Erwachsenen anpassen, wie eingangs erwähnt tut er all das, um den Eltern eben nicht die schwierigste Zeit des Familienlebens zu bescheren – sondern verhält sich unerwartet geräusch- und bedürfnislos. In Julia keimt der Verdacht, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass das Baby vielleicht gar nicht das ihre ist? Die aufdringliche Hebamme und die Sache mit dem Axolotl als ideales Haustier bestärken nur den Horror im Kopf der Mutter, die dann, auf sich allein gestellt, Ermittlungen auf eigene Faust anstellt.

Verdacht alleine hält lange vor

Mother’s Baby ist wohldosierte Mystery, die lange in der Schwebe bleibt, dabei aber nicht schwurbelt oder ich in unheilvollem Indiziensalat verliert wie Andreas Prochaska in seinem Folk-Grusel. Das Unheimliche hier ist wohl eher schleichende Skepsis und Argwohn, Moder spielt mit der Sorge der Vernachlässigung, der Wucht der Verantwortung und der maternalen Identität. Übertragen wird das Ganze aber nicht, so wie in Die My Love probiert und gescheitert, auf die innere Psyche der Mutterfigur, sondern hinterfragt als bröckelnde Rundumwahrnehmung die Sicht auf die Welt und deren Werte nach einem Paradigmenwechsel, den jede werdende Familie erlebt. Moder hätte beim Psycho- und Gesellschaftsdrama bleiben können, doch die Lust am Kleinkind-Horror, den es nicht erst seit Das Omen gibt, ist einfach zu groß, um nicht darin wühlen zu wollen. So bleibt Mother’s Baby stets greifbar und bodenständig, bürdet sich auch nicht zu viel auf, sondern setzt seinen perfiden, leisen Albtraum als zielorientierte Kritik auf eine Optimierungsgesellschaft in Szene, die vor nichts mehr zurückschreckt.

Mother’s Baby (2025)

Die Farbe aus dem All (2019)

ALLES SO SCHÖN BUNT HIER

7/10


diefarbeausdemall© 2019 Plaion Pictures


ORIGINAL: COLOR OUT OF SPACE

LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: RICHARD STANLEY

DREHBUCH: SCARLETT AMARIS, RICHARD STANLEY, NACH DER KURZGESCHICHTE VON H. P. LOVECRAFT

CAST: NICOLAS CAGE, JOELY RICHARDSON, TOMMY CHONG, MADELEINE ARTHUR, BRENDAN MEYER, JULIAN HILLIARD, ELLIOT KNIGHT, Q’ORIANKA KILCHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


In Wahrheit ist die Welt unbunt. Das merkt man vor allem nachts, wenn das, was wir gerade noch wahrnehmen können, in diffusem Grau versinkt. Das Licht gibt den Dingen dann ihre farbige Besonderheit, je nachdem, wie dieses von der Materie reflektiert wird. Doch selbst dann ist es längt nicht selbstverständlich, das satte Spektrum von Grün und Rot und Blau auch wahrzunehmen. Schließlich gibt es auch Farben, die wir gar nicht sehen können, andere Lebewesen aber schon. Und dann gibt es Farben, zumindest in der Literatur und in den Köpfen dem Phantastischen zugeneigter Kunstschaffender, die, wie der Tscheche Leo Perutz, im Krimi Der Meister des jüngsten Tages exzentrisches Coleur wie das sogenannte Drometenrot erschaffen, das alle in den Wahnsinn treibt, sobald man es erblickt. Der Schriftsteller H. P. Lovecraft gibt sich in seiner Kurzgeschichte Die Farbe aus dem All ebenfalls einem Farbenrausch hin, der weitaus mehr bewirkt, als nur Menschen um den Verstand zu bringen. Näher benannt wird dieses rosarote Leuchten nicht, dafür fehlt den Betroffenen schier die Zeit und die Lust, angesichts des eskalierenden Dilemmas auch noch das Kind des Grauens beim Namen zu nennen.

Lovecraft ist längst Kult, und nicht weniger als Edgar Allan Poe. Der gerade mal 47 Jahre alt gewordene Amerikaner – es starb an Krebs – gilt als der Begründer des Kosmischen oder gar Lovecraft’schen Horrors, dessen Bedrohung sich aus höheren, unerklärlichen und unergründbaren Mächten speist. Der Cthulhu-Mythos, einhergehend mit dem fiktiven Buch namens Necronomicon, wird zum Beispiel eines frühen Franchise, zum erschaffenen Themen-Universum, dem sich zahlreiche Werke unterordnen. Und wenn einem der Name des Buches bekannt vorkommt: Jawohl, dee Schmöker aus Tanz der Teufel heisst ganz genauso – und zweckentfremdet wurde dieser ja auch nicht ganz, denn was das Buch entfesselt, wissen wir.

In Die Farbe aus dem All gibt es kein Buch und kein näher bestimmtes Artefakt. Doch es gibt einen Meteoriten, der mit Karacho in den Garten der fernab urbanen Trubels lebenden Familie Gardner kracht und dabei einen kaum übersehbaren Krater hinterlässt, dem diese eigentümliche, geschmackvolle, rosarote bis lila Farbe entströmt, die alles durchdringt, bedeckt und zu höherem und andersgeartetem Wachstum antreibt. Es mutiert die Botanik, es mutieren die Alpakas in der Scheune. Man darf erwarten, dass das seltsam strahlende Licht so einiges im Bauplan mehrzelligen Lebens durcheinanderbringt. Wie das geht, ist nicht von Belang. Die Frage nach dem Wie und Warum stellt sich nicht. Stattdessen ist Schadenbegrenzung die oberste Agenda von Nicolas Cage, der zusehen muss, wie seine Liebsten bizarren Metamorphosen unterworfen werden – nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Klar ist Papa nicht immun gegen diesen ganzen Zauber. Das Overacting greift um sich, der vielbeschäftigte Neffe Francis Ford Coppolas darf seine Figur endlich einmal ohne Scham überzeichnen, was zwischendurch aber leider ins Lachhafte kippt. Abgesehen davon, dass Cage locker als Schuspielprofi durchgeht, sofern er entsprechend gefordert wird: zu seinen Nieten zählt ein Auftritt wie dieser hier – was der unheilvollen und bizarren Wirkung der wüsten Science-Fiction aber keinen Abbruch tut.

Die Farbe aus dem All wäre das Ergebnis, wenn man John Carpenters The Thing mit Jeff VanderMeers Annihilation (kongenial verfilmt von Alex Garland) kreuzt. Fans von beidem kämen auf ihre Rechnung, der Bodyhorror trägt dabei pink, der Verstand nichts zur Lösung eines verheerenden Problems bei, welches eine Familie in den Abgrund stürzt und wir dabei zusehen sollen. Lovecraft ist schließlich nie einer, der will, dass das mystische wie mythische Verderben dank der Praktizierung menschlicher Werte gebannt wird. Der Mensch bleibt das Opfer und völlig machtlos. Und reicht nicht die Resignation, regiert der Wahnsinn. Der einzige Zustand, um sich mit dem Unerklärlichen zu arrangieren.

So gesehen ist Die Farbe aus dem All von Richard Stanley geradezu erquickend, ich will nicht sagen erfrischend, aber in seiner ausufernden psychedelischen und metaphysischen Bildgewalt ein launiger Horror mit staunenswerten Seltsamkeiten, stets immer nahe zur Groteske, die den Schrecken fast schon verballhornt – wäre da nicht der Erzähler aus dem Off, der wiederum an Poe erinnert und wie ein Gruselgeschichtenerzähler am Lagerfeuer dann doch noch die richtige Stimmung macht.

Die Farbe aus dem All (2019)

LOLA (2022)

DAS VERSCHWINDEN DES DAVID BOWIE

7,5/10


LOLA© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: IRLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2022

REGIE: ANDREW LEGGE

DREHBUCH: ANDREW LEGGE, ANGELI MACFARLANE

CAST: STEFANIE MARTINI, EMMA APPLETON, RORY FLECK-BYRNE, HUGH O’CONOR, AYVIANNA SNOW, AARON MONAGHAN, NICK DUNNING U. A.

LÄNGE: 1 STD 19 MIN


Gerade sieht es so aus, als würde sich die Geschichte wiederholen. Überall auf dem Planeten erstarren die rechten Lager, in Spanien wird bereits Kunst und Kultur zensiert, Europas Möchtegern-Faschisten werfen mit Begriffen wie Remigration um sich und nutzen die beschränkte Weltsicht der Bevölkerung, um diese mit Schlüsselwörtern zu ködern. Sind sie mal an der Macht, ist es zu spät. Die Anzeichen will keiner so recht bemerken, also währet den Anfängen, kann man an dieser Stelle nur sagen, wenn Freiheit und Menschenrechte die eigenen Werte anführen.

Wie immer bleibt zu wundern, wie sehr man sich täuschen kann. Und was alles möglich ist. Um Freiheit geht es im Ringen ums Dasein immer, und wären die Parameter nicht so gesetzt gewesen, wie sie letztlich zum Einsatz kamen, hätten wir eine Welt, die sich einer wie Phillip K. Dick bereits in seinem als Serie verfilmten Roman Das Orakel vom Berge zwischen Drogen und Paranoia ausgemalt hat: Die Machtübernahme der Nationalsozialisten rund um den Erdball, insbesondere der Vereinigten Staaten. Eine Horrorvorstellung, die beklemmender nicht sein könnte. Ist die USA einmal unter der Fuchtel faschistoider Regenten, wäre Europa dies ebenso. Das Gefühl, jene Orte, an denen noch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit praktische Anwendung finden, immer mehr zusammenschrumpfen zu sehen, wird durch das irisch-britische Was-wäre-wenn-Szenario LOLA noch extra unterstützt. Als ob dies dringend nötig wäre, um die Hände vors Gesicht zu schlagen. Andererseits ist Andrew Legges Found Footage-Juwel eine deutliche Warnung davor, die entsprechenden Signale zu übersehen. Und die Aufforderung, sich selbst mal zu fragen, ob eine totalitäre Welt aus Strafen, Zensur und Unterdrückung wirklich das ist, was es zu wählen gilt.

Einen Film wie LOLA, den haben leider Gottes ohnehin nur Zuseher auf dem Radar, die bereits aufgeschlossen und tolerant genug sind für alles, was sie umgibt. Die innovative Zugänge zu brisanten Themen ebenso schätzen wie Nonkonformismus. Und die mit Philipp K. Dick, Science-Fiction und alternativen Realitäten so einiges anfangen können. Als Zeitreisefilm geht LOLA nur bedingt durch – viel mehr gewährt das nach der Mutter der beiden Schwestern Martha und Thomasina Hanbury benannte Orakel einen Blick in die mediale Zukunft der Welt. Mit diesem obskuren Konstrukt, das beide für den guten Zweck einzusetzen gedenken, lässt sich während des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1941, als die deutsche Luftwaffe England heimsucht, etliche Leben retten. Als Engel von Portobello gehen die Schwestern in die alternative Geschichte ein. Und die Geschichte selbst erfährt ihre Veränderung, weicht ab von dem, so wie wir es kennen. Und führt dazu, dass das britische Militär Wind davon bekommt.

Klar lässt sich so ein Ding wie LOLA dazu nutzen, dem Feind immer einen Schritt voraus zu sein. All die Offiziere, Generäle und sonstigen Rangträger hätten wohl gut daran getan, sich zuallererst den Ausgang des Krieges vorhersagen zu lassen. Dann hätten sie gewusst, dass sich der Widerstand gelohnt haben, dass die Welt nicht dem Faschismus anheimfallen und eine liberale Ordnung Einzug halten wird. Doch der Wille, den Krieg gewinnbringend im Fokus zu behalten, führt letztlich zum Gegenteil. Was dann passiert, schnürt einem die Kehle zu. Wenn über den Dächern Londons  Hakenkreuzfahnen wehen und Hitler durch die Straßen der Stadt fährt. Wenn plötzlich David Bowie nicht mehr existiert, kein Bob Dylan oder Stanley Kubrick die Musik- und Filmwelt der kommenden Dekaden bereichern, stattdessen aber faschistoide Popmusik wummert, die so klingt, als wäre sie doch irgendwie von Bowie oder Elton John, es aber nicht ist, und wenn man genauer hinhört, in ihren Lyrics das Grauen heraufbeschwört, ist der Orwell‘sche Albtraum komplett.

Andrew Legge nutzt dabei die bereits etwas abgenutzte Stilmittel des Found Footage und schafft etwas vollkommen Neues. Das genreübergreifende, experimentelle Stückwerk aus Super 8-Tonfilmfragmenten, Standbildern und Archivmaterial, das eine alternative Wahrheit täuschend echt nachahmt, ist längst nicht nur eine Mockumentary, die das Spiel mit dem Determinismus variiert, sondern dazu noch eine glaubhaft dargebotene Dreiecksgeschichte mit einbezieht – und das, obwohl LOLA nur knappe 80 Minuten dauert. Trotz dieser Laufzeit entfaltet sich ein geradezu episches Drama voller Wendungen und lässt als prophetischer Thriller das Prinzip Verantwortung als Schlüssel zum Guten erkennen.

LOLA (2022)

Gone in the Night (2022)

GHOSTING NACH DEM WOCHENENDE

2/10


goneinthenight© 2022 Vertical Entertainment


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ELI HOROWITZ

DREHBUCH: ELI HOROWITZ, MATTHEW DERBY

CAST: WINONA RYDER, DERMOT MULRONEY, JOHN GALLAGHER JR., OWEN TEAGUE, BRIANNE TJU U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Wieder eine Hütte im Wald. Den Amerikanern müssen diese Orte langsam schlimmer vorkommen als die Hölle selbst. Die Einschicht ist der Horror, der vielleicht ausgehobene Keller unter dem rustikalen Bungalow birgt vielleicht okkulte Schätze, von denen man gefälligst die Finger lassen sollte. Sami Raimi weiß, wovon er spricht. Auch Chris Hemsworth und eine ganze Schar ins Gras beißender Mittzwanziger feierten die Hütte als Ort des inszenierten Grauens. Winona Ryder darf nun endlich auch aus dem Kaff namens Hawkins entkommen, um irgendwo anders verstörte Blicke auf Dinge zu werfen, die sie gar nichts angehen. Zugegeben, das kann sie gut. Und aufgrund ihrer nicht gerade bärbeißigen Physiognomie kommt ihr zugute, dass sie manchmal – oder des Öfteren – Personen darstellt, die unterschätzt werden. Niemand legt sich mit einer rehäugigen Otto Normalverbraucherin an, die im Thriller Gone in the Night einfach nur ein Wochenende in der Natur verbringen will.

Die Hütte, die sie und ihr Freund gemietet haben, ist aber leider schon besetzt. Ein schräges Paar in grünen Regenmänteln steht vor der Tür – und ringt sich dazu durch, die von weit her angereisten Turteltauben übernachten zu lassen, damit sie tags darauf frischen Geistes den Umkehrschwung wagen. So weit soll es aber nie kommen: Am nächsten Morgen ist Winona Ryders Lover verschwunden. Gemeinsam mit der Freundin des anderen. Ist natürlich doof und unschön, des weiteren könnte Kath sich ja dem Liebeskummer hingeben, aber nein: irgendwie steckt sie die Sache ganz gut weg, erliegt aber letzten Endes doch der Neugier – und sie macht sich auf die Suche nach Max, um ihn zur Rede zu stellen.

Es wäre allen, einschließlich mir, lieber gewesen, sie hätte das nicht getan. Wen interessiert schon dieser Max – im realen Leben wäre die Sache vom Tisch, spätestens dann, wenn der Typ sich ohnehin auf keinen Anruf mehr meldet. Doch nein: Eli Horowitz treibt Winona Ryders Neugier bis zum Äußersten. Das Repertoire ihrer Emotionen ist aber eher gering, auch das von Co-Star Dermot Mulroney, der stets so wirkt, als hätte man ihn kurz vor Dreh aus dem Bett geholt. So verschlafen wie seine Performance ist auch der ganze Thriller, der sich fortwährend in Dialoge verliert, von denen man eigentlich nie so genau weiß, wohin sie führen. Natürlich kommt das Beste immer zum Schluss – aber in diesem Fall ist die Krönung eines Mysteryfilms, der gern so wäre wie aus der Feder M. Night Shyamalans, so dermaßen an den Haaren herbeigezogen; ist der Plot so unglücklich konstruiert, dass man sich vielleicht gar ein bisschen darüber ärgert, wirklich bis zum Ende drangeblieben zu sein.

Gone in the Night (2022)

The Ordinaries (2022)

ALL DIE FEHLER IM SYSTEM

7/10


theordinaries© 2022 Bandenfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2022

REGIE: SOPHIE LINNENBAUM

BUCH: SOPHIE LINNENBAUM, MICHAEL FETTER NATHANSKY

CAST: FINE SENDEL, JULE BÖWE, HENNING PEKER, SIRA FAAL, NOAH TINWA, DENISE M’BAYE, PASQUALE ALEARDI U. A.

LÄNGE: 2 STD


Was ist ein Outtake? Kenner von kinematographischem Fachchinesisch können sich bei dieser Frage bequem zurücklehnen oder sich auch wundern, wenn es andere nicht so genau wissen: Outtakes sind Szenen, Rollen oder was auch immer, die zwar abgedreht wurden, letztendlich aber aus dem fertigen Film verschwanden. Jüngstes Beispiel: Ana de Armas in ihrer vorhandenen und gleichsam nicht vorhandenen Mini-Rolle in Yesterday – zumindest in den Trailer hat sie es geschafft. Letztendlich gab’s Beschwerden.

Outtakes sind also die Verlierer eines Films, die sich damit begnügen müssen, am Set gewesen zu sein. Man kann diesen der Schere zum Opfer gefallenen Szenen und Figuren nun nachweinen, man kann sie unter anderem auf Youtube nochmal nachsehen und sich fragen, warum sie alle haben gehen müssen. Oder man kann einen eigenen Film draus machen, um denen zu huldigen, die niemand sieht. Oder jemals sehen wird.

Es kommt einem oft vor, dass sich das Leben anfühlt, als wäre es ein Film. Oder eine Serie aus mehreren Staffeln, zwischen denen der Cast wechselt und nur die Hauptdarsteller erhalten bleiben, Film- oder Serientode vorbehalten. In diesen Leben, die wie inszeniert erscheinen, gibt es die Wichtigen und die weniger Wichtigen. Jene mit viel Text und jene mit immer nur denselben Zeilen – weil man ihnen nicht zugesteht oder gar erlaubt, mehr aus sich zu machen. Sophie Linnenbaum, ein wohl wirklich kreativer Kopf der neuen deutschen Filmszene, hat sich Gedanken darüber gemacht, wie es wohl aussehen würde, wenn Fachbegriffe ihrer studierten Branche plötzlich zu lebenden Menschen werden. Und sie hat sich wohl gefragt, wie sehr sich diese Rangordnung in der Kunst des laufenden Bildes auf die herrschenden und weniger herrschenden Gesellschaftsschichten übertragen lassen, kurz: Der Klassenkampf des Menschen ist der Klassenkampf des Films – und umgekehrt. Verdeutlicht wird dies dadurch, dass in The Ordinaries allerhand Outtakes ihren großen Auftritt bekommen. Und dabei um vieles interessanter erscheinen als die Hauptfiguren, die sich aufspielen, als wären sie sonst wer. Sind sie auch, so ehrlich muss man sein. Und Nebenfiguren, die funktionieren nur, wenn sich der Haupt-Cast ins Bild drängt. Zum Glück gibt es eine Hauptrollen-Schule in dieser irrealen Zwischenwelt, welche Protagonistin Paula absolviert und mit einem Monolog über ihren verstorbenen Papa, der im Zuge einer letztendlich gescheiterten Revolte der Outtakes ums Leben kam, die Aufnahmeprüfung zum Haupt-Act bestehen will. Währenddessen aber ist ihr nicht vorhandener Papa Objekt der Neugier, und das schon allein, weil Mama, eine Nebenrolle mit immer den gleichen Sätzen, nicht viel über ihn erzählt. Paula will der Sache auf den Grund gehen – und findet im Archiv verstorbener Hauptrollen rein gar nichts über ihn. Ihre Suche bringt sie weiter, und immer tiefer in die von Outtakes bewohnte Peripherie, wo sie Fehlbesetzungen, Zensuren und schlecht geschnittene Verehrer trifft. Wo Doubles vergeblich auf ihren Einsatz warten und schlechtes Filmmaterial Angst davor hat, endgültig auszubleichen.

Linnenbaums Film ist ein kurioses Seherlebnis. Und erinnert nicht nur ungefähr an die obskuren und verrückten Ideen eines Charlie Kaufman, der mit Synecdoche, New York oder I’m Thinking of Ending Things frei von allen Studioverordnungen die Realitäten aufbricht wie ein rohes Ei. Spike Jonzes Being John Malkovich, ebenfalls nach einem Skript von Kaufman, kommt der Art und Weise von The Ordinaries recht nahe. Nur in letzterem gibt es keine Verbindung zu unserer Welt. Die inkarnierten filmischen Begriffe leben isoliert in ihrer Blase zwischen der Idee und dem fertigen Film. Sie alle sind auf Warteposition, um zum Einsatz zu kommen. Die Kunst also, Abstraktes im Rahmen einer Handlung darzustellen, ist Surrealismus pur. Und angenehm verkopft. Was nicht heißt, dass The Ordinaries stellenweise nicht auch etwas anstrengst. In Wahrheit überzeugt weniger das Gleichnis über den Klassenkampf des Menschen oder das Element eines Familiendramas, sondern viel mehr und fast ausschließlich die detailreiche Interpretation eines Fachvokabulars und dessen Belebung. Das ist gleichsam witzig wie faszinierend. Verblüffend originell und in seinem Konzept äußerst mutig. Weiter so, liebe Sophie Linnenbaum – ich bin gespannt auf deinen nächsten Film.

The Ordinaries (2022)

Black Panther: Wakanda Forever

MIT ANDEREN WASSERN GEWASCHEN

8/10


BLACK PANTHER: WAKANDA FOREVER© 2022 MARVEL


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: RYAN COOGLER

BUCH / REGIE: RYAN COOGLER, JOE ROBERT COLE

CAST: LETITIA WRIGHT, DANAI GURIRA, TENOCH HUERTA, LUPITA NYONG’O, DOMINIQUE THORNE, ANGELA BASSETT, WINSTON DUKE, MARTIN FREEMAN, JULIA LOUIS-DREYFUS U. A.

LÄNGE: 2 STD 32 MIN


Der rote Faden ist heillos zerfasert: Das MCU unter der Leitung von Kevin Feige, der ja, wie wir aus She-Hulk wissen, vielleicht nicht das ist, was er zu sein scheint, bringt das zerfranste Ende besagter Kurzware nicht mehr durchs Nadelöhr. Zu viele Geschichten, zu viele Antagonisten, zu viele Schauplätze. Jeder Film und jeder Serie kickt neue Storylines aus dem Kreativbüro, in welchem jeder für sich und gleichzeitig gegen alle für seine Ideen Gehör finden will. Das ist für jeden Film und jede Serie Stoff genug für jeweils eigene Phasen. Aus dem stringenten Hop-on der Helden Richtung Zukunft ist ein stetiges Verpassen des Zuges geworden, auf welchem man hätte aufspringen können. Die Lösung? Vom Chaos abwenden und sich selbst treu bleiben; an einer Geschichte weiterfeilen, die es bereits gibt und gerne eine Zukunft hätte, die über das Aufstreben oder Fallen eines Königreiches berichtet, das so autark und versteckt dahin existiert wie Bhutan, dabei aber die technologisch wohl fortgeschrittenste und daher auch mächtigste Nation ist auf einer alternativen Erde, die sich längst mit Extraterrestrischem herumschlagen musste, ganze fünf Jahre durch einen schnippenden Thanos verloren hat und an allen Ecken der Welt irgendwas am Brodeln weiß. Eine Welt, welcher der Klimawandel als ein geringeres Übel erscheint und die viel lieber um heiß begehrte Rohstoffe kämpft, die zum Beispiel als Vibranium allerlei Begehrlichkeiten weckt. Auf diesem Edelmetall fußt der Erfolg Wakandas, eines abgeriegelten Zwergstaates irgendwo in Afrika. Testimonial und Aushängeschild war dort der Black Panther oder eben König T’Challa, Mitglied der Avengers und einer nicht näher definierten Krankheit erlegen. Das musste so sein, diese Wendung ging nicht anders, denn Chadwick Boseman verstarb vor zwei Jahren tatsächlich. Wakanda und Black Panther also auch begraben? Nein. Potenzial für Geschichten hat diese kleine starke Welt noch genug, um das Interesse des Publikum zu erhalten. Und so macht Ryan Coogler aus der Fortsetzung seines oscarnominierten Königsdramas nun ein Königinnendrama epischen Ausmaßes, dass sich ohne viel Geschwafel mit einer traditionellen Politik auseinandersetzt, die Fortschritt und Geschichte in der Waage zu halten versucht.

Was Individuen in ihrem sozialen Gefüge mitunter schwerfällt, nämlich sich selbst treu zu bleiben, will Wakanda als unabhängige Großmacht dennoch meistern. Das gelingt nicht immer. Schon gar nicht, wenn der Rohstoff Vibranium plötzlich andernorts zu finden ist, außerhalb des Königreichs, irgendwo im Atlantik. Dort wiederum weckt die internationale Gier den Schönheitsschlaf einer im wahrsten Sinne des Wortes versunkenen Kultur, die in den Comics zwar als Atlantis verstanden werden will, hier aber als Geschichte seiner Existenz eine gefühlvoll erzählte, plausible Legende im Rücken weiß, die einer Hochkultur Tribut zollt, die wir vielleicht nur mit sehr viel Blut und Gewalt und ganz viel Dschungel in Verbindung bringen, die 2012 den Untergang prophezeit und folkloristisches Artwork hinterlassen hat, das mit nichts zu vergleichen ist. Seinen Einstand bekommt dabei einer der ältesten Marvel-Unruhestifter überhaupt: Namor, der Sub-Mariner.

Es treffen also zwei Pole aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sich dennoch aber abstoßen, vielleicht, weil sie doch mehr gemeinsam haben als sie dachten: nämlich das Streben, ihren Reichtum mit niemandem teilen zu müssen. Geht das in einer Welt wie dieser? Coogler macht die Probe aufs Exempel – das Know-How einer jungen Amerikanerin wird zum Spielball der Interessen, aus dem sich sehr schnell ein Welt- oder Völkerkrieg entwickeln kann. Wie das Spiel mit dem Feuer, zerfahrene Diplomatie und schlechtes Politikverständnis mit Luft nach oben plötzlich zum Unausweichlichen führen kann, stellt Wakanda Forever als fokussiertes und ausgewogenes Erzählkino dar, das mit der nötigen Gelassenheit aufgrund einer durchdachten Story Platz für alle Facetten eines Mainstream-Abenteuers lässt, das sowohl aufgrund seiner Schauwerte erstaunt, dabei aber auch nicht auf seine Dramaturgie vergisst. Die stille Trauer genauso geduldig abwartet wie Choreographien innerhalb schneidiger Actionszenen, welche Wert auf die Physis der Protagonisten legen.

Es stimmt schon, aus der Betroffenheitswolke rund um den Black Panther kann sich der Film manchmal allzu schwer lösen, dafür aber schaltet er dann von null auf hundert zu einem gänzlich anderen Schauplatz, der aber nicht aufgesetzt wirkt, sondern aufgrund der neu erschaffenen Paradigmen entsteht: Wakanda Forever taucht diesmal tief ins Wasser und zeigt eine Welt, die um so vieles besser und authentischer auftritt als es seinerzeit im DC-Blockbuster Aquaman zu sehen war. Wo wallendes Haar und schlechtes CGI für unfreiwillige Komik gesorgt hatten, nimmt sich Coogler den Willen und die Zeit, sich wie James Cameron ernsthaft mit einer fiktiven Kultur auseinanderzusetzen, die menschenfeindliche Ökosysteme beherrscht. Dabei verknüpft er dies mit dem Traum über eine vergangene Hochkultur in Bildern, die aus einem Film von Chloé Zhao stammen könnten; mit zurückgenommenen digitalen Effekten, Natürlichkeit und Respekt vor der Kraft des Wassers. Nicht zu vergessen: Wakanda Forever öffnet einen Kleiderschrank voller atemberaubender Outfits und tragbarer Accessoires. Diesen Oscar, so prognostiziere ich, scheint der Film schon in der Tasche zu haben.

Wer hätte das gedacht: Am Ende einer missglückten MCU-Phase gelingt den Marvel Studios tatsächlich noch ein stringenter Meilenstein, ein Balanceakt zwischen den Sehbedürfnissen seines Publikums und einer bekennenden Treue zu einer sich selbst genügenden Welt, die eigentlich auch ohne den ganzen universalen Überbau der Phasen und Storylines ganz gut zurechtkommen würde.

Black Panther: Wakanda Forever

Tenet

BE KIND REWIND

7/10

 

tenet© 2020 Warner Bros. GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ROBERT PATTINSON, ELIZABETH DEBICKI, KENNETH BRANAGH, MICHAEL CAINE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 30 MIN

 

Time is on his side: wenn Christopher Nolan über die Zeit nachdenkt, dann ist das garantiert nicht so, als würden Marty McFly und sein väterlicher Freund Doc Brown darüber nachdenken. Nein, es mag schon, gelinde gesagt, einen Tick komplizierter sein. Nolan, der denkt nicht nur darüber nach, er brütet vor sich hin. Sinniert, philosophiert. Jedenfalls versucht er, wie viele andere auch (die womöglich daran gescheitert sind), diesem Mysterium Zeit mithilfe eines logisch scheinenden Testversuchs auf die Spur zu kommen. Sorry, lieber Akribiker, du wirst letzten Endes scheitern. Denn die Zeit, die mag zwar in deinen Filmen stets auf deiner Seite sein – sobald man ihr ernsthaft auf den Grund kommen will, ist sie dein einziger Feind. Und ja, in Tenet (lat. für Grund- oder Glaubenssatz) ist sie das wirklich, sowohl storytechnisch als auch letzten Endes als Stich in die gedankliche Zeitblase.

Egal ob Memento, Inception, Interstellar, ja sogar in Dunkirk – das temporäre Gefüge, die linear ausgerichtete Entropie, ist für Nolan stets der gordische Knoten, den er nicht, wie Alexander der Große, einfach zerschneiden will. Er will ihn auseinanderfriemeln. Jedes Mal versucht er es aufs Neue, und jedes Mal sind es andere Ansätze. In Tenet findet er wieder einen komplett neuen Zugang, wie aus dem Ei gepellt. In seinem bereits vom Covid-müden Kinopublikum heiß ersehnten Science-Fiction-Thriller bekommen Dinge und Personen nämlich die Möglichkeit, zu invertieren. Das heißt, sie und ihre freigesetzte Energie werden zeitlich umgekehrt, laufen rückwärts. Der Zeitstrahl dürfte bei Tenet dabei linear verlaufen – von Paralleluniversen, die das Großvater-Paradoxon aushebeln könnten, ist eigentlich keine Rede. In diesem linear verlaufenden, entropischen Zeitstrahl also kann man sich selbst zurückspulen. Das heißt – man schafft keine andere Vergangenheit oder Zukunft, diese bleiben konstant. Verändert wird nicht das große Ganze, wie eben in Zurück in die Zukunft oder The Butterfly Effect. Die Zeit wird in Tenet erstmals in der Geschichte des Films zu einem – sagen wir mal so – nutzbaren Gegenstand, wie eine Waffe oder ein Werkzeug. Und verblüfft dabei das Publikum mit einem der ältesten Tricks des Kinos. Noch dazu spricht im global umherhetzenden Tenet einiges dafür, das Agenten-Franchise eines James Bond jemand ganz anderem zu vererben: einem Protagonisten namens John David Washington, der eine ausgesprochen charismatische Figur macht. Blöd nur, dass Nolan ihn vorweggenommen hat, sonst wäre er nach Daniel Craig der ideale Kandidat.

Der Geheimagent aus Tenet jedenfalls packt die Sache enorm integer an, nimmt die Möglichkeit einer Zeitumkehr gebührlich ernst, ohne aber aufs Augenzwinkern zu vergessen. Vergessen sollte man auch nicht, dass das Mindfuck-Kino mit Tenet auch seinen Zenit erreicht hat. Darüber hinaus wird’s dann nur noch verschwurbelt und das Publikum könnte verärgert den Hut draufhauen, weil es von Anfang bis Ende nicht mehr mitkommt. Tenet ist inhaltlich entsprechend herausfordernd, die Parameter der Zeit bieten ordentlich viele Leos für Logikhürden, die nicht gemeistert werden können, fallen aber wenig ins Gewicht. Kann sein, dass man hin und wieder den Faden verliert, dass man auf Details am Rande, die untergehen, zufrieden pfeift, weil die ausgearbeitete Strenge des Films mit all seinem typisch erdfarbenen Nolan-Kolorit und dem Rohbau-Kubismus ohnehin fasziniert. Ganz verstehen wird Tenet ohnehin niemand, man kann die Komplexität, die vielleicht auch nur vorgibt, eine solche zu sein, ohnehin nicht ergründen. Und vielleicht soll das auch gar nicht der Fall sein, da der Mystizismus um die vierte Dimension in diesem Film ein stilvoll servierter Appetizer ist, der als Spielwiese obskurer Gedankengänge voller verbogener Logik Gusto aufs Grübeln macht.

Tenet

The Lobster

ONLY THE LONELY

4,5/10

 

thelobster© 2015 Yorck Kinogruppe / Park Circus Ltd.

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, GRIECHENLAND, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2015

REGIE: YÓRGOS LÁNTHIMOS

CAST: COLIN FERRELL, RACHEL WEISZ, BEN WISHAW, JOHN C. REILLY, JESSICA BARDEN, LÉA SEYDOUX, OLIVIA COLMAN U. A. 

 

Bin ich froh, hier aus dem Schneider zu sein. Denn ja, ich lebe in einer Partnerschaft. Ich muss also nicht, würde ich in Yórgos Lánthimos abstruser Welt leben, in einem Nobelhotel die wahrscheinlich letzten Tage meines menschlichen Daseins fristen, bevor ich zu einem Tier verwandelt werde, sollte ich keine Partnerin finden. In der Welt des griechischen Exzentrikers, der unlängst mit dem Queen Anne-Intrigenspiel The Favourite auch oscartechnisch für Aufsehen sorgte, folgen dem Singledasein radikale Konsequenzen. Alleinsein gibt’s nicht. Die Welt will Paare, welchen Geschlechts auch immer, aber zumindest Paare, damit keiner allein sein muss, auch die nicht, die das vielleicht als angenehm empfinden würden. In dieses Hotel also steigt Colin Farrell ab, als verlassener Ex-Ehemann mit Franz Fuchs-Gedächtnisschnauzer und Krankenkassabrille, mit seinem Bruder an der Leine, der leider ein Hund wurde, und mit dem Wunsch, doch in einen Hummer verwandelt zu werden, sollte Amor seine Treffsicherheit nicht unter Beweis stellen können. Das klingt ja schon mal äußerst originell. Wem fallen denn bitte solche absurden Geschichten ein? Warum gerade in ein Tier verwandeln? Und wie genau erkennt man, ob zwei Seelen zusammenpassen?

Tja, das ist die Frage, die Lánthimos sichtlich beschäftigt. Ziehen sich nun Gegensätze an oder müssen beide einen verblüffenden Gleichklang aufweisen, um den Zufall bestimmen zu lassen? Dann könnte man ja gleich würfeln, viel anders ist das nicht. Farrells Filmfigur aber tut sich sichtlich schwer, aus seiner stocksteifen Haltung auszubrechen, er probiert es mit einer Lüge, doch damit scheint er nicht weit zu kommen. Maximal bis zur anderen Seite des Waldes, denn dort leben die, die sich darauf verschworen haben, Single zu bleiben. Die aber letzten Endes um kein Haar besser sind als die Paarfanatiker im Herrensitz.

Die Eingangsszene allein verspricht eine opulente Groteske, die den Parship– und Tinder-Wahn aufs Kreuz legt, auf eine Weise aber, wie es vielleicht nur noch der Theatermagier Peter Greenaway hinbekommen hätte. Colin Farrell habe ich bislang so auch noch nie spielen sehen. Wie ausgewechselt und konträr zu seiner übrigen Werkschau sitzt er seltsam clownesk, wie eine kafkaeske Figur, die gegen eine höhere Ordnung anzukämpfen versucht, zwischen den Beziehungskisten. Neben ihm können auch andere illustre Namen wie Rachel Weisz, Ben Wishaw und Léa Seydoux und auch die oscargekrönte Olivia Colman für Single und Paare zu Felde ziehen.

Yórgos Lánthimos ist in seinen Filmen ein relativ autarker Künstler, an dessen Werken sich natürlich die Geister scheiden sollen, alles andere wäre ihm zu wohlgefällig. Für den Mainstream ist der Mann nicht gemacht. Ein bewusstes Polarisieren wie dieses könnte auch nach hinten losgehen, und tut es auch, zumindest für mich und was The Lobster angeht. Seine visuelle Exzentrik in allen Ehren – gegen Mitte des Filmes macht sich eine geradezu lähmende Zähigkeit breit, die trotz aller Kuriosität unerwartet vorhersehbar erscheint. Seine Idee ist Lanthimos das Wichtigste. Weniger wichtig seine marionettenhaft agierenden Figuren, die in ihren olivgrünen Ponchos im Kunstraum hängen. Noch seltsamer: der Off-Kommentar des ohnehin Offensichtlichen, wie eine akustische Bildbeschreibung für Sehbehinderte. In diesem losgelösten Szenario einer bedrückenden Beziehungsgroteske, die vor dem Andeuten expliziter Gewalt auch nicht zurückschreckt, kann ich mich nur schwer zurechtfinden, alles ist von einer klinischen Kälte und einer pragmatischen Konsequenz, die mich in ihrer artifiziellen Kopflastigkeit gänzlich unberührt lässt.

The Lobster

The Last Days of American Crime

KEINEN SCHLIMMEN FINGER RÜHREN

5,5/10

 

lastdaysofamericancrime© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: OLIVIER MEGATON

CAST: ÉDGAR RAMÍREZ, ANNA BREWSTER, MICHAEL PITT, SHARLTO COPLEY, PATRICK BERGIN U. A.  

 

Anno 2025 ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten so ziemlich am Sand. Womöglich hat ein Charakter ähnlich der eines Donald Trump den Staatenbund zugrunde gerichtet, denn wo man auch hinschaut in dieser gottvergessenen Welt regiert das Verbrechen. Einzige Möglichkeit: Das Verbrechen einfach abtöten. Das schlagen zumindest die Autoren der 2009 erschienen Graphic Novel, Rick Remender und Greg Tocchini, vor. Das Ganze soll mit einem ausgesandten Impuls funktionieren, der gewisse Bereiche im Hirn blockiert, die verbrecherische Ambitionen erst möglich machen. Ungefähr vergleichen lässt sich das mit der dem Menschen inhärenten Hemmung, sich selbt Schmerzen zuzufügen. Das geht auch nicht, natürlich, Ausnahmen gibt’s, aber meist ist genau hier die unsichtbare Wand, wonach es nicht mehr weitergeht. Das soll mit kriminellen Handlungen genauso passieren. Die Frage ist nur, wo beginnt diese Hemmung und wo hört sie auf? Fängt das Ausbremsen schon bei der Sonntagszeitung an? Oder wenn man noch schnell bei Gelb über die Kreuzung will? Ist Korruption auch ein Teil davon? Oder nur der Gebrauch von Schusswaffen? Was genau ist das Kriminelle in den Vereinigten Staaten?

Wie es in The Last Days of American Crime aussieht, eigentlich nur das Ausrichten der Knarre auf ein unliebsames Gegenüber und das Ausrauben von Geldinstitutionen. Ganz Amerika ist also aufgebracht, die einen wettern gegen das Beschränken der individuellen Freiheit, die anderen bekommen bereits schon Tage zuvor feuchte Augen, wenn sie daran denken, dass nun die Zeit kommt, wo man auch nachts auf den Straßen flanieren kann, ohne behelligt zu werden. Kurz vor diesem Stichtag also, an welchem das Signal landesweit über den Äther soll, engagiert der ungeliebte Filius eines Finsterlings Bankräuber Graham Bricke (Édgar Ramírez als das neue Aushängeschild von Netflix, wie es scheint), kurz vor der Zeitenwende den Staat nochmal um mehrere Millionen Dollar zu erleichtern. Trotz der stets finsteren Blicke des kernigen Dreitagebart-Machos, der gerne der Härteste auf dieser Welt sein möchte, ist dieser mit von der Partie. Bis es aber so weit kommt, fließt der Atlantikstrom an der Ostküste noch meilenweit vorbei, denn Olivier Megatons angekündigtes Dirty War on Film verzettelt sich im chaotischen Moloch seines selbst geschaffenen, superfinsteren Szenarios zwischen versifftem Toilettensex, kunstblutenden Wunden und Sin City-Kuriositäten.

Die Graphic Novel kenne ich leider nicht – bei Betrachten der Verfilmung lassen sich so manche Panels aber gut nachvollziehen, wie bei 300 oder Watchmen. Megaton (u.a. Colombiana, Taken 2 und 3) dürfte sich mit der Vorlage ausgiebig beschäftigt haben, seine arrangierten Bilder der moralischen Verkommenheit, auf dessen Bühne wirklich niemand herumirrt, dem man Glück wünschen würde (außer vielleicht Anna Brewster als A Dame to kill for), bedienen ausgiebig dystopische Klischees eines medial gehypten, genüsslich ausufernden Sozialschreckens. Das hat schon enorm viel Eitelkeit, und ist in keinster Weise gesellschaftskritisch zu betrachten. The Last Days of American Crime will in erster Linie der coole Gangster-Rap sein, weil all die Miesen, Werteunbewussten, die schaffen es wohl eher durch die finsteren Zeiten und haben schon was Anhimmelbares, und das wissen sie auch selbst, so wie sie sich aufspielen. Ramirez kopiert gnadenlos die Gefühlskälte vergangener mundfauler Ein-Mann-Armeen, Michael Pitt dreht sich exaltiert um seine eigene Achse, und Brewster hat ein bisschen was von Tarantinos Mia Wallace. Das sind sehr oberflächliche Attitüden, in einem zwar reizvoll ausgestatteten und fotografierten, aber schwer atmenden und sehr brutalen Actionkracher, der gern was Gefährliches wäre, dabei aber erprobte Stereotypen bedient. Der Ansatz mit dem Pazifismus-Signal mag ja recht verlockend klingen, durchdacht ist das aber auch nicht so ganz. Wo hört es auf, wo fängt es an, und wer hält sich dran? Das fragt man sich bei diesem Film des Öfteren.

The Last Days of American Crime

Die Weite der Nacht

I WANT TO BELIEVE

7/10

 

vastofnight© 2019 Amazon.com Inc.

 

ORIGINALTITEL: THE VAST OF NIGHT

LAND: USA 2018

REGIE: ANDREW PATTERSON

CAST: SIERRA MCCORMICK, JAKE HOROWITZ, BRUCE DAVIS, GAIL CRONAUER U. A. 

 

Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen, da waren sich Scully und Mulder ziemlich sicher. Nur: die Wahrheit lag schon da draußen, da waren die beiden selbst noch Sternenstaub. Selbige fand ihre Spielwiese in New Mexiko, genauer gesagt in Roswell, als dort angeblich ein extraterrestrisches Vehikel samt Insassen geborgen wurde, was aber mittlerweile von vielen Seiten dementiert wird. Verschwörungsgurus wollen das gar nicht hören. Aber he! Langsam wird es Zeit, sich wieder mal anderen Fakten zuzuwenden, weg von entfesselten Virengewalten aus dem Versuchslabor. Weg von Chemtrail und Flat Earth-Ideen. Vielleicht wieder mehr herumstöbern in den UFO-Annalen? Das tut weniger weh, vor allem auch, weil man dort mehr fabulieren kann.

Erst heute morgen habe ich einen Artikel gelesen über die statistische Wahrscheinlichkeit außerirdischer Zivilisationen in unserer Galaxis. Nun, es müssten rund 35 solcher Fälle geben, parallel zu unserem Fall inklusive Schwankungsbreiten von mehreren Milliarden Jahren. Wenn es sie statistisch gäbe, dann wären wir von der nächsten viel zu weit entfernt, um die Post vom anderen Ende noch zu erwarten. Dennoch, und weil sich die im Flüsterton vorgebrachte Idee an geheimnisvollen lauen Sommerabenden bestens eignet – könnten die Fremden schon längst angeklopft haben. Vielleicht in den 50er Jahren, als Radio und Funk der Hochgenuss des Entertainments waren. Wo Tonbandgeräte für Verblüffung sorgten. Und wo Kleinstädte in New Mexiko prädestiniert dafür waren, das Mysteriöse anzuziehen.

The Vast of Night, oder – in der Übersetzung – Die Weite der Nacht (eine Formulierung aus Shakespeares Der Sturm) ist ein seltsam mysteriöses, kleines Phänomen und eine in sich fremdartig grummelnde Hommage an Orson Welles Radioperformance zu H. G. Wells Klassiker Krieg der Welten, womit er 1938 ganz Amerika zum Narren hielt. Regisseur Andrew Patterson hat sich sein Regiedebüt komplett eigenfinanziert. Eine Liebhaberei, das sieht man. Aus so Liebhabereien entstehen Innovationen, entstehen Experimente für neue Ansätze, um filmische Geschichten zu erzählen. Aber zugegeben: Aller Anfang ist nicht leicht. Die Weite der Nacht pflanzt uns Zuseher vor den Eingang einer kleinstädtischen High School (Buffy lässt grüßen) und hängt die ersten 20 Minuten an den Lippen der beiden Protagonisten Everett und Fay. Die quasseln ungebremst über Leute, die wir nicht kennen, über das Triezen anderer Mitschüler und das bevorstehende Basketball-Spiel in der Turnhalle. Später schlendern sie durch die laue Sommernacht und palavern über die Zukunft der Technik, über die absurde Vorstellung, in 50 Jahren vielleicht auf kleinen Hosentaschenbildschirmen mit anderen zu kommunizieren. Oder dass eine Stimme im Auto die Fahrtrichtung vorgibt. Begeisterte Technik-Nerds, das sind sie beide, er ein Moderator im Radio, sie im Nachtdienst an der Telefonvermittlung. Kurze Zeit später aber passiert das Rätselhafte: Seltsame Funkgeräusche werden wahrgenommen, Zeugen melden sich über Telefon, indem sie offenbaren, mehr über diesen Sound zu wissen als ihnen lieb ist. Und schon ist die Stimmung perfekt, der Zuschauer gefesselt, das große, verändernde Ereignis vielleicht kurz davor einzutreten?

Was Spielberg mit seiner Unheimlichen Begegnung der dritten Art mit viel Licht und Bühnenshow formuliert hat, lässt Die Weite der Nacht in einer bedeutungsschweren Spärlichkeit aus Licht und grobkörniger Kamera, ausgewaschenen Postkarten-Kolorit von damals und knackenden Geräuschkulissen eine ganz andere Gestalt annehmen. David Lynch gelang es meist, in der Abwesenheit von etwas oder einfach nur mit der Dunkelheit selbst enormes Unwohlsein zu erzeugen – Patterson gelingt ähnliches, lässt seine entfesselte Kamera auf Kniehöhe über die leeren finsteren Straßen ziehen, dann wieder folgt Schnitt auf Schnitt, dann wieder ein Blackout und die Mysterytour wird zum Hörspiel. Der Score selbst verbucht durch seinen unberechenbaren Mix aus Sound und Instrumenten eine ganze Metaebene für sich, entwickelt aber gemeinsam mit der enorm dialoglastigen Tendenz zum Kammerspiel a la The Guilty eine atmosphärische Erstaunlichkeit, obwohl oder gar weil dem Independent-Streifen einer dieser üblichen, manchmal aber sowieso eher aufgesetzten Story-Twists fehlt. Den schüttelt Die Weite der Nacht nämlich nicht aus dem Ärmel, das kommende Geschehen ist prinzipiell mal einzuschätzen, obwohl ich auf den Richtungswechsel in der Storyline bis zuletzt gewettet hätte. Man sieht aber wieder, dass mit dem semidokumentarischen Kniff eines Pseudo-Reports und dem magischen Retro-Charme einer Twilight-Zone-Episode aus flirrenden Schwarzweiß-Fernsehröhren Erdachtes einnehmend authentisch wirken kann. Man braucht nicht viel zu sehen, nur in seinem Mix alles zu empfinden, was für eine alternative Wahrheit sprechen kann. Und das prickelt, während das rationale Denken zugunsten jugendlicher Fantasien gerne eine Pause macht.

Die Weite der Nacht