Point Blank

GESUND GESTOSSEN

5,5/10

 

POINT BLANK© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOE LYNCH

CAST: ANTHONY MACKIE, FRANK GRILLO, MARCIA GAY HARDEN U. A. 

 

Was machen Ensemblestars aus dem Marvel-Kosmos, wenn sie gerade am Ende ihrer Epoche angelangt sind? Sie machen mal Urlaub, könnte ich mir denken. Oder sie lassen sich von Netflix anheuern, an der Hintertür am Set zu Avengers, winkend mit einem netten Angebot und einem günstigen Vertrag mit allerlei Boni. Anthony Mackie konnte an diesen Anwerbern, so wie es aussieht, nicht wirklich vorbei. Obwohl Mackie nicht vergessen darf, irgendwann in die Fußstapfen Captain Americas zu treten, rufen wir uns eine der letzten Szenen aus Endgame in Erinnerung. Doch der afroamerikanische Star, im MCU bekannt als Falcon, will sich zu Recht nicht festlegen lassen. Da lässt sich zwischendurch ohne weiteres etwas ganz anderes spielen, nämlich das Remake eines französischen Thrillers mit dem bezeichnenden Titel Point Blank. Und um nicht ganz alleine dazustehen, muss Kollege Frank Grillo – ebenfalls aus dem Cap-Cast – auch mit an Bord. Somit haben wir mal ein Buddyteam, das so wie damals bei The First Avenger: Civil War ebenfalls auf zwei Seiten steht. Auf der Seite der Guten und der Bösen.

Mackie ist natürlich der Gute, und er ist Krankenpfleger und werdender Papa. Grillo ist der Böse, und einer von zwei Brüdern, die ein Attentat auf einen Lokalpolitiker verübt haben. Der eine entkommt, der andere wird überfahren – und landet im Spital. Klar, dass Blut dicker als Wasser ist, und der Flüchtige seinen Partner da raushauen will. Das geht aber nur mit fachkundigem Personal. Und wer eignet sich da nicht besser als Anthony Mackie, der, um das Leben seiner entführten schwangeren Frau bangend, alles tut, was Grillo will. Ihnen auf den Spuren: Ermittlerin Marcia Gay Harden als derber Cop, aus ihrem Sprachrepertoire bevorzugt das Wort „Fuck“ verwendend. Und was den Rest des Films dann passiert, ist wie der Benefit für einen Mars-Riegel: voll mobil und am Besten zwischendurch. Wobei Zwischendurch auch mal sehr entspannend ist.

Dieses Zwischendurch ist also Point Blank, das ist nichts, was den Patschenkinogeher vom Sofa haut, das ist nichts, was mit irren Schauwerten auftrumpft und nichts, was wir nicht irgendwo so ähnlich auch schon gesehen haben. Dass sich der US-Film gerne an europäischen Vorlagen vergreift, ist schon längst bekannt. Manchmal ist das komplett unnötig, manchmal aber taucht die Existenz eines Originals erst dann aus der Versenkung, wenn die US-Filmbranche in gefälligem Kopieren ihre Seherschaft vor den Screen holt. Das ist in der Musikbranche genauso. Doch wenn da Cover-Versionen gang und gäbe sind, warum nicht auch im Film? Ein bisschen anders sollte es dann schon sein, neue Impulse vielleicht, ein neuer Zugang. Point Blank, das Original, kenne ich nicht. Muss ich aber auch nicht mehr sehen. Und will ich auch nicht verwechseln mit einem Krimi selben Titels aus den 60er-Jahren von John Boorman, was die Verwirrung erst so richtig komplett macht. Die US-Version des Europa-Originals erzählt schon alles, was ich wissen muss, noch dazu mit einem gefällig-smarten Hauptdarsteller, der den relativ unbekannten Frank Grillo (ehrlich, ich kann mich leider nicht mehr an einen Antagonisten wie Crossbones aus dem Marvel-Universum erinnern) auf Fluchtwegen durch die Stadt pflegt. Im Koffer alles was er braucht, von Morphium bis Adrenalin. Das führt zu launigen Stress-Sequenzen, zu ordentlich Projektilverkehr und zu wohltuender Vorhersehbarkeit, die eben dadurch nicht weiter (ver)stört, weil es eben ein relativ anspruchsloser Happen ist, wie die Thrillerlektüre eines B-Schreiberlings am Strand, die für Kurzweil sorgen darf, mit all den redundanten verbalen Kraftausdrücken, die das klischeehafte Bild eines kernigen Verbrecheralltags erst so richtig finster machen. Reflektieren wir darüber? Nein, Point Blank kann man so stehen lassen, als etwas, worüber man nicht weiter nachdenkt. Außer vielleicht, welchen Film Anthony Mackie wohl als nächstes machen wird, bevor er das Vibraniumschild aus dem Kasten holt.

Point Blank

Dumbo

ALLES WAS OHREN HAT, FLIEGT!

6,5/10

 

DUMBO© 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: TIM BURTON

CAST: DANNY DE VITO, COLIN FARRELL, EVA GREEN, MICHAEL KEATON, ALAN ARKIN, LARS EIDINGER U. A.

 

Jetzt mal in Echt. Disneys Dekaden umspannende Filminventur macht vor gar nichts halt. Ein Riesenprojekt, welches die Masterminds dort am Laufen haben. Da werden die ältesten Zeichentrickfilme aus den heiligen Archiven geholt, von allen Seiten gemustert und nebst notwendiger Digitalisierung noch zusätzlich als Live-Act nachgedreht. Warum nur? Nun, weil’s erstens geht. Und zweitens, weil’s neugierig macht. Wie denn wohl zum Beispiel Winnie Puuh als echter Bär aussieht (Gut, das wäre nicht schwierig zu beantworten, da müsste man nur in die New York Public Library). Oder Shir Khan und Baghira. Oder das Biest, das mit der Schönen tanzt. Oder eben Dumbo. Bei Dumbo wäre es ja besonders interessant. Obwohl mich die ersten Vorab-Infos über Disneys Ambition, die traurige Geschichte des missgebildeten Dickhäuters wirklich real neu zu verfilmen, etwas irritiert haben. Braucht es denn das wirklich? Zugegeben, das habe ich mich vor Christopher Robin auch gefragt. Und vor The Jungle Book. Und zugegeben – eigentlich ja. Eigentlich braucht es das wirklich. Denn es sind oft ganz andere Geschichten, ganz andere Sichtweisen, die da ins Drehbuch geschrieben werden. Und ja, Disney macht das, weil’s geht. Und weil es das verdammt gut kann.

Sofern kein Vergleich aus dem reichlich illustrierten Brehms Tierleben vorliegt, kann ich bei Betrachten des Familienevents Dumbo tatsächlich nicht mehr mit Sicherheit sagen, wo die Echtheit von Tieren aufhört und wo die Animation beginnt. Dieser akkurate Realismus ist wirklich verblüffend. Und auch wenn schon damals bei Ang Lees Life of Pi der Tiger im Boot schon so täuschend echt ausgesehen hat – würde man den Stand der Dinge mit damals vergleichen, wäre die Katze ungleich unnatürlicher. Die Elefanten in Dumbo sind es augenscheinlich (noch) nicht. Aber fragt mich in ein paar Jahren wieder, denn da ist immer noch Luft nach oben, auch wenn ich das kaum glauben kann. Beim Elefantenbaby mit den großen Ohren, da weiß ich schon, dass der nicht echt ist. Aber er sieht so verdammt echt aus. Und wie er da unterm Stroh das Licht der Zirkuswelt erblickt und später ein Schaumbad über sich ergehen lässt, da grenzen die simulierten Eigenschaften von Wasser- und sonstigen Molekülen, die auf nicht weniger simulierter Elefantenhaut abfließen, wirklich schon an die Magie einer perfekten Illusion. CGI ist nicht nur mehr CGI – langsam fangen die Wesen aus dem Rechner an, Seele zu besitzen. Das war schon unlängst bei Alita so. Und auch Dumbo hat das gewisse Etwas.

In Anbetracht dieser Kunstfertigkeit hätte Tim Burton ja gar nicht mehr viel zu tun gehabt. Der niedliche Pachyderme ist ein Selbstläufer – oder wohl eher ein Selbstflieger. Drum herum gibt sich der Visionär mit dem Hang zum verspielt-morbiden Gothic-Grusel-Look recht bescheiden und wühlt in seiner eigenen Mottenkiste, die Requisiten aus seinen früheren Werken wie Charlie und die Schokoladenfabrik enthält. Der Vergnügungspark des sinisteren und seltsam frisierten Unternehmers Vandervere scheint ein wenig kreatives Sammelsurium sämtlicher Kulissen zu sein, die alle schon mal irgendwo verwendet wurden. Die permanente lila Abendstimmung und die etwas überstrapazierte Darbo-Werbespotoptik der 20er Jahre ergibt eine gewisse gleichförmige Unaufgeregtheit, bei der Burton sein Licht etwas unter den Scheffel stellt. Aber womöglich passiert das zugunsten einer familientauglichen Story, die sich ohnehin mehr auf Elefant und Mensch konzentriert. Und der Mensch, der hat schon seine kauzigen Vertreter. Vor allem ist es schön, wieder mal Danny deVito vor der Kamera zu sehen, der seit seinem Independent-Auftritt in Wiener Dog lange als vermisst galt. Als impulsiver Zirkusdirektor macht er sowieso eine famose Figur. Und Eva Green, Lieblingsstar von Tim Burton nach Ehefrau Helena Bonham-Carter, glänzt als grazile Trapezkünstlerin, die auf den Elefanten kommt.

Dumbo als charmantes Live-Act-Abenteuer funktioniert unterm Strich überraschend gut, ist zwischendurch sogar und insbesondere für jüngeres Publikum durchaus spannend, vor allem, wenn man Dumbos Ohren noch nicht trauen kann. Doch keine Sorge, bei Disney endet doch alles gut – oder doch nicht? Schicksalsschläge müssen sein, sonst wäre es nicht Disney, und die gut gemeinte Parabel über Außenseiter, Freaks und das Anderssein ist eine Zirkusnummer, die in Sachen Animationskunst staunen lässt, sonst aber eher recht solide und konventionell Stars in die Manege eskortiert, die ihre Attraktionen jedenfalls brav geübt haben.

Dumbo

Im Zweifel glücklich

WARS DAS?

7/10

 

BradsStatus#2052.ARW© 2018 Weltkino

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIKE WHITE

CAST: BEN STILLER, AUSTIN ABRAMS, JENNA FISCHER, MICHAEL SHEEN, LUKE WILSON U. A.

 

Da bedarf es schon eines ausgeprägten Fokus auf die eigene innere Mitte, wenn es darum geht, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Wenn dann noch die eigenen Schulkollegen mit deutlich mehr PS auf der Überholspur gen Erfolgshorizont des Lebens davonbrausen, ist der Selbstwert auf Kleinkindgröße dahingeschmolzen. Der Wettbewerb ist allgegenwärtig, vor allem in so selbstverliebten Zeiten wie diesen, wo Fleiß und Idealismus nur noch bedingt zu wünschenswerten Ergebnissen führen. Allerdings übersehen hierbei die gebeugten Häupter der vermeintlichen Loser sehr gerne, dass der vielfach kolportierte Erfolg der Mitmenschen reichlich Fassade ist, und Vergleiche oft mit zweierlei Maß gemessen werden. Die einen, die haben dann meist das Kapitalglück, dass in ausreichender Werbewirksamkeit die Gesellschaft fasziniert. Und die anderen, die haben das Basisiglück, und können sich, wenn alle Stricke reissen, auf wahre Werte zurückbesinnen, auf die es letzten Endes wirklich ankommt. Die Erfolgsformel ist also eine Unbekannte. Sich daran zu reiben wie Ben Stiller es tut, kann zu einem ernüchternden, aber undurchdachten Status Quo führen, der längst nicht alle Indizien, die für ein besseres Leben sprächen, abgeklopft hat.

Im Zweifel gücklich, im Original schlicht und ergreifend als Brad´s Status betitelt, treibt einen innerlich strauchelnden Ben Stiller vor sich her, der überhaupt nichts mehr mit den klamaukigen Peinlichkeiten aus früheren Filme zu tun hat, der geradezu ernüchternd unmöbliert und verkatert auftritt, als würde er tatsächlich in das tiefe Loch einer sinnlos erscheinenden Existenz geworfen worden sein. Diesen Zustand könnte jetzt ein anderer Filmemacher kabarettistisch ausschlachten, sich darüber lustig machen, die Midlife crisis durch den Kakao ziehen. So wie es der Österreicher Harald Sicheritz Anfang der 90er getan hat. Freispiel mit Alfred Dorfer zählt bis heute zu den besten Kabarettfilmen überhaupt, lässt dabei aber seinen Antihelden Robert Brenneis als ausgebrannten Musiklehrer über das eigene Leben und das der anderen sinnieren, bevorzugt über das seines ehemaligen besten Freundes, des Schlagerstars Pokorny, süffisant verkörpert von Wuchtelgranate Lukas Resetarits. Der Neid könnte einen fressen, angesichts dieses Glamours, den manche umgibt, vor allem jene, die das gleiche Startkapital für die Zukunft hatten, und plötzlich hinten anstehen müssen. Sich klarzuwerden, worauf es im Leben wirklich ankommt, dafür braucht Alfred Dorfer einen ganzen Film voller Zynismus und kluger Kommentare. Ben Stiller tut Ähnliches, wenn auch nicht im Bierzelt schunkeln oder in Italien urlauben. Er begleitet seinen Sohn an die Ostküste Amerikas, um Universitäten abzuklappern und den richtigen Studienplatz zu ergattern. Dabei stößt Brad zwangsläufig auf die Karrieren seiner Kommilitonen von damals, um sich selbst ganz klein vorzukommen. Bis er die Dinge vor seinem geistigen Auge wieder in die richtige Ordnung bringt, auf Reboot Prioritäten setzt und seinem Filius den Rücken freihält.

Dieser Status, den Brad abruft, der könnte der Status von jedem von uns sein, mal mehr mal weniger. Den großen Vogel, den haben die wenigsten abgeschossen, dabei ist die Frage nach einem zweifelhaften Lebensglück gerade bei jenen womöglich ungleich größer als bei den sogenannten Niemanden, die trotz fehlenden Reichtums und Scheinwerfern die Erfüllung in sich selbst und ihrer Familie finden. Regisseur Mark White lässt Ben Stiller tatsächlich immer stiller werden, immer nachdenklicher, und gibt ihm Raum für Gedanken, die aus dem Off auch für das interessierte Publikum zu hören sind. Im Zweifel glücklich ist ein langsames, gedankenverlorenes, aber alltagsrelevantes Drama, leichtfüßig und nicht verkopft. Nachvollziehbar und durchaus bereichernd, wenn mal wieder das eigene Leben unzureichend erscheint.

Im Zweifel glücklich

Peter Hase

WICKEL MIT KARNICKEL

5/10

 

Peter Rabbit (James Corden) in Columbia Pictures' PETER RABBIT.© 2018 Sony Pictures GmbH

 

ORIGINAL: PETER RABBIT

LAND: AUSTRALIEN, GROSSBRITANNIEN, USA 2018

REGIE: WILL GLUCK

MIT DOMNHALL GLEESON, ROSE BYRNE, SAM NEILL, MARGOT ROBBIE (STIMME), DAISY RIDLEY (STIMME), U. A.

 

Mein Name ist Hase, und ich weiß von nichts. – Stimmt, dieser Hase weiß wirklich von nichts. Er weiß nicht mal, dass er gar kein Hase, sondern ein Kaninchen ist. Hasen haben eine ganz andere Physiognomie und sind obendrein Einzelgänger. Kaninchen natürlich nicht. Und an dieser Verwirrung ist womöglich einzig und allein die Übersetzung schuld, denn Peter Rabbit im Original bezieht sich eigentlich auf ein Kaninchen, während Hasen als Bunny bezeichnet werden. Peter Kaninchen klingt aber nicht so gut, schon gar nicht zu Ostern – denn da ist der Film in den Kinos erschienen. Also Hase, obwohl alle lieber ein Kaninchen hätten, weil sie einfach kuscheliger, gesellschaftsfähiger und so herzzerreissend süß herumhopsen. Wenn das dicke, blumenbewährte Hinterteil über die Wiese koffert, will jedes Kind so ein Tierchen haben. Aber was heisst da jedes Kind – ich liebe Nager, hatte sogar ein dreifärbiges Kaninchen, dessen hasenschartiges Konterfei sogar mal in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde. Man sieht, ich kann mich für Meister Schlappohr so richtig begeistern. Für den martialischen Gemüsekrieg zwischen Wald, Wiese und Flur, den der Film Peter Hase verspricht,  allerdings weniger.

Dabei ist Peter Hase die Verfilmung eines Kinderbuchklassikers, der von Beatrix Potter kurz nach der Wende zum 20sten Jahrhundert verfasst und illustriert wurde. Letztere kennt womöglich jeder, der sie sieht. Eingekleidete Tiere des Waldes, detailverliebt gezeichnet. War nur eine Frage der Zeit, wann hier die Tricktechnik zuschlagen würde – und den Charme der Vorlage ziemlich aussen vor lässt. Kein Zweifel, die dicken Dinger sind großartig animiert, das ist State of the Art. Am Liebsten ist mir dieser Frosch im Frack, der am Weiher sitzt und angelt – das ist so ein schönes, altes Fabel-Motiv aus der Spätromantik. Was wäre, wenn ein ganzer Film eine solche Fabel wäre – so in richtig nostalgischer Montur, zwischen Hase und Igel, mit Reineke Fuchs, Isegrim und Adebar? Leider ist es das nicht geworden, und Regisseur Will Gluck hat auf Basis der kauzig-idyllischen Anekdote Potters ein Provinzmärchen für die ganze Familie in den Vorgarten gepflanzt, die, auf Spielfilmlänge aufgeblasen, eine völlig uninspirierte Geschichte zum Besten gibt. Die literarische Vorlage reicht gerade bis zum Ableben des griesgrämigen Mr. McGregor (herrlich bis zur Unkenntlichkeit wutverzerrt und backenbärtig: Sam Neill), und danach ist es auch schon vorbei mit der heimeligen Ungemütlichkeit. Irgendwann verschlägt es Neffe McGregor aus London ins britische Outback, der nämlich das Anwesen vor der Nase unserer kleinen Kaninchenfamilie erbt und von allem, was jenseits seines Lattenzaunes kreucht und fleucht, genauso wenig Näheres wissen will als sein verblichener Onkel.

Die Ursache für den ausgelebten Hass des versnobten Rotschopfs gegenüber befellten Vierbeinern bleibt ein Rätsel, auch das ausartende Hin und Her verkommt zur Mäusejagd, die wir in nämlichen Film aus den 90ern bereits schon kennengelernt haben. Irgendwann, und so ziemlich bald, verlieren Geschosstomaten, Stromzäune und Dynamit seinen ohnehin geringen Reiz, die Autorin der kecken Kurzgeschichte über den Nager im blauen Hemd würde sich ziemlich wundern, was aus ihren Ideen geworden ist. Mit Ausnahme der liebevoll animierten Tiere bleibt ausser einer herumeiernden Romanze und den brachialen Krieg Mensch gegen Tier nicht viel über. Da hat der Trailer deutlich mehr versprochen, mehr Witz und eben auch Charme, den man mit dem Potenzial von sprechenden Tieren locker ausbauen kann. Domnhall Gleeson ist völlig nebenbesetzt, dafür ehrt Rose Byrne Künstlerin Beatrix Potter mit einer kleinen Hommage und den Illustrationen von einst.

Peter Hase hätte richtiges gutes Familienkino werden können. Liebevoll, aufrichtig und mit augenzwinkerndem Witz. Leider nur in wenigen hellen Momenten, doch wer sich an pummeligem Streichelzoo erfreuen kann, ohne sonst viel nebenher einzufordern, hat womögich die Glückseligkeit eines Hasens, der von nichts etwas weiß.

Peter Hase

Die Nile Hilton Affäre

DA KOMMEN DIE TAGE DES ZORNS

8/10

 

nilehilton© 2017 Port au Prince Pictures GmbH

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, DÄNEMARK 2017

REGIE: TARIK SALEH

MIT FARES FARES, MOHAMED YOURSI, HICHEM YACOUBI U. A. 

 

So vieles hätte sich ändern können. So sehr standen die Zeichen auf Neuanfang. Im Januar des Jahres 2011 war das Land der Pharaonen dem Beispiel Tunesiens gefolgt und hat als Volk im Schulterschluss Reformen gefordert, ganz oben an der Spitze aller Forderungen den Rücktritt Hosni Mubaraks. Ende Januar dann bürgerkriegsähnliche Zustände am Tahrir-Platz von Kairo. Die Revolution hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Folge: ein Machtwechsel. Auf zu neuen Ufern also. Doch da hat wer die Rechnung ohne das Militär gemacht. Alles weitere ist Geschichte, wenngleich eine von diesen Ereignissen, die man nachträglich gerne noch umgeschrieben hätte, zugunsten der Bürger, der sozial Benachteiligten, der Freiheit des Glaubens und natürlich der Stellung der Frau. Was ich aber fast vergessen hätte: zugunsten der Abschaffung einer eingefleischten Korruptionspolitik, die den exekutiven Staatsapparat schon so weit durchdrungen hat wie Mörtel in einer Hausfassade.

In dieser Corruption Airways, wie sie die EAV in ihrem Song-Klassiker Küss die Hand Herr Kerkermeister so formschön besingen, sitzt auch der Polizist Noredin, trauernder Witwer und autoagressiver Kettenraucher – keine Szene ohne Anheizen eines Tschicks, dementsprechend verraucht sind die Settings, und dementsprechen fahrig und verzweifelt das Suchen nach dem Päckchen. Dem Zuschauer bleibt ein fahler Geschmack im Mund, ein Film also zum Passivrauchen. Dieser Rauch, der sich durch Die Nile Hilton Affäre zieht, bleibt nicht ohne Feuer. Tarik Saleh´s packender, auf tatsächlichen Ereignissen beruhender Politthriller ist höchst brisant, politisch äußerst unbequem und interessanterweise eine Produktion aus schwedisch-dänisch-deutschen Landen, obwohl es sich anfühlt, als wäre der urban-düstere, verputzbraune Straßen- und Hotelkrimi ein Film von Ägypten für Ägypten, fühlbar authentisch und mit einem Lokalkolorit von oriententzaubernder Sogwirkung.

Fares Fares, der Mike Krüger des Nahen Ostens, ist natürlich ein Gesicht, dass sich schwer vergessen lässt und sich tatsächlich sogar im Star Wars-Ableger Rogue One, im Kreise der Rebellen auf Yavin (Randbemerkung für Insider) wiederfindet. Als Herumstocherer im Kairoer Korruptionssumpf lässt er sich auf Liaisonen ein, die auf die Dauer ungesund sein müssen. Und deckt Verbindungen auf, die, wie kann es anders sein, in den Olymp der Macht führen. Die Fakten dahinter sind nicht wirklich überraschend, faszinierend sind an diesem Film vielmehr die stilistischen Referenzen an Filme der schwarzen Serie, die ihre lasterhaften Helden einem unüberschaubaren großen Ganzen gegenüberstellen und ihrer rechtschaffenen Wahrnehmung von Gerechtigkeit das Steuer entreißen. Die Nile Hilton Affäre ist nicht nur ein Krimi, der die Lösung eines Falles anstrebt. Stetig wechselnd zwischen luxuriösen Appartements und peripheren Ghettos, zwischen Szenen des Aufstandes und verrauchten Hinterzimmern gerät Saleh´s Film in einen vielschichtigen Strudel aus ohnmachtsanfälligem Wettern gegen die Mechanismen einer arabischen Politik, die sich windet wie eine Hydra, und Kritik an einer Gesellschaft, die sich dem Eigennutz verschrieben hat. Dazwischen der Polizist Noredin, dessen unautorisierte Ermittlung zu einer Herkulesaufgabe mutiert. Fares steht da für einen Typ Mensch, der zwar nicht mehr an sich selbst, aber an eine bessere, höhere Ordnung glaubt, die anstrebbar bleibt. Bis auch dieses Weltbild bröckelt.

Die Nile Hilton Affäre ist großes politisches Kino im Gewand eines so rauhen wie eleganten Thrillers, voller Substanz und ganz vielen Seitenhieben, wüstenstaubverkrustet und abgasschwer. Ein Film aus den Straßen einer Millionenstadt und darüber hinaus, aus einem Land im dunklen Schatten der Pyramiden.

Die Nile Hilton Affäre

Love, Simon

IMMER NOCH DER SELBE BLEIBEN

7/10

 

lovesimon© 2018 Twentieth Century Fox GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: GREG BERLANTI

MIT NICK ROBINSON, KATHERINE LANGFORD, ALEXANDRA SHIP, JENNIFER GARNER, JOSH DUHAMEL U. A.

 

Erstaunlich, und eigentlich unerwartet, dass in Zeiten von Life Ball und Regenbogenparade das Thema eines Coming Out einen ganzen Film zu tragen vermag. Wie es aussieht, ist es längst noch nicht selbstverständlich, homosexuell zu sein. Dabei dacht ich, die gleichgeschlechtliche Liebe ist zum Glück nicht mehr etwas, das geheim gehalten werden muss. Angesichts der gegenwärtigen Situation können Defizite aber noch locker aufgeholt werden, und zwar insbesondere an den Schulen. Dort, wo alles, was nicht einer gewissen Norm entspricht, Gefahr läuft, entweder in geschäftiger Übertriebenheit verstanden oder abgelehnt zu werden. Schlimmstenfalls wird gemobbt, das ist dann die schädliche wie schändliche Lösung all jener, die mit dem Anderssein gar nicht umgehen können. Vielleicht, weil sie es auch selbst sind – nämlich anders. Und diesen Umstand niemals zugeben würden.

Simon ist also anders. Aber nur sexuell. Das wird ihm irgendwann bewusst, und irgendwann nimmt er seine Veranlagung auch als gegeben hin. Dass Homosexualität unbedingt abnorm sein muss, sei dahingestellt. Es gibt sie jedenfalls, und das nicht zu gering. Es muss in der Natur einen Grund dafür geben, den wir bislang aber noch nicht kennen. Damit steht das Phänomen nicht alleine da – die Evolution an sich ist ein ganzes Buch voller sauschwerer Sudoku-Rätsel, die keiner lösen kann. Lösen lässt sich nur der soziale Aspekt dieser Andersartigkeit – am Besten mit einem Outing. Erst noch anonym, aber auch nur, weil ein gewisser Blue sich getraut hat, seine Veranlagung publik zu machen. Simon tut das Gleiche, outet sich als Unbekannt – und findet in Boy X, soweit es online möglich ist, einen Vertrauten. Das wäre ja mal nur der halbe Film, gäbe es an amerikanischen Schulen wie dieser hier im Film nicht Kollegen, die Mr. Anonymus entlarven und Stillschweigen gegen Hilfeleistung in Sachen Liebe fordern. Das kann nicht gut gehen, das ist von vornherein schon klar. Irgendwann kommt es ans Licht – warum also nicht dem Erpresser den Wind aus den Segeln nehmen. Und warum nicht den innigsten Freundeskreis einweihen? Gut, da sollte Simon mal mit der eigenen Familie beginnen.

Homosexuell zu sein hat für einen Erwachsenen weniger weit reichende Konsequenzen als für einen Schuljungen. Dawsons Creek-Autor Greg Berlanti hat sich dieser Problematik mit sehr viel Fingerspitzengefühl angenommen und erreicht mit Love, Simon ein Level, dass in den Achtzigern John Hughes mit seinem Breakfast Club geschafft hat. Solche sozialpädagogisch enorm wertvollen Filme stehen und fallen mit der Auswahl seiner Schauspieler, welche die Rollen, die sie verkörpern müssen, auch ausreichend ernst nehmen. Das gelingt nicht, wenn das Star-Ego allem voran steht. Das gelingt, wenn die Figur nur für die Momente der Dreharbeiten wichtiger wird als die reale Person dahinter. Es geht darum, die Ängste, Sorgen und Bedürfnisse nachvollziehen zu können – nicht einfach nur darzustellen. Dazu braucht es einen Regisseur, der teamfähig ist, für eine gute Stimmung am Set sorgt und innerhalb dieser inszenatorischen Geborgenheit viel, wenn nicht alles, aus seinem Ensemble herausholt. Das ist Berlanti gelungen. Nick Robinson als Simon ist ein hin- und hergerissener, tougher und bildhübscher Zweifler, den nicht nur seine Freunde, sondern auch das Publikum schätzt und mag – genauso läuft es mit den anderen Jungdarstellern, die so spielen, als wären sie in ihrem echten Leben. Love, Simon ist aus einem Guss, eine fehlerlos runde Geschichte, jede Rolle respektiert die andere, jedes Outing und jeder Konflikt zu seiner Zeit, die noch dazu, wie es scheint, souverän gemanaged ist. Die einfühlsame Highschool-Tragikomödie überlässt nichts platten Attitüden, wirkt niemals lächerlich oder beschämend, ist aufrichtig, witzig und klug. In Zeiten wie diesen wäre der Breakkfast Club um einen Nachsitzenden reicher, eben vielleicht um Simon, der sich an diesem Samstagvormittag geoutet hätte.

Vielleicht ist Love, Simon in seiner stringenten Lösungsfindung zu glatt geraten. Dass sich im echten Leben all die gesellschaftlichen Knackpunkte längst nicht so vorhersehbar entwickeln, muss natürlich klar sein. Love, Simon ist da schon ein idealisierter Zustand, manchmal zu naiv im berechenbaren Verhalten der Schüler. Doch der Mensch ist im Geiste kein Naturgesetz. Etwas, was Love, Simon nicht weiß oder gar nicht wissen will – umso schöner daher, wenn das Erwachen sexueller Identität so schnörkellos lehrplanmäßig mit einem Selbstbewusstsein einhergeht, an welchem sich alle ein Beispiel nehmen können. Genau dafür ist Love, Simon schließlich da – Als Mutmach-Kino für die Generation Z.

Love, Simon