In the Shadow of the Moon

KOMMT ZEIT, KOMMT TAT

6/10

 

in-the-shadow-of-the-moon© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JIM MICKLE

CAST: BOYD HOLBROOK, CLEOPATRA COLEMAN, MICHAEL C. HALL, BOKEEM WOODBINE U. A. 

 

Wer kein Blut sehen kann, sollte die Ermittlungen im vorliegenden Science-Fiction Thriller getrost jemand anderem überlassen. Natürlich ist das noch lange nichts gegen den Hämoglobin-Neuanstrich im Stanley-Hotel bei Shining, aber immerhin – wenn scheinbar x-beliebige Opfer plötzlich nicht nur Nasenbluten haben (dabei könnten sie ja den Kopf in den Nacken legen, ein nasskaltes Tuch auf selbigem, wir wissen das seit der Volksschule) sondern auch aus Ohren, Augen und sonstigen uns unbekannten Öffnungen im Kopfbereich ordentlich auszurinnen beginnen, dann färbt das mitunter auch die Straßen rot. Mit solchen Fällen nämlich hat es Officer Lockhart zu tun – oder auch nicht zu tun, denn der ist nur ein gewöhnlicher Streifenpolizist, der sich aber ins Geschehen drängt, will er doch um Biegen und Brechen ähnlich spannende Ermittlungen durchführen wie sein Schwager, der den Verdacht hegt, es mit einem Serienkiller zu tun zu haben. Neben der Tötungsart ist noch etwas ganz anderes äußerst mysteriös: drei Nadelstiche im Nacken – könnte Akupunktur sein, ist es aber nicht. Zu allem Unglück in dieser besagten Nacht, die noch dazu einen Blutmond zur Folge hat, kommt dazu, dass Lockhart Papa wird, während Mama die Geburt nicht überlebt. Was dieses Schicksal mit dem Fall zu tun hat? Sehr viel, wie sich später herausstellen wird. Und auch ein farbiges Mädchen in blauem Hoodie scheint in dieser Nacht äußerst präsent zu sein.

Das Bemerkenswerteste an dieser Netflix-Produktion ist der enorme Zeitraum des Geschehens. Die obskuren Fälle werden lange nicht aufgeklärt, Officer Lockhart, der irgendwann gar kein Officer mehr ist, sondern nur noch Privatdetektiv, entwickelt fast schon eine dürrenmatt´sche Verbissenheit samt innerer wie äußerer Verwahrlosung bei seinem Versuch, das Rätsel zu lösen. Regisseur Jim Mickle setzt in seinem Spiel mit der Zeit aber längst nicht auf epische Versatzstücke. Wichtig dabei ist lediglich ein ganz bestimmter Tag pro Dekade, der sämtliche Parameter wieder neu ordnet. In the Shadow of the Moon ist ein elegant gefilmter, urbaner Kriminalfilm in polizeilichem Sirenenblau und Halogenlicht, das hat ein bisschen Achtzigerjahre-Style, ein bisschen wie Black Rain oder Glitzernder Asphalt, nur weniger auf cooler Typ, sondern – und das trotz all des vielen Nasenblutens – ungewöhnlich zartbesaitet. Passt das zum übrigen Kontext des Films? Eigentlich schon. In Mickles Zeitreisekrimi geht’s ganz viel um Streben nach dem Gutmensch, auch wenn man das anfangs gar nicht glauben möchte. Es hat was Philosophisches, ungefähr so wie der mittlerweile zum Klassiker avancierte Predestination, der sehr geschickt mir den entropischen Dimensionen spielt. Doch so raffiniert ist In the Shadow of the Moon dann doch nicht geworden. Etwas zu gefühlsduselig, und das Hauptproblem neben dieser Tendenz ist Hauptdarsteller Boyd Holbrook, der mich irgendwie an Jason Segel erinnert hat und diese prinzipiell schwierige Rolle eines weltvergessenen, verschrobenen Ermittlers über eine so lange Zeit hinweg mit etwas deplatzierter unfreiwilliger Komik und sichtlich gefakter Kopf- und Gesichtsbehaarung selten glaubhaft transportieren kann.

Abgesehen davon ist das schwer fassbare Mysterium Zeit ein gern gesehener Studiogast im verschwurbelten Raum-Zeit-Kontinuum der Science-Fiction, Filme wie 12 Monkeys haben da gehörig Biss, komödiantisch gesehen sowieso Zurück in die Zukunft. In the Shadow of the Moon fährt da eher die entspannte Schiene, klaubt sich so manches aus dem Genre zusammen und findet nichtsdestotrotz seine Stimmigkeit, das aber eher das Werk eines fleißigen Schülers als das eines Meisters ist.

In the Shadow of the Moon

21 Bridges

LOCKDOWN FÜR EINE NACHT

4/10

 

21Bridges© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: BRIAN KIRK

CAST: CHADWICK BOSEMAN, SIENNA MILLER, J.K. SIMMONS, TAYLOR KITSCH, KEITH DAVID U. A. 

 

Was machen all die Schauspieler aus dem MCU, wenn sie darauf warten müssen, endlich wieder in ihre gewinnbringenden Rollen zu schlüpfen? Sie verlassen sich auf ihre Agenten, die einen Plan B haben und ihnen Jobs vermitteln, die die Kaffeekassa zwar klingeln lassen, in den Filmgeschichtsbüchern aber nicht mal eine Fußnote wert sind. Einer dieser Stars, der nun Filme dreht, weil er Schauspieler ist, schlüpft normalerweise in die Rolle des Black Panther und nennt sich Chadwick Boseman. Der hat für einen urbanen Polizeithriller unterschrieben, der sich wiederum 21 Bridges nennt und in welchem Brücken ungefähr so eine große Rolle spielen wie die Freiheitsstatue in der Hudson Bay von New York, die im Film nur aus der Entfernung schemenhaft zu erkennen ist. Die Brücken sind auch mal kurz zu sehen, doch abspielen tut sich dort gar nichts. Tatsächlich geht’s darum, den Stadtteil Manhattan mal für eine Nacht runterzufahren und von der übrigen Metropole abzuschotten, da zwei Verbrecher hier irgendwo in den Straßen ihr Unwesen treiben und die natürlich am besten gestern gefasst werden müssen, da sie sich als Copkiller versündigt haben, nebenbei aber noch Hamsterladungen Rauschgift mit sich herumschleppen. Dann klappen wir mal die Brücken hoch, so die Exekutive. Ein Lockdown bis zum Morgengrauen. Das war’s dann auch schon mit den Brücken. Hätte sich da nicht mehr daraus machen lassen können, also mit den Brücken zumindest? Wäre es nicht naheliegend gewesen, diese 21 Brücken irgendwie einzubinden in die nächtliche Hatz?

Stattdessen ist Brian Kirks erste Spielfilmregie Business as usual. In jedem gefühlt zweiten Polizeifilm, so auch in diesem, sind Polizisten schwächer als ihr Berufscodex, und folglich korrupt – selbige Blase zieht sich meist sehr weit und hat gute Connections zur Unterwelt. Dass die Blauuniformierten hier nicht schon längst auf die Barrikaden gestiegen sind, um sich über deren Darstellung im Kino zu beschweren, wundert mich eigentlich. Oder ist da wirklich so viel Wahres dran, dass sich ein ganzes Berufsfeld gar nicht mal so verunglimpft fühlt? Polizisten sind in solchen Filmen leicht austauschbare Stereotypen geworden. Boseman macht hier auch keine Ausnahme. Ein traumatisierter Ehrgeizler, verkniffen und bis zum Komplex unlocker. Dieser Filmfigur kommt keiner nahe, und das nicht, weil sie so gefährlich aussieht oder entsprechend agieren würde. Man kommt ihr genauso wenig nahe wie einem Magistratsbediensteten kurz vor dem Parteienverkehr an einem Montagmorgen. Boseman steckt sein Terrain ab, und eigentlich lädt er uns nicht ein, ihm zu folgen. Da folgen wir lieber den beiden Killern – einer davon Ex-John Carter on Mars Taylor Kitsch – die ganz von selbst in einen mörderischen Strudel Richtung abwärts kreisen. Ihre Performance ist kein Vergleich zu den ermittelnden Guten, die in ihrer verschlafenen Pflichterfüllung eigentlich nur tun, was sie tun müssen. Bei Sienna Miller suche ich auch vergeblich nach dem Kick-Off für ihre Rolle, so zerstreut und mit undefiniertem Hangover zappelt sie hinter Chefermittler Boseman her, dem der Brückenschlag zu seiner teilnahmslosen Assistentin aus dem Drogendezernat einfach nicht gelingen will.

21 Bridges

Milchkrieg in Dalsmynni

THERE WILL BE MILK

5/10

 

MilchkriegInDalsmynni© 2019 Thimfilm

 

LAND: ISLAND, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2019

REGIE: GRÍMUR HÁKORNASON

CAST: ARNDÍS HRÖNN EGILSDÓTTIR, SVEINN ÓLAFUR GUNNARSON, ÐORSTEINN BACHMANN, HINRIK OLAFSSON U. A. 

 

Ein gutes Gefühl, beim Club zu sein. Oder bei der Gewerkschaft. Oder bei sonst einer Vereinigung gleichgesinnter Wirtschafter, die sich gegenseitig in schwierigen Lagen eine Stütze sind und sich auch sonst gegenseitig unterstützen, indem sie die Produkte der anderen kaufen, die auch in diesem Club sind. Es ist ein Geben und Nehmen, und wehe du gibst aber nicht, dann stehen sie vor deiner Tür, die ausgeschickten Bluthunde, die dich zur Rechenschaft ziehen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart. Bluthunde. Muss doch nicht sein. Doch die Genossenschaft, die will Loyalität. Hat somit das Monopol und kann die Preise für systemrelevante Rohstoffe hin und her schrauben, wie es ihr passt. So ein Sicherheitsnetz will was kosten. Im Grunde ist das auch die Idee von bezirksdeckend organisierten Syndikaten, die Kleinbetrieben Schutzzölle abpressen. Naja, es wäre wegen der Sicherheit, weswegen sonst? Schnell gleicht so eine unter die Achseln greifende Hilfsgemeinschaft einem sektiererischen Ordnungsruf, der sich aber für den einzelnen wirtschaftlich gesehen kaum rentiert. Das findet auch die Milchbäuerin Inga, die ihren Gatten immerwährend dazu drängt, es doch mal mit einem anderen Futterlieferanten zu probieren, der um Eckhäuser günstiger ist. Wie soll man die Schulden für den Hof sonst zurückzahlen? So einfach ist das nicht, denkt der Gatte, denn der ist selbst so eine Art Sheriff von Nottingham in diesem System, ohne es zuzugeben. Wohin das führt, endet tragisch – und Inga steht alleine da. Ohne sich nun rechtfertigen zu müssen, spricht sie aus, was viele denken – und erklärt der Genossenschaft den Krieg.

Natürlich doch, ein isländischer Film wie dieser wäre kein solcher, wäre er nicht wieder ausnehmend lakonisch. Die da oben sind nicht unbedingt die Eddie Murphys des Planeten, was gesagt werden muss, wird gesagt, der Rest ist Schweigen. Sowas passt in die wildromantische Landschaft ehemals nordischer Gottheiten. Sowas passt, wenn’s stürmt und schneit und regnet, und es nicht mal richtig hell wird. Da bündelt man seinen Grant und wandelt ihn in den Willen zu harter Arbeit. Grímur Hákornason, der mit dem ruppigen Bruderzwist Sture Böcke schon mal einen Konflikt auf offenem Gelände austragen ließ, lässt jetzt eine verbitterte Bauersfrau den Fehdehandschuh werfen. Wobei diese Offensive nicht aus Wut geschieht. Zumindest mit nicht viel mehr Wut wie in Ken Loachs Notstands-Tragödie Ich, Daniel Blake. Hákornasons Film ähnelt im Stil tatsächlich den Sozialdramen des Iren. Entschleunigt, beobachtend, und bis zur letzten Konsequenz, die weit entfernt ist vom Abendrot eines versöhnlichen Happy Ends. Milchkrieg in Dalsmynni findet einen zutiefst nordischen Ausgang aus der abgesicherten Komfortzone einer Dienstleistung, hinaus auf die wilden, schneebedeckten Spielwiesen des Aneckens, mit hervorgerecktem Kinn und trotziger Sachbeschädigung.

Wie bei Ken Loach ist auch dieser Kampf Klein gegen Groß ein sehr nüchterner, beobachtender Film geworden, der natürlich weiß, was er sagen will und für fairen Handel wirbt, unterm Strich aber gerät Milchkrieg in Dalsmynni zu spröde, vielleicht gar zu vorhersehbar und auch zu wirtschaftspolitisch, um Bäuerin Inga voller Überzeugung anzufeuern. Klar will man, dass Inga gewinnt, doch anders als in Sture Böcke fehlt hier das Quäntchen augenzwinkernder Esprit, der so einem aufs Wesentliche heruntergebrochenen Thema sicher nicht geschadet hätte – im Gegenteil, es hätte den Film besser gemacht. Diese rationale, etwas träge Netto-Version eines Aufstands ist in ihrem Purismus für mich leider etwas zu wenig.

Milchkrieg in Dalsmynni

Gundala

MISTER BLITZABLEITER

5,5/10

 

gundala© 2019 Koch Media

 

LAND: INDONESIEN 2019

REGIE: JOKO ANWAR

CAST: ABIMANA ARYASTYA. TARA BASRO, ARIO BAYU, BRONT PALARAE, LUKMAN SARDI U. A.

 

Was das Entertainment im Westen so hervorbringt, scheint Indonesien zu gefallen. Am liebsten Marke Event – bunt und laut und wohlgefällig. Was eignet sich da nicht besser als Hollywoods Comic-Universen? Superhelden gehen immer. Aber müssen es wirklich immer nur die Avengers oder die Justice League sein? Gibt’s da nicht auch noch andere Helden? Nicht zwingend aus der zweiten Reihe, aber aus einer ganz anderen Hemisphäre. Siehe da, Indonesien hat sowas auch (wer hat die eigentlich nicht – ich warte eigentlich schon auf Österreichs Verfilmung von ASH). Erschaffen wurde einer dieser Charaktere vor wirklich schon langer Zeit, und zwar Ende der 60er Jahre, von einem Autor namens Harya „Hasmi“ Suraminata: Gundala. So heißt der gute Mann, und der hat fast schon eine ähnliche schicksalhafte Kindheit wie unser wohlbekannter Batman. Gundala also muss zusehen, wie sein Papa stirbt und wird dann auch noch von Mama alleingelassen. Den Reichtum eines Bruce Wayne hat der Knabe freilich nicht, also läuft er weg, irgendwo hin, und sieht dabei zu, dass er nicht in ein Gewitter kommt, was in der Regenzeit in Jakarta des Öfteren mal passiert. Die Blitze nämlich, die scheinen es auf den Kleinen abgesehen zu haben.

Dieses Jakarta, das ist wie Gotham City. Es herrscht Unfrieden zwischen dem Proletariat und den Arbeitgebern, Menschen- und Arbeitsrechte sind Mangelware, das Volk protestiert, wo’s nur geht. Irgendwo in diesem Moloch treibt so mancher zu Unrecht entstellter Antagonist sein Unwesen, mit sämtlichen anderen Finsterlingen im Schlepptau. Es folgt – wie kann es anders sein – für Gundala die große Stunde der Erkenntnis, für etwas ganz anderes bestimmt worden zu sein als nur für ein normales Leben, das geprägt ist von Wunschträumen nach der Heimkehr seiner Mutter.

Natürlich hat Gundala später auch sein eigenes Outfit, das ein bisschen aussieht wie das von Wolverine aus den Comics und Deadpool zusammen. Ein Superheld braucht sowas, und er braucht auch übermenschliche Kräfte, um den Bösen ordentlich den Hintern zu versohlen. Joko Anwar beginnt sein Origin-Movie nebst ordentlich Dramatik mit beeindruckenden Bildern, die manchmal an David Finchers grünstichig-verregnete Optik erinnern. Technisch gesehen gibts da wirklich nichts auszusetzen, Effekte und alles andere sind State of the Art, da müsste Hollywood anerkennend nicken. Aber wie das bei Origin-Stories eben mal so ist, kann auch Indonesien nicht anders, als im Grunde die immer gleiche Geschichte zu erzählen. Vom gekränkten Finsterling und vom selbstlosen Volksvertreter. Vor allem im Mittelteil hat Gundala schön fotografierte, aber satte Längen, die dem Genre der Comicverfilmung nicht viel Neues abgewinnen.

Die südostasiatische Antwort auf Marvel und Co ist nicht volltönend, aber grundsolide, durchaus sympathisch und für ein bereits verwöhntes Publikum gefällig genug, um seine Fans zu finden. Selbst den Teaser für eine mögliche Fortsetzung kann sich das Heldenkino Indonesiens nicht verkneifen. Die Comics um Gundala und Co wird man hierzulande aber vergeblich suchen – es sei denn, dieses DVD-Release entwickelt sich zu einem erfolgreichen Selbstläufer, was ich dann aufgrund des bereits gesättigten Marktes aber kaum glauben kann.

Gundala

Die Wütenden – Les Misérables

HINTER DEN KULISSEN VON PARIS

7/10

 

diewuetenden© 2019 Wild Bunch

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: LADJ LY

CAST: DAMIEN BONNARD, ALEXIS MANENTI, DJIBRIL ZONGA, ISSA PERICA U. A. 

 

Über eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film durfte sich dieses Jahr der Filmemacher Ladj Ly freuen, nebst unzähligen weiteren Auszeichnungen, die sein Werk bereits eingeheimst hatte. Die Wütenden – Les Miserables, bezugnehmend auf Victor Hugos legendären Roman, ist ein wahrlich treffender Titel für diesen Schulterblick beim Polizeieinsatz in der Peripherie von Paris, genauer gesagt in der Satellitengemeinde Montfermeil. Was diesen Stadtteil so besonders macht, sind seine Bewohner: armutsgefährdete Menschen aller möglichen Nationen, und vor allem jener Länder, die Frankreich einst kolonisiert hat. Multikulturell ist fast schon ein Hilfsausdruck, auch Religionen treffen aufeinander, es leben auch Ethnien Tür an Tür, die sich nicht ausstehen können. In diesem Schmelztiegel sind Verbrechen an der Tagesordnung, jeder kocht sein Süppchen und die Kids, die loten ihre Grenzen aus, nämlich dort, wo gar keine sind. Dieses Kräftemessen muss in Zaum gehalten werden, sonst drohen wieder bürgerkriegsähnliche Unruhen wie seinerzeit 2005. Die Lunte ist stets kurz. Diese Gewalt braucht Gegengewalt – denkt so manch ein Polizist, sonst ist die Exekutive nur Staffage. In solch ein Grüppchen Ordnungshüter wird der Ex-Streifencop Stephane versetzt, der neben den vernachlässigbaren Schikanen seines Macho-Kollegen wohl den schlimmsten Tag seines Lebens haben wird.

Ladj Ly kennt dieses freie Spiel der Kräfte. Ein Kenner der Materie. Ly selbst ist dort aufgewachsen. Geprägt hat ihn dieses Leben mit Sicherheit. Dieses andere Paris, das muss verstörend sein. In die Schranken gewiesen werden die Elenden dort mit demonstrativer Gewalt, die auch so mancher Kamera nicht entgeht. Ly hat 2008 so eine Eskapade gefilmt, woraufhin die Cops vor Gericht gestellt wurden. Nach einer Doku rund um diese Gegend fiel 12 Jahre später die erste Klappe zu Die Wütenden. Auch hier ist das beobachtende Auge das Zentrum des Geschehens, denn der perfekt balancierte Flug einer Drohne ist der ruhende Gegensatz zum baldigen Überkochen der Emotionen, die in einem Alltag zwischen Notstand, Ziellosigkeit und Bandenpolitik mit stiernackigem Stolz die Ansprüche der Einzelnen geltend machen. Gehört werden sie von denen da oben ganz wenig, mit zynischer Geringschätzung aber von der Exekutive gezügelt. Von Anfang an herrscht in Die Wütenden hoher Blutdruck, wie Magma unter der Erdkruste. Lys Film erinnert an die früheren Werke von Spike Lee, ganz besonders an seinen Film Do the Right Thing, der ebenfalls an einem siedend heißen Sommermorgen beginnt und die Gewalt so richtig eskalieren lässt. Nebst diesem fliegenden Auge, das den Missstand dokumentiert, steht der exotische Traum für ein besonderes Leben – ein gestohlenes Löwenbaby. All das verschmilzt weit über dem Siedepunkt mit der wütenden Ohnmacht derer, die nicht gehört werden, und das sind sowohl die, die eingeschüchtert werden als auch die, die einschüchtern. Nur einer hört zu, das ist Cop Stephane, der aber auch sehr bald zur Waffe greifen muss.

Die Wütenden – Les Misérables ist so indiskret wie End of Watch und so beobachtend wie Jacques Audiards Dheepan – Dämonen und Wunder. Die Wucht hat er von beiden zusammen, die meist negative Energie, die hier kein Ventil findet, bekommt auch letzten Endes keine Chance, sich in etwas Konstruktives zu wandeln. Was bleibt, ist ein zum Zerplatzen aufgeblähter Konflikt, in dem keiner den anderen wahrnimmt. Vielleicht reicht es, wenn nur einer damit beginnt?

Diese Hoffnung jedoch schnappt uns Ladj Ly vor der Nase weg.

Die Wütenden – Les Misérables

Lara

MUTTER EHRGEIZ UND IHR KIND

8,5/10

 

LARA© 2019 Studiocanal

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: JAN-OLE GERSTER

CAST: CORINNA HARFOUCH, TOM SCHILLING, RAINER BOCK, ANDRÉ JUNG, VOLKMAR KLEINERT, MALA EMDE, MARIA DRAGUS U. A. 

 

„Du bist nichts. Du kannst nichts. Und aus dir wird nie was werden.“ – Mit solchen Meldungen kann man den Nachwuchs dazu bringen, nicht mehr an sich selbst zu glauben. Die negativ konnotierte Motivation ist das wahre Feuer hinter dem Ehrgeiz, hinter dem Drill bis zur Selbstaufgabe, die noch dazu zweierlei bedeuten kann: entweder man schindet sich im Glauben, dass die Erniedrigung nur durch Fleiß und Schmerz neutralisiert werden kann – oder hängt das Potenzial einfach an den Nagel. Nur die Harten kommen durch, sagt so manche Lehrkraftkoryphäe, und bewundert die, die trotz all des Stichelns aufs Ego durchhalten. Die anderen suchen eine Zukunft mit dem geringsten Widerstand. Weil sie gebrochen sind, weil ihr Selbstwert bereits den Meistern gehört.

Eltern glauben an ihre Kinder. So wie Mutter Lara Jenkins, die ihren Sohn mit sanftem Druck, wie dieser es formuliert, dazu genötigt hat, einen Meister der Tasten aus sich zu machen. Das Klavierspielen war jedoch auch Laras Leidenschaft. Nur eben nicht gut genug. Diese Schmach klebt wie Pech an einem Menschen, egal, wie lange es auch zurückliegen mag. Was aus so einem Menschen werden kann? Nun, wir sehen ihn in Lara, einer Verfechterin kategorischer Lernphilosophien, die abseits jeglicher Anerkennung nichts als gut genug empfindet. Und da steht sie nun, diese Lara, Jahrzehnte später, mutterseelenallein und eigentlich von allen verlassen. Aus gutem Grund. Doch heute, an diesem trostlosen Tag, an dem morgendliche Resignation den Freitod präferiert, wird Lara 60 Jahre alt. Überdies hat ihr Sohn Viktor ein großes Konzert vor sich. Irgendetwas will sie ihrem Sohn noch sagen – ein paar Worte zum Abschied? Was auch immer, es fühlt sich nicht gut an. Es ist so, als würde Lara ein Resümee des Lebens ziehen, in aller sozialen Isolation ihren eigenen, vielleicht letzten Geburtstag feiern. Mit Leuten, die sie nicht kennt und die nichts von ihr wissen wollen, und einem Sohn, der unter dem drastischen Perfektionismus seiner Mutter nur mehr ein Schatten seines Selbstvertrauens geworden ist.

Wieder hat Regisseur Jan Ole-Gerster seinen Schauspieler aus Oh Boy verpflichtet, nämlich Tom Schilling. Der hat aber diesmal nur eine Nebenrolle, denn dieser Film – Lara – gehört ganz und gar Corinna Harfouch, die hier eine ernüchternd-betörende, geradezu ikonographische Altersrolle hinzaubert und nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass nach der versponnenen Berlin-Ballade in Schwarzweiß Jan-Ole Gerster sein Meisterwerk gelungen ist. Wieder ist es eine urbane Ballade, wieder handelt es vom Gerechtwerden der Erwartungen anderer, von der Erwartung an sich, vom Ehrgeiz und vom Leistungsdruck. Diesmal aber ist es Mutter Hopeless, die in der Bitternis ihrer eigenen Unzulänglichkeit gefangen steckt, und zu erkennen lernt, wie sehr ihr eigener Sohn dagegen anzukämpfen weiß. Wie schwach sie selbst ist, und wer sich eigentlich anmaßt, die Leistung und den Traum anderer zu diktieren. Gerster findet in strengen, teils unterkühlten Herbstbildern – darin der rostrote Mantel Harfouchs – und in langen, ruhenden Beobachtungen der Mimik seiner Protagonistin eine komplett neue Hintertür in dieses Dilemma über das fahrlässige Vereiteln eines Lebensplans. Poetisch, wie er auch hier wieder Begegnungen verknüpft und daraus Wahrheiten extrahiert, die in dieser ruhigen, direkt elegischen Komposition von Film sein gebündeltes Echo findet. Thematisch verwandte Erinnerungen an Whiplash werden wach – diesem nicht weniger brillanten Musikfilm über die Brutalität des Ehrgeizes. Oder an den Independent-Streifen The Kindergarten Teacher über das Allgemeingut namens Wunderkind.

Lara ist eine faszinierende, enorm kluge Odyssee durch die Unwägbarkeiten einer Selbstreflexion, die Geschichte eines Neuanfangs oder: ein psychologisch elegant durchdachter, vibrierender Pulsschlag des deutschen Kinos, wie ein wohlgesetztes Forte auf die Tasten eines Konzertflügels.

Lara

La Gomera

DRAUF GEPFIFFEN

4/10

 

lagomera© 2019 Alamode Film

 

LAND: RUMÄNIEN, FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2019

REGIE: CORNELIU PORUMBOIU

CAST: VLAD IVANOV, CATRINEL MARLON, RODICA LAZAR, SABIN TAMBREA, ANTONIO BUÍL, AGUSTI VILLARONGA U. A.

 

Wenn die Spatzen es von den Dächern pfeifen, dann ist alles längst kein Geheimnis mehr. Eine Redewendung, die, wenn man sie genau nimmt, ja gar nicht stimmen kann, denn: verstehen wir, was Spatzen so pfeifen? Natürlich nicht, blöde Frage. Das verstehen nur die Spatzen untereinander. Oder vielleicht die Ureinwohner aus La Gomera, einer relativ grünen Insel der Kanaren, westlich von Nordafrika und ein Teil Spaniens. Dort ist El Silbo sowas wie eine Geheimsprache, gleichzeitig aber auch ein Kulturgut und wirklich eine ziemlich ausgefallene Art und Weise, sind nicht im Klartext unter vier Augen zu unterhalten, auch wenn die Gesprächspartner zur Stoßzeit in der U-Bahn stecken. Diese Sprache hat es nun aus dem Tourismusbüro von La Gomera und aus jedem noch so erdenklichen Reiseführer ins Kino geschafft. In einen Film, der womöglich nicht ganz so viel Geld vom Fremdenverkehrsamt der Insel zugesteckt bekommen hat und, statt die Sonnenseiten des Eilands zu zeigen oder einen pfiffigen Inselkrimi zu präsentieren, ganz auf Schema F in Sachen Drogenkrimi setzt.

Man könnte ja meinen, hier hätte Aki Kaurismäki so seine Finger im Spiel. Hauptdarsteller Vlad Ivanov ist wohl der mit Abstand stoischste Schauspieler, den es gibt. Allerdings ist diese fehlende Mimik nicht Mangel eines schauspielerischen Talents wie bei manch einem B-Movie-Star. Man sieht, Ivanov versucht sichtlich, sich gar nichts anmerken zu lassen. Das ist fast schon grotesk, dieses zomboide Auftreten. Aber gut, es gibt diesem Streifen einen lakonischen Touch, dafür umwuselt ihn eine Femme fatale mit kohlrabenschwarzem Haar und steckt dem Undercoverpolizisten ein Ticket nach La Gomera zu, damit dieser die Pfeifsprache erlernen kann. Wenn er die beherrscht, gehts wieder zurück nach Rumänien, um einen ganz anderen Mittelsmann aus dem Gefängnis zu boxen, der 30 Millionen Euro verschwinden hat lassen. Ein Plot also, der von den Socken haut? Mitnichten. Dieses Hin und Her aus Verrat und Gegenverrat im mafiösen Rauschgiftmilieu ist leider Dutzendware, darüber hinaus ist der Thriller des rumänischen Regisseurs Corneliu Poromboiu unnötig verschwurbelt erzählt. Das Interesse daran ist endenwollend, zumindest bei mir. Und gleichermaßen stellt sich mir die Frage: Warum eigentlich El Silbo, warum diese Pfeifsprache, warum muss dieser stoische Phlegmatiker so ein schwieriges Lautealphabet büffeln? Gibt´s keine verschlüsselten Handys mehr?

Nun, genau das ist das Problem in La Gomera. Diese verschlüsselten Handys gibt es schon, und darüber hinaus auch sonst alles, was der Elektronikmarkt an Überwachungsgadgets zu bieten hat. Poromboiu weiß schon, was er mit seinem Film ausdrücken will. An allen Ecken und Enden beobachten versteckte und weniger versteckte Kameras das Geschehen oder harren Wanzen hinter vier Wänden auf heißen Hörstoff. Da heisst es: zurück zu den Wurzeln, ausweichen auf ein analoges, am besten verbales Medium, das keiner entschlüsseln kann. Eine nette Idee, keine Frage. Doch der Anspruch, hier eine zynische Antwort auf den gläsernen Menschen zu geben, auch wenn dieser durch kriminelle Aktivitäten diese regelrecht heraufbeschwört, bleibt aufgrund des konfusen Plots und trotz einer stimmigen Pointe am Schluss einschläfernd ungehört. Wie ein missglückter Pfiff.

La Gomera

IO

LEBWOHL, ERDE

6,5/10

 

io© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JONATHAN HELPERT

CAST: MARGARET QUALLEY, ANTHONY MACKIE, DANNY HUSTON, TOM PAYNE

 

Nochmals Danke an die Redaktion der deutschsprachigen Kinomagazins cinema für ihre Filmempfehlungen quer durch gefühlt alle Streamingplattformen, mit Gentle Reminders auf der Liste für längst vergessene Filme, die mit der richtigen Stimmung am Abend vor dem TV-Schirm durchaus vereinbar wären. Wie zum Beispiel der postapokalyptische Streifen IO.

Dabei ist IO alles andere als die wutentbrannte oder völlig mit jedweder Resignation ausgestattete Zukunftsvision einer Bestie Mensch, die sich selbst ihr Grab schaufelt. Nein, das ist IO sicher nicht. Dafür aber ein Abgesang. Nicht auf die Menschheit, denn die scheint es sich mehr recht als schlecht gerichtet zu haben, sondern auf unseren Planeten Erde. Und genau das, dieser Abschied, den man partout nicht nehmen will, der stimmt melancholisch, wehmütig. Das kann doch nicht das Ende dieser Jahrtausende währenden fruchtbaren Beziehung sein? Was genau war denn das Problem?

Nun – keine Luft zum Atmen ist zumindest ein driftiger Grund. Aus was für Gründen auch immer hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre grundlegend verändert. Der Film erklärt aber nicht, wodurch. Doch es ist hier nunmal Fakt, und tendenziell räumt Regisseur Jonathan Helpert sogar ein, dass Mutter Gaia vielleicht so etwas wie ein Bewusstsein hat, und irgendwann scheint sie die Nase voll gehabt zu haben. Luftentzug schien wirksam: der Mensch beginnt also, Raumschiffe zu bauen und die Erde zu verlassen. Als Ziel winkt der Jupitermond IO – eine riesige Raumstation umkreist den Himmelskörper im Orbit. Von dort weg soll ins System Proxima Centauri aufgebrochen werden, um erdähnliche Planeten zu finden. So gut wie fast alle haben den Planeten bereits geräumt. Manche harren aus – und suchen in den windtechnisch günstigen letzten Enklaven mit atembarer Luft nach einem Sinn hinter dem Zerwürfnis. Eine davon ist die Tochter eines Wissenschaftlers, gespielt von Margaret Qualley (das Hippiemädchen aus Tarantinos Once upon a Time… in Hollywood, die Brad Pitt schöne Augen macht), die immer noch Tests an Bienen durchführt. Dann schneit ganz plötzlich „Jules Verne“ Anthony Mackie mit seinem Heliumballon vom Himmel – um den Professor für seinen flammenden, aber letztendlich verpeilten Appell, auf der Erde auszuharren, zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei dürfen beide den Start des letzten Shuttles aber nicht verpassen, bevor die Erde endgültig dicht macht.

Nein, bei dem Gedanken, Terra Lebewohl zu sagen, schnürt sich auch bei mir die Kehle zu. Mir geht’s da so wie Margaret Qualley, die eine Chance für einen Neuanfang in all der ganzen Katastrophe sieht, ungefähr so wie das Zombie-Mädchen Matilde aus dem Endzeit-Querdenker The Girl with all the Gifts. Vielleicht steckt ja hinter all dem ein Plan, ein biologisches, selektives Konzept? Sam Walden, so heißt die junge Frau, macht sich so ihre Gedanken, wägt ab was klüger ist – den Planeten zu verlassen oder ihm noch eine Chance zu geben? Gesprochen, überlegt und abgewogen wird hier viel, Spannungskino ist IO keines, hat keine Action und ist weit davon entfernt, Big Drama zu sein. Im Grunde passiert nicht viel, und vielerorts ist man auch nicht unterwegs. Leicht kann es sein, und IO darf sich den Vorwurf eines Langweilers gefallen lassen. Aus meiner Perspektive ist er das nicht. Denn dieser Knackpunkt, dieses Sich-Ausmalens, den Blauen Planeten zu den Akten zu legen, ist alles, was der schwermütige, stille Science-Fiction-Film beim Namen nennen will. Er spinnt daraus die letzte Strophe eines Farewell-Songs, oder anders gesagt fühlt sich IO an wie der letzte hallende Ruf zurück in die leere Wohnung der eigenen Kindheit. Der Mensch scheint erst jetzt, nachdem alles vorüber scheint, erwachsen geworden zu sein.

IO

Der Leuchtturm

KEIN PLATZ AN NEPTUNS TAFEL

6,5/10

 

derleuchtturm© 2019 Universal Pictures International

 

LAND: USA 2019

REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: WILLEM DAFORE, ROBERT PATTINSON, VALERIIA KARAMAN U. A. 

 

„Los gehen wir“ – „Wir können nicht.“ – „Warum?“ – „Wir warten auf Godot“. Zwei Seelen im Nirgendwo. Die eine dominant, die andere devot, irgendwann kommt noch ein namenloser Dritter, der sich wie ein Hund aufführt. Machtspiele auf engstem Raum, Suizidgedanken, nahe am Wahnsinn angesichts all der Sinnlosigkeit, die nur beendet werden kann, wenn der eine, dieser Godot, sich derer erbarmt, die auf ihn warten. Samuel Beckett hat seinen Klassiker, wie es scheint, als Allegorie auf die menschliche Existenz entworfen – zugegeben hat er das nie. Die Frage nach dem Zweck seiner Stücke blieb unkommentiert. Dabei macht gerade dieses Werk besonders Sinn – weil es die Episode unseres Daseins so gnadenlos verzerrt. Robert Eggers hat das mit seinem Inselkrieg in Schwarzweiß ungefähr ähnlich betrachtet. Ganz genau weiß ich das natürlich nicht, überhaupt blieben nach Sichtung von Der Leuchtturm manche Fragen offen. Was genau, und das haben sich, so vermute ich, auch andere Seher gedacht, hat dieses durchaus auffällige und gegen den Strom treibende Werk eigentlich zu bedeuten? Aller Zugang fällt schwer, man vergleicht mit bereits Gesehenem, das Grübeln über jedes Detail lässt sich nicht so schnell einstellen.

Für dieses surreale Theater eignet sich nichts besser als ein Eiland im Nirgendwo, umgeben von den unberechenbaren Launen des Meeres. In der Mitte ein Leuchtturm, mit dem Allerheiligsten ganz obendrauf, dem Licht, der Erleuchtung. Zwei Männer – wie bei Beckett: der eine dominant, der andere anfangs devot. Dem einen gehört das Licht, dem anderen die Drecksarbeit. Wie lange kann das gut gehen? Nun ja, es sind vier Wochen, das kann man schaffen. Doch nicht, wenn die Mythologie der Meere auch noch ein Wörtchen mitzureden hat, vor allem dann, wenn der eine – Ephraim – sich an den Seelen toter Seebären vergreift. Von da an tönt das Nebelhorn zum Endspiel. Ein Sturm zieht auf, Realität und Fiktion verschwimmen, das Dasein wird zur Belastungsprobe.

Mehr Plot gibt es nicht, in diesem Mikrokosmos des Kommens, Bleibens und Gehens. Robert Eggers macht aus dieser Allegorie einen wuchtigen, wenn auch in lahmen Leerläufen keuchenden Schreckensreigen, der von ganz klein auf anfängt, und der in arglos sittsamer Orientierung seinen Anfang nimmt, bevor Macht, Gier, Sünde und die Suche nach der Wahrheit zur Geißel werden. Da eignet sich besonders Schwarzweiß, und Eggers hat was ganz Spezielles probiert: so zu filmen, wie seinerzeit die alten Meister  – Murnau, Lang, Wegener, Wiene. In 4:3, analog und in expressionistischem Hell/Dunkel, das vorwiegend in der Hütte unter dem Licht der Petroleumlampe geisterhaft gut zur Geltung kommt. Der Leuchtturm ist ein entrücktes Stück Kino, eine Kopfgeburt und artifizielle Spielerei. Mit Willem Dafoe als Inkarnation aus Iglo-Seebär und Meeresgott Neptun hat er den ungekrönten König der Insel auf der einen Seite gefunden, auf der anderen Seite den argwöhnischen, sich duckenden, durchaus psychopathischen Robert Pattinson, der diesmal so richtig aus sich herausgeht, bis zum Exzess und viel weiter. Beide schenken sich nichts, da ist das Warten auf Godot lieber als das Warten auf das Nachlassen des Sturms. Doch der formlose Leviathan, die Welt der Toten und der vereitelnden Ankläger für welche Sünde auch immer, brechen auf diesen Felsen herein, pflügen die Erde um, lassen Wasser fließen und Blut vergießen. Über allem das gleißende Licht des Leuchtturms. Eine verheißungsvolle Wahrheit, die den Tod bringt, sich maximal posthum erschließt oder im Todeskampf. Ein ernüchterndes Zeugnis, das Eggers hier ausstellt: Der Mensch als geblendeter Sünder, der das Legendenhafte verlacht. Ist Eggers so gelagert? Glaubt er an das Paranormale, Transzendente? Ein Däniken des Kinos? Oder eher Lovecraft?

Was bleibt, ist eine nihilistische Sperrigkeit und das Auskosten eines Wahns, ähnlich wie in Roman Polanskis Psychohorror Ekel oder Der Mieter.  Während bei Polanski die Heimgesuchten schuldlos in den Untergang steuern, und bei Beckett naive Clowns bis in alle Ewigkeit ausharren, streunt in Eggers Film der Mensch als Sünder um den Leuchtturm herum. Die Gültigkeit dessen aber, was man sieht, wird zur Gänze zum Seemansgarn. Kein leichtes Stück Kino also – manisch egozentrisch, panisch und affektiert. Eine Filmerfahrung, das schon – für Liebhaber des schauerlich Abnormalen und für alle Philosophen der Leinwand, die Hochprozentiges gewohnt sind.

Der Leuchtturm

Shaun das Schaf – Der Film: UFO-Alarm

DIE WOLLE IST IRGENDWO DA DRAUSSEN

8/10

 

Mit LU-LA entdeckt Shaun die Welt mit neuen Augen!© 2019 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: RICHARD PHELAN, WILL BECHER

MIT DEN STIMMEN VON: JUSTIN FLETCHER, JOHN SPARKES, KATE HARBOUR U. A.

 

Ach, wie unkreativ diese deutschen Übersetzungen manchmal sind. Ufo-Alarm – ich bitte schön. Im Original hat sich das Aardman-Studio zu einer herrlichen Verballhornung eines mittlerweile als Endzeit-Trash in die Filmgeschichte eingegangenen Klassikers hinreissen lassen – zu Farmageddon. Was für ein süffisantes Wortspiel und ein gelungener Start ins Sequel zum Kino-Einstand des wortlosen Superschafs Shaun, das längst schon Serienkult genießt und mittlerweile neben Wallace & Gromit zum Steckenpferd besagter Studios geworden ist. Mit Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarm (ich bleib jetzt mal dabei) haben sich die kreativen Ausdauer-Plastininkneter einen großen Gefallen getan: ihr Film ist ein enorm liebenswerter Slapstick-Hit, der das Original noch weit in den Mondschatten stellt und wirklich jedes Stop-Motion-Herz zu erfreuen weiß, das überdies noch für Science-Fiction schlägt, denn ich weiß gar nicht mehr, wann ich bei all den Querverweisen zum Genrekino aufgehört habe zu zählen.

Die Welt geht auf der Mossy Bottom Farm zum Glück für alle Vier-, Zwei- oder Garnichtbeiner natürlich doch nicht unter, und das ganz ohne Bruce Willis, dafür aber unterbricht den strengen Alltag unter der verbotswütigen Aufsicht des Hirtenhundes Bitzer das Auftauchen eines sonderbaren Wesens, das auf Pizza und kurze Zeit später den Schafen im Weg steht. Ganz klar, das ist eine unheimliche Begegnung der dritten Art, und das Raumschiff des versehentlich auf der Erde gelandeten Alienmädchens LU-LA (weniger ist mehr – in ihrer Schlichtheit einfach entzückend) ist ebenfalls nicht unentdeckt geblieben. Agentin Red, die ganz fest daran glaubt, dass die Wahrheit irgendwo da draußen liegt, lässt nichts unversucht, ihren Begriff von Willkommenskultur ganz anders auszulegen. Die Medien tun ihr Übriges – verbreiten das wahre Gerücht in allen Zeitungen, und der ebenfalls maximal nur murmelnde und fehlsichtige Farmer wittert hier ein großes Geschäft. Ein Freizeitpark soll entstehen, mit dem Namen Farmageddon – und das nur, um sich einen neuen Mähdrescher zu finanzieren. Alle rund um das Städtchen Mossingham sind also aus dem Häuschen – und die Kunst der Knete erreicht ein neues Level an Warpgeschwindigkeit.

Dabei behält der Film trotz all der Turbulenz und der bis zum manchmal sichtbaren Fingerabdruck penibel ausgearbeiteten Slapstick-Szenen eine ungewohnt entschleunigte Gelassenheit. Das liegt vielleicht am Verzicht von Sprache, an der begrenzten Geschwindigkeit der Stop-Motion-Technik. Und an der Verwendung analoger Bausteine, die, bis auf ein paar wenige Ausnahmen, dem Abenteuer diesen unvergleichlichen Charme eines mit Fingerspitzengefühl arrangierten Atelierwunders verleihen. Sowas wirkt wie aus der Zeit gefallen, aber genau dieser anachronistische Ansatz und das Gegenwirken zum digitalen Overkill wie zum Beispiel bei Familie Willoughby garantiert auch das Gewahrwerdens der vielen Details, die nicht nur die Kids als Zielgruppe gewinnen, sondern auch den Rest der Familie – uns Erwachsene. Von Kubricks 2001 über Spielbergs Unheimlicher Begegnung der dritten Art bis hin zu Akte X fühlen sich Schaf und Co mit all ihren Insider-Anspielungen, die der Nachwuchs gar nicht zu checken braucht, weil der Film auch so funktioniert, der Weltraum-Popkultur wie Brüder im Geiste. Dabei reagieren Mensch und Tier in ihrem bescheidenen Anspruch an einen zerstreuungsfreudigen Sonntag am Land auf diese unerklärlichen Phänomene sehr pragmatisch, und gerade diese lakonische Lässigkeit ist einfach über alle Bildkader hinweg einfach nur liebenswert.

Shaun das Schaf – Der Film: UFO-Alarm