Wald (2023)

IN DER EINSCHICHT LIEGT DIE KRAFT

7,5/10


wald© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2023

REGIE: ELISABETH SCHARANG

DREHBUCH: ELISABETH SCHARANG, INSPIRIERT VOM GLEICHNAMIGEN ROMAN VON DORIS KNECHT

CAST: BRIGITTE HOBMEIER, GERTI DRASSL, JOHANNES KRISCH, BOGDAN DUMITRACHE, LARISSA FUCHS, DAGMAR SCHWARZ, HEINZ TRIXNER, HEINRICH MAYR, MIEL WANKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Das im Norden Österreichs gelegene Waldviertel – ein dicht bewucherter Teil des Bundeslandes Niederösterreich, sagenumwoben und voller kulturhistorischer Hot Spots – sieht stellenweise tatsächlich so aus, als wäre man in Schweden oder Finnland – sanfte Hügel, Birkenpopulationen, natürlich jede Menge Nadelwald. Ein Eldorado für Baummeditationen und um Kraftquellen anzuzapfen (sofern man einen Zugang dazu hat). Kleine Dörfer säumen quadratkilometergroße Flächen des Grüns, und sobald die Tage kürzer werden, zieht Nebel auf. Da möchte man meinen, Geister herumspuken oder neolithische Ahnen aus dem Moor kriechen sehen. Metaphysich, sagenhaft. Im Selbstfindungs- und Psychodrama Wald, frei nach dem Roman von Doris Knecht, ist die magische Idylle etwas, das sich zu erschließen lohnt. Allerdings ist der Weg dorthin einer, der an verbohrten Dörflern und Menschen aus der Kindheit vorbeiführt. Er führt an Ablehnung, enervierendem Hass und scheinbar irreversibler Kränkung vorbei. Dort stehenzubleiben, wo es für den Moment kein Weiterkommen gibt, ist eine Eigenschaft, die Marian erst nach und nach lernen muss. Oder wiedererlangen. Denn sie kennt das verschrobene Volk hier, sie kennt die Leute, die sich entweder selbst nichts gönnen oder alles haben wollen, weil sie – wie in Wilhelm Penys und Peter Turrinis Alpensaga – unaufgefordert alle Regeln diktieren. Diesen Regeln muss Folge geleistet werden, so meint es immerhin Franz, einer der Gesichter, die Marian gut kennt, zumindest sieht sie Ähnlichkeiten in einem Konterfei, dass damals zwanzig Jahre jünger war.

Marian, eine mit Preisen ausgezeichnete, renommierte Journalistin, die an einem Ort wie diesen, dem Waldviertel, im Grunde nichts verloren zu haben scheint, hofft, zumindest das wiederzufinden, was sie wieder auf Spur bringt. Es ist das geerbte Haus ihrer Großeltern am Rande des Waldes und zehn Kilometer vom Dorf entfernt; ein alter, baufälliger Hof mit muffigem Inneren als Zeitkapsel eines verklärten Damals der Kindheit. Alles ist noch so, wie es früher war, nur das Dach ist undicht und Strom gibt’s längst keinen mehr. Genau dort, allen Bequemlichkeiten entsagend, sucht Marian die Geborgenheit von Leuten, die es nicht mehr gibt – bis auf eine. Jugendfreundin Gerti, die in sowohl unmittelbarer als auch ferner Nachbarschaft die Rückkehr eines verräterischen Lebensmenschen mit Wut im Bauch beäugt, ist Marian doch damals, nach dem Tod der Mutter, einfach verschwunden. Die Kunst ist es nun, die Mauer der Ablehnung zu durchbrechen, die von beiden Seiten langsam, zögerlich, aber doch, praktiziert werden wird, einen ganzen Herbst, einen ganzen Winter lang. Der Wald, dunkel und düster, aber nichts Böses wollend, sondern therapierend, sieht dabei zu. Die kultivierten Landschaften, das konservierte Gestern, und zwischendrin das Trauma eines Terroranschlags, ergeben das erfrischend ungefällige Gemälde eines fulminanten Heimatfilms.

Das in spätsommerlichen Farben gemalte Vergangene trifft auf eine kaltschnäuzige, pragmatische Gegenwart, das Landleben wurde bislang selten so grob aus dem Stein gehauen wie hier. Die Idylle eines Dorfes fehlt ganz, Elisabeth Scharang reduziert den Mikrokosmos auf das von Alkoholdunst getränkte Innere einer Gaststube, was nahezu beklemmend wirkt. Das inhärente Gedächtnis einer solchen wird auch in Lars Jessens Mittagsstunde befragt, ein ähnlicher, stiller, auf Metaebenen wandelnder Blick auf ein kryptisches Damals.

Befreit hingegen bleibt die Weite der Felder und die Möglichkeit, sich trotz des möglichen Abstands näher zu kommen. Die Idee hinter diesem Homecoming-Drama setzt Scharang in meisterlicher Effizienz in die Praxis um. Sie bündelt, was das österreichische Gemüt bewegt und wie es tickt, sie greift auf eine Weise den vor knapp drei Jahren in Wien wie aus dem Nichts hereingebrochenen Amoklauf eines Terroristen auf, sie holt sich Brigitte Hobmeier als unprätentiöses, authentisches Sprachrohr für eine ganz persönliche, aber niemals einsame Katharsis, die sie mit einer gewohnt greifbar agierenden Gerti Drassl teilt. Johannes Krisch ergänzt schließlich in gewohnter Qualität das Trio einer unfreiwilligen Selbsthilfegruppe der Angeknacksten, die letztlich vieles gemeinsam haben und sich in einem unverhofften Revival einander stärken. So bleibt Wald längst kein schwermütiges Bewältigungsdrama mehr, sondern die wunderschöne, wenn auch unbequeme Geschichte einer Freundschaft. Und über die Verantwortung Menschen gegenüber, die das eigene Leben irgendwann, und sei es auch nur für kurze Zeit, bereichert haben.

Wald (2023)

River (2023)

ZEIT IM (ÜBER)FLUSS

8/10


river© 2023 Tollywood Studio Project


LAND / JAHR: JAPAN 2023

REGIE: YUNTA YAMAGUCHI

DREHBUCH: MAKOTO UEDA

CAST: RIKO FUJITANI, YUKI TORIGOE, MANAMI HONJÔ, GÔTA ISHIDA, YOSHIMASA KONDÔ, SAORI, SHIORI KUBO, MASAHIRO KUROKI, KOHEI MOROOKA, MUNENORI NAGANO, HARUKI NAKAGAWA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Zwei Minuten vor, zwei Minuten zurück. Es sind immer zwei Minuten, mit denen Junta Yamaguchi machen kann, was er will. Unter Garantie sind diese Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft, da kommt noch mehr, viel mehr. Das wiederum werden wir erst in ein paar Jahren erfahren, diesmal aber hält sein herzallerliebster Mindfuck einige Zeit vor, denn was man aus River alles mitnehmen kann, ist erstens mal Feel-Good jede Menge, ein immer wiederkehrendes nachhaltiges Kichern auf den Lippen und obendrein die idyllische Romantik einer zarten Sympathie zwischen Mikoto und Taku, einem Koch, der unbedingt nach Frankreich auswandern will, weil die French Cuisine ihn ruft.

Die bezaubernde Riko Fujitani, bereits bekannt aus Yamaguchis Vorgängerfilm, gibt die in schickem Kimono gekleidete Hotelangestellte eingangs erwähnten Namens in einem Etablissement irgendwo in den Bergen Japans, an einem Fluss namens Kibune gelegen. Ein Ort der Ruhe und der Kraft – beschaulich, bescheiden, den Weltschmerz allüberall auf der Welt vergessen lassend. Mikoto ist aber dennoch nicht ganz zufrieden mit ihrem Leben – und erhofft sich vom Gott des Flusses (oder wer oder was hier auch immer den Laden schmeißt) zumindest einen Beistand, was die Zeit betrifft – möge der Moment so bleiben, wie er ist. Gebetet und erfüllt scheint der Wunsch. Mikoto findet sich nach zwei Minuten des Tuns plötzlich an derselben Stelle wieder, an der sie vorhin gestanden hat, direkt am gluckernden Bächlein. Was den Eindruck eines Déjà-vu vermittelt, ist letzten Endes mehr. Es betrifft alle – Mikoto, die Köche, die Gäste, das ganze Hotelpersonal. Alle zwei Minuten stellt sich die Welt auf Repeat, alle Charaktere „respawnen“ dort, wo sie vor zweimal 60 Sekunden gewesen sind. Was tun mit dieser Zeit? Und wie aus dieser hängengebliebenen Schallplatte des Lebens ausbrechen? Andererseits: Was lässt sich in diesen zwei Minuten alles bewerkstelligen, wie sehr könnte man in dieser Zeit seinen Status Quo überdenken? Und würde die Liebe Mikotos dann nicht ewig währen?

Seinem 2020 mit spielerischem Entdeckerdrang entworfenen Zeit- und Raumexperiment Beyond the Infinite Two Minutes ist der Platz in den Annalen des Science-fiction-Films sicher. Die Verknüpfung von humoristischer Neugier, Situationskomik und populärwissenschaftlicher Logik ist längst schon ein Subgenre, das man Yamaguchi nicht mehr nehmen kann. Mit dem Enthusiasmus von Zurück in die Zukunft und japanischer Boulevardkomödien wird der Blick in die zeit voraus allen Anwesenden fast zum Verhängnis. In River besteht in erster Linie nicht die Frage nach dem Warum, sondern erstmal viel mehr nach dem Was jetzt. Yamaguchi braucht in dieser warmherzigen und auf überwältigende Weise bezaubernden, weil so bescheidenen Komödie nichts weiter tun, als auf seinen zwei Minuten zu beharren. Was sein Ensemble daraus macht, ist voll von zum Niederknien komischen Momenten und leidenschaftlicher Situationskomik. Die beiden Geschäftspartner, die immer wieder ihre volle Reisschüssel vor sich haben. Der Produzent, der nicht aus seiner Dusche kommt. Dessen Schreiberling, ein Serienautor, der die zwei Minuten nützt, um alles Mögliche anzustellen, nur nicht seine Schreibblockade zu lösen.

Beschwingt und voller Ideen setzt Yamaguchi hier vermehrt auf das Zwischenmenschliche, auf die soziale Interaktion und das Herzliche. War in seinen Beyond the Infinite Two Minutes viel mehr die mathematisch-philosophische Schabernack im Mittelpunkt, ist der sogenannte Time Loop fast schon Nebensache, ganz so wie in Und täglich grüßt das Murmeltier, ein viel zitierter Genreklassiker als Mutter aller Zeitschleifenfilme. River aber variiert diese Prämisse so sehr, um sich längst nicht mehr den Vorwurf der Nachahmung anhören zu müssen. River lässt allesamt alles nochmal erleben, während Bill Murray der Einzige war, der immer wieder dieselben Stunden mit neuem Sinn füllen musste. Durch diese Änderung der Parameter ist River ein komplett eigenständiges, originäres kleines Kunstwerk der Mindfuck-Komödie, die man auch nur sehr schwer nachverfilmen kann. Zu sehr ist das Werk mit japanischem Lokalkolorit verbunden, zu sehr bilden seine Charaktere mit dem einmal verschneiten, einmal frühlingshaften Ort Kibune eine Einheit. Es ist ein Genuss, Minute für Minute diesen bestens aufgelegten Zeitschleifenbewältigern dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben trotz temporärer Einschränkung in den Griff bekommen wollen. Man könnte meinen – so kurz unsere Existenz auch sein mag: Der Spaß an der Sache lohnt sich selbst für zwei Minuten.

River (2023)

I’m Thinking of Ending Things

WAS WAR, WAS IST, WAS SEIN WIRD

6/10


imthinkingofendingthings© 2020 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: CHARLIE KAUFMAN

BUCH: CHARLIE KAUFMAN, IAIN REID, NACH SEINEM ROMAN

CAST: JESSIE BUCKLEY, JESSE PLEMONS, TONI COLLETTE, DAVID THEWLIS, GUY BOYD, HADLEY ROBINSON, GUS BIRNEY, ABBY QUINN, OLIVER PLATT U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Wie ist es wohl, die Welt mit den Augen von, sagen wir mal, John Malkovich zu sehen? Spike Jonze hat uns das gezeigt, damals in den Neunzigern, inszeniert auf Basis eines Scripts von Charlie Kaufman, eines um mehrere Ecken denkenden und grübelnden Träumers, dem keine Idee zu absurd erscheint, um sie nicht auf welche darstellerische Art auch immer sichtbar werden zu lassen. Wenn John Malkovich also in sich selbst einsteigt, gerät das vertraute Universum komplett aus den Fugen.

Was ich damit sagen will: Wenn man als Künstler überhaupt keine Grenzen kennt (und damit meine ich nicht die des guten Geschmacks oder Zumutbaren) und in dieser ziellos umherschweifenden Spinnerei noch dazu Anklang findet, ist das wie das Paradies auf Erden für Kreative. Kaufmans bisheriger Höhepunkt ist zweifelsohne Eternal Sunshine of the Spotless Mind (Regie: Michael Gondry) mit Kate Winslet und Jim Carrey – eine wunderbar surreale Romanze, mit Liebe zum Detail und viel Verständnis für die schrulligen Seiten gehandicapter Erinnerungsvermögen. Und gerade trotz dieser jenseits aller Realität befindlichen Odyssee zweier Liebender findet dieser Film auch einen Weg, seine Geschichte geschmackvoll abzurunden. Zwar nicht gefällig, aber geschmackvoll. Und nachvollziehbar. Auch das muss gekonnt sein: Wilde Ideen im Zaum zu halten, damit nicht alles als verlorene Liebesmüh über den Tellerrand des Erfassbaren und Verständlichen tropft.

Mit vollem Schöpflöffel und viel zu kleinem Teller hantiert Charlie Kaufman nun ganz auf sich allein gestellt bei der frei interpretierten Verfilmung eines Horrorromans von Iain Reid mit dem Titel The Ending. Aus dieser anscheinend furchteinflößenden Vorlage zimmert Kaufman, der zehn Jahre lang keinen Film mehr gemacht hat und diesen laut eigener Aussage als letzte Möglichkeit ansieht, sich als Regisseur endgültig zu etablieren, ein surreales Gedankenexperiment, das sich in keiner Weise bemüht, den Schleier des Rätselhaften zu heben. Kaufmann scheint dafür keine Energie investieren zu wollen, sondern hangelt sich lieber von Assoziation zu Assoziation, egal, ob es nun andere verstehen oder nicht. Das war schon bei Synecdoche, New York so. Ein verkopftes Sinnieren, kunstvoll arrangiert zwar, aber völlig konfus. Vor vielen Jahren mal gesehen – und nichts davon ist hängen geblieben.

Bei I’m Thinking of Ending Things probiert Kaufman ähnliches, bleibt aber zumindest in der ersten Hälfte seines über zwei Stunden langen Kunstkinos den verdrehten Gesetzen eines aus der Zeit gefallenen Universums treu, welches einem Scherbenhaufen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einige Splitter entnimmt, um sie als Mosaik wieder zusammenzusetzen. Das, was wir sehen, sind Auszüge aus der Lebensgeschichte der Eltern von Jake (Jesse Plemons), der eines Wintertages mit seiner Freundin Lucy (oder Lucia, oder Louisa – wie auch immer) diesen auf ihrer tief verschneiten Farm irgendwo im Nirgendwo einen Besuch abstattet. Dabei verzerrt sich die Wahrnehmung wie in den Filmen von David Lynch, in welchen wechselnde Identitäten stets eine große Rolle spielen und natürlich nichts ist, wie es eigentlich scheint. Dabei nimmt die Figur der Frau mit vielen Namen – dargestellt von Jessie Buckley, die ihre Kleidung so oft wechselt wie ihren Beruf und ihre Biographie – diese vertrackte Welt weitestgehend als selbstverständlich hin, während sich das, was laut ihrer Stimme aus dem Off nicht stimmen soll, in erster Linie auf die Beziehung mit Jesse Plemons bezieht.

Faszinierendes – und im Gegensatz zu David Lynch – weniger bedrohliches Kernstück des Films spielt sich im rustikal ausgestatteten Anwesen der Eltern Toni Collette und David Thewlis ab, die einmal jung, einmal alt, einmal bettlägerig und dann gebrechlich durchs Haus geistern. Hier ballt sich die vierte Dimension zu einem momenthaften Abendessen zusammen, das sich wie ein Traum anfühlt, in dem man nicht so genau weiß, was alles nicht stimmt. Bei genauerem Hinsehen geben diese Anomalien dann den richtigen Hinweis. Konstant als einziger bleibt eigentlich Jake, alles andere irrlichtert um ihn herum, als würde Jake irgendwo anders sich selbst denken, oder darüber nachdenken, was war und was hätte sein können. Eine reizvolle, erstaunliche Idee, die Kaufman zwar düster, aber herzenswarm auf den Punkt bringt – die ihm aber dank seiner Fabulierlust und je länger der Film dauert, zwangsläufig entgleiten muss. Zu viel Bedeutung, zu viel Symbolik; seltsame Intermezzi, die niemand versteht, und gefühlt elendslange Dialoge über für den Film völlig irrelevante Kulturgüter türmen sich übereinander. Darunter das eigentlich sehr sensibel konstruierte Philosophikum, dessen kryptische Untermauerung maximal als Ventil für Kaufmans absurde Anwandlungen Sinn macht.

I’m Thinking of Ending Things

Red Dot

PANIK IM PARTNERLOOK

5/10


reddot© 2021 Netflix


LAND / JAHR: SCHWEDEN 2021

REGIE: ALAIN DARBORG

CAST: NANNA BLONDELL, ANASTASIOS SOULIS, JOHANNES KUHNKE, KALLED MUSTONEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Dubiose Psychopathen, die einem im Nacken sitzen und den Urlaubsfrieden stören – das erinnert unweigerlich an John Boormans verstörenden Klassiker Beim Sterben ist jeder der Erste. In diesem auf Netflix erschienenen Thriller ist diesmal aber kein Freundeskreis unterwegs in die Wildnis, sondern ein schlichtes und relativ langweiliges Hetero-Ehepaar, das nach eineinhalb Jahren Ehe bereits versucht, mithilfe eines Abenteuers in Schnee und Wald die Zweisamkeit zu kitten. Nach eineinhalb Jahren schon? Was ist mit dem verflixten siebten Jahr? Irgendwie ist da ein Haken an der ganzen Sache. Kann aber auch sein, dass bei einem ehelichen Schnellschuss wirklich schon nach so kurzer Zeit die Luft entweicht. Wir wissen es nicht so genau. Und es macht sich dann auch Unbehagen breit, nachdem Ehemann David an der Provinztankstelle am Auto zweier zwielichtiger Individuen eine Delle hinterlässt und einfach davonfährt. Diese beiden Vögel tauchen immer wieder auf, dann kommt eines ins andere, und irgendwann rastet Gattin Nadja ein bisschen zu sehr aus. Im Zelt unterm nordlichternen Firmament weilend kann das Halali von Mister X auf die beiden Turteltauben beginnen – der Red Dot eines Zielgewehrs stört die Idylle. Und aus ist’s mit Krisenkitten. Jetzt geht´s nur noch darum, die eigen Haut zu retten.

Thriller aus Schweden haben genauso wie Thriller aus Südkorea ihre ganz eigene düstere Note. Deswegen sind Schwedenthriller ja so beliebt, weil sie nicht ganz so vorhersehbar sind wie all die Reißbrettthriller aus Übersee. Doch in Red Dot gibt´s eine grundlegende Schwierigkeit, die verhindert, dass sich der Film in starken Gesinnungskontrasten zeigt. Irgendwas ist bei den beiden Liebenden im Busch, und irgendwie könnte der unbekannte Verfolger vielleicht gar nicht der sein, für den die beiden ihn halten. Oder doch? Regisseur Alain Darborg fischt im Trüben, setzt auf garstige Panikattacken und Survival-Elemente wie aus Cliffhanger oder The Grey. Hundefreunde sollten diesen Film lieber meiden, so wie Hasenfreunde Eine verhängnisvolle Affäre.

Was aber weitestgehend die geordnete Disharmonie stört, ist das impulsive Verhalten zweier erwachsener Menschen, die auf unreflektierte Weise überhaupt nicht verstehen, was ihre Entscheidungen alles anrichten. Irgendwie tappen beide von einem selbstgemachten Unglück ins nächste. Ihnen dabei zuzusehen, wird zwar von verwunderndem Kopfschütteln begleitet, bleibt aber trotzdem spannend. Das Script zu Red Dot ist ein netter Entwurf – mehr aber auch nicht. Während manches viel zu umständlich konstruiert scheint, wird anderes soweit zurechtgebogen, damit hier ein Storytwist für den allzu gewollten Aha-Effekt dienen kann. Das ist zuweilen klar erkennbar, und auch der moralische Zeigefinger mag zwar gerecht sein, aber direkt ins Auge stechen.

Red Dot

Brennpunkt Brooklyn

SCHUSS INS KREUZ

7/10


the-french-connection© 1971 20th Century Fox


OT: THE FRENCH CONNECTION

LAND / JAHR: USA 1971

REGIE: WILLIAM FRIEDKIN

CAST: GENE HACKMAN, ROY SCHEIDER, FERNANDO REY, MARCEL BOZZUFFI, TONY LO BIANCO, EDDIE EGAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Die von mir sehr geschätzte Fachzeitschrift cinema liefert mit ihrer Rubrik „Geburt eines Filmklassikers“ monatlich jede Menge Hintergrundinfos zu Werken, die längst Geschichte geschrieben haben. Und die man eigentlich als Filmfan nicht links liegen lassen kann. Inspiriert vom letzten Beitrag, und weil auch derzeit das Filmangebot trotz Netflix weitgehend überschaubar bleibt, habe ich mir William Friedkins Drogenthriller Brennpunkt Brooklyn – im Original The French Connection – oder einfach beides – zur Brust genommen. Und es lohnt sich, das Making-Of im Vorfeld durchzuackern, denn dann ist der Filmgenuss um eine Dimension reicher, wenn all die beschriebenen Szenen nicht mehr aus dem Konzept gerissen, sondern als Teil des Ganzen zu sehen sind und der Zuseher weiß, was da hinter den Kulissen eigentlich alles los war.

Zum Beispiel die ausufernde Verfolgungsjagd mit dem Auto. Das Kuriose dabei: Gene Hackman, der hinterm Steuer sitzt, verfolgt gar nicht mal einen anderen Wagen, sondern hetzt dem Antagonisten hinterher, der in der Schnellbahn über ihm stets eine Nasenlänge voraus ist. Auch nach 50 Jahren – da fällt mir auf: der Film feiert heuer gar ein halbes Jahrhundert Jubiläum, Gratulation! – bietet diese Szene aufgrund seines innovativen Kameraeinsatzes und einem wirklich makellosen Schnitt feinstes Actionkino. Für den Schnitt gabs ja sogar einen von fünf Oscars. Die anderen gingen unter anderem an die Regie und an Gene Hackman. Verdient? Nun, Antihelden wie dieser sind mittlerweile in jeder zweiten Krimiproduktion zu finden. Damals allerdings waren Filmhelden noch Leute mit Ehre und Ethik und salonfähigem Auftreten. Gene Hackman war das, so wie zur selben Zeit Clint Eastwood als Dirty Harry, plötzlich alles nicht mehr. Hackman war gelinde gesagt ein Raubtier mit Polizeimarke und Porkpie-Hut, einer, der nicht anders konnte, als seiner Lust am Auflauern und Jagen einfach nachzugeben. Friedkin zeichnet diese Figur als eine, die sich rein durch dieses Tun definiert. So kommt es mitunter, dass das Sakrileg vom Schuss in den Rücken des Killers in dieses Charakterprofil einfach hineinpasst. Hier geht’s um das Erlegen des kriminellen Freiwilds an sich. Insofern wird Hackman in dieser Rolle richtig groß, und auch am Ende, als er im Halbdunkel einer verfallenen Fabrikhalle den Feind ausmacht, spricht direkt ein bisschen der Wahnsinn.

Brennpunkt Brooklyn ist tatsächlich ein guter Film. Allerdings nichts, das nahe geht, und nichts, das wärmt. Aber etwas, das bestechend akkurat seinen roten Faden verfolgt, ohne sich in Nebenstories zu verlieren. Der winterharte Thriller (da können selbst die paar Szenen in Marseille nichts dran ändern) reduziert seinen Plot aufs Wesentliche, lässt unentwegt bespitzeln und beobachten. Scheider und Hackman sitzen und stehen stets auf Nadeln, da ist nichts, was sie ruhen lässt. Nur die Kälte bremst den Drang, die Dinge am liebsten so zu regeln, als wäre Anarchie die neue Ordnung. Platzhirsche der Gerechtigkeit, wenn man so will. Und selbst die ist nur zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn – wäre die Biographie von Jimmy „Popeye“ Doyle, so Hackmans Rolle (die auf einer wahren Figur beruh – auch jene von Scheider), etwas anders verlaufen, könnte man ihn gut und gerne auch auf der anderen Seite des Gesetzes sehen.

Brennpunkt Brooklyn

Bajocero (Unter Null)

WIE DIE SARDINEN

5,5/10


bajocero© 2021 Netflix


LAND / JAHR: SPANIEN 2020

REGIE: LLUIZ QUILEZ

CAST: JAVIER GUTIÉRREZ, KARRA ELEJALDE, LUIS CALLEJO, ANDRÉS GERTRUDIX, PATRICK CRIADO, MIQUEL GELABERT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Dieser Film hat ein Problem mit der Kälte. Klar hat er das – er heißt ja auch Bajocero (Unter Null). Das heißt – eigentlich haben die Agierenden im Film dieses Problem. Der Film selbst auch? Ja, der auch. Denn eigentlich soll diese Kälte, wenn man so will, die dritte Fraktion in diesem Actionthriller einnehmen, die sich weder greifen noch (mit Ausnahme dicker Jacken) bekämpfen, dafür aber spüren lässt. Womit wir genau beim Problem für den Film sind. Denn die Kälte, die ist in Bajocero (Unter Null) leider kaum spürbar. Dabei wäre sie so dermaßen wichtig. Doch mit Kälte kannst du als Regisseur deinen Cast wohl davonjagen. Leute wie Leonardo DiCaprio, die gerne einen Oscar wollen, die gehen auf du und du mit diesen Temperaturen. Auch Mads Mikkelsen im Survival-Streifen Arctic (zumindest siehts dort so aus). Andere hingegen tun nur so. Und das fällt auf.

Dabei ist Bajocero längst nicht der einzige Film, der die Kälte nicht zu schätzen weiß. Diesen Respekt zollen so manche Filme nicht. Was heißt Filme, auch Serien. Zuletzt gesehen in der Netflix-Sci-Fi Lost in Space. Familie Robinson stürzt in der ersten Staffel mit ihrem Schiff auf einen fremden Planeten, auf dem es angeblich saukalt ist. War´s am Set natürlich längst nicht, entsprechend witterungsbeständig agieren die Schauspieler. Wenn doch zumindest das Atemwölkchen wäre – aber das Atemwölkchen ist auch nicht. Muss auch nicht sein, hängt von der Luftfeuchtigkeit ab. Trotz allem aber könnte das ein hilfreicher visueller Kälteindikator sein. Den sieht man in Bajocero seltsamerweise nur manchmal – und dann wieder nicht. Spitzfindigkeiten? Andernorts vielleicht ja. Aber nicht in einem Film, der damit wirbt, die Kälte als Feind zu haben. Das sind dann enorme Plot Holes in der Plausibilität, mit der ein Actionfilm manchmal steht und fällt. Hier ist es die Physik des Frierens, um die man sich nur halbherzig kümmert.

Dabei hat Bajocero ein schneidiges Konzept zu bieten, das so klingt wie der dritte Aufguss von Alarmstufe Rot, nur ohne Steven Seagal, stattdessen mit Javier Gutiérrez als Familienvater und Cop, der bei einem nächtlichen Gefangenentransport mit plusminus einem Dutzend Gefangener unterschiedlichsten Kalibers einem Attentäter in die Quere kommt. Blöd nur, dass dieser nicht in den Wagen kann, der ist nämlich gepanzert und so verschlossen wie eine Sardinenbüchse, für die es einen Dosenöffner bräuchte. Den Schlüssel, den hat der Polizist. Draußen ist es also bitterkalt, innen bald genauso, weil die Autobatterie nicht heizt und es kann keiner weder rein noch raus. Spannend, dieses klaustrophobische Szenario.

Weniger spannend ist die Inhärenz auffallend großzügig ignorierter Logikhürden, auf die ich, um spoilerfrei zu bleiben, natürlich nicht genauer eingehen kann. Beim Betrachten von Bajocero (Unter Null) wird man nicht darum herumkommen, diese sowieso zu bemerken, selbst wenn man nur mit einem Auge hinsieht. Da stellt sich schon die Frage, warum manch einer die Situation so handhabt und nicht anders, wieso der menschliche Körper tut, was er will, um das Script zu retten und Offensichtliches erst später offenbart wird.

Trotzdem aber ist der spanische Kältewestern keine wirklich vertane Zeit. In Tagen wie diesen reicht vielleicht nur ein geöffnetes Fenster während der Sichtung, um die winterliche Frische auf ihren verdienten Platz, erste Reihe fußfrei, zu verweisen.

Bajocero (Unter Null)

The Kindness of Strangers

VERLOREN UND WIEDERGEFUNDEN

7,5/10

 

kindnessofstrangers© 2019 Alamode Film

 

LAND: USA, DÄNEMARK 2018

REGIE: LONE SCHERFIG

CAST: ZOE KAZAN, ANDREA RISEBOROUGH, TAHAR RAHIM, BILL NIGHY, JAY BARUCHEL, CALEB LANDRY JONES U. A.

 

An alle, denen soziale Nähe nicht nur in Corona-Zeiten suspekt vorkommt und die mit Free-Hugs-Aktivisten nicht viel anfangen können: in Lone Scherfigs feinfühligem Sozialdrama menschelt es gewaltig. Aber es menschelt auf eine gute Art, um nicht zu sagen: auf enorm gute Art. Das ist Nähe, die man zulassen kann. Nächstenliebe würden manche dazu sagen, Altruismus die Studierten. Vorweihnachtliche Umsicht diejenigen, die, von wärmenden Geschichten wie die von Charles Dickens inspiriert, gerne alle Menschen in Geborgenheit wissen wollen. Natürlich, niemanden soll es schlecht ergehen. Der sichere Hafen eines guten Zuhauses ist allerdings subjektiv. Für Machtmenschen wie den Ehemann von Clara (berührend unbeholfen: Zoe Kazan) gilt die harte Hand als Maß aller guten Dinge. Für den Rest der Familie nicht. Also flieht dieser Rest in einer Nacht- und Nebelaktion vor der Aggression des Vaters ins winterliche New York – mit nichts außer einem Auto als Heimstätte, und ihrer Liebe zueinander. Dabei kann Clara durchaus ahnen, dass es nicht nur ihr so geht. Ein anderer junger Mann wiederum scheint zu keiner Arbeit fähig zu sein, weil das Pech ihn verfolgt. Wieder einer findet durch Glück Arbeit in einem russischen Restaurant – sonst aber plagt ihn die Einsamkeit. Und wieder eine arbeitet sich als Krankenpflegerin und Leiterin einer Selbsthilfegruppe zum buckligen Igor für andere.

Von den Unsichtbaren inmitten von Vielen erzählt dieser Film. Was anfangs scheint, als wären in The Kindness of Strangers thematisch verwandte Episoden der gemeinsame Nenner, verwebt sich zusehends und in keiner Weise verzettelnd zu einem großen, erkenntnisreichen Ganzen. Die Dänin Lone Scherfig (u. a. An Education) zeigt hier ganz viel Gespür für ihre strauchelnden Seelen, die niemals auch nur ansatzweise dem Sozialvoyeurismus die Hand aufhalten. Es sind die Zutaten für eine Art des Ensemblefilms, die scheinbar nur Script-Genie Richard Curtis so fein verweben kann. Sein Drehbuch zu Vier Hochzeiten und ein Todesfall ist längst Kult, Tatsächlich Liebe… und Alles eine Frage der Zeit, beides unter seiner Regie, sind bemerkenswert ausformulierte Filme zu leicht verbraucht wirkenden Themen wie Beziehung, Intimität und Herz. Vor allem letzterer ist pure Inspiration. Scherfig kann das genauso gut. The Kindness of Strangers schlägt aber deutlich düsterere Töne an, der soziale Abstieg der Familie rund um Clara lässt andere womöglich verzweifeln. Der von überall verbannte Taugenichts Jeff erweckt nur Mitleid. Und Krankenschwester Alice will man am liebsten gestern unter die Arme greifen. Andrea Riseborough sticht hier hervor wie eine wärmende Lichtgestalt an trüben Tagen. So selbstlose Menschen sind erstaunlich. Aber auch der Mut der anderen und der Trost von Fremden ist nichts, was alltäglich ist, aber durchaus sein könnte. Diese Erkenntnis ist letzten Endes unglaublich positiv und weckt Zuversicht in einem Zeitalter des Eigennutzes, in welchem viele sich selbst inszenieren und kaum mehr etwas geben, ohne zu nehmen. Interessanterweise erwarten all die Figuren in diesem Film für ihre Nächstenliebe gar nichts und erhalten viel mehr als jemals gedacht. Ein schönes, überlegtes und liebevoll inszeniertes Werk, indem die Gutmenschen jene sind, die sich niemals selbst dafür halten würden.

The Kindness of Strangers

Die Frau des Nobelpreisträgers

RINGEN UM ACHTUNG

5/10

 

© Meta Film London ltd© 2018 Constantin Film

 

ORIGINAL: THE WIFE

LAND: GROSSBRITANNIEN, SCHWEDEN, USA 2018

CAST: GLENN CLOSE, JONATHAN PRYCE, CHRISTIAN SLATER, MAX IRONS, HARRY LLOYD, ANNIE STARKE U. A.

 

Marie Curie hatte ihn, Barack Obama hat ihn, Gabriel Garcia Marquez zum Beispiel ebenso. Und die Österreicherin Elfriede Jelinek (u. a. Die Klavierspielerin): den Nobelpreis. Die Auszeichnung aller Auszeichnungen, die Ehrung aller Ehrungen, im Grunde der Oscar für literarische, wissenschaftliche und politische Disziplinen und da es den Oscar fürs Filmschaffen gibt, braucht es nicht hierfür nicht auch noch Standing Ovations in Stockholm. In vorliegendem Film ist der Nobelpreis der Literatur gefragt – und der geht an den fiktiven Buchstabenvirtuosen Joe Castleman, gespielt vom langjährigen Profi Jonathan Pryce, der vor nicht allzu langer Zeit sogar noch in Game of Thrones mitwirken und unter der Regie Terry Gilliams die Lanze gegen Windmühlen erheben durfte. Pryce, der hat an seiner Seite eine ebenfalls schon selten zu Gesicht bekommene Dame, nämlich Glenn Close. Auch sie mittlerweile legendär, und zuletzt in der Agatha Christie-Verfilmung Das krumme Haus seltsam undurchschaubar unterwegs. Beide zusammen in einem Drama um den begehrten Preis der intellektuellen Elite, da kann nicht viel schief gehen. Der Schwede Björn Runge hat sich dafür den US-Roman The Wife von Meg Wolitzer zur Brust genommen, in Zeiten wie diesen ein brisanter Stoff, aus dem in Wahrheit die Heldinnen sind. Und die sind selten in den ersten Reihen zu finden, geben sich selten selbstgerecht und lassen die selbstverliebte und zur Anhimmelung auffordernde Arroganz des Mannes außen vor. Frauen wie Glenn Close, die haben so etwas gefälligst nicht notwendig. Frauen wie Glenn Close, die sollten lieber nicht in die erste Reihe vordringen, vielleicht sogar vor dem eitlen Geck treten, der sich seines Könnens mehr als bewusst zu sein scheint. Doch ist es wirklich sein Können? Und darf Glenn Close, die Frau, erwachsen geworden in einem Zeitalter, wo die Weiblichkeit etwas war, das hinter den Herd gehört, sich nicht vielleicht doch so platzieren, dass ihr Schatten auf den Patriarchen fällt?

Die Frau des Nobelpreisträgers hat interessante Ansätze und funktioniert nicht nur auf der offensichtlichen Ebene, die von Verrat und Wertschätzung erzählt. Die andere Ebene, die noch viel interessanter ist, stellt die Frage: Definiert sich die Qualität einer Kunst, das Glück eines Künstlers oder einer Künstlerin, tatsächlich nur durch das Lob der Kunstkonsumierer? Durch die Leserschaft, das Auditorium, der Fans? Braucht Kunst nicht nur dann ein Publikum, wenn es die Existenz finanzieren soll? Oder sind Künstler Menschen, die sich längst nicht mehr selbst und ihrem Talent genügen, sondern am Response der anderen ihren Selbstwert definieren? Das ist die eine Seite, die Die Frau des Nobelpreisträgers zu einem anregenden Diskurs über Ruhm, Ehre und Öffentlichkeit führt. Die andere Seite stellt die Frage: Wie viel Achtsamkeit braucht der Mensch? Und brauchen Mann und Frau gleich viel? Natürlich, was ist das für eine Frage. Nur – Glenn Close, die kommt zu kurz. Und als der große Preis verliehen wird, das Paar dem schwedischen Monarchen die Hand schüttelt und von vorne bis hinten geehrt und bedient wird, da wärmt das Licht unter dem Scheffel niemanden mehr, da hat die Genügsamkeit und die Ich-Definition ihre Grenzen. Wer genau wissen will, was in diesem Künstlerdrama wirklich vorfällt, der sollte sich bei der Nobelpreis-Ehrung filmtechnisch auf die Gästeliste setzen lassen, denn genauer ins Detail werde ich in meiner Review nicht gehen können, ohne die Katze aus dem Sack zu lassen. Ohnehin bleibt die Vorahnung sowieso omnipräsent. Und die aparte, unverwechselbare Ausnahme-Akteurin Close wird mit Engeln und Teufeln ringen müssen, die entweder ihre Persönlichkeit neu definieren wollen oder an ihre Verbundenheit zu ihrem Gatten, den größten Literaten des Jahres, appellieren.

Trotz all dieser Zerwürfnisse, dieser spitzen Bemerkungen am Hotelzimmer und den anmutigen Aufnahmen eines vorweihnachtlichen Stockholm bleibt Runges Film ein zwar opulentes und famos besetztes, aber irgendwie auch emotional beengtes Kammerspiel, das sich relativ leicht für die Bühne adaptieren ließe. Viel störender hingegen ist die dramaturgische Gliederung des Filmes, insbesondere die eingestreuten Rückblenden, die so gar nicht in das intensive Spiel von Pryce und Close passen und die besondere, angespannte und diskussionsbereite Intimität der beiden immer wieder aufs Neue zerreißt. So sehr die Zeitebene der Gegenwart auch aus einem gehaltvollen Guss zu sein scheint, so hölzern hinkt das Damals hinterher. So bemüht schielen die beiden Jungstars auf Schreibmaschine und Ehebett, um das ganze akute Schlamassel überhaupt erst zu erklären, was sie eigentlich nicht müssten. Die beiden Ebenen passen nicht zusammen, sind sich stets im Weg, behindern ein Werk, das einiges zu erzählen hat, aber nie wirklich bis zur Mitte der Geschichte kommt. Die Gedanken zu all den vorhin aufgeworfenen Fragen, die machen sich selbstständig, die suchen sich Referenzen in der eigenen Lebensagenda, die lassen den Film Film sein. Dafür, dass dieser sie allerdings aufwirft, verdient er meinen Respekt – alles andere daran sind Fragmente, die sich gegenseitig ausbremsen.

Die Frau des Nobelpreisträgers

Hard Powder

RACHE, AM BESTEN KALT SERVIERT

3/10

 

HARD POWDER© 2019 Constantin Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, NORWEGEN, USA, KANADA 2019

REGIE: HANS PETTER MOLAND

CAST: LIAM NEESON, LAURA DERN, TOM BATEMAN, TOM JACKSON U. A.

 

Winter is coming. Zumindest in Hans Petter Molards Zweitverfilmung eines Thrillers, der im Original Kraftidioten heißt und mit Stellan Skarsgard damals einen Schauspieler gefunden hat, der in scheinbar stoischer Wut Rache übt. Einer nach dem anderen, so in der deutschsprachigen Übersetzung, ist ein Film nicht zwingend für kalte Wintertage. Vielleicht sogar mehr für den Sommer, um sich zumindest filmtechnisch abzukühlen. Was da an Schneemassen gepflügt werden, geht auf keine Skipiste. Gut, dass es eben Männer wie Filmvater Nils gibt, der sich durch die Unpassierbarkeiten des hohen Nordens kämpft. Und der von einem Tag auf den anderen seinen ermordeten Sohn beerdigen muss, der wiederum von Handlangern eines Drogenkartells aufgeknüpft wurde. Wer diese Killer waren, und was das Ganze mit dem toten Filius zu tun hat, das sind Fragen, die Nils nicht lösen kann. Also plant er den Suizid – bis sich fünf vor zwölf das Schicksal plötzlich wendet. Und der trauernde Papa zu den Waffen greifen kann.

Diese skandinavische Krimifarce konnte 2014 sogar noch den großen Bruno Ganz dafür gewinnen. Ein grimmiger Auszählreim voller Sarkasmus, ein blutiger Reigen sich aneinanderreihender Todesfälle, die allesamt nicht zufällig passieren, sondern im Strudel einer Vergeltungsspirale nach dem Domino-Prinzip einfach passieren. Keine Ahnung allerdings, warum Hans Petter Moland 5 Jahre später seinen recht gelungenen Film nochmal verfilmen muss. Womöglich, weil Übersee vom Original wenig weiß. Filme aus Europa sind dort nicht so der Bringer. Nicht, weil sie vielleicht nicht gerne gesehen werden wollen, sondern weil dort keiner Untertitel mag. Synchro-Studios gibt es auch keine, auf die Idee würde die USA niemals kommen, Fremdfilme zu übersetzen. Das britische Kino hat es da besser, die knapp 7000km Luftlinie über den Atlantik fällt da kaum ins Gewicht. Englisch ist Englisch, das wird in einen Topf geworfen. Das ist schon ein gewisser Kulturpatriotismus, eine Arroganz gegenüber einer vielfältigen Filmwelt, die mehr zu bieten hat als gewohnten Lokalkolorit. Die einzige Lösung: Zweitfilme. Mit selbem Inhalt, aber mit anderen Schauspielern, und an anderem Ort. Vorzugsweise gleich in Amerika. Und in amerikanischem Englisch. Weil um den Plot, um den ist es viel zu schade, war doch der Film hierzulande ein Erfolg.

Cold Pursuit heißt also die Kopie, und aus völlig unerfindlichen Gründen musste der Titel hierzulande in Hard Powder umgetextet werden. Wie jetzt? Vom Englischen ins Englische? Das ergibt keinen Sinn. Von solchen fragwürdigen Beispielen gibt es einige. ich sage nur: 96 Hours statt Taken. Womit wir schon bei Liam Neeson wären. Der kämpft sich in diesem Convenience-Aufguss mehr schlecht als recht, und vor allem schauspielerisch, durch eine scheinbar unüberwindbare Witterung. Neeson hat schon genug Rache geübt, das sieht man ihm an. So, wie er sich hier bis in die Chefetage durchmordet, hätte das Steven Seagal auch getan. So weit sind wir also schon gekommen. Schauspielerischen Ehrgeiz gibt es hier keinen mehr. Verheizt wird aber nicht nur Neeson, auch Laura Dern weiß in keiner Szene, was sie in diesem Film eigentlich macht – und zieht recht früh von dannen. Überzeugt also schon nicht das Staraufgebot in diesem Film, bleibt der Rest auch hinter den Erwartungen zurück. Hard Powder ist ein liebloses Thrillervehikel, fahrig inszeniert, grob abgespult, bleibt überhaupt nicht im Fluss. Chancen auf Neuverwertung eines Erfolges lässt man natürlich nicht ungenutzt, schon gar nicht als geschäftstüchtiger Filmemacher wie Molard einer ist. Aber sich selbst zu rebooten, wie es seinerzeit schon Ole Bornedal mit Nachtwache getan hat, um den Erfolg zu vermehren, hat für mich stets den Beigeschmack eines Ausverkaufs. Da ist das skandinavische Kino mit all seinen einzigartigen Ideen quer durch alle Genres ganz vorne mit dabei. Klar, aus diesem kreativen Füllhorn will jeder einen Becher voll. Wobei sich hier die Frage stellt: wer wen dazu genötigt hat, meist dem Original hinterherhinkende Kopien zu erstellen: der Künstler selbst, so wie unlängst Til Schweiger mit Honig im Kopf – oder das Studio? Eigentlich egal, wer Profit riecht und das Geld hat, schafft an.

Hard Powder

Nanouk

EIN LIED VON EIS OHNE FEUER

5/10

 

nanouk© 2018 Neue Visionen

 

LAND: BULGARIEN, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2018

REGIE: MILKO LAZAROV

CAST: MIKHAIL APROSIMOV, FEODOSIA IVANOVA, GALINA TIKHONOVA U. A. 

 

Das ganze beginnt mit einem Lied. Eigentlich mehr mit einem Singsang. Das Opening mag schon etwas eigenwillig sein, dauert dieser Singsang provozierend lange, wie auch andere Szenen in einem Film, der sich nicht entscheiden kann, ob er dokumentarisch oder narrativ sein will. Was aber genau genommen nicht sonderlich stört. Semidokumentarische Filme, so wie zum Beispiel der Bergfilm Sturz ins Leere, sind innovative Grenzgänger, sofern sie vorab als solche konzipiert wurden. Bei Nanouk scheint die Definition im Vorfeld nicht passiert zu sein. Dieses unentschlossene, fast schon gedankenverlorene Pendeln zwischen den Genres entspricht allerdings relativ gut der aus dem Schnee und Eis gehobenen, zeitlosen Enklave zwischen eingefrorener Vergangenheit und einem Fortschritt, der sich kaum bemerkbar macht, außer am Himmel, wenn Flugzeuge ihre Spuren hinterlassen, wie Kratzer im wolkenlosen Blau. Aber von Chemical Trails hat das alte Hirtenpaar mit Sicherheit noch nie etwas gehört. Was dort zählt, ist einzig die klirrend kalte Realität an jedem lieben langen Tag, vor allem im Sommer, wenn die Sonne nie untergeht. Man möchte meinen, all das Tagwerk unterliegt einem einzigen Zyklus, der den Moment, das Leben, die Beziehung der beiden festhält, konserviert. Wie in einem Museum, wo das Diorama in Saal X in akribisch genauer Detailverliebtheit zeigt, wie die Indigenen hoch oben im Norden Russlands denn so gelebt haben – und immer noch leben. Denn diese Menschen, die sind aus der Zeit gefallen. Wie der ganze bulgarisch-französische Ethnostreifen, der seltsam intuitiv wirkt. Woran das liegt?

Der Bulgare Milko Lazarov fällt insofern aus der Zeit, indem seine Kamera scheinbar ein Eigenleben entwickelt. Abgsehen von eingangs erwähntem Beitrag zur Klangkultur Jakutiens verliert sich Nanouk in überlangen, fast schon eingefrorenen Einstellungen, die auch beibehalten werden, nachdem die Schauspieler aus dem Bild verschwunden sind. Als hätte man vergessen, hier mitzuschwenken. Oder war das Absicht? Ich denke schon, allerdings wirken solche Szenen, von denen es hier einige gibt, dadurch seltsam missglückt. Als wäre nicht beabsichtigt gewesen, das Ehepaar aus den Augen zu verlieren, als hätte man schlicht darauf vergessen. Irgendwann, nach längerem Lauschen mit Blick auf ein leeres Szenenbild, bewegt sich die Kamera dann doch. Als wäre sie, wie gesagt, eingefroren gewesen. Und gefroren wird hier oben im Norden Sibiriens rund um die Uhr, wobei selbige auch nicht mal vorhanden ist, denn ausgerichtet werden die täglichen Riten nach dem Stand der Sonne. Und wann der einzige Hund des Hauses sein Fressen bekommt. Denn ohne Vierbeiner kommt man auch nicht weit, in dieser beeindruckenden, aber lebensfeindlichen, schneebedeckten Ödnis, in die sich bald eine Krankheit schleicht, die zuerst die Tiere befällt – und irgendwann auch die Dame des Hauses, oder besser gesagt: der Jurte. Gegen Wind und Wetter sind die beiden gewappnet, gegen so Unbegreifliches wie körperliches Leiden, das so aussieht wie Lepra, leider nicht. Die Hilfe von außen, die kommt alle paar Wochen mal mit dem Sohn per Motorschlitten, der diese Sphäre der Zeitlosigkeit irgendwann verlassen hat. Verständlich, vor allem für den Nachwuchs. Und die Tochter? Da gibt es irgendeine unausgesprochene Disharmonie, die irgendwann geklärt werden will. Aber Sedna und Nanouk, die haben Zeit. Wie das Diorama im Museum, dessen Glasfassade ab und an nur geputzt werden muss.

Der eigenwillige, extrem wortkarge und über weite Strecken recht beschwerliche Film gibt natürlich einen interessanten Einblick in den Alltag fern jeglicher Zivilisation, gibt Aufschluss über das Überleben in der Kälte und was man sich beim Zusammentreffen in der wohligen Wärme hinter Teppichen und Häuten eigentlich noch zu sagen hat, außer den praktischen Dingen, die erledigt werden müssen. Das ist ein Alltag, der wäre uns trendbewussten Städtern garantiert zu reizarm, was aber nicht heisst, dass uns langweilig wäre. Dafür sorgt das Unwirtliche wohin man blickt. Man wäre natürlich viel mehr eins mit der Natur, würde nachhaltiger leben. Allerdings ist die monotone Einsamkeit zwischen Schneeverwehung, nacktem Fels und gegerbtem Leder von einer endromantisierten Tristesse, die darüber trauert, nicht den Sprung ins nächste Jahrtausend gemacht zu haben. Von diesem Versäumnis erzählt der Film, schätzt gleichermaßen die Tradition als ein Erbe, aber andererseits als etwas, das sich gegen die Zeit stellt und Generationen entzweien kann, wie die Glasfront in Saal X zwischen Besucher und dem kuriosen Objekt, das betrachtet wird. In diesem Fall Menschen von früher, weit weg von hier, die von all der gesellschaftlichen Entwicklung nur wenig wissen.

Nanouk